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2.11.2007

Land und Bevölkerung

Indien zählt zu den ärmeren Staaten, doch mit Blick auf Bevölkerung, Ausdehnung, sprachliche und religiöse Vielfalt ist es ein Land der Superlative. Unterstützt durch hohe Wachstumsraten hat es alle Potenziale einer künftigen Weltmacht.

Ein Großteil der Menschen arbeitet im informellen Sektor. (© Arnab Chatterjee)


Indien ist mit einer Fläche von knapp 3,3 Millionen Quadratkilometern der siebtgrößte Flächenstaat und mit etwa 1,1 Milliarden Einwohnern (2006) nach China das bevölkerungsreichste Land der Erde; es ist auch gleichzeitig eines der am dichtesten besiedelten Länder mit circa 351 Einwohnern pro Quadratkilo- meter, wobei diese Dichte regional stark schwankt. In den städtischen Ballungsräumen liegt sie bei über 6000, in den Rand-, Berg- und Wüstenregionen bei unter 100 Menschen pro Quadratkilometer. Weite Teile des Landes, insbesondere die landwirtschaftlich intensiv genutzten, lassen sich als überbevölkert bezeichnen. Das Bevölkerungswachstum ist allerdings von über zwei Prozent pro Jahr Anfang der 1980er Jahre auf 1,4 Prozent im Jahr 2006 gefallen, im städtischen Raum liegt es noch niedriger. Weil die indische Bevölkerung durchschnittlich aber noch recht jung ist, wird das Arbeitskräftepotenzial auch in den nächsten Jahrzehnten zunehmen. Der indische Subkontinent ist immer noch stark durch dörfliche Strukturen geprägt, auf dem Lande leben noch etwas mehr als 70 Prozent der Bevölkerung, und die Stadt-Land-Migration ist vergleichsweise gering. Gleichwohl weist Indien neben China die meisten Mega-Städte von über fünf Millionen Einwohnern auf, darunter Mumbai, Delhi, Kolkata, Chennai und Bengaluru.

Die Inder kommen

[...] "Zum Glockenschlag um Mitternacht, wenn die Welt schläft, wird Indien zu Leben und Freiheit erwachen", hatte Jawaharlal Nehru aus dem Festsaal des Parlaments am Abend des 14. August 1947 seiner jungen Nation zugerufen, als Indien nach über hundertfünfzigjähriger Kolonialzeit unter den Briten seine Souveränität erlangte. Der Staatsgründer sprach von "Träumen", deren Verwirklichung nicht nur für sein Land, sondern "für die ganze Welt bedeutsam" sein würde. Sechzig Jahre nach Indiens Erwachen ist nun die Welt aufgewacht. Sie muss, teilweise irritiert, zur Kenntnis nehmen, dass auf dem Subkontinent ein Koloss herangewachsen ist, der künftig das Weltgeschehen mitbestimmen wird. Ökonomisch wie politisch: Die Inder kommen, gegen sie läuft in Zukunft nichts mehr.
Indien ist eine föderale Republik. Sie gliedert sich in 28 Bundesstaaten, sechs Unionsterritorien und die Hauptstadt Neu-Delhi, die einen eigenen Status besitzt. Die Bundesstaaten unterscheiden sich erheblich in Größe und Bevölkerung, aber auch im erreichten sozialen und wirtschaftlichen Entwicklungsstand sowie in ihrer Entwicklungsdynamik. Im reichsten Bundesstaat Punjab ist das Durchschnittseinkommen mittlerweile um das Viereinhalbfache höher als in Bihar, das als ärmster Bundesstaat gilt; die dynamischen Staaten, so etwa Gujarat, Maharashtra, Tamil Nadu, Haryana und Karnataka, weisen zurzeit ein doppelt so hohes Wirtschaftswachstum auf wie der Rest. Im Hinblick auf die gesellschaftliche Entwicklung können einige indische Staaten, beispielsweise Kerala, problemlos mit Osteuropa mithalten, andere wie Bihar und Orissa unterscheiden sich diesbezüglich nicht vom ärmsten Afrika. Große Unterschiede bestehen auch innerhalb der Staaten; hier weisen rückständige Distrikte etwa eine dreimal so hohe Kindersterblichkeit auf wie die fortschrittlichen. Unterprivilegierte gesellschaftliche Gruppen sind immer noch die Unterkastigen (Dalits), die Stammesangehörigen, die Muslime, die ländliche Bevölkerung und - wenn auch in abnehmendem Maße - die Frauen.

Wirtschaftlich zählt Indien mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 770 US-Dollar (2006) weiterhin zur Gruppe der armen, dabei freilich am schnellsten wachsenden Länder. Zwar arbeiten immer noch knapp 60 Prozent der Beschäftigten in der Landwirtschaft - mit 22 Prozent Anteil am Bruttoinlandsprodukt wird der Agrarsektor aber von der sehr viel schneller wachsenden Industrie (24 Prozent) und dem Dienstleistungssektor (54 Prozent) in den Schatten gestellt. Was das politische System betrifft, so stellt Indien einen der ganz wenigen Staaten der so genannten Dritten Welt mit durchgängiger demokratischer Grundordnung seit der Unabhängigkeit (1947) dar. Demokratische Traditionen sind daher in der Gesellschaft tief verwurzelt und werden auch von keiner ernst zu nehmenden politischen Kraft in Frage gestellt.

Indien kennt zwei große und zwei kleinere Sprachfamilien. Knapp drei Viertel der Bevölkerung sprechen eine der in der Nordhälfte des Landes verbreiteten indoarischen Sprachen, etwa ein Drittel spricht Hindi, neben Englisch die einzige überregionale Amtssprache. Ein weiteres Viertel der Bevölkerung spricht eine der südindischen, drawidischen Sprachen. Verfassungsmäßig anerkannt sind 22 Regionalsprachen. Auch die religiöse Vielfalt Indiens ist bemerkenswert; zwar sind etwas über 80 Prozent der Inder Hindus, die muslimische Bevölkerung ist aber mit circa 140 Millionen beachtlich. Zudem ist das Land Heimat verschiedener Religionen, die als Gegenbewegung zum Hinduismus (Buddhismus, Jainismus) oder als Reaktion auf das Eindringen des Islam (Sikhismus) entstanden sind. Schließlich gibt es auch eine tendenziell zurückgehende christliche Minderheit (etwa zwei Prozent der Bevölkerung). Die Hindus (und auch andere Religionsgruppen zumindest faktisch) sind nach Kasten geschieden, das heißt nach Gruppen, die früher dem gleichen Beruf nachgingen und zumeist untereinander heiraten. Man unterscheidet die höheren Kasten (am bekanntesten dabei die Brahmanen), die niederen Kasten (Other Backward Castes), denen die Masse der Hindu-Bevölkerung angehört, sowie die oft zu Unrecht als kastenlos bezeichneten "Unberührbaren" (Dalits, circa 15 Prozent der Bevölkerung). Dazu kommen noch Stammesangehörige (etwa 8,2 Prozent), die Nachfahren der Urbevölkerung.

Joachim Betz

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