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1.10.2009

"Angemessen heftig und hörbar mehr als sonst"

Mit dem 27. September, dem Tag der Bundestagswahl in Deutschland, ging auch das "Superwahljahr 2009" zu Ende. Ein ungewöhnlich "wortreiches" Jahr für viele Radiomacher, die stets den richtigen Spagat zwischen ausreichender Information und umfassender Unterhaltung finden müssen. Ob ihnen das - auch zur eigenen Zufriedenheit - gelungen ist? Hoerfunker.de hat bei einigen Radiomachern nachgefragt.

Der 27. September war nicht nur Tag der Bundestagswahl in Deutschland. An diesem Sonntag ging auch der Marathon im "Superwahljahr 2009" zu Ende. Ein ungewöhnlich "wortreiches" Jahr für viele Radiomacher, die stets den richtigen Spagat zwischen ausreichender Information und umfassender Unterhaltung finden müssen. Ob ihnen das - auch zur eigenen Zufriedenheit - gelungen ist? Hoerfunker.de hat bei einigen Radiomachern nachgefragt.


"Natürlich ist es kein Geheimnis, dass gute Einschaltquoten im Radio eher durch Musik als durch viel Wort erreicht werden", sagt

Ina Tenz, Programmdirektorin von radio ffn

in Niedersachsen. Und trotzdem lag es ihr sehr am Herzen, ein gemeinsam mit den Kollegen von radio NRW entwickeltes Konzept von umfangreichen Sondersendungen zu verwirklichen, das von rund 30 Privatsendern fast zeitgleich ausgestrahlt wurde. "Das Finale im Radio", in dem jeweils halbstündige Interviews mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Frank Walter Steinmeier in voller Länge gesendet wurden, verfolgten schließlich rund 25 Millionen Hörer zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen. "Wir wollten damit auch die Relevanz der Privatsender für die politische Meinungsbildung in Deutschland unter Beweis stellen", sagt Ina Tenz. "Es reicht doch nicht, nur gebetsmühlenartig zu fordern: 'Geht wählen!' - Wir müssen unseren Hörern auch Fakten an die Hand geben, damit sie in der Kabine eine fundierte Wahlentscheidung treffen können."

Eine weitere Aktion, auf die die Programmchefin stolz verweist, ist das Projekt "Wahlbeteiligung". Drei Wochen vor der Wahl strahlte der Sender stündlich Wahlspots von Jungwählern unter dem Motto "Meine 1. Wahl" aus, die stets mit dem Satz endeten: "Geh zur Wahl". "Scheint fast so, als hätten unsere Hörer das beherzigt", schmunzelt die Radiomacherin, "immerhin lag in Niedersachsen die Wahlbeteiligung mit 73,7 Prozent deutlich über dem Bundesdurchschnitt von 70,8 Prozent."

Auch über den Wahltag selbst ist Ina Tenz mit sich und ihrer Radio-Mannschaft sehr zufrieden. Schon um 10 Uhr ging's los mit dem satirischen Frühstyxradio-Spezial zur Bundestagswahl. ffn präsentierte die "ersten Zahlen und letzten Meinungen" exklusiv aus dem imaginären Dorf "Plattengülle" im Emsland, das jeder ffn-Hörer kennt. Bis 13 Uhr gaben "Pavian Meyer zu Brochterbeck" und "Erwin Höhnefeld" alias "Günter, der Treckerfahrer" erste Einblicke in ein nur "begrenzt repräsentatives Stimmungsbild". Manchmal kann der Spaß aber auch nach hinten losgehen. So wie beim Crazyphone, dem "verrückten Telefon" des Senders: "Sie können an der Wahl nicht teilnehmen, weil Ihre Wahlbenachrichtigung ungültig ist." - Nicht jeder kann über die Spaßmacher aus dem Radio lachen. Obwohl schließlich alles aufgeklärt wurde, gab's trotzdem eine Hörerbeschwerde. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft Hannover, ob ein Anfangsverdacht auf Wahltäuschung durch den Sender vorliegen könnte.

Ab 13 Uhr am Wahlsonntag wurde es dann wieder Ernst auf radio ffn mit dem "Wahl-Spezial". Aus den Regionalstudios wurden erste Trends zur Wahlbeteiligung in Niedersachsen und Wählerumfragen gesendet. Martin Brüning, Nachrichtenkoordinator des Senders, war der Mann vor Ort in Berlin, der sich im Laufe des Abends von jeder wichtigen Wahlparty aus der Hauptstadt live ins Programm meldete. Denn ab 18 Uhr, so wie nahezu bei jedem Radiosender in Deutschland, beherrschten Hochrechnungen, Ergebnisse, Stimmen von Bürgern, Politikern und Experten das Programm. "Solche Stunden", sagt Ina Tenz, "sind Glanzpunkte im Programm jedes Radiosenders. Hier können wir unsere aktuelle Stärke beweisen. Wir haben von vielen kleinen und großen Wahlpartys in Niedersachsen berichtet. Immer wieder haben wir die Ergebnisse der Bundestagswahl mit ihren Auswirkungen auf Niedersachsen beleuchtet." Stolz ist die Programmchefin, dass ihr Sender am Morgen nach der Wahl ein Exklusivinterview mit Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU) im Programm hatte.

Die Einschätzung, der Wahlkampf sei langweilig und schleppend gewesen, kann Ina Tenz nur bedingt nachvollziehen. "Es liegt auch an uns, was daraus zu machen. Und das haben wir versucht durch Spaßelemente wie das Frühstyxradio und durch ganz schnelle und aktuelle Information."


"Die politische Ausrichtung unseres Radioprogramms war so hoch wie noch nie", sagt auch

Marco Kamphaus von der Landeswelle Thüringen

. Seit April des Jahres ist er Redaktionsleiter bei dem Sender aus Erfurt. Marco Kamphaus nimmt die Wähler in Thüringen ein wenig in Schutz, wenn man sich jetzt über die geringe Wahlbeteiligung besonders in den neuen Bundesländern beklagt: "Die 'Wahlflut' hat uns in Thüringen voll getroffen: erst die Europa- und Kommunalwahlen, dann die spannende Landtagswahl und schließlich die Wahl zum neuen Bundestag." Schon zur Landtagswahl am 30. August hat der Sender nach seinen Worten "alles gegeben". "Die ganze Palette wurde durchgespielt", sagt Kamphaus, "alle Spitzenkandidaten vorgestellt, das Wahlprozedere und die 'Basics' erklärt." Damit's nicht immer nur bierernst zugeht, haben die Ehefrauen der Thüringer Spitzenkandidaten für den Kampf um die besten Plätze im Landtag sogar Kuchen gebacken. "Die Idee haben wir einer Zeitung aus Amerika abgeschaut", lacht der Redaktionsleiter, "dort durften die Leser abstimmen, welche Politikerehefrau das beste Kuchenrezept verrät. Gewonnen hat schließlich Mitslal Matschie, die Ehefrau von SPD-Spitzenkandidat Christoph Matschie.

Nach der Wahl ist vor der Wahl - das galt in diesem Falle besonders für Thüringen. In den verbleibenden Wochen zwischen Landtagswahl und Bundestagswahl hat der Sender aus Erfurt die Aktion "Landeswelle Wahlhelfer" gestartet. Wahlspots mit dem Inhalt "Was wünschen Sie sich von der neuen Regierung, was soll besser werden?" von gesellschaftlich relevanten Institutionen wie Kirche, Handwerkskammer und Dachverbänden wurden mehrmals täglich ausgestrahlt. Gesucht wurde auch das ausgefallenste Wahlgeschenk. Was ist dem Radiomann da am meisten in Erinnerung geblieben? "Vielleicht die roten Fahrradsattelüberzüge der Jusos", lacht Marco Kamphaus, "mit der Aufschrift 'Studiengebühren sind für'n Arsch'."

Jetzt ist der Redaktionsleiter aus Erfurt erst mal froh, dass alles vorbei ist, denn so viele wichtige Wahlen bringen ja auch den Moderationsplan ganz schön durcheinander. Die Wahlsendung zwischen 18 und 21 Uhr am Sonntag bei der Landeswelle moderierte nämlich der wichtigste Moderator im Sender, Bastian Bender vom Landeswelle Morgenteam.


Am Sonntag um 18 Uhr ging auch

Wolfgang Grossmann bei SWR 1

in Mainz mit einem Wahlspezial auf Sendung. Vor der Wahl hatten die öffentlich-rechtlichen Radiomacher halbstündige Interviews mit den Spitzenkandidaten aus Rheinland-Pfalz ausgestrahlt. Zudem wurden Promi-O-Töne eingesetzt, um die Wahlsendung am Sonntag zu bewerben. Faktenchecks, Koalitionschecks, Wahlwissen, Wahlclips - die ganze Palette der politischen Berichterstattung hatte der Sender in den Tagen und Wochen zuvor im Programm.

Wolfgang Grossmann ist leitender Redakteur und politischer Korrespondent von SWR 1 - Rheinland-Pfalz. Ob Wahlen in den Kommunal-, Landtags-, Bundestags- oder Europawahlen, seit Jahren ist der Moderator bei Wahlsendungen von SWR 1 am Mikrofon. Reichlich Erfahrung mit politischen Themen und im Umgang mit Politikern hat er zuvor bereits als Hauptstadtkorrespondent in Bonn und Berlin gesammelt.

Während der Wahlsendungen wird er im Studio von zwei Redakteurskollegen und einem Techniker unterstützt. Eine Woche hatte sich Grossmann auf die Sondersendung am 27. September vorbereitet. Auch wenn nichts endgültig planbar ist, weil jede "Schalte" sich aus aktuellem Anlass verschieben kann, so hat er doch ein strukturiertes Konzept mit Ablaufplan und Zeitfenstern während der Sendung vor sich liegen: SWR-Kollegen aus Mainz, Baden-Baden und Stuttgart verstärkten das Hauptstadtstudio, meldeten sich live von jeder Wahlparty ins Programm. In Koblenz wurde am Wahlsonntag neben dem Bundestag per Direktwahl auch noch ein neuer Oberbürgermeister bestimmt. Zwischen 18 und 22 Uhr schaltete Grossmann halbstündlich in Parteizentralen und ins Hauptstadtstudio. Dann kamen Landespolitiker zu Wort und er führte Hintergrundgespräche mit Nachrichtenkollegen zur Einschätzung der jeweils aktuellen Lage. Alles live. Das verlangt höchste Konzentration, volle Anspannung. "Lesen, Schreiben, Gucken, Moderieren. Schalten nach Koblenz, Berlin und zur Korrespondentenkette", Grossmann ist froh, dass ihn ein Techniker bei der Arbeit unterstützte.

Ist es nun die 4. oder 5. Bundestagswahlsendung, die er für den SWR moderierte? Grossmann kann die Frage spontan nicht beantworten. Die spannendste Wahlsendung fand für ihn vor vier Jahren statt, als die Wahlsiegerin Angela Merkel bis nach Mitternacht "zittern" musste. An diesem Wahlsonntag war für die SWR-1-Mannschaft um 22 Uhr Schluss. Nach der ersten Hochrechnung stand das Ergebnis bereits fest.

Trotzdem fand Grossmann den Wahlkampf alles andere als langweilig, auch wenn das große "Aufregerthema" vielleicht fehlte. Hörbar mehr Distanz hätte er sich von den Journalisten gewünscht und zielt damit auch auf die Fernsehkollegen, von denen er mehr Tiefe im "Kanzlerduell" zwei Wochen vor der Wahl erwartet hätte. "Journalisten neigen zur Zuspitzung und schreiben voneinander ab", kritisiert Grossmann, "plötzlich redet der Mainstream vom 'Valium-Wahlkampf' und fehlenden Positionierungen." Unfair findet das Grossmann und bezweifelt, ob so mancher Kollege die Parteiprogramme tatsächlich gelesen habe. Seinen persönlichen Eindruck zur Wahl im Radio 2009 will er nur aus öffentlich-rechtlicher Sicht beantworten: "Angemessen heftig - sogar in den populären Programmen der Service- und Jugendwellen. Hörbar mehr als sonst."

von Inge Seibel-Müller

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