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16.10.2012

Fairer Handel? Süße Schokolade aus bitteren Bohnen

Mohammed, 13, taucht seinen Zeigefinger sacht in die weiche Masse. Dann leckt er daran, lässt die Schokolade auf der Zunge zergehen. "Ganz schön süß", sagt der Junge und reicht die Tafel, die bei 30 Grad Celsius im Schatten schon jegliche Kontur verloren hat, an den Vater weiter. Ansu Lamin, Kakaobauer aus Sierra Leone in der dritten Generation, hält sie sich unter die Nase. Da ist er wieder, der typische Duft des Kakaos – seiner Kakaobohnen, die er mit seinem Sohn Mohammed erntet, sortiert, fermentiert, trocknet und an die Händler aus Deutschland, Holland oder England verkauft.

Dass fern von Afrika und fern seiner Kakaobäume aus den bitter schmeckenden Bohnen süße Pralinen oder Schokoriegel hergestellt werden, das weiß Ansu. Doch probiert hat er die weltweit begehrte Süßigkeit erst jetzt, mit 55 Jahren. Die aus Europa importierten Köstlichkeiten, die im klimatisierten Supermarkt in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones, angeboten werden, könnte sich Ansu niemals leisten – weder die Tafel Milka für umgerechnet drei Euro noch das Glas Nutella für acht. Von acht Euro leben Ansu, seine zwei Frauen und fünf Kinder eine ganze Woche. Und während die Kunden im reichen Norden Glück und Genuss mit der glänzend braunen Süßigkeit verbinden, bedeutet Kakao für Ansu harte Arbeit. Allerdings auch Hoffnung: Denn sein Sohn Mohammed kann dank der Bohnen eine Schule besuchen. Ansu Lamin baut auf seiner Parzelle mit Unterstützung der Welthungerhilfe bio-fairen Kakao an. Dadurch bekommt er für seine Bohnen einen einigermaßen fairen Preis.

Für Mohammed heißt das, dass er nur manchmal nachmittags, nach der Schule, für einige wenige Stunden auf der Plantage mithelfen muss – anders als Tausende Kinder und Jugendliche in anderen Kakao produzierenden Ländern: Über eine Million Kinder schuften nach Angaben des Siegburger Instituts Südwind auf den Kakaoplantagen in Ghana und der Elfenbeinküste; UNICEF, das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, geht von 200.000 minderjährigen Arbeitern in der Elfenbeinküste, Mali, Burkina Faso und Togo aus. Viele dieser Minderjährigen wurden von ihren Not leidenden Eltern an Menschenhändler verkauft. Oder von Schleppern entführt, die sie nun als billige Arbeitskräfte auf die Kakaoplantagen schicken. Eine Schule haben diese Kinder in der Regel nie besucht.

Kakao ist nur eines der Produkte, die im deutschen Handel angeboten und immer wieder mit Kinderarbeit und Ausbeutung in Verbindung gebracht werden. Kinder und Teenager sind in der Herstellungskette vieler Gebrauchsgüter und Lebensmittel involviert, wie Menschenrechtsgruppen, Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften kritisieren. Sie sind auf Minderjährige gestoßen, die in Vietnam Tee pflücken, in Pakistan Teppiche knüpfen, in Peru Kunsthandwerk schnitzen, sich in Ägypten oder Tadschikistan auf Baumwollplantagen mit Giften gegen Schädlinge plagen, in Guatemala Bananen für den europäischen Markt ernten, in El Salvador auf Zuckerrohrfeldern mit scharfen Messern hantieren oder in indischen Steinbrüchen mit schwerem Gerät Naturstein für deutsche Küchen oder Rathausplätze aus dem Fels hauen.

Besonders eklatante Fälle von Ausbeutung hat Benjamin Pütter, Kinderarbeitsexperte des Hilfswerks Misereor, in Indien und Bangladesch vorgefunden: In dunklen Kellerverliesen fand er Kinder, die – keine sechs Jahre alt – von Schleppern in die Metropolen des Landes entführt worden waren. Dort mussten sie, nach Monaten eines sklavenähnlichen Daseins sichtlich verwahrlost, Pailletten auf Blusen oder Schmuckdöschen anbringen – Produkte, die in Deutschland über Versandhäuser angeboten wurden, wie das WDR-Nachrichtenmagazin "Plusminus" nachweisen konnte.

Ausbeuterische Kinderarbeit in der Herstellung von Produkten, die wir täglich konsumieren, gibt es jedoch nicht nur in Asien, Lateinamerika oder Afrika, sondern auch ganz in der Nähe, etwa in der Türkei. Von dort stammen 90 Prozent der weltweit konsumierten Haselnüsse. Deutschland ist eines der Hauptabnehmerländer. Bis zu 300.000 kurdische Wanderarbeiterinnen und Wanderarbeiter, darunter auch viele Kinder, pflücken die Nüsse für die großen Süßwarenkonzerne, ziehen Sommer für Sommer von Ernte zu Ernte. Für einen harten Elfstundentag an den steilen und heißen Hängen bekommen sie umgerechnet zwölf Euro Lohn. Nach Angaben der türkischen Lehrergewerkschaft Egitim Sen versäumt jedes fünfte kurdische Kind bis zu vier Monate Unterricht im Jahr, weil es auf den Haselnussplantagen schuften muss. Die Folgen sind verheerend: Viele brechen die Schule ab oder können nach der Grundschule weder richtig lesen noch schreiben. "Das zementiert letztendlich Armut", sagt Friedel Hütz-Adams von Südwind. Zwar sei Kinderarbeit in der Türkei verboten, aber "die türkische Regierung hat das Problem lange Zeit nicht ausreichend beachtet, da sie Weltmarktführer bei den Haselnüssen bleiben will", so Hütz-Adams. "Und diese Position kann sie nur mit billigen Arbeitskräften halten."[1]

Fair essen, fair reisen, fair kleiden



Zustände wie diese lösen bei Verbraucherinnen und Verbrauchern hierzulande zunehmend Unbehagen aus. Immer mehr Konsumenten wollen wissen, wer den Tee gepflückt, das T-Shirt genäht oder das Smartphone zusammengeschraubt hat – und orientieren sich an Anbietern und Siegeln des Fairen Handels. Der Faire Handel hat in den zurückliegenden 20 Jahren einen enormen Boom erlebt. Allein in Deutschland ist 2011 der Warenumsatz für fair erzeugte und gehandelte Produkte gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent auf 477 Millionen Euro gestiegen. Diese Produkte finden sich längst nicht mehr nur in einem der europaweit rund 3.000 Weltläden, sondern inzwischen auch in Naturkostläden, Bio-Märkten, konventionellen Supermärkten und Discountern. Warenhäuser, Kantinen, Mensen, Online-Shops und Fluglinien ziehen nach. Selbst Hotels, Caterer oder Speisewagen wie die der Schweizer Bundesbahn bieten Produkte an, die in einem Entwicklungs- oder Schwellenland unter fairen Bedingungen produziert worden sind.

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"Fair" – kleine Terminologie

Das Wort "fair" bedeutet laut Fremdwörter-Duden ein "gerechtes, anständiges Verhalten (im Geschäftsleben)". Das Wort "Handel" umschreibt den weltweiten Warenaustausch zwischen Nationen, Regionen und Menschen. Inzwischen haben sich im Zusammenhang mit Fairem Handel unterschiedliche Begriffe eingebürgert:
  • fairer Handel (mit kleinem f) bezeichnet ein generell gerechtes Verhalten beim lokalen bis internationalen Warenaustausch.
  • Fairer Handel (mit großem F) umfasst die gesamte Fairhandelsbewegung – also auch Organisationen und Unternehmen, die mit oder ohne Siegel die wichtigsten Kriterien des Fairen Handels erfüllen, wie sie etwa die World Fair Trade Organization (WFTO) oder der Dachverband Fairtrade International (FLO) definiert hat.
  • Fair Trade (zwei Wörter) entspricht dem deutschen Begriff "Fairer Handel".
  • Fairtrade (ein Wort) steht für das gleichnamige blau-grüne Produktsiegel, das viele, aber nicht alle seriösen fairen Produkte tragen. In Deutschland vergibt die Organisation Transfair das Fairtrade-Siegel. Die Standards hierfür definiert Fairtrade International (FLO), der Dachverband aller nationalen Fairtrade-Siegelorganisationen.

Der Löwenanteil der fairen Produkte im Handel trägt das blau-grüne Fairtrade-Siegel. Und auch hier ist ein Boom zu verzeichnen: Der Umsatz der so ausgelobten Produkte hat 2011 gegenüber dem Vorjahr um 18 Prozent auf 400 Millionen Euro zugelegt – das Achtfache von dem, was Kunden zehn Jahre zuvor an Fairem einkauften. Für 2012 rechnet Transfair, die Organisation, die in Deutschland das Fairtrade-Siegel vergibt und die dem Dachverband Fairtrade International – kurz FLO – angehört, sogar mit 500 Millionen Euro.

Auch weltweit verkaufen sich Waren mit dem Fairtrade-Siegel immer besser: 2011 wurden sie für fünf Milliarden Euro eingekauft – ein Plus von zwölf Prozent gegenüber 2010. Allein in Südafrika oder der Tschechischen Republik haben sich die Umsätze verdreifacht. Zuwächse verzeichnete auch das Vereinigte Königreich Großbritannien, der weltweit größte Fair-Trade-Markt, sowie die Schweiz, wo die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Faires mit umgerechnet 33 Euro am höchsten liegen (in Deutschland gibt jeder Bürger nur rund fünf Euro pro Jahr aus). Von dem Boom profitieren mehr als eine Million Kleinbauern und Bäuerinnen sowie Arbeiterinnen und Arbeiter in über 60 Ländern. Zählt man ihre nahen Familienangehörigen hinzu, sind das sechs Millionen Menschen. Die Tendenz ist steigend, denn jedes Jahr kommen neue Produzenten hinzu.

Vom Fair-Trade-Boom profitieren auch die Verbraucherinnen und Verbraucher in Deutschland. Ihnen bietet der Faire Handel inzwischen sehr viele, sehr hochwertige Produkte – und damit eine gute Alternative zu billig und mit Kinderarbeit belasteten Waren. Produkte aus dem Fairen Handel – das waren vor 20 Jahren vor allem Kaffee und Kunsthandwerk. Inzwischen ist das Angebot riesig, wenngleich Kaffee darunter noch immer das mit Abstand beliebteste Produkt ist. Heute gibt es eine große Menge Lebensmittel in fairer, oftmals sogar bio-fairer Qualität – von Ananas bis Zucker. Mehrere Hundert verschiedene Produkte mit dem Fairtrade-Siegel oder anderen Soziallabels liegen mittlerweile in Supermärkten oder Weltläden aus, können im Internet oder über Versandhäuser bestellt werden. Man kann heute fair verreisen, fair Eis schlecken, mit fair erzeugten Kautschuk-Produkten fair verhüten, fair spielen, fair Geld anlegen, sich fair einkleiden oder sein Haus fair möblieren. Wer sozial nachhaltig konsumieren möchte, findet jede Woche neue Waren, deren Hersteller damit werben, ökologisch sauber, fair und kinderarbeitsfrei erzeugen zu lassen. Aber halten diese Hersteller auch, was sie den Verbraucherinnen und Verbrauchern versprechen?


Überblick im Label-Dschungel



Auf dem fairen Markt tummeln sich immer mehr Akteure. Das wundert wenig: Es lohnt sich für Produzenten und Händler in den Industrieländern, ethisch korrekte Ware anzubieten – sie kommt bei Kundinnen und Kunden gut an, und sie verspricht den Unternehmen Gewinne. Mit den neuen Akteuren kamen aber auch neue soziale Gütesiegel, Logos und Marken. Dieser Label-Dschungel verunsichert die Verbraucherinnen und Verbraucher zusehends. Ob wirklich immer fair drin ist, wo fair draufsteht – diese Frage ist angebracht und Skepsis geboten. Denn anders als "Bio", das durch die EU-Ökoverordnung klar bestimmt wird, ist der Begriff "Fair" nicht geschützt. Und die Erfahrung zeigt: Je unübersichtlicher der Markt ist, desto größer ist das Risiko des Missbrauchs.

Wie also erkennen Verbraucherinnen und Verbraucher, was wirklich fair ist? Seriösen Siegelinitiativen, Anbietern und Marken ist gemein, dass sie faire Löhne und für die Ernten meist einen – mitunter garantierten – Preis zahlen, der über dem lokalen Marktwert, oftmals sogar über dem Weltmarktpreis liegt. Seriöse Akteure auf dem fairen Markt unterhalten über Jahre Handelsbeziehungen mit dem jeweiligen Produzenten und halten die Arbeitsstandards der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) ein. Mitunter vergeben sie auch günstige Darlehen an die Erzeuger oder zahlen Prämien, welche die Bauern oder Plantagenarbeiter für soziale Projekte verwenden können. Sie verbindet auch, dass sie Minderjährige vor ausbeuterischer Arbeit schützen, indem sie Kinder- und Zwangsarbeit verbieten – und den erwachsenen Arbeiterinnen und Arbeitern einen gerechten Lohn garantieren. Denn wer als Ernährer der Familie so viel verdient, dass es zum Leben reicht, muss sein Kind nicht in die Fabrik oder aufs Feld schicken.

Seriöse Anbieter sind auch daran zu erkennen, dass sie sich von externen Prüfern oder unabhängigen Dritten, etwa Nichtregierungsorganisationen, auf die Einhaltung der Standards und Kriterien kontrollieren lassen. Diese unabhängigen Kontrollen sind für Verbraucherinnen und Verbraucher wichtig. Denn wer als Kunde im Supermarkt oder Bioladen einen Röstkaffee mit einem fairen Siegel auf der Verpackung kauft, möchte sicher sein, dass der Bauer in Nicaragua wirklich einen höheren Erlös für seinen Rohkaffee erzielt und er auf der Plantage keine Kinder beschäftigt. Einer der renommiertesten Zertifizierer von Sozialstandards ist FLO-Cert, ein Unternehmen des Dachverbandes Fairtrade International. Seine Inspektorinnen und Inspektoren untersuchen vor Ort, ob die Erzeuger von Produkten mit dem Fairtrade-Siegel die sozialen Kriterien wirklich eingehalten haben, die Fairtrade International definiert hat. Doch auch anerkannte und erfahrene Zertifizierer aus dem Bio-Bereich wie der Ökoverband Naturland, das Schweizer Institut für Marktökologie IMO oder Ecocert aus Frankreich kontrollieren soziale Vorgaben. Dieser Check ist umso wichtiger, je mehr Akteure am positiven Image des Fairen Handels und seinen Umsatzzuwächsen im zweistelligen Bereich teilhaben möchten.

In ihren Standards unterscheiden sich die seriösen Fair-Trade-Akteure nicht allzu sehr. Das Gros der Anbieter und Importeure hat sich bei der Entwicklung seiner sozialen und ökologischen Standards am Fairtrade-Standard von Fairtrade International orientiert – so auch Naturland, das seit zwei Jahren Produkte mit dem Label Naturland Fair auf den Markt bringt, oder die französische Importorganisation Ethiquable. Das ist wenig erstaunlich, denn das von Fairtrade International entwickelte blau-grüne Siegel ist nach Einschätzung des Forums Fairer Handel das bekannteste und auch eines der strengsten Gütezeichen. 2003 weltweit vereinheitlicht, kennzeichnet es heute einen Großteil der fair erzeugten Produkte im deutschen Einzelhandel – vor allem Lebensmittel wie Kaffee, Tee, Bananen, aber auch Baumwolle, Blumen und neuerdings Holz und Gold.

Wer Waren mit dem Fairtrade-Siegel kauft, kann – mit Ausnahme von Tee, Blumen, Frischfrüchten und Zucker – davon ausgehen, dass die Produzenten und Produzentinnen einen garantierten Mindestpreis für ihre Ernte oder ihre Produkte bekommen. Dieser Preis oder Lohn deckt zumindest die Kosten einer nachhaltigen Produktion und garantiert dem Erzeuger sowie seiner Familie zumindest ein Existenzminimum. Bauernkooperativen und Plantagenarbeiter-Vertretungen – kurz Joint Body –, die für den Fairtrade-Markt produzieren, erhalten von den Abnehmern zudem eine feste Fairtrade-Prämie. In Zahlen heißt das: Für Bananen gibt es einen US-Dollar pro Kiste mehr, für faire Rosen zwölf Prozent des Einkaufspreises. Diesen Mehrpreis können die Produzentengruppen je nach Mehrheitsvotum für ein Gemeinschaftsprojekt verwenden. Sie können diese Prämie in eine Schule oder Krankenstation investieren oder sich mit dem Geld eine Kaffee-Schälmaschine anschaffen – schließlich dient das der Wertschöpfung des Produkts und damit der wirtschaftlichen Entwicklung der Gruppe. Manche Kooperativen stellen mit der Prämie auch auf Ökolandbau um: Für organisch erzeugte Produkte bekommen sie einen weiteren Zuschlag. Bioanbau ist im Fairtrade-System zwar nicht Pflicht, wird über die höheren Mindestpreise und einen Ökozuschlag jedoch gezielt gefördert.

Das Fairtrade-Siegel ist also verlässlich. Ebenso wie weitere produktspezifische faire Gütesiegel – etwa für faire Teppiche das Label Goodweave, für faire Rosen das Zeichen Fair Flowers Fair Plants oder für faire Natursteine ohne Kinderarbeit die beiden Siegel Xertifix und Fair Stone. Darüber hinaus finden Verbraucherinnen und Verbraucher im Handel unternehmenseigene soziale Gütezeichen wie Rapunzel, Gebana oder Fairglobe von Lidl, Siegel von Kontrollinstanzen wie IMO oder Ecocert sowie die Markenzeichen von anerkannten fairen Importhäusern wie die Gepa, Dwp oder El Puente, deren Produkte vor allem in den Weltläden zu finden sind.

Unterschiedliche Definitionen von Fair



Unterschiede zwischen den seriösen fairen Anbietern gibt es im Detail, mitunter setzen sie auch unterschiedliche Akzente. Manche Standards sind schwammiger definiert als bei der Fairtrade-Siegelorganisation Transfair, den Weltläden oder bei den renommierten Importhäusern. Auch gewichten sie soziale und ökologische Komponenten je nach Zeichen und Prüfinstitut unterschiedlich. So hat sich beispielsweise die Organisation Rainforest Alliance durchaus einer fairen Behandlung der Arbeiter verschrieben und berücksichtigt die ILO-Kernarbeitsnormen. Dennoch steht bei ihr der umweltpolitische Ansatz im Vordergrund, nicht der soziale.

Diese unterschiedliche Gewichtung ist solange unproblematisch, wie die Organisationen und Anbieter dies den Konsumenten und Konsumentinnen gegenüber transparent vermitteln. Die Realität sieht jedoch anders aus: Weil "fair" kein geschützter Begriff ist, haben Organisationen, aber auch der Einzelhandel und Markenunternehmen in den zurückliegenden Jahren etliche neue Siegel, Zeichen und Marken entwickelt, die häufig falsche Hoffnungen wecken. Das geschieht dann via Werbeslogans auf der Homepage oder – Stichwort Corporate Social Responsibility, kurz CSR – in blumigen Berichten über die Unternehmensverantwortung. In diesen firmeneigenen Regeln oder Verhaltenskodizes versichern die Unternehmen, Minimalstandards wie das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit sowie von Diskriminierung jeder Art einzuhalten – sowie darauf zu achten, dass in der gesamten Wertschöpfungs- und Lieferkette des Produkts keine Menschen- und Arbeitsrechte verletzt werden.

Doch die Unternehmenspraxis beziehungsweise die Lage in den Zulieferfabriken des produzierenden Niedriglohnlandes sowie häufig auch in den europäischen Verkaufszentralen ist oftmals eine andere. "Ernst gemeinte Unternehmensverantwortung ist eine Minderheitenveranstaltung", ist der Journalist und CSR-Experte Hannes Koch überzeugt. "Die wenigsten Unternehmen und Konzernvorstände interessieren sich wirklich dafür, ihre Firmen auf den Pfad der Ökologie und des sozialen Ausgleichs zu lenken." Dass nur wenige Konzerne die Einhaltung sozialer Standards entlang der Lieferkette von dritter Seite kontrollieren lassen, kritisiert auch Gerd Billen, Chef des Verbraucherzentrale Bundesverbandes in Berlin. Er fordert, dass nur mit CSR werben darf, wer vergleichbare Kriterien von unabhängiger Seite überprüfen lässt. Billen: "Es reicht nicht aus, sich auf die freiwilligen Anstrengungen der Unternehmen zu verlassen."


Kundenfalle Fair Washing



Fair washing nennen Kritiker den Versuch von Herstellern und Handel, sich ein soziales Mäntelchen umzuhängen. Schließlich verkauft sich gut, was mit einer Kinderarbeitsfrei-Garantie und einem Fair-Stempel ausgelobt werden kann. Für diese Kritiker ist es reine Unternehmenskosmetik, wenn etwa eine Supermarktkette auf den Gewinn versprechenden fairen Zug aufspringt und einerseits zwar ein paar "echte" faire Produkte ins Ladenregal stellt – andererseits aber das Gros seines Sortiments weiterhin über den konventionellen Lieferweg bezieht. Wenn also der Supermarkt eine Sorte fairen Kaffee verkauft, jedoch auf die Erzeuger seiner Hauptprodukte weiterhin heftigen Preisdruck ausübt – und zwar auf den Milchbauern hierzulande ebenso wie auf den Produzenten in einem armen Land. Um ihren Kunden in Deutschland Milch, Bananen, Ananas oder Kaffee zu Schleuderpreisen anbieten zu können, "setzen Supermärkte und Discounter ihre Einkaufsmacht massiv dazu ein, die Lieferanten im Preis zu drücken", kritisiert die Hilfsorganisation Oxfam die Einkaufspolitik der großen Filialisten. Indem sechs Einzelhandelskonzerne zusammen 75 Prozent des deutschen Marktes beherrschten, trügen sie wesentlich dazu bei, dass sich die Arbeitsbedingungen in den Billigproduktionsländern – und auch hierzulande – noch verschlechterten, so Oxfam.

Mit fairem und kinderarbeitsfreiem Engagement werben, aber das Hauptsortiment weiterhin unfair herstellen oder beziehen – solche Fälle gibt es im deutschen Handel zuhauf: Die meisten Lebensmittelketten bieten nur einige wenige faire Produkte an. Kaffeeröster haben zumindest eine faire Bohnensorte im Angebot oder Modehäuser eine sozial "saubere" Kollektion an der Stange hängen. Dass Fair Trade im konventionellen Handel nur eine Nische belegt, räumt auch Stefan Genth ein, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels (HDE): "Das enorme Wachstum in den letzten Jahren ist bemerkenswert. Doch noch macht Fair Trade gerade mal zwei Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes aus." Nach Angaben des Forums Fairer Handel haben fair erzeugte Lebensmittel bundesweit sogar nur einen Anteil von 1,6 Prozent. Selbst beim Aushängeschild Kaffee lag der Marktanteil 2011 nach Angaben von Transfair lediglich bei etwa zwei Prozent, bei Bananen bei nur knapp einem Prozent.

Besser zwei faire Produkte im Regal als gar keines?



Und doch kann der Faire Handel nicht mehr ohne den konventionellen Handel: Heute wird nach Angaben des Forums Fairer Handel bereits mehr als jedes zweite Fairtrade-gesiegelte Produkt über die konventionelle Schiene vertrieben, also in Zehntausenden von Supermärkten, Filialen von Café- oder Fastfoodketten verkauft. Selbst die Discounter, die sich in ihrer Beschäftigungs- und Einkaufspraxis wenig zimperlich zeigen, setzen bei einzelnen Produkten auf fair und stellen entsprechend gesiegelten Orangensaft oder Zucker ins Regal oder locken mit fairen Aktionswochen. Doch diese Entwicklung ist umstritten.

Besser zwei faire Produkte im Regal als gar keines, argumentieren Befürworter. Der Einstieg der großen Handelsketten in den Verkauf von zumindest einzelnen fair und kinderarbeitsfrei erzeugten Produkten sei ein erster Schritt in die richtige Richtung. Nach und nach würden die Konzerne dadurch gezwungen, ihr gesamtes Sortiment umzustellen.

Gegner wiederum kritisieren, dass sich die konventionellen Unternehmen mit fairen Löhnen für Erzeuger oder Kinderarbeitsfrei-Garantien für einzelne Produkte nur ein soziales Mäntelchen umhängen würden. In der Kritik steht dabei vor allem die Kooperation von Transfair mit Lidl: Der wegen seiner Spitzelaffairen und miesen Arbeitsbedingungen in Verruf geratene Discounter hat gemeinsam mit der deutschen Fairtrade-Siegelorganisation die Eigenmarke Fairglobe entwickelt. Doch ohne den Einstieg des konventionellen Einzelhandels hätte es keinen Boom fairer Produkte gegeben, ist Transfair-Chef Dieter Overath überzeugt. "Wollen wir den Fairtrade-Anteil ausweiten, kommen wir am Discounter nicht vorbei", sagt er – immerhin kaufen die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher mittlerweile die Hälfte aller ihrer Lebensmittel dort. Hinzu kommt, dass Handelskonzerne den Produzenten in Ländern der Dritten Welt größere Mengen abkaufen können. Und die Discounter erreichen eine Zielgruppe, die bislang wenig Interesse zeigte, nach ethischen Kriterien einzukaufen.

Den Erzeugern fairer Produkte in Afrika, Asien oder Lateinamerika ist es letztendlich egal, wo in Europa ihre Ernte an den Kunden gebracht wird, ob im Weltladen oder beim Discounter – "Hauptsache, sie wird verkauft", sagt Transfair-Sprecherin Claudia Brück. Ansu Lamin, der Kakaobauer aus Sierra Leone, der mit 55 Jahren zum ersten Mal Schokolade aß, dürfte das genauso sehen: Hauptsache, seine Bohnen landen in einer fairen Schokolade.

Fußnoten

1.
Siehe auch den Beitrag von Friedel Hütz-Adams in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

Martina Hahn

Zur Person

Martina Hahn

M.A., geb. 1966; Politologin und Journalistin mit dem Schwerpunkt nachhaltiger Konsum und Entwicklungszusammenarbeit; lebt in Dresden und Berlin. martinahahn@yahoo.com


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