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13.1.2014

Frühe Grenzziehungen

Eine der grundlegendsten Formen eines gesellschaftlichen Statements besteht darin, Grenzen zu ziehen. Wie wir dies tun, hängt vor allem von unserem Selbstverständnis ab und davon, wie wir uns in der Welt definieren und voneinander abgrenzen, mit welchen Menschen wir uns identifizieren, welche Regeln wo und unter welchen Umständen gelten. Wir leben in einer Gesellschaft, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts eine Reihe radikaler gesellschaftlicher Veränderungen erfahren hat und in der zahlreiche gesellschaftliche "Grenzen" infrage gestellt und neu definiert wurden. Diese Veränderungen betreffen beispielsweise neue Arbeitsteilungen, einen Aufschwung urbanen Lebens und die Entvölkerung ländlicher Gebiete.

Noch immer sind jedoch materielle Grenzen vorhanden – etwa in Form von Zäunen und Hecken um Villengärten, Wohnblocks sowie öffentliche Plätze –, und sie nehmen mancherorts sogar zu. Von Menschen errichtete Grenzen scheinen daher nach wie vor zu den normalerweise als selbstverständlich betrachteten sozialen und physikalischen Bausteinen einer Gesellschaft zu gehören. Doch wann haben wir angefangen, Grenzen, wie die in unseren modernen Gesellschaften, zu errichten? Warum wurden sie entwickelt? Und welche Konsequenzen ergaben sich auf lange Sicht daraus?

Im Folgenden werden einige der frühesten Formen von Menschen gezogener Grenzen betrachtet, die während der ausgehenden Bronze- und beginnenden Eisenzeit, also etwa um die Wende des ersten Jahrtausends v. Chr., in Nordwesteuropa errichtet wurden. Zu diesen gehören Feldsysteme, die aus kleinen länglichen Parzellen bestehen und, umgeben von Erdwällen, Hecken oder Steinmauern, zusammen mit angrenzenden Ackerflächen größere Systeme bilden. Man nennt sie auch keltische Felder.[1]

Verschiedene Aspekte an ihnen sind besonders interessant: Trotz unterschiedlicher Größen und ihrer Verbreitung innerhalb einer enormen Zeitspanne wurden sie in weiten Teilen Südskandinaviens und Norddeutschlands sowie in Holland, Nordbelgien und Südengland entdeckt. Bis ins östliche Baltikum sowie weit im Westen, in Irland, ist ihr Vorkommen nachgewiesen. Manchmal scheinen sich Feldsysteme in Westjütland in Dänemark von denen in der holländischen Provinz Drenthe nicht zu unterscheiden, obwohl sie 600 Kilometer weit voneinander entfernt liegen. Und oftmals markieren sie den Beginn der Entwicklung weiterer Grenzsysteme – etwa umfriedeter Bauernhöfe und Dörfer, Befestigungsanlagen, Mobilitätsschranken, Geländedämme, Grubenreihen und Landschaftsgliederungen.

An einigen Orten verbreiteten sich diese Grenzziehungen – aus archäologischer Perspektive zumindest – sehr schnell. Mit der Zeit entwickelten sich aufwendige Konstruktionen, denen in manchen Fällen bisherige Grenzen wichen; andere wiederum erscheinen in Größe und Form standardisiert. So ermöglicht die Erforschung archäologischer Grenzen nicht nur Einblicke in die Entwicklung bestimmter Strategien der Subsistenzwirtschaft und Formen der Aneignung von Land.

Diese Grenzen bildeten auf lange Sicht auch ein Vehikel für grundlegende gesellschaftliche und politische Veränderungen. Zum Beispiel wurden mancherorts die Umzäunungen von Gehöften zum Angelpunkt für komplexe juristische Institutionen wie Haushalte oder Eigentumsrechte.[2] Einige dieser Grenzen existierten außergewöhnlich lange, viele wurden nicht nur im Laufe von Generationen, sondern bis ins Mittelalter hinein (11. Jahrhundert) verstärkt und erneuert; andere wiederum entsprechen in ihrem Verlauf modernen Feldbegrenzungen.

Zugleich zeichnen sich diese Grenzen durch zum Teil große Unterschiede im Baumaterial, in ihrer Morphologie sowie ihrer Nutzung aus. In dieser Hinsicht lässt sich daher nicht von einem Nordwesteuropa sprechen. Dennoch werden hier einige generelle Tendenzen, die sich in weiten Gebieten antreffen lassen, aufgezeigt und interessante Aspekte dieser spezifischen Form von Grenzziehung dargestellt.

Von der Bronze- zur Eisenzeit

Die Gesellschaften entlang der Nordseeküste sahen sich beim Übergang der Bronze- zur Eisenzeit gravierenden Veränderungen in vielerlei Hinsicht ausgesetzt. Zunächst wurde das Klima feuchter und kälter. Die Landschaft wird vielerorts aus Weideflächen und Heideland mit einem Bewuchs aus Gräsern, Kräutern, Sträuchern sowie einzelnen Waldflächen bestanden haben. Der Beginn einer verstärkten Waldrodung zwecks Ackerbaus zog in den sandigen Regionen ernste Probleme wie Sandtreiben und die Auszehrung der Böden nach sich. Von Belgien bis nach Mittelschweden wurden die Grundrisse der Häuser kleiner, und Bauten wurden durch eine auffallend einheitliche Architektur verbunden – zu einem rechteckigen Langhaus, bestehend aus separatem Wohnbereich und angrenzenden Ställen: das sogenannte Wohnstallhaus. Diese Gebäude galten üblicherweise als Häuser für Kernfamilien, die weitgehend autark wirtschafteten.

Die Gesellschaften bestanden meist aus kleineren Gemeinden, die eine gemischte Landwirtschaft betrieben: mit dem Anbau einer Reihe von Feldfrüchten sowie der Haltung von Kühen, Schafen, Ziegen, Schweinen und Pferden. Die Gesellschaften Nordwesteuropas unterschieden sich von denen in Mitteleuropa auch durch das Fehlen feudaler Ländereien und urbaner Siedlungen (bis weit ins erste Jahrtausend v. Chr. hinein), die für das Europa der Hallstatt- und Latènezeit (die zweite Hälfte der Eisenzeit) so charakteristisch sind. Stattdessen lagen die Gehöfte üblicherweise weit verstreut – nicht zuletzt aufgrund der extensiven Wirtschaftsweise mit großen Weideflächen, die es mit sich brachte, dass immer weitere Teile der Landschaft landwirtschaftlich angeeignet werden mussten.[3]

Während die Architektur und das Wohnmodell eine generelle Betonung des individuellen Haushalts widerspiegeln, gibt es gleichzeitig Belege dafür, dass die Menschen in weit umfassenderen sozialen Gemeinschaften lebten, die gewiss eine aktive Einbindung und Kooperation mehrerer Haushalte erforderten. Von Zeit zu Zeit taten sich also Bauernhöfe zu kleinen, dorfähnlichen Gemeinden zusammen; dennoch weiteten sich erst im letzten vorchristlichen Jahrhundert Dörfer – manchmal mithilfe einer gemeinsamen Umfriedung – in größerem Maßstab und überregional aus.

Wenn Menschen starben, wurden sie meistens verbrannt und notdürftig bestattet – das macht es sehr schwer, Geschlecht, Alter, Gesundheit und Grabausstattung in dieser Zeit näher zu bestimmen. Anders als zuvor entwickelten sich riesige Urnenfelder von manchmal bis zu mehreren Tausend Gräbern. In Norddeutschland sowie in Westjütland wurden Menschen bisweilen in kleinen Stein- und Hügelgräbern bestattet; andere beerdigte man in Grabhügeln aus vergangenen Epochen.

Schätzungen über Bevölkerungszahlen kommen nicht ohne eine nahezu endlose Reihe von Unsicherheitsfaktoren aus und variieren daher für dieses Gebiet beträchtlich. Die Entstehung großer, gemeinsamer Gräberfelder gilt jedoch als Indiz für Bevölkerungswachstum. Auch ist der Übergang zur Eisenzeit mit der Ausdehnung von Siedlungen sowie der Aneignung von bisher unbewohnten oder nur spärlich bewohnten Gebieten durch Warften (künstlich aus Erde aufgeschüttete Siedlungshügel) verbunden.

Ein weiteres Kennzeichen sind Spuren linearer, von Menschen errichteter Grenzen in den Landschaften Nordwesteuropas mit dem Ziel einer Sichtbehinderung oder Bewegungseinschränkung. Mit Blick auf das erste Jahrtausend v. Chr. haben wir es hierbei mit Formen von Grenzverläufen zu tun, die den gebauten nationalen oder formal administrativen Grenzziehungen vorausgingen. Sie wurden vielmehr im Zusammenhang mit individuellen Höfen, Dörfern oder einem relativ begrenzten Gelände vorgenommen, um so einzelne Gruppen von Menschen oder Teile der Landschaft zu trennen und voneinander abzugrenzen. Sie hängen von einer gewissen Bevölkerungsgröße beziehungsweise -zahl ab, orientieren sich jedoch nicht an einer materiellen Kultur, Sprache oder ethnischen Gruppe.


Entdeckung prähistorischer Grenzen

Archäologen stehen vor dem grundlegenden Dilemma, dass sie die Überreste von bereits gelebtem Leben erforschen – und nur in äußerst seltenen Fällen sind Grenzen auch nur annähernd so erhalten, wie sie in der Urgeschichte vorkamen. In einigen Brachlandschaften wie alten Heidelandschaften, Gemeindewiesen und Wäldern lassen sich bis heute mehrere Tausend Jahre alte Feldsysteme erkennen. Einige der am besten erhaltenen Systeme aus Erdwällen, niedrigen Steinmauern und Gräben, die vor mehr als 3500 Jahren errichtet wurden, finden sich in Südengland – in den Dartmoor Reaves und im Salisbury Plain. Darüber hinaus werden in seltenen Fällen Überreste von Zäunen bei Ausgrabungen in Feuchtgebieten und Sümpfen entdeckt – dort, wo die natürlichen Bedingungen das Holz konserviert haben.

Der größte Teil früher Umzäunungen und Grenzziehungen jedoch wurde schon vor langer Zeit durch moderne Pflug- und Bauarbeiten sowie den natürlichen Verfallsprozess zerstört. Deshalb stützt sich die Wiedererkennung archäologischer Überreste von Grenzziehungen in erster Linie auf andere Indizien. Im Zuge der Konvention von La Valletta (auch bekannt als die Konvention von Malta) – einer 1992 verabschiedeten Europäischen Übereinkunft zum Schutz des archäologischen Erbes – erlebte Europa seit Mitte der 1990er Jahre einen enormen Anstieg groß angelegter Ausgrabungen, die einen regelrechten Boom in der Entdeckung von Grenzverläufen mit sich brachten.

Luftaufnahme von der Umfriedung der Eisenzeit-Siedlung Borremose in Nordjütland (Dänemark). (© L. H. Olesen)

Bei Ausgrabungen werden Überreste von Zäunen oftmals durch Unterschiede in der Farbe und der Beschaffenheit der Erde entdeckt, die als Resultat eines natürlichen Verfallsprozesses zutage treten. So lässt sich etwa anhand der Tiefe von Grenzpfostenlöchern rekonstruieren, wie hoch die Zäune gewesen sein könnten. Auch deshalb sind in jüngster Zeit Luftaufnahmen (vgl. Abbildung 1) und geophysikalische Prospektionsmethoden (dazu gehören etwa Verfahren zur Messung der Geomagnetik und des Bodenwiderstands) sowie neue Methoden der Fernerkundung wie Airborne-Laserscan-Verfahren (mithilfe von Flugzeugen und Hubschraubern) unter Archäologen beliebt. Diese Verfahren bieten hochauflösende digitale Oberflächenmodelle eines Gebiets, selbst dichter Wälder. Schon geringe Höhenunterschiede, die das menschliche Auge nicht erkennt, können auf diesen Modellen entdeckt werden – und das, ohne einen Spaten in die Erde zu stechen (vgl. Abbildung 2).

Ein fossiles Feldsystem aus der Eisenzeit in Øster Lem Hede (Dänemark), dessen Erdwälle auf einer LIDAR-Karte (LIDAR ist eine Methode für optische Abstands- und Fernmessungen mithilfe von Laserstrahlen) erkennbar sind. Die kleinen "Punkte", etwa unten links im Bild, zeigen verstreute Hügelgräber am Rande des Feldsystems. (© GST)

Archäologische Daten zeichnen für den Verlauf der gesamten Vorgeschichte Grenzen und Landschaftslinien auf. Oft tauchen solche Grenzen in hoch ritualisierten Kontexten auf – etwa in Verbindung mit Bestattungsritualen; bisweilen erheben sie sich über älteren Gräbern oder weisen auf bedeutende Plätze in der Landschaft hin. Darüber hinaus sind einige sehr frühe Landschaftsunterteilungen bereits aus dem Neolithikum bekannt – und zwar in einigen der abgelegensten Regionen Europas.[4] Doch erst in der mittleren Bronzezeit gab es vermehrt radikale Landschaftsunterteilungen. Südengland erlebte sehr früh, etwa um 1650 v. Chr., deren Ausweitung durch groß angelegte gleichachsige Feldsysteme. Im Rest der Flachlandregionen sowie in Südskandinavien fand eine vergleichbare Ausweitung keltischer Felder erst knapp 1000 Jahre später statt.

Grenzen, wie wir sie heute kennen

Beim Übergang zur Bronzezeit wurden große Teile der Flachlandregionen und Südskandinaviens einer intensiven Untergliederung der Landschaft unterzogen; dieser Prozess markiert das Aufkommen der keltischen Felder.[5] Neben anderen bilden sie die frühesten sichtbaren Grenzen, die sich mit Feldgrenzen von heute dahingehend vergleichen lassen, dass sie – von oben betrachtet – ein größeres Gebiet schachbrettartig in kleine rechteckige, untereinander verbundene Parzellen unterteilen. Vom Boden aus gesehen scheinen sie nach schier unendlich verschiedenen Prinzipien angelegt worden zu sein: mal einer oder mehreren Hauptachsen folgend, mal parzellenweise und völlig unstrukturiert oder auch, indem ein größeres rechteckiges Gelände in kleine Parzellen unterteilt wurde. In den Flachlandregionen sowie in Südskandinavien erstrecken sich solche Vorkommen üblicherweise über Gebiete von jeweils 5 bis 200 Hektar. In Südengland dagegen durchziehen Feldsysteme dieser Art bis zu mehrere Tausend Hektar.[6] Sie bestehen aus rechteckigen Parzellen, die von 20 bis 50 Zentimeter hohen Erdwällen, Gräben oder Terrassen umgrenzt wurden. Die Größe der einzelnen Parzellen, so nimmt man an, entsprach der Erdmenge, die sich an einem Tag umpflügen ließ.[7]

Da keltische Felder in Landschaften angelegt wurden, die sich als Weideland eignen, nimmt man an, dass die Begrünung zum System gehörte. Zudem kennen wir aus Küstenregionen besonders unregelmäßige Feldsysteme, die den Charakter von Gemeinde-Viehweiden aufweisen oder aber deren Feldgrenzen der Entwässerung dienten. Feldsysteme stellten jedoch nicht nur eine ökonomische Nische jenseits des Lebens und der Fantasien der Menschen dar. Sie wurden auch für Rituale und verschiedene Begräbnisarten genutzt.[8] Gräber aus der Bronzezeit sowie Feuerbestattungen wurden an den Rändern von Feldsystemen oder auch innerhalb der Feldunterleitung nachgewiesen – was eindeutig auf die gesellschaftliche Einbindung der jeweiligen Landschaft hinweist. Darüber hinaus wird durch die Feldunterteilung ein Anspruch auf das jeweilige Gebiet erhoben, der durch den Grabhügel besiegelt und mit der Grenzziehung bestätigt wird.

Relativ häufig finden sich Siedlungsspuren auch innerhalb eines Feldsystems – obwohl eine exakte chronologische Beziehung sich oft nur schwer nachweisen lässt. Zudem spricht die Tatsache, dass Feldsysteme in erster Linie auf sandigen Böden zu finden sind – wo Nährstoffe schnell ausgewaschen werden –, für eine relativ kurze, intensive Landbauperiode mit zusätzlicher Düngung, der Perioden der Weidenutzung oder Brache folgten.

In den dänischen Orten Grøntoft, Klegod und Øster Lem Hede konnten zwischen Bewohnung und Bebauung wechselnde Nutzungsmuster nachgewiesen werden.[9] Sie werden gewiss die Inbeschlagnahme großer Teile der Landschaft bedeutet haben, um die jeweilige soziale Einheit zu versorgen. Durch den wachsenden Einsatz von natürlichem Dünger wird sich die Landbebauung aber auch immer stärker auf bestimmte Gebiete konzentriert haben. Die Ausweitung keltischer Felder über große Gebiete hinweg zog vermutlich auch eine bedeutende Verminderung des allgemeinen Ackerlandes nach sich – was im Laufe der Zeit den Wunsch genährt haben wird, den Zugang zu diesem Land sowie seine Besitzrechte zu sichern.[10]

Szenarien, in denen Viehhaltung das vorherrschende Merkmal einer Landschaft darstellt, sind kaum ohne Zäune oder Ähnliches vorstellbar – sie hielten die Tiere davon ab, die bebauten Felder zu verwüsten. Eine erste Umgehung dieser Gefahr bestand darin, Pfosten zum Anbinden der Tiere sowie natürliches Dickicht zu nutzen. Das in der englischen Stadt St. Ives, in der Grafschaft Cornwall, gefundene wasserdurchtränkte Holz von Sträuchern und Hecken stützt die These einer intensiven Landschaftsunterteilung mithilfe von Hecken, die entlang von Grubenreihen verliefen.[11] Eine andere Form, die Bewegungsfreiheit von Tieren einzuschränken, besteht natürlich darin, sie zu hüten. Das Fehlen von Zäunen und Landschaftseinfriedungen bis zu diesem Zeitpunkt erklärt sich wahrscheinlich auch aus der Tatsache, dass ihre Entwicklung in einzelnen Regionen in hohem Maße davon abhing, ob die Menschen dort einen Vorteil darin sahen, Grenzen zu errichten und dies auch in einem weiteren Kontext kulturell akzeptiert war.[12]


Vehikel für gesellschaftliche und politische Veränderungen

Landschaftsunterteilungen in keltische Felder markieren die frühesten Grenzziehungen in Nordwesteuropa. Umfriedete Feldsysteme wurden zum mächtigen Instrument einer gleichmäßigen Landverteilung und der Etablierung gemeinsamer Regeln. Zugleich muss dies aber auch ein extrem anfälliges Element gewesen sein, das relativ leicht Konflikte, etwa über den Zugang oder das Erbrecht, mit sich brachte – und aus dem, als zunächst räumlichem Prinzip, sich in anderen Zusammenhängen Vorteile ziehen ließen.

Deshalb sollen an dieser Stelle solche Grenzen nicht unerwähnt bleiben, die als Nachfolger der keltischen Felder errichtet wurden sowie offensichtlich als Vehikel für gesellschaftliche und politische Veränderungen dienten. Zu diesen Grenzziehungen gehören Gehöftzäune und durch Palisaden oder Wälle verstärkte Dörfer – bis hin zu groß und querfeldein angelegten Gräben und Schanzen. In zahlreichen Fällen wird deutlich, dass diese nicht nur der funktionalen Trennung eines Innen und Außen, sondern zugleich dem Ausdruck von Rechten und gesellschaftlicher Zugehörigkeit dienten. Grenzen waren bedeutsam und bildeten – wie heute – Brennpunkte für eine Reihe von Konflikten.

Symbole der Macht. Zahlreiche Beispiele zeigen, wie Grenzen dem Ausdruck von Macht dienten. In Südskandinavien sind Bauernhofumfriedungen bereits aus dem Übergang der späten Bronze- zur frühen Eisenzeit bekannt, sie verbreiteten sich aber erst in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten. Manche dieser Bauernhöfe waren von über 1,80 Meter hohen Palisadenzäunen umgeben. Diese Zäune waren gewiss äußerst arbeitsaufwendig – nicht nur im Bau, sondern auch in deren Erhaltung – und werden sich von vorangegangenen unterschieden haben. Bei dem aufwendig umzäunten Dorf Hodde in der Nähe der Kleinstadt Varde auf Jütland (Dänemark) vermutet man einen Zusammenhang mit dem auf der höchsten Erhebung gelegenen Hof – der den größten Stall und die feinsten Keramiken besaß.[13] Auch gehörten führende Familien und im Entstehen begriffene Stämme zu denjenigen, die sich am ehesten durch Handelsverbindungen und Plünderungen wertvolle keltische Objekte wie Kessel und Wagen, Schwerter und Juwelen beschaffen konnten.

Ausgangspunkt für neue gesellschaftliche Institutionen. In zahlreichen Fällen bilden Grenzen offensichtlich den Ausgangspunkt für neue gesellschaftliche Institutionen. In den Flachlandregionen sowie in Südskandinavien lässt sich eine besonders starke Betonung individueller Bauernhöfe feststellen. Hier erweist sich die Hofeinfriedung als Demarkationsprinzip – insbesondere mit Blick auf das Wohnhaus, die dazugehörigen Gebäude mit jeweils umzäunten Eingängen, einer separaten Scheune. Im Laufe der letzten vorchristlichen Jahrhunderte wurden solche individuellen Haushaltsumzäunungen manchmal jedoch zugunsten weiträumiger Einfriedungen ganzer Siedlungen aufgegeben.[14] Diese weisen oftmals aufwendige, weit über eine (Schutz-)Funktion hinausgehende Umgrenzungen durch Palisaden, tiefe Stadtgräben und Wälle auf. Mit solchen Grenzen wird die Umgebung explizit ausgeschlossen und die große Gemeinschaft gegenüber einzelnen Bauernhaushalten betont. Weitere Indizien für den Zusammenhang zwischen Abgrenzung und konfliktiven beziehungsweise unsicheren Zeiten offenbaren sich in den Sümpfen: Dort wurden zahlreiche mutmaßliche Kriegsopfer oder misshandelte menschliche Körper entdeckt.

Verteidigungsinstrumente. In wieder anderen Fällen wurden Umzäunungen dieser Art nicht nur auf optisch beeindruckende Weise, sondern auch mit einer eindeutigen Verteidigungsfunktion errichtet. Zu den bekanntesten Beispielen gehören die Heidenschanze und Heidenstadt genannten Wallburgen der Ringwallanlage aus dem ersten Jahrhundert v. Chr. bei Sievern im Landkreis Cuxhaven, die mit sogenannten Pfostenschlitzmauern umgeben wurden.[15] In der südholländischen Gemeinde Oss kommen, ebenfalls in dieser Zeit, angesichts einer hohen Siedlungsdichte aufwendige, manchmal mit Schleudergeschossen ausgestattete Graben- und Zaunkonstruktionen auf.[16] Und nur wenige Jahrhunderte zuvor wurden wahrscheinlich auch dänische Gruben-Befestigungsanlagen, bisweilen mit hölzernen Zinnen, zum Schutz von Mensch und Vieh vor Überfällen genutzt.[17] All diese Orte zeugen von instabilen Gesellschaften mit einem wachsenden Bedarf an Verteidigungsbauten und territorialen Markierungen.

Vehikel für Veränderungen in der Subsistenzwirtschaft. Schließlich scheint eine Reihe von Grenzen in direkter Verbindung mit Veränderungen in der Subsistenzwirtschaft zu stehen. Im Gebiet des späteren Königreichs Wessex – und insbesondere in der Hochebene des Salisbury Plain – waren zum Ende der Bronzezeit große Teile der englischen Landschaft von Gräben und Wällen durchzogen. Viele davon weisen durch eine Reihe von Merkmalen auf eine Überlagerung vorangegangener keltischer Feldsysteme hin.[18] Auf diese Weise wurden Grenzen in strategischer Absicht zur Einschränkung von Bewegungsfreiheit gezogen und ersetzten zugleich frühere Formen der Landschaftsaneignung. Ihr Aufkommen wird häufig als Indiz für eine veränderte Landschaftsorganisation betrachtet – hin zu wirtschaftlich orientierten Bauernhöfen und Ländereien. Desgleichen waren die beinahe parallel aufkommenden Ringwälle wahrscheinlich nicht als permanente Einrichtungen gedacht – sie werden im Zusammenhang mit der Viehhaltung eher als saisonale Versammlungsorte betrachtet.

Grenzen in historischer Sicht

In bestimmten Gebieten wird so das Vorfinden linearer Grenzen zum gemeinsamen Charakteristikum großer Teile der nordwesteuropäischen Landschaften – und zwar solcher, in denen sich die Mobilität und der Zugang zu bestimmten Gebieten, Ressourcen und Siedlungsplätzen durch diese Grenzziehungen entscheidend verändert haben.

In Südskandinavien findet sich eine generelle Tendenz zu wachsender Standardisierung in der Organisation der Bauernhöfe – die zunehmend homogene Grundrisse aufwiesen, auch wenn sie im Laufe der Zeit größer wurden. Immer häufiger wurden Zäune errichtet, um so die Grenzen des Gehöfts und die Einbindung dazugehöriger Gebäude und Arbeitsgelände bis hin zum Anspruch des religiösen Monopols in den angeschlossenen Kultstätten zu markieren.[19] Das dänische Wort für Bauernhof, gård, stammt aus dem Wort garth für Zaun oder einen umzäunten Hof. So bedeutete, in einem historischen Augenblick einen Hof zu bauen, fast automatisch auch, einen Zaun zu errichten. Auf diese Weise kamen parzellenförmige, umzäunte Bauernhöfe beinahe zeitgleich mit keltischen Feldern auf – und wurden zu einem politischen Phänomen, das im Laufe der Geschichte kontinuierlich nachgewiesen werden kann.[20]

Warum aber wurden diese Grenzen erstmalig gezogen? An dieser Stelle muss betont werden, dass es keine einheitliche Entwicklung irgendwelcher Arten von Grenzen gegeben hat, sondern dass sie zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Stellen in Nordwesteuropa – und unabhängig voneinander – auftauchten. An einigen Orten kamen sie als eigentümliches Phänomen auf, das relativ bald wieder verschwand; an anderen wurden sie zum Bestandteil einer sich zunehmend formalisierenden Langzeitentwicklung.

Vielleicht gibt es aber auch etwas in den generellen Landschaftsmerkmalen sowie den kulturellen Strömungen und Phasen, das eine Herausbildung von Grenzen an einem bestimmten Punkt der Entwicklungen wahrscheinlicher machte als zu anderen Zeiten. Entlang der Nordseeküstenlinien zeigen sich in dieser Periode vielerorts ähnliche Probleme – wie eine wachsende Bevölkerungsdichte sowie eine generelle Tendenz zu mehr Sesshaftigkeit. Solche Entwicklungen werden die Notwendigkeit einer expliziteren Unterscheidung zwischen "ihr" und "wir" sowie einer Klärung von Rechten und Beziehungen verstärkt haben. Hier boten sich Grenzziehungen als mögliche Lösung für eine Fülle von Problemen an – und schufen zugleich neue. Waren solche Grenzen erst einmal errichtet, ließen sie sich nicht mehr ignorieren: Man musste irgendwie damit umgehen.
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Fußnoten

1.
Der Begriff wurde im Rahmen der britischen Forschungsgeschichte geprägt und umfasst keinerlei ethnische Zuschreibung.
2.
Vgl. Mads Kähler Holst, Inconstancy and stability – Large and small farmsteads in the village of Nørre Snede (Central Jutland) in the first Millennium AD, in: Niedersächsisches Institut für historische Küstenforschung (Hrsg.), Siedlungs- und Küstenforschung im südlichen Nordseegebiet, 33 (2010), S. 155–179.
3.
Vgl. Michael Meyer (Hrsg.), Haus – Gehöft – Weiler – Dorf: Siedlungen der Vorrömischen Eisenzeit im nördlichen Mitteleuropa, Berlin 2010.
4.
Vgl. Seamas Caulfield/Rory G. O’Donnell/Peter I. Mitchell, 14C Dating of a Neolithic Field System at Céide Fields, County Mayo, Ireland, in: Radiocarbon, 40 (1998), S. 629–640.
5.
Vgl. Michael Müller-Wille, Eisenzeitliche Fluren in den festländischen Nordseegebieten, Münster 1965.
6.
Vgl. Robert Johnston, Pattern without a plan: rethinking the Bronze Age coaxial field systems on Dartmoor, South-West England, in: Oxford Journal of Archaeology, 24 (2005) 1, S. 1–21.
7.
Vgl. Jan A. Brongers, Air Photography and Celtic Field Research in the Netherlands, Amersfoort 1976.
8.
Vgl. John C. Barrett/John S.C. Lewis/Ken Welsh, Perry Oaks – a history of inhabitation part 2, in: London Archaeologists, 9 (2001) 8, S. 221–227.
9.
Vgl. Carl Johan Becker, Früheisenzeitliche Dörfer bei Grøntoft, Westjütland, 3. Vorbericht: Die Ausgrabungen 1967/68, in: Acta Archaeologica, 42 (1972), S. 79–112, S. 101, Abb. 21.
10.
Vgl. Nico Roymans/Fokke Gerritsen, Landscape, Ecology and Mentalités: a Long-term Perspective on Developments in the Meuse-Demer-Scheldt Region, in: Proceedings of the Prehistoric Society, 68 (2002), S. 257–287.
11.
Vgl. Joshua Pollard, Iron Age Riverside Pit Alignments at St Ives, Cambridgeshire, in: Proceedings of Prehistoric Society, 62 (1996), S. 93–115.
12.
Vgl. Mette Løvschal, From neural synapses to culture-historical boundaries: An archaeological comment on the plastic mind (i.V.).
13.
Vgl. Steen Hvass, Hodde. Et vestjysk landsbysamfund fra ældre jernalder, Kopenhagen 1985.
14.
Vgl. Palle Eriksen/Per Ole Rindel, Eine befestigte Siedlung der jüngeren vorrömischen Eisenzeit bei Lyngsmose. Eine neuentdeckte Anlage vom Typ Borremose in Jütland, in: Archäologisches Korrespondenzblatt, 33 (2003), S. 123–143.
15.
Vgl. Werner Haarnagel, Die Grabung auf der Heidenschanze bei Wesermünde im Jahre 1958, in: Rafael von Uslar (Hrsg.), Studien aus Alteuropa II, Köln 1965.
16.
Vgl. Richard Jansen/Stijn van As, Structuring the landscape in Iron Age and Roman Period (500 BC–AD 205): the multi-period site Oss-Horzak, in: Corrie Bakels/Hans Kamermans (Hrsg.), The end of our fifth decade, Leiden 2012.
17.
Vgl. Esben S. Mauritsen/Brændgaards Hede, A settlement surrounded by pit zone fortifications from the early Pre-Roman Iron Age in Denmark, in: M. Meyer (Anm. 3); Mette Løvschal, Hulbælterne og de lange linjer i landskabet, in: Palle Eriksen/Per Ole Rindel (Hrsg.), De danske hulbælter (i.E.).
18.
Vgl. Barry Cunliffe (Hrsg.), The Danebury Environs Programme: the prehistory of a Wessex landscape, Volume 1: Introduction, Oxford 2000.
19.
Vgl. Lars Larsson/Birgitta Hårdh (Hrsg.), Centrala platser – Centrala frågor: samhällsstrukturen under järnålderen: en vänbok till Berta Stjernquist, Stockholm 1998.
20.
Vgl. Steen Hvass, Jernalderens bebyggelse, in: Peder Mortensen/Birgit M. Rasmussen (Hrsg.), Fra Stamme til Stat i Danmark I: Jernalderens stammesamfunds, Aarhus 1988.

Mette Løvschal

Zur Person

Mette Løvschal

Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Department of Culture and Society, Section for Prehistoric Archaeology and Interacting Minds Centre, Aarhus University, Moesgård Allé 20, 8270 Højbjerg/Dänemark. farkml@hum.au.dk


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