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24.11.2014

Editorial

Steckt die Mittelschicht in Deutschland in einer Krise? Einem lauten Medienecho auf die These von der Auflösung der Mittelschicht stehen Studien entgegen, die – je nach Definition und Betrachtungszeitraum – allenfalls eine leichte Schrumpfung oder Stagnation konstatieren. In jedem Fall aber hat die rasche Expansion der Mittelschicht nach dem Zweiten Weltkrieg ein Ende gefunden; ein Aufstieg von "Unten" in die "Mitte" ist schwerer geworden. Wie sich die Lage der sogenannten Unterschichten in Deutschland gestaltet, ist Thema der im Frühjahr erscheinenden Ausgabe "Unten", die die Trilogie "Oben – Mitte – Unten" beschließen wird.

Für das artikulierte Unbehagen, für die vielleicht nur "gefühlte" Verunsicherung gibt es durchaus Anlässe. Globalisierungsprozesse, brüchige Erwerbsbiografien, der Umbau des Sozialstaates, wirtschaftliche und politische Krisenerscheinungen lassen die mit der Zugehörigkeit zur Mittelschicht bisher einhergehende Gewissheit, seinen eigenen Status und den seiner Kinder erhalten, wenn nicht verbessern zu können, schwinden. Angst geht um, die kulturelle Dominanz mittelschichttypischer Leitbilder könnte in einer Welt des forcierten Wettbewerbs, in einer Winner-take-all-Gesellschaft verloren gehen.

Neben die Debatte um die Krise der westlichen Mittelschichten tritt der viel diskutierte Aufstieg von Mittelschichten in Schwellen- und Entwicklungsländern. Wer dazu gehört und wie groß diese dementsprechend sind, ist umstritten beziehungsweise eine Frage der Definition. Mitte hier und Mitte dort sind nicht gleichzusetzen. Und ob die neuen Mittelschichten eine entscheidende Rolle beim Erhalt, Aus- oder Aufbau demokratischer, sozialstaatlicher und rechtsstaatlicher Strukturen, die den alten Mittelschichten der Industrieländer zugeschrieben wird, spielen werden, ist fraglich.

Anne Seibring

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