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1.4.2014

Faszination Adel – Popularität unzeitgemäßer Standesprivilegien als Problem der Demokratie? - Essay

Adelshochzeiten und Thronfolgergeburten haben eine riesenhafte und leicht erregbare Anhängerschaft. Eigentlich private Statuspassagen wie Eheschließung, Niederkunft und Beisetzung werden von einem Millionenpublikum enthusiastisch und distanzlos verfolgt, sofern das betroffene Personal dem Hochadel zugerechnet werden kann; auch dort, wo das Knüpfen und Lösen adliger Familienbande laut zuständiger Verfassung eben keine "Staatsaffäre" ist. Politische Quereinsteiger von Rang und Geburt genießen einen erklärungsbedürftigen Vertrauensvorschuss bei großen Teilen der Bevölkerung.

Den mannigfaltigen Solidarisierungen mit dem Freiherrn zu Guttenberg nach dessen erzwungenem Rückzug aus der offiziellen Politik haftet zwar ein Hauch von Uninformiertheit (und Wissenschaftsverachtung) an. Dessen ungeachtet könnte man hinter der Sympathie für die gutsherrliche Zurschaustellung von Unkonventionalität im politischen Betrieb eine an Max Weber erinnernde Mahnung an die Berufspolitiker wittern: In seinen berühmten Münchner Vorträgen von 1919 hatte er dem Degenerationstypus des Politikers, der "von der Politik" lebt, das Modell eines authentischen Führers an der Spitze rationaler Verwaltung entgegengehalten. Dieser lebe "für die Politik", und es gelinge ihm, die Seelenlosigkeit der Maschinen von Partei und Verwaltung durch das "Charisma" des akklamierten Repräsentanten echten Entscheidens zu kompensieren.[1] Gerade in Deutschland aber, dessen mittelalterliche Kaiser einem Reich auf dem Papier vorstanden und dessen Könige nur wenig oberhalb des Zwergstaatenfürstentums agierten, weckt die Verbindung zwischen Charisma des politischen Personals und "Führerschaft" die unheilvollsten Erinnerungen. Sollte man es darum also bei einem ersehnten Abgang des gegenwärtigen politischen Personals nicht mit einer noch früheren historischen Stufe versuchen und auf die vermeintlich substanzielle Charakterressource einer höheren Geburt setzen?

Adelssympathie und Politikverdrossenheit

In diesem Querverweis steckt eine zunächst beunruhigende Ambivalenz der Adelssympathie. Diese besteht, sofern sich unter persönliche Erregungen über eigentlich private Umtriebe einer prominenten statt herrschenden Personengattung womöglich politisch aussagekräftige Haltungen mischen. Das wäre jedenfalls dann der Fall, wenn zwischen der Krönung als Medienereignis und dem ganz normalen parteipolitischen Engagement von Adelspersonen wie Otto von Habsburg oder Otto Graf Lambsdorff eine Sehnsucht nach Elitebildung entlang leistungsunabhängiger Adelsprädikate aufkeimte. Steckt hinter dem populären Reiz des personifizierten Geburtsprivilegs womöglich eine Verdrossenheit gegenüber dem sperrigen politischen System, in das sich das demokratische Prinzip der Selbstbestimmung des "Volkes" nun einmal verwandelt, wenn die Politik in einen Betrieb übersetzt werden muss? Stehen die Tränen über das Schicksal der Lady Diana in einer geheimen Verbindung mit der Frustration über die realdemokratische Wirklichkeit scheinbar entrückter und fremdartiger Politik?

Genug spricht noch immer dagegen, so beispielsweise die Vermutung der Publizistin Raphaëlle Bacqué, dass in der medialen Häme dieser Tage über eine Liaison des französischen Staatspräsidenten eine nachholende Entsakralisierung des Königs vollzogen und die "monarchischen Restbestände in der Republik" als endgültig unzeitgemäß demaskiert würden.[2] Königshäuser können im Zusammenhang eines europäischen "Mehr-Ebenen-Systems" der Politik zwar mit einigem Recht als "dekorative Fremdkörper" betrachtet werden.[3] Wenn aber Demokratie mehr ist als ein formales Gerüst von Verfahrensregeln unter Einschluss inszenierter Rückkoppelungen mit einem vermuteten "Volkswillen", wenn also der Bezug auf den "Gemeinsinn" einen realen Rückhalt in den Alltagshaltungen des Publikums haben sollte, dann verlangt die Demokratie von ihren Bürgern offenbar mehr als ein nur äußerlich gefügiges Stillhalten gegenüber der Politik. Und das hieße dann, dass die emotional aufgeladene Anteilnahme an den Querelen der Geburtsnobilität immerhin ein mögliches Indiz für Erosionen demokratischer Grundhaltungen wäre. Als ein Flirt mit dem ständischen Prinzip der Elitebildung wird die Adelssympathie politisch aufgeladen, wenn sie mit der Verärgerung über das politische Alltagsgeschäft eine Verbindung eingehen sollte.

Vom politischen Gehalt eines projizierten Faszinosums

Soweit sich die Adelssympathie im Radius der Regenbogenpresse, durch Auflagen und Einschaltquoten sowie in Leserzuschriften zu Fällen wie der Guttenberg-Affäre zum Ausdruck bringt, bewegen sich Vermutungen über ihre Beziehungen zur kulturellen Verankerung der Demokratie empirisch (das heißt gestützt durch sozialwissenschaftliche Forschung) auf unsicherem Boden, zumal wir es in der Regel mit impliziten, affektiv gestimmten und nur selten von den Betroffenen selbst auf Konsistenz ihrer Implikationen hin überprüften Orientierungen zu tun haben. Verfügbare Umfrageergebnisse – so wichtig und aussagekräftig sie sind – könnten den tieferen Sinn der Popularität des Adels hier leicht verfehlen. Denn das, was in standardisierten Umfragen auf allzu direkte Fragen geantwortet wird, verzerrt häufig genug die tatsächlichen, den Betroffenen vielleicht selbst undurchsichtigen, subjektiven Einstellungen. Die entstellenden, in der Sozialforschung wohl bekannten Effekte der "sozialen Erwünschtheit" führen dann beispielsweise dazu, dass die echte Royalistin sich bedeckt hält, während ein bekennender Monarchist eher Renitenz sucht und Anstoß erregen will, als dass er wahrhaftig einen Grundherrn über sich wünschte.

Der mögliche politische Gehalt der Adelssympathie liegt ohnehin auf einem anderen Niveau als eine mögliche royalistische Gesinnung mit Bezug zu tatsächlich parteipolitischen Absichten. Die Einschätzung einer möglichen Spannung zwischen demokratischer Grundattitüde und Adelsfaszination muss sich deshalb an eine eher kultursoziologisch-sozialpsychologische Interpretation von indirekt mitgeteilten Sehnsüchten und Projektionen halten. Der projektive Charakter der Adelsfaszination zeigt sich dann, wenn man implizite Erwartungen an hochwohlgeborene Individuen wenigstens grob mit der strukturellen Lage von Adelsfamilien innerhalb demokratischer Rechtsstaaten und liberaler Wirtschaftsordnung kontrastiert. Es zeigt sich dabei rasch, dass die Liebe zur Noblesse als angedeutete Kritik des Status quo der Herrschaft in demokratischen Ordnungen nur solange taugt, wie sie nicht als eine ernsthafte Option beim Wort genommen wird. Denn der traditionelle Adel ist in der Fantasie des Publikums nicht in seiner ehemaligen historischen Gestalt als unbeschränkt herrschende Elite reizvoll. Er gefällt vielmehr nur in seiner kupierten Form, in der das ständische Geblütsprivileg in eine verbürgerlichte Tugendhaftigkeit ohne faktische Autoritätsausübung übersetzt ist.


Von tatsächlicher Macht zu tugendhafter Selbstinszenierung

In der rein monarchischen und in der ständischen Ordnung war das Politische beschränkt auf die personale Herrschaft eines – historisch mal mehr, mal weniger strikt – abgeschlossenen Standes, der sich durch komplizierte Verwandtschafts-, Freundschafts- und Klientelbeziehungen bildete. Diese Zeit ist erst einmal vorbei. Nach dem Ersten Weltkrieg – dessen Ausbruch in diesem Jahr immerhin ein volles Jahrhundert hinter uns liegt – war der Adel in Deutschland und mit anderen Akzenten in Österreich zunächst erledigt, das heißt zu großen Teilen delegitimiert und politisch wie rechtlich weitgehend "abgewickelt". Die schmähliche Flucht des lautlos entthronten deutschen Kaisers in sein operettenhaftes Exil, die Abschaffung von Privilegien durch die Weimarer Verfassung, die Aufhebung der Adelstitel in Österreich und so mancher Verlust an Liegenschaften stehen jedenfalls für einen jener seltenen abrupten Brüche, in denen sich eine radikale historische Auswechslung der Eliten vollzieht. Natürlich wird bei solchen Brüchen nicht wirklich alles von heute auf morgen neu. Man muss zwischen dem offiziellen Status einer Gruppe innerhalb des Rechts, der Politik, der verbrieften Besitztitel und dem inoffiziellen, schwer bestimmbaren Ansehen unterscheiden, das eine solche Gruppe "über ihre Zeit hinaus" in den Alltagskulturen einer Gesellschaft noch genießt. So nahm die Geschichte Deutschlands noch einige von Grauen durchzogene Wendungen, bis "die" Gesellschaft hier – wenigstens halbwegs – als ein demokratisiertes Gefüge zwischen politischem System und kultureller Orientierung gelten konnte.

Dass das Ende eines Krieges wenigstens an der Oberfläche der Rechtsordnung von praktischen Verhältnissen das Privileg eines herrschenden Standes hinwegfegen kann, muss ohnehin tiefere Gründe haben als die kurzfristig sichtbare Pleite von Glanz und Glorie im Grauen der Schützengräben. Ohne Zweifel hat sich die Adelsherrschaft im Kriegsverlauf durch das Missverhältnis zwischen der Rhetorik der "schimmernden Wehr" und dem Elend der industriell geführten Materialschlachten entschieden blamiert. Aber die höchst alltagswirksame Neigung, lieber erhebenden Illusionen als bedrückenden Realitäten anzuhängen, war auch nach dem November 1919 kraftvoll genug, um rund um das Phantasma der "Dolchstoß-Legende" traditionellen Halluzinationen Wirkung im politischen Alltagsgeschäft zu verschaffen. Daraus folgt zweierlei: Zum einen ist der Elitewechsel, dem der Adel seine Verwandlung von einem faktisch herrschenden Stand in eine Projektionsfläche für unsortierte Tugend- und Ordnungsfantasien verdankt, nicht tagespolitisch, sondern strukturell bedingt. Die Adelsherrschaft hatte sich durch den Wandel der industrialisierten Welt und den Umbau der Sozialstruktur "überlebt", lange schon bevor das in den Attitüden des zum System gewordenen Untertanengeistes angekommen war.[4] Zum zweiten ist die – hundert Jahre nach Sarajevo – geradezu wiederauferstandene Adelsfaszination in der Alltagskultur ein Phänomen, dessen Bedeutung für den Stand der Demokratie in der Gegenwart eher im Bereich der indirekt wirksamen Fantasien als im Feld ernsthafter Interessen an einer Renaissance ständischer Ordnung zu suchen ist. Hier ist zu vermuten, dass die Faszination des Adels als ein Effekt medialer Fiktionalisierungen die objektiv und strukturell eher geringe Bedeutung einer traditional abgegrenzten Gruppe mit einer Art von bereinigter Projektion überzieht. Diese Projektion würde den Test auf Übersetzung in politische Wirklichkeit nicht überstehen, weil die Fantasie über den Adel die Realitäten seiner ehemaligen Macht von den glänzenden Merkmalen seiner tugendhaften Selbststilisierung abzieht. Übrig bleibt in dieser Subtraktion zum Wunschbild eine Mischung aus Märchenkulisse, Galagarderobe und Charakterfestigkeit.

Fiktive Kompensation für die Entzauberung des Politischen

Strukturell waren die ständische Ordnung und damit der Rang des Geburtsadels sowie der Reiz der Nobilitierung der Bürgerlichen, die das Ständische nachahmt und damit zugleich bestätigt und fiktionalisiert, ohnehin durch Konstitutionalisierung im 19. Jahrhundert (durch die unabwendbare Einbeziehung des dritten Standes in eine verfassungsmäßige Gewährleistung der Staats- und Militärfinanzierung) schon relativiert. Die skandinavischen und die britische Monarchen mögen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges eine reale Solidarisierungsfunktion gehabt haben; sie konnten, beispielsweise in Rundfunkansprachen, als Personifikationen eines sonst nur vage sichtbaren Kollektivs Resistenz veranschaulichen und damit die Moral stärken. Nach dem Krieg aber verlagerte sich die Adresse, an die eine solche Personalisierung gerichtet sein könnte. Heutzutage bieten Königshäuser als personifizierte Landesspitzen auf symbolischer Ebene höchstens eine fiktive Kompensation für die auch in den konstitutionellen Monarchien längst vollzogene Entzauberung des Politischen. Die objektive normative Grundlosigkeit nüchterner politischer Rationalität (administrative und strategische Effizienz und positives Recht) und die Anonymität der Selbstbestimmungseinheit demokratischer Gemeinwesen können dort, wo der Emotionswert eines illusionslosen "Verfassungspatriotismus" nicht genügen will, durch den Schein der anschaulichen, persönlichen und charaktervollen Identität ergänzt werden, sodass die greifbare Substanzialität einer Spitzengruppe als vermeintliches Haupt eines Volkes für den Schein der Einheit sorgen kann, wo keine ist. Wo der demos rechtlich und also abstrakt konstituiert wird, kann der Adel, in diffuser politischer Projektion, als Surrogat der verwandtschaftlichen Substanz des ethnos für Wärme sorgen – auch wenn die entsprechende Flamme als Quelle undeutlicher Identifikation in Wahrheit dem kalten Blitzlicht des Enthüllungsjournalismus entspringt.

Eine solche, eher gefühlte, Unterstellung der Bedeutung des Adels steht offenkundig im direkten Widerspruch zu den Realitäten der Lage einer durch Abstammung gebildeten Gruppe inmitten demokratischer Verfassungsstaaten. Gerade der deutsche Adel, der historisch bezogen auf Regionen und Status ein höchst heterogenes Bild abgab, hat sich erst dann zu einer gewissen Homogenität in puncto Endogamie (Heirat unter Gleichgestellten) und Wertorientierung durchgerungen, als seine objektive Geltung als Stand Geschichte und seine Privilegien – ausgenommen vor allem süddeutsche Grundbesitztümer – Vergangenheit geworden waren.[5] Der Adel, sofern er nicht ausnahmsweise noch vom Staat Apanagen bezieht (und diese nicht zur privaten Unterhaltsleistung innerhalb wohlhabender Adelsfamilien geworden sind), fristet seine keineswegs in jedem Fall üppige ökonomische Existenz auf derselben Grundlage wie der Bürger, und er organisiert sich in Genossenschaften, die eher Selbsthilfegruppen als Standesinstitutionen ähneln. Unterwegs ist aus dem Recht zur Verfügung über den Untertanen die Selbstverpflichtung auf angeblich beispielhafte Tugenden geworden, deren Herkunft aus der Vorzeit allerdings zweifelhaft ist, sofern beispielsweise die öffentlich ausgestellte Wohltätigkeit der Prominenz von ganz anderem Schlage ist als eine paternalistische Versorgung von Leibeigenen lange vor der Erfindung des Sozialstaates.


Sehnsucht nach dem Privileg ohne Leistung

Unwahrscheinlich aber ist es ohnedies, dass die Faszination des Adels beim breiten Publikum sich in den ernsthaften Wunsch übersetzen ließe, dieser möge wieder herrschen und regieren. Denn die Adelsfreunde, die selbst nicht von Stand sind, wollen ihre Ohnmacht als Bürger wohl durchaus nicht eintauschen gegen ihre Unterwerfung als Untertan. Vergessen und vielleicht verziehen ist, dass das Adelsprivileg in vormodernen Zeiten gar keinen Sinn hatte ohne die korrespondierende radikale Beschneidung der Rechte der niederen Stände. Die Zeiten, in denen der Adel bei der Jagd die Frucht auf den Feldern zertrampelte, ohne seinen Anspruch auf deren Erträge zu vermindern, wünscht kaum jemand zurück. Das tausendfache Mitgefühl mit den Kränkungen der Kronprinzessin durch eine gefühllose Schwiegermutter will jener das Recht nicht zurückerstatten, denen, die Brot fordern, Kuchen zu empfehlen. Zumal eben jene in historischen Zeiten typische Gefühllosigkeit des Adels gegenüber seinen Töchtern und Untergebenen den heutigen Grafen und Fürstinnen nicht verziehen würde. Das Interesse an den Adelsfamilien speist sich demnach aus Quellen, die viel weniger restaurativer als ganz moderner Natur sind. Das eine Motiv, das in Frage kommt, ist ohne die moderne Umstellung der Elitelegitimation von Herkunft auf Leistung nicht zu verstehen. Das andere Motiv, die indirekte Disziplinierung der adeligen Lebensart durch bürgerliche Moral, entschärft den Verdacht auf Bedrohung der Demokratie schließlich entschieden.

Das erste Motiv könnte als die Sehnsucht nach dem Privileg ohne Leistung verstanden werden. Zum Übergang in die kapitalistische, liberale, demokratische Moderne gehört die Delegitimation von klassischen Machteliten, so auch die Entwertung der traditionalen Rechtfertigung hierarchischer Verhältnisse. Die Zuteilung von Privilegien und gehobenen Positionen ist jetzt abhängig von der Rechtfertigung über zumindest inszenierte Leistung (als individueller Beitrag zu kollektiven Gütern). Der klassische Adel bricht aus dieser Logik aus, scheut mit Würde die Arbeit und erbt. So beruht die Faszination des Adels vielleicht in Teilen auf der diffus verspürten Verheißung der Ausnahme von der Leistungsregel. Dabei wäre die Sympathie für die verdienstlose Privilegierung durch das archaische Prinzip der zufälligen Geburt von zwei gegenläufigen Prinzipien durchzogen: Naheliegend ist die Identifikation mit einer "verdienstlosen" Erhabenheit des eigenen Status. Die Begeisterung für die Standesexogamie, für die Eheschließung als erlösender Erhebung (in der Regel) der Prinzessin aus den Reihen der Bürgerlichen, spielt zwischen den Zeilen auf die mögliche Vorbestimmung des einfachen, aber ehrlichen Menschen an. Eine protoreligiöse Erlösung aus dem Elend des Gewöhnlichen modifiziert sich in der Grauzone zwischen Adelsbegeisterung und Konsumalltag zu dem Versprechen, das jeder, den der Kapitalismus gleich – und das heißt klein und unbedeutend – macht, jederzeit ans strahlende Licht gezogen werden kann.

Man darf diese Motivlage im Bereich der Traumlichter nicht verwechseln mit der einfachen Logik des "Aschenputtels", weil der individualisierende Zug der Erlösungshoffnung nicht die ständische Ordnung, sondern den existenziellen Sinn der eigenen Lebensführung betrifft, und dieser ist eine moderne Fantasie: Deswegen liegt unter der leicht als unrealistisch durchschaubaren Aspiration auf Standeserhöhung notwendigerweise die aus dem klaren Bewusstsein verdrängte, gegenläufige Hoffnung, dass auch der je eigenen gesellschaftlichen Position, an der wenig zu ändern ist, trotz aller systembedingten Austauschbarkeit des Arbeitnehmers ein substanzieller Sinn innewohnt. Die Sympathie für Leistungsunabhängigkeit des eigenen Glücks spitzt sich zu, wenn im Zuge der Veränderung der Ökonomie, vom "Postfordismus" bis zur Blüte des Finanzmarktkapitalismus, das Leistungsprinzip massiv unterlaufen wird durch das Prinzip des kurzfristigen Erfolges durch Ergreifen von Gelegenheiten: von der Finanzspekulation bis zum Lottogewinn und der "Casting-Show".[6] Bevor nun diese Entwertung der Leistungsgerechtigkeit bei gleichbleibenden Statusdifferenzen deren Sinn zerstört, soll die verdienstlose Privilegierung dann wenigstens einem transzendenten Prinzip folgen, so etwa dem Verdienst durch den inneren Adel der erhabenen Person. Dieser ist schwer zu erkennen, sodass der "alte" Adel einspringt, um den Privilegien ein suggestives Fundament in der Sache zu verschaffen, im Zweifelsfall die angeborene Eignung.

Verkleinbürgerlichung der Adelsmoral

Der Adel, dem seine Wertschätzung durch das Publikum zu großen Teilen aus den Wolkenpalästen der Traumgebilde zukommt, muss für die Anerkennung seiner Prominenz und seiner verdienstfreien Auszeichnung einen Preis entrichten. Das Volk, das mit der Anerkennung des Statusgefälles seinen niederen Stand ratifiziert, verlangt dafür erfolgreich die Verkleinbürgerlichung der Moral der Spitzen der Gesellschaft, auch wenn bei dieser "Gesellschaft" nur mehr an die Abendgesellschaften gedacht wird, bei der die Adelsdamen Haute Couture vorführen. Die ehedem dem Adel eigene nüchterne Funktionalisierung der Paarbeziehung fürs dynastische und später territoriale Gedeihen, verbunden mit einer strukturellen Unterkühlung im Vergleich mit der affektbeladenen bürgerlichen Familie, ist dem inszenierten Adel jetzt untersagt. Er muss sich dem kleinbürgerlichen Ethos des privat-personalen Anstands wenn nicht beugen, so doch ständig aussetzen. Wenn die nicht standesgemäße Liaison vor drei Generationen noch die Abdankung erzwang, so muss sich die künftige Schwiegerfamilie der Braut jetzt prüfen lassen, ob sie politisch korrekt fühlt und kommuniziert. Dass ein adeliger Herr Mätressen hält und Bastarde zeugt, dass er eigentlich von Rechts wegen promiskuitiv unterwegs ist, war einmal Adelsprivileg und ist jetzt ganz nach dem Muster der bürgerlichen Ehe, der sexuell-affektiven Exklusivitätsnorm, unehrenhaft, auch wenn der Skandalisierungswert des entlarvten Fehltritts weniger Schande als Auflage macht.

In der gegenwärtigen Moderne ist die Familie primär eine Konstruktion des Rechts, der Politik, der Kirchen, der populären Unterhaltungsmedien – innerfamiliale Beziehungen sind im Kern unterspült durch Individualisierung, Konsumismus, Freiheit zur Ambivalenz und Anspruchshaltungen. Der Adel muss seine Wertschätzung mit der Mühe um eine Gegeninszenierung bezahlen. Gerade der Verstoß bestätigt hier die Norm. Denn das Scheitern der Adelsehen, Zwietracht und Zerwürfnis im Kreise der Erhabenen adeln nun die privaten Miseren des Publikums, das sich im Scheitern der Beziehungen selbst geadelt sieht. Die Skandallastigkeit der Hofberichterstattung ist nicht zuletzt getragen von der strukturell erzwungenen, von der durch die Geringfügigkeit der Spielräume zur Selbstgestaltung des Lebens erpressten Neigung zur Schadenfreude. Zwischen moralischer Empörung und Angstlust am Unerlaubten hin- und hergerissen sucht das sich selbst nicht trauende Bedürfnis nach Normalität sicheren Boden, wo keiner ist.

Die Strahlkraft der medial entworfenen Adelsfiktion vor dem Hintergrund der impliziten Erwartungen, die eine Prominenz von Geburt um der Sympathie willen erfüllen muss, ist vielleicht also am Ende für die kulturelle Grundlegung der Demokratie so schädlich nicht. Den grauen Alltag demokratischer Verfahren beschädigte die Verzückung für eine populär domestizierte Noblesse nur dann, wenn das Spiel mit dem Adel für Realität genommen würde. Dass dies nicht geschieht, dafür sorgt der reale Adel schon selbst.
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Fußnoten

1.
Vgl. Max Weber, Politik als Beruf (1919), in: ders., Gesammelte Politische Schriften, hrsg. von Johannes Winckelmann, Tübingen 19885, S. 505–560.
2.
"Ein Mann ohne Eigenschaften". Interview mit Raphëlle Bacqué, in: Der Spiegel, Nr. 4 vom 20.1.2014, S. 84ff.
3.
So formuliert es, eher en passant: Niklas Luhmann, Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt/M. 2000, S. 74.
4.
Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Das deutsche Kaiserreich 1871–1918, Göttingen 1973.
5.
Vgl. Monika Wienfort, Der Adel in der Moderne, Göttingen 2006, S. 19f., S. 24f.
6.
Vgl. Sighard Neckel, Flucht nach vorn. Die Erfolgskultur der Marktgesellschaft, Frankfurt/M.–New York 2008.

Joachim Renn

Zur Person

Joachim Renn

Dr. phil., geb. 1963; Professor am Institut für Soziologie der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Lehrstuhl "Theoriebildung und soziale Kohäsion", Scharnhorststraße 121, 48151 Münster. jrenn_01@uni-muenster.de


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