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3.2.2020

Kolomna und die russisch-orthodoxe Kirche

Eine russisch-orthodoxe Kirche in Kolomna. (© picture-alliance, imageBROKER)


Etwa hundert Kilometer südlich von Moskau liegt die Stadt Kolomna, eine der ältesten Städte des Moskauer Umlands. Von der Hauptstadt aus fährt man etwa zwei Stunden mit der S-Bahn hierher – und nach all den lauten, turbulenten Eindrücken aus der 12-Millionen-Metropole, tut es gut in die stille, ja mystische Atmosphäre dieser kleineren Stadt einzutauchen. An die Hundert russisch-orthodoxe Kirchen mit prächtigen Türmen, goldenen Kuppeln und gepflegten Klosteranlagen reihen sich hier zu einem beeindruckenden spirituellen Ensemble. Obwohl es schon dunkelt, als die Reisegruppe von einer Stadtführerin durch den Ort geführt wird, wird so etwas wie Andacht spürbar. Kolomna, so erklärt die Stadtführerin, "ist das geistliche Zentrum der Region Moskau".

Nach dem Ende der Sowjetunion, "in der der Atheismus Staatsreligion war", so die Stadtführerin, sei das religiöse Leben in Russland wieder aufgeblüht: "Viele jüngere Leute haben sich bekehrt". 75 Prozent der Einwohner bekennen sich inzwischen wieder zum russisch-orthodoxen Glauben und – anders als etwa in Teilen der DDR – scheint die Religiosität der Menschen hier nie wirklich abgestorben, sondern im Geheimen und Privaten überlebt zu haben.

Inzwischen ist die russische Kirche eine Staatskirche, ihre Gebäude und Gehälter werden vom Staat finanziert. Der christliche Glaube kann jetzt wieder offen und unbehelligt praktiziert werden.

In politischer Hinsicht aber, das erfährt die Gruppe dann am Abend, ist die russisch-orthodoxe Kirche gleichgeschaltet. Zwei Umweltaktivisten aus Kolomna, Valentin Solokow und Vyacheslaw Egerov, berichten, dass auch ein Mönch sich an ihren Protesten gegen die Mülltransporte beteiligt hat, die den Abfall aus der Moskauer Region tausend Kilometer entfernt im Norden des Landes abkippen sollen. Der Mönch habe sich den Mülltransportern in vollem Ornat entgegengestellt. Doch dieser Mann sei inzwischen suspendiert worden und dürfe keine Gottesdienste mehr halten. Ähnliches erfahren die Reisenden später auch aus Moskau. Während der Massenproteste gegen die Ablehnung unabhängiger Kandidaten bei der Kommunalwahl im September 2019 habe ein Geistlicher dort seine Kirche geöffnet, um den Demonstranten Schutz vor den Wasserwerfern und Wurfgeschossen der Polizei zu bieten. Auch er, so hört man, wurde von seiner Kirche abgesetzt.

Im persönlichen Kontakt, so erzählen Solokov und Egerow, die wegen ihrer kritischen Umweltaktivitäten verfolgt werden und von Haftstrafen bedroht sind, stünden manche Geistliche durchaus hinter ihnen. In der Öffentlichkeit aber erfahren sie von der Kirche keinen Schutz: "Die Priester haben Angst." Allenfalls sagen sie beide mit leisem Seufzen, "kann die Kirche etwas für deine Seele tun. Und für dich beten."

Nach diesem Gespräch hat die spirituelle Ausstrahlung dieses geistlichen Zentrums für die Reisenden aus Deutschland deutlich nachgelassen. Denn was nützt die schönste Kirche, wenn sie nur den Herrschenden dient und verfolgten Gläubigen keinen Schutz bietet?

Eva-Maria Lerch

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