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11.12.2012

Über die Aktualität des Weltuntergangs

Seit der Mensch in der Lage ist, über seine Existenz, die Entstehung der Erde und des Universums nachzudenken, beschäftigt ihn zugleich auch der Gedanke an deren Zerstörung und möglichen Untergang. Die Apokalypse (griechisch: "Enthüllung", "Offenbarung") schildert im klassischen theologischen Sinne den Weltuntergang beziehungsweise das Ende der Menschheit und einen darauf folgenden Neuanfang. Moderne Weltuntergangsszenarien sind in dieser Hinsicht meist wesentlich düsterer: Ob in Literatur oder Film, ob in Nachrichten oder Dokumentationen über mögliche Großkatastrophen der Zukunft wird das unumstößliche Ende der Welt beziehungsweise der Zivilisation beschrieben.

Gerade im Jahr 2012 scheint das Thema Weltuntergang dabei besonders massenwirksam zu sein, was unter anderem daran liegen mag, dass der Maya-Kalender am 21. Dezember 2012 endet – und damit nach einem modernen Mythos auch das Ende der Welt eingeläutet wird.[1] Aber ungeachtet dessen, wie man zum Thema Weltuntergang steht, ob man aus religiösen beziehungsweise ideologischen Gründen daran glaubt oder aus rationalen Gründen in historischen Entwicklungen und Naturereignissen eine Ursache für einen möglichen Untergang der Welt sieht: Sicher ist, dass sich, rein naturwissenschaftlich betrachtet, spätestens in fünf Milliarden Jahren die Sonne ausdehnen und die Strahlung das Leben auf der Erde unmöglich machen wird. Das Leben des Menschen auf der Erde ist also nicht "unendlich", sondern begrenzt. Ob vorher Dinge passieren werden, die das Ende der Welt – oder in einem weicheren Sinne: das Ende der Welt, wie wir sie kannten – bedeuten, lässt sich nur schwer sagen.

Gerade im Jahr des "Maya-Weltuntergangs" befassen sich viele Medien mit dem Thema: von rein fiktionalen Büchern und Comics über Kinofilme und Fernsehserien bis hin zu Semi-Dokumentationen, die aufgrund naturwissenschaftlicher Kenntnisse beispielsweise das "Leben ohne Menschen" durchspielen. Aber es gibt es auch wissenschaftliche Publikationen, die sich mit globalen Gefahren auseinandersetzen, die das Ende der Menschheit bedeuten könnten.[2] Nicht zuletzt merkt man schon an dieser Bandbreite, dass die Beschäftigung mit dem Thema mal ernsthafter, mal unterhaltsamer ausfällt.[3]

Wenn man ein grobes Raster entwerfen sollte, um einigermaßen abzustecken, welche "Ursachen" für den möglichen Weltuntergang häufig vorkommen, lässt sich folgende Aufstellung vertreten: Schon anhand dieser groben Auflistung zeigt sich, dass manche Weltuntergangsszenarien schon auf den ersten Blick unwahrscheinlich und rein fiktional erscheinen (Zombies, Aliens), andere jedoch wesentlich realistischer (Krieg, Naturkatastrophen). Ein "Weltuntergang" muss darüber hinaus nicht bedeuten, dass alle Menschen vernichtet werden – denkbar sind auch durchaus realistische Szenarien, in denen das "Ende der Welt, wie wir sie kannten" anbricht. So bieten beispielsweise Auswüchse des Spätkapitalismus wie Bank-, Finanz- und Wirtschaftskrisen Anlass zur Sorge um die künftige Beschaffenheit der Welt.

Die moderne Wissenschaft, soweit sie sich überhaupt mit dem Thema beschäftigt, versucht vorsichtig sachlich zu bleiben. Dennoch mehren sich auch von dieser Seite die warnenden Worte, die auf einen rapiden Wandel der Welt und Möglichkeiten des Untergangs bisheriger Arten des Lebens und Überlebens hindeuten: "Wir werden uns in den nächsten 100 Jahren in einem bisher noch kaum vorstellbaren Maß nicht nur mit Katastrophen, sondern auch mit Transformationen beschäftigen müssen."[4]

Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, warum das Thema Weltuntergang so aktuell ist. Da ein Vergleich, ob in heutiger Zeit das apokalyptische Denken stärker ist als in früheren Zeiten, so nicht differenziert und objektiv zu leisten ist, werde ich in einer Rückschau einige wichtige Entwicklungslinien von den religiösen Ursprüngen bis zu modernen Medieninszenierungen aufzeigen, um am Ende erneut die Frage nach der Aktualität zu stellen.

Biblische Ursprünge



Die wohl bekannteste Darstellung der Apokalypse, die christliche Johannes-Offenbarung, zeigt eine metaphorische Zukunftsschau, in der der Kampf des Guten mit dem Bösen mit dem Sieg des Guten, mit dem Neuanfang der Menschheit, endet.[5]

Die imposante Darstellung des Jüngsten Gerichts in der Bibel zeigt einen Gott, der dem Menschen die Wahl zwischen dem Guten und dem Bösen gelassen hat. Das Übermaß an Sünde und Verfall bestraft er jedoch mit aller Härte und schafft somit einen Moment der Katharsis, der Reinigung, indem er nicht die gesamte Menschheit vernichtet, sondern eine geläuterte Menschheit auf den Weg bringt.

Die Prophezeiung "die Zeit ist nahe" (das heißt die Zeit der kommenden Apokalpyse), die in der Johannes-Offenbarung kundgetan wird, wird im religiösen Sinne kaum noch vertreten. Dennoch gibt es Sekten, die stark auf die beständige Prophezeiung des kommenden Endes fokussiert sind; die Zeugen Jehovas etwa, die vor allem Ende der 1990er Jahre mediales Interesse erweckten, bevor Scientology größere Aufmerksamkeit zuteil wurde, propagierten das nahende Ende und die Errettung weniger dafür Bestimmter. Man kann in dieser Form der Religion deutlich Züge einer Apokalyptik erkennen, die bestimmte soziale Gruppen als neue gefallene Engel (von der "großen Hure" der Jetzt-Zeit ist beispielsweise die Rede), die Zeugen selbst jedoch als Auserwählte darstellt.

Abseits dieser religiösen Deutungen und Glaubenssysteme zeigt sich jedoch auch ein großer Bereich von semi-religiöser Apokalyptik oder von Endzeitvisionen, der uns im Alltag kaum mehr bewusst ist, jedoch auf ähnliche Sinnstiftungsstrukturen zurückgreift. So gehört die Rede von der "Rache der Natur(gewalten)" sicherlich in einen semi-religiösen Bereich der Neoapokalyptik, denn der Mensch sühnt nun seine Verbrechen vor einer Art pantheistischem Naturgott. Klimawandel, Tsunamis, Orkane, Vulkanausbrüche oder Energiekrisen werden zur Strafe des Menschen für sein ungebührliches Verhalten. In diesen Randbereich, der teilweise noch religiöse Züge trägt, gehören auch die Endzeitvisionen diverser Sekten – besonders medienwirksam um die vergangene Jahrtausendwende, für die der totale Blackout aller Computer und das Versagen des modernen Lebensumfeldes vorausgesagt wurde –, die im Extremfall in der Vorwegnahme der Auslöschung durch Massenselbstmord mancher Gruppierungen endeten. Man kann hier aus wirkungsästhetischer beziehungsweise psychologischer Sicht durchaus kathartische Momente erkennen: Die Auslöschung des unwürdigen Menschen reinigt die Erde, die Auslöschung des Körpers die Seele. Das Leben des modernen Individuums wird hier also einem eschatologischen Kontext unterworfen, vehement mit den letzten Dingen konfrontiert, das Leben maßgeblich am kommenden Tod gemessen. Der Mensch ist eine Figur auf dem Schachbrett Gottes.

Ein Blick in die Religionsgeschichte zeigt, dass das Thema "Weltuntergang" weit vor Christentum und Antikem Judentum schon um 1900 v. Chr. im Alten Ägypten thematisiert wurde.[6] Anfang und Ende wurden hier als ständig gegenwärtig, Chaos und Schöpfung als sich ausgleichende Kräfte gedacht – verglichen hierzu muten moderne Konzepte des Weltuntergangs eher als Einbahnstraße an, die von Ordnung unweigerlich in das Chaos, in den endgültigen Untergang führt. "Als Gegenentwurf zur weit verzweigten säkularen Apokalyptik unserer Zeit, die ohne Hoffnung auf Erlösung das Ende nahen sieht und dabei sogar eine gewisse Lust am Weltuntergang verspürt, erstarre christliche Apokalyptik nicht in Katastrophenangst, sondern sei der Gebärangst vergleichbar durch Hoffnung auf eine bessere Zukunft gekennzeichnet."[7]


Medienbilder der Apokalypse: Fiktionen



Apokalypse wird heute meist gleichbedeutend mit "Weltuntergang" gesetzt. Wie der Literaturwissenschaftler Klaus Vondung gezeigt hat, sind moderne apokalyptische Erzählungen, Filme und andere mediale Inszenierungen meist "kupiert", lassen also einen Teil der klassischen Apokalypse – nämlich den Neuanfang beziehungsweise das "Happy End" – weg.[8]

Nun kann man sich die berechtigte Frage stellen, warum in vielen aktuellen Filmen, Serien, Comics, Büchern, Videospielen – man könnte hier die gesamte Bandbreite medialer Darstellungsformen aufzählen – immer öfter der Weltuntergang in verschiedenen Formen dargestellt wird: Ob Zombie-Epidemie, riesige Naturkatastrophen, drohender Dritter Weltkrieg – die ganze Welt droht fiktiv überrannt zu werden. Hintergrund ist hier die Kehrseite der globalisierten Welt, die negative Seite der globalen Vernetzung: Was auf der Welt passiert, ist nicht lokal begrenzt; reale Epidemien (wie beispielsweise im aktuellen Film "Contagion" dargestellt) bedeuten tatsächlich die Möglichkeit der Auslöschung eines Großteils der Menschheit. Es gibt keine abgelegenen Schutzräume mehr, jeder kann betroffen sein – und damit auch die Stabilität bestehender Staats- und Sozialsysteme als Ganzes. Die Zeiten, in denen ein japanischer "Godzilla" lokal begrenzt als Metapher für die Atombombe über die Leinwand flimmerte, sind demnach vorbei. Moderne Filme wie "Cloverfield" spielen vielmehr mit der Angst des Zuschauers, dass eine räumliche Begrenzung einer Katastrophe kaum mehr möglich ist – dies wird erzählerisch jedoch häufig offengelassen.

Im Realitätsgrad der Darstellung unterscheiden sich mediale Darstellungen des Weltuntergangs sehr – und sind trotzdem häufig eine sehr plastische und greifbare Darstellungsform für unsere Zukunfts- und Untergangsängste. Viele Filme spiegeln eine durchaus in der Realität verankerbare Angst davor, dass die Welt, wie wir sie kannten, endet. Wo heutzutage häufig die letzten Menschen im Film gegen sich viral ausbreitende Zombieepidemien kämpfen, lassen sich auch für frühere Zeiten bestimmte verarbeitete Ängste wiederfinden: In den 1980er Jahren gab es beispielsweise viele Filme, die einen beginnenden Atomkrieg ("The Day After", "Threads") oder die Zeit danach behandeln ("Mad Max"-Reihe, "Letters from a Dead Man", "A boy and his dog"). Neben vielen Filmen, die die eigentliche Apokalypse zeigen, greifen andere auch die Folgen einer Apokalypse auf (man könnte hier von "Endzeitfilmen"[9] sprechen): Filme wie "The Road" oder "Wolfzeit" lassen die eigentliche Ursache der Apokalypse beiseite und widmen sich der Frage: Kann man in einer Katastrophensituation sozial bleiben? Und: Wie strukturiert sich Gesellschaft neu?

Realitätsbilder



Der Untergang Pompejis, das Erdbeben von Lissabon, der Zweite Weltkrieg, der 11. September 2001 – all diese historischen Ereignisse waren nicht im wörtlichen Sinne "Weltuntergänge", sondern markieren Einschnitte in kulturelle Selbstverständlichkeiten, die sich sowohl in zahllosen Reflexionen über die Ereignisse als auch in zeitgenössischen Kommentaren zeigen. Sie symbolisieren, egal wie weitreichend sie sind, die Apokalypse, den Untergang der Welt, wie wir sie kannten, und im Zeitalter der neuen Medien sprengen sie zusätzlich noch die Trennlinie zwischen Realität und Fiktion. Solche Ereignisse schaffen einen neuen Denkraum, der das reale Ereignis hinter die symbolische Bedeutung zurücktreten lässt.

So war das reale Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755 Anlass für die philosophische Frage, ob Gott so etwas in der besten aller möglichen Welten zulassen könne, der Zweite Weltkrieg Grund zur Diskussion, ob man nach Auschwitz noch Literatur verfassen könne, oder auch, wie man "danach" mit der Zuweisung von "Andersartigkeit" und "Fremdartigkeit" umzugehen habe.

Der Zusammenbruch der Twin Towers des World Trade Centers (WTC) am 11. September 2001 war, schenkt man dem Philosophen Jean Baudrillard Glauben, nicht nur die Zerstörung zweier Hochhäuser in Manhattan durch einen terroristischen Anschlag; vielmehr wurden zwei der größten architektonischen Symbole des Kapitalismus, der Finanzen und der Börse, des "globalen Liberalismus" zerstört. Allerdings scheint die "Realität", das "wahre Ausmaß des Schreckens", bei der Sinnbeimessung durch den Zuschauer keine Rolle zu spielen: Die mediale Inszenierung der 3.000 Toten des Angriffs auf das WTC war wesentlich erschütternder und nachhaltiger als die Darstellung der mehr als 100.000 Toten des Tsunamis von 2004.

Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Kriegs zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion hatten einige, wie beispielsweise der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama, das "Ende der Geschichte" ausgerufen. Der 11. September 2001 machte der Weltöffentlichkeit auf schockierende Weise klar, dass man die lang sichtbaren Anzeichen eines schwelenden religiösen und politischen Konflikts zwischen dem Westen und radikal-islamistischen Kräften aus dem Nahen und Mittleren Osten aus dem Bewusstsein verdrängt hatte.[10] "Nine-eleven" wurde zum apokalyptischen Symbol des möglichen "Clash of Civilizations" – so der Titel eines weit vor den Anschlägen erschienenen Buches von Samuel P. Huntington, das danach zu einiger Berühmtheit gelangte.[11]

Sichtbarkeit des unsichtbaren Todes



Am 6. August 1945 warf der amerikanische Bomber Enola Gay um 8:15 Uhr morgens eine unter dem Decknamen "Manhattan Project" entwickelte Atombombe auf die japanische Stadt Hiroshima. Drei Tage später, am 9. August 1945, um 11:02 Uhr morgens, wiederholte sich das gleiche über Nagasaki. Die amerikanische Regierung hatte beschlossen, zwei japanische Städte, wenn auch nicht die Hauptstadt Japans, mit der Atombombe auszulöschen, um Japan zur Kapitulation im Zweiten Weltkrieg zu zwingen. Nicht nur die enorme Druckwelle und die Hitzestrahlen (sowie die anschließende Feuerentwicklung) lösten enorme Schäden aus, auch die Strahlung der Atombomben erzeugte im ersten Moment unsichtbare Folgeschäden. Die Menschen im betroffenen Areal, "Ground Zero", erlitten atombombenbedingte Verbrennungen, Verletzungen und Strahlenschäden.[12] Die für die Menschen unsichtbare Strahlung drang in die Körperzellen ein, die langfristigen Folgeschäden leicht bis mittel verstrahlter Opfer sind etwa ein stark erhöhtes Krebsrisiko oder Veränderungen des Erbguts – einmal abgesehen von den psychischen Schäden durch den Atombombenangriff.

Die beiden ersten real und nicht zu Testzwecken abgeworfenen Atombomben eröffneten die Jahrzehnte der atomaren Bedrohung, des Wettrüstens, der Abschreckung, des Nachdenkens über das "Undenkbare".[13] Die atomare Apokalypse zeigt sich nicht nur anhand der Bedrohung durch Atomwaffen, wie wir sie auch nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs" immer noch beobachten können, sondern auch in der Bedrohung durch die Kerntechnik selbst, von denen der Reaktorunfall von Tschernobyl sicherlich das bekannteste Beispiel ist. So liefert selbst eine "unsichtbare" Bedrohung immer wieder Stoff für mediale Inszenierungen und Reflexionen. "Die atomare Apokalypse kann nicht Ereignis werden, weil, so Derrida, kein Publikum mehr da wäre, um es zu einem solchen zu machen. Die Apokalypse kann nur in der Kunst und nirgends mit so simulatorischer Überzeugungskraft wie im Film stattfinden."[14] Erst die mediale Darstellung beziehungsweise Simulation einer atomaren Apokalypse macht diese beobachtbar und "erlebbar" – dies erklärt die zuvor angesprochenen häufigen filmischen Darstellungsversuche.

Die atomare Bedrohung (ob nun durch offensive Waffentechnik oder insuffiziente beziehungsweise risikoreiche "Friedenstechnik") hat verschiedene Ansätze der Reflexion befördert. Im Verlauf des Kalten Kriegs haben sich beide Seiten darum bemüht, Zukunftsszenarien eines Atomkriegs durchzuspielen und damit greifbar zu machen. Herman Kahn, der lange Jahre Militärberater der US-Regierung war und zum Thema Atomkrieg einige nachhaltige Bücher geschrieben hat, galt als Visionär des Dritten Weltkriegs, das heißt der atomaren Apokalypse.[15] Ihn beschäftigte, vor allem im Hinblick auf eine militärische Strategie zur Friedensbewahrung, welche Umstände und Wahrscheinlichkeiten zu einem Atomkrieg führen könnten. Der Gedanke der ausgeglichenen Machtverhältnisse und der Abschreckung waren für ihn die Garanten des Friedens. Die paradoxe Logik des beidseitigen Aufrüstens zur Friedensbewahrung kulminiert in der Figur des Nullsummenspiels: Der Sinn des gleich hohen Waffenverhältnisses auf beiden Seiten war es demnach, die Unsinnigkeit eines Erstschlags, die Unmöglichkeit eines Sieges, die Zerstörung der Menschheit als Folge eines Atomkrieges im Gedächtnis beider Seiten zu erhalten.

Der Philosoph Günther Anders sah eine "prometheische Kluft" zwischen dem, was der Mensch herzustellen vermag, und dem, was er "vorstellen und mitfühlen" kann.[16] Die Bombe ist für Anders nicht mehr nur Waffe, sondern die Überschreitung des Physischen zum Metaphysischen. Sie ist pure Ver-Nichtung. Er hat die kritische Hinterfragung der "Off Limits des Gewissens", mit denen die moderne (Atom-)Technik uns konfrontiert, in mehreren Werken vollzogen, darunter das "Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki".[17]


Mensch, Natur und Technik



Als am 11. März 2011 eine Verkettung verschiedener Umstände zum Reaktorunglück im japanischen Fukushima führte, dachten viele an den Reaktorunfall in Tschernobyl am 26. April 1986 zurück. Bei letzterem war keine Naturkatastrophe vorausgegangen, nach heutigen Erkenntnissen war menschliches Versagen in einer heiklen Testsituation des Reaktorblocks 4 des Atomkraftwerks der Grund für eine Explosion des Reaktors. In der Folge wurden große Teile des radioaktiven Inventars des Reaktors nach außen geschleudert und die Zone rund um Tschernobyl und der nahe gelegenen Arbeiterstadt Pripyat hochgradig verstrahlt. Durch Wind- und Wetterverhältnisse wurde Radioaktivität auch weit über die ehemals sowjetische Grenze getragen und die Katastrophe war nicht zuletzt deshalb auch in europäischen Medien ein Dauerbrenner.

Was im Falle Fukushimas, das heißt in Zeiten scheinbarer informationstechnischer Transparenz vielleicht erstaunt,[18] passierte im Falle Tschernobyls ebenfalls: Informationen über das Reaktorunglück wurden von den Verantwortlichen verzögert weitergegeben und viele Details kamen erst Jahre später ans Tageslicht, teilweise erst lang nach dem Fall des "Eisernen Vorhangs".

Gerade das Beispiel Fukushima steht für eine tragische Verknüpfung einer großen Naturkatastrophe – eines Tsunami – und eines dadurch ausgelösten Reaktorunfall, der durch unzureichende Vorsichtsmaßnahmen der Betreiber befördert wurde. Es zeigt also die Unberechenbarkeit und Kraft, letztlich die Dominanz der Natur über den Menschen – und zugleich sieht man das Risiko, das moderne Technik mit sich bringt. Selbst ohne den Effekt der medialen Verstärkung und dauernden Berichterstattung über solche Katastrophen wird dem modernen Menschen zunehmend bewusst, wie abhängig sein Leben von technischen Hilfsmitteln geworden ist. Dabei kann nicht nur die Technik zur Gefahr werden, sondern ihr Ausfall ebenfalls lebensbedrohlich sein – wie beispielsweise der Ausfall von Strom und Wasser sowie ein Abriss der Versorgungskette für Lebensmittel nach einem Wirbelsturm. Risiko, so scheint es, ist zu einem unberechenbaren globalen Phäomen geworden, das der Einzelne nicht mehr einschätzen oder kontrollieren kann.

Wie aktuell ist die Apokalypse?



Wie zu Beginn angesprochen, scheint das Jahr 2012 mit dem Auslaufen des Maya-Kalenders, dauernden Natur- und Technikkatastrophen, die die Medien uns 24 Stunden am Tag präsentieren, und mit der Unsicherheit der Finanzmärkte, ja Insolvenzgefahr ganzer Staaten besonders geeignet zu sein, um Weltuntergangsängste zu schüren. Mit Rückblick auf die besprochenen Medienbilder, historischen Ereignisse und realen Gefahren kann man sich nun tatsächlich fragen: Sind wir heutzutage nur besonders oft mit Medienbildern konfrontiert, die solche Weltuntergangsszenarien realistisch wirken lassen – oder ist die Bedrohung heute tatsächlich höher als in früheren Zeiten? Gerade religiöse Deutungsmuster scheinen heute wieder einleuchtend zu sein und Erklärungen zu bieten: Der moderne Mensch, der sich von Gott abgewendet und sich der Gier nach Geld und Besitz hingegeben hat, wird nun hart bestraft durch alle Arten von Katastrophen, die annehmen lassen, dass bald das "große Ende" folgen könnte.

Die Frage, ob die Weltuntergangsangst der heute lebenden Menschen größer oder kleiner ist als die früherer Generationen, wird sich wissenschaftlich nicht messen lassen. Der aufgeklärte Blick auf frühere Zeiten und ein eindrückliches Verständnis für frühere Geschehnisse, historische Entwicklungen und gesellschaftliche Veränderungen kann helfen, hier ein besseres Verständnis zu erlangen.

So scheinen heute gerade reale Medienbilder (beispielsweise Nachrichten) wie auch fiktive mediale Darstellungen (beispielsweise Kinofilme) sehr häufig das Thema Weltuntergang im weiten Sinne aufzugreifen. Dies spricht in einer von Medien geprägten Gesellschaft sehr dafür, dass Menschen sich in irgendeiner Form mit dem Thema auseinandersetzen wollen – von ernsthaften Dokumentationen zum Thema "Gefahr durch Atomkraft" über pseudo-reale Dokumentationen wie "Life after People" bis hin zu rein fiktionalen Darstellungen, die häufig wenig realistisch, dafür unterhaltsam sind (man vergleiche hierzu beispielsweise die beiden Filme "The Road" und "2012").

Die Frage, die wir zu Beginn nach der Aktualität der Apokalypse gestellt haben, ist damit nicht beantwortet. Hatte man in den 1980er Jahren stärkere Angst vor einem Atomkrieg zwischen den USA und der Sowjetunion als eine heutige Generation vor einem Dritten Weltkrieg oder vor einer unheilbaren Epidemie, dem Ausgehen der Ölvorräte der Erde und das damit verbundene Zusammenbrechen der globalen Güterversorgung, auf die wir uns mittlerweile so verlassen? Wie wir es drehen und wenden, die Antwort wäre subjektiv eingefärbt und eher eine Schätzung. Was sich sicher sagen lässt, ist, dass sich das Themenspektrum der Zukunftsängste klar verändert hat und Weltuntergangsszenarien uns heute beschäftigen, die deutlich mit modernen gesellschaftlichen Entwicklungen wie der Globalisierung und Beschleunigung zu tun haben. Wie an den angesprochenen Themenbereichen deutlich geworden sein sollte, ist das Thema Weltuntergang aber ebenso wie das Thema des (individuellen) Todes auch ein Tabu und kann verdrängt werden. Aber, wie wir gesehen haben, gehört auch dies zum apokalyptischen Denken: den Untergang zu vergessen und neu anzufangen.
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Autor: Christian Hoffstadt für bpb.de
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Fußnoten

1.
Siehe dazu auch den Beitrag von Alex Gertschen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
2.
Vgl. Nick Bostrom/Milan Circovic (eds.), Global Catastrophic Risks, Oxford–New York 2008. Dieser naturwissenschaftlich orientierte Sammelband versammelt Beiträge von Vertretern verschiedener Disziplinen über globale Gefahren wie Naturkatastrophen (Vulkane, Meteoriten, Supernovae, Klimawandel), Seuchen, Künstliche Intelligenz, social collapse, Nuklearkrieg, Nuklearterrorismus, Biotechnologie und Nanotechnologie, Totalitarismus.
3.
Eine Übersicht über ganz verschiedene Endzeitszenarien bieten diese beiden Webseiten, die sich jeweils unterschiedlich ernst nehmen: http://www.armageddononline.org« und http://www.exitmundi.nl« (21.11.2012).
4.
Wolfgang Schmidbauer, Das Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen, Hamburg 2012, S. 8.
5.
Siehe dazu auch den Beitrag von Michael Tilly in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
6.
Vgl. Bernd U. Schipper, Endzeitszenarien im Alten Orient, in: ders./Georg Plasger (Hrsg.), Apokalyptik und kein Ende?, Göttingen 2007, S. 11–30, hier: S. 28.
7.
Bernd Kollmann, Zwischen Trost und Drohung – Apokalyptik im Neuen Testament, in: B.U. Schipper/G. Plasger (Anm. 6), S. 51–73, hier: S. 52f.
8.
Vgl. Klaus Vondung, Die Apokalypse in Deutschland, München 1988.
9.
Zum Thema Postapokalypse vgl. Christian Hoffstadt/Stefan Höltgen (Hrsg.), This is the end … Mediale Visionen vom Untergang der Menschheit, Bochum–Freiburg 2011.
10.
Vgl. Walter Sparn, Chiliastische Hoffnungen und apokalyptische Ängste, in: B.U. Schipper/G. Plasger (Anm. 6), S. 207–228, hier: S. 209.
11.
Vgl. Samuel P. Huntington, The Clash of Civilizations and the Remaking of World Order, New York 1998.
12.
Vgl. Komitee zur Dokumentation der Schäden der Atombombenabwürfe von Hiroshima und Nagasaki (Hrsg.), Leben nach der Atombombe. Hiroshima und Nagasaki 1945–1985, Frankfurt/M.–New York 1988, S. 95ff., S. 113.
13.
Vgl. Herman Kahn, Nachdenken über den Atomkrieg, Frankfurt/M.–Berlin 1987, S. 17 ff.
14.
Detlef Kremer, Ohne Ende – Virtuelle Apokalypse im zeitgenössischen Film: Godard, Greenaway, Kubrik, Lynch, in: Maria Moog-Grünewald/Verena Olejniczak Lobsien (Hrsg.), Apokalypse. Der Anfang im Ende, Heidelberg 2003, S. 245–258, hier: S. 251. Vgl. Jacques Derrida, No Apocalypse, not now, in: ders., Apokalypse, hrsg. von Peter Engelmann, Wien 20002, S. 81–118.
15.
Vgl. H. Kahn (Anm. 13); Karl-Heinz Steinmüller, Der Mann, der das Undenkbare dachte, in: Kursbuch, 164 (2006), S. 99–103.
16.
Zit. nach: Ludger Lütkehaus, Schwarze Ontologie. Über Günther Anders, Lüneburg 2002 (Originaltitel: Philosophieren nach Hiroshima, Frankfurt/M. 1992).
17.
Alle drei Texte sind versammelt in: Günther Anders, Hiroshima ist überall, München 1995.
18.
Zur zunehmenden Rolle des Internets bei der Berichterstattung, der Verfügbarkeit von Informationen sowie der Beteiligung von Laien an der Berichterstattung siehe Sharon M. Friedman, Three Mile Island, Chernobyl, and Fukushima: An analysis of traditional and new media coverage of nuclear accidents and radiation, in: Bulletin of the Atomic Scientists, 67 (2011) 5, S. 55–65.

Christian Hoffstadt

Zur Person

Christian Hoffstadt

Dr. phil., geb. 1972; Studium der Philosophie und Literaturwissenschaft an der Universität Karlsruhe; Mitbegründer und Herausgeber der Buchreihe "Post-apocalyptic Studies". info@christian-hoffstadt.de
http://www.postapocalypse.de«
http://www.christian-hoffstadt.de«


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