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24.11.2014

Die Auflösung der migrantischen Mittelschicht und wachsende Armut in Deutschland

In der soziologischen Forschung wurde zuletzt verstärkt diskutiert, dass die wachsende Armut in Deutschland die Mittelschichten zunehmend gefährdet. Eine prägnante Zuspitzung erfuhr diese Diskussion in der These der Auflösung der Mittelschicht.[1] Was eine mögliche Auflösung der Mittelschicht genau bedeutet, wie man sie messen kann und welche sozialen Konsequenzen diese Entwicklung potenziell hat, ist umstritten. Einige sehen das Schrumpfen der Mittelschicht im Kontext einer weiteren Verfestigung von Armutslagen und Ausgrenzungen am unteren Rand der Gesellschaft.[2] Andere postulieren eine wachsende Schichtdynamik in Deutschland, die von Entgrenzung, Temporalisierung und Individualisierung sozialer Lagen geprägt ist.[3]

Damit lassen sich zwei, im Kern verwandte theoretische Argumente diskutieren. Basierend auf der Ausgrenzungsthese ist anzunehmen, dass ein Schrumpfen der Mittelschichten vor allem mit einer Ausweitung sozial deprivierter Schichten einhergeht; darauf hat der Soziologe Olaf Groh-Samberg zuletzt immer wieder hingewiesen. Mit der Entgrenzungsthese kann man ebenfalls argumentieren, dass die Mittelschichten im Umfang abnehmen und durch Abwärtsmobilität prekarisierte Schichten und/oder dauerhaft ausgegrenzte Bevölkerungsschichten wachsen. Allerdings lässt sich aus der Entgrenzungsthese auch eine weitere Überlegung ableiten. Durch wachsende Schichtdynamik können auch wohlhabende Schichten an Bedeutung gewinnen, zum Beispiel durch verstärkte Aufstiegsmobilitäten aus mittleren sozialen Lagen. Gemeinsam teilen beide Thesen die Vorstellung, dass die sozialen Dynamiken in Deutschland in den vergangenen Jahren von wachsenden Ungleichheiten und einer Zunahme sozialer Polarisierung geprägt sind.

Es ist weiterhin unstrittig, dass nicht alle sozialen Gruppen in Deutschland gleichermaßen von Deprivationstendenzen und sozialen Abstiegen bedroht sind. Wie in vielen anderen westlichen Gesellschaften tragen zum Beispiel ältere Personen, Alleinerziehende, kinderreiche Familien, aber auch Menschen mit Migrationshintergrund besondere Risiken. Der Fokus dieses Beitrags liegt auf der Untersuchung letzterer Bevölkerungsgruppe. Damit greift der Beitrag auch ein Desiderat der Forschung auf. Anhand eines Vergleichs zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund werden Schichtzugehörigkeiten und Schichtdynamiken über einen Untersuchungszeitraum von mehr als 20 Jahren untersucht (1991–2012).

Dass Migrant(inn)en mit besonderen sozialen Risiken konfrontiert sind, wurde durch die Forschung in der Vergangenheit immer wieder belegt;[4] auch der letzte Armutsbericht der Bundesregierung hat dies erneut gezeigt.[5] Sozialwissenschaftliche Studien diskutieren in diesem Kontext eine ganze Reihe von Faktoren, die zu einer Kumulierung von sozialen Problemlagen bei Migrant(inn)en beitragen. Genannt werden insbesondere fehlende berufliche Qualifikationen beziehungsweise nicht anerkannte berufliche Abschlüsse, Sprachbarrieren, Branchenabhängigkeiten oder Diskriminierungen bei der Bezahlung und den Arbeitsbedingungen.[6]

Zwischen den migrantischen Gruppen in Deutschland differieren die Risiken, aus den Mittelschichten herauszufallen, nicht unerheblich. Studien zeigen beispielsweise, dass (Spät-)Aussiedler(innen) geringere Armutsrisiken haben als eingebürgerte Migrant(inn)en oder Personen mit einer ausländischen Staatsangehörigkeit; türkischstämmige und ex-jugoslawische Bürger(innen) tragen hingegen ein hohes Risiko.[7] Die Armutsberichte der Bundesregierung legen zudem nahe, dass innerhalb der Bevölkerung mit Migrationshintergrund zusätzlich eine Spezifik nach sozialen Merkmalen existiert. Kinder und Jugendliche, ältere und mit geringer Bildung ausgestattete Migrant(inn)en sind demnach mit besonders starken Armuts- und Abstiegsrisiken konfrontiert.

Daran anknüpfend lässt sich mit Ingrid Tucci und Gert G. Wagner vermuten,[8] dass die Abstiegsgefährdung der Migrant(inn)en in Deutschland in den vergangenen Jahren tendenziell zunimmt und so ein Herausfallen aus den Mittelschichten wahrscheinlicher wird. Ähnlich haben kürzlich Christoph Burkhardt et al. argumentiert, die ein Schrumpfen der migrantischen Mittelschicht seit etwa 1997 beobachten.[9] Als Hauptgrund für diese Entwicklung gelten die zwischen den Bevölkerungsgruppen divergierenden Effekte ökonomischer und gesamtgesellschaftlicher Restrukturierungsprozesse. Demnach waren und sind Migrant(inn)en von einer Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage in Krisenzeiten stärker betroffen als Deutsche ohne Migrationshintergrund.[10] Vor diesem Hintergrund stehen zwei Forschungsfragen im Mittelpunkt des Beitrags: Erstens, welche charakteristischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund in Deutschland lassen sich im Hinblick auf die Schichtzugehörigkeit auf der Ebene gesamtgesellschaftlicher Trends ausmachen? Zweitens, welche Strukturierungsfaktoren sind für die Schichtzugehörigkeit besonders relevant? Unterscheiden sich die Mikrologiken der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund diesbezüglich? Welche besonderen Risikogruppen sind beispielsweise mit Blick auf wachsende Abstiegsgefährdung identifizierbar?

Daten, Methoden, Variablen

Für die Analysen dieses Beitrags wurden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus den Erhebungsjahren 1991 bis 2012 verwendet. Die empirischen Auswertungen beziehen sich auf Befragte, die älter als 16 Jahre sind[11] und aus den westlichen Bundesländern stammen (ohne Wehrdienstleistende). Die östlichen Bundesländer konnten aufgrund des geringen Anteils nicht-deutscher Bevölkerung nicht einbezogen werden. Für die Trendanalysen des Zeitraums zwischen 1991 und 2012 wurde nur der Teil der migrantischen Bevölkerung untersucht, der über den Indikator Staatsbürgerschaft identifizierbar ist (dieser ist seit 1984 in der SOEP-Studie enthalten). Ein umfassenderes Messkonzept, mit dem beispielsweise eingebürgerte Migrant(inn)en abgebildet werden, wird in der SOEP-Studie erst in jüngster Zeit verwendet. In den Regressionsanalysen für 2012 wird dieses Konzept genutzt.[12]

Die zentrale Variable der Schichtzugehörigkeit enthält fünf Ausprägungen: (1) Personen, die der Oberschicht zugeordnet werden können, verfügen über mehr als 200 Prozent des nationalen Medianeinkommens. (2) Angehörige der oberen Mittelschicht haben Einkommen von 140 bis 200 Prozent des nationalen Medianeinkommens. (3) Personen, die der Mittelschicht angehören, verfügen über 80 bis 140 Prozent des Medianeinkommens. (4) Personen, die in einer "Prekariatszone" leben, können auf Einkommen von 60 bis 80 Prozent des Medianeinkommens zurückgreifen. (5) Die fünfte Gruppe enthält armutsgefährdete Personen, deren Einkommen unterhalb von 60 Prozent des nationalen Medianeinkommens liegt. Dieses Messkonzept orientiert sich an vergleichbaren Studien der aktuellen Sozialforschung.[13] Grundlage der empirischen Bestimmung der Schichtzugehörigkeit ist das jährliche Haushaltsnettoeinkommen aus dem vergangenen Kalenderjahr. Staatliche Umverteilungen durch Steuern und Sozialtransfers werden hier berücksichtigt. Die unterschiedliche Größe der Haushalte und die dadurch divergierenden Kosten- und Ausgabenstrukturen werden durch die Verwendung einer Gewichtungsvariable ausgeglichen (Basis OECD-Skala neu).

Neben diesem Schichtkonzept wird im deskriptiven Teil der Analysen ein Lebenslagenansatz zur Bemessung von multiplen Armutsrisiken verwendet; Basis hierfür sind Arbeiten von Groh-Samberg.[14] Berücksichtigt wurden fünf Schlüsseldimensionen, die in den SOEP-Daten über den Zeitraum von 1991 bis 2012 enthalten sind: mangelnde Wohnungsgröße (weniger als ein Raum pro Haushaltsmitglied), mangelnde Wohnungsausstattung (Fehlen sanitärer Einrichtungen wie Bad, WC, Küche), keine Möglichkeit, vom laufenden Einkommen finanzielle Rücklagen zu bilden, Sozialhilfeabhängigkeit und Arbeitslosigkeit. In Anlehnung an die Literatur wird in diesem Beitrag von Lebenslagen-Armut gesprochen, wenn mindestens zwei Deprivationen vorliegen.[15]

Trendanalysen – Schichtzugehörigkeit von Migrant(inn)en und Deutschen

Tabelle: Veränderungen der sozialen Schichtung und Armutsentwicklung in Deutschland zwischen 1991 und 2012, Westdeutschland, Angaben in Prozent (© SOEP, 1991–2012, eigene Berechnungen (gewichtet); Migrationsstatus: basiert auf Staatsbürgerschaft)

Die Tabelle zeigt auf einen Blick, dass sich vor allem die Lebenssituation vieler Migrant(inn)en in Deutschland in den vergangenen Jahren deutlich verschlechtert hat. Bei den Migrant(inn)en, hier vor allem bei den türkischen Bürger(inne)n, ist die Mittelschicht stark geschrumpft. Kurz nach der deutschen Wiedervereinigung war die migrantische Mittelschicht noch etwa so groß wie die deutsche Mittelschicht. Inzwischen kann man nur noch 36 Prozent der Bürger(innen) ohne deutsche Staatsbürgerschaft dieser Gruppe zurechnen.

Diese Entwicklung geht mit einem klaren Anstieg der Armutsgefährdung einher, sie zeigt sich auch in einer Verdoppelung der Deprivation: 2012 verfügte etwa ein Viertel der nicht-deutschen Wohnbevölkerung über Einkommen, die unterhalb der Armutsgefährdungsgrenze liegen, und fast die Hälfte der Migrant(inn)en ist von einer oder mehreren Formen der Deprivation betroffen. Bei den Deutschen trifft das hingegen für weniger als 20 Prozent der Befragten zu. Besonders bedenklich ist die Entwicklung der Sozialhilfeabhängigkeit und die immer schwächer ausgeprägte Fähigkeit vieler nicht-deutscher Haushalte, Rücklagen zu bilden. In diesen Bereichen wächst die Kluft zwischen der deutschen und der nicht-deutschen Bevölkerung sehr deutlich. Die Gruppe der Bürger(innen) ohne deutsche Staatsbürgerschaft, die prekären Lebensbedingungen ausgesetzt ist (60 bis 80 Prozent des Medianeinkommens), ist ähnlich wie bei den deutschen Staatsangehörigen zwischen 1991 und 2012 in etwa konstant geblieben. Da diese Schicht jedoch sehr groß ist (aktuell 26,9 Prozent), lebte 2012 mehr als die Hälfte der ausländischen Bevölkerung in einer Zone der Prekarität beziehungsweise der akuten Armutsgefährdung; bei den türkischen Bürger(inne)n sind dies sogar zwei Drittel aller Befragten. Das ist alarmierend.

Zusätzlich ist darauf hinzuweisen, dass die Gruppe derjenigen, die sich in einer Wohlstandsschicht etabliert haben (140 bis 200 Prozent des Medianeinkommens), zwischen 1991 und 2012 leicht gewachsen ist. Und es zeigt sich, dass der Reichtum unter den Ausländer(inne)n in den vergangenen 20 Jahren ebenfalls zugenommen hat: Während 1991 nicht einmal ein Prozent der Ausländer(innen) reich waren, sind es aktuell etwa 3,5 Prozent. Damit sind alles in allem die Polarisierungstendenzen innerhalb dieser Gruppe deutlich stärker ausgeprägt als bei den Deutschen.

Die Befunde für deutsche Bürger(innen) verweisen auf ähnliche Tendenzen, aber auch auf deutliche Unterschiede zur nicht-deutschen Bevölkerung. Zwar lässt sich auch hier ein Schrumpfen der Mittelschicht beobachten,[16] von 48,7 Prozent 1991 auf 44,3 Prozent 2012. Im Vergleich zu den ausländischen Bürger(inne)n fällt diese Tendenz deutlich schwächer aus. Das Schrumpfen der deutschen Mittelschicht geht mit einer leichten Zunahme von Armutsgefährdung, Deprivation und manifester Armut einher.[17] Gleichzeitig nimmt der Reichtum der Westdeutschen zu, und auch der Personenkreis, der in großem Wohlstand lebt (140 bis 200 Prozent des Medianeinkommens), erweitert sich. Der Umfang der "Prekaritätsschicht" bleibt hingegen unverändert.

Man kann diese Trendanalysen auf folgende Weise zusammenfassen: Erstens, für die Bevölkerung ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist eine mehrfache Dynamik der sozialen Polarisierung festzustellen, die ein Anwachsen von Armutslagen, ein Schrumpfen der Mittelschicht und eine Zunahme des Reichtums umfasst. Zweitens, auch für die Bevölkerung mit deutscher Staatsbürgerschaft hat sich die soziale Schichtung zwischen 1991 und 2012 verändert. Ein Schrumpfen der Mittelschicht geht mit leicht wachsender Armut und einer Zunahme von Wohlstand und Reichtum einher.[18] Polarisierungstendenzen fallen schwächer aus als für die migrantische Bevölkerung. Insgesamt sprechen die hier vorgestellten Befunde eher für die eingangs diskutierte Entgrenzungsthese als für die Ausgrenzungsthese.


Strukturanalysen – Risikogruppen

Welche Strukturierungsfaktoren sind für die Schichtzugehörigkeit besonders relevant? Lassen sich besondere Risikogruppen mit Blick auf eine wachsende Abstiegsgefährdung identifizieren? Und wie unterscheiden sich die Mikrologiken der deutschen und migrantischen Bevölkerung diesbezüglich? Zur Beantwortung dieser Leitfragen wurden eine Reihe vertiefender multinomialer Regressionsanalysen für 2012 berechnet.[19] Für diese Analysen konnten aufgrund der besseren Datenlage nicht nur die Informationen zur Staatsbürgerschaft, sondern auch die zum Geburtsland der Befragten berücksichtigt werden.

Die Ergebnisse dieser Berechnungen belegen, dass auch nach Kontrolle von wichtigen Strukturvariablen wie Geschlecht, Alter, Bildung, Erwerbsstatus und Familienstand signifikante Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bezüglich der Schichtzugehörigkeit bestehen: Die Bevölkerung mit Migrationshintergrund ist seltener als diejenigen ohne Migrationshintergrund in der oberen Mittelschicht und in der Oberschicht vertreten (Ausnahme: Bürger(innen) der Mitgliedsländer der EU vor der Beitrittsrunde 2004 (EU-15) und türkische Bürger(innen)). Zudem gehören Migrant(inn)en, abgesehen von EU-15- sowie polnischen Bürger(inne)n, signifikant häufiger der "Prekariatszone" an und leben häufiger in Armut als diejenigen ohne Migrationshintergrund. Die höchsten Armutsrisiken und die geringsten Wahrscheinlichkeiten in der Zone des Wohlstands beziehungsweise des Reichtums zu leben, haben die Russlanddeutschen.

Daneben bestätigen die Analysen auf der Ebene der Wirkungsweise von Strukturvariablen eine Reihe von Ergebnissen, die in der Forschung aktuell diskutiert werden;[20] zum Teil zeigen sich einige neue Befunde:

Zwischen Frauen und Männern sind nach Kontrolle anderer sozialstruktureller Merkmale keine Differenzen bei der Schichtzugehörigkeit feststellbar. Hier zeigen sich keine Unterschiede zwischen der Bevölkerung mit und ohne Migrationshintergrund.

Es gibt in Deutschland eine charakteristische Altersspezifik der Schichtzugehörigkeit. Die Altersgruppe der unter 30-Jährigen hat geringere Chancen, der Oberschicht oder oberen Mittelschicht anzugehören, als andere Altersgruppen. Bei den Armutsrisiken verhält es sich genau umgekehrt. Hier sind die Risiken der Jungen besonders groß und die der mittleren und älteren Altersgruppen viel geringer. Allerdings haben junge Erwachsene mit Migrationshintergrund keine statistisch erhöhten Risiken, der armutsgefährdeten Schicht anzugehören. Dies könnte daran liegen, dass junge Migrant(inn)en erst später im Lebenslauf einen eigenen Haushalt gründen. Haushaltsgründung, so zeigen Studien, kann mit einer Erhöhung von Armutsrisiken einhergehen, etwa wenn junge Menschen noch in einem Ausbildungsverhältnis stehen.[21]

Die für diesen Beitrag vorgenommen Analysen bestätigen Befunde aus der Sozialstrukturforschung, nach denen es einen engen Zusammenhang zwischen Bildungskapital und sozialer Lage gibt. Diejenigen mit tertiären Bildungsabschlüssen haben deutlich geringere Armutsrisiken und wesentlich höhere Chancen, der Oberschicht oder oberen Mittelschicht anzugehören. Zudem leben Personen ohne formale Bildungsabschlüsse oder mit Facharbeiterabschlüssen signifikant häufiger in Armut beziehungsweise in der "Prekariatszone". Oberen Schichten gehören diese Gruppen kaum an. Der Berufsstatus ist ebenfalls relevant: Arbeitslose, Auszubildende/Praktikant(inn)en und Rentner(innen)/Pensionäre sind gegenüber der Referenzgruppe der Erwerbstätigen mit höheren sozialen Risiken konfrontiert. Allerdings ist bei den Menschen mit Migrationshintergrund in Westdeutschland der soziale Gradient der Bildung schwächer ausgeprägt, da sie tertiäre Abschlüsse weniger gut vor Armut und Prekarität schützen.[22]

Bezüglich des familiären Kontexts zeigen die vorgenommenen Analysen, dass Doppelverdienerhaushalte ohne Kinder häufiger der Oberschicht und oberen Mittelschicht angehören und mit signifikant niedrigeren Armutsrisiken konfrontiert sind. Alleinerziehende gehören seltener den oberen Schichten an. Interessanterweise haben sie auch geringere Armutsrisiken als zum Beispiel Einpersonenhaushalte und finden sich häufiger in der "Prekariatszone" wieder. Familien mit Kindern gehören hingegen etwas häufiger zu den oberen sozialen Schichten. Doppelverdienerhaushalte mit Migrationshintergrund und ohne Kinder haben im Unterschied zu solchen Haushalten ohne Migrationshintergrund keine erhöhte Chance, Teil der oberen Schichten zu sein. Der Zusammenhang zwischen der Haushaltsebene und der Wahrscheinlichkeit, der "Prekariatszone" anzugehören, ist bei den Menschen mit Migrationshintergrund ebenfalls schwächer ausgeprägt, denn unterschiedlich zusammengesetzte Haushalte sind in der "Prekariatszone" mit fast gleich hohen Wahrscheinlichkeiten vertreten. Diesbezüglich weisen unter den Deutschen ohne Migrationshintergrund zum Beispiel Alleinerziehende erhöhte und Familien mit Kindern reduzierte Risiken auf.

Schlussbetrachtung

Die vorgestellten Analysen belegen für die (west-)deutsche Gesellschaft eine wachsende Polarisierung der Einkommensverteilung. Kernelemente dieser Entwicklung sind eine Schrumpfung der Mittelschicht sowie ein Wachstum der Bevölkerungsgruppen an den Rändern der Gesellschaft. Sowohl der Reichtum als auch die Armut haben innerhalb der vergangenen 20 Jahre zugenommen.

Die vorgenommen Analysen haben gezeigt, dass diese Entwicklung für Menschen ohne Migrationshintergrund weniger prägnant verläuft als für Menschen mit Migrationshintergrund. Bei Ersteren ist ein Schrumpfen der Mittelschicht nur mit einem relativ schwachen Anstieg der Armut und mit einer sichtbaren Zunahme des Wohlstands und des Reichtums verbunden. Letztere sind von Polarisierungstendenzen hingegen stärker betroffen: Sowohl Armut als auch Wohlstand beziehungsweise Reichtum nahmen zwischen 1991 und 2012 zu. Damit ist vor allem für Personen mit Migrationshintergrund und etwas weniger stark für die Bevölkerung ohne Migrationshintergrund die These der zunehmenden Entgrenzung plausibel, und zwar in der doppelten Logik einer Aufwärtsmobilität aus der (unteren) Mitte der Gesellschaft in die Zonen des Wohlstands und des Reichtums und einer Abwärtsmobilität in die Schicht der Armutsgefährdeten.

Die Strukturen der Schichtzugehörigkeit wurden im zweiten Teil der empirischen Analysen für die einheimische und die migrantische Bevölkerung vertiefend untersucht. Der hieraus wichtigste Befunde ist, dass auch nach Kontrolle einer Vielzahl von Einflussgrößen signifikante Unterschiede zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund bezüglich der Schichtzugehörigkeit bestehen: Migrant(inn)en sind seltener in der oberen Mittelschicht und in der Oberschicht vertreten, und sie leben häufiger als die Deutschen ohne Migrationshintergrund in den unteren sozialen Schichten. Die "Mikrologiken" der sozialen Schichtung weisen zudem eine Reihe von Gemeinsamkeiten auf, beispielsweise mit Blick auf Geschlechtszugehörigkeit und Alter. Ein wichtiger Unterschied in diesem Bereich bezieht sich auf die Strukturwirkung der Bildung: Tertiäre Abschlüsse schützen Personen mit Migrationshintergrund weniger gut vor einer Zugehörigkeit zu den unteren sozialen Schichten.

Die Veränderung der sozialen Schichtung von Migrant(inn)en ist ein Desiderat der Forschung in Deutschland, unabhängig von der bisherigen Debatte um die Auflösung der (deutschen) Mittelschicht. Ausgehend von den vorgestellten Ergebnissen, die auf wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Bürger(inne)n mit und ohne Migrationshintergrund hinweisen, lassen sich einige weiterführende Fragen erwähnen, die für zukünftige Forschungen relevant werden könnten: Im Rahmen der vorliegenden Analysen war zum Beispiel nicht zu klären, welchen Einfluss die sich verändernde Komposition der betrachteten Migrationspopulationen auf die Ergebnisse hat. So legen die zunehmende Rückwanderung von türkischen Bürger(inne)n in den vergangenen Jahren,[23] aber auch der verstärkte Zuzug von Westeuropäer(inne)n eine nähere Untersuchung von Kompositionseffekten nahe.

Eine ebenfalls verstärkte Aufmerksamkeit verdienen die besonderen Risikogruppen innerhalb der migrantischen Bevölkerung. Warum bietet zum Beispiel das überwiegend in Deutschland erworbene Bildungskapital von Migrant(inn)en weniger Schutz gegen Armut als dies für autochthone Deutsche der Fall ist? Schließlich ist es aus der Perspektive der Lebensverlaufsforschung eine lohnende Frage, wie sich die Armut im Hinblick auf eine Episodenhaftigkeit unterscheidet: Wie stabil sind Schichtzugehörigkeiten bei Migrant(inn)en, sind sie stabiler als bei den Deutschen ohne Migrationshintergrund? Diese Fragestellungen sind nicht nur soziologisch relevant, sondern auch gesellschaftspolitisch brisant und bedürfen weiterer Forschung.
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Fußnoten

1.
Vgl. Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Schrumpfende Mittelschicht – Anzeichen einer dauerhaften Polarisierung der verfügbaren Einkommen?, in: DIW-Wochenbericht, 75 (2008) 10, S. 101–108; Petra Böhnke, Hoher Flug, tiefer Fall? Abstiege aus der gesellschaftlichen Mitte und ihre Folgen für das subjektive Wohlbefinden, in: Nicole Burzan/Peter A. Berger (Hrsg.), Dynamiken (in) der gesellschaftlichen Mitte, Wiesbaden 2010, S. 231–249; Steffen Mau, Lebenschancen. Wohin driftet die Mittelschicht?, Berlin 2012; Christoph Burkhardt et al., Mittelschicht unter Druck?, hrsg. von der Bertelsmann-Stiftung, Gütersloh 2013; Olaf Groh-Samberg et al., Lebensführung unter Druck? Die Statusarbeit der Mittelschichten, Weinheim 2014.
2.
Vgl. Olaf Groh-Samberg, Armut, soziale Ausgrenzung und Klassenstruktur, Wiesbaden 2009.
3.
Vgl. Stephan Leibfried et al., Zeit der Armut. Lebensläufe im Sozialstaat, Frankfurt/M. 1995.
4.
Vgl. Wolfgang Seifert, Migration als Armutsrisiko, in: Eva Barlösius/Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hrsg.), Die Armut der Gesellschaft, Opladen 2001, S. 201–222; Olof Bäckman, Institutions, Structures and Poverty. A Comparative Study of 16 Countries, 1980–2000, in: European Sociological Review, 25 (2009), S. 251–264; Ch. Burkhardt et al. (Anm. 1).
5.
Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Soziales (Hrsg.), Lebenslagen in Deutschland. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, Bonn 2013.
6.
Vgl. Frank Kalter, Migration und Integration. Sonderheft 48 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie (KZfSS), Wiesbaden 2008.
7.
Vgl. Ingrid Tucci/Gert G. Wagner, Einkommensarmut bei Zuwanderern überdurchschnittlich gestiegen, in: DIW-Wochenbericht, 72 (2005) 5, S. 79–86; Roland Verwiebe, Wachsende Armut in Deutschland und die These der Auflösung der Mittelschicht. Eine Analyse der deutschen und migrantischen Bevölkerung mit dem Sozio-ökonomischen Panel, in: N. Burzan/P.A. Berger (Anm. 1), S. 159–179; Statistisches Bundesamt, Ausländische Bevölkerung – Fachserie 1: Ergebnisse des Ausländerzentralregisters, Wiesbaden 2014.
8.
Vgl. I. Tucci/G.G. Wagner (Anm. 7).
9.
Vgl. Ch. Burkhardt et al. (Anm. 1), S. 26.
10.
Vgl. Henning Lohmann, Armut von Erwerbstätigen im europäischen Vergleich: Erwerbseinkommen und Umverteilung, in: KZfSS, 62 (2010), S. 1–30.
11.
Für Berechnung der Armutsquoten (Basis: Haushaltsäquivalenzeinkommen) wurde die Anzahl der Kinder in den Haushalten berücksichtigt.
12.
Dazu werden türkische, polnische, russlanddeutsche, ex-jugoslawische und EU-15-Bürger(innen) unterschieden (erste und zweite Zuwanderergeneration werden zusammengefasst). Migrant(inn)en aus asiatischen, afrikanischen und osteuropäischen Staaten werden in einer weiteren Kategorie ausgewiesen. Die so vorgenommene Auswahl berücksichtigt konzeptionelle Überlegungen zur Heterogenität der migrantischen Bevölkerung in Deutschland und bildet die größten Migrantengruppen des Landes ab. Vgl. I. Tucci/G.G. Wagner (Anm. 7); Statistisches Bundesamt (Anm. 7); Irena Kogan, The Price of Being an Outsider: Labour Market Flexibility and Immigrants’ Employment Paths in Germany, in: International Journal of Comparative Sociology, 52 (2011), S. 264–283.
13.
Vgl. u.a. M.M. Grabka/J.R. Frick (Anm. 1); Olaf Groh-Samberg/Florian R. Hertel, Abstieg der Mitte? Zur langfristigen Mobilität von Armut und Wohlstand, in: N. Burzan/P. A. Berger (Anm. 1), S. 137–158.
14.
Vgl. O. Groh-Samberg (Anm. 2).
15.
Vgl. Andreas Klocke, Methoden der Armutsmessung. Einkommens-, Unterversorgungs-, Deprivations- und Sozialhilfekonzept im Vergleich, in: Zeitschrift für Soziologie, 29 (2004), S. 313–329; O. Groh-Samberg (Anm. 2).
16.
Vgl. Ch. Burkhardt et al. (Anm. 1).
17.
Eine Vielzahl von relevanten Einzelbefunden kann hier aufgrund von Platzgründen nicht ausführlicher diskutiert werden. Hervorzuheben wäre die abnehmende Möglichkeit der Rücklagenbildung, eine Zunahme von Haushalten, die von Sozialhilfe abhängig ist, aber auch eine deutliche Verbesserung der Wohnungssituation.
18.
Damit bestätigen sich Befunde, die ähnliche Tendenzen für Beobachtungszeiträume von Mitte der 1990er Jahre bis 2005 ausweisen. Vgl. Johannes Giesecke/Roland Verwiebe, Die Zunahme der Lohnungleichheit in der Bundesrepublik. Aktuelle Befunde für den Zeitraum von 1998 bis 2005, in: Zeitschrift für Soziologie, 37 (2008), S. 403–422; M.M. Grabka/J.R. Frick (Anm. 1).
19.
Aus Platzgründen konnten die Regressionstabellen nicht in den Beitrag aufgenommen werden (sie sind auf Anfrage beim Autor erhältlich).
20.
Vgl. Hans-Jürgen Andreß, Leben in Armut, Opladen 1999; Markus M. Grabka/Joachim R. Frick, Weiterhin hohes Armutsrisiko in Deutschland: Kinder und junge Erwachsene sind besonders betroffen, in: DIW-Wochenbericht, 77 (2010) 7, S. 2–11; Roland Verwiebe, Armut in Österreich. Bestandsaufnahme, Trends, Risikogruppen, Wien 2011; Ch. Burkhardt et al. (Anm. 1); Roland Teitzer et al., Arbeitsmarktflexibilisierung und Niedriglohnbeschäftigung: Deutschland und Österreich im Vergleich, in: WSI-Mitteilungen, (2014) 4, S. 1–11.
21.
Vgl. Fred Berger, Auszug aus dem Elternhaus – Strukturelle, familiale und persönlichkeitsbezogene Bedingungsfaktoren, in: Helmut Fend et al. (Hrsg.), Lebensverläufe, Lebensbewältigung, Lebensglück. Ergebnisse der LifEStudie, Wiesbaden 2009, S. 195–244.
22.
Vgl. Vera King, Ungleiche Karrieren. Bildungsaufstieg und Adoleszenzverläufe bei jungen Männern und Frauen aus Migrantenfamilien, in: dies./Hans-Christoph Koller (Hrsg.), Bildungsprozesse Jugendlicher und junger Erwachsener mit Migrationshintergrund, Wiesbaden 2009, S. 27–46; R. Verwiebe (Anm. 7).
23.
Vgl. Kamuran Sezer/Nilgün Dağlar, TASD – Türkische Akademiker und Studenten in Deutschland. Die Identifikation der TASD mit Deutschland. Abwanderungsphänomen der TASD beschreiben und verstehen, Krefeld 2009.

Roland Verwiebe

Zur Person

Roland Verwiebe

Dr. phil., geb. 1971; Universitätsprofessor für Sozialstrukturforschung und quantitative Methoden sowie Vorstand des Instituts für Soziologie der Universität Wien, Rooseveltplatz 2, 1090 Wien/Österreich. roland.verwiebe@univie.ac.at


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