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2.11.2007

Gesellschaftliche Strukturen

Große ethnische und religiöse Vielfalt kennzeichnet die indische Gesellschaft. Trotz staatlicher Gegenmaßnahmen ist Armut noch immer weit verbreitet; Bildungssystem und Gesundheitswesen weisen beträchtliche Mängel auf.

Kinder spielen in einem Elendsviertel in Bombay, Indien. (© AP)


Pluralität mit Vor- und Nachteilen

Indien wird nicht zu Unrecht als Staat immenser gesellschaftlicher Pluralität betrachtet. Zumal mit Blick auf andere, auseinandergebrochene Vielvölkerstaaten stellt sich ganz natürlich die Frage, wie diese enorme Vielfalt gebändigt oder zusammengehalten werden kann. Zur Erklärung lässt sich das verhältnismäßig konstante und ergiebige wirtschaftliche Wachstum anführen, aber auch die relativ ausgewogene Verteilung von Einkommen und Vermögen sowie politische Faktoren wie die demokratische Ordnung und die föderalen Strukturen wirken stabilisierend. Nicht zuletzt die gesellschaftliche Vielfalt selbst ist ein wichtiger Stabilisierungsfaktor. Nach vergleichenden Untersuchungen droht die Gefahr der Destabilisierung und des Auseinanderbrechens vor allem in Staaten, die eine schwache oder abnehmende Wirtschaftsleistung und nur eine oder wenige größere Minderheiten aufweisen und in denen Rebellen über leicht ausbeutbare Finanzierungsquellen für einen Bürgerkrieg verfügen. Wenig gefährdet sind dagegen Staaten mit vielen Minderheiten, von denen keine dominant ist, und in denen sich die sozialen, religiösen und sprachlichen Konfliktlinien nicht addieren.

Im gesamtstaatlichen Rahmen Indiens verfügt keine Ethnie über beherrschenden Einfluss. Jeder Unionsstaat weist zwar eine dominante enthnolinguistische Gruppe auf, diese unterscheiden sich aber nach Religion, Sekten, Kasten und einer Vielzahl sozioökonomischer Merkmale. Wenngleich der Hinduismus mit circa 82 Prozent der Bevölkerung die bei weitem größte Religionsgemeinschaft darstellt, ist er nicht gleichzusetzen mit einer Kirche oder einem dogmatischen Glaubensbekenntnis im westlichen Sinne. Er stützt sich nicht auf einen einzigen, geheiligten Text und kennt keine für alle verbindlichen Gottheiten. Vielmehr ist der Hinduismus eine Lebensform und dient als solche im Besonderen auch der Begründung des Kastensystems. Gerade wegen der starren Kastenschranken und des hohen Bevölkerungsanteils der Dalits, Stammesangehörigen und religiösen Minderheiten konnte der Hinduismus aber lange Zeit keine politisch einheitsstiftende Kraft entfalten.

Überdies gibt es auch kein ganz Indien übergreifendes, einheitliches Kastensystem. Vorhandensein, gesellschaftliche Stärke und Rangordnung der Kasten unterscheiden sich nach Regionen oftmals erheblich. Kastengruppen sind auch nicht statisch, sondern durch wirtschaftliche Modernisierung, Urbanisierung, Bildungsrevolution und politische Bemühungen einem starken Veränderungsdruck ausgesetzt worden. Im Übrigen ist die soziale Lage der Angehörigen gleicher Kasten und Kastengruppen sehr unterschiedlich. Eine gesamtindische politische Mobilisierungsstrategie entlang der Kastengrenzen würde daher an enge Grenzen stoßen, was allerdings heftige, zumeist lokal ausgetragene Kastenkonflikte nicht verhindert hat.

Die sprachliche Vielfalt Indiens führte erst zu Konflikten, als Politiker aus dem Norden nach dem Tode Nehrus Hindi als alleinige Verwaltungs- und Hochschulsprache durchsetzen wollten. Nach heftigen Protesten im Süden wurde dieser Vorstoß abgebrochen. Durch ein Sprachengesetz, das den weiteren Gebrauch des Englischen und die Examinierung der Bewerber für den Staatsdienst in den anerkannten Regionalsprachen erlaubte, sowie durch die Neuschaffung von sprachlich weitgehend homogenen Bundesstaaten kehrte wieder Friede ein.

Indien kannte wegen des lange Zeit dominanten staatlichen Einflusses auf den modernen Wirtschaftssektor und der Privilegierung der staatlich beschäftigten Arbeitskräfte auch kaum Klassenkonflikte. Zudem waren und sind die Gewerkschaften und Unternehmerverbände gespalten, die Gewerkschaften mit unterschiedlichen Parteien assoziiert. Es gab zwar bäuerliche Protestbewegungen, angesichts der wahlentscheidenden Bedeutung der Landbevölkerung sahen sich aber alle Regierungen gezwungen, eine mehr oder weniger bauernfreundliche Politik zu betreiben. Trotzdem kommt es auch auf dem Land zu Konflikten, vornehmlich zwischen den Landarbeitern und den mittleren und größeren Landwirten.

In politischer Hinsicht ging von der starken gesellschaftlichen Zerklüftung Indiens und den sich überlappenden sozialen Zugehörigkeiten der Einzelnen ein starker Zwang zur Mitte, zur Politik des sozialen Ausgleichs und zum Schutz der Minderheiten aus. Genau diese Politik hat die Kongresspartei nach der Unabhängigkeit bis heute verfolgt. Zur Sicherung ihrer Herrschaft war sie auf die Loyalität der Minderheiten angewiesen; diese bedurften wiederum der Unterstützung und Hilfe durch lokale Kongresspolitiker in einer vergleichsweise feindlichen Umwelt. Aus dieser wechselseitigen Abhängigkeit heraus entstanden (nicht immer sonderlich erfolgreiche) Bemühungen zum Schutz der Stammensangehörigen vor Landverlust, die Reservierungsquoten für Dalits und später auch Angehörige niedriger Kasten sowie die Beibehaltung der familienrechtlichen Regelungen für die Muslime. Interessant ist, dass sich dieser Zwang zur Mitte auch in der Politik der hindunationalistischen BJP wiederfand, die in der Regierung ab 1998 recht unerwartet Ziele wie politische Dezentralisierung sowie Beibehaltung und Ausdehnungen der Reservierungen verfolgte.

Armut und Verteilung

Nach gängigen europäischen Vorstellungen herrschen in Indien weit verbreitet krasse Armut und eine extreme Ungleichheit der Lebenschancen. Jeder kennt Bilder der überquellenden Slums in den indischen Metropolen, der Horden von Bettlern entlang der Hauptstraßen bei gleichzeitig demonstrativ zur Schau getragenem Luxus der Oberschichten. Allgemein glaubt man oft an ein mehr oder weniger ausgeprägtes staatliches Desinteresse an einer Änderung dieser Zustände. All dies, so eine häufig geäußerte Behauptung, habe sich mit der wirtschaftlichen Liberalisierung des Landes noch verschlimmert.

Mega-City Delhi

[...] 14 Millionen Menschen lebten nach Zahlen von 2000 in Delhi, heute (2007 - Anm.d. Red) sind es wahrscheinlich schon mehr als 17 Millionen. So genau weiß das niemand. Doch in welchem Delhi, in welcher Welt sie leben, hängt vor allem vom Geldbeutel, vom Status und vom Geschlecht ab. Wohl nirgends prallen Armut und Reichtum, Moderne und Mittelalter krasser und sichtbarer aufeinander als in Mega-Citys wie Delhi. Da sind die verkrüppelten Bettler, die sich nachts auf verfilzten Decken am Straßenrand zusammenrollen. [...] Da ist die @-Generation, die in Internet-Cafés mit der weiten Welt kommuniziert. Da sind die Großfamilien, die abends im Restaurant zusammensitzen. Da sind die Reichen, die nach London und New York jetten. [...] Auch das Stadtbild spiegelt die Extreme. Elende Slums grenzen an grüne Nobelviertel, dörfliche Stadtregionen, in denen sich noch Büffel in Schlammlöchern wälzen, liegen neben städtischen Einkaufsmärkten, historische Muslim-Kolonien wie Old Delhinicht weit von dem von den Briten erbauten Regierungsviertel. Im Verkehr fahren Rikschas neben glänzenden Nobellimousinen, teilen sich Kühe, Pferde und Elefanten die Straße mit Bussen und Lastern. [...]
Diese Vorstellungen verdienen eine Differenzierung. Richtig ist, dass Armut und extreme Armut in Indien immer noch Massencharakter haben. Bei Verwendung der üblichen Armutsindizes lebten 2004/05 circa 300 Millionen Inder in absoluter Armut, das heißt, sie hatten ein Pro-Kopf-Einkommen von einem US-Dollar oder weniger pro Tag zur Verfügung. Dies waren immerhin 27,8 Prozent der Gesamtbevölkerung und ein gutes Drittel der weltweit Armen überhaupt. Jedoch ist die Zahl der absolut Armen in Indien seit den 1970er Jahren rückläufig, ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung, der noch 1972/73 51,5 Prozent betrug, ist drastisch gefallen. Dieser Rückgang hätte sich sicher noch schneller vollzogen, wenn das Wirtschaftswachstum auch die weniger dynamischen Unionsstaaten im Zentrum (Bihar, Madhya Pradesh, Orissa, Rajasthan, Uttar Pradesh) und die Landwirtschaft einbezogen und zu mehr Beschäftigung geführt hätte.

Arme Bevölkerungsgruppen leben noch zu 70 Prozent auf dem Land und setzen sich dort aus Landarbeitern sowie Kleinbauern mit sehr geringen Betriebsgrößen zusammen. Landlosigkeit und Kleinstbetriebe haben seit den 1960er Jahren wegen des Bevölkerungswachstums und einer verbreiteten Tendenz zur Realteilung ererbten Besitzes deutlich zugenommen, auch mangels Beschäftigungsalternativen auf dem Lande. Entgegen verbreiteter Ansicht sind die städtischen Armutsfamilien nicht etwa arbeitslos; tatsächlich gehen überdurchschnittlich viele Familienmitglieder einer Beschäftigung nach, allerdings in wenig produktiven Bereichen, die nur geringsten Lohn abwerfen.

Perspektivlosigkeit mit fatalen Folgen

Niemand in der Familie dachte an Selbstmord, als Pramod Khandale aufbrach. An den Vortagen hatte der junge Bauer noch viel von der Zukunft gesprochen. Doch weil er seine Schulden bei einem Wucherer nicht zahlen konnte und keinen Ausweg mehr sah, erhängte er sich an einem Baum.
Die Kluft zwischen den reichen und armen Unionsstaaten hat sich nach 1991 geweitet. Letztere wiesen ein nur halb so hohes wirtschaftliches Wachstum auf und konnten es auch schlechter in Armutsreduktion umsetzen. Begründen lässt sich dies unter anderem damit, dass die reichen Staaten zu Beginn der Liberalisierung bessere Startvoraussetzungen mitbrachten. Private Investitionen aus dem In- und Ausland flossen in jene Staaten, die über eine angemessene Infrastruktur, einen akzeptablen Bildungsstand und eine stabile Regierungsführung verfügten, die Recht und Ordnung einigermaßen gewährleisteten - Eigenschaften also, die durchaus veränderungsfähig sind.

Weniger eindeutige Aussagen lassen sich darüber treffen, inwieweit die Liberalisierung nach 1991 zu einer Verschlechterung der Einkommensverteilung führte. Die Ungleichverteilung ist in Indien im Vergleich zu Lateinamerika, China und Afrika immer noch relativ gemäßigt, hat sich aber durch den Rückstand der Landwirtschaft und der weniger dynamischen Bundesstaaten, aber auch aufgrund der hohen Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften und der damit verbundenen stärkeren Lohnspreizung ausgeweitet. Stark gestiegen ist das Einkommen der Superreichen, das statistisch aber nicht sonderlich ins Gewicht fällt.

Völlig unzutreffend wäre die Unterstellung, der indische Staat habe zur Beseitigung der Armut nichts getan und die aus dem Ausland einströmenden Mittel zur Armutsbekämpfung gänzlich zweckentfremdet. Das wäre schon am demokratischen Charakter des Staates gescheitert, also konkret am Stimmgewicht der Armen. Schon der Unabhängigkeitskampf war eine Massenbewegung, die Ideologie der lange Zeit dominierenden Kongresspartei war stark egalitär ausgerichtet, sie und andere Parteien maßen der Armutsbekämpfung prioritäre Bedeutung zu, auch wenn sie bei der konkreten Umsetzung der Programme Defizite erkennen ließen. Aus diesen Ausführungen ergibt sich ein differenziertes Bild der sozialen Bedingungen in Indien, das zur Abrundung jedoch eines Blicks auf die hauptsächlichen gesellschaftlichen Konfliktlinien bedarf.

Gesellschaftliche Konfliktlinien

Kastensystem

Die in Kurzdarstellungen über Indien häufig auftauchende Teilung des Kastenwesens in die vier Kastengruppen (oder Varnas: Farben) der Priester, Krieger, Händler und Bauern ist irreführend, da sie allenfalls Oberbegriffe darstellen. Der in ganz Indien verwendete Begriff für Kaste ist dagegen Jati und bedeutet etwa Geburtsgruppe. Wichtigste Kennzeichen der traditionellen Kasten waren bzw. sind die Zugehörigkeit ihrer Mitglieder von Geburt an, die Berufsbezogenheit, die Vorschriften zur Reinerhaltung der Kaste und damit insbesondere Beschränkungen bei der Partnerwahl. Nur bedingt richtig ist die Vorstellung, das Kastenwesen unterbinde gesellschaftliche Moblität. Schonseit langem gibt es immer wieder erfolgreiche kollektive Versuche einzelner Kasten, etwa durch den Erwerb von politischen Ämtern oder Landerwerb die berufliche und soziale Leiter emporzusteigen und die rituellen Vorschriften der Oberkastigen zu übernehmen - sich, wie es heißt, zu sanskritisieren. Im Übrigen haben der Einzug der Geldwirtschaft, die Urbanisierung und die erhöhten Bildungschancen in Indien den tradierten Umgang der Kastenangehörigen miteinander stark verändert. Dies gilt insbesondere für die Arbeits- und Geschäftsbeziehungen in modernen, städtischen Sektoren, weniger auf dem Lande, wo es durchaus noch abgegrenzte Wohngebiete für die einzelnen Kastengruppen gibt.

Der Hinduismus

[...] Weltanschauung
Die Darstellung des Kastenwesens als Teil der natürlichen, hierarchischen Gesellschaftsordnung ist schon lange nicht mehr politisch korrekt, dies wäre auch mit der auf Gleichheit ausgerichteten Verfassung nicht vereinbar. Trotzdem vergeben Parteien Kandidaturen oder Führungspositionen nach Kastenkriterien, zumal sich leicht identifizierbare Kastenschranken im Wahlkampf gut zur Abgrenzung und Mobilisierung, nach der Wahl zur Verteilung gruppenbezogener Vorteile eignen. Das Kastenwesen ist durch den demokratischen Prozess in Indien daher vermutlich noch gestärkt worden - hat sich dabei aber auch verändert. Wichtig waren in diesem Zusammenhang die Reservierungen für Ausbildungsplätze in den Hochschulen und für Stellen im öffentlichen Dienst zugunsten der Unterkastigen (Scheduled Castes) und der Stammesangehörigen (Scheduled Tribes), später der niederen Kasten (Other Backward Castes). Um die Bedeutung dieser Maßnahmen zu ermessen, muss man wissen, dass Arbeitsplätze im formellen Wirtschaftssektor in Indien rar und privilegiert sind, Reservierungen also bedeutsame Startvorteile für bessere Lebenschancen verschaffen können.

Die praktischen Effekte der als Überbrückungsmaßnahme gedachten (jedoch ständig verlängerten) Reservierungen litten zwar darunter, dass viele potenziell Begünstigte gar nicht über die Qualifikationen verfügten, um diese Stellen zu besetzen, vor allem nicht in den höheren Rängen, sie haben aber einer Elite der niederen Kasten nicht gekannte Aufstiegschancen verschafft. Im Jahre 1990 wurde unter heftigen Protesten der oberen Kasten eine Reservierung von 27,5 Prozent der Stellen im öffentlichen Dienst und der Ausbildungsplätze in den Hochschulen für die niederen Kasten angekündigt. Diese Quote wurde durch ein Urteil des Obersten Gerichts bestätigt - wonach aber die Reservierungen insgesamt auf 50 Prozent der zur Verfügung stehenden Plätze begrenzt werden müssen. Die Reservierungspolitik ist zu einem mächtigen Mittel der Umverteilung von Lebenschancen geworden. Um die durch die Zentralregierung erfolgende Zuordnung zu den niederen Kasten besteht daher ein heftiges Gerangel, sie erfolgt also nicht nach "natürlichen" Kriterien. Die Reservierung ist in einigen Unionsstaaten mittlerweile auf die Muslime ausgedehnt worden. Eine Einbeziehung der privaten Bildungsinstitutionen und der Privatwirtschaft in die Reservierungen wird noch kontrovers diskutiert.

Die am stärksten unterprivilegierte Minderheit in Indien stellen die "Unberührbaren" dar, heute üblicherweise Dalits (die "Zertretenen") genannt, bei uns oft unsinnigerweise "Kastenlose". Unsinnig deshalb, weil man als Hindu gar nicht aus dem Kastensystem herausfallen kann. Nach dem Zensus von 2001 entfielen 16,2 Prozent der Bevölkerung auf die so genannten Scheduled Castes, die allerdings untereinander durchaus noch Unterschiede beachten und sich deshalb nicht zwangsläufig solidarisch fühlen. Dalits sind typischerweise in der Landwirtschaft beschäftigt (als Landarbeiter, auch als Kleinbauern), wobei ihr Anteil am bewirtschafteten und mehr noch am bewässerten Land deutlich unter ihrem Anteil an der Landbevölkerung liegt. Andere typische Dalit-Berufe auf dem Lande und in der Stadt sind die Reinigung von Straßen, Gebäuden und Latrinen, die Ledergerbung und die Schuhmacherei.

Nach Artikel 17 der indischen Verfassung wurde die Unberührbarkeit für abgeschafft erklärt, gewaltsame Übergriffe gegenüber Dalits sollten strafrechtlicher Verfolgung unterliegen. Das milde gefasste Ausführungsgesetz ließ allerdings fünf Jahre auf sich warten und musste - mangels durchschlagender Wirkung - schon 1976 nachgebessert werden. Doch bis heute führten die nicht allzu häufigen Prozesse in über 70 Prozent der Fälle zum Freispruch der Angeklagten. In den letzten Jahren wurde wenigstens die Zahl mobiler Gerichte erhöht, um die immer noch sehr häufigen Verstöße schneller ahnden zu können.

Die Reservierungspolitik erreichte, dass die Dalits den ihnen zustehenden Anteil an den unteren Rängen im öffentlichen Dienst besetzen konnten; mangels Bildungsvoraussetzungen sind Dalits aber in den höheren Positionen bis heute nicht vertreten und werden bei Beförderungen kaum berücksichtigt. In den Unionsstaaten sieht es zum Teil noch schlechter aus. Auch die vielen Sonderprogramme zur Besserstellung der Dalits haben an ihrer Benachteiligung nicht allzu viel ändern können, zumal sie durch gegenläufige Entwicklungen wie die zunehmende Landlosigkeit konterkariert wurden. Aus Frustration und um der Diskriminierung zu entgehen, sind Dalits vielfach zu anderen Religionsgemeinschaften konvertiert, obwohl sie auch dort häufig von den Altgläubigen ausgegrenzt wurden.

Im Jahre 1972 trat mit den Dalit Panthers erstmals eine militante politische Partei als Vertreterin dieser Gruppe auf, die allerdings unstrukturiert blieb, sich im Wesentlichen auf Mumbai und Umgebung beschränkte und sich nach bereits zwei Jahren auflöste. Zwölf Jahre später wurde eine neue, relativ erfolgreiche Dalit-Partei, die Bahujan Samaj Party (BSP) ins Leben gerufen. Die BSP war seit 1993 mehrmals an der Landesregierung von Uttar Pradesh beteiligt und führt diese nun seit 2007 an. In anderen Unionsstaaten kam sie bisher über eine Statistenrolle nicht hinaus.

Stammesangehörige

Indien ist das Land mit der weltweit größten Stammesbevölkerung. Circa 90 Millionen oder 8,2 Prozent der Bevölkerung verteilen sich auf etwa 600 verschiedene Stämme. Die Stämme (tribals, Hindi: adivasi) sind vermutlich die Reste der Urbevölkerung, Anhänger von Naturreligionen und Halbnomaden, die sich bei der indoarischen Einwanderung in die unwegsamen Bergregionen zurückzogen. Noch heute leben sie hauptsächlich in der nordöstlichen Himalaya-Region und im zentralindischen Berg- und Waldland. Sie siedelten dort an den Hängen, betrieben neben Sammeln und Jagen in den Wäldern Brandrodung, kannten meist kein individuelles Landeigentum und waren egalitär organisiert. Viele Stämme haben mit der Zeit ihre Muttersprache verloren, den hinduistischen oder christlichen Glauben angenommen und sich sozial differenziert. In Mischgebieten haben sie auch die gängigen landwirtschaftlichen Anbaupraktiken übernommen. Heute verdingt sich der größere Teil als Landarbeiter oder Kleinbauern.

Schon zur Kolonialzeit wurde ein großer Teil ihres Landes von Fremden in Beschlag genommen. Darauf reagierte die Kolonialregierung viel zu spät mit speziellen Schutzgesetzen, welche das unabhängige Indien ohne große Begeisterung übernahm. Die auch zugunsten der indigenen Bevölkerung praktizierte Förderung durch Quoten und spezielle Maßnahmen zum Schutz ihrer kulturellen Identität hatten gemischte Ergebnisse. Die Ausbildung fand entgegen den Bestimmungen häufig in der Regionalsprache statt, die den Adivasi fremd war, und die Rekrutierung von Lehrern für die entlegenen Gebiete erwies sich als Problem. Gravierende Folgen für die Stammesangehörigen hatte außerdem die Einführung privaten Landrechts sowie die in Indien eingeschlagene staatliche Entwicklungs- und Industrialisierungspolitik. Diese führte dazu, dass die Adivasi große Teile ihres Stammeslands verloren: In Stammesgebieten wurden schwerindustrielle Komplexe angesiedelt (unter anderem das mit deutscher Hilfe erstellte Stahlwerk Rourkela), riesige Staudämme gebaut (Narmada), Erz geschürft oder auch nur schlicht Wald zum Holz- und Bambuseinschlag staatlicherseits verpachtet. Logischerweise unterminierte dies die traditionellen Lebensgrundlagen der Stämme, die überdies zu Hunderttausenden im Gefolge dieser Projekte umgesiedelt wurden. Besonders verbitterte sie die staatliche Forstpolitik, welche die Brandrodung und den individuellen Holzeinschlag untersagte, gleichzeitig aber Papiermühlen die preiswerte Holzverwertung gestattete.

Es verwundert daher nicht, dass diese Entwicklungen Teile der Stammesbevölkerung radikalisierten. Im Nordosten Indiens verstärkten sie den Zulauf zu sezessionistischen Gruppen, im Rest des Landes den zu den ultralinken Naxaliten, gewaltbereiten Landbesetzern, die von der CPI (ML), der Communist Party of India (Marxist-Leninist), und anderen militanten Organisationen rekrutiert werden. Die Naxaliten liefern sich blutige Auseinandersetzungen mit den privaten Armeen von Grundbesitzern sowie den Sicherheitskräften und haben in einigen Distrikten Indiens sogar schon eine Art Parallelverwaltung aufgebaut. Sehr spät hat der indische Staat auf diese Entwicklungen auch auf nichtmilitärischem Wege reagiert und im Jahre 2006 ein neues Forstgesetz sowie eine neue Stammes- und Rehabilitierungspolitik verabschiedet. Mit Einsatz von Sondergerichten soll den Stammesangehörigen verlorenes Land zurückerstattet werden. Umsiedlungen sollen eingeschränkt und die traditionellen Rechte der Adivasi an den Produkten des Waldes sollen anerkannt werden.

Zwischen Mainstream und Mao

[...] Einen radikalen Aufschwung erlebte die Linke nach der Teilung Indiens in den Reihen der Flüchtlinge. [...] in den späten 60er Jahren [...] begann sich die Linke zu teilen [...] in zahlreiche Parteien und Fraktionen [...], von denen die größten nach einem Überraschungserfolg im Jahr 1977 in Westbengalen und anderen Bundesstaaten letztendlich in der parlamentarischen Politik ankamen. Seite an Seite mit ihnen bestand aber auch die Gruppe der Ultralinken ("Naxaliten" - gängige Bezeichnung für revolutionäre und maoistische Gruppen nach der Spaltung der kommunistischen Bewegung Indiens) weiter fort. Dieser gelang es in letzter Zeit, ihren Einfluss weiter auszubauen, z.B. in den Stammesgebieten von Andhra Pradesh, Madhya Pradesh, Orissa und Bihar. Gleichzeitig verfolgte die Mainstream-Linke an der Regierung systematisch wichtige politische Projekte, wie eine weitreichende Bodenreform, die Demokratisierung der Politik durch gewählte lokale Selbstverwaltungsgremien (sog. panchayats) inBengalen und eine erfolgreiche Initiative zur Alphabetisierung in Kerala.
Hindus und Muslime

Eine gefährliche Konfliktlinie für die langfristige Stabilität Indiens verläuft zwischen der Hindumehrheit und der Minderheit der Muslime, die derzeit circa zwölf Prozent der Bevölkerung stellt. Dieser Konflikt hatte nach der Teilung lange Jahre geruht, bedingt durch die Erinnerung an deren blutige Folgen, durch den Auszug der Muslim-Elite nach Pakistan und die Tatsache, dass die Muslime keine eigene politische Vertretung kannten, die Kongresspartei sie vielmehr integrierte und ihren Schutz übernahm. Dies zeigte sich vor allem daran, dass für Muslime ein eigenes Ehe- und Familienrecht beibehalten wurde. Das Oberste Gericht in Neu-Delhi hatte 1985 gegen muslimische Rechtsvorschriften einen Mann zu Unterhaltszahlungen für seine geschiedene Frau verpflichtet, um zu verhüten, dass sie zum Sozialfall würde. Als daraufhin Unruhen in muslimischen Kreisen ausbrachen, peitschte die Kongressregierung 1986 den Muslim Woman Act durch, wonach geschiedenen Musliminnen kein Unterhalt zusteht. Dieser Vorgang verärgerte hindunationalistische Kreise, denen auch das wachsende Selbstbewusstsein der Muslime missfiel, das sich durch fundamentalistische Einflüsse und Gastarbeiterüberweisungen, etwa aus den Ländern der Golfregion und den USA, gesteigert hatte. Ängste richteten sich auch auf die angebliche Fruchtbarkeit der Muslime, welche den Anteil der Hindus an der Bevölkerung absenken würde. Infolgedessen verbreiterten sich Spektrum und Schlagkraft der hinduradikalen Organisationen, die den Minderheitenschutz reduzieren und eine einheitliche Hindukultur (hindutva) durchsetzen wollten.

Der politische Arm dieser Gruppierungen, die BJP, gewann ab den späten 1980er Jahren ein erhebliches Anhängerpotenzial und organisierte 1990 die schon erwähnte Kampagne zum Bau eines Tempels für den Gott Ram auf dem Gelände der Moschee von Ayodhya. Die Kampagne wurde zwar kurz vor ihrem Ziel gestoppt, die Unionsregierung vermied aber damals wie später den offenen Konflikt mit den Hindu-Chauvinisten und versuchte stattdessen, den Streit um den Tempelbau durch Verweis an die Gerichte auszusitzen. Obwohl diese Bauarbeiten auf dem Gelände der Moschee untersagten, rissen fanatisierte Massen ungehindert durch Sicherheitskräfte im Dezember 1992 die Moschee nieder. Die anschließende Welle der Gewalt, die große Teile Indiens ergriff, hinterließ, obwohl der BJP-Chefminister von Uttar Pradesh entlassen und etliche Rädelsführer festgenommen wurden, bei den Muslimen das Gefühl, dass der Staat nicht mehr zuverlässig bereit sei, sie zu schützen. Diese Wahrnehmung verstärkte sich durch die zunehmende Zahl und Intensität gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Angehörigen der beiden Religionsgruppen seit den 1980er Jahren, bei denen die Polizei aus eigenem Antrieb oder auf politisches Geheiß die Rädelsführer der Mehrheit schützte und gewähren ließ. Spektakulärster Fall waren die Ausschreitungen in Gujarat 2002, als nach einem Überfall jugendlicher Muslime auf einen von Ayodhya kommenden Zug militanter Pilger sich pogromartige, von der Landesregierung offenkundig gebilligte oder gar angeheizte Schlächtereien an Muslimen ereigneten. Der korrekten Darstellung halber ist zu erwähnen, dass die religiösen Konflikte in Indien in engem Zusammenhang mit nicht-religiösen, politisch-sozialen Ursachen stehen. Sie ereignen sich vor allem dort, wo keine zivilgesellschaftlichen Netzwerke zwischen Hindus und Muslime existieren und wo Parteien auf die Stimmen Letzterer nicht angewiesen sind. Die neue Zentralregierung unter der Führung der Kongresspartei zeigt sich auch bemüht, der faktischen sozioökonomischen Diskriminierung der Muslime Abhilfe zu schaffen. Diese weisen nämlich nach den Stammesangehörigen und Dalits den geringsten durchschnittlichen Bildungsgrad auf und sind in den höheren Rängen der Bürokratie und in politischen Leitfunktionen nur äußerst schwach vertreten. 2005 wurde eine Kommission eingesetzt, um ihre Lage zu untersuchen und Vorschläge zu deren Verbesserung zu unterbreiten.

Frauen und Mädchen

Frauen stellen in Indien nach wie vor die bedeutsamste benachteiligte Minderheit dar. Sie sind rechnerisch in der Minderheit, weil entgegen der biologischen Norm die Bevölkerungsstruktur Indiens seit Jahrzehnten durch einen Männerüberschuss gekennzeichnet ist (2001 kamen auf 1000 Männer nur 933 Frauen). Frauen haben in der indischen Gesellschaft auch nach wie vor einen minderen Status und sind mit weit verbreiteter Diskriminierung konfrontiert. Diese findet zumindest in der indischen Verfassung und in späteren Ausführungsgesetzen keine Entsprechung. Ein prominentes Ausführungsgesetz, der so genannte Hindu Code (ratifiziert als Einzelgesetze zwischen 1950 und 1955), modernisierte das überkommene Familienrecht in Bezug auf Verehelichung, Scheidung, Adoption und Erbrecht mit dem Ziel völliger Gleichstellung. Einschlägige Institutionen zur Frauenförderung entstanden gleichzeitig. Unzufrieden mit dem Erreichten blieben zunächst nur die weiblichen Mitglieder der Kommunistischen Partei, die mit weitergehenderen Emanzipationswünschen schon bei ihren männlichen Kollegen Schwierigkeiten bekamen. Bis zur Publizierung eines von der Regierung in Auftrag gegebenen und äußerst kritischen Berichts ("Towards Equality", 1974) änderte sich an der Selbstgefälligkeit über das Erreichte wenig.

Die prominente Beteiligung von indischen Frauen in der Politik wird oftmals als Gegenbeweis für die fehlende Benachteiligung angeführt. Dabei wird unterschlagen, dass weibliche Abgeordnete im Parlament auch heute noch eine winzige Minderheit darstellen (unter zehn Prozent), ebenso wie in den höheren Rängen der Ministerialbürokratie. Jedoch ist etwas Bewegung in die Szene gekommen. Nachdem Anfang der 1990er Jahre eine Frauenquote von 33 Prozent für die lokalen Körperschaften von einer großen Parlamentsmehrheit verabschiedet worden war, gab es Bemühungen, diese durch eine Verfassungsänderung 1996 auch auf das Bundesparlament und die Länderparlamente auszudehnen. Über dieses Vorhaben wird zurzeit aber immer noch diskutiert. Vor allem politische Vertretungen niederer Kasten lehnen es ab, weil es angeblich nur elitären Frauen nützen würde.

Sichtbarstes Zeichen der fortwährenden Unterprivilegierung ist das immer noch hohe indische Frauendefizit, das vor allem in den landbesitzenden, traditionalen Gemeinschaften ausgeprägt ist. Es ist die Folge der Tötung bzw. mangelnden Ernährung und gesundheitlichen Vernachlässigung kleiner Mädchen, aber auch der häufigeren Abtreibung weiblicher Föten nach vorgeburtlicher Geschlechtsbestimmung durch Ultraschall. Aufgrund massiver werdender Proteste der indischen Frauenbewegung wurden diese Untersuchungen zunächst in Maharashtra, 1994 in ganz Indien untersagt bzw. nur noch in medizinischen Notfällen zugelassen. Ärzten ist es aber nach wie vor ein Leichtes, aus den lukrativen Untersuchungsgebühren die Ordnungshüter zu bestechen. Schließlich erklärt sich die höhere weibliche Sterberate in späteren Lebensabschnitten durch die vergleichsweise hohe Müttersterblichkeit als Folge zu kurz aufeinander folgender und vor allem zu früher Geburten. Letzteres ist eine Konsequenz des nach wie vor sehr frühen durchschnittlichen Heiratsalters.

Mädchen werden immer noch etwas weniger häufig eingeschult als Jungen, weisen aber vor allem höhere Abbrecherquoten auf. Diese Differenz ist besonders in ländlichen Regionen ausgeprägt, wo der weibliche Nachwuchs früh zur Versorgung der Geschwister oder des Haushalts eingesetzt wird. Mädchen, die dennoch eine abgeschlossene Ausbildung erhalten, entscheiden sich oft für geisteswissenschaftliche Studienfächer und pflegerische Berufe.

Heiraten in Indien stellen eine seltsame Mischung aus Tradition und kommerziellen Praktiken dar. Die heute eigentlich verbotene Mitgift (dowry) geht auf eine Zeit zurück, als in Indien Privateigentum entstand und das Patriarchat gleichzeitig die Beschäftigung der Frauen aus höheren Kasten außerhalb des eigenen Haushalts verbot. Die Mitgift diente damals der materiellen Absicherung der Frau nach dem Eheschluss, hat sich aber von diesen Ursprüngen weit entfernt. Sie ist zu einer wirtschaftlichen Transaktion zwischen zwei Familien geworden, bei der sich die Brautfamilie einen passenden, möglichst gut ausgebildeten und aus einer höheren Kaste stammenden Bräutigam durch Geschenke an diesen und seine Familie einkauft. Diese Sitte hat sich weit über den ursprünglich üblichen Kreis auf weiter entfernte Regionen und niedere Kasten ausgedehnt. Die Verheiratung einer Tochter kann in Indien eine teure Angelegenheit werden; das Vorhandensein mehrerer heiratsfähiger Töchter bei fehlenden Söhnen kann für eine Familie den finanziellen Ruin bedeuten. Noch skandalöser ist, dass Frauen mitunter, immerhin in 6000 angezeigten Fällen pro Jahr, nach ihrer Hochzeit inszenierten "Unfällen" zum Opfer fallen, die Ausdruck der Unzufriedenheit mit der erhaltenen Mitgift sind.

In urbanen und intellektuellen Mittel- und Oberschichten hat sich die traditionelle Unterordnung der Frauen deutlich abgeschwächt. Diese Entwicklung ist auch auf die Aktivitäten der indische Frauenbewegung zurückzuführen, die in den späten 1970er Jahren entstand. Ihre Kritik richtete sich zunächst generell gegen die traditionellen hinduistischen Praktiken und Glaubensvorstellungen, die sie als Ursache der Unterdrückung ansehen, speziell bekämpften sie die Gewalt gegen Frauen. Als die Kampagnen sich ausweiteten, sah sich auch die Politik unter Zugzwang: Neben der Bestätigung des Verbots von Witwenverbrennungen wurden 1984/86 auch die Strafen für Mitgiftmorde deutlich heraufgesetzt. Mittlerweile sind auch unterprivilegierte Frauen stärker mobilisiert worden; eine der bekanntesten Organisationen ist SEWA (Self-Employed Women's Association), die ursprünglich als demokratisch organisierte Gewerkschaft armer, selbstständiger Frauen im informellen Sektor (d.h. dem Teil der Volkswirtschaft, der nicht durch formalisierte Beschäftigungsverhältnisse geprägt ist) gegründet wurde. Später dehnte sie ihre Aktivitäten auf den Zugang von Frauen zu Beschäftigung, Wohnraum, Krediten, Umschulungsprogrammen und Märkten, zum Beispiel für kunsthandwerkliche Produkte, aus. Damit hat die Organisation ihren heute 700 000 Mitgliedern zu neuer Selbstachtung verholfen.

Leben zwischen Emanzipation und Unterdrückung

[...] Inderinnen leben in einem Land, das sich rühmt, die größte Demokratie der Welt zu sein. Sie sind es gewohnt, Macht zu haben und Rechte und Chancen. Zu einer Zeit, als Schweizerinnen noch gar nicht wählen durften, fast 40 Jahre vor Angela Merkel, war Indira Gandhi Premierministerin, 15 Jahre lang. Heute führt deren Schwiegertochter Sonia Gandhi die Kongresspartei, Inderinnen managen Banken, IT-Firmen, Callcenter. Laut Gesetz sind sie den Männern gleichgestellt, Indien hat eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt und mehr Gesetze zum Schutz von Frauen als viele andere Länder. "Andererseits", sagt die Frauenrechtlerin Urvashi Butalia, "[...] ist Indien ein Land voller Gegensätze, ein gigantischer Subkontinent, der in vielen Jahrhunderten gleichzeitig existiert." Die Mehrzahl der Inderinnen lebt in der Steinzeit, in einer von Männern dominierten, hierarchischen Gesellschaft. Sie gelten als Menschen zweiter Klasse, haben sich unterzuordnen, der Kaste, dem Glauben, dem Ehemann und der Schwiegermutter. [...]


Staatliche Sozialpolitik

Indien konnte seit der Unabhängigkeit substanzielle Erfolge bei der Verbesserung der allgemeinen Lebensqualität seiner Bevölkerung erzielen. Trotz dieser Fortschritte bleiben die maßgeblichen Sozialindikatoren, also Alphabetisierungsgrad, durchschnittliche Dauer des Schulbesuchs, Lebenserwartung, Kinder- und Müttersterblichkeit, deutlich hinter denen der meisten anderen asiatischen Staaten zurück und variieren beträchtlich nach Geschlecht, Region und Zugehörigkeit zu bestimmten Bevölkerungsgruppen. Südindien und der Westen haben sich in diesem Zusammenhang günstiger entwickelt als der Osten und das Zentrum. Die Werte liegen bei den Frauen, den Dalits, den Angehörigen der niederen Kasten und den Stammesangehörigen noch recht niedrig. Das bescheidene Niveau der "menschlichen Entwicklung" (Indien belegt nach dem neuesten Human Development Report von 2006 nur Rang 126 von 177 Ländern) ist vornehmlich den relativ dürftigen staatlichen Ausgaben und Diensten für Gesundheit und Bildung, ihrer nur mäßigen Ausrichtung auf die wirklich Bedürftigen und ihrer unzureichenden Qualität geschuldet.

Bildungssystem

Indien hat bildungspolitisch große Fortschritte vorzuweisen: Die Analphabetenquote ist deutlich auf etwa 35 Prozent gesunken, nahezu alle Kinder werden eingeschult, die einstmals erheblichen geschlechtsspezifischen Unterschiede beim Schulbesuch sind zumindest in den ersten fünf Schuljahren fast vollständig geschwunden. Im Übrigen verfügt das Land über sehr viele Universitäten und Hochschulen mit hohem Niveau (zu deren bekanntesten die Indian Institutes of Technology bzw. Management zählen) und bildet in etwa so viele IT-Spezialisten und Ingenieure aus wie die VR China.

Indien ist aber immer noch das Land mit den meisten Analphabeten auf der Erde und weist nach wie vor erhebliche regionale Unterschiede bei der Einschulung, dem Schulbesuch von Mädchen und von Kindern unterprivilegierter Kasten und Schichten sowie zwischen Stadt und Land auf. Beispielsweise besuchten im Jahr 2004 in Bihar nur 19,2 Prozent der Mädchen den Unterricht in Klasse 6 bis 8, in Kerala 91,5 Prozent. Die Bildungsausgaben des indischen Staates sind nicht gerade üppig (im Haushaltsjahr 2006/07 4,2 Prozent des BIP), weit weniger als für die dauerhafte wirtschaftliche Dynamisierung des Landes notwendig ist. Überdies bestehen sie zu 95 Prozent aus Gehältern für die Lehrkräfte, so dass für Lehrbücher und -materialien oder den Unterhalt entsprechend wenig übrig bleibt. Die staatlichen Ausgaben konzentrieren sich zudem (pro Kopf) in allerdings abnehmendem Maße auf die Hochschulen.

Die Qualität der indischen Schulbildung ist vergleichsweise niedrig. Im Grundschulbereich liegt das häufig daran, dass die Lehrer-Schüler-Relation sehr ungünstig ist (in Indien insgesamt 1:49) und dass selbst primitive Lernmittel nicht zur Verfügung stehen. Beispielsweise besitzt die Hälfte der Grundschulen keine Bibliothek, viele verfügen nicht einmal über eine Wandtafel. Die Ausbildung der Lehrkräfte, vor allem im Primarbereich, war früher miserabel, hat sich inzwischen aber deutlich verbessert. Die meisten Unionsstaaten verlangen einen zwölfjährigen Schulbesuch und ein zweijähriges Vorbereitungsseminar von ihren Grundschullehrkräften. Indische Lehrerinnen und Lehrer werden allerdings in ihren Unterrichtsfächern nach Abschluss ihrer Ausbildung kaum weiter ausgebildet und erlernen auch selten moderne Unterrichtsmethoden. Schlimmer aber ist ihr unregelmäßiger Arbeitseinsatz: Bei landesweiten Stichproben wurde nur die Hälfte beim Unterricht angetroffen. Diese häufige Abwesenheit hängt nicht in erster Linie mit den Gehältern zusammen, die ein Auskommen durchaus ermöglichen. Vielmehr ist sie eine Folge des zentralisierten Schulsystems und damit geringer Einflussmöglichkeiten durch die Nutzer sowie der starken Durchsetzungsfähigkeit der gewerkschaftlich gut organisierten Lehrer sowie offenkundiger Motivationsprobleme, die etwa mit unattraktiven Einsatzgebieten und mit der Überlastung durch zu große Klassen erklärt werden können.

Deutlichstes Indiz mangelnder Qualität sind die hohen Wiederholer- und Abbrecherquoten. Bis Klasse 5 scheiden 34 Prozent der eingeschulten Kinder aus, bis Klasse 8 52,8 Prozent. Auch hier schwanken die Zahlen regional und nach sozialen Schichten erheblich. Viele Kinder gehen so früh ab, dass sie die gewonnenen rudimentären Kenntnisse nicht nutzen können. Auch erlangten mehreren großen repräsentativen Studien zufolge nach Abschluss der Schulzeit nur die Hälfte der indischen Schülerinnen und Schüler die stufenspezifisch erforderlichen Qualifikationen. Von den Schülern in Klasse 8 konnten zum Beispiel 30 Prozent relativ einfache Divisionsaufgaben nicht lösen. Daher halten viele arme Eltern die Ausgaben für die schulische Ausbildung für unrentabel und schicken ihre Kinder eher auf Arbeitssuche oder stellen sie zur Beaufsichtigung ihrer Geschwister ab. Denn auch wenn der Besuch staatlicher Schulen frei ist, fallen einige Kosten an, etwa Ausgaben für Bücher, Schreibutensilien, Schuluniformen und den Transport zur Schule. Dazu kommt das entgangene Einkommen durch alternativ mögliche Kinderarbeit. Zwar haben die meisten Unionsstaaten allerlei Programme aufgelegt, bieten beispielsweise Lehrmittelfreiheit, Schulstipendien und -speisungen an, diese decken aber nicht die Gesamtkosten und erreichen nur einen kleineren Teil der Berechtigten. Der unterdurchschnittliche Schulbesuch der Mädchen erklärt sich darüber hinaus aus dem fehlenden Interesse vieler Familien, in ihren weiblichen Nachwuchs zu investieren.

Sprachrohr für Straßenkinder

Saddam ist stolz, wenn er seine Stimme aus dem Lautsprecher hört. Dann setzt der Zwölfjährige sich aufrecht hin [...] und sieht sehr zufrieden aus. Das bin ich, scheint er sagen zu wollen, hört hin, was ich zu erzählen habe. "Kinderarbeit ist wichtig für uns", schallt seine Stimme blechern aus der Anlage. "Wir müssen doch arbeiten, um zu überleben." [...] Saddam ist ein Straßenkind. Seit drei Jahren lebt er in Indiens Hauptstadt Neu Delhi, sammelt Lumpen und Altpapier, um Geld für ein wenig Essen und einen Schlafplatz zu verdienen. Doch seit einem halben Jahr hat Saddam noch eine ganz andere Aufgabe: Er macht mit beim "Butterflies Broadcasting Children", einem Radiosender für Straßenkinder.
Die Mängel des eigenen Bildungswesens sind der politischen Elite des Landes natürlich nicht verborgen geblieben. 1986 setzte sie die Nationale Bildungspolitik (National Education Policy, NEP) in Gang. Diese zielte mit Schwerpunkt auf die Grundschulbildung und Alphabetisierung, speziell unter den Frauen und in den rückständigen Regionen. Die Zentralregierung brachte hierzu eine Reihe bezuschusster, von den Bundesstaaten verwalteter Programme auf den Weg. Am bekanntesten wurde die Operation Blackboard, bei der es um die bessere Grundausstattung der Primarschulen, die Einstellung neuer, vorwiegend weiblicher Lehrkräfte und die Einrichtung neuer Lehrerbildungszentren auf dem Lande ging. Zwei Jahre später lief eine nationale Alphabetisierungskampagne an, die im Wesentlichen von Freiwilligen getragen wurde, und 1992 folgte das District Primary Education Programme, das sich auf die Distrikte mit unterdurchschnittlichen weiblichen Alphabetisierungsraten konzentrierte und größtenteils durch dieDorf- und Distrikträte, also partizipatorisch, umgesetzt wurde. Schließlich folgte im Jahr 2000 das landesweite Bildungsprogramm Sarva Shiksha Abhiyan ("Bildung für alle"), das allen Kindern zwischen sechs und 14 Jahren den Schulbesuch ermöglichen soll. Es wird durch einen Zuschlag auf alle Steuern in Höhe von zwei Prozent finanziert und soll eine deutliche Verringerung der Abbrecherquoten und den Aufbau von Kinderkrippen bewirken, damit vor allem Mädchen von der Hausarbeit befreit werden. Flankiert ist das Programm von einer angestrebten deutlichen Erhöhung der staatlichen Bildungsausgaben auf sechs Prozent des BIP und von einer Verfassungsänderung, die 2002 Bildung für alle Kinder zu einem Grundrecht erhob, das durch künftige unionsstaatliche Gesetze auch einklagbar gemacht werden soll.

Wenn Indien nachhaltiges wirtschaftliches Wachstum erreichen will, genügt es jedoch nicht allein, die Grundschulen auszubauen, vielmehr ist ein effizientes, an den Bedürfnissen von Wirtschaft und Gesellschaft orientiertes System der höheren Bildung erforderlich. Hier bestehen derzeit die wohl größten Probleme. Bei den Sekundarschulen hat zuerst eine vergleichsweise ungeplante und staatlicherseits unzureichend überwachte Privatisierung stattgefunden. Mittlerweile sind 58 Prozent der Sekundarschulen privat, mit der Folge, dass sich die etwas wohlhabenderen Schichten aus dem staatlichen Bildungswesen verabschieden und an seiner Effektivierung kein sonderliches Interesse zeigen. Völlig defizitär ist das indische System der Berufsbildung. Dieses durchlaufen nur etwa 4,5 Prozent der Jugendlichen, weniger als in vergleichbaren Ländern und viel zu wenig, um international technologisch Anschluss zu halten. Immerhin wurden seit 2004 bisher100 Industrial Training Institutes eingerichtet, wennauch weitgehend ohne Beteiligung der Industrie.

Nach der Zahl der Studierenden verfügt Indien über das drittgrößte System höherer Bildung auf der Welt, nach der Zahl der staatlichen Universitäten (348) und der diesen zumeist angeschlossenen Colleges (17 625) sogar über das größte. Die staatlichen Ausgaben für die Hochschulen sind aber recht dürftig. 2004 machten sie insgesamt 0,5 Prozent des BIP aus, pro Kopf sind sie in den letzten zwei Jahrzehnten nicht gestiegen und bestehen zu über 90 Prozent aus Gehältern. Angesichts staatlicher Mittelknappheit, der durch die Reservierungsmaßnahmen geschaffenen Knappheit an Ausbildungsplätzen für bestimmte Gruppen und auch wegen des Interesses von Politikern an der Gründung und Fernsteuerung von Hochschulen sind private Institutionen nach 2000 geradezu aus dem Boden geschossen. So sind im kleinen Bundesland Chhattisgarh nach 2000 108 private Hochschulen gegründet worden. Vor allem in den attraktiven, marktnahen Fächern wie Ingenieurwissenschaften, Medizin und Management fand ein regelrechter Rückzug des Staates statt, noch verstärkt durch die Tatsache, dass junge Leute aus wohlhabenden Familien in wachsendem Maße im Ausland studieren. Die von der BJP geführte Regierung schob der Privatisierungswelle schließlich durch gesetzliche Regelungen einen Riegel vor. Abgesehen von den erstklassig ausbildenden zentralstaatlichen Universitäten und Hochschulinstituten ist die Qualität der Hochschulbildung eher mäßig. Die staatlichen Hochschulen haben sich als weitgehend reformresistent erwiesen, die Einstellung der Professoren, die kaum einer Leistungskontrolle unterliegen, erfolgt überwiegend nach politischen Kriterien. Da auch der Fächermix nicht eben bedarfsgerecht ist, weil immer noch 50 Prozent der Studierenden in geisteswissenschaftlichen, je 20 Prozent in naturwissenschaftlichen Fächern und Betriebswirtschaft eingeschrieben sind, ist die Arbeitslosigkeit unter Graduierten mit 17,2 Prozent beträchtlich.

Gesundheitswesen

Ähnliche Defizite wie die Bildung weist der Gesundheitsbereich auf. Indien konnte zwar in den letzten 25 Jahren die durchschnittliche Lebenserwartung wesentlich erhöhen (sie stieg von 1970 bis 2004 von 50 auf 63 Jahre) und die Kindersterblichkeitsrate von 134 auf 60 je 1000 Geburten senken, die gesundheitlichen Werte streuen aber regional, sozial und nach Geschlecht erheblich und haben sich mitunter (etwa bei der Unterernährung) in den letzten Jahren kaum noch verbessert. Ein großer Teil der Bevölkerung leidet unter vermeidbaren Infektionen wie Tuberkulose und Malaria; neue und kostspielige medizinische Herausforderungen wie Herzkrankheiten, Krebs, AIDS und psychische Krankheiten nehmen zu. Die indische Regierung verfolgt seit geraumer Zeit das Ziel, primäre Gesundheitsversorgung als Grundrecht durchzusetzen, die politische Rhetorik stand aber stets im Kontrast zu den geringen Mitteln, die dafür mobilisiert wurden. 2004 entfielen 0,9 Prozent des BIP auf Gesundheitsausgaben. Für den öffentlichen Bereich, der im Wesentlichen die Stationen zur gesundheitlichen Primärversorgung, Krankenhäuser, Programme der Familienplanung und die Seuchenbekämpfung abdeckt, werden nur 20 Prozent der gesamten Gesundheitsausgaben aufgewendet, ein rekordverdächtig niedriger Anteil. Davon wiederum absorbieren die Gehälter des medizinischen Personals zwischen 70 und 90 Prozent, so dass entsprechend wenig für die Beschaffung von Medikamenten und den Unterhalt übrig bleibt. Gesundheitsfürsorge ist Aufgabe der Einzelstaaten, ergänzt durch programmbezogene Zuschüsse der Zentrale, die auch als Kanal für ausländische Hilfe in diesem Bereich fungiert.

Die Verteilung der öffentlichen Gesundheitsausgaben ist zudem sehr ungleich, konzentriert sich auf die Städte und die größeren Krankenhäuser sowie auf die in sozialer Hinsicht ohnedies schon Bessergestellten. Dazu kommt die geringe Qualität des staatlichen Gesundheitswesens. Bei größeren stichprobenartigen Untersuchungen waren nur etwa 45 Prozent des medizinischen Personals anwesend und verordneten in der Hälfte der Fälle objektiv schädliche Therapien. Hinzu kommt eine ständige Knappheit an Medikamenten; es verwundert daher nicht, dass selbst Arme in Indien zumeist die privat praktizierenden Ärzte aufsuchen. Der private Gesundheitsbereich ist ausgesprochen dynamisch. Das Hauptproblem dabei besteht darin, dass er großteils unlizenziert wächst und kaum überwacht wird. Entsprechend unterschiedlich ist das Niveau der praktizierten Heilkunst; am geringsten ist es bei den nicht staatlich ausgebildeten Heilkundigen, die hauptsächlich von den Armen aufgesucht werden.In etlichen Unionsstaaten bedarf es immer noch keiner staatlichen Registrierung privater Krankenhäuser. Sie halten zuweilen noch nicht einmal Patientenberichte oder Daten über ihre Behandlungserfolge vor und zeichnen sich durch zu häufige und teure Operationen aus. Ganz offensichtlich ist die Verteilung bei den privaten Gesundheitsdiensten noch ungleicher als bei den öffentlichen.

Armutsbekämpfung

Bereits unmittelbar nach der Unabhängigkeit lancierte die Regierung in kurzer Folge verschiedene Projekte zur Armutsbekämpfung, darunter auch das Community Development Programme zur Finanzierung ländlicher Entwicklungsprogramme. Später versuchte man der Armut auf dem Lande durch Land- und Pachtreformen zu begegnen, die in den Unionsstaaten unterschiedlich ernsthaft betrieben wurden und denen die Nahrungsmittelnot in den 1960er Jahren ein vorläufiges Ende setzte. Daraufhin begann eine zweite Phase der Armutsbekämpfung, die auf direkte Einkommensverbesserung der armen ländlichen Bevölkerung über Beschäftigungsmaßnahmen bzw. einkommenssteigernde Investitionen zu vergünstigten Kreditbedingungen zielte ("Integriertes landwirtschaftliches Entwicklungsprogramm" und "Nationales ländliches Beschäftigungsprogramm"). Hinzu kam für alle die Ausgabe verbilligter Nahrungsmittel über das Public Distribution System. Im Grunde waren dies alles Maßnahmen, die das Los der Armen bessern sollten, ohne an den Macht- und Vermögensstrukturen zu rütteln. In den 1990er Jahren hoffte man dann, dass die Wirtschaftsreformen sich auch auf die Einkommen der Armen positiv auswirken würden.

Vom "Integrierten landwirtschaftlichen Entwicklungsprogramm" haben viele arme Familien profitiert. Es wurde regional jedoch unterschiedlich effektiv umgesetzt - am besten in den schon prosperierenden Unionsstaaten - und nützte vor allem jenen Kleinbauern, die ausreichend motiviert und befähigt waren, um sich auf eigene Füße zu stellen. Den Landlosen kam es von seiner Natur her eher weniger zugute. Die Streueffekte zugunsten der Nichtbedürftigen waren beachtlich, die Rückflussquote der Kredite war bescheiden. Viele Nutznießer hatten schon nach wenigen Jahren ihre Investitionsgüter entweder verloren oder verkauft. Die ländlichen Beschäftigungsprogramme bieten der armen Landbevölkerung in Notzeiten Arbeit zu Löhnen etwas unterhalb des Marktniveaus. Damit wird der Bau von Schulen, ländlichen Verkehrswegen und Bewässerungseinrichtungen finanziert, also von Anlagen, die auch den Armen nützen könnten. Trotz ihres großen Umfangs haben die zentral finanzierten Beschäftigungsprogramme nur einen geringen Einfluss auf das Angebot von Arbeitsplätzen auf dem Lande gehabt, die durchgeführten Projekte waren oft von minderer Qualität und die Streuverluste erheblich. Die neue, von der Kongresspartei geführte Regierung hat 2005 ein sehr viel breiter angelegtes Beschäftigungsprogramm aufgelegt, das zunächst in 200 besonders rückständigen Distrikten erprobt wird und bis 2010 auf ganz Indien ausgedehnt werden soll. Im Gegensatz zu seinen Vorläufern beinhaltet es einen Rechtsanspruch auf Beschäftigung für 100 Tage pro Jahr für jeweils eine Person ländlicher Haushalte, die sich dafür bewerben. Ausgezahlt wird jeweils der geltende Mindestlohn. Das Programm finanziert Gemeinschaftsvorhaben, die von den lokalen Dorf- und Distriktsräten ausgewählt werden. Nicht ganz unproblematisch sind die geschätzten Kosten eines nationalen Programms, die sich auf immerhin 1,7 Prozent des BIP belaufen sollen.

Der Abgabe subventionierter Lebensmittel durch die Fair Price Shops kann man zwar zubilligen, dass sie die unionsstaatlichen Unterschiede im Konsumniveau der Armen eingeebnet und mit Sicherheit auch dazu beigetragen hat, Hungersnöte der Vergangenheit abzuwenden. Die Armen haben aber nur einen Bruchteil ihrer Lebensmittel, schätzungsweise ein Sechstel, über dieses System bezogen, weil diese bei den staatlichen Läden nur in Monatsrationen abgerechnet wurden und entsprechend zu bezahlen waren. Daher mussten die Armen auf dem privaten Markt zukaufen, wo sich das Preisniveau durch die staatliche Vorratshaltung zwangsläufig erhöht hatte. In einzelnen Bundesstaaten war die Bedarfsdeckung deutlich besser (etwa in Kerala), sie hat dann aber auch erhebliche Haushaltsmittel absorbiert. Die Verlustquoten des Systems - auch durch illegale Verkäufe der subventionierten Nahrungsmittel auf dem freien Markt - waren und sind trotz Versuchen zu besserer Zielgruppenerfassung beachtlich.

Joachim Betz

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