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8.10.2010

Kreuzfahrten, eine gefesselte Schwiegermutter und Zahnbürsten ein Leben lang

Action, bitte! Radiosender müssen sich viel einfallen lassen, um aufzufallen. Auffallen aber ist wichtig, damit die Hörer sich an die Radiostation erinnern, wenn sie zufällig bei der Erhebung der Reichweitendaten (ma Radio) befragt werden. Auch Kreuzfahrten, eine gefesselte Schwiegermutter und Zahnbürsten sind offenbar probate Mittel, um Radiohörer zu begeistern.

Originelle Aktionen und Events sind wichtige Instrumente zur Hörerbindung. Interaktivität und Verknüpfung mit sozialen Netzwerken liegen im Trend – Best-Practice-Beispiele

13. Oktober 2010. - Synchron-Grillen mit Gourmet-Köchen, Erlebnistrips mit Stars, die Welt in 72 Stunden besser machen: große Aufgaben. Großes Geld hingegen gibt es bei den SWR3-Aktionen nicht zu gewinnen. Das lasse sich nicht mit dem Modell der Gebührenfinanzierung der öffentlich-rechtlichen Sender vereinbaren, sagt SWR3-Programmchef Thomas Jung und münzt diesen scheinbaren Nachteil in eine enorme Kreativität bei der Hörerbeteiligung um. Welche Bandbreite die Gewinnspiele in seinem Programm bieten, zeigen die jüngsten Aktionen des Senders.

Grillpartys weltweit mit dem Lieblingsradio

Bei der SWR3-Grillparty schwingt Sternekoch Johann Lafer die Grillzange und lädt einen Promi zum Duett an der Holzkohle ein - etwa Jürgen Drews oder Sven Ottke. Das Ganze crossmedial: "Wir beziehen das Internet und die sozialen Netzwerke, swr3.de und die Community mit ein", erklärt Jung. Die Menü-Zutatenliste steht im Netz, die Zubereitung kann das Publikum bei einem TV-Live-Stream im Web verfolgen und synchron mitgrillen. Die Interaktion ist laut Jung groß: Rund 6.000 Grillgruppen haben sich registriert und sind auf der ganzen Welt, von Singapur bis London, live dabei, machen Fotos von ihrer Grillparty und veröffentlichen sie online.

Erlebnistrips mit Stars

Promis kommen auch bei den "Erlebnistrips mit Stars" ins Spiel. Im Frühling 2010 konnten 20 SWR3-Gewinner mit Udo Lindenberg auf Kreuzfahrt gehen, auch durch die Finanzierung eines Kooperationspartners. Eine Begleitung anderer Art erregte Aufmerksamkeit: Bei "1 Moderatorin. 24 Städte. 100.000-Elche" besuchten die Morningshow-Moderatorin Anneta Politi und ihre Crew 24 Städte in einem Monat und verteilten 100.000 Elch-Maskottchen. Der Reisebericht erfolgte auf einer eigenen Website mir Neuigkeiten von der "Elch-Cam", Bildergalerien, Videos und einem Blog.

Aktionsradio

"Bei '72 Stunden ohne Kompromiss' werden wir zum Aktionsradio", sagt Jung. Hier steht die Aufgabe für die Hörer im Mittelpunkt. Bei der Aktion des Bundes der deutschen katholischen Jugend (BDKJ) lösen Jugendliche in Aktionsgruppen eine gemeinnützige soziale, ökologische, interkulturelle oder politische Aufgabe innerhalb von 72 Stunden. Wie zum Beispiel diese: In Trier wurde eine Telefonzelle für ein Asylbewerberheim gebraucht, die allerdings nur in Konstanz zur Verfügung gestellt werden konnte. Über das Radio suchte man jemanden, der den Transport übernahm. "Wir hatten noch nie so viele Presseabdrucke. Das ist aber nur ein Teil, denn wir wissen, dass das Internet viel wichtiger ist", so Jung.

Interaktiv - aber nicht zuviel

Interaktivität spielt im Radio eine zunehmend wichtige Rolle - für Private und Öffentlich-Rechtliche. Doch Höreraktionen sollten nicht ausufern: Die SWR3-Marktforschung hat ermittelt, dass Aktionen, die über viele Wochen bespielt werden, beim Publikum nicht ankommen, weil die Zeitspanne einfach zu lang ist, die Hörer fühlen sich genervt. Für SWR3-Wellenchef Thomas Jung bedeutet das: "Wir machen keine Aktion mehr länger als zwei oder maximal drei Wochen insgesamt - mit Ankündigung und Bewerbung der Aktion im Programm." Neben der Marktforschung behält Jung auch die Konkurrenz im Auge. "Wir analysieren ständig, was die Konkurrenz macht, wie sie in Social Networks unterwegs ist. Aber wir klauen nicht, wir haben unseren eigenen Plan", sagt Thomas Jung.

WDR5: anders und originell

Anders sein und originell - das steht auch im Mittelpunkt der WDR-Höreraktionen, so WDR5-Programmchef Florian Quecke. Und das auf allen Wellen: Während bei "1LIVE Dein Leben lang" die Hörer eine Lebensration Bücher, Jeans, Kondome oder Zahnbürsten gewinnen konnten, wenn sie sich den ungewöhnlichen Fragen der Moderatoren stellten, verschenkt WDR2 sich gleich selbst für ein Wochenende an eine Stadt. Unter dem Titel "Für eine Stadt" werden Konzerte, Kabarett, Kochshow, Korrespondenten-Schaltungen live in einer Stadt präsentiert. Mit der "Hausparty" richtet der WDR2 an einem besonderen Ort eine echte Wohnung "partybereit" ein. Und "Herr Meier ermittelt" schließlich die außergewöhnlichen Fragen, die Hörer auf der Internetseite von WDR2 gestellt haben: Wer brachte die erste Kiwi in den deutschen Handel? Wer wohnt heute in den Räumen der Kommune 1?

Fast täglich ein Event

Bei "WDR 5 liest vor" sind die Sprecher in ganz Nordrhein-Westfalen unterwegs. Hörer schlagen Bücher vor, die an ungewöhnlichen Orten gelesen werden: im Pferdestall, im Gewächshaus, in der Autowerkstatt oder auf der Baustelle. "Unsere Strategie bei WRD5 sind kleine Aktionen und Events - dafür aber viele", sagt Quecke. Im Jahr gebe es etwa 300 öffentliche Veranstaltungen - von 'Hallo Ü-Wagen' über die Funkhausgespräche bis zu Kinderaktionen -, die "eher inhaltlich ausgerichtet sind". So gibt es derzeit den Thementag "Raus aus der Pleite - wer rettet meine Stadt?" Dafür sucht der WDR ungewöhnliche Ideen und Initiativen von Kommunen und Bürgern, die Alternativen zu den üblichen Streichungen gefunden haben. Die besten Ideen werden im WDR-Fernsehen und in der WDR5-Sendung "Westblick" präsentiert - darüber abstimmen kann das Publikum im Internet.

Früh ans Radio binden

Daneben gibt es bei WDR 5 Kinderliederwettbewerbe und einen Rechenpreis sowie Aktionen mit wissenschaftlichen Partnern. "Sehr aufwändige Aktionen sind 'Lilipuz macht Schule' und 'Bärenbude Klassenzauber'. Sie müssen stark vorbreitet werden und wir brauchen eine große Mannschaft für die Produktion", sagt Quecke. Das Prinzip von Lilipuz: Der Sender besucht die Kinder in der Schule, wo sie selbst Nachrichten produzieren, die später on air gehen. Die Bärenbude bringt direkt vor Ort in Kindergarten und Grundschule das Hören und Zuhören nahe. "Rund 10.000 Kinder werden im Jahr erreicht. Und ein halbes Jahr, nachdem das Team sie besucht hat, hören noch 50 Prozent der Mädchen und Jungen die beiden Kinderprogramme", sagt der WRD5-Wellenchef.

"Stunts" gibt's auch im Radio

Spektakulär und aufregend sollen die Gewinnspiele in Niedersachsen sein. Ina Tenz, Programmchefin bei radio ffn setzt auf so genannte "Stunts" - wie zum Beispiel das Spiel "Gefesselt an die angehende Schwiegermutter" oder die neue Hochzeitsaktion "Die Braut, die sich was traut - ohne Geld ans Ende der Welt". "Wir gehen Gewinnspiele strategisch an - sie erhöhen die Aufmerksamkeit und den Marktanteil", sagt Ina Tenz. "Unser Plan ist es nicht, Gewinne zu erzielen, wir arbeiten mit Hotlines, schütten das Geld aber wieder aus", so die ffn-Chefin. Bei den Höreraktionen arbeite das Team mit Kontinuität und Kreativität.

Gleichberechtigung für "Moin" und "Servus"

Ein Beispiel einer (kostenlosen) Unterschriften-Aktion: Die Idee: der norddeutsche Gruß "Moin" sollte in der Rechtschreibprüfung des Microsoft Office-Pakets nicht mehr als Fehler gekennzeichnet sein. "Microsoft hatte unser Anliegen erst abgelehnt und gesagt, 'Moin' sei ein Dialekt", so Tenz. Das wollten die Niedersachsen so nicht hinnehmen, schließlich werde das bayerische "Servus" auch nicht als Fehler angezeigt. Eine Woche lang feuerte ffn aus allen Rohren - sogar der damalige Ministerpräsident Christian Wulff machte mit - und appellierte an das Heimatgefühl der Hörer - mit Erfolg: 20.000 Unterschriften kamen zusammen und der Software-Riese will das "Moin" in Zukunft nicht mehr als Fehler anzeigen.

Von Anke Vehmeier

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