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6.11.2012

Bildungsgeschichten - Gespräch mit Rüdiger Thomas über Vergangenheit und Zukunft der bpb

Hans-Georg Golz: Herr Thomas, Sie haben von 1964 bis 2003 die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in bedeutenden Funktionen mitgestaltet. Was waren die wichtigsten Etappen? [1]

Rüdiger Thomas: Meine Tätigkeit für die Bundeszentrale gliedert sich in zwei Phasen: Von 1964 bis 1981 war ich im Kölner Ostkolleg der bpb beschäftigt. Im Herbst 1981 habe ich dann die Leitung der Arbeitsgruppe Publizistik in Bonn übernommen, zu der neben der Wochenzeitung "Das Parlament", die 2000 in die Verantwortung des Deutschen Bundestages übergegangen ist, auch diese Zeitschrift und die Schriftenreihe gehörten.

Sie haben 1958, mit gerade 18 Jahren, die DDR verlassen. Warum beschäftigt sich ein junger Mann dann im Westen so intensiv mit dem Marxismus, dem Kommunismus sowjetischer Prägung und dem ostdeutschen Parallelstaat?

Ich hatte an der Leipziger Thomasschule Abitur gemacht und aus politischen Gründen keine Zulassung zum beabsichtigten Mathematikstudium erhalten. Nicht selten hat die Entscheidung gegen das DDR-System ein nachfolgendes Interesse für die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus ausgelöst. So war es auch bei mir.

Ich möchte mit Ihnen zunächst über das Ostkolleg sprechen, das im November 1957 gegründet worden ist. Kann man dieses, insbesondere in seiner frühen Arbeitsphase, als eine antikommunistische Einrichtung des ideologischen Kalten Krieges betrachten?

Die ersten sechs Jahre habe ich die Aktivitäten des Ostkollegs nicht selbst miterlebt, doch habe ich mit Ausnahme der beiden umstrittensten Personen, die mit dem Ostkolleg verbunden waren, Gerhard von Mende und Hans Koch, alle anderen Gründungsmitglieder des wissenschaftlichen Direktoriums persönlich kennengelernt. Für diese vor meiner eigenen Mitwirkung liegende Zeit habe ich nun die Programme der Seminare, die Teilnehmerlisten und die Sitzungsprotokolle des Direktoriums durchgesehen und dabei meine eigene Erfahrung bestätigt gefunden, dass das Ostkolleg seine Arbeit unter den Anspruch einer "wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Kommunismus" stellte. Aus meiner Sicht hat das Ostkolleg diese Aufgabe überwiegend eingelöst. Das war nur deshalb möglich, weil die Konstruktion dieser einzigartigen Bildungseinrichtung strukturell eine weitgehende Unabhängigkeit von politischen Eingriffen gewährleistete. Denn das wissenschaftliche Direktorium konnte über die Programmgestaltung und die Auswahl der Referierenden autonom entscheiden. Das galt nicht nur gegenüber dem Bundesinnenministerium (BMI), sondern auch im Hinblick auf die Leitung der Bundeszentrale für Heimatdienst (BZH), wie die bpb bis 1963 hieß. Dieses Autonomiekonzept hatte der junge Berliner Philosophie- und Soziologieprofessor Hans-Joachim Lieber entwickelt. Dass es vom Ministerium akzeptiert wurde, war vornehmlich Staatssekretär Hans Ritter von Lex zu verdanken.

Inwieweit hat die Entwicklung des politischen Umfeldes ihre Arbeit beeinflusst?

Meine lange Tätigkeit im Ostkolleg fiel in eine Periode, die durch wichtige politische Umbrüche gekennzeichnet ist. Innenpolitisch sind zentrale Stichworte die Bildung der ersten großen Koalition 1966, der 1969 die Ablösung der CDU als langjährige Regierungspartei durch die sozialliberale Koalition folgte. Der Grundlagenvertrag 1972 eröffnete eine neue Periode der Deutschland- und Ostpolitik, in der sich frühe Hoffnungen und folgende Enttäuschungen vermischten. In der internationalen Politik war der Schock der Niederschlagung des "Prager Frühlings" im August 1968 durch die sowjetische Okkupation ein einschneidendes Ereignis; ebenso nach der Aufnahme der beiden deutschen Staaten in die UNO 1973 vor allem der KSZE-Prozess. Während die politische Entwicklung durch das Spannungsverhältnis zwischen Kooperation und Konflikt, durch "antagonistische Kooperation", charakterisiert war, rückten im Ostkolleg schon seit 1965 Bemühungen in den Vordergrund, Kontakte nach Osteuropa mit dem Ziel anzubahnen, auch Wissenschaftler aus dem Ostblock als Referenten für die Seminare des Ostkollegs zu gewinnen.

Zwar hatten sich nach den Krisenhöhepunkten Mauerbau 1961 und Kubakrise 1962 erste Anzeichen einer politischen Neuorientierung gezeigt, als US-Präsident John F. Kennedy Anfang 1963 seine "Strategie des Friedens" konzipierte und Egon Bahr im Juli 1963 in Tutzing gegenüber der "Zone" sein neues Konzept einer Einwirkung durch Kontaktaufnahme mit der DDR als "Wandel durch Annäherung" vorstellte, doch blieben diesen Absichtserklärungen unmittelbare politische Erfolge zunächst versagt. Wie wirkte sich das auf die Arbeit des Ostkollegs aus?

Frühe Sondierungen zur Kontaktaufnahme stießen vor allem auf sowjetischer Seite zunächst auf ein ablehnendes Echo, bevor Ende 1967 erste Referenten aus der Sowjetunion im Ostkolleg zu Gast waren. Zu diesem Zeitpunkt hat Werner Maibaum, der Studienleiter des Ostkollegs, vor allem intensive Kontakte in die ČSSR, darunter zu Ota Šik, angebahnt, die rasch ein jähes Ende fanden und sich nachfolgend nur noch in der Mitwirkung exilierter Wissenschaftler wie Jiří Kosta und Milan Prucha realisieren ließen. Im Rückblick muss es befremdlich erscheinen, wie rasch der Westen nach dem jähen Ende des "Prager Frühlings" zur weltpolitischen Tagesordnung überging, doch das Ostkolleg sollte davon profitieren: Von 1969 an wirkten immer häufiger Referenten aus Polen und Ungarn, weitgehend über Kontakte mit den Akademien der Wissenschaften, an Tagungen des Ostkollegs mit, dazu kamen wiederholt Gäste aus dem blockfreien Jugoslawien. Am wichtigsten waren von Beginn der 1970er Jahre an die Kontakte nach Polen. 1972 hatte sich eine deutsch-polnische Schulbuchkommission konstituiert, die sich die Ausarbeitung von gemeinsamen Empfehlungen für die Darstellung in Schulbuch und Unterricht beider Länder zum Ziel setzte. So konnte 1975, auch dank der Unterstützung durch den Direktor des polnischen Instituts für internationale Angelegenheiten, Marian Dobrosielski, eine erste Tagung mit deutschen Schulbuchautoren aus renommierten Schulbuchverlagen der Bundesrepublik in Polen realisiert werden, der ähnliche Seminare folgten, die dann auch in Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer Deutschlands und dem Verband Deutscher Schulgeografen initiiert wurden. Im November 1977 fand in Köln eine erste gemeinsame Tagung für deutsche und polnische Geschichtslehrer statt. 1978 gelang es schließlich, mit einer Gruppe von westdeutschen Historikern und Geografen ein erstes Seminarprojekt in der Sowjetunion zu realisieren, das neben Moskau auch Leningrad und Minsk einschloss.

Gab es ähnliche Initiativen in Richtung DDR?

Bis zum Ende der DDR konnten nur wenige Referenten zu Tagungen des Ostkollegs eingeladen werden. Dabei waren direkte Kontakte zu wissenschaftlichen Einrichtungen nicht möglich. Nach Aushandlung des Grundlagenvertrages genehmigte das BMI Initiativen des Ostkollegs zur Einladung von Referenten aus der DDR, obwohl diese zunächst nur über das Institut für Internationale Politik und Wirtschaft (IPW) in Ost-Berlin erfolgen konnten. Das IPW war sowohl dem ZK der SED wie dem Ministerrat unterstellt, woraus sich die politische Brisanz einer solchen Vorgehensweise ergab. In Abstimmung mit dem wissenschaftlichen Direktorium unternahm Werner Maibaum mit mir 1972 einen Informationsbesuch im IPW. In den folgenden Jahren konnten über das IPW einige wenige Personen aus der DDR, Historiker und Geografen, im Ostkolleg referieren, doch erwies sich dieses Verfahren als wenig ermutigend. So konnte im Ostkolleg zwar wissenschaftlich über die DDR informiert, aber kaum mit Wissenschaftlern aus der DDR diskutiert werden.

Was war der Grund dafür, dass Sie 1981 vom Ostkolleg in die Bundeszentrale nach Bonn gewechselt sind?

Ich hatte schon 1967 durch Direktor Paul Franken das Angebot erhalten, die Redaktion von APuZ zu übernehmen, wollte in dieser Phase aber das Ostkolleg nicht verlassen. Dort hatte ja gerade mit der Anbahnung von Ostkontakten eine überaus interessante Phase begonnen; außerdem schien mir die Bonner Aufgabe zu früh zu kommen. Es war eine glückliche Entscheidung von Franken, dass er Enno Bartels, einem der vier Gründungsreferenten der BZH, damals die Redaktion von APuZ übertragen hat. Bartels war zunächst der einzige Redakteur. Erst im Februar 1973 wurde die Redaktion durch Klaus Wippermann und Gerd Renken zu einem Team erweitert, und die Zeitschrift erlangte ein neues Profil: Alle Ausgaben standen fortan unter einem Rahmenthema, was zur Folge hatte, dass ein hoher Anteil der Beiträge im Ergebnis einer sorgfältigen Themenplanung aus Autorenaufträgen hervorgegangen ist. Während ich am Ostkolleg tätig war, gab es kollegiale Verbindungen nach Bonn, mich interessierte neben APuZ vor allem die Schriftenreihe. Dort sind in den beiden ersten Jahrzehnten überwiegend schmalere Broschüren erschienen, häufig aus APuZ-Beiträgen hervorgegangen, daneben vor allem Sammelbände zur Didaktik der politischen Bildung in den verschiedenen Schularten. Erst seit Mitte der 1970er Jahre wurden auch umfangreiche Bücher publiziert, wie wir sie aus Verlagsprogrammen kennen. Diese Buchproduktion erschien mir besonders reizvoll. Dabei war mir bewusst, dass die bpb nicht in Konkurrenz zu privatwirtschaftlichen Verlagen treten konnte und sollte, mit denen sie ja seit ihrer Gründung durch Verlagsankäufe in Verbindung stand. Es ging vielmehr darum, thematische Lücken im Angebot zu schließen und auch neue Formen der Kooperation mit Verlagen zu erproben.

Fiel Ihnen der Schritt von einer universitätsnahen, wissenschaftlich orientierten Seminararbeit hin zur breiten, zielgruppenorientierten politischen Bildung schwer? Wie würden Sie den Unterschied beschreiben?

Schon im Ostkolleg hatte ich praxisnah erfahren, dass politische Bildung die spezifischen Bedürfnisse unterschiedlicher Zielgruppen berücksichtigen muss. In der bpb gab es dafür die beiden Arbeitsgruppen "Publizistik" und "Politische Bildung in der Schule", die diesem Sachverhalt markant Rechnung getragen und eine sinnvolle Arbeitsteilung im Publikationssektor ermöglicht haben. Die "Informationen zur politischen Bildung" sind mit ihrer Millionenauflage seit ihren frühen, von Carl-Christoph Schweitzer initiierten Anfängen bis heute das erfolgreichste Produkt der bpb und ihr markantestes Erkennungszeichen geblieben. Während für diesen Arbeitsbereich der pädagogische Anspruch der bpb im Vordergrund stand, hat sich die von mir verantwortete Arbeitsgruppe – darin dem Ostkolleg vergleichbar – stärker am Anspruchsniveau wissenschaftlich fundierter Informationsvermittlung orientiert. Der Unterschied zu meiner Tätigkeit im Ostkolleg bestand eher in der Differenz zwischen der personalen Interaktion eines Seminarbetriebs und einer verlegerischen Aktivität, die durch das kollegiale und kreative Miteinander in einer Redaktion stärker bestimmt war als durch die Reflexion von Konzepten zur Didaktik politischer Bildung.

Die Neuprofilierung der Schriftenreihe in den 1980er Jahren ist eng mit Ihrem Namen verbunden. Christoph Kleßmanns Bände über die doppelte deutsche Nachkriegsgeschichte etwa sind heute noch Standardwerke. Von manchen Schriftenreihebänden sind im Laufe der Jahrzehnte bis zu 200.000 Exemplare vertrieben worden. Welche Meilensteine würden Sie identifizieren?

Von Meilensteinen würde ich nicht sprechen, sondern von Erfolgen, die sich einem großen Freiraum verdanken, den die Hausleitung – von seltenen Ausnahmen abgesehen – stets gewährt hat; von einem idealen Teamwork mit engagierten und kreativen Kolleginnen und Kollegen und dem seltenen Glück, mit vielen herausragenden Autoren bei ausreichenden finanziellen Ressourcen kooperieren zu dürfen. Nicht unerwähnt sollte auch bleiben, dass zahlreiche Werke in enger Kooperation mit renommierten Verlagen realisiert wurden. Es fällt mir schwer, einzelne Publikationen hervorzuheben. Aber ich stimme Ihnen zu: Kleßmanns beide Bände zur gesamtdeutschen Nachkriegsgeschichte von 1945 bis 1970, die 1982 beziehungsweise 1988 erschienen, haben für mich im Rückblick einen besonderen Stellenwert. "Die doppelte Staatsgründung" war nicht nur das erste Buch, das ich in der Schriftenreihe verlegen durfte, es war auch die erste Darstellung überhaupt, welche die Geschichte der beiden deutschen Staaten im Gesamtzusammenhang einer "asymmetrischen Beziehungsgeschichte" in den Blick genommen hat. Zeitlich parallel, zwischen 1981 und 1987, wurde andernorts eine schwergewichtige "Geschichte der Bundesrepublik Deutschland" in fünf Bänden publiziert. Als in der Historiografie der gesamtdeutsche Blick durch eine staatsgeschichtliche Perspektive verlorenzugehen drohte, waren Kleßmanns Bände eine bemerkenswerte Ausnahme.

Sie haben etwa zehn Jahre lang die Redaktion der APuZ geleitet. Was war die Idee hinter der 1953 erstmals erschienenen Zeitschrift?

Franken hatte erkannt, dass der Bundeszentrale mit der Übernahme der Wochenzeitung "Das Parlament", die bereits Mitte der 1950er Jahre eine Auflage von rund 80.000 Exemplaren erreichte, ein optimales Medium für die kostenfreie zusätzliche Verbreitung anspruchsvoller, wissenschaftlich fundierter und zugleich aktueller Beiträge zur Politik und Zeitgeschichte zur Verfügung stand. Wie sich das Publikationsprogramm von APuZ im ersten Jahrzehnt entwickelt hat, habe ich in einer Inhaltsanalyse in einem ersten Umriss untersucht.[2] Ganz überwiegend sind die Beiträge wissenschaftlich fundiert, informativ und differenziert, Autorenkreis und Themenspektrum haben sich zunehmend erweitert. Im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit dem Kommunismus habe ich nur wenige Beiträge gefunden, die – wie es doch dem "Zeitgeist" entsprochen hätte – durch aufgeladene Polemik bestimmt waren. Vorherrschend war eine faktenorientierte Information, die ich als "rationalen Antikommunismus" bezeichnet habe. Franken hat mit APuZ seine wichtigste berufliche Spur hinterlassen, und alle Redakteurinnen und Redakteure sind der damit verbundenen Herausforderung stets aufs Neue gerecht geworden, eine Einschätzung, die ich seit zehn Jahren in meiner neuen Rolle als neugieriger Leser immer wieder bestätigt finde.

Welche Erinnerungen haben Sie an den historischen Herbst 1989 und die deutsche Vereinigung 1990?

Die Maueröffnung habe ich sozusagen live erlebt. Die von der bpb zum Staatsgründungsjubiläum im Reichstagsgebäude veranstaltete Tagung "Vierzig Jahre politische Bildung in der Demokratie" hat mich am Tag nach der Maueröffnung nach Berlin geführt. Dort bin ich nachmittags in einer Konferenzpause noch zaghaft selbst auf die Mauer direkt vor dem Brandenburger Tor geklettert. Auf der Kundgebung vor dem Schöneberger Rathaus habe ich abends Willy Brandt gehört – ein unvergessliches Erlebnis in einer hoch emotionalen Atmosphäre, in der sich kaum jemand vorstellen konnte, wie sich in einem Prozess fortschreitender Beschleunigung der Weg zur staatlichen Wiedervereinigung vollziehen würde. In den folgenden Monaten bin ich wiederholt im "Haus der Demokratie" gewesen, wo wir die unabhängigen Bürgerbewegungen im Hinblick auf die erste demokratische Volkskammerwahl mit unseren Materialien und mit Seminarprojekten unterstützen wollten. Ich hatte vor allem einen persönlichen Kontakt zur Initiative "Frieden und Menschenrechte" gefunden, woraus erste gemeinsame Publikationspläne mit Armin Mitter und Stefan Wolle entstanden sind. Diese publizierten bereits im Februar 1991 in APuZ Beiträge über das Ministerium für Staatssicherheit. Nach Auflösung des dem vormaligen Ministerium für innerdeutsche Beziehungen unterstellten Gesamtdeutschen Instituts (GDI) Anfang 1992 wurde der bpb die administrative Verantwortung für das "Deutschland Archiv" übertragen. Durch diese Entscheidung und die Übernahme zahlreicher Kolleginnen und Kollegen aus dem GDI rückten die Geschichte der DDR und der deutsche Einigungsprozess in den 1990er Jahren in den Mittelpunkt unserer Arbeit. Die erste Buchmesse, an der die bpb als Ausstellerin in der traditionsreichen Buch- und Messestadt Leipzig präsent sein konnte, fand im April 1991 statt. Auf dieser Messe war die Nachfrage nach unseren Publikationen bei zahllosen ostdeutschen Besuchern besonders auffällig. Favorit war das "Kleine Rechtswörterbuch" – symptomatisch für den frühen Wunsch nach Orientierung über den Rechtsstaat. Wichtig war auf dieser Messe auch die Begegnung mit Christoph Links, der mit seinem neu gegründeten Verlag ein intensiver Gesprächspartner wurde, mit dem die bpb in der Folgezeit zahlreiche Kooperationen realisiert hat. In dem gemeinsam projektierten Werk "DDR-Geschichte in Dokumenten" (1998) ist übrigens erstmals der "Schießbefehl" dokumentiert worden.

Wie schätzen Sie den zurückgelegten Weg zur in den 1990er Jahren viel zitierten "inneren Einheit" Deutschlands ein? Welche Rolle spielte dabei die Arbeit der bpb?

Nachdem seit der deutschen Wiedervereinigung, die tatsächlich eine Neuvereinigung war, mehr als zwei Jahrzehnte vergangen sind, ziehe ich eine entschieden positive Bilanz. Das gilt insbesondere für das zurückliegende Jahrzehnt; denn für die jüngere Generation ist die DDR in eine historische Distanz gerückt, die nicht mehr mit der eigenen Lebensgestaltung verbunden ist. Heute stehen die persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten im Vordergrund, für die jungen Ost- wie für die Westdeutschen, denen die Einheit zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Politisch und gesamtgesellschaftlich betrachtet hinterlässt das erste Jahrzehnt dagegen einen zwiespältigen Eindruck. Die unvergessliche Euphorie des Anfangs war schnell verflogen, die schockbehaftete Geschichte der Treuhand hat manche Illusionen zerstört, die gesamtdeutsche Solidarität nicht alle Bewährungsproben bestanden. Bedrückt hat mich der Umstand, dass viele aus der Generation der Älteren im Osten unseres Landes die beruflichen Chancen des Neubeginns nicht nutzen konnten und unerwartet erleben mussten, was Arbeitslosigkeit zumal als psychische Belastung bedeutet. Bereichernd war dagegen von Anfang an der persönliche Kontakt zu vielen Menschen, die in der DDR im "aufrechten Gang" gelebt hatten. In solchen Begegnungen hat sich die innere Einheit wie selbstverständlich ergeben. Daraus sind für meine Arbeit in der bpb viele wichtige Projekte erwachsen. Vor allem möchte ich Ehrhart Neuberts "Geschichte der Opposition in der DDR 1949–1989" (1997) und Stefan Wolles "Die heile Welt der Diktatur" (1998) erwähnen. In diesen bis heute wichtig gebliebenen Schriftenreihebänden konnten sich ostdeutsche Autoren aus jüngeren Generationen profilieren, die Wissenschaft und Erfahrungskompetenz überzeugend zu verbinden wussten. Aus dem intensiven Gedankenaustausch mit dem Leipziger Kultursoziologen Bernd Lindner ist seinerzeit auch eine neue Publikationsreihe, "Deutsche ZeitBilder", entstanden, die seit 1998 in verschiedenen Ausgaben Aspekte der DDR-Geschichte in einer neuen Darstellungsform mit einer spezifischen Verbindung von Text und Bild in den Blick rückt. Lindner hat in dieser Reihe die erste Publikation "Die demokratische Revolution in der DDR" vorgelegt, ebenfalls ein Longseller. Wer sich umfassend über die zahlreichen Aktivitäten der bpb im deutschen Einigungsprozess informieren möchte, findet detailliert Aufschluss in dem Bericht, den die bpb der Enquete-Kommission des Deutschen Bundestags "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit" 1997 vorgelegt hat.[3] Besonders wichtig scheint mir dabei der Beitrag, den die bpb zur Ausbildung von Politik- und Gemeinschaftskundelehrern geleistet hat. In einem von der bpb betreuten zertifizierten Fernstudium konnten rund 2500 vormalige Lehrkräfte der Fächer Geschichte und Staatsbürgerkunde die Qualifikation für das neu eingerichtete Fach Politik/Gemeinschaftskunde erwerben. Apropos: Bereits 1988 war mir in der "Frankfurter Rundschau" die bemerkenswerte Situationsanalyse eines jungen evangelischen Vikars aus der "Kirche von unten" aufgefallen, den ich im gleichen Jahr in einem Beitrag für die gesamtdeutsche Zeitschrift "Niemandsland" zitiert habe. Der Autor: Thomas Krüger. Später hat sich herausgestellt, dass wir manche gemeinsamen Freunde in der DDR hatten, doch persönlich begegnet sind wir uns erst, als er 2000 Präsident der bpb wurde. Mit ihm bin ich in einer Art ursprünglichem Einvernehmen nach einer leider nur kurzen gemeinsamen Arbeitsperiode bis heute verbunden geblieben. Die Ausstellung "Mauersprünge" (2002) mit ost- und westdeutscher Kunst und Kultur der 1980er Jahre ist dafür ein wichtiges Zeugnis.

Wie "unabhängig" war die Bundeszentrale "zu Ihrer Zeit", und wie wichtig ist diese Unabhängigkeit für das Renommee und die Breitenwirkung des Hauses, das ja in diesem Jahr seinen 60. Geburtstag begeht?

In der Zeit, als ich für die bpb tätig war, das gilt für das Ostkolleg ebenso wie für mehr als 20 Jahre in meinem Verantwortungsbereich für Publikationen, habe ich feststellen können, dass das BMI die Unabhängigkeit unserer Arbeit immer weitestgehend respektiert hat. Eine Ausnahme bildet eine kurze Periode am Anfang der 1960er Jahre, in der Innenminister Gerhard Schröder eine der Drucklegung vorausgehende Prüfung wichtiger Publikationen durch das BMI verfügt hat, die als "Maulkorberlass" in die Geschichte eingegangen ist, ohne dass aus dieser in der Presse seinerzeit heftig kritisierten Maßnahme tatsächliche Publikationsverbote hervorgegangen wären. Nach meiner Überzeugung ist der wichtigste Garant für die Unabhängigkeit der bpb das Kuratorium aus Bundestagsabgeordneten aller Fraktionen gewesen, das auch in schwierigen Situationen unser Haus nachdrücklich und fraktionsübergreifend unterstützt hat. Hier wären viele Namen aus allen politischen Lagern zu nennen, die ich hier nicht im Einzelnen würdigen kann. Dem Kuratorium war es zu verdanken, dass seit Juli 1990 für "Das Parlament" ein Redaktionsstatut wirksam wurde. Es garantierte die Handlungsfreiheit der Redaktion gegenüber zuvor nach der Geschäftsordnung zulässigen Eingriffen des Direktoriums, insbesondere bei den selbst konzipierten "Themenausgaben". Schließlich war das Kuratorium auch maßgeblich an der Wiederherstellung der Einzelleitung des Hauses durch einen Präsidenten im Jahr 1992 beteiligt. 1973 hatte die sozialliberale Koalition mit der Begründung politischer Ausgewogenheit an der Spitze des Hauses ein Dreierdirektorium mit je einem Vertreter, der von CDU/CSU, SPD und FDP nominiert werden konnte, installiert. Dieses hat sich in mancher Hinsicht als schwer praktikabel erwiesen, weil es in dieser Leitungsstruktur ein Vetorecht bei strittigen Sachverhalten gab, das die Arbeit mitunter erschwerte. Und last but not least: Nach Einführung des Wissenschaftlichen Beirats, der bereits bei Gründung des Hauses vorgesehen war, aber erst 1970 erstmals berufen worden ist, hat sich auch dieses Gremium bis heute immer wieder als wichtige, kompetente und wertvolle Hilfe erwiesen.

APuZ, Schriftenreihe und die "Informationen zur politischen Bildung" sind bis heute Flaggschiffe der bpb. Welche Zukunft haben gedruckte Medien?

Wir sollten uns erinnern: Bücher hat es – spätestens seit Aristoteles – schon vor rund 2400 Jahren gegeben, lange bevor der Buchdruck in der vor 550 Jahren entstandenen Gutenberg galaxy (Marshall McLuhan) ihre massenhafte Verbreitung ermöglicht hat. Im digitalen Zeitalter entsteht leicht ein Missverständnis: Wer gezielt Einzelinformationen sucht, kann diese mit einem Mausklick in zuvor ungeahnter Geschwindigkeit elektronisch abrufen, "googeln", wie inzwischen auch der "Duden" konstatiert. Wer freilich in einem Wissensgebiet den aktuellen Forschungsstand in der Form eines geordneten, ja "vernetzten" Überblicks erfassen möchte, bleibt auf den "Typus Buch" auch künftig angewiesen. Es ist dabei nachrangig, ob ein solches "Buch" seine Nutzer als Handschrift, durch Kopien verbreitet, in Druckfassung oder elektronisch erreicht. Die Grundfrage der Buchproduktion bleibt aktuell: Wie muss ein Werk gestaltet sein, um nicht nur (Einzel-)Information, sondern systematisch Bildung zu vermitteln? Es ist heute allenfalls in Umrissen vorstellbar, wie sich im digitalen Zeitalter das jahrhundertelange "Leitmedium", das technologisch durch den Computer abgelöst worden ist, in einen Medienverbund einfügen könnte, ohne seine unverzichtbare Funktion der "Überschaubarkeit" in klaren Strukturen und Ordnungsmustern zu verlieren. Norbert Bolz hat dafür in einem aufschlussreichen Buch die Stichworte "Wissensdesign" und "Hypermedia" gefunden. Es handelt sich hierbei um Such- und Gestaltungsprozesse, in denen – navigierend auf verschiedenen Ebenen und mit einer Überfülle von Informationen konfrontiert – sich schließlich in neuen Verknüpfungen "autorenlose Texte, die sich gleichsam im Lesen schreiben",[4] generieren und damit auch die Grenzen zwischen Urheber und Nutzer verwischen.

Was wünschen Sie der staatlichen politischen Bildung im digitalen Zeitalter?

Dass sie unabhängig bleibt, personell und finanziell ausreichend ausgestattet wird, kreativ und zielgruppenorientiert neue Wege beschreitet und dabei ihre Markenkerne erhält. Es ist bezeichnend, dass der Visionär Thomas Morus, Autor der "Utopia" (1516), als der Urheber eines häufig Gustav Mahler zugeschriebenen Diktums gilt, das Kontinuität und Wandel in einen sinnhaften Zusammenhang stellt: "Tradition ist nicht das Bewahren der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers." Diese Einsicht sollte auch die Zukunft der bpb begleiten.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Rüdiger Thomas für bpb.de

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Fußnoten

1.
Das Gespräch fand Ende September 2012 in Bonn statt.
2.
Vgl. Rüdiger Thomas, Antikommunismus zwischen Wissenschaft und politischer Bildung, 16.5.2012, http://www.bpb.de/136249« (1.11.2012), gekürzte Fassung in: Deutschland Archiv, 45 (2012) 2, S. 277–290.
3.
Vgl. Bundeszentrale für politische Bildung, Der Beitrag der Bundeszentrale für politische Bildung zur Förderung des Prozesses der deutschen Einheit, in: Materialien der Enquete-Kommission "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit", Bd. VII, Baden-Baden–Frankfurt/M. 1999, S. 159–227.
4.
Vgl. Norbert Bolz, Am Ende der Gutenberg-Galaxis. Die neuen Kommunikationsverhältnisse, München 1993, S. 183–233, hier: S. 223.

Rüdiger Thomas

Zur Person

Rüdiger Thomas

Geb. 1940; bis 2003 Arbeitsgruppenleiter in der Bundeszentrale für politische Bildung; Historiker, Publizist, Redakteur; Bergisch Gladbach. krthomas@t-online.de, http://www.ruedigerthomas.eu«


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