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2.11.2007

Außenpolitik

Indien strebt global nach größerem internationalen Prestige. Dazu zählt auch der Atomwaffenbesitz. Gegenüber den Nachbarstaaten in Südasien zeigt sich das Land als regionale Großmacht.

Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel, links, wird von Indiens Premierminister Manmohan Singh, Zentrum, begrüßt, wärend ihres Besuchs im Präsidentenpalast in Neu Delhi, Indien. (© AP)


Einleitung

Die Außen- und Sicherheitspolitik ist in Indien immer ein Bereich gewesen, der die breite Öffentlichkeit vergleichsweise wenig interessierte; hier konnten der Regierungschef und seine Berater meist relativ unabhängig agieren. Will man die Konstanten dieser Politik beschreiben, so fällt zunächst das seit der Unabhängigkeit zu beobachtende Streben nach regionalem Großmachtstatus ins Auge. Indien strebt aber auch nach Zuwachs an weltpolitischer Bedeutung etwa durch einen ständigem Sitz im UN-Sicherheitsrat, wie ihn der Rivale China innehat. Weltpolitisches Gewicht verspricht sich Indien auch durch die Offenhaltung der nuklearen Option und - damit verbunden - durch das Heraushalten "raumfremder" Mächte aus dem eigenen Sicherheitsbereich, der seit den 1980er Jahren sehr weiträumig definiert wird und einen Großteil des Indischen Ozeans einschließt. Diese Grundpositionen werden von fast allen gesellschaftlichen Gruppierungen geteilt.

Haltung im Ost-West-Konflikt

Nach der Unabhängigkeit verfolgte Indien zunächst eine ausgesprochen idealistische Außenpolitik, die als Ziel eine friedliche Welt mit gegenseitiger Toleranz propagierte und - mit seiner führenden Rolle in der Bewegung der Blockfreien - einen dritten Weg jenseits der Konfrontation der Supermächte suchte. Blockfreiheit sollte Indien aber auch außenpolitische Ungebundenheit verschaffen sowie gleichzeitig die Möglichkeit eröffnen, sich im Einzelfall allein an den eigenen Interessen auszurichten. Doch sollte die indische Version der Blockfreiheit schon bald eine vergleichsweise prosowjetische Schlagseite bekommen, begünstigt auch durch die staatswirtschaftliche Ausrichtung der indischen Entwicklungsstrategie und die amerikanische Aufrüstung Pakistans.

Die kleinen Nachbarn Indiens wurden in das von den Briten übernommene Sicherheitssystem integriert. Mit der Führung der VR China bestand Einigkeit in der antikolonialistischen Ausrichtung. Dies wurde durch Abschluss eines Freundschaftsvertrages über Nichteinmischung und friedliche Konfliktbeilegung untermauert. Überproportionale eigene Rüstungsanstrengungen schienen zunächst fast entbehrlich. Das sollte sich 1962 mit dem indisch-chinesischen Grenzkrieg deutlich ändern, dem auch bald eine Annäherung zwischen Pakistan und der VR China folgte. Diese beiden Staaten kamen 1963 zu einer bilateralen Regelung der Grenzfrage. Die von Großbritannien noch zu Kolonialzeiten zur indisch-chinesischen Grenze erklärte McMahon-Linie wurde von China weiterhin nicht anerkannt. Abschlägig beschiedene Wünsche nach Lieferung modernen Kriegsgeräts durch die USA führten Indien bald noch stärker an die Seite der Sowjetunion, mit der sich auch der Handelsaustausch intensivierte.

Im indisch-pakistanischen Krieg von 1965 hielt sich die VR China zurück, die USA belegten die Kontrahenten mit einem Waffenembargo, und die Sowjetunion vermittelte vergleichsweise unparteiisch bei den Friedensverhandlungen von Taschkent; indische Einkreisungsängste erwiesen sich als unbegründet. Sie intensivierten sich jedoch erneut, als sich Ostpakistan vom Westteil 1971 abzuspalten begann und bis zu zehn Millionen Menschen nach Nordostindien flohen. In diese gespannte Situation platzte die Nachricht der amerikanisch-chinesischen Annäherung. Die indische Regierung sah sich zum Abschluss eines Vertrages über Frieden, Freundschaft und Zusammenarbeit mit der Sowjetunion genötigt, der im Angriffsfalle sofortige Konsultationen - allerdings keinen automatischen Beistand - vorsah und nur bei großzügiger Interpretation noch dem Kriterium von "Blockfreiheit" genügte. Nach dem militärischen Sieg über die im Osten kämpfende westpakistanische Armee im Dezember 1971, dem die Unabhängigkeit Ostpakistans als neuer Staat Bangladesch folgte, bemühte sich die indische Regierung daher wieder um stärkere außenpolitische Neutralität. Das sollte sich 1979 mit der sowjetischen Intervention in Afghanistan wieder ändern. Indien enthielt sich bei deren Verurteilung in den Vereinten Nationen der Stimme, da der indischen Regierung ein pakistanfeindliches Afghanistan sehr gelegen kam und im Übrigen auch bald eine amerikanisch-pakistanische Wiederannäherung einsetzte. Diese Periode brachte aber der indischen Außenpolitik einen beträchtlichen Prestigeverlust. Er wurde verstärkt durch gegenüber den kleineren Nachbarn an den Tag gelegte Großmachtallüren, deren sichtbarer Ausdruck die "Indira-Doktrin" (1983) war. Sie besagte, dass die Nachbarn bei der Lösung interner Konflikte nur die Hilfe Indiens, nicht aber die raumfremder Mächte beanspruchen durften.

Kurskorrekturen seit Ende der 1980er Jahre

Der Zusammenbruch der sozialistischen Staaten und das Ende der Blockkonfrontation veränderten die jahrzehntelangen Grunddeterminanten der indischen Außenpolitik. Mit den Genfer Friedensverhandlungen über Afghanistan 1988 begann der Wert Pakistans als strategischer Sicherheitspartner für die USA zu sinken; parallel dazu verlor Indien für die Sowjetunion an Bedeutung, verstärkt nach deren Aussöhnung mit China. Die danach einsetzende Entspannung zwischen den beiden Supermächten und ihre Abrüstungsbemühungen standen im Gegensatz zur fortgesetzten Aufrüstung und Weigerung Indiens, dem Atomwaffensperrvertrag beizutreten, weil dieser Indien den Besitz und die Weiterverbreitung von Atomwaffen verboten hätte. Mit der Entspannung verringerte sich auch das Gewicht der Blockfreienbewegung; Indien verlor damit eines seiner wichtigsten außenpolitischen Foren. Schließlich brachte der wirtschaftliche Zusammenbruch der vormals sozialistischen Staaten den beiderseitigen Austausch zum Erliegen und beendete die devisenschonenden russischen Rüstungslieferungen. Die offizielle indische Außenpolitik hat auf diese neue Lage zunächst hilflos reagiert, entschied sich aber zu einer doch deutlichen Kurskorrektur - parallel zur wirtschaftlichen Öffnung. Dies betraf vor allem die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Zunächst wurde eine Verbesserung der militärischen Zusammenarbeit angekündigt, die sich in verstärkten indischen Rüstungskäufen, gegenseitigen Besuchen von Militärdelegationen, in gemeinsamen Flottenübungen und - Anfang 1995 - in einem bilateralen Sicherheitsabkommen niederschlugen. Fortgesetzte amerikanische Kritik aufgrund von Menschenrechtsverletzungen in Kaschmir sowie die indische Weigerung zur Zeichnung des Atomwaffensperrvertrages und des nuklearen Teststoppabkommens sorgten allerdings für Irritationen.

Die indischen Nukleartests 1998 erfolgten im Wesentlichen deshalb, weil die indische Regierung den Atomwaffenbesitz aus Gründen des internationalen Prestiges anstrebte. Die Entscheidung für den Zeitpunkt fiel vermutlich in der Endphase der Verhandlungen über ein internationales Teststoppabkommen, dessen Inkrafttreten insbesondere die VR China von der Zustimmung Indiens abhängig gemacht hatte.

Die Tests wurden von den USA und anderen Staaten mit Wirtschaftssanktionen beantwortet, die aber das nuklear nachziehende Pakistan mehr schmerzten als Indien und auch bald wieder aufgehoben wurden. Dadurch und durch die Bereitschaft der indischen Regierung zu wiederholten bilateralen Gesprächen mit den USA über die eigene Nuklearpolitik - wobei auch die Bereitschaft zur Zeichnung des Teststoppabkommens signalisiert wurde - begannen sich die Beziehungen wieder zu verbessern. Im März 2000 kam es zu einem Staatsbesuch Präsident Clintons, bei dem sich die amerikanische Seite den indischen Standpunkt in der Kaschmirfrage zu eigen machte und zwischen den "natürlichen Verbündeten" USA und Indien eine "strategische Partnerschaft" vereinbart wurde. Die USA akzeptierten in späteren Gesprächen erst einmal die indischen Vorstellungen einer nuklearen Mindestabschreckung, auch wenn deren Umfang nicht festgelegt wurde. Mit dem nach September 2001 einsetzenden amerikanischen Antiterrorkampf verlor die Nuklearfrage als Problem der indisch-amerikanischen Beziehungen zunächst an Bedeutung. Indien versuchte, sich als verantwortliche Nuklearmacht zu profilieren, verzichtete auf weitere Tests sowie auf den Ersteinsatz von Atomwaffen und betrieb eine strikte Politik der Nichtweiterverbreitung, obwohl es dem Atomwaffensperrvertrag nicht beigetreten war. Tatsächlich haben die Tests Indiens internationales Prestige gehoben.

Bei seinem Besuch in Indien im März 2006 würdigte der US-Präsident George W. Bush Indien als Weltmacht und schloss ein Atomabkommen, nach dem die USA nach mehr als 30-jährigem Boykott wieder Atomtechnologie und Nuklearmaterial zur zivilen Nutzung an Indien liefern wollen, während Indien einen Teil seiner Nuklearanlagen internationaler Inspektion öffnet. Die USA erklärten zudem ihre Bereitschaft, Indien Investitionen in den Bereichen Biotechnologie und Landwirtschaft sowie Kampfflugzeuge zukommen zu lassen.

Energie und Prestige durch Atomkraft

Das Bhabha Atomforschungszentrum in Trombay, einem Vorort von Bombay, thront wie ein Schrein erhaben am Ufer des Arabischen Meeres. Schlanke Türme flankieren das würfelförmige Hauptgebäude und die strahlend weiße Kuppel. [...] Das Forschungszentrum, wo Kernreaktoren Plutonium produzieren, gilt in Indien als Tempel der Wissenschaft. Die Bevölkerung verehrt die Nuklearforscher fast mit fanatischem Eifer. Aus westlicher Sicht ist das schwer nachzuvollziehen, zumal viele Inder nicht zwischen militärischer und ziviler Nutzung unterscheiden. Amartya Sen, der indische Wirtschaftsnobelpreisträger, sagt, selbst die Atombombe werde mit fast schon religiöser Inbrunst angebetet.
Auch aus nichtmilitärischen Gründen verbesserten sich die Beziehungen zwischen Indien und den USA deutlich. Die Vereinigten Staaten sind, bedingt durch die wirtschaftliche Liberalisierung Indiens, mittlerweile zum größten Handelspartner und einem wichtigen Investor geworden. Die Zahl der überdurchschnittlich gut ausgebildeten und finanziell ausgestatteten indischstämmigen Minderheit in Amerika hat sich erheblich erhöht und soll bis 2015 auf fünf Millionen Personen steigen. Ihr Einfluss wird gestärkt durch den so genannten India Caucus im amerikanischen Kongress, der zur Zeit 118 Abgeordnete zählt.

Das Verhältnis zu Russland hat sich wieder verbessert, entbehrt allerdings der früheren Herzlichkeit. Ein wesentliches Problem der indisch-russischen Beziehungen, die im bilateralen Handel (hauptsächlich Öl und Rüstungsgüter gegen indische Fertigwaren) aufgelaufenen Altschulden Indiens, konnte bei einem Staatsbesuch Boris Jelzins 1993 mit einer für Indien relativ günstigen Regelung bereinigt werden. Dieser Besuch brachte auch die Unterzeichnung eines Vertrages über Freundschaft und Zusammenarbeit, der sich im Gegensatz zum Vertrag von 1971 aber nicht gegen Dritte richtet. Kurze Zeit später wurde auch die indisch-russische Rüstungskooperation wieder aufgenommen. Moskau zeigte wenig Verständnis für die indischen Nukleartests 1998, bestrafte diese jedoch nicht mit Sanktionen, sondern bemühte sich eher, die negative internationale Reaktion gegen Indien zu dämpfen. Beim Staatsbesuch Präsident Wladimir Putins im Herbst 2000 wurde eine "strategische Partnerschaft" zwischen Russland und Indien vereinbart und die Rüstungskooperation ausgeweitet.

Verhältnis zu China

Auch die Beziehungen Indiens zu China entspannten sich in den 1990er Jahren. Im September 1993 wurde ein Abkommen zur Entschärfung des Grenzkonflikts vereinbart, in dem sich beide Staaten zur Reduktion der in den umstrittenen Gebieten stationierten Truppen verpflichten. Dieses Abkommen wurde 1996 noch weiter präzisiert. Für fortgesetzte Irritationen sorgte aber die Rüstungs- und Nuklearkooperation Chinas mit Pakistan, die Aufstellung von (zwangsläufig gegen Indien) gerichteten Raketenstellungen in Tibet, die Installierung von Abhöranlagen in Myanmar sowie der dort geplante Ausbau einer chinesischen Marinebasis. Indien umwarb im Gegenzug Vietnam im Hinblick auf Rüstungskooperation und Sicherheitsabkommen und versuchte Chinas wirtschaftlichen Einfluss in Südostasien einzudämmen. Das Grundproblem der Konkurrenz um internationalen Status und Dominanz in der Region des Indischen Ozeans besteht also weiterhin. China gilt als langfristig größte Bedrohung für das eigene Land, die Ausübung der nuklearen Option wurde seitens der indischen Führung auch ausdrücklich mit Verweis auf eine mögliche atomare Bedrohung durch den großen Nachbarn gerechtfertigt.

Nachdem sich die Aufregung über die indischen Atomtests in Peking gelegt hatte, fanden wieder häufigere Treffen der chinesisch-indischen Arbeitsgruppe zur Demarkierung der gemeinsamen Grenze statt. Ein Zeichen der Annäherung stellte auch die Wiedereröffnung des 1962 geschlossenen Nathu-La-Gebirgspasses zwischen Tibet und dem indischen Bundesstaat Sikkim im Juli 2006 dar. Eine endgültige Lösung der Grenzfrage ist aber noch nicht in Sicht. China versucht nach wie vor durch Rüstungshilfe für Pakistan, Indien in seinem außenpolitischen Wirken zu beschränken, unterstützt auch dessen Wunsch nach einem ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat nicht und fürchtet gleichzeitig, dass Indien von den USA als Konkurrent aufgebaut wird. Zudem hat sich der Wettbewerb der beiden Staaten um sichere Rohstoffquellen verschärft. Es bestehen aber durchaus auch Gemeinsamkeiten: Die chinesische Führung ist davon abgerückt, stets Pakistans Standpunkt in der Kaschmirfrage zu unterstützen, und der bilaterale Handel wächst im raschem Tempo.

Einfluss auf dem Subkontinent

Um Indiens Politik gegenüber seinen Nachbarn zu verstehen, muss man sich zunächst das übermäßige wirtschaftliche, geographische und demographische Gewicht Indiens in Südasien vor Augen führen. Das Land hat einen Anteil von jeweils etwa drei Viertel der Landfläche, der Bevölkerung und der Wirtschaftskraft Südasiens, woraus sich Dominanzängste der Nachbarn ergaben. Umgekehrt befürchtete Indien, diese könnten sich untereinander zusammenschließen oder auswärtige Unterstützung suchen, um das indische Übergewicht zu kompensieren. Die unterschiedliche politische und wirtschaftliche Entwicklung auf dem Subkontinent verhinderte trotz kultureller Gemeinsamkeiten und ähnlicher Entwicklungsprobleme lange andernorts praktizierte Ansätze zur regionalen Kooperation. Südasien galt daher als Region ohne Regionalismus. Dazu kam, dass Indien aufgrund seiner zentralen Lage und grenzüberschreitender Minderheitenprobleme zwangsläufig in alle internen Konflikte seiner Nachbarn hineingeriet. Zuletzt betrachtete Indien ganz Südasien als seine natürliche Sicherheitszone und pflegte auch bescheidene, auf außen- und sicherheitspolitische Autonomie zielende Bestrebungen seiner Nachbarn oft harsch zu beantworten.

Konflikt mit Pakistan

Pakistan als zweitgrößter Staat der Subregion konnte sich dem indischen Einfluss am ehesten entziehen. Entsprechend konfliktgeladen war und ist - mit deutlicher Tendenz zu einer Entspannung - das beiderseitige Verhältnis. Der Ursprung des indisch-pakistanischen Gegensatzes, der bislang zu drei größeren bewaffneten Konflikten führte, liegt in den sich verschlechternden Beziehungen zwischen Hindus und Muslimen zum Ausgang der Kolonialzeit, die zur Teilung Britisch-Indiens in zwei Staaten mit unterschiedlicher Staatsphilosophie führten. Die politische Elite Pakistans propagierte die so genannte Zwei-Nationen-Theorie, derzufolge die Muslime aufgrund ihrer kulturellen Besonderheiten eine eigene Nation darstellten; der Islam bildete das Bindeglied des neu entstandenen, ethnisch und sprachlich stark zersplitterten pakistanischen Staates. Indiens politische Führer wiederum hatten aufgrund der noch größeren gesellschaftlichen Zerklüftung ihres Landes gar keine Alternative zu einem säkularen Staatsverständnis. Materieller Hauptstreitpunkt und dauerhafter Belastungsfaktor der bilateralen Beziehungen war und ist der Konflikt um Kaschmir, das zum Zeitpunkt der Unabhängigkeit wegen seiner mehrheitlich muslimischen Bevölkerung aus religiösen Gründen von Pakistan, aus strategischen von Indien beansprucht wurde. Um seine Ansprüche durchzusetzen, half Pakistan während interner Wirren in Kaschmir 1947 mit der Einschleusung von "Freiwilligen" nach, der so unter Druck gesetzte Fürst richtete ein Anschlussbegehren an Indien. Auf Druck Großbritanniens hin wurde aber die Abhaltung einer Volksabstimmung versprochen. Ein Waffenstillstand beließ den größeren und attraktiveren Teil bei Indien, der sukzessive in die Verwaltung des Landes eingegliedert wurde. Das Referendum wurde mit dem Hinweis auf den in den (Landtags-)Wahlen geäußerten Willen der Bevölkerung zum Verbleib in der Indischen Union erst verschoben und später gänzlich verweigert. Pakistan gliederte seinen Landesteil ebenfalls ein und fand sich 1972 im indisch-pakistanischen Abkommen von Simla zwischenzeitlich zur ausschließlich bilateralen Verhandlung des Kaschmir-Problems bereit. Längere Zeit blieb es danach in Kaschmir ruhig.

Konfliktregion Kaschmir

Das änderte sich erst wieder, als sich dort Ende der 1980er Jahre landesweite, separatistisch inspirierte Unruhen auszubreiten begannen, die ihre Ursache in der politisch inszenierten Aushebelung der Landesregierung durch Indira Gandhi sowie steigender Arbeitslosigkeit hatten. In Ablenkung von hausgemachten Problemen wurde Pakistan - nicht zu Unrecht - beschuldigt, die Unruhen zu schüren und vor allem die Separatisten zu bewaffnen bzw. ihnen Unterschlupf zu gewähren. Der Bundesstaat verwandelte sich schließlich in ein Heerlager mit einer Armeepräsenz von 300.000 Mann, in dem die bürgerlichen Freiheiten ausgesetzt wurden. Die begrenzten Erfolge dieser militärischen Pazifizierung führten in Indien einen langsamen Wandel herbei: Kommunalwahlen und Wahlen des Parlaments von Kaschmir wurden durchgeführt, die wieder zum Einsatz legitimierter politischer Vertretungen in diesem Bundesstaat führten, auch fand ein Teilabzug der stationierten Truppen statt. Im Mai 1999 ging von Pakistan die bisher letzte militärische Initiative aus: Nach einer Phase ausgeprägter bilateraler Entspannungsdiplomatie fielen etwa 1000 islamistische, offensichtlich vom pakistanischen Militär ausgerüstete Guerillas in die Region Kargil ein und besetzten dort strategisch bedeutsame Höhen. Die indische Seite reagierte militärisch hart, doch ohne die Grenze zu überschreiten, und trieb die Eindringlinge zurück. Pakistan sah sich international völlig isoliert - selbst China forderte zum Respekt der Kontrolllinie auf - und trat, auch auf amerikanischen Druck hin, den Rückzug an.

Seit dem Frühjahr 2003 hat sich das Verhältnis zwischen Indien und Pakistan eindeutig verbessert. Zu diesem Zeitpunkt reichte der indische Premierminister Vajpayee dem Nachbarland die Hand der Freundschaft und verzichtete auf die Forderung, dass Pakistan zunächst einmal den "grenzüberschreitenden Terrorismus" stoppen müsse, bevor über anderes verhandelt werden könne. In der Folge wurden die Konsulate in Karachi und Mumbai wieder eröffnet, ein grenzüberschreitender Busverkehr in Kaschmir eingerichtet und ein umfassender Dialog auch über Kaschmir vereinbart, welcher mittlerweile schon etliche Runden überstanden hat und eine überraschende Aufweichung der bisher starren Fronten in der Kaschmirfrage brachte.

Unabhängig von territorialen Interessengegensätzen ist der indisch-pakistanische Konflikt vor allem auch machtpolitischer Art. Die pakistanische Führung vermochte sich nie mit indischen Hegemonialansprüchen in Bezug auf die Region abzufinden, die sie bestenfalls zum Juniorpartner in einer vom Nachbarn dominierten Sicherheitszone gemacht hätten. Sie war daher bestrebt, die eigene Unterlegenheit durch Anlehnung an auswärtige Mächte zumindest teilweise zu kompensieren. Pakistan ließ sich daher in die westlichen Verteidigungsbündnisse (CENTO und SEATO) einspannen, wofür es mit modernem Kriegsgerät ausgestattet wurde. Dieses Muster setzte sich später nach der Afghanistan-Invasion der Sowjetunion fort, zuletzt im Zuge des amerikanischen Kampfes gegen den internationalen Terrorismus. Raumfremde Unterstützung bei der konventionellen - vermutlich auch der nuklearen - Aufrüstung erhielt Pakistan seit den 1960er Jahren auch von China, aktuell auf der Basis eines 2005 abgeschlossenen Freundschaftsvertrages.

Die beiden Kontrahenten haben sich einen jahrzehntelangen konventionellen und später nuklearen Rüstungswettlauf geliefert. Pakistan bewaffnete sich im Wesentlichen über Rüstungsimporte; Indien setzte von Beginn an auf Selbstversorgung aus eigenen Rüstungsunternehmen, ergänzt durch Lizenzproduktionen und Importe technologieintensiven Geräts. Entsprechend der größeren Wirtschaftskraft musste die indische Seite stets relativ weniger (gemessen am Bruttoinlandsprodukt oder den Haushaltsausgaben) aufwenden, um dennoch eine massive militärische Überlegenheit über Pakistan zu erlangen. Ähnliches gilt für den nuklearen Wettlauf. Beide Staaten haben ein Kernenergieprogramm vorangetrieben, dem eine glaubwürdige zivile Begründung fehlt. Indien ist aber auf nuklearem Gebiet eindeutig weiter vorangeschritten und beherrscht den ganzen Nuklearkreislauf, inklusive Wiederaufbereitungsanlagen und eines schnellen Brüters. Zur strategischen Stabilisierung einigten sich Indien und Pakistan 1989 auf ein Abkommen, die beiderseitigen Nuklearanlagen von eventuellen militärischen Angriffen auszunehmen. Nach den Nukleartests 1998 bot Indien dem Nachbarstaat verschiedentlich ein Abkommen zum Verzicht auf einen nuklearen Erstschlag an, das von pakistanischer Seite aber abgelehnt wurde, weil Pakistan auf den Einsatz von Atomwaffen zur Kompensation seiner konventionellen Unterlegenheit setzt.

Kein ganz gewöhnlicher Zug: der Samjhauta-Express

Jeden Abend kurz vor Sonnenuntergang schließen indische und pakistanische Elitetruppen die Grenze in Wagah. Sie schmeißen brutal das Eisentor zu, auf beiden Seiten angefeuert von Tausenden brüllenden Fanatikern. Über gigantische Boxen werden patriotische Songs ins Nachbarland geplärrt: "Lang lebe Mutter Indien" - "Lang lebe Pakistan, Superpower Allah". Am indisch-pakistanischen Grenzübergang Wagah findet statt, was ein indischer Journalist einmal als "Ritual des Wahnsinns" bezeichnet hat. Es ist ein [...] offensichtlich feindseliges Ritual, eine paranoide Macht-Show. Während sich Politiker beider Seiten immer wieder ihrer Freundschaft versichern, misstrauen sich die Völker nach wie vor.
Kleine Nachbarn

Die kleineren Nachbarn konnte Indien durch entsprechende Verträge leicht seiner Aufsicht unterwerfen; aber auch diese stellten sich mit ihren bescheideneren Mitteln der indischen Umklammerung entgegen. Sikkim wurde 1974 annektiert, das kleine Königreich Bhutan stellt praktisch einen Satellitenstaat dar. Ein ähnliches Schicksal schien auch Nepal beschieden. Es ist mit Indien durch einen Friedens- und Freundschaftsvertrag sowie einen Handels- und Transitvertrag (beide 1950) verbunden, die indischen Beistand für eine eventuelle Bedrohung Nepals sicherten und das Land indischem Handel öffneten. Die indische Regierung verstand sich auch verschiedentlich als Nachhilfelehrerin in Sachen Demokratie und unterstützte entsprechende Kräfte im Lande gegen den Monarchen.

Die Beziehungen mit Bangladesch waren zunächst wegen der indischen Geburtshilfe bei der Staatswerdung sehr herzlich; bald aber traten die alten Konflikte wieder in den Vordergrund: die Grenzziehung, das permanente Defizit Bangladeschs im bilateralen Handel, der Zustrom von Flüchtlingen, die angebliche Unterstützung nordostindischer Rebellen durch Bangladesch und vor allem der Streit um die Wasserverteilung des Ganges. Größter Stolperstein der Beziehungen blieb der Farakka-Staudamm, der 1969/70 fertiggestellt wurde und der - kurz vor der Grenze zu Bangladesch - erhebliche Anteile des Gangeswassers zur Erhaltung des Hafens Kolkata und zur Bewässerung in Westbengalen ableitete. Ende 1996 konnte ein 30 Jahre währender Vertrag über die Teilung des Gangeswassers abgeschlossen werden.

Ein prominentes Beispiel des indischen Interventionismus in der Nachbarschaft stellt das Eingreifen in den Bürgerkrieg auf Sri Lanka (früher Ceylon) dar. Indien wurde von diesem Konflikt insoweit berührt, als zwischen den Ceylon-Tamilen und jenen im südindischen Unionsstaat Tamil Nadu enge Beziehungen bestehen. Die dortige Landesregierung drohte mit einer Intervention zugunsten ihrer Glaubensbrüder, während die srilankische Regierung Israel und die USA um Unterstützung durch auswärtige Berater zur Niederschlagung der "Terroristen" ersuchte. Das wollte die indische Regierung nicht hinnehmen und drängte dem Nachbarn seine (allerdings konstruktiven) Vermittlungsversuche auf. Diese brachten jedoch keine dauerhaften Ergebnisse; als die Regierung in Colombo eine militärische Lösung des Konflikts suchte, griff Indien 1987 ein und nötigte den Nachbarn zu einem Abkommen, das die Entsendung einer umfangreichen indischen Friedenstruppe ermöglichte. Die indische Intervention sollte sowohl politisch wie militärisch scheitern, die Truppen konnten die Rebellen nicht unter ihre Kontrolle bringen und mussten sich auf Wunsch Sri Lankas 1989 zurückziehen. Diese Episode verdeutlichte eindrucksvoll die Grenzen einer indischen Ordnungsfunktion in der Region.

Regionale Wirtschaftskooperation

Angesichts der konflikthaften nachbarschaftlichen Beziehungen in Südasien kamen Initiativen zur Bildung regionaler Wirtschaftsgemeinschaften nur spät und mühselig in Gang. Der Anstoß dazu ging 1980 von Bangladesch aus, während sich die pakistanische und indische Seite aus unterschiedlichen Gründen (indisches Übergewicht bzw. Furcht vor Koalition der Nachbarn) zunächst zurückhielten. Vorgeschlagen wurde die Kooperation in eher technischen, unpolitischen Sektoren sowie ein jährliches Treffen der südasiatischen Staats- und Regierungschefs. Unter Ausklammerung sensibler Bereiche wie Handel, Währung, Industrialisierung und Außenpolitik und nach erheblichem Vorbereitungsaufwand kam es 1983 zum ersten Treffen der Außenminister, bei dem eine Erklärung zur Zusammenarbeit verabschiedet wurde, und 1985 zu ihrer Institutionalisierung unter dem Namen South Asian Association for Regional Cooperation (SAARC, Südasiatischer Verband für regionale Zusammenarbeit). Die sieben Gründungsmitglieder sind Bangladesch, Bhutan, Indien, die Malediven, Nepal, Pakistan und Sri Lanka. 2007 ist auch Afghanistan beigetreten. Die Gipfeltreffen brachten anfangs wenig konkrete Ergebnisse, wenn man einmal von der Einrichtung einer regionalen Lebensmittelreserve und einer Konvention zur Bekämpfung des Terrorismus absieht. Im Mai 1993 wurde allerdings das South Asian Preferential Trade Agreement (SAPTA, Südasiatisches Handelspräferenz-Abkommen) abgeschlossen, das einen bescheidenen Anfang mit der (in anderen Regionen wie Lateinamerika und Südostasien bereits schneller voranschreitenden) Reduktion der intraregionalen Zölle machte. In der zweiten Verhandlungsrunde (1996) wurden immerhin bereits 2000 Produktgruppen für Zollsenkungen ins Auge gefasst. Ein Freihandelsabkommen wurde im Januar 2004 geschlossenund zwei Jahre später umgesetzt. Nach wie vor ist der intraregionale Handel mit knapp fünf Prozent des Gesamthandels der Region aber eher gering, zahlreiche Produktgruppen bleiben von der Liberalisierung ausgeschlossen.

Joachim Betz

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