zurück 
11.3.2013

Europa am Abgrund? Großmächte zwischen Krisendiplomatie und Aufrüstung

Der 24. Mai 1913 war ein sonniger Tag in Berlin, Tausende waren schon früh auf den Beinen, um am Straßenrand die besten Plätze bei einem großen Spektakel zu ergattern: der Hochzeit der einzigen Tochter Kaiser Wilhelms II., Viktoria Luise, mit Herzog Ernst August von Braunschweig-Lüneburg. Zahllose gekrönte und ungekrönte Angehörige des europäischen Hochadels versammelten sich an diesem Tage in Berlin, um mitzufeiern, darunter der englische König Georg V., ein Cousin des Kaisers, sowie Zar Nikolaus II., ein angeheirateter Cousin. Nun ist es zwar normal, dass Verwandte und Freunde sich treffen, wenn es etwas Außergewöhnliches zu feiern gilt. Gleichwohl hatte dieses Treffen eine besondere Note: Seit Jahren hatten sich die Spannungen zwischen den Ländern, die sie regierten, und dem Deutschen Reich, dessen Kaiser sie nun zur Hochzeit der einzigen Tochter gratulieren wollten, verschärft. Immer neue Krisen in verschiedenen Teilen der Welt hatten ein gefährliches Wettrüsten in Gang gesetzt; Militärs auf allen Seiten hatten begonnen, ihre Aufmarschpläne mit dem Ziel eines möglichst schnelles Sieges zu überarbeiten, und Pressekampagnen hatten zunehmend die Stimmung vergiftet. Nun aber, aus einem vergleichsweise "banalen" Anlass, trafen sich die Rivalen ungeachtet aller Krisen, Konflikte und Interessengegensätze, so als ob sie von jeher die besten Freunde gewesen seien und es auch weiterhin bleiben wollten. Angesichts der schwierigen außenpolitischen Lage des Reiches war es daher auch nicht erstaunlich, dass die Reichsleitung hoffte, dieses private "Event" ausnutzen, ein politisches Zeichen setzen zu können. "Gilt ihre Anwesenheit auch nur einem Familienfeste, so bildet doch die damit bekundete Herzlichkeit der persönlichen Beziehungen unter den drei Monarchen ein wertvolles Imponderabile für die Sicherheit des wechselseitig ungestörten Fortschritt der großen Kulturnationen Europas," hieß es hoffnungsvoll in der offiziösen "Norddeutschen Allgemeinen Zeitung".[1]

Die Hoffnung, durch den "Fortschritt der großen Kulturnationen" die Lage entspannen und damit den von vielen als unvermeidlich angesehenen, von manchen inzwischen sogar heiß ersehnten Krieg verhindern zu können, war sicherlich ehrlich gemeint. Wilhelm II., bei dem, wie der Kanzler Theobald von Bethmann Hollweg nicht ohne Spott meinte, "der Himmel voller Geigen" hänge, glaubte sogar, bei dieser Zusammenkunft "mit seinem Vetter das Balkanproblem gelöst" zu haben.[2] Dennoch, so optimistisch manche in die Zukunft blickten, so unverkennbar war zugleich der Pessimismus anderer. So hatte der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes Gottlieb von Jagow nur wenige Tage vor diesem Schauspiel, das, nebenbei bemerkt, Anlass für die ersten deutschen Filmaufnahmen in Farbe war,[3] dem württembergischen Gesandten ein eher düsteres Bild von der Zukunft gemalt. Unter Hinweis auf die Auseinandersetzungen über das kleine Skutari (Shkodra) im fernen Albanien, um dessen Besitz gleich mehrere Balkanstaaten stritten, hatte er diesem erklärt: Er glaube zwar nicht, "daß es jetzt, wegen Skutari zum europäischen Kriege kommen werde. Wenn aber doch – dann schließlich in Gottes Namen – die Spannung sei so groß, daß es früher oder später doch zu einer Explosion kommen müsse."[4] In welche Richtung, so gilt es zu fragen, sollten sich die Beziehungen zwischen den Mächten entwickeln? Welche Faktoren sollten dabei eine kleinere oder auch größere Rolle spielen?

Krisen und Kriege

Bei jeder Betrachtung des Jahres 1913 stehen zunächst die Krisen und Kriege im Vordergrund, in die fast alle europäischen Mächte direkt oder indirekt verwickelt waren. Anlass dafür war der im Oktober 1912 ausgebrochene Krieg auf dem Balkan. Zwar hatten alle Kabinette damit gerechnet, dass die Balkanstaaten die Schwäche des Osmanischen Reiches ausnutzen würden, um die von ihnen beanspruchten Gebiete zu "befreien"; das Ergebnis war für manche dann aber doch eine Überraschung. Innerhalb weniger Wochen verdrängten die Armeen Serbiens, Bulgariens, Griechenlands und Montenegros das Osmanische Reich aus fast allen seinen europäischen Besitzungen.

Diese Region, die den Staatsmännern Europas bereits in den 1870er und 1880er Jahren erhebliches Kopfzerbrechen bereitet und das Risiko eines "großen Krieges" heraufbeschworen hatte, drohte erneut zum "Pulverfass" zu werden; ein kleiner Funke würde genügen, den Kontinent in die Luft zu jagen. Die Gründe lagen auf der Hand: Jede Veränderung in diesem sensiblen Teil Europas verschob die politischen, vor allem aber die militärischen Gewichte aus regionaler wie auch aus internationaler Perspektive. Ein erheblicher Machtzuwachs Serbiens drohte den ohnehin kriselnden Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn mit seinen sieben Millionen Südslawen weiter zu schwächen. Die serbischen Nationalisten im "Piemont" des Balkan – so eine serbische Zeitung in Anlehnung an die Rolle des kleinen Königreichs bei der Einigung Italiens im Kampf gegen Österreich ein halbes Jahrhundert zuvor – machten gar keinen Hehl daraus, dass sie nach der Vertreibung der Osmanen aus serbischen Gebieten ihre Stoßrichtung nun nach Norden gegen Österreich-Ungarn richten würden. Ein militärisch starkes Serbien verbesserte darüber hinaus schlagartig die Position Russlands, der Schutzmacht aller Slawen. In einem großen Krieg auf dem Kontinent würde die Donaumonarchie nunmehr nicht nur an einer, sondern an zwei Fronten kämpfen müssen. Dieses Szenario hätte wiederum fatale Folgen für das Deutsche Reich, den einzigen verlässlichen Verbündeten, gehabt. Da Russland Serbien bei einem österreichischen Angriff unweigerlich unterstützen würde, hätte dies den casus foederis für Deutschland bedeutet. Eine deutsches Eingreifen gegen Russland wiederum hätte Frankreich auf den Plan gerufen, das seit 1892/1894 ein immer wichtigerer Bündnispartner des Zarenreiches war. Selbst wenn man die ungewisse Haltung Großbritanniens bei einem solchen Konflikt außer Acht lässt, kann man sich leicht die Schrecken ausmalen, die dieser Krieg auf dem Kontinent zur Folge haben würde.

Genau dieses Szenario war es, das manchen Politiker und Militär in Wien veranlasste, über einen Präventivkrieg nachzudenken, bevor es tatsächlich zu spät sei: "Unsere wirklichen Lebensinteressen für die Zukunft sind ohne Machteinsatz und ohne Kampf nicht zu bewahren", hieß es in einer Denkschrift des k.u.k. Generalstabs.[5] Das Risiko eines Krieges mit Russland hielten sie dabei für kalkulierbar. Dies galt erst recht, wenn das Deutsche Reich der Regierung in Wien seine Unterstützung ohne Wenn und Aber zusichern würde. "Dies", so argumentierten der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Begleiter bei einem eilends anberaumten Treffen mit Kaiser Wilhelm II. und führenden Militärs Ende November 1912 unter Hinweis auf die Folgen einer engen Verbindung Serbiens mit Russlands, "wäre eine europäische Frage, welche in erster Linie Deutschland in die größte Gefahr bringen (…) müsste".[6]

So sehr die deutsche Seite bereit war, ihren Bündnispartner bei einem Konflikt mit Russland zu unterstützen, so wenig wollte sie Österreich zu diesem Zeitpunkt wegen der unabsehbaren Konsequenzen jedoch zu einem lokalen Krieg gegen Serbien raten. Aus dem Krieg zwischen den Balkanstaaten und der Türkei wurde daher am Ende kein europäischer Krieg, da Österreich – schweren Herzens – auf einen Waffengang gegen Serbien verzichtete. Gleichwohl, die Spannungen blieben. Kaum hatten die Balkanstaaten am 30. Mai 1913 nach zähen Verhandlungen ihren Frieden mit dem Osmanischen Reich gemacht, fielen sie im Streit um die Beute übereinander her. Dieses Mal beteiligte sich auch Rumänien am Krieg. Am 10. August 1913 wurde der Balkan im Frieden von Bukarest erneut aufgeteilt, nun zu Lasten Bulgariens.

Nach diesen Kriegen, deren Kennzeichen bis dahin ungekannte Grausamkeiten gegen Soldaten und Zivilisten sowie ethnische Säuberungen großen Ausmaßes waren, kam es immer wieder zu Spannungen zwischen einzelnen Mächten, vor allem aber zwischen Österreich auf der einen und Serbien und dem Zarenreich auf der anderen Seite. Auch zwischen Deutschland und Russland kriselte es im Herbst des Jahres. Und als wenn es nicht schon genug Konflikte gab, verschärften sich am Ende des Jahres die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei im Streit um Inseln in der Ägäis.

Aufrüstung und Kriegspläne

Angesichts der Krisen und Kriege war es im Grunde natürlich, dass die verantwortlichen Militärs ihren Regierungen empfahlen, wie eh und je in der Geschichte auch den Krieg als Mittel der Politik ins Kalkül zu ziehen beziehungsweise sich auf diesen bestmöglich vorzubereiten, und das hieß aufzurüsten. Dass die Donaumonarchie in ihrem Konflikt mit Serbien die Ultima Ratio in Erwägung zog, haben wir schon gesehen.[7] Doch auch im Deutschen Reich wuchs die Neigung, durch einen Präventivkrieg die Lage ein für alle Mal zu "bereinigen". Ein Ausdruck der herrschenden Nervosität war der berühmt-berüchtigte "Kriegsrat" Kaiser Wilhelms II. vom 8. Dezember 1912. Manche Historiker haben in dieser Versammlung des Kaisers und führender Militärs, zu der bezeichnenderweise weder der Kanzler noch der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes eingeladen worden waren, lange Zeit den eigentlichen Ursprung des Ersten Weltkrieges gesehen.[8] Aber ob dort wirklich entsprechend der Devise des Chefs des Generalstabs General Helmuth von Moltke "je eher, desto besser" der Krieg für den Sommer 1914 beschlossen wurde, erscheint bei Licht besehen mehr als fraglich, das dahinter stehende Geschichtsbild als zu deterministisch. Unterm Strich betrachtet war die einzige, in ihren Auswirkungen freilich kaum zu überschätzende Folge dieses "Kriegsrats" der Entschluss, die seit einiger Zeit erwogene neue Heeresvorlage endgültig auf den Weg zu bringen.[9]

Besonders bemerkenswert ist das Agieren des Reichskanzlers Theobald von Bethmann Hollweg. Obgleich er der Forderung des Generalstabschefs nach einem "je eher, desto besser" ablehnend gegenüberstand, hielt er es für notwendig, für den Eventualfall gerüstet zu sein. In dieser Beziehung verließ er sich ganz auf die Beurteilung der Lage durch die militärische Führung: "Am schwersten hat mich der Einblick belastet, den mich die Militärs in unsere Stärkeverhältnisse für den Fall eines Krieges haben tun lassen", schrieb er später einem engen Vertrauten.[10] Dass er mit seiner Unterstützung der Rüstungsforderungen der Militärs zugleich die Spirale der Landrüstungen in Europa beschleunigte und damit riskierte, dass die Gefahren, denen er vorzubeugen versuchte, zur self-fulfilling prophecy wurden, hat er entweder nicht ausreichend überdacht oder aber als das kleinere, vielleicht kalkulierbare Risiko billigend in Kauf genommen. Es kam daher, wie es kommen musste: Nachdem das Reich zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres seine Armee verstärkt hatte, begann nun auch Frankreich aufzurüsten.[11]

Entscheidender als die numerische Verstärkung der Truppen war der Wandel in den Doktrinen und den Plänen, mit denen diese in den Krieg ziehen sollten. Bis 1912 hatte allein das Deutsche Reich einen vom legendären Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen entworfenen, von seinem Nachfolger Moltke weiterentwickelten offensiven Kriegsplan gehabt: Ein schneller Sieg im Westen sollte den Krieg im Osten unnötig machen beziehungsweise zumindest erleichtern.[12] Aber auch Russland und Frankreich setzten seit 1912 auf die Offensive. Mit massiver finanzieller Unterstützung aus Paris sollten die russischen Westbahnen ausgebaut werden, um die russische Mobilmachung zu beschleunigen und Frankreich damit von Beginn eines Konfliktes an und nicht erst nach vier Wochen von dem Druck der deutschen Truppen zu entlasten.[13] Allein England beschränkte sich auf den weiteren Ausbau seiner Flotte, bereitete sich jedoch insofern auf den Krieg vor, als es diese erneut umgruppierte: Die Verteidigung seiner Interessen im Mittelmeer überließ es nun teilweise Frankreich – trotz eines fehlenden formellen Bündnisses –, sagte diesem dafür im November 1912 aber zu, dessen Kanalküste zu schützen.[14]

In der Konsequenz erhöhte dieser Wandel wiederum den Druck auf die verantwortlichen Militärs und Politiker, sich in einer als existenzgefährdend empfundenen Krise für den Präventivkrieg und nicht für Verhandlungen zu entscheiden. Jeder Verlust an Zeit für Mobilisierung, Aufmarsch und Angriff, so die einfache Rechnung, drohte die Niederlage, nicht den Sieg wahrscheinlicher zu machen. Als besonders fatal sollte es sich erweisen, dass der deutsche Generalstab die Politik zunehmend drängte, im Hinblick auf eine in fernerer Zukunft möglicherweise ungünstigere Konstellation (das heißt die erwartete Fertigstellung der russischen Westbahnen und die Vollendung der russischen beziehungsweise französischen Armeeverstärkungen), so schnell wie möglich den Krieg zu suchen, ohne wirklich zu wissen, ob der worst case tatsächlich eintreffen würde.


Stimmungen

Krisen und Kriege, Aufrüstung und das Schmieden von Präventivkriegsplänen sind jedoch nur ein Aspekt des letzten Jahres vor Ausbruch des dann wirklich großen Krieges. Auffallend ist vielmehr, dass am Ende des Jahres 1912 und während des ganzen Jahres 1913 die führenden Mächte der sich seit Längerem argwöhnisch einander beäugenden Blöcke in Europa – der Triple Entente (Frankreich, Großbritannien, Russland) und dem Dreibund (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Italien) – deutlich machten, dass sie kein Interesse hatten, aus einem lokalen einen kontinentalen, geschweige denn einen Weltkrieg entstehen zu lassen.

Um den großen Konflikt zu verhindern, hatten daher auf dem Höhepunkt der Balkankrise 1913 sowohl das Kabinett in London als auch die Reichsleitung in Berlin mäßigend auf ihre jeweiligen Partner eingewirkt. Damit verhinderten sie den großen Krieg und brachten den kleinen, so mühselig die Verhandlungen auf der Londoner Botschafterkonferenz letztlich waren, zu einem, wenn auch nur vorläufigen Ende, wie sich bald herausstellen sollte. An dieser Strategie, ganz nach alter diplomatischer Tradition, das Konzert der Mächte wiederzubeleben, um Konflikte am Konferenztisch und nicht auf dem Schlachtfeld zu lösen, hielten sie auch fest, als neue Krisen zwischen den Balkanmächten, aber auch zwischen Österreich und Russland im Frühjahr, Sommer und Herbst des Jahres noch einmal das Gespenst eines großen Krieges heraufbeschworen.

Anders als in den Jahrhunderten zuvor hatten die Verantwortlichen, ob es sich nun um Politiker oder Militärs, ja selbst um Monarchen handelte, bei ihren Entscheidungen die Stimmung der öffentlichen Meinung, vor allem aber die der jeweiligen Parlamente in Rechnung zu stellen. Je größer die Erfolge der Verantwortlichen waren, umso größer waren ihre Spielräume in der Politik – nach innen, aber auch nach außen. Erfolg bedeutete insofern Wiederwahl, Geld für jedwede Projekte, Prestige und – nicht zuletzt – Stabilität des Systems. Zugleich erlaubten Erfolge kraftvolles Auftreten nach außen in dem Bewusstsein, eine starke Mehrheit hinter sich zu haben oder, umgekehrt, sie konnten einer kritischen Öffentlichkeit den Beweis liefern, dass das bestehende System in der Lage war, Macht und Prestige, Reichtum und Wohlstand zu garantieren.

Diese komplizierte Gemengelage gilt es bei der Betrachtung des Jahres 1913 zu berücksichtigen. Alle Regierungen sahen sich im Zeitalter des Nationalismus und rivalisierender Imperialismen sowie, damit einhergehend, einem inzwischen tief verwurzelten sozialdarwinistischen Denken gegenüber – ob es sich dabei um den vielbeschworenen Kampf des Slawen- gegen das Germanentum oder anders begründete Groß- beziehungsweise Weltmachtphantasien handelte. Das Fatale dieser Phantasien war, dass sie die Bereitschaft enthielten, für den gegenwärtigen Status als Groß- beziehungsweise Weltmacht zu kämpfen. "Die Frage", so erklärte beispielsweise Großadmiral Alfred von Tirpitz in einer Geheimrede vor seinen Offizieren im Oktober 1913, "(…) ob Deutschland sich seine Weltstellung wenn nötig England gegenüber erkämpfen soll – mit dem großen Einsatz, den dieser Kampf in sich schließe – oder ob es sich auf die Stellung als europäische Kontinentalmacht 2. Ordnung von vornherein beschränken soll, diese Frage ist letzten Endes Sache des politischen Glaubens. Schließlich scheint es einer großen Nation würdiger, um das höchste Ziel zu kämpfen und vielleicht ehrenvoll unterzugehen als ruhmlos auf die Zukunft zu verzichten."[15]

So wie Tirpitz dachten viele, wie ein Blick in die zeitgenössische Publizistik oder die Reden verantwortlicher und noch mehr unverantwortlicher Politiker zeigt. Es wäre allerdings verfehlt, diesen "Topos vom unvermeidlichen Krieg" (Wolfgang J. Mommsen) allein als ein deutsches Problem zu betrachten. Chauvinistische Ausfälle gab es in anderen Ländern gleichermaßen, auch dort hielten viele Verantwortliche den Krieg zunehmend für unvermeidlich. Vollends kompliziert wurde diese Situation freilich dadurch, dass sich eigentlich alle Regierungen zwar gegenseitig attestierten, diesen angeblich unvermeidlichen Krieg nicht wirklich zu wollen, aber glaubten, dass die jeweils andere Seite aufgrund innerer Zwänge am Ende gar keine andere Wahl hätte, als diesen bald zu führen. "L’Empereur et le Chancelier veulent la paix", berichtete der französische Militärattaché im April 1912, um dann auf den entgegengesetzten Druck der öffentlichen Meinung hinzuweisen.[16]

Dieser Druck war in der Tat immens: "Wir sind nicht der Meinung, daß wir nur und ausschließlich durch einen großen Krieg unsere weltpolitische Zukunft und unseren Anteil an der Welterschließung sichern können. Die überwältigende Mehrheit unseres Volkes wünscht beides im Frieden durchzusetzen", schrieb beispielsweise der einflussreiche Historiker Friedrich Meinecke im Frühjahr 1913, fügte dann aber hinzu: "Wenn uns der Krieg durch unabweisbare Notwendigkeit aufgedrängt wird, dann wollen und müssen wir siegen, um jeden Preis und unbedingt und mit dem äußersten Aufgebot der Volkskraft."[17] Meinecke gehörte eher zu den Gemäßigten; andere, allen voran die Alldeutschen, waren bereit, im Interesse einer Bereinigung der Situation nach außen wie auch nach innen sogar den Staatsstreich zu wagen. Mit ihren unverhohlenen Drohungen verengten sie zunehmend den Handlungsspielraum der Reichsleitung, musste diese doch fürchten, von einer Flutwelle des Nationalismus hinweggespült zu werden. Das, was für das Deutsche Reich galt, galt pars pro toto, auch für andere Großmächte, wenngleich die Bedingungen dort andere waren. Die Donaumonarchie wankte inzwischen von einer Krise in die andere, über dem Zarenreich schwebte das Damoklesschwert der erneuten Revolution, in Paris waren die innenpolitischen Verhältnisse chronisch instabil, und selbst in Großbritannien kriselte es angesichts ungeahnt großer Streiks und der Brisanz der Home-Rule-Frage (um die von Irland angestrebte autonome Selbstverwaltung), die Politik, Gesellschaft und selbst die Armee spaltete.

Doch neben diesen düsteren gab es auch erfreuliche Entwicklungen: Alarmiert von der Gefahr eines großen Krieges versammelten sich die Vertreter der Sozialistischen Internationale Ende 1912 in Bern, schworen, das ihnen Mögliche zu tun, um diesen zu verhindern. Aber auch der Alltag war keineswegs so düster wie man meinen könnte. Zwar lahmte die Konjunktur nach fast zwanzig Jahren Aufschwung, aber von einer Wiederholung der "großen Depression" der 1870er Jahre konnte keine Rede sein. Zudem gab es genügend Anlässe, sich zu freuen: Das 25-jährige Thronjubiläum Wilhelms II. im Sommer 1913, das ein großes Volksfest war, war dafür ebenso ein Beispiel wie die großen internationalen Jagden und Segelregatten oder die Sommerfrische, in die zu fahren sich immer mehr Menschen leisten konnten.[18] Damit einher ging die Tendenz, die Klassengegensätze vorsichtig auch politisch zu entschärfen. So wählte die SPD mit Friedrich Ebert einen Pragmatiker zum Nachfolger des legendären August Bebel, und in Paris ging ohne die Unterstützung der Sozialisten im parlamentarischen Raum auch nicht viel.

"Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende."

"Ich habe voriges Jahr bereits von einem ‚völkerpsychologischen autosuggestiven Zustand‘ gesprochen, in den sich die Völker Europas haben hineinhetzen lassen. Der Prozeß dieses Zustandes ist noch nicht abgeschlossen. Es beginnt sich auch unseres Mittelstandes – und das ist vielleicht die bedenklichste Erscheinung – allmählich die gefährliche Phrase jetzt ernstlich zu bemächtigen: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende", erklärte der bayerische Abgeordnete Ernst Müller-Meiningen im April 1913 während der Reichstagsdebatte über die neue Wehrvorlage.[19] An dieser Äußerung aus dem Munde eines Linksliberalen war viel Wahres dran. Sie spiegelt im Grunde das nationenübergreifende Kernproblem dieser Jahre wieder – den Glauben, es sei besser, den Krieg zu wagen, als ständig mit der Drohung zu leben, dass er komme, ohne aber zu wissen wann. Diese Sicht hatte etwas Fatalistisches an sich; sie übersah dabei freilich, dass es Menschen waren – Monarchen und Staatsmänner, Abgeordnete und Militärs –, die über Krieg und Frieden entschieden. Und dass sie darüber entscheiden konnten, wenn sie denn wollten, und welche Mittel ihnen dabei zur Verfügung standen, zeigten die Versuche zur Wiederbelebung des europäischen Mächtekonzerts 1912/1913. "Europa aber, das in sich geteilte und entzweite Europa, sollte sich vor Augen halten, dass auch sein Schicksal hiebei (sic!) unmittelbar auf dem Spiel steht, dass ein kategorischer Imperativ von ihm fordert, in dieser hochernsten Frage nicht in zwei getrennten Lagern, sondern in geschlossener Einheit aufzutreten, einsichtsvoll und zielbewusst",[20] hieß es in einer in vielerlei Hinsicht aufschlussreichen Aufzeichnung des österreichischen Außenministers.

Das Dilemma freilich war, dass manche Staatsmänner sich diese Einsicht nur ein Jahr später nicht mehr zu eigen machen, eigene Ziele verfolgen sollten, obwohl sich die Lage kaum geändert hatte: Krisen und Kriegsgeschrei, das Drängen von Militärs und Chauvinisten, den Krieg nun doch bald zu führen, Beschwichtigungs- und Entspannungsversuche hielten sich lange Zeit die Waage. Der Reichskanzler, so hieß es noch Anfang Mai 1914 in einem Bericht des offenkundig enttäuschten Marineattachés über dessen Orientreise, "wolle keine Präventivkriege und glaube, in 15 Jahren wären wir so reich, daß unserer Weltpolitik nichts mehr im Wege stände".[21] Wenige Wochen später sollte er dies anders sehen. Warum, darüber streiten die Historiker seit beinahe hundert Jahren. Aber auch hier gilt es gegen manche Tendenz, unterschwellig die These des "Hineinschlitterns" wiederaufzuwärmen,[22] festzuhalten: Der Kanzler und alle anderen Entscheidungsträger in Berlin wussten, was sie taten, als sie sich entschieden, das Attentat auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger – ironischer Weise einer der Garanten des Friedens im Jahre 1913 – für eine risikoreiche Politik zu instrumentalisieren.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Michael Epkenhans für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Vgl. Heinrich Schulthess, Europäischer Geschichtskalender, 54 (1913), S. 229.
2.
Bethmann Hollweg an den deutschen Botschafter in St. Petersburg, Pourtalès, 30.7.1913, zit. in: ebd., S. 242.
3.
Zu sehen unter http://www.weltkrieg.cc/kaiser-wilhelm-ii/kaiser-wilhelm-ii-1913-in-farbe-hochzeit-der-prinzessin-viktoria-luise-mit-prinz-ernst-august-iii-video_48359b1b8.html« (1.2.2013).
4.
Varnbüler an Weizsäcker, 4.5.1913, Hauptstaatsarchiv Stuttgart, E 73/12e.
5.
Aufzeichnung vom 28.10.1912, zit. nach: Konrad Canis, Der Weg in den Abgrund. Deutsche Außenpolitik 1902–1914, Paderborn u.a. 2011, S. 490.
6.
Aufzeichnung von Legationsrat Alexander von Hoyos, 21.11.1912, zit. nach: ebd., S. 497.
7.
Ausführlich dazu: Günther Kronenbitter, Krieg im Frieden. Die Führung der k.u.k. Armee und die Großmachtpolitik Österreich-Ungarns 1906–1914, München 2003, S. 369–428.
8.
Vgl. John C.G. Röhl, Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900–1941, München 2008, S. 963–966.
9.
Vgl. Stig Förster, Der doppelte Militarismus. Die deutsche Heeresrüstungspolitik zwischen Status-quo-Sicherung und Aggression 1890–1913, Stuttgart 1985, S. 208–296.
10.
Bethmann Hollweg an Eisendecher, o.D., zit. nach: K. Canis (Anm. 5), S. 517.
11.
Die Friedenspräsenzstärke Frankreichs lag schließlich bei 767.000 Soldaten, die des Deutschen Reiches bei 754.000 Soldaten. Die Beschleunigung des Wettrüstens wird deutlich, wenn man diese Zahlen mit denen des Jahres 1911 vergleicht: 607.650 bzw. 635.380. Zahlen nach: Reichsarchiv (Hrsg.), Der Weltkrieg. Kriegsrüstung und Kriegswirtschaft, Berlin 1930, Anlagenband 1, S. 510.
12.
Vgl. Gerhard P. Groß, There was a Schlieffen Plan. Neue Quellen, in: Hans Ehlert/Michael Epkenhans/ders. (Hrsg.), Der Schlieffenplan. Analysen und Dokumente, Paderborn 20072, S. 117–160.
13.
Ausführlich dazu: Stefan Schmidt, Frankreichs Außenpolitik in der Julikrise 1914. Ein Beitrag zur Geschichte des Ersten Weltkrieges, München 2009, S. 105–211.
14.
Vgl. David Stevenson, Armaments and the Coming of War. Europe 1904–1914, Oxford 1996, S. 215.
15.
Aufzeichnung von Korvettenkapitän Schultz vom 9.10.1913, BA-MA Nachlass Tirpitz N 253/423.
16.
Zit. nach: S. Schmidt (Anm. 13), S. 216.
17.
Zit. nach: K. Canis (Anm. 5), S. 521.
18.
Vgl. Virginia Cowles, 1913. Abschied von einer Epoche, Frankfurt/M. 1969; Florian Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, Frankfurt/M. 2012.
19.
Zit. nach: Heinrich August Winkler, Deutsche Geschichte vom Ende des Alten Reiches bis zum Untergang der Weimarer Republik, Bonn 2000, S. 325.
20.
Graf Berchthold, Aufzeichnung vom 15.12.1912, zit. nach: Friedrich Kießling, Gegen den "großen Krieg"? Entspannung in den internationalen Beziehungen 1911–1914, München 2002, S. 190.
21.
Tagebuchaufzeichnung von Kapitän zur See Albert Hopman, 6.–9.5.1914, zit. in: Albert Hopman, Das ereignisreiche Leben eines "Wilhelminers". Tagebücher, Briefe, Aufzeichnungen 1901 bis 1920, München 2004, S. 368.
22.
Dies, bewusst überspitzt, gegen Christopher Clark, The Sleepwalkers. How Europe went to War in 1914, London 2012.

Michael Epkenhans

Zur Person

Michael Epkenhans

Dr. phil., geb. 1955; Professor für Neuere Geschichte, Leiter der Abteilung Forschung am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Zeppelinstraße 127/128, 14471 Potsdam. michaelepkenhans@bundeswehr.org


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln