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30.5.2009

Medienflüsterer und Wahlanalytiker

Das Superwahljahr 2009 im Radio

Beim bpb-Radioworkshop "So tickt die Wahl" Ende Mai in Köln gingen Hörfunkjournalisten auf intensive Tuchfühlung mit Medien-Strategen und Wahlanalytikern. Nach zwei Tagen, vollgepackt mit wertvollen Informationen, kehren die Teilnehmer mit frischen Ideen und hintergründigem Wissen zurück in ihre Funkhäuser.

Beim bpb-Radioworkshop "So tickt die Wahl" Ende Mai in Köln gingen Hörfunkjournalisten auf intensive Tuchfühlung mit Medien-Strategen und Wahlanalytikern. Nach zwei Tagen, vollgepackt mit wertvollen Informationen, kehren die Teilnehmer mit frischen Ideen und hintergründigem Wissen zurück in ihre Funkhäuser.

Klar kennt er "Wag the dog", den charmant satirischen Hollywood-Streifen über Manipulation und mediale Strategen eines US-Wahlkampfs. "Aber der Vergleich ist zu viel der Ehre", wiegelt Rudi Hoogvliet auf den langen Fluren des Tagungshotels mit einem Lächeln ab. Seit Mitte der 80er Jahre engagiert sich Hoogvliet bei den Grünen, fühlt sich seit langem heimisch im baden-württembergischen Landtag. Wann immer ein wichtiger Wahlkampf bevorsteht, packt der Mann seine Sachen. Dann wird der Referent für Öffentlichkeitsarbeit freigestellt in Stuttgart. Und eingeflogen in Berlin. 2002 war das schon so, 2005, und jetzt im Superwahljahr 2009. Als grüner Wahlkampfmanager, als Chefstratege, als Medienflüsterer. "Ich geh' dann auch immer wieder - nach der Wahl. Zurück nach Stuttgart. Ich brauche diese Distanz für meine Arbeit", sagt er.

Rudi Hoogvliet ist Wahlkampfstratege der Grünen. Foto: rr/bpb (© Robert Reick/bpb )


Nun steht Hoogvliet lässig dozierend vor den 24 Hörfunk-Journalisten des bpb-Intensivworkshops "So tickt die Wahl" in Köln, schlenkert mit seiner Brille und plaudert ungeniert aus dem Nähkästchen. Lässt sich von neugierigen Medienmachern in die Karten gucken. Und natürlich: Die "Sache mit dem 'WUMS!'" muss er erklären. Das ist die Abkürzung, die aktuell von allen grünen Europawahlplakaten herab Fragezeichen in Wählerköpfe streut. WUMS ist das Motto der Grünen im Kampf um Stimmen zur Europawahl am 7. Juni. WUMS steht für "Wirtschaft und Umwelt, menschlich, sozial".

Die Hörfunker aus ganz Deutschland löchern den Politprofi aber auch auf parteiübergreifenden Themenfeldern: Warum gibt es keinen Obama-Wahlkampf in Deutschland? Welche Rolle spielen Umfragen? Was bedeuten Wahlversprechen für den Wahlkampf? Und was für danach? Wie weit über die Wahl hinaus werden die Online-Communitys der Parteien bestehen? Hoogvliet steht geduldig Rede und Antwort. So viel Offenheit ist selten: Das mitveranstaltende 'Projektteam Hörfunk' der bpb hatte für den Multiplikatorenworkshop im Vorfeld die "Kampagneros" aller etablierten Parteien für eine solche Visite umworben. Doch einzig die Grünen konnten sich offenbar derart viel Transparenz im laufenden Wähler-Werben vorstellen.

Dass die Fragerunde so locker und kreativ verlief, lag auch am "Warm-up" des Seminars. Workshopleiter Andreas Heine, Chefredakteur von Radio MK aus dem Märkischen Kreis, hatte die Stunde zuvor etliche launige und ausgefallene Beispiele aus der Hörfunk-Wahlberichterstattung der Vergangenheit präsentiert. Best-Praxis-Beispiele mit O-Tönen, Ideenaustausch, Geniales aus der Schublade. Und viel aus "W on Air", dem umfangreichen Radio-Glossar der Bundeszentrale für politische Bildung zu vergangenen Bundestagswahlen (Anm. d. Redaktion: 'Tipps und Themen zur Bundestagswahl 2009 für Radiomacher" erscheint Mitte Juli in einer aktualisierten Ausgabe!)

Geschont hatten sich die Teilnehmer des zweitägigen Intensivworkshops schon am Vortag nicht. Da standen nicht nur Theorie, sondern auch kontroverse Diskussionsrunden auf dem vollgepackten Stundenplan. Nach der Vorstellungsrunde der 24 Vertreter privater und öffentlich-rechtlicher Sender eröffnete Reinhard Schlinkert, Chef von Infratest-Dimap, die Referentenrunde. Das Trend- und Wahlforschungsinstitut erstellt für die ARD die Wahlprognosen und Hochrechnungen. In seinem humorig lässigen Vortrag schilderte Schlinkert anschaulich das jahrelange Kopf-an-Kopf-Rennen seines Instituts mit der für das ZDF analysierenden "Forschungsgruppe Wahlen". Der Meinungsforscher verriet auch, wie peinliche Patzer zustande kommen - wenn sich etwa ein Politiker vorzeitig und zu unrecht als Wahlsieger feiern lässt.

Mit Politikwissenschaftler Eike Hennig und WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn diskutierten Florian Schwinn (hr2) und Norbert Linke (Hit Radio FFH) (v.l.n.r.) (© Robert Reick/bpb )

Dass der (Nicht-)Wähler trotz jahrzehntelanger Erforschung noch immer ein "unbekanntes Wesen" zu sein scheint, erfuhren die Seminarteilnehmer vom Wahlsoziologen Eike Hennig. Der Politikwissenschaftler lehrte von 1981 bis zu seiner Emeritierung 2008 an der Universität Kassel. In seinen Ausführungen zur Erforschung der Nichtwähler - Hennig unterscheidet acht Typen - vermittelte er den Zuhörern den Eindruck, bei der Nichtwähler-Forschung handele es sich um eine dicke Nebelsuppe mit sehr begrenzten Sichtweiten. Kritisch gegenüber den etablierten Parteien positionierte Hennig sich auch am Abend in der lebhaften Podiumsdiskussion zum Selbstverständnis von Journalisten in Wahlkampfzeiten. Für die voraussichtlich niedrige Wahlbeteiligung zur Europawahl am 7. Juni macht Hennig hauptsächlich die Parteien selbst verantwortlich. Die Diskussionsleiter Norbert Linke von Hit Radio FFH und Florian Schwinn von hr2 kultur begrüßten als weiteren Diskussionsteilnehmer Jörg Schönenborn, den Chefredakteur des WDR Fernsehens. (Siehe auch das Interview mit Jörg Schönenborn auf hörfunker.de)

Seminarorganisator Wolfgang Grossmann sammelte als Hauptstadt-
korrespondent für den SWR Erfahrungen in Bonn und Berlin. Foto: is/bpb (© is/bpb )

Zum Abschluss des Workshops blieb Zeit für einen angeregten Austausch über konkrete Pläne zur Wahlberichterstattung unter Radiokollegen, moderiert von Seminarorganisator Wolfgang Grossmann vom Sender SWR1 in Mainz. Einen "Overkill" an Politikinformationen befürchtet kaum einer der Seminarteilnehmer. Schließlich lassen sich Langversionen von Interviews und Beiträgen mittlerweile bequem in Form von Podcasts auf die Online-Plattformen der Sender auslagern. Viel mehr bewegte die Radiomacher die Frage, wie sie angemessen mit hartnäckigen Anfragen und Politikeransprüchen umgehen sollen. Vor allem im Osten Deutschlands sehen sich die Radiostationen zunehmend mit Forderungen rechtsextremer Parteien nach mehr Sendezeit konfrontiert.

Das Fazit zum Kompaktseminar für Radiomacher: Kurz und knackig - das kam an. Teilnehmer Wolfgang Krömer von TIDE 96,0 zum Beispiel erklärte beim Aufbruch: "Das war sehr gut! Jederzeit würde ich wieder kommen."

Von Robert Reick

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