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30.1.2015

Editorial

Im März 1965 beschloss die Bundesregierung unter Kanzler Ludwig Erhard, dem Staat Israel diplomatische Beziehungen anzubieten. Zwei Monate später, am 12. Mai 1965, wurde der gegenseitige Austausch von Diplomaten vereinbart. Dem Angebot ging ein Jahrzehnt wechselseitiger Bemühungen um offizielle bilaterale Kontakte voraus. Während es in Israel jedoch wenige Jahre nach der Shoah noch höchst umstritten gewesen war, mit Deutschland zu kooperieren, war die Bundesrepublik darum bemüht, im Anerkennungswettbewerb mit der DDR ihre Beziehungen zu den arabischen Staaten nicht zu belasten.

Unterhalb der offiziellen diplomatischen Ebene gab es indes seit Längerem eine gut funktionierende Zusammenarbeit. Die Bundesrepublik lieferte, insbesondere seit dem "Wiedergutmachungsabkommen" von 1952, zahlreiche Industriegüter, wenig später im Geheimen auch Waffen. Frühe Kontakte zur gegenseitigen Verständigung knüpften auch die Gewerkschaften beider Länder; die Bundeszentrale für politische Bildung organisiert bereits seit 1963 Studienreisen nach Israel.

Heute sind die deutsch-israelischen Beziehungen auf offizieller Ebene konstant sehr gut. In der Breite aber scheint die Shoah als historischer Erinnerungsort und gemeinsamer Referenzpunkt zu verblassen, womit insbesondere bei vielen jüngeren Deutschen auch das Bewusstsein für eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Staat schwindet. Kritik an der israelischen Politik gerät so bisweilen zu sehr grundsätzlicher "Israelkritik" – ein Wort, das viel mehr impliziert als bloßen Unmut über bestimmte politische Maßnahmen. Bei Israelis hingegen ist Deutschland so beliebt wie nie, insbesondere Berlin ist für viele ein attraktives Reiseziel geworden. Die Aufgabe, das gewachsene Vertrauensverhältnis (wieder) breiter in die Bevölkerung zu tragen, stellt sich derzeit vor allem auf deutscher Seite.

Johannes Piepenbrink

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