30 Jahre Mauerfall Mehr erfahren
zurück 
23.8.2012

Für immer geschlossen - Kurzgeschichte

Die Erzählung "Für immer geschlossen" ist die Geschichte eines Reifungsprozesses eines jungen Mannes vor dem Hintergrund der aktuellen Situation in Griechenland. Zu Beginn der Wirtschaftskrise flieht er in seine Phantasien, als Reaktion auf die zunehmend bedrückende Atmosphäre, die sich in Griechenland aufgrund der radikalen Sparmaßnahmen und der damit verbundenen sozialen Unzufriedenheit ausbreitet. Er verliebt sich in eine ihm unbekannte Japanerin, der er zufällig in Athen begegnet, und zieht es zunächst vor, sich von den Idealbildern der fernen, rätselhaften und in seinen Augen von Selbstbeherrschung und reizvollen Ritualen gekennzeichneten japanischen Lebensart treiben zu lassen, als sich den realen Problemen seiner Umwelt verantwortungsbewusst zuzuwenden. Allmählich zieht sich jedoch die Schlinge um ihn zu, die vielfältigen Symptome der Krise – die massiven Kürzungen der Gehälter, die Arbeitslosigkeit, die zum Teil extremistischen politischen Proteste, die Frustration der Menschen – werden bei jedem Schritt sichtbar, die Probleme der anderen werden zu seinen Problemen. Er nimmt die Realität wahr, kommt aus seiner lähmenden Isolation heraus und erklärt sich zu vernünftigen Kompromissen bereit. Ein Spiel des Zufalls konfrontiert ihn mit der Umkehrung seiner Idealbilder und bringt ihn dazu, zumindest im Rahmen seines Mikrokosmos aktiver und bewusster zu handeln, auch wenn die Hoffnung auf persönlicher und kollektiver Ebene gestutzt zu sein scheint. Die Schlusswende zeigt jedoch noch einmal, dass die Realität von der Phantasie eingeholt werden kann.

Es war das dritte Mal in fünf Monaten, dass ich die kleine Japanerin aus Porzellan traf. Das erste Mal stand sie neben mir an der Ampel. Die feine Hand im hellen Handschuh streichelte so zart den Fußgängerknopf, dass beinahe Musik herausgesprungen wäre. Ich lächelte sie an. Zwei Augen – wie auf weißem Hintergrund gezeichnet – musterten mich mit einem unbekannten Ausdruck. Beim geringsten Versuch, Worte zu formen oder gar zu lachen, würde die glatte Haut bestimmt zerreißen. Es war früh morgens. Athen machte sich wie gewohnt auf den Weg zur Arbeit, mit seinen Mänteln und Aktentaschen, mit hohen Absätzen, die auf dem Bürgersteig klackerten, Kaffeebechern und Zeitungen in der Hand, nur etwas langsamer als sonst. Lag es am Tempo des Liedes, das ein kleiner Junge schleppend auf seinem Akkordeon spielte? Er saß auf einer marmornen Stufe, vor einem Laden. Die Beine der Passanten warfen Schatten auf sein Gesicht, es wurde abwechselnd erhellt und verdunkelt, wie ein Leuchtturm. Auf dem verbogenen Rollladen direkt über seinem Kopf stand in roter Farbe geschrieben: "Für immer geschlossen". Die Ampel wurde grün. Wie gerne hätte ich die kleine Japanerin mit einer geistreichen Bemerkung über die Woge der Globalisierung beeindruckt, die sie ins Zentrum von Athen getrieben haben könnte. Doch mir fiel nichts ein. Der Glanz ihrer Haare überflog die Straße und verschwand so endgültig in der Leinwand der Stadt, dass ich für einen Moment dachte, sie wäre niemals bei mir gewesen.

Einen Monat später sah ich sie im Kino wieder. Ich kam gerade mit Alexandra aus der Vorabendvorstellung. Das kleine Foyer war überlaufen, wir mussten uns schrittweise durch die Menschenmenge vorkämpfen. Wir hatten "Naokos Lächeln" gesehen, die Verfilmung von Murakamis Roman. Mein Kopf war voll mit japanischer Vollkommenheit. Auf einmal stand sie da – dieselbe unechte Haut, die makellosen Augen, die Haare aus außerirdischer Seide –, während ich mich fragte, wie man sich überhaupt in andere Frauen außer Japanerinnen verlieben kann. Die Athener Mädchen um mich herum schienen plötzlich so ungezügelt in ihren verschwenderischen Gesten. Alexandra genauso. Wir gingen seit ein paar Wochen miteinander aus. Die mangelnde Initiative meinerseits machte sie ungeduldig, und die Ungeduld machte sie noch weniger attraktiv. Der Film hatte sie gar nicht berührt. Sie sprach pausenlos von ihrem Lehrergehalt, das ohnehin niedrig war und doch wegen der Staatsverschuldung weiter gekürzt wurde, und malte die Zukunft in düsteren Farben. Die kleine Japanerin hingegen, einem raren Vogel gleich in einen hellblauen Mantel gehüllt, füllte die Wartezeit mit Selbstbeherrschung. Was hatte sie in Athen zu suchen? Was könnte eine Japanerin mit Griechenland verbinden? Was dachte sie über die Sparmaßnahmen, die lauten Proteste, die brennenden Autos von gestern Nacht? Hieß sie Naoko, Yoko, Akiko oder nur Yui? Las sie Mangas oder bevorzugte sie Haikus? Welche technologischen Wunder verbarg sie in der kleinen Handtasche, die sie fest an ihren Bauch drückte? Ich sah sie nackt unter meiner Decke all meine Fragen beantworten. Als ich an ihr vorbeikam, kreuzten sich unsere Blicke. Die zarte Frucht der Lippen öffnete sich halb zu einem Lächeln. Im selben Moment stieß mich Alexandra mit dem Ellbogen in die Seite, damit ich weiterging.

Ich rief Sophia an, meine Cousine. Ihre Leidenschaft für Japan war mir bis jetzt immer suspekt gewesen. Die Wohnung am Fuß des Lykabettoshügels, die sie nach dem Tod ihrer Eltern geerbt hat, ist mit eisernen Teekannen, Fächern und Paravents geradezu vollgestopft. Doch sie arbeitet sich auch fleißig durch den Garten der japanischen Literatur und hat vor zwei Jahren begonnen, Sprachunterricht zu nehmen. Als ich mich auf ihr Sofa fallen ließ, keine Viertelstunde nach dem Anruf, legte sie zärtlich ihre Hand auf meine Wange und schlug vor, erst einmal auf die Hoffnung anzustoßen, dass ich beide Male tatsächlich dieselbe Person getroffen hatte. Also tranken wir einen warmen Sake aus den Likörgläsern unserer Oma. Wir sprachen lange. Wir tauchten mit Freude ins Meer der logischen Irrtümer, wie früher, als wir Detektiv spielten und nicht vorhandene Mysterien anhand von lächerlichen Funden lösten. Unsere Faktenanalyse zielte darauf ab, ein Wiedersehen mit der kleinen Japanerin für so gut wie sicher zu halten. Als Erstes schlossen wir den Fall aus, dass sie eine Touristin war, die ich niemals würde wiederfinden können. Touristen gehen nicht ins Kino, schon gar nicht in Filme ihres eigenen Landes. Außerdem bewegen sich japanische Touristen meistens in Gruppen. Nach dem dritten goldfarbenen Sake fügten wir das Fehlen eines Fotoapparates zu der Liste der Beweismittel hinzu. Sollte ich jedoch ernsthaft davon ausgehen, dass sie in Griechenland lebte? In einer Zeit, in der fast jeder mit dem Gedanken spielte, auszuwandern? Zugegeben, der Yen war auch nicht mehr das, was er mal war, aber wäre sie nicht von der Aussicht abgeschreckt, bald wertlose Bündel von Drachmen in ihren seidenen Geldbeutel stopfen zu müssen? Diese Fragen schienen Sophia gar nicht zu beschäftigen: "Meine Japanischlehrerin ist ihrem Mann zuliebe nach Griechenland gekommen. Sie ist ein Liebesflüchtling." Ihr Schwerpunkt lag woanders. Wenn ich die kleine Japanerin an der Ampel angelächelt und sie das Lächeln im Kino tatsächlich erwidert hatte, bedeutete dies doch, dass sie mich erkannte. Sophia bestand darauf, dass eine Japanerin einen Mann niemals ohne Grund intensiv anschaut. Ich ließ mich dankbar darauf ein. Wir kamen betrunken zu dem Schluss, ich sollte mich so oft wie möglich im Zentrum der Stadt aufhalten.

Als ich ging, begann es zu regnen. Auf der Straße stolperte ich über die Beine eines Mannes, der sich zum Schlafen in einen Müllsack gelegt hatte. Er zuckte kurz, wie eine Raupe, und blieb liegen. Ich schloss mein Auto auf und sah sie wieder, an der Wand. Die gleiche Schrift, die gleiche rote Farbe: "Für immer geschlossen". Hinter den Scheibenwischern funkelten die Lichter Athens, wie Warnsignale einer gekürzten Hoffnung. Eins war gewiss: Irgendwo da draußen, in einem Zimmer aus Zedernholz, auf einem Fouton, weit wie ein Reisfeld, ruhte meine kleine Japanerin. Ich würde alleine schlafen.

In den folgenden Tagen surfte ich stundenlang im Internet. Nicht um nach neuen Stellenangeboten zu suchen, wie es inzwischen fast alle meine Kollegen im Büro taten, aus Angst, die kleine Softwarefirma, in der wir arbeiteten, könnte pleitegehen. Ich wollte meine Kenntnisse über die japanische Kultur vertiefen. Bald überwältigte mich ein Wirrwarr von komplexen Zeremonien und schwer auszusprechenden Wörtern. Es schien mir wahrscheinlicher, die kleine Japanerin ein drittes Mal vielleicht sogar vor meinem Haus zu treffen, als mir den Namen auch nur einer Sorte grünen Tees oder die Ausbildungsstationen einer Geisha zu merken. In meinem Heft notierte ich die Begriffe Karyukai, „die Welt der Blumen und Weiden“, und Tatemae, was so viel wie das selbstbeherrschte Verhalten in der Öffentlichkeit bedeutet. Vielleicht würden sie mir noch nützlich sein. Ich schnappte mir auch ein paar Romane von Sophias Nachttisch. Sie waren zäh und einschläfernd, bis sich plötzlich jemand umbrachte – meistens ein Mann – und das dünne Papier der scheinbaren Handlungsarmut gewaltsam zerriss. Ich las über die rituelle Selbsttötung mehrerer berühmter Japaner, aber auch über den drastischen Anstieg der Selbstmordquote bei den einfachen Menschen in Phasen wirtschaftlichen Abschwungs. Wie bei uns, dachte ich mir. Erst neulich berichtete eine vollbusige Blondine tränenreich dem erschütterten Publikum einer Talkshow, dass sich ihr Onkel unter dem Druck unbezahlbarer Schulden erhängt hatte. Irgendwo stieß ich auf eine Beschreibung der Otakus, einer Art japanischer Außenseiter, die wie besessen Comics und Mangapuppen sammeln und mit Huren, die sich als ihre Lieblingsfigur verkleiden müssen, Computerspiele spielen, oder durch die Bars ziehen und sich unbeirrt an der Theke mit ihrer Plastikpuppe unterhalten. All das hinterließ in mir den bitteren Geschmack eines Widerspruchs in der japanischen Lebensart, der mir den Zugang erschwerte. Ich beschloss, dass ich vorerst genug gelernt hatte. Über den Rest konnte mich nur die kleine Japanerin aufklären.

Ich sah sie überall um mich herum. Morgens schloss sie hinter mir die Tür sanft zu, wie eine weiche Sonne, die zurückbleibt und das Haus wärmt. Auf der Straße deckte ich sie mit meinem Mantel zu und wir flogen über die Müllberge und die Kioske mit den Zeitungen, die mit erneuten Steuererhöhungen und der Abnahme des Tourismus drohten. Sie begleitete mich in der Metro zur Arbeit, schlug die Beine mit den Pumps übereinander, hinter dem Trenchcoat war der Spalt des Busens zu sehen. Später am Abend schwamm sie nackt im Bildschirm meines Rechners wie in einem Aquarium, klopfte an das Glas und forderte mich auf, ihr zu folgen. Ich wickelte sie in Algen und kostete sie wie lebendiges Sushi mit langen, hölzernen Fingern. Oder ich verwandelte mich in den gigantischen Katzenfisch Namazou, den Erdbebengott Japans, und ertränkte sie zitternd mit Tsunamis. Bevor sie einschlief, nahm ich ihr die Haarnadeln und Klemmen ab und breitete das Schultertuch der Haare auf dem Kissen aus. Bewusst schloss ich die Fenster um uns herum. Ich wollte diesen falschen Frühling draußen halten, in dem Griechenland ohne eine Spur von Tatemae in der Krise und Japan, in atemberaubendem Tatemae beharrend, in der Radioaktivität versanken.

An einem warmen Apriltag hatte ich einen wichtigen Termin in der Stadt. Ein Kunde aus Deutschland war persönlich angereist, um sich einen Eindruck von der jetzigen Lage unserer Firma zu machen und über die Bedingungen für eine weitere Zusammenarbeit zu verhandeln. Mein Chef selbst war krank und überließ mir dieses Treffen, worum mich niemand im Büro beneidete. Ich fuhr mit der Metro zum Syntagma-Platz und lief dann zu Fuß hinunter bis zu seinem Hotel. Ich war viel zu früh da. Die Studenten hätten für heute um zwölf eine Demonstration geplant, hieß es im Radio, und ich wollte rechtzeitig ankommen, bevor die Straßen wieder gesperrt wurden. Ich beschloss, noch eine Runde zu drehen. Von früher kannte ich noch jede Ecke in der Periklesstraße. Hierher kam ich immer mit meiner Großmutter, wenn sie auf der Suche war nach einem ausgefallenen Knopf, einem besonderen Band aus Seide, einer sternförmigen Zierniete oder einem überlangen Reißverschluss. Trotz der vielen neuen Geschäfte waren sie noch alle da, die kleinen engen Mauselöcher mit dem Nähzubehör, nur dass jetzt die Enkel der damaligen Besitzer hinter der Theke standen.

Plötzlich musste ich stehen bleiben. Ich war auf einmal von Japanern umringt, Männern und Frauen, in Anzügen, Kostümchen und sportlichem Outfit, manche in Kabel eingewickelt und mit Geräten verschiedenster Art in der Hand. Sie rasten an mir vorbei und verschwanden hinter einer großen Drehtür aus Glas. Ich schaute nach oben auf das Schild: "Griechisch-Japanisches Zentrum". Von Hoffnung beflügelt holte ich mir einen Kaffee und lehnte mich an die Mauer direkt gegenüber dem Eingang. Hier musste meine kleine Japanerin aus Porzellan vorbeilaufen. Ich sah sie schon hinter den winzigen Schaufenstern nach einem Seidenstoff mit weißen Kranichen suchen. Die Frühlingssonne schien auf die Markisen der Läden, sie glichen fröhlichen Fischerbooten in einem kleinen Hafen. Doch die Verkäufer standen unbeschäftigt im Türrahmen, rührten mit dem Strohhalm betrübt im Frappé, wechselten ein paar Worte mit dem Kollegen von nebenan, drückten ihre Kippe aus, gingen hinein und tauchten nach einer Weile stöhnend wieder an der Tür auf. Auch sie suchten vergeblich in den japanischen Gesichtern, die gleichgültig vorbeiliefen. Ich verspürte plötzlich ein unerträgliches Gefühl von Scham, stand auf und eilte zum Termin mit dem Deutschen.

Herr Landwehr saß an einem Tisch mit Marmorplatte im Innenhof des Hotels „Achilles“ und hatte, obwohl es erst elf war, sein zweites Bier hinter sich. Mitte fünfzig vielleicht, etwas kräftig, mit dichten Augenbrauen und dem Blick eines Menschen, der keine Fragen mehr hat. Seine Glatze war eingecremt und strahlte in der Sonne wie der kupferne Helm eines antiken Kriegers. Er sei schon immer ein großer Griechenlandfan gewesen, sagte er sofort. Seine Frau und er würden jede griechische Insel in- und auswendig kennen. Eine seiner besten Erinnerungen sei diese: Als ihm einmal sein Geld geklaut worden sei, habe er ein paar Tage bei einem alten griechischen Ehepaar übernachten dürfen, das ihm sogar die Schiffskarte nach Piräus bezahlt habe. Natürlich habe er ihnen alles zurückbezahlt. Das sei in den 1980er Jahren gewesen. "Doch die Zeiten ändern sich", zogen sich plötzlich die Augenbrauen zusammen. Man lese ja heutzutage so viel Schlimmes über das Land. "Die deutschen Medien mögen vielleicht etwas übertreiben …", wagte ich zu sagen. Er unterbrach mich erregt: "Die Deutschen können nicht immer für die Fehler anderer aufkommen. Man kann nicht wie die Zikaden den ganzen Sommer lang singen und im Winter sich bei den Fleißigen einnisten wollen." Die deutsch-griechischen Beziehungen hätten eine lange Tradition, zitierte ich, was ich neulich in der Zeitung zu dem Thema gelesen hatte. Die Augenbrauen wirkten zerzaust: "Ihr müsst mit eurer Wirklichkeit konfrontiert werden. Ihr seid Realitätsflüchtlinge." Wir müssten einsehen, dass es ein Risiko für seine Firma sei, unter den jetzigen Bedingungen weiter mit uns zusammenzuarbeiten. Jedes gemeinsame Geschäft sei nunmehr nur noch gegen Vorauszahlung möglich. Ich versicherte, dass ich es an meinen Chef weiterleiten würde. Herr Landwehr stand als Erster auf, sein Flieger ginge in drei Stunden. "Vielleicht sehen wir uns auf den Kykladen im Sommer", bemühte ich mich ein letztes Mal zum Abschied um Vertrauen. Nein, leider nicht. Für ihren Urlaub hätten seine Frau und er sich diesmal für die Türkei entschieden.

Ich kam nur mit Mühe am Syntagma-Platz vorbei. Die Demonstranten hatten sich vor dem Parlament versammelt und riefen Parolen gegen die Regierung, die sich den Bedingungen Europas für den erwünschten Schuldenschnitt knechtisch unterworfen hätte. Eine kleine Gruppe schwarz gekleideter Jugendlicher kletterte auf den Sockel über dem Denkmal des Unbekannten Soldaten, breitete eine deutsche Flagge aus und setzte sie in Flammen. Ein Teil der Versammelten jubelte mit, andere begannen sie zu beschimpfen, manche versuchten sich zu entfernen. Die Polizei griff ein, als die ersten Steine flogen. Ich konnte nur hoffen, dass Herr Landwehr schon in seinem Taxi Richtung Flughafen saß und der Taxifahrer sich gut mit den Schleichwegen auskannte.

Ich lief so schnell ich konnte nach Hause. Ich hörte kurz die tröpfelnden Silben der kleinen Japanerin vom Bad aus rufen, aber ich antwortete nicht. Ich ging in die Küche. Am Tisch, vor einer Tasse Kaffee, wie eine altvertraute Freundin, die mal vorbeischauen wollte, saß die Realität. Nicht besonders hübsch, aber irdisch, fassbar. Mein Kopf fühlte sich aufgeräumt an. Als ob jemand die Fenster zum Lüften aufgemacht, die Staubwolken ausgeschüttelt und die klebrigen Flecken hier und da weggeschrubbt hätte. Das Radio, die Kaffeemaschine, meine Zigaretten waren auch noch dort, ich glitt mit den Fingern drüber. Ich teilte ihnen mit, dass ich keineswegs vorhatte, ein trauriger Otaku in dieser Welt zu werden, und meldete mich erstmals wieder bei Alexandra, die sich zu meiner Überraschung bereit erklärte, mich zu treffen.

Dann rief eines Abends Sophia an. Es ginge ihr elend. Sie sei entlassen worden. Sie hatte als Erzieherin in einem kleinen privaten Kindergarten im Westen von Athen gearbeitet, wo die wenigen begüterten griechischen Familien ihre Kinder hinschicken, um den albanischen, pakistanischen und neuerdings auch chinesischen Kindern mit den einsilbigen Namen aus dem Weg zu gehen. Sophia war nicht die Einzige, die gehen musste. Ihre Chefin hätte fast geweint. Ich machte mir Sorgen und fuhr sofort hin. Sie saß auf dem Sofa und zitterte und sah noch kleiner aus als sonst. Ich bot ihr an, sie zu bekochen, und ging das Nötige und Wein kaufen. Die Gegend hatte sich auffällig verändert. Weitere Geschäfte waren geschlossen. Auch der kleine Weinladen, den ich seit meiner Kindheit kannte. Es regnete wieder. Ob wenigstens der Sommer dieses Jahr kommen würde? Eine junge Frau mit glatten schwarzen Haaren und freiem Rücken tanzte im beleuchteten Rechteck einer Balkontür, umrahmt von den Blättern eines Gummibaums. Mir wurde bewusst, dass mehrere Wochen vergangen waren, ohne dass ich an die kleine Japanerin aus Porzellan gedacht hatte. Niemand würde mich also in eine leisere Welt voller Rituale und Weisheit einweihen. Niemand würde mit mir einen Kyoto-Garten im Herzen des geschundenen Athen pflanzen, noch würde ich eines Tages als Liebes- oder Wirtschaftsflüchtling nach Japan ziehen. Ich musste hier bleiben, mit den altbekannten Zutaten weitermachen. Ich beschloss, für Sophia eine Bohnensuppe zu kochen.

Ich kann nicht beschreiben, was mir durch den Kopf ging, als ich mit den Sachen zurückkam und die Tür öffnete. Ich kann mich nicht entsinnen, was ich gemacht habe, ob mein Mund offen oder zu blieb, ob ich salzsäulenartig erstarrte, was ich mit den Tüten tat, ob ich mich irgendwo abgestützt habe, ob es etwas zum Abstützen gab. Auf dem Sofa, neben meiner Cousine, saß die kleine Japanerin, mitsamt ihren Haaren und Augen und einem kurzen, weißen Kleid, wie eine Lotusblüte. "Meine Japanischlehrerin", sagte Sophia. "Sie wohnt oben und lädt uns zum Essen ein."

Sie hatte makellos griechische Fleischklößchen gekocht. Wir aßen sie mit normalem Besteck in einem mit pompösen Möbeln aus dunklem Holz überfrachteten Esszimmer. Auf der Kommode posierte das Familienglück in verschnörkelten Silberrahmen, wie jene, die Sophia und ich haufenweise in den Müll geworfen hatten, als sie ihre Wohnung neu einrichtete. Ein schielendes Mädchen mit schwarzen Zöpfen lächelte vor der Akropolis. "Das ist Athena", sagte mir die kleine Japanerin stolz. Sie sprach ein sehr gutes Griechisch, nur betonte sie manche Wörter oder ganze Sätze falsch, so dass man nicht sofort verstehen konnte, ob sie eine Frage stellte oder nur einen Kommentar machte. Eins wurde mir jedoch schnell klar. Durch die spitzen Winkel ihrer Augen erriet sie Kostas’ Wünsche, noch bevor er sie äußerte. Sein Glas wurde immerfort gefüllt, das Salz rieselte hier und da auf seinen Teller, die Serviette flatterte zum schlaffen Mund, um die Ei-Zitronensoße abzuwischen.

Kostas selbst rekelte sich zufrieden in der Hingabe seiner Frau, stopfte die Fleischklößchen paarweise in den Mund und trug uns seine persönliche Theorie über die Krise der griechischen Wirtschaft und Gesellschaft vor. "Wir müssen zusammenhalten!", resümierte er. "Die Familie, das Vaterland, das sind unsere Werte. Sie wollen uns mit Absicht zerstören, aber wir sind die älteste Kultur Europas, und wir sind nicht blöd!" Mein Blick fiel auf seine dicke Goldkette mit dem riesigen Kreuzanhänger auf seinen Brusthaaren, als er gerade schilderte, wie er zu Beginn der Krise das Geschäft seines Vetters gerettet hatte, der Juwelier war. Er riet ihm zum richtigen Zeitpunkt, sich mit Goldbarren und Münzen zu beschäftigen und im Hinterraum seines Ladens ein kleines Leihhaus einzurichten. "Jetzt wird alles, was er anfasst, zu Gold!", sagte Kostas triumphierend. Die kleine Japanerin, bleich und belanglos im gelben Licht des Kronleuchters, nickte zustimmend, wie ein Huhn, das Maiskörner pickt.

Ich hatte keine Fragen mehr. Nur gehen wollte ich, um wenigstens mein Tatemae zu wahren. Sophia verriet ich nichts. Ihr schien es immerhin etwas besser zu gehen. Die kleine Japanerin war bereits aufgesprungen und räumte den Tisch ab. Sie begleitete mich zum Ausgang. So, wie sie kurz an der Türschwelle stand, fiel mir auf, dass ihr Schatten leicht krummbeinig war. "Karyukai für immer geschlossen", flüsterte ich, statt "Gute Nacht". Ich weiß nicht, warum. Es kam von innen, wie eine alte Schuld. Ein Pfand. Ich ließ es dort und wusste, dass ich nie wieder zurückkommen würde, um es abzuholen. Sie sagte gar nichts. Die Tür schloss sich sanft und ließ mich im Dunkeln zurück. Die Welt der Blumen und Weiden löste sich im Lärm des Geschirrs auf, das in die Spülmaschine eingeräumt wurde.

Ich ging auf die Straße. Sie war völlig leer. Das Fenster der Frau, die vorhin getanzt hatte, war ebenfalls dunkel. Ab und zu suchte jemand etwas im Müll. Ich fand mit Mühe mein Auto wieder. Mein Gehirn glich einer evakuierten Stadt nach einer Naturkatastrophe. Zu Hause setzte ich mich an den Rechner und schrieb die ganze Nacht durch. Ich hatte mir nicht einmal ihren Namen gemerkt. Die Sonne ging auf, ich trank einen starken Kaffee und öffnete eine Seite mit Stellenanzeigen.

Mein Handy klingelt, aber ich finde es nicht. Wie spät ist es? Alexandras Beine glänzen nackt im Morgengrauen. Ich glaube, ich liebe sie. Vorgestern nahm sie eine Gruppe von Schülern mit ins Zentrum. Sie wollten unter den Obdachlosen Kleider und Essen verteilen. Ich war auch dabei. Wir haben große Decken auf dem Pflaster vor dem alten Parlament ausgebreitet. Manche sangen vor Freude. Wo ist bloß das verdammte Handy? Es wird sie gleich wecken. Ja, ich liebe sie. Gestern hat sie ein bisschen geweint. Ich las ihr zum Einschlafen eine Kurzgeschichte von Murakami vor, "Das 100% perfekte Mädchen". In meiner Hosentasche. Endlich, hier, gefunden. Sophia. Um fünf? Ihre Stimme, in Fetzen. Als ob jemand ein Papier zerrisse.

"Entschuldige, ich konnte nicht mehr warten. Mhai hat sich umgebracht."
"Wer ist Mhai?"
"Meine Japanischlehrerin."
"Ich komme."

Die Straßen, wieder leer. Von den Hängen des Lykabettos war schon immer das Meer zu sehen. Dorthin werde ich mit Sophia fahren. Das Meer ist offen. Vielleicht schaffen wir es noch, den Sonnenaufgang zu sehen. Eine kleine Japanerin aus Porzellan wird im feurigen, roten Loch suchen. Müll wird sich in Gold verwandeln, wenn sie ihn berührt. Wir werden an sie denken.

Elena Pallantza

Zur Person

Elena Pallantza

Dr. phil., geb. 1969; Gräzistin, Autorin und Übersetzerin; sie unterrichtet Neugriechische Sprache, Literatur und Kultur an der Universität Bonn; sie hat Kurzgeschichten und Gedichte veröffentlicht; Aloys-Schulte-Straße 10, 53129 Bonn. elena.pallantza@uni-bonn.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln