zurück 
16.4.2013

Homophobie im zeitgenössischen Kroatien

Der Umgang mit sexuellen Minderheiten zieht einen tiefen Riss durch die kroatische Gesellschaft. Die Kampagne klerikaler bis rechts-konservativer Gruppierungen für den Katholizismus und die traditionellen kroatischen Familienwerte erreichte gegen Ende 2012 einen vorläufigen Höhepunkt. Streitthema ist der Lehrplan sowie die Einführung eines seit Jahren in Testphasen befindlichen Unterrichtsfaches zur Gesundheitskunde in Grund- und Gesamtschulen. Die sozialdemokratisch angeführte Koalition und ihr Bildungsminister, Željko Jovanović, sehen sich mit öffentlicher Entrüstung konfrontiert. Die Inhalte des Schulfachs decken im Rahmen des Sexualkundeunterrichts Themengebiete wie etwa die Gleichberechtigung der Geschlechter, Masturbation, Pornografie, Prostitution und Homosexualität ab.

Widerstand regt sich

Die "katholische Nation"[1] ist gespalten. Gegner der Einführung dieser Inhalte ist nicht nur der Klerus, der in der Vergangenheit über die Schwerpunkte des Sexualkundeunterrichts im Rahmen der Religionslehre bestimmen konnte. Vielmehr handelt es sich – unter Anführung der medial äußerst präsenten Vereinigung "Stimme der Eltern für Kinder" (Glas roditelja za djecu, GROZD), welche gemeinsam mit der christlich-konservativen Oppositionspartei Kroatische Demokratische Union (HDZ) und der katholischen Kirche seit Jahren an einer alternativen Fassung des Gesundheitsfachs arbeitet – um ein breites gesellschaftliches Bündnis rechts-konservativer Färbung. Stein des Anstoßes ist das vom Soziologie-Professor der Universität Zagreb, Aleksandar Štulhofer, entworfene Modul zum Thema "Gleichberechtigung der Geschlechter und verantwortungsvolles Sexualverhalten", das Homosexualität im Rahmen des Gesundheitsfachs als zu achtende und nicht korrigierbare Varietät menschlicher Sexualität abhandelt. Laut Kardinal Josip Bozanić, dem Zagreber Erzbischof, ist das Programm insbesondere an dieser empfindlichen Stelle "nicht im Einklang mit den kroatischen Traditionen."[2] Die einflussreiche Kirchenzeitung Glas Koncila (Stimme des Konzils) spricht bezüglich des Aufklärungsunterrichts von einer sich verschärfenden ideologischen Krise, die die ökonomischen und sozialen Problemlagen des Landes noch einmal zusätzlich potenziere. Der renommierte Theologie-Professor Adalbert Rebić deutet die jüngsten Entwicklungen als "Teil einer globalen Bewegung von abartigen sexuellen Minderheiten gegen die Mehrheit".[3] Die Debatte um die Einführung des neuen Unterrichtsfaches und die Art des Umgangs mit sexuellen Minderheiten spaltet die kroatische Nation nicht nur entlang zweier grundverschiedener Weltanschauungen; vielmehr symbolisiert sie den exemplarischen Konflikt zwischen den Oppositionen Links vs. Rechts, Liberal vs. Konservativ und Laizistisch vs. Klerikal. Laut einer Umfrage des staatlichen Fernsehsenders HRT sind 41,5% für die Einführung des Gesundheitsfachs in seiner vorgeschlagenen Form, 22,3% sind grundsätzlich dagegen, wohingegen 23% dafür plädieren, dieses nicht mit Inhalten wie Homosexualität auszustatten. Demzufolge sind etwa 45% der Befragten gegen den Aufklärungsunterricht und halten die Sensibilisierung für Homosexualität für problematisch.[4]

Die auf unterschiedlichen Ebenen stattfindende soziale Diskriminierung sexueller Minderheiten ist im postjugoslawischen Sprachraum nahezu omnipräsent. Der Monitoring-Bericht vom Oktober 2012 über den Stand der Vorbereitungen Kroatiens auf den Beitritt zur Europäischen Union mahnt an, dass die Diskriminierung sexueller Minderheiten effektiv bekämpft werden müsse.[5] Kroatien stellt bezüglich des hohen Grades an Homophobie nur eine von vielen strukturähnlichen postjugoslawischen Varietäten dar. Zuweilen ist, ob in Belgrad, Sarajevo, Zagreb oder Split, vor allem der hohe Zustimmungsgrad und mit Gewalt versehene Impetus (süd-)osteuropäischer Homophobie auffällig. Gewaltexzesse ließen sich nicht nur bei Demonstrationen in Belgrad (2001/2010) oder Sarajevo (2008), sondern auch in Split beobachten, als im Juni 2011 ultranationalistische Gruppierungen, politische Rechtspopulisten, Fußball-Hooligans und Vertreter religiöser Institutionen die Teilnehmer der dalmatinischen Version des Christopher Street Day mit Eiern, Steinen und Flaschen bewarfen oder verbal attackierten. "Ubij pedera!" ("Bringt die Schwuchteln um!"), rief die aufgebrachte Menge (ca. 10000) im Stile einer Hate Speech unaufhörlich.[6] Am 9. Juni 2012 sicherten 900 Polizisten die zweite Demonstration in Dalmatien. Die Veranstaltung konnte ohne größere Zwischenfälle vonstattengehen, dennoch erregen sichtbare nicht-heterosexuelle Identitäten nach wie vor den Zorn der moralischen Mehrheit.

Soziologische Quellen des Hasses

Sozialpsychologische Studien weisen darauf hin, dass Geschlechter- und Sexualitätsnormen neben religiösen Faktoren den wohl nachhaltigsten Einfluss auf Homophobie haben.[7] In der soziologischen Geschlechterforschung ist die Deutung von Homophobie untrennbar mit dem Begriff Heteronormativität, der als legitim erachteten sozialen Norm von heterosexuell codierten Geschlechterverhältnissen, verbunden. Normen zeichnen sich dadurch aus, dass sie Gültigkeit besitzen, Handlungsspielräume festlegen und abweichendes Verhalten sanktionieren.[8] Heteronormativität fungiert aus Sicht der Genderperspektive als eine Norm, die das Denken über Formen von Sexualität maßgeblich bestimmt, sich zur allgemeingültigen Handlungsschablone emporhebt und alles davon Abweichende als unnatürlich diskreditiert.[9] Homophobie kann demnach als Ausdruck eines heteronormativen Sanktionsmechanismus für nicht-heterosexuelles Verhalten definiert werden. Die Sanktionsdimensionen erstrecken sich von der Stigmatisierung und Diskriminierung auf der Alltagsebene bis hin zur juristischen Ungleichbehandlung von nicht-heterosexuellen Identitäten in steuer-, adoptions- und eherechtlichen Belangen.

Der französische Philosoph und Soziologe Michel Foucault skizzierte im Rahmen seiner Konzeption vom Sexualitätsdispositiv die historische Genese des modernen Verständnisses von Homosexualität. In der Absicht, eine gesellschaftlich und ökonomisch nützliche Sexualität zu bilden, werden sexuelle Abweichungen ab dem 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts juristisch verurteilt, diszipliniert, psychiatrisiert und mit medizinischen Korrekturmaßnahmen versehen. Alles, was mit Sexualität verbunden ist, dient dazu, Bevölkerungswachstum zu sichern, Arbeitskraft zu generieren und die bestehenden Formen gesellschaftlicher Beziehungen aufrechtzuerhalten.[10] Der Homosexuelle steht als "Agent des Perversen" in radikalem Widerspruch zur normativ gewünschten sozialen Ordnung; hierin bildet das heterosexuelle (Ehe-)Paar, abgesichert durch staatliche, nationale und religiöse Institutionen, durch die Beziehungsmuster Mann/Frau und Eltern/Kind im Medium der Familie, die Hauptachse des vom Christentums geprägten Sexualitätsdispositivs.[11]

Die US-amerikanische Philosophin Judith Butler entwickelt diese Perspektive mit ihrem Begriff von der "Heterosexuellen Matrix" überzeugend weiter, indem sie jene als sprachliches (Macht-)Regime konzipiert, in der die Produktion des sprachlich-binären Rahmens, das gesellschaftliche Verständnis über die biologischen Geschlechter (sex), die soziale Geschlechtsidentität (gender) und die Begehrensrichtung von Subjekten normiert.[12] Die biologische Klassifikation eines Subjekts erfordert nicht nur eine bestimmte soziale und auf das biologische Geschlecht als sinnvoll erachtete Verhaltensweise wie Kleidung, Frisur und Körpersprache, sondern auch eine sexuelle Begehrensrichtung, die sich auf das jeweils andere Geschlecht bezieht. Die soziale Konstruktion von Geschlechtsidentität vollzieht sich entlang des ständigen gesellschaftlichen sprachlichen Wiederholens von Geschlechtsnormen, die auf binären Strukturen gegründet sind und in Wissenschaft, Theologie und Alltag als "Sprache der universellen Vernunft" in Erscheinung treten. Der Diskurs legt innerhalb einer Kultur die vorstell- und lebbaren Konfigurationen sowie Grenzen von (Geschlechts-)Identität und Sexualität fest.[13] Distinkte Geschlechter werden durch ein strenges Ausschlussverfahren konstruiert, das durch stetiges Reaktualisieren gekennzeichnet ist.[14] Dieses Verfahren konsolidiert den heterosexuellen Imperativ, wobei Homosexualität als das Marginalisierte konstitutiv auf die herrschende Heterosexualität bezogen ist. Der oder die Homosexuelle verkörpern die soziale Negation seiner/ihrer biologischen Konstitution: entweder als "weiblicher Mann" oder "männliche Frau", womit auch diese Identität nur im Bedeutungsrahmen heterosexueller Matrix verständlich wird.[15] Der soziale Effekt dieser Prozeduren ist, dass wir es als selbstverständlich annehmen, dass Männer Frauen und Frauen Männer begehren.


Erbe historischer Diskurse

Die kroatische Ethnologin Sanja Đurin konnte aufzeigen, wie stark derartige Sexualitäts- und Geschlechterdiskurse auf die kroatische Sexualmoral einwirken. Die Quellen des gegenwärtigen Homosexuellenhasses verortet sie in den 1990er Jahren als unter Präsident Franjo Tuđman eine Art Ethno-Nationalismus mit der Konstruktion einer eigenständigen kroatischen Identität entstand. Angesichts einer dramatischen, durch eine sehr niedrige Geburtenrate bedingten demografischen Krise setzte eine neue Form von nationaler Sexualitäts- und Geschlechterpolitik ein. Im Rahmen des Nationalen Programms zur demografischen Entwicklung von 1996 wurden unter Bezug auf die katholische Tradition wissenschaftliche Erkenntnisse der Eugenik auf die Bevölkerungs- und Gesundheitspolitik angewandt. So wurden die Schulbücher durch Regierung und katholische Kirche an das neue Gesellschaftsideal angepasst. Die Rede über Ehe, Elternschaft, den Vater als Ernährer der Familie, die Kriminalisierung von Abtreibung und die Stigmatisierung von Homosexuellen sollte dazu dienen, schon bei der jungen Generation ein bestimmtes Verantwortungsgefühl gegenüber dem nationalen Kollektiv zu wecken. Die in den Schulbüchern transportierte Retraditionalisierung von Geschlechterrollen und nationalen Mythen stabilisierten nicht nur das Verständnis von distinkten und heterosexuell begehrenden Geschlechtern, sondern konstruierten auch einen symbolischen Abstand zu nicht-heterosexuellen Identitäten.[16]

Robert Connell definiert "hegemoniale Männlichkeit" als eine historisch bewegliche Relation, in der ein bestimmtes heterosexuelles Idealbild von Männlichkeit defizitäre Varietäten von Männlichkeit unterordnet sowie die Dominanz von Männern gegenüber Frauen gewährleistet.[17] Das südslawische Idealbild von Männlichkeit kann vor dem Hintergrund zahlreicher historisch belegter Heldenmythen aus der Volksepik,[18] den Balkankriegen der 1990er Jahre und dem im November 2012 in Zagreb zelebrierten Empfang der vom ICTY freigesprochenen Generäle Gotovina und Markač, als ritterliche Kämpfer-Männlichkeit umschrieben werden. Im Anschluss an Gerhard Gesemann ist von einer Geisteshaltung des humanitas heroica auszugehen, in der sich der Mann als Held, Kämpfer, Krieger, Stütze seines Volks und seiner Nation verseht.[19] In Südosteuropa bildeten sich Gender- und Sexualitäts-Konzepte in historischer Sicht in einem konkreten sozialen Gebilde aus. Dieses wird gemeinhin als zadruga bezeichnet, die einen patrilinear und konformistisch organisierten Großfamilienverband darstellt. Zu Zeiten der Fremdherrschaften auf dem Balkan verkörperten derartige Verbände im Sinne des Gewohnheitsrechts Selbsthilfeorganisationen in Rechts-, Eigentums- und Erbfragen. Charakteristisch für die zadruga war die strikte Geschlechtertrennung, mit distinkten und eindeutig definierten sozialen Geschlechterrollen, in der die Frau eine nachgeordnete Position gegenüber dem Mann einnahm.[20] Gabriella Schubert stellt fest, dass heutige mental-normative Strukturen durchsetzt sind von jenen, die einst in Großfamilien Gültigkeit besaßen, denn unter Bedingungen selektiver bis "partieller Modernisierung"[21] konservieren sich tradierte Werthaltungen zu Geschlecht und Sexualität.[22] Konservativ-traditionelle Werte werden in ökonomisch unsicheren Zeiten und unter den Bedingungen der "Zumutungen der Moderne" retraditionalisiert.[23]

Dennoch befinden sich nicht zuletzt einige dieser Konzepte, namentlich die Ehe, der Glauben, die traditionelle Kleinfamilie und die unhinterfragte Vorherrschaft des Mannes, in Gesellschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts in einer schweren Krise. Die Deutung von der legitimen Herrschaft traditioneller Männlichkeit gerät in den gegenwärtigen Krisenzeiten infolge der Auswirkungen neoliberaler Transitionspolitik und den Ausprägungen der weltweiten Bankenkrise noch intensiver ins Wanken. Die Legitimationskrise patriarchaler Ordnungsmuster ruft nach Connell die Doppelstruktur hegemonialer Männlichkeit hervor, die bestrebt ist, auf diesen Notstand angemessen zu reagieren. Die zum Teil mit Gewalt versehene Unterordnung von Frauen ist eine zentrale, bisweilen hilflose Reaktion, um die Herrschaft traditioneller Maskulinität aufrechtzuerhalten.[24] Sexismus und Homophobie sind in Zeiten brüchig werdender patriarchaler Deutungsmuster demnach noch stärker miteinander verwobene Modi Hegemonialer Männlichkeit.

Kein Problem des Randes

Đorđe Tomić gab 2012 an, dass 70% der kroatischen Studenten und 41% der Studentinnen Homosexualität als "nicht natürlich" etikettierten.[25] Langzeitstudien des Zagreber Soziologen Aleksandar Štulhofer kommen zu einem ähnlichen Ergebnis. Negative Einstellungen gegenüber Homosexuellen haben sich im Zeitraum von 1998 bis 2008 bei Erstsemestern der Uni Zagreb von 48,5% auf 63% erhöht. Bei Studentinnen ist dieser Wert relativ stabil geblieben und von 33,8 auf 32,6% gesunken.[26] Diese Zahlen verweisen zum einen darauf, dass Homosexualität tendenziell geltende hegemoniale Männlichkeitsnormen infrage stellt, da die kroatischen Studentinnen normabweichender Sexualität nicht so eindeutig ablehnend gegenüberstehen wie ihre männlichen Kommilitonen. Dennoch deuten die Zahlen aus dem hochqualifizierten tertiären Bildungssektor auch darauf hin, dass die Wurzeln von Homophobie über soziale Schichten hinweg viel tiefer zu reichen scheinen und kein genuines Randphänomen marginalisierter Schichten verkörpern. Eine Studie zum Sexualverhalten der kroatischen Bevölkerung aus dem Jahr 2000 zeigt auf, dass nahezu 70% der Kroatinnen und Kroaten "Homosexualität ablehnen", da diese Praxis nicht im Einklang mit den christlichen und kroatischen Werten stehe. Ein niedriger Grad von Homophobie tendiert, folgt man Baloban und Črpić, im Wesentlichen zu weiblicher Geschlechtszugehörigkeit, niedrigem Alter, hohem Bildungsgrad, Urbanität, niedriger Religiosität und bestehenden Kontakten zu Homosexuellen. Die tiefe Verankerung von Homophobie in der Alltagskultur offenbart sich jedoch nicht zuletzt an dem Umstand, dass nahezu die Hälfte der Befragten (46,3%) keinen Homosexuellen in der Nachbarschaft wissen möchte.[27]

Kriseneffekte und Angst

Die Kriseneffekte von Männlichkeit wirken durch die ökonomische Rezession der vergangenen Jahre in Kroatien, den Strukturwandel von Erwerbsarbeit, die Entwertung des traditionell stark ausgeprägten agrarischen Sektors, steigende Massenarbeitslosigkeit im Arbeitermilieu und nicht existenzsichernde Tätigkeiten zusätzlich destabilisierend. Für Geschlechterverhältnisse bedeuten diese Krisentendenzen, dass "männliche Herrschaft nicht mehr mit der Evidenz des Selbstverständlichen"[28] versehen ist. Das Zeitalter des männlichen Familienoberhauptes und Haushaltsvorstandes scheint durch das brüchige Normalarbeitsverhältnis passé. Hegemoniale Männlichkeit ist zunehmend desintegriert bzw. angegriffen, ob im Bereich des Arbeitsmarktes oder im Feld der Sexualität, wo sich nun auch in Kroatien schwule und lesbische Interessennetzwerke etablieren. Desintegrierte, krisenbefallene männliche Identität kann als tendenziell konflikt- und gewaltaffin verstanden werden.[29] Die Sichtbarkeit von queeren Identitäten und die Reform des Sexualkundeunterrichts tragen zur Rekonfiguration und Neudeutung der Geschlechterverhältnisse bei. Alles was eine symbolische Nähe zum Weiblichen oder Unterdrückten aufweist, wie etwa Homosexualität, wird als potenzielle Bedrohung für die "gute", alte normative Ordnung betrachtet, in der die Zukunft gewiss schien. Abwehr, Aggression und Gewalt sind eine Folge.

Das einführende aktuelle Beispiel aus dem Winter 2012/2013 illustriert die Situation sexueller Minderheiten im zeitgenössischen Kroatien par excellence. Auf der einen Seite agiert das liberal-laizistisch orientierte Kroatien, dessen sozialdemokratisch angeführte Regierung bemüht ist, den acquis communautaire der EU im Hinblick auf die Menschenrechtslage in Anti-Diskriminierungsgesetzgebungen zu implementieren und das seit 2003 existierende Gesetz zur "unregistrierten" gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaft weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite finden wir, quantitativ ähnlich stark vertreten, biblisch legitimierte Homophobie durch kirchliche Würdenträger und das rechts-konservative Milieu. Nicht zuletzt sind es jene politischen Fürsprecher desintegrierter Männlichkeit, die ihre Werte durch das "aggressive Kreieren einer homosexuellen Mode"[30] radikal infrage gestellt sehen. Im März 2006 scheiterte die Gesetzesvorlage zur "eingetragenen Lebenspartnerschaft" von gleichgeschlechtlichen Paaren, als das kroatische Parlament die vorgeschlagene Fassung mehrheitlich schon in der ersten Lesung ablehnte. Der Politikwissenschaftler Zoran Kurelić führt in seiner Analyse jener Sabor-Debatte drei zentrale Argumente der Gegnerschaft auf: 1.) Ein quasi-wissenschaftliches, an die Psychoanalyse angelehntes Argument, das Homosexualität als Folge einer defekten Geschlechtsidentität versteht. 2.) Die religiöse Ablehnung, die Gottes Auftrag an Mann und Frau, "das Land fruchtbar zu machen und sich zu mehren", infrage gestellt sieht. 3.) Das Gebot der "mentalen Mehrheit" bzw. das Recht der moralischen Majorität. Diese unhinterfragbaren "kroatischen Werte", wie die Ehe, die heterosexuelle Familie und die klare, sich ergänzende Rollenverteilung von Mann und Frau, müssen aus Perspektive des rechts-konservativen Milieus durch das Parlament repräsentiert und als erhaltenswert betrachtet werden.[31]

Die Wahrnehmung der EU als (post-)koloniale Großmacht ist in dieser Debatte ebenso wenig zu unterschätzen. Die Vorstellung vom zivilisierten Westeuropa, seiner liberalen Leitbilder und Werte rund um die Autonomie des Subjekts, und der zeitgleiche Hinweis auf das unerzogene Kind, den Westbalkan, wird in postjugoslawischen Gegenwartsgesellschaften häufig als moralischer Zeigefinger eines Kolonialherren verstanden, der zwangsläufig Protestpotenzial, insbesondere bei sogenannten Transformationsverlierern und deren politischer Vertretung hervorruft. Diese strukturelle Ambivalenz prägt den südosteuropäischen Westeuropa-Diskurs seit den Nationalbewegungen im 19. Jahrhundert. Der aufgrund ökonomischer Prosperität konstruierte Vorbildcharakter und die Orientierung gen Westeuropa sind mit der Befürchtung verbunden, vereinnahmt zu werden und somit die kulturelle Eigenständigkeit zu verlieren. Diese Widersprüchlichkeit ist in der Folge gekennzeichnet durch einen Synkretismus, in dem westeuropäische Leitbilder nur in ihren äußeren Formen (Mode, Architektur, Politik, Verwaltung), nicht jedoch auch mit den dazugehörigen inneren Formen (Werte, Normen, mentale Strukturen) übernommen wurden.[32] Die heimatlichen Wurzeln, kollektiven Normen und tradierten Leitbilder werden in einem Gegensatz zu den rationalen, liberalen und ichbezogenen westeuropäischen Wertvorstellungen verhandelt.[33] In diesem Kontext wird Homosexualität von den Gegnern nicht selten in unsachlicher Manier als Verirrung westeuropäischer Dekadenzgesellschaften interpretiert. Ob die strukturell verankerte Homophobie allein durch aktuelle gesetzgeberische Maßnahmen schwinden wird, bleibt angesichts der beschriebenen soziologisch-normativen Fundamente und des tiefen Risses innerhalb der kroatischen Gesellschaft ernsthaft anzuzweifeln.
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Martin Mlinarić für bpb.de

Sie dürfen den Text unter Nennung der Lizenz CC BY-NC-ND 3.0 DE und des/der Autors/-in teilen.
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Klaus Buchenau, Kämpfende Kirchen. Jugoslawiens religiöse Hypothek, Frankfurt/M. 2006, S. 123.
2.
Josip Bozanić, in: Nulta točka (HRT), Zdravstveni odgoj, Sendung vom 17.12.2012, online: http://www.hrt.hr/index.php?id=enz&tx_ttnews[cat]=572&cHash=a9c0c46923« (23.2.2013).
3.
Zit. nach: Norbert Mappes-Niediek, Öffentliches Küssen gegen die Kirche. Kroatiens Klerus bekämpft Sexualaufklärung, in: Berliner Zeitung vom 14.1.2013, S. 6.
4.
Vgl. Frenki Laušić, Teolog Adalbert Rebić: Pederi, lezbe i razni Štulhoferi upropastit će nam Hrvatsku, in: Slobodna Dalmacija vom 9.1.2012.
5.
Vgl. European Commission, Communication from the Commission to the European Parliament and the Council. Monitoring Report on Croatia’s state of preparedness for EU membership, Brüssel 2012, S. 4.
6.
Vgl. Amnesty International, Croatia: Inadequate Protection: homophobic and transphobic hate crimes in Croatia, EUR 64/001/2012, 6.6.2012, online: http://www.unhcr.org/refworld/docid/4fd1a2d62.html« (16.3.2013).
7.
Vgl. Melanie C. Steffens, Diskriminierung von Homo- und Bisexuellen, in: APuZ (2010) 15–16, S. 14–20, hier: S. 19.
8.
Vgl. Peter Wagenknecht, Was ist Heteronormativität? in: Jutta Hartmann (Hrsg.), Heteronormativität. Empirische Studien zu Geschlecht, Sexualität und Macht, Wiesbaden 2007, S. 17f.
9.
Vgl. Rüdiger Lautmann, Soziologie der Sexualität, Weinheim 2002, S. 374ff.
10.
Vgl. Michel Foucault, Sexualität und Wahrheit. Der Wille zum Wissen, Frankfurt/M. 1977, S. 50f.
11.
Vgl. ebd., S. 129ff., S. 137.
12.
Vgl. Judith Butler, Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt/M. 1991, S. 8ff.
13.
Vgl. ebd., S. 27ff.
14.
Vgl. Judith Butler, Körper von Gewicht. Über die diskursiven Grenzen des Körpergeschlechts, in: Neue Rundschau, 104 (1993) 4, S. 57–70, hier: S. 57f.
15.
Vgl. Hannelore Bublitz, Geschlecht, in: Hermann Korte/Bernhard Schäfers (Hrsg.), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, Wiesbaden 20087, S. 87–105, hier: S. 100.
16.
Vgl. Sanja Đurin, O politici seksualnosti u Hrvatskoj devedesetih, o diskursima koji su je oblikovali o njezinim simptomima danas, in: Narodna umjetnost: hrvatski časopis za etnologiju i folkloristiku 49 (2012) 2, S. 33–51, hier: S. 36.
17.
Vgl. Robert Connell, Der gemachte Mann. Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, Wiesbaden 20063 , S. 97ff.
18.
Vgl. Gabriella Schubert, Heldentum auf dem Balkan – Mythos und Wirklichkeit, in: Zeitschrift für Balkanologie, 29 (1993) 1, S. 16–33.
19.
Vgl. Gerhard Gesemann, Heroische Lebensform. Zur Literatur und Wesenskunde der balkanischen Patriarchalität, Berlin 1943, S. 208.
20.
Vgl. Gabriella Schubert, Entwürfe von Männlichkeit und Weiblichkeit in Südosteuropa in ihren wesentlichen Entwicklungslinien, in: Südosteuropa-Mitteilungen, 52 (2012) 1, S. 46–60, hier: S. 47f.
21.
Vgl. Dietrich Rüschemeyer, Partielle Modernisierung, in: Wolfgang Zapf (Hrsg.), Theorien des sozialen Wandels, Köln 19713.
22.
Vgl. G. Schubert (Anm. 20), S. 59.
23.
Vgl. Anton Sterbling, Zur Dynamik der Traditionalität in südosteuropäischen Gesellschaften, in: Wolfgang Dahmen et al. (Hrsg.), Grenzüberschreitungen, Wiesbaden 2008, S. 612.
24.
Vgl. R. Connell (Anm. 17), S. 105ff.
25.
Vgl. Đorđe Tomić, Aber bitte in den eigenen vier Wänden. Homophobie im postjugoslawischen Raum, in: Prager Frühling, 12 (2012), S. 46f.
26.
Vgl. Aleksandar Štulhofer et al., Promjene u seksualnosti mladih?, in: Društvena istraživanja, 19 (2010) 6, S. 995–1014, hier: S. 1004.
27.
Vgl. Stjepan Baloban/Gordan Črpić, Spolnost – odnos prema seksualnom ponašanju, in: Bogoslovska smotra, 70 (2000) 2, S. 395–419, hier: S. 411ff.
28.
Pierre Bourdieu, Eine sanfte Gewalt, in: Irene Dölling/Beate Krais (Hrsg.), Ein alltägliches Spiel. Geschlechterkonstruktionen in der sozialen Praxis, Frankfurt/M. 1997, S. 218–230, hier: S. 226.
29.
Vgl. Peter Imbusch/Wilhelm Heitmeyer, Krisenzeiten – Desintegrationsdynamiken und soziale Konflikte, in: Wilhelm Heitmeyer (Hrsg.), Desintegrationsdynamiken, Wiesbaden 2010, S. 327.
30.
Slavko Zec, Homoseksualnost i kanonska prikladnost za klerički stalež prema uputi In continuita, in: Bogoslovska smotra, 82 (2012) 2, S. 369–397, hier: S. 373.
31.
Vgl. Zoran Kurelić, Je li hrvatski parlament homofobičan?, in: Politička misao, 43 (2006) 3, S. 57–66, hier: S. 61ff.
32.
Vgl. Gabriella Schubert, Südosteuropäische Identitäten im Spannungsfeld von Zentrum und Peripherie, in: dies./Holm Sundhaussen (Hrsg.), Prowestliche und antiwestliche Diskurse in den Balkanländern, München 2008, S. 191f.
33.
Vgl. Joachim von Puttkamer/Gabriella Schubert, Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa, in: dies. (Hrsg.), Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa, Wiesbaden 2010, S. 11.

Martin Mlinarić

Zur Person

Martin Mlinarić

M.A., geb. 1985; Doktorand im Fachbereich Soziologie am DFG-Graduiertenkolleg "1412 – Kulturelle Orientierungen und gesellschaftliche Ordnungsstrukturen in Südosteuropa" an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, c/o Imre Kertész Kolleg Jena, Leutragraben 1, 07743 Jena. m.mlinaric@uni-jena.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln