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21.10.2013

"Generation Einsatz"

Wenn die Bundeswehr Ende 2014 mit einem großen Teil ihrer Truppen aus Afghanistan zurück ist, wird sie sich verändert haben.[1] Wie kein anderer zuvor prägt der Einsatz am Hindukusch die Bundeswehr als Gesamtorganisation; nicht allein die Strukturen, sondern auch die Organisationskultur und das Selbstverständnis einer Generation von Soldatinnen und Soldaten, die die Bundeswehr meist nur noch als Einsatzarmee kennen.[2] Für viele von ihnen sind die Missionen zur internationalen Krisenbewältigung längst zur Normalität geworden. Sie leben in den Einsätzen fern der Heimat; viele von ihnen haben Tod und Verwundung erlebt. Einige haben in Afghanistan auch in schweren Gefechten gegen Aufständische gekämpft, erstmals in der Geschichte der Bundeswehr. Der erste in einem Feuergefecht Gefallene der Bundeswehr war ein 21-jähriger Hauptgefreiter, der im April 2009 in Afghanistan starb. Solche Erfahrungen gehen nicht spurlos an den Soldatinnen und Soldaten vorbei: Diese "sind in den vergangenen Jahren mit diesem Einsatz gewachsen, man könnte fast sagen 'erwachsen' geworden",[3] so Generalmajor Erich Pfeffer, damaliger Kommandeur des deutsch geführten Regionalkommandos Nord der International Stabilization Assistance Force (ISAF) in Afghanistan, im Februar 2013.

Was eigentlich genau in den internationalen Missionen irgendwo im fernen Land passiert, wissen hierzulande im Detail nur wenige. Während die einen anscheinend "freundliches Desinteresse" bekunden, wie es der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler formulierte, sind sich andere heute angesichts der Afghanistanerfahrung sicher, dass jede Intervention von Streitkräften in Krisenregionen zur Eskalation kriegerischer Gewalt führt. Für Soldatinnen und Soldaten, die mit Auftrag des Parlaments für Frieden und Stabilität in weit entfernten Regionen ihr Leben riskieren, ist das eine verstörende Erfahrung. Im "Heimatdiskurs"[4] überwiegen Bilder von gezeichneten und traumatisierten Rückkehrern. Die Identifikation mit dem Opfer fällt vielen offenbar leichter. Die Realität für die Soldatinnen und Soldaten ist aber differenzierter. Nicht wenige, gerade der Kampferfahrenen, kehren durchaus mit einem gestärkten Selbstbewusstsein aus den Einsätzen zurück.[5] Die Gesellschaft und manche auch in der Bundeswehr tun sich schwer damit. Die Erfahrungswelten von Einsatzsoldaten bleiben fern und fremd – obwohl der Prozess der gesellschaftlichen Aufarbeitung des Afghanistan-Einsatzes inzwischen begonnen hat, auch durch Film, Fernsehen und Literatur, die ebenso wie Selbstthematisierungsmonografien von Afghanistanrückkehrern dazu beitragen, dass gesellschaftliche Deutungsnarrative des Einsatzes entstehen. Das Soldat-Sein, so scheint es nicht ganz zu Unrecht, wird in Gesellschaft und Bundeswehr neu verhandelt.[6] Dass dies heute, wo die Erfahrungshorizonte von Einsatzsoldaten und Heimatgesellschaft weiter auseinander liegen, nicht leicht fällt, ist verständlich. Umso mehr ist genaueres Hinsehen und Nachfragen angeraten – nicht nur, aber auch von Seiten der sozialwissenschaftlichen Forschung. Wie nehmen Soldatinnen und Soldaten selbst die Realität ihrer Einsätze wahr? Wie gehen sie mit den oft unübersichtlichen Konfliktsituationen und wechselnden Sicherheitslagen in den Einsatzländern um? Welche Erfahrungen machen sie dabei im Umgang mit militärischer Gewalt, und welche Folgen haben die Erfahrungen für das Selbstbild und die Organisation?

Ein Forscherteam des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Bundeswehr, Anfang 2013 in Potsdam mit dem Militärgeschichtlichen Forschungsamt zum Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr zusammengeführt, begleitet nunmehr seit über drei Jahren die Soldatinnen und Soldaten des 22. deutschen Kontingents ISAF, die überwiegend von März bis Oktober 2010 im Afghanistan-Einsatz waren. Im Rahmen einer sozialwissenschaftlichen Langzeituntersuchung wurden die Kontingentangehörigen zu mehreren Zeitpunkten befragt – von der Vorausbildung über den Einsatz bis hin zur Einsatznachbereitung.[7] In zahlreichen Interviews, mit Hilfe von Fragebogen und auch durch Beobachtungen im Einsatz – in Kundus, Mazar-e-Sharif und Taloqan – hat das Team Erkenntnisse zur Einsatzrealität in Afghanistan gesammelt und ausgewertet. In diesem Jahr, fast drei Jahre nach ihrer Rückkehr aus Afghanistan, wurden die noch aktiven ebenso wie die bereits aus der Bundeswehr ausgeschiedenen Soldatinnen und Soldaten des Kontingents nochmals nach ihren Erfahrungen gefragt. Dadurch sollen Erkenntnisse über anhaltende Veränderungen gewonnen werden. Die bisherigen Ergebnisse der Studie sind in Teilen veröffentlicht.[8] Der vorliegende Beitrag stützt sich auf diese eigenen Arbeiten.

Von "Drinnis" und "Draussis": Verschiedene Erfahrungswelten im Einsatz

Als im März 2010 ein Großteil der Soldatinnen und Soldaten des 22. Kontingents seinen Einsatz in Afghanistan beginnt, befasst sich gerade der Verteidigungsausschuss als parlamentarischer Untersuchungsausschuss mit dem vom damaligen deutschen Kommandeur des Provinical Reconstruction Team (PRT) Kundus Anfang September 2009 angeordneten Luftschlag auf zwei von Aufständischen entführte Tanklaster, dem auch Zivilisten zum Opfer gefallen waren.[9] Zur selben Zeit stellen sich die deutschen Soldatinnen und Soldaten der Quick Reaction Force (QRF) des Kontingents auf ihre neuen Aufgaben in den Ausbildungs- und Schutzkompanien (Task Forces) ein. Sie sollen im Rahmen der Ende 2009 von ISAF beschlossenen Neuausrichtung der Einsatzstrategie gemeinsam mit afghanischen Sicherheitskräften erstmals auch offensiv militärisch gegen Aufständische vorgehen, um Gebiete im deutschen Verantwortungsbereich im Norden des Landes freizukämpfen und auch zu halten.[10]

Im Einsatz in Afghanistan hat es das 22. Kontingent mit einer hochkomplexen und mit erheblichen Risiken verbundenen Sicherheitslage zu tun, die jedoch zwischen den Provinzen, in denen die deutschen Soldatinnen und Soldaten eingesetzt sind, erheblich variiert. Bereits in den ersten Einsatzwochen fallen in einem der schwersten Feuergefechte, die die Bundeswehr bis dahin erlebt hatte, drei Soldaten des Kontingents in der Unruheprovinz Kundus. Nur wenige Wochen später sterben vier weitere deutsche Soldaten in der Region Baghlan. Am Ende seines Einsatzes blickt das 22. Kontingent auf schwerwiegende Erfahrungen mit direkter und indirekter Gewalt: Fast die Hälfte des Kontingents (46 Prozent) hat nach eigenen Angaben feindlichen Beschuss erlebt. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) gibt an, mit dem Tod von Kameraden konfrontiert worden zu sein, und etwa ein Fünftel (21 Prozent) hat nach eigenen Angaben in Gefechten gegen Aufständische gestanden.[11]

Die Soldatinnen und Soldaten des Kontingents machen in ihrem Einsatz dennoch nicht die gleichen Erfahrungen, und nicht jeder von ihnen ist auch in gleicher Art und Weise von Gewalt betroffen. Die Einsatzwirklichkeit vor Ort ist vielschichtig. Sie differenziert sich in verschiedene Erfahrungswelten, je nachdem, wo die Soldatinnen und Soldaten eingesetzt sind und welche Aufgaben sie dort übernehmen.[12] Während es die in den Regionen Kundus und Baghlan eingesetzten Soldatinnen und Soldaten mit einem Guerillakrieg zu tun haben, in dem sie fast täglich mit Beschuss, Anschlägen und auch mit komplexen Angriffen von Aufständischen rechnen müssen, ist der Soldatenalltag in der sogenannten Blue Box um das deutsche Feldlager Camp Marmal in der Nähe von Mazar-e-Sharif weit weniger von offener Gewalt geprägt. Dort geht es vordringlich darum, Präsenz in den Ortschaften zu zeigen, Kontakte mit Dorfältesten oder der Zivilbevölkerung zu pflegen und zivile Aufbauaktivitäten abzusichern und zu unterstützen. Die Prioritäten der Aufgaben können sich jedoch rasch von einer Situation zur nächsten ändern.[13]

Die Erfahrungswelten unterscheiden sich aber nicht nur von Einsatzort zu Einsatzort, sie werden zusätzlich durch die übernommenen Aufgaben bestimmt. Vier von zehn Männern und Frauen (41 Prozent) des Kontingents sind mit Ausbildungs- und Schutzaufgaben betraut. Fast ebenso viele (40 Prozent) haben Unterstützungsaufgaben und weitere 19 Prozent Führungsaufgaben.[14] Die Ausbildungs- und Schutzkräfte des Kontingents bewegen sich während ihres etwa vier bis sechs Monate andauernden Einsatzes überwiegend außerhalb der eng abgeschirmten deutschen Feldlager – für gemeinsame militärische Operationen mit afghanischen Sicherheitskräften, Patrouillenfahrten, zur Kontaktpflege, Aufklärung oder Ausbildung von afghanischer Armee und Polizei. 88 Prozent von ihnen befinden sich dabei täglich in Ortschaften oder für mehrere Tage in der Fläche, manche sogar über mehrere Wochen hintereinander auf Außenposten oder bei Operationen im freien Gelände und kehren nur zwischenzeitlich für wenige Tage zurück in die Feldlager.

Soldatinnen und Soldaten mit Ausbildungs- und Schutzaufgaben haben deshalb nicht nur weit häufiger Kontakt zur Zivilbevölkerung[15] oder zu afghanischen Sicherheitskräften, sie tragen auch besondere Risiken. Weit mehr als andere Angehörige des Kontingents sind sie im Laufe ihres Einsatzes in Kämpfe verwickelt. Fast die Hälfte (42 Prozent) von ihnen hat nach eigenen Angaben mit dem 22. Kontingent in Gefechten gestanden. Im besonderen Maße gilt dies für Soldatinnen und Soldaten der sogenannten Task Force: Etwa zwei Drittel (65 Prozent) von ihnen berichten, gegen Aufständische gekämpft zu haben.

Hingegen verlassen Führungs- und Unterstützungskräfte, die etwa für Planung und Auswertung, aber auch für Instandsetzung oder den reibungslosen Ablauf des Einsatzes verantwortlich sind, weitaus seltener die geschützte Welt des Feldlagers. Etwa ein Drittel der Unterstützer (35 Prozent) und ein Fünftel (20 Prozent) der Soldatinnen und Soldaten mit Führungsaufgaben verbringen ihren mehrmonatigen Einsatz ausschließlich in der abgeschirmten militärischen Alltagswelt der Feldlager und kommen nie oder allenfalls selten mit Land und Leuten in Kontakt. Vergleichsweise selten geraten sie während ihres Einsatzes in Kampfsituationen (6 Prozent der Führungs- und 8 Prozent der Unterstützungskräfte des Kontingents). Nicht nur die Risiken, sondern auch die Anforderungen und Belastungen unterscheiden sich von daher erheblich. Während die einen mit ständiger Bedrohung, mit Gefechten und Anschlägen, aber auch mit Not und Leid der Bevölkerung konfrontiert sind, müssen andere mit den geringen persönlichen Freiräumen und der ständigen sozialen Kontrolle der Feldlagergemeinschaften zurechtkommen. Beides kann extrem belastend sein, verlangt jedoch jeweils andere Fähigkeiten.

Auch die Soldatinnen und Soldaten selber unterscheiden in den Gesprächen und Interviews zwischen "Drinnis" und "Draussis", zwischen denjenigen, die sich während ihres Einsatzes meist außerhalb der Feldlager bewegen, und denjenigen, die ihren mehrmonatigen Einsatz überwiegend innerhalb der Lager verbringen. Sie beziehen sich damit jedoch nicht nur auf unterschiedliche Anforderungen, Belastungen und Gefahren, sondern geben der Unterscheidung auch eine kulturelle Dimension, die einen wichtigen Bezugspunkt für die Selbstdefinition bildet und gleichzeitig enge Bindungen und Solidarität untereinander schafft.[16] Dies gilt besonders für diejenigen Einheiten, die hohe Risiken getragen haben. In riskanten Einsätzen werden diese nicht nur zu bloßen "Handlungsgemeinschaften" im üblichen Sinne, sondern zu zeitlich befristeten "(Über-)Lebensgemeinschaften", die dabei helfen, gemeinsam Schwierigkeiten und Belastungen zu überstehen.[17]

Gewalterfahrungen aber prägen nicht allein den Horizont der direkt davon Betroffenen, sondern wirken auf das gesamte Kontingent. In asymmetrischen Einsatzszenarien wie in Afghanistan in denen Freund und Feind oftmals nicht klar zu unterscheiden sind, ist die Gefahr nicht allein auf die Kampfsituation begrenzt. Ein Anschlag kann zu jeder Zeit und an jedem Ort passieren. Der Einsatzalltag des Kontingents ist daher durch eine diffuse Bedrohung bestimmt, die auch jene empfinden, die während ihres gesamten Einsatzes das Lager nicht ein Mal verlassen haben.[18] Diese gemeinsame Bedrohungswahrnehmung bildet eine Klammer, die die verschiedenen Einheiten miteinander verbindet und einen übergeordneten, gemeinschaftlich geteilten Referenzrahmen für das gesamte Kontingent schafft, der sich auf Einstellungen und Orientierungen auswirkt.


Von "alter" und "neuer" Bundeswehr: Differenzen zwischen den Generationen

Einschneidende Erfahrungen prägen, und sie können auch verändern. Dies gilt zumal für Erlebnisse mit Gewalt im Einsatz. Sie lassen sich nach der Rückkehr nach Deutschland nicht so einfach abhaken, sondern müssen verarbeitet und in das eigene Selbstbild integriert werden. Die Verarbeitung vollzieht sich meist "nicht nur als innere Selbstbefragung, sondern auch als soziale Vergewisserung".[19] Aus der Generationenforschung wissen wir, dass durch gemeinsame Erfahrungen Gemeinschaft konstituiert wird.[20] Basierend auf den Erfahrungen des Afghanistan-Einsatzes können sich daher "eigene sozio-kulturelle Praktiken, Verhaltensweisen und Einsatzidentitäten herausbilden, die von den Erfahrungswelten derjenigen, die noch zu Zeiten des Kalten Krieges oder in den Einsätzen auf dem Balkan sozialisiert wurden, deutlich differieren".[21] Den Unterschied zwischen "alter" und "neuer" Bundeswehr greifen auch die Soldatinnen und Soldaten auf, wenn sie in den Interviews etwa zwischen "Generation Einsatz" und "Generation Truppenübungsplatz", zwischen "kalten Kriegern" und mehrheitlich im Afghanistan-Einsatz geprägten "neuen Kriegern" unterscheiden. Die Erfahrungen des Afghanistan-Einsatzes werden von ihnen offenbar generationell gedeutet und verarbeitet.

Für die Bundeswehr ist Pluralität zwar nichts Neues. Im Gegenteil, schon die einzelnen Truppengattungen und Dienstgradgruppen in der Bundeswehr grenzen sich seit jeher voneinander ab, entwickeln eigene Bräuche, Gepflogenheiten und Symbolisierungen als Ausdruck ihrer Identität. Soldatinnen und Soldaten, die in Gefechten kämpften, die Tod und Verwundung erlebten, haben im Einsatz aber Erfahrungen gemacht, die es zuvor in der Bundeswehr in diesem Ausmaß und dieser Qualität nicht gegeben hat. Diese Erfahrungen werden zudem nur selten von höheren militärischen Vorgesetzten geteilt. Über Kampferfahrungen verfügen eher niedrige Dienstgrade bis zur Ebene Kompaniechef und folglich mehr jüngere Soldatinnen und Soldaten: Während 37 Prozent der Mannschaften und 21 Prozent der Feldwebel des Kontingents nach eigenen Angaben in Gefechten gekämpft haben, gilt dies für 13 Prozent der Offiziere, für 9 Prozent der Unteroffiziere o.P. und für 5 Prozent der Stabsoffiziere. Das statistisch berechnete Risiko für Mannschaften im Einsatz in Kämpfe verwickelt zu werden, liegt daher auch um fast das Zehnfache über dem der Stabsoffiziere des Kontingents.[22] Den Soldatinnen und Soldaten selbst geht es dabei aber meist weniger um eine formale Differenzierung der Generationen nach Jahren als vielmehr primär um die Sozialisationserfahrungen einer neuen Generation von Einsatzsoldaten insgesamt. Das Alter kann, muss jedoch nicht ausschlaggebend sein für das Gefühl der Verbundenheit mit dieser Generation.

Heute sind es aber überwiegend die Jungen, die von Kämpfen, Tod und Töten, Verwundung und Versehrtheit erzählen. Der Afghanistan-Einsatz hat daher für sie ein erhebliches Identifikationspotenzial. Die unterschiedlichen Erfahrungswelten von höheren Vorgesetzten und der nachrückenden Generation können innerhalb der Bundeswehr einen Generationenkonflikt befördern, der einen Wandel der Organisationskultur anstoßen kann.[23] Organisationskulturen, in denen die Autoritäts- und Sanktionsgewalt entlang der Hierarchie und weniger entlang der Erfahrungen zugewiesen wird, geraten unter Belastungsdruck, "wenn die jüngere Generation Erfahrungen macht, die von der älteren nicht geteilt werden".[24] Dass dies für Vorgesetzte in der Bundeswehr keine einfache Angelegenheit ist, formulierte auch Verteidigungsminister Thomas de Maizière in einer Rede an den Offiziersnachwuchs: "Nach Abschluss ihres Studiums werden Sie als militärischer Führer, Erzieher und Ausbilder vor den Soldatinnen und Soldaten stehen, die ihnen anvertraut werden. Diese gehören der ‚Generation Einsatz‘ an und nicht wenige von ihnen werden sich bereits in Gefechtssituationen bewährt haben. Und trotzdem werden Sie als Offizier ihr Vorgesetzter. Das aber wird man nicht allein mit einem Abzeichen auf der Schulter, sondern durch Führung mit Können, Vorbild und Herz. Amtsautorität richtet wenig aus ohne persönliche Autorität."[25]

Hinzu kommt, dass Soldatinnen und Soldaten in den Einsätzen Situationen bestehen müssen, die mit hohen Anforderungen gerade auch an Vorgesetzte verbunden sind. In komplexen Einsatzszenarien wie in Afghanistan werden von ihnen "Führungsqualitäten der Verantwortungs- und Risikobereitschaft"[26] erwartet: Flexibilität, korrekte Lagebeurteilung auch unter Zeitdruck und Verhaltenssicherheit in unübersichtlichen oder riskanten Situationen sind gefordert. Diese Fähigkeiten finden jedoch in der stark verregelten Organisationskultur der Bundeswehr am Heimatstandort, in der "Mikromanagement und Absicherungsdenken" vorherrschen, weniger Entsprechung. In den Gesprächen und Interviews beschreiben Einsatzsoldaten dies nicht selten auch als "Zwei-Welten-Problematik". Auch dadurch kann die Organisationskultur der Bundeswehr stärker unter Anpassungsdruck geraten.

Wie sich die Erfahrungen dieser "Generation Einsatz" weiter auf das innere Gefüge und das Selbstverständnis der Bundeswehr auswirken, muss die Zeit zeigen. Nicht alle in dieser Generation bleiben lange in der Bundeswehr, und erst einige von ihnen sind in höhere Führungspositionen vorgedrungen. Weitere haben sich auf den Weg gemacht. Immerhin kann die Bundeswehr, besonders in den Einsatzkompanien, auf ein erfahrenes und selbstbewusstes Unteroffizierkorps blicken. Identitäten und Kulturen von Organisationen aber wandeln sich nur langsam – und sie werden zwischen deren Angehörigen ausgehandelt.

Anerkennung versus Abgrenzung

Einsatzsoldaten kehren in eine Gesellschaft zurück, die von ihrer Situation nur wenig weiß. Die mehrfache "Zwei-Welten-Wahrnehmung" innerhalb der Bundeswehr setzt sich fort in dem Eindruck vieler Soldatinnen und Soldaten, dass ihr Dienst in der Gesellschaft keine angemessene Anerkennung und Würdigung finde. Wer in gefährlichen Einsätzen im Auftrag des Parlaments sein Leben riskiert, wünscht sich Rückhalt von der Politik und der Gesellschaft, deren Werte und Interessen ja in den Einsätzen zu vertreten sind. Wer dahinter jedoch lediglich ein bloß formales Akzeptanz- und Legitimationsproblem vermutet, verfehlt, worum es wirklich geht: um eine Antwort auf die tiefer liegende Frage nach einer (Neu-)Verortung des Verhältnisses von Gesellschaft und Bundeswehr. Die Bindung des Selbstverständnisses an gesellschaftliche Entwicklungen gehört zum Kernbestand der Inneren Führung.[27] Auch für die meisten der von uns befragten Soldatinnen und Soldaten ist der Rückbezug auf die Interessen und Werte der Gesellschaft keine Nebensache, sondern bildet gewissermaßen den "Motivations- und Identitätskern"[28] ihres Selbstverständnisses. Was genau für die Gesellschaft in Bezug auf die Bundeswehr aktuell wichtig ist, lässt sich aber gar nicht so einfach sagen. Nicht zu Unrecht könnte man daher meinen, dass sich weniger die Bundeswehr von der Gesellschaft als diese von den Streitkräften distanziere – trotz regelmäßig erhobener hoher gesellschaftlicher Akzeptanz der Bundeswehr als Institution und trotz Anteilnahme am persönlichen Schicksal psychisch schwer belasteter Rückkehrer.

Gesellschaft und Bundeswehr gleichermaßen stehen vor der Aufgabe, ihr Verhältnis neu zu bestimmen. Die Diskussion über den Umgang mit (zivilen wie militärischen) Einsatzrückkehrern und über eine Politik für Veteranen böte hierfür eine gute Gelegenheit. Durch die Beschäftigung mit ihren Erfahrungen und ihrer Situation könnte ein Gegengewicht geschaffen werden zur Distanzierung der Gesellschaft von den Streitkräften. Das wünschen sich in den Gesprächen auch viele Soldatinnen und Soldaten, und zwar meist jenseits eines Diskurses der Heroisierung oder Viktimisierung. Aus der gesellschaftlichen Perspektive gibt es dabei zwei gegenläufige Möglichkeiten des Umgangs mit der Thematik: Während eine Strategie eher auf – auch kritische – Auseinandersetzung und gerade damit auf Anerkennung setzt, wird diese von der anderen um den Preis von Abgrenzung beziehungsweise Abschottung vermieden. Demokratiepolitisch kann Letzteres nicht gewünscht sein.
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Fußnoten

1.
Vgl. Anja Seiffert/Julius Heß, Afghanistan – Ein Einsatz verändert die Bundeswehr, in: IF – Zeitschrift für Innere Führung, (2012) 2, S. 20–24; Bernhard Chiari (Hrsg.), Auftrag Auslandseinsatz. Neueste Militärgeschichte an der Schnittstelle von Geschichtswissenschaft, Politik, Öffentlichkeit und Streitkräften, Freiburg/Br. u.a. 2012.
2.
Vgl. Anja Seiffert, Generation Einsatz – Einsatzrealitäten, Selbstverständnis und Organisation, in: dies./Phil C. Langer/Carsten Pietsch (Hrsg.), Der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Sozial- und politikwissenschaftliche Perspektiven, Wiesbaden 2012, S. 79–100.
3.
Interview mit Generalmajor Erich Pfeffer, in: Bundeswehr aktuell vom 18.2.2013, S. 5.
4.
Michael Daxner/Hannah Neumann (Hrsg.), Heimatdiskurs. Wie die Auslandseinsätze der Bundeswehr Deutschland verändern, Bielefeld 2012.
5.
Vgl. Anja Seiffert et al., ISAF 2010. Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Begleitung des 22. Kontingents ISAF im Einsatz, unveröff. Bericht, Strausberg 2010, S. 76ff.; Gesine Seng, Zurück aus Afghanistan. Persönliches Wachstum bei Soldaten der Bundeswehr? Eine qualitative Studie, unveröff. Diplomarbeit, Bremen 2013; Anja Seiffert/Julius Heß, Afghanistanrückkehrer. Der Einsatz, die Liebe, der Dienst und die Familie. Ausgewählte Ergebnisse der sozialwissenschaftlichen Langzeitbegleitung des 22. Kontingents ISAF, unveröff. Bericht, Potsdam 2013.
6.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Armin Wagner und Heiko Biehl in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Das Kontingent hatte eine Stärke von etwa 4500 Soldatinnen und Soldaten, denen vor, in und nach ihrem Einsatz Fragebögen zugesandt wurden. In den drei Befragungswellen antworteten 1303, 1246 und zuletzt 1165 Befragte, wobei die Grundgesamtheiten zu erreichender Personen etwa zwischen 4000 und 4500 variierten. Die Rücklaufquoten für die Befragungen betrugen 33, 28 und 25 Prozent. Zusätzlich wurden mehr als 160 Interviews mit Soldatinnen und Soldaten des Kontingents im Einsatz und mehr als 20 sogenannte Focus-Back-Talk-Gespräche nach der Rückkehr aus dem Einsatz geführt.
8.
A. Seiffert/P. Langer/C. Pietsch, Einführung, in: dies. (Anm. 2), S. 11–20; Phil C. Langer, Erfahrungen von Fremdheit als Ressource verstehen. Herausforderungen interkultureller Kompetenz im Einsatz, in: ebd., S. 123–142; Carsten Pietsch, Zur Motivation deutscher Soldatinnen und Soldaten für den Afghanistaneinsatz, in: ebd., S. 101–122; A. Seiffert (Anm. 2), S. 79–100; A. Seiffert/J. Heß (Anm. 1), S. 20–24; dies., Generation ISAF. Operational Realities, Self-Image and Organization, in: Gerhard Kümmel/Bastian Giegerich (Hrsg.), The Armed Forces. Towards a Post-Interventionist Era?, Wiesbaden 2013, S. 279–303.
9.
Vgl. Deutscher Bundestag, 17. Wahlperiode, Beschlussempfehlung und Bericht des Verteidigungsausschusses als 1. Untersuchungsausschuss, BT-Drs. 17/7400, 25.10.2011, http://www.bundestag.de/dip21/btd/17/074/1707400.pdf« (22.8.2013).
10.
Vgl. Winfried Nachtwei, Der Afghanistaneinsatz der Bundeswehr. Von der Friedenssicherung zur Aufstandsbekämpfung, in: A. Seiffert/P. Langer/C. Pietsch (Anm. 2), S. 37.
11.
Der Studie liegt ein enger Begriff von Gefechtserfahrung zugrunde. In die Kategorie der "Gefechtserfahrenen" werden ausschließlich diejenigen subsummiert, die angeben, aktiv an einem Schusswechsel im Einsatz beteiligt gewesen zu sein. Die Gewalt, mit der das Kontingent im Laufe des Einsatzes konfrontiert war, ist gleichwohl vielfältiger. Sie reicht von direkter Gewalt etwa durch Anschläge und Beschuss über die eigene Anwendung von Gewalt und das Töten des Gegners bis hin zum Erleben indirekter Gewalt, wie Not und Leid der Bevölkerung oder Tod und Verwundung von Kameraden und Zivilisten. Die genannten Angaben beziehen sich auf die Befragung des Kontingents wenige Wochen nach der Rückkehr aus dem Einsatz. Sämtliche im Beitrag genannten statistischen Angaben sind repräsentativ für das 22. Kontingent. Vgl. die Befragungsergebnisse in: A. Seiffert/P. Langer/C. Pietsch (Anm. 2).
12.
Vgl. A. Seiffert (Anm. 2.), S. 87; A. Seiffert/J. Heß (Anm. 1), S. 22.
13.
Vgl. Harald Müller et al., Demokratie, Streitkräfte und militärische Einsätze. Der zweite Gesellschaftsvertrag steht auf dem Spiel, HSFK-Report 10/2010, S. 12.
14.
Vgl. zu den empirischen Ergebnissen ausführlicher A. Seiffert (Anm. 2), S. 83ff.
15.
Vgl. zur Häufigkeit der Kontakte von Soldatinnen und Soldaten des Kontingents mit der afghanischen Zivilbevölkerung P. C. Langer (Anm. 8), S. 127ff.
16.
Vgl. A. Seiffert (Anm. 2), S. 85.
17.
Vgl. dies. et al., Sinn und Bedeutung von Ritualen und Bräuchen. Ergebnisse einer qualitativen Studie (unveröff.), Strausberg 2011, S. 56.
18.
Vgl. A. Seiffert (Anm. 2), S. 88; dies./J. Heß, (Anm. 1), S. 21.
19.
Ulrike Jureit, Generation, Generationalität, Generationenforschung. Version: 1.0, in: Docupedia-Zeitgeschichte, 11.2.2010, S. 14, http://docupedia.de/zg/Generation?oldid=84611« (22.8.2013).
20.
Vgl. Karl Mannheim, Das Problem der Generationen, in: ders., Wissenssoziologie. Auswahl aus dem Werk, eingeleitet und hrsg. von Kurt H. Wolff, Neuwied 1964, S. 509–565.
21.
A. Seiffert (Anm. 2), S. 88.
22.
Vgl. hier und im Vorhergehenden A. Seiffert (Anm. 2), S. 87; dies./J. Heß (Anm. 1), S. 23.
23.
Vgl. A. Seiffert (Anm. 2), S. 94.
24.
Maren Tomforde, Neue Militärkultur(en). Wie verändert sich die Bundeswehr durch die Auslandseinsätze?, in: Maja Apelt (Hrsg.), Forschung Militär, Wiesbaden 2009, S. 204.
25.
Vgl. Ansprache von Verteidigungsminister Dr. Thomas de Maizière am 21.6.2013 an der Universität der Bundeswehr München, http://www.bmvg.de« > http://www.bmvg.de/portal/poc/bmvg?uri=ci%3Abw.bmvg.ministerium« > http://www.bmvg.de/portal/poc/bmvg?uri=ci%3Abw.bmvg.ministerium.der_minister« > http://www.bmvg.de/portal/poc/bmvg?uri=ci%3Abw.bmvg.ministerium.der_minister.reden« > Ansprache des Verteidigungsminister anlässlich des Beförderungsappells für studierende Offiziere an der Universität der Bundeswehr München (26.8.2013).
26.
A. Seiffert (Anm. 2), S. 96.
27.
Vgl. grundsätzlicher Klaus Ebeling, Militär und Ethik. Moral- und militärkritische Reflexionen zum Selbstverständnis der Bundeswehr, Stuttgart 2006; Anja Seiffert, Soldat der Zukunft. Wirkungen und Folgen von Auslandseinsätzen auf das soldatische Selbstverständnis, Berlin 2005.
28.
A. Seiffert (Anm. 2), S. 89.

Anja Seiffert

Zur Person

Anja Seiffert

Dr. phil., geb. 1965; Politikwissenschaftlerin, Leiterin des Projektbereichs Sozialwissenschaftliche Einsatzbegleitung und Einsatzdokumentation der Abteilung Einsatz, Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Zeppelinstraße 127/128, 14471 Potsdam. anjaseiffert@bundeswehr.org


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