zurück 
27.3.2015

Freiwilliges Engagement von Zuwanderern: Verkannte Potenziale der gesellschaftlichen Teilhabe

Das freiwillige, nicht auf spezifischen Druck oder auf die Aussicht auf externe Gratifikationen hin orientierte Handeln zählt in der Motivationspsychologie zu einer der zentralen Forschungsfragen. Vor allem die Psychologen Edward L. Deci und Richard M. Ryan arbeiten im Rahmen ihrer "Selbstbestimmungstheorie" (self-determination theory) seit rund 30 Jahren an der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit eine Person sich als selbstbestimmt erlebt, und wie die intrinsische Motivation, eine Tätigkeit um der Sache und nicht um ihres Produktes willen, zustande kommt.[1] Sie postulieren drei grundlegende Bedürfnisse, die quasi wie ein anthropologisches Datum, wie eine kulturinvariante Größe, dem Menschen fundamental eigen sind und sein Handeln lenken: das Bedürfnis nach Autonomie, das Bedürfnis nach Kompetenzerleben und das Bedürfnis nach sozialer Eingebundenheit.

Menschen haben, so die Autoren, die angeborene motivationale Tendenz, sich mit anderen Personen in einem sozialen Umfeld verbunden zu fühlen (soziale Affiliation), in diesem Umfeld selber auch effektiv und wirksam zu agieren (Kompetenz) und sich dabei persönlich autonom und initiativ zu erleben. Wenn diese Bedürfnisse erfüllt werden, wird das natürliche Bestreben des Menschen nach Erwerb neuer Kenntnisse und Fähigkeiten voll entfaltet werden. Im Zentrum dieser Theorie steht der Begriff des Selbst, der sowohl einen Prozess als auch ein Produkt der Entwicklung durch die Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt darstellt. Die Dichotomie von intrinsischer und extrinsischer Motivation überwindend, zeigen die Autoren, dass es auch innerhalb der extrinsisch motivierten Handlungen, also Handlungen, die auf eine Gratifikation hin erfolgen, eine Bandbreite an Selbstbestimmung und graduelle Abstufungen der intrinsischen Motiviertheit gibt. Während intrinsische Motivation in dieser Theorie durch Neugier, Exploration, Spontaneität und Interesse charakterisiert ist, werden extrinsisch motivierte Verhaltensweisen in der Regel durch Aufforderungen in Gang gesetzt, und ihre Befolgung lässt eine Bekräftigung erwarten. Generell konstituieren beziehungsweise steigern aus dieser Perspektive Maßnahmen, die als selbstständigkeitsfördernd erlebt werden, also die Eigeninitiative und die Wahlfreiheit unterstützen, aber auch Anerkennung einbringen, die intrinsische Motivation.

Die höchste Stufe der Selbstbestimmung ist dann erreicht, wenn die Handlungsziele auch dauerhaft in die Wertestruktur der Person integriert und Teil des eigenen Selbstkonzepts geworden sind. Durch diese Integration von ursprünglich sozial vermittelten Verhaltensweisen verschafft sich der Einzelne die Möglichkeit, sich mit anderen Personen verbunden zu fühlen sowie das eigene Handeln als selbstbestimmt zu erfahren. Das soziale Umfeld des Einzelnen kann das Auftreten intrinsischer Motivation insofern fördern, als dass es die Bedürfnisse des Einzelnen nach Kompetenz und Autonomie unterstützt. Gleichwohl es wie ein Paradoxon anmutet, kann also auch von außen das innengeleitete Tätigsein forciert werden. Das öffnet psychologisch den Horizont für die Erweiterbarkeit freiwilligen Engagements. Und diese psychologische Motivationstheorie ist gut geeignet, Phänomene wie freiwilliges bürgerschaftliches Handeln gut zu integrieren und zu erklären. Doch welche Relevanz hat das freiwillige Engagement von Personen mit Zuwanderungsgeschichte?

Relevanz und Potenziale



Der demografische Wandel sowie die veränderte und sich rapide verändernde Zusammensetzung der Gesellschaft zwingt zum Umdenken und breiter Reflexion: Wir werden, knapp zusammengefasst, älter und weniger und bunter. Diese Veränderungen sind auch nicht ganz folgenlos für die Frage des freiwilligen Engagements, gilt doch diese Form der Beteiligung am gesellschaftlichen Leben als eines der zentralen Elemente für die Konstitution und Aufrechterhaltung des Gemeinwohls sowie sozialer Kohäsion – und das nicht nur in Deutschland.[2] Vor diesem Hintergrund ist es unerlässlich, bislang unterrepräsentierte Gruppen, zu denen unter anderem auch Zuwanderer zählen, stärker einzubinden.

Generell kann die freiwillige Teilhabe an den vielfältigen sozialen, politischen, kulturellen Aktivitäten als bedeutsames demokratiebildendes und -förderndes Moment einer Gemeinschaft betrachtet werden.[3] Sie kann darüber hinaus in einigen Fällen auch als Sprungbrett für die Karriere oder als Vehikel der Aufwärtsmobilität fungieren, wenn beispielsweise aus der ehrenamtlichen Tätigkeit eine feste Stelle, eine hauptamtliche und bezahlte Aufgabe erwachsen kann, wenngleich Engagement selten mit dieser Intention aufgenommen wird. Für Zuwanderer hat sie darüber hinaus auch eine imagebildende Funktion und dient ihrer stärkeren sozialen Integration beziehungsweise beschleunigt diese, weil dadurch sowohl Kompetenzen erlangt als auch Netzwerke geknüpft werden. Um ihren gesellschaftlichen Einfluss zu mehren, aber auch um einen Einstellungswandel hin zu stärkerer positiver Wahrnehmung von Zuwanderern zu bewirken, kann das vermehrte Engagement in mehrheitsgesellschaftlichen Kontexten ein förderlicher Weg sein. Denn Engagement in migrantischen Kontexten wird zum einen von der Mehrheit kaum wahrgenommen, zum anderen begreifen vielfach Zuwanderer diese Tätigkeit selten als freiwilliges Engagement, sondern als ein Teil unhinterfragbarer familialer oder landsmannschaftlicher Solidarität, so etwa die vielfältigen Formen der Hilfen in Moscheen oder Vereinen.

Auf die Potenziale von Zuwanderern als Ehrenamtliche lässt sich, mit Blick auf ihre Größenordnung, nicht verzichten; denn mit rund 16 Millionen stellen sie etwa ein Fünftel der Gesamtgesellschaft. Die Fokussierung auf diese Gruppe resultiert auch aus der Erkenntnis heraus, dass sie vielfach durch ungleiche Ausgangspositionen Defizite in der gesellschaftlichen Beteiligung aufweisen. Deren Ursachen liegen zum einen in juristischen beziehungsweise staatsbürgerlichen Differenzen: sind sie Nicht-Deutsche, dann haben sie beispielsweise keine Gleichstellung auf allen Ebenen des politischen Lebens, so etwa beim aktiven und passiven Wahlrecht; zum anderen aber auch in historischen Voraussetzungen: Sie sind noch nicht etabliert genug, um dieses Land auch als das eigene zu gestaltende Land zu verstehen; sie haben auch noch nicht genügend Netzwerke und der Zugang zu diesen ist – aufgrund geringer interkultureller Öffnung der Organisationen – deutlich schwieriger als für Einheimische.

Ferner sind bei den unterschiedlichen Beteiligungsraten sozialstrukturelle Merkmale wie Einbindung in den Arbeitsmarkt zu berücksichtigen. So konnte für Großbritannien und Deutschland gezeigt werden, dass das freiwillige Engagement bei Arbeitslosen deutlich geringer war als bei Beschäftigten.[4] Zugleich liegt die Arbeitslosigkeitsrate unter Zuwanderern, vor allem unter den Türkeistämmigen, deutlich höher als die der Einheimischen; lange Zeit lag sie etwa doppelt so hoch. Nicht zuletzt ist der erschwerte Zugang zum freiwilligen Engagement auch in herkunftskulturellen Bedingungen zu suchen. Vielfach ist diese Form der Bürgerbeteiligung in autoritär verfassten Staaten nicht nur weniger bekannt, sondern auch kaum erwünscht oder sogar mit Sanktionen verbunden. Vor diesem Hintergrund könnten vor allem neue Zuwanderer zurückhaltend gegenüber staatlichen oder staatsnahen Institutionen sein, weshalb für sie eine Form aktiven Engagements intuitiv nicht als naheliegend erscheint.

Gegenwärtig wird bürgerschaftliches Engagement in Deutschland über alle politischen Kreise und Gruppierungen hinweg positiv bewertet; auch die Notwendigkeit stärkerer Einbindung von Zuwanderern in zivilgesellschaftliche Organisationen findet immer breiteren Konsens. Nicht nur aufgrund der etwas jüngeren Altersstruktur, sondern auch aufgrund der allmählichen Aufgabe der "Rückkehrillusion" in die Herkunftsländer ist das Potenzial für bürgerschaftliches Engagement in dieser Gruppe hoch. Insofern gilt es, deutlich mehr Gelegenheitsstrukturen zur Selbstorganisation und zur Eigenverantwortlichkeit von Zuwanderern zu schaffen, damit ihr soziales Kapital auch voll zur Entfaltung kommen kann.

Nach dieser kurzen inhaltlichen Skizzierung des Themas aus einer psychologischen und einer soziologischen Perspektive soll im Folgenden, auf Daten einer repräsentativen Erhebung mit Türkeistämmigen aus Nordrhein-Westfalen basierend, das Ausmaß des freiwilligen Engagements nachgezeichnet und auf markante Unterschiede in der Intensität und der Unterschiedlichkeit der Engagementfelder Türkeistämmiger und Einheimischer eingegangen werden.[5] Zuletzt sollen einige Hinweise gegeben werden, wie Engagement gefördert werden kann. Gleichwohl eine vergleichende Betrachtung unterschiedlicher Zuwanderergruppen methodisch lohnend wäre, um dadurch die Besonderheiten und Differenzierungen innerhalb der Gruppen herauszuarbeiten, betrachten wir hier nur eine spezifische Gruppe, und zwar die Türkeistämmigen. Diese Fokussierung erfolgt aus folgender Überlegung heraus: Einerseits stellen diese mit rund 2,5 Millionen die größte ethnische Einwanderergruppe dar; andererseits zeigen empirische Studien, dass die Unähnlichkeit beziehungsweise soziale Distanz zwischen Deutschen und Türkeistämmigen am größten ist; deutlich größer als die Distanz von Deutschen zu anderen Migrantengruppen wie etwa Italienern, Spaniern oder Griechen, sodass bei diesem Vergleich stärkere Effekte zu erwarten sind.[6]


Engagement von Türkeistämmigen und Einheimischen im Vergleich



Die Daten wurden mittels einer repräsentativen Telefonbefragung (CATI) im Herbst 2010 erhoben. Zielgruppe waren türkeistämmige Personen ab 18 Jahren in Nordrhein-Westfalen, wobei mit türkeistämmig jene Personen gemeint sind, die familiäre Wurzeln in der Türkei haben, unabhängig ihrer eigenen ethnischen Zugehörigkeit (Türken, Kurden, Armenier und Andere) und ihrer gegenwärtigen Staatsangehörigkeit.

Um eine repräsentative Auswahlgrundlage für zufällige Telefonnummernziehungen zu bilden, wird vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI) ein spezifisches Verfahren verwendet, das sich an der Onomastik orientiert.[7] Dabei werden Adressen und Telefonnummern von einem elektronischen Telefonverzeichnis (KlickTel 2010) über eine vom ZfTI erstellte und ständig aktualisierte Liste von rund 15.000 türkischen Nachnamen und einer ebensolchen Liste mit rund 10.000 türkischen Vornamen selektiert, um ein möglichst umfangreiches Verzeichnis der Grundgesamtheit, nämlich Haushalte mit türkeistämmigen Personen in Nordrhein-Westfalen, zu bekommen. So wird gewährleistet, dass sich keine systematische Verzerrung sozialer Gruppen ergibt und die Sozialstruktur der türkeistämmigen Bevölkerung in Deutschland angemessen widergespiegelt wird. Darüber hinaus wird die Zufallsauswahl der zu befragenden Personen im Haushalt dadurch sichergestellt, dass nur jenes Haushaltsmitglied befragt wird, das zuletzt Geburtstag hatte. Somit wird auch auf der Ebene der Personenauswahl im Haushalt ein Verfahren genutzt, das eine von systematischen Fehlern und Verzerrungen weitestgehend bereinigte Stichprobe erzeugt, womit die Repräsentativität gesteigert wird. Die Befragung selbst erfolgte auf Deutsch oder auf Türkisch, je nachdem, welche Sprache von den Respondenten besser beherrscht wurde. Befragt wurden insgesamt 1000 Personen.

Tabelle 1: Stichprobe (Türkeistämmige Personen ab 18 Jahren)

Die genauen Stichprobendaten stellen sich folgendermaßen dar (Tabelle 1): Die geschlechtsspezifische Verteilung zeigt ein nahezu ausgewogenes Verhältnis. Bei der altersspezifischen Verteilung dominiert die Gruppe der 25- bis 45-Jährigen, was unter anderem auch der deutlich jüngeren Altersstruktur der türkeistämmigen Bevölkerung geschuldet ist. Bei der Erwerbstätigkeit, die für die Frage des bürgerschaftlichen Engagements nicht unerheblich ist, sehen wir mit rund 43 Prozent einen ziemlich hohen Anteil von Nichterwerbspersonen.

Wo und in welchem Maße beteiligen sich Türkeistämmige? Zunächst wird deutlich, dass der weitaus größte Teil im Bereich Religion engagiert ist. Mit deutlichem Abstand folgen Sport, Bildung, Kultur und sozialer Bereich. Etwas geringer sind die Beteiligungswerte im Freizeitbereich und am geringsten bei Fragen der Umwelt, Gesundheit und Politik (Abbildung 1).

Abbildung 1: Engagementbereiche und Beteiligungsraten


Tabelle 2: Engagementbereiche im Vergleich


Vergleicht man diese Beteiligungsraten zum einen über den Zeitverlauf und zum anderen im Verhältnis zu Einheimischen, so ergeben sich die in Tabelle 2 aufgezeigten Veränderungen und Unterschiede. Im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung gibt es zwar einige deutliche Differenzen in der Rangfolge, aber zumindest auf den ersten Plätzen scheinen die Muster sich sehr zu gleichen: In der Gesamtbevölkerung liegt Sport an erster und Religion an zweiter Stelle; hingegen liegt der Bereich Jugend-/Bildungsarbeit in der Gesamtbevölkerung auf dem zehnten Rang, bei Türkeistämmigen auf dem fünften. Auffällig ist der Unterschied auch bei dem Engagement in Schule/Kindergarten: Dieser belegt in der Gesamtbevölkerung den dritten Rang, bei Türkeistämmigen hingegen den sechsten.

Werden die Merkmale der Engagierten analysiert, so zeigt sich, dass im wichtigsten Bereich, der Religion, überdurchschnittlich häufiger Frauen vorzufinden sind; im Sport hingegen engagieren sich deutlich häufiger Männer. Bei den Engagierten in der Jugend- und Bildungsarbeit sind Frauen leicht überrepräsentiert, vielfach junge und eher religiöse Frauen. Hingegen sind Engagierte im Bereich Kultur und Musik eher männlich, mittleren Alters an und selten religiös. Im Kontext Schule und Kindergarten sind erwartungsgemäß Frauen deutlich überrepräsentiert; sie sind eher überdurchschnittlich alt und etwas seltener religiös. Im interethnischen Vergleich ist der türkische Bereich stets dort stärker präsent beziehungsweise dominant, wo ein direktes Analogon beziehungsweise Formen einheimischer Vergesellschaftung aus naheliegenden Gründen, wie etwa Religion und Musik, nicht in Frage kommen.

Während in der ersten Generation noch eine unterdurchschnittliche Beteiligung vorzufinden ist, hat die Beteiligungsrate in den Nachfolgegenerationen leicht zugenommen. Sowohl Angehörige der ersten Generation als auch Heiratsmigranten beteiligen sich mehrheitlich im türkischen Kontext, in den Nachfolgegenerationen steigt vor allem das Engagement in multikulturellen Kontexten. Zu vermuten ist, dass genau durch diese Konstellation auch interkulturelle Netzwerke entstehen und ausgebaut werden, Formen von bridging social capital generiert wird, also Sozialkapital, das ethnische Begrenzungen überwindet.

Mit Blick auf die Intensität des Engagements (Tabelle 3) wird deutlich, dass die meiste Zeit in den sozialen Bereich investiert wird, im Durchschnitt etwa 8,6 Stunden pro Woche. Als ebenso zeitintensiv erweist sich das Engagement im Bereich Jugend- und Bildungsarbeit mit 7,0 Stunden sowie im religiösen Bereich mit 6,3 Stunden pro Woche. Am geringsten hingegen ist das zeitliche Engagement im Bereich Kultur und Musik.

Tabelle 3: Zeitaufwand des Engagements nach wichtigen Bereichen


Bürgerschaftliches Engagement ist in der Regel ein motiviertes Handeln und wie nahezu jede Handlung an bestimmte Erwartungen und Motive geknüpft. Diese können sich primär auf die eigenen Interessen und Lebenslagen beziehen, aber auch, als altruistische Motive, die Lebenslagen anderer im Mittelpunkt haben. Nicht selten mischen sich dabei auch unterschiedliche Motive. Vor diesem Hintergrund wurde den Engagierten eine Liste möglicher Motive für das Engagement vorgelegt, die sie danach beurteilen sollten, ob diese für sie selbst wichtig oder weniger wichtig waren. Dabei zeigten sich folgende Motivlagen als dominant (Tabelle 4): Erkennbar wird, dass das stärkste Motiv der Altruismus ist, also in der Hilfe für andere Menschen liegt. Darüber hinaus sind es auch Tätigkeiten, die Spaß machen, in der das Individuum mit anderen Menschen zusammenkommt, für die es eine Sympathie hegt sowie in der eigene Kompetenzen und Kenntnisse erweitert werden. Hier lassen sich die Kernelemente des intrinsisch motivierten Handelns nach Deci und Ryan wiederfinden.

Tabelle 4: Motive und Erwartungen des Engagements (Mittelwert und Prozentwerte)


Die geringsten Werte innerhalb der vorgelegten Motive wurden dem Eigennutz des Engagements zugeordnet. In diesem Kontext ist jedoch zu erwähnen, dass die zunächst gezielt ehrenamtliche Tätigkeit als Vorbereitung auf eine hauptamtliche Tätigkeit in den Herkunftsländern weniger bekannt ist, während sie, zumindest im westeuropäischen Kontext, eine wirksame Aktivität darstellen kann, um in den Arbeitsmarkt integriert oder nach Zeiten ohne Beschäftigung wieder eingegliedert zu werden. Denn durch eine freiwillige Tätigkeit in Arbeitskontexten werden faktisch die Wiederbeschäftigungschancen erhöht, weil zum einen kognitive arbeitsmarktnahe beziehungsweise -relevante Fähigkeiten eingeübt werden und allgemeine Bereitschaft signalisiert wird, für den Arbeitsmarkt zur Verfügung zu stehen, aber auch nicht-kognitive Merkmale wie etwa Zielstrebigkeit und Verantwortungsbewusstsein demonstriert werden.[8]

Fazit



Das freiwillige Engagement von Zuwanderern ist ein wichtiger Bestandteil der Zivilgesellschaft und fördert auch ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die Ergebnisse belegen, dass zum Teil bedeutsame Unterschiede in Art, Umfang und Motivlage im Vergleich zur deutschen Bevölkerung vorliegen und deshalb Maßnahmen zur Engagementförderung bei dieser Gruppe andere Schwerpunkte setzen und andere Sensibilitäten zeigen sollten; unter anderem auch deshalb, weil trotz gravierender sozialer Problemlagen mehrheitsgesellschaftliche Unterstützungsangebote Zuwanderer oft nicht erreichen.

Generell lässt sich das Engagement von Zuwanderern auf zwei Arten fördern, die einander nicht ausschließen, sondern komplementär zueinander sind: Einerseits können und sollten die persönlichen Engagementvoraussetzungen gestärkt werden, und andererseits sollten strukturelle Engagementhürden und Barrieren abgebaut werden.

Unsere Daten zeigen ein überdurchschnittliches Interesse an Engagement bei Frauen, bei jungen Zuwanderern von 16 bis 24 Jahren sowie in der Altersgruppe von 35 bis 44 Jahren, aber auch bei höher Gebildeten und bei Neuzuwanderern. Diese gilt es, gezielt für bürgerschaftliches Engagement anzusprechen.

Ferner sollte zur Erhöhung des Engagement eine Ansprache von bereits Engagierten erfolgen, aber auch innerorganisatorische Partizipationsstrukturen müssen in Richtung einer stärkeren interkulturellen Öffnung verändert werden. Nicht zuletzt ist die gesellschaftliche Anerkennung und Akzeptanz des Engagements in und von Migrantenorganisationen als ein Vehikel sozialer Kohäsion zu verstehen und nicht in der stets pejorativen Wendung der "parallelgesellschaftlichen Aktivitäten" zu diskreditieren. Gerade der Staat beziehungsweise die Politik kann künftig das Engagement von Zuwanderern durch eine stärkere Einbeziehung der Migrantenorganisationen in den politischen Diskurs fördern und dadurch einen Beitrag zu deren Sichtbarkeit und Kenntnis ihrer Aktivitäten leisten. Die Anerkennung dieses Engagements kann bei deren Mitgliedern zu einem verstärkten Engagement führen. Darüber hinaus kann der Förderumfang von Migrantenorganisationen an den der deutschen Organisationen angeglichen werden, wodurch sich die Rahmenbedingungen ihrer Arbeit verbessern und sie beispielsweise auch als ernsthafte Alternativen in der Wohlfahrtspflege in Frage kommen können.

Aber auch eine stärkere interkulturelle Sensibilisierung deutscher Organisationen in ihrer inhaltlichen Ausrichtung sowie in ihrer Personalstruktur – indem Personen mit Migrationshintergrund auf allen Ebenen, explizit auch auf der Leitungsebene, beschäftigt werden – kann das potenzielle Engagement von Zuwanderern dort erhöhen. Nicht zuletzt kann auch an weitergehende Maßnahmen spezifisch für Zuwanderer gedacht werden, wie etwa positiver Diskriminierung, in Form von ermäßigten oder ausgesetzten Mitgliedsbeiträgen, um diesen höhere Anreize für den Eintritt in Vereine und Organisationen zu setzen.[9]
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Haci-Halil Uslucan für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Fußnoten

1.
Vgl. Edward L. Deci/Richard M. Ryan, Intrinsic Motivation and Self-Determination in Human Behavior, New York 1985.
2.
Vgl. Dirk Halm, Engagierte Einwanderer: Chancen und Probleme der Partizipation von Migranten, in: Forschungsjournal Soziale Bewegungen, 24 (2011) 2, S. 14–24.
3.
Vgl. Robert Putnam, Bowling Alone: America’s Declinig Social Capital, in: Journal of Democracy, 6 (1995) 1, S. 65–78.
4.
Vgl. Susanne Strauß, Ehrenamt in Deutschland und Großbritannien – Sprungbrett zurück auf den Arbeitsmarkt?, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 61 (2009) 4, S. 647–670.
5.
Vgl. Martina Sauer, Partizipation und Engagement türkeistämmiger Migrantinnen und Migranten in Nordrhein-Westfalen, Essen 2011, http://www.zfti.de/downloads/down_mehrthemenbefragung-2010_langfassung.pdf« (1.3.2015).
6.
Vgl. Frank Kalter/Mona Granato, Demographic Change, Educational Expansion, and Structural Assimilation of Immigrants: The Case of Germany, in: European Sociological Revue, 18 (2002) 2, S. 199–216.
7.
Vgl. Thorsten Schneider-Haase, Personen mit Migrationshintergrund in der Umfrageforschung – einige Anmerkungen zum Handwerk, in: Matthias Knuth (Hrsg.), Arbeitsmarktintegration und Integrationspolitik – zur notwendigen Verknüpfung zweier Politikfelder. Eine Untersuchung über SGB II-Leistungsbeziehende mit Migrationshintergrund, Baden-Baden 2010, S. 185–196.
8.
Vgl. S. Strauß (Anm. 4).
9.
Vgl. D. Halm (Anm. 2).

Haci-Halil Uslucan

Zur Person

Haci-Halil Uslucan

Dr. phil., geb. 1965; Professor für Moderne Türkeistudien und Integrationsforschung, Fakultät für Geisteswissenschaften, Universität Duisburg-Essen; Wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung (ZfTI), Altendorfer Straße 3, 45127 Essen. uslucan@zfti.de


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln