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26.2.2016

Zum Umgang mit Unterschieden und Asymmetrien - Essay

Wir sollten sie einmal genauer anschauen, die Unterschiede, die Ungleichheiten, die Asymmetrien. In einer modernen Gesellschaft sind sie so etwas wie das Haupt der Medusa. Zu schrecklich sind sie, als dass wir es einfach nur aushalten könnten, sie zum Thema zu machen – ohne schon zu wissen, dass sie schlecht sind und wie man sie bekämpfen kann. Sobald Ungleichheiten sichtbar werden, ergreifen wir Maßnahmen. Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz ist so ein typisches Produkt unserer Gesellschaft, in der wir uns nur wohl fühlen, wenn wir Ungleichheiten bekämpfen. Wir reden darüber, wer legitimerweise von welchen Ungleichheiten reden darf und welche Ungleichheiten wichtiger sind: die zwischen Männern und Frauen oder die zwischen Ausländern und Inländern? Oder gar beide miteinander verknüpft? Oder ganz andere? Es gibt unzählige Varianten in diesem Kampf um Gleichheit, keine Eindeutigkeiten und endlose Debatten. Ungleichheiten stoßen uns ab und lenken unseren Blick auf eine bessere andere Welt. Lassen Sie uns mit dieser Welt beginnen. Was sind Ungleichheiten?

Eine moderne Gesellschaft kennt keine kategorialen Ungleichheiten

Zwar kennt eine moderne Gesellschaft (sogar extreme) Ungleichheiten, aber sie kann diese Ungleichheiten nicht mehr beobachterunabhängig stabilisieren. Jeder Ungleichheit erzeugenden Praxis ist heute eine Beobachtung beigeordnet, die diese Ungleichheit infrage stellt. Um diese moderne Bedingung verstehen zu können, ist es hilfreich, sich vor Augen zu führen, wie eine nichtmoderne Gesellschaft aussah.

Für frühere Gesellschaften ist Ungleichheit der erwartbare Normalfall. Man muss sich vorstellen, wie in einer ständischen Gesellschaft Tag für Tag sehr extreme Unterschiede sichtbar gemacht werden, ohne dass dies zu einer Kritik führt. Eher umgekehrt würde man davon ausgehen, dass die Sichtbarkeit der Unterschiede sie wiederum stabilisiert hat. Jedes Kind konnte sehen, dass der Tagelöhner ein anderer Mensch war als der Adelige. Eine auf der Naturwüchsigkeit der Herkunft aufbauende gesellschaftliche Ordnung regelt, dass man qua Geburt einer sozialen Gruppe angehört, womit die Kontingenz des Unterschieds unsichtbar gemacht wird.

Aus heutiger Perspektive würde man sich vorstellen, dass diese Ungleichheiten dann doch irgendwann problematisch wurden, aber sie wurden es nicht aus sich heraus, sondern durch ihre Verknüpfung mit Bezugspunkten, die sie irrelevant werden ließen: Die Entstehung einer modernen Gesellschaft mit einer Vielfalt an unterschiedlichen, nebeneinander existierenden spezialisierten Kontexten verdankt sich einer Umstellung der Gesellschaft von ständischer, also sozialer Differenzierung auf funktionale, also sachliche Differenzierung. Soziale Ungleichheiten existieren heute nach wie vor, sind jedoch für das Funktionieren der Gesellschaft nicht mehr notwendig. Praktisch bedeutet das, dass eine ständische Verortung des Einzelnen für wissenschaftliche, medizinische, rechtliche und wirtschaftliche Fragestellungen historisch gesehen irgendwann keine primäre Rolle mehr gespielt hat. Der Primat der Funktion hat nach und nach den Primat der Herkunft verdrängt. Wer genug Geld hatte, um sich ein großes Haus zu leisten, konnte das tun, auch wenn er nicht qua Geburt zu den besseren Familien zählte. Neues Wissen über Gesetzmäßigkeiten der Natur hat sich nach und nach auch gegen ein religiöses Weltbild und eine religiös gestützte Ordnung von höheren und niederen Schichten durchgesetzt.

So gerne möchten wir an die Bedeutung der großen Revolutionen glauben, in denen Menschen dafür gekämpft haben, dass die Welt eine bessere wird. Aber wichtiger waren vermutlich die Autonomisierungsprozesse großer gesellschaftlicher Diskurse rund um solche Themen wie wissenschaftliche Wahrheit, die Positivierung des Rechts, die Liquidität von Geld, die politische Herstellung von Kollektivitäten. Im Blick auf die für alle sichtbare Wahrheit der Erkenntnis, mit Geld in der Hand, in rechtlichen Verfahren und unter Waffengewalt werden viele Ungleichheiten einer vormodernen Gesellschaft schlicht hinderlich und unplausibel. Das heißt aber nicht, dass Herkunftsfragen, dass Ungleichheiten verschwinden. Sie werden stattdessen noch sichtbarer, gerade weil sie oft nicht mehr funktional sind. Das bildet die Grundlage für die Entstehung von Semantiken der Gleichheit, die sich erst jetzt radikalisieren können, weil Vorstellungen einer prinzipiellen Ungleichheit verlorengegangen sind. Erst jetzt, wo wir eigentlich alle gleich sind, werden Ungleichheiten zu einem Skandal und damit auch zu einem zentralen Thema der modernen Gesellschaft.

Diese Beschreibung kann man kritisieren als Verharmlosung moderner Ungleichheit, gedacht ist sie aber zunächst als eine Würdigung der Tatsache, dass ständische Verortungen in ihrer Brutalität der sozialen Differenzierung in unserer Gesellschaft nicht mehr existieren. Das ist ein sehr grundsätzliches Argument. Um es noch einmal zu betonen: Man würde nicht sagen, dass es keine sozialen Ungleichheiten mehr gibt, aber man würde umgekehrt erklären, dass wir nur deshalb eine so radikale Kritik der Ungleichheit formulieren können, weil wir uns keine Form der tatsächlichen, der nicht begründungsbedürftigen, aus sich heraus einfach plausiblen Form der Ungleichheit mehr vorstellen können. Es ist nicht mehr möglich, Menschen kategorial und dauerhaft und mit einer zustimmenden Qualitätspresse im Rücken zu unterscheiden. Und doch unterscheiden wir.

Asymmetrien stabilisieren sich selbst

Wir müssen sie anschauen, die hässlichen Asymmetrien, um zu verstehen, wie sie funktionieren. Ich beginne mit einem Beispiel aus dem Alltag einer großen Organisation, einer Universität. Im Rahmen des Gender-Mainstreamings verordnet sich eine sozialwissenschaftliche Fakultät einen Gleichstellungsplan, demzufolge eine "zunehmende Sensibilität für Fragen der Geschlechtergerechtigkeit" zentral ist, um eine "Gleichverteilung von Frauen und Männern" zu erreichen. Mit ebendieser Sensibilität ausgestattet, freut man sich, wenn man von den dafür verantwortlichen Frauenbeauftragten eine Einladung erhält, sich an einer Aktion "Frauen helfen Frauen" zu beteiligen. Es geht dabei um die schöne Idee, einen Schuhkarton mit Weihnachtsgeschenken für Frauen in Frauenhäusern zu packen. Eine angehängte Liste empfiehlt, Folgendes zu kaufen: einen Taschenkalender, einen Wecker, eine Fahrkarte für den öffentlichen Nahverkehr, aber auch: Körperpflegeprodukte, Liebesromane, Tücher, Armreifen, Broschen, Schokolade, Pralinen, Kuschelsocken, Strick- und Häkelnadeln und Gutscheine zum Kaffeetrinken.

Was bringt uns nun hier der genaue Blick auf Asymmetrien? Zunächst einmal ist interessant zu sehen, wie viel klassische Weiblichkeit zu Weihnachten in Frauenhäusern denkbar ist. Offenbar entstehen hier zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen von Gendersensibilität gleichzeitig nebeneinander. Während man in der Hochschullehre gerade noch eingeübt hat, die eigene Genderrolle zu reflektieren und andere Menschen nicht auf Stereotype festzulegen, trifft einen schon die volle Wucht des Stereotyps im Schuhkarton. Was eben noch falsch war, ist im nächsten Moment auf einmal gut. Diese Beschreibung unseres Umgangs mit Ungleichheiten ist nicht polemisch gemeint, sondern der Versuch, die Ungleichzeitigkeit von mehr oder weniger legitimierten Ungleichheiten sichtbar zu machen. Die Sozialarbeiterinnen der Frauenhäuser werden schon wissen, was sie da empfehlen. Leider lässt sich die ganze Kuschelsockenbegeisterung nicht auf Frauenhäuser beschränken. Ein Blick in entsprechende "Frauenmagazine" klärt auf. Wie ist es nun mit den Stereotypen?

Interessant ist darüber hinaus auch, dass den engagierten Frauenbeauftragten vermutlich nicht auffällt, wie stereotyp die Einkaufsliste tatsächlich ist. Das wäre aber auf jeden Fall ein Thema gewesen, wenn die gleiche Einladung von Männern verschickt worden wäre, die Frauen etwas Gutes tun wollen und denen dabei Pralinen, Stricknadeln und Lippenstifte einfallen.

Dieses Beispiel zeigt, dass Asymmetrien sich selbst stabilisieren. In solchen Situationen beobachten wir kein Fehlverhalten, sondern die Plausibilität eines geschlechtergeordneten Alltags, der sich in seiner Kritik wiederum selbst bestätigt. Frauen sagen, wie Frauen sind. Kritik und Herstellung der Geschlechterordnung gehen ineinander über.

Was wir im Alltag tun, wenn wir uns anhand solcher Kategorien wie Geschlecht, Religion, ethnische Herkunft, Alter, Behinderung, sexuelle Identität adressieren, ist Kritik der Diskriminierung und Diskriminierung zugleich. Wir schaffen diese Kategorien, um etwas zu verändern, und stellen fest, dass sich zwischenzeitlich alle in diesen Kategorien eingerichtet haben. Wir schaffen ein Gender-Mainstreaming, um die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zu beseitigen, und erhalten Menschen, die sich nun neuerdings in allen Situationen als Männer und Frauen beschreiben. Wir wollen Flüchtlinge schützen, indem wir ihnen besonderen Schutz gewähren, und setzen sie damit auch dem entlarvenden Blick einer Öffentlichkeit aus, die vieles an ihrem "Flüchtlings"-Verhalten nicht für schützenswert hält. Wir schulen Lehrer, um Diversität zu fördern, und erhalten Kinder, die sich aufgrund ihrer Kultur für benachteiligt halten. Dass wir uns in einer Vielfalt an stigmatisierenden Kategorien wiederfinden, entspricht offenbar dem alltäglichen Ordnungsbedürfnis eines guten Menschen in einem pluralistischen Alltag genauso wie dem Ausgrenzungswunsch von chauvinistischen Hassrednern. Wer die Besonderheit der Lebensweise der Sinti anerkennen will, um einer stigmatisierten Volksgruppe zu Sichtbarkeit zu verhelfen, der unterscheidet sich – abgesehen von seinen guten Gründen – nicht so sehr von denjenigen, die die Sinti wegen ihrer anderen Lebensweise in ihrer Umgebung nicht haben wollen. Wer Frauen fördert, um Frauen zu fördern, spricht Frauen genauso stereotyp an wie derjenige, der keine Frauen einstellt, weil sie schwanger werden könnten. Dass man sich in einer modernen Gesellschaft mit diesen Kategorien so unrettbar die Hände schmutzig macht, muss man wissen, wenn man mit ihnen hantiert. Es gibt keinen Ausweg.

Asymmetrien sind unvermeidbar

Die Ambivalenz dieser sich selbst stabilisierenden Kategorien liegt daran, dass alle soziale Ordnung mit Asymmetrien beginnt. Asymmetrien sind unvermeidbar. Die Frage ist jeweils nur, welche Asymmetrien verwendet werden. Asymmetrien sind zunächst einmal Unterschiede, die man missverstehen würde, wenn man sie sofort als Ungleichheiten rekonstruieren würde. Sie sind Unterschiede, die dadurch entstehen, dass jeder Zugriff auf die Welt unvermeidbar selektiv ist. Ohne dass wir das eine vom anderen unterscheiden würden, gäbe es nichts, worüber wir reden könnten beziehungsweise was wir wahrnehmen könnten. Wie jeweils unterschieden wird, ist eine Frage der Praxis, in der das Unterscheiden stattfindet. Es ist oft eine Frage des zeitlichen Nacheinanders, in dem das eine sich stärker als das andere in den Vordergrund drängt, weil man antworten muss, weil man entscheiden muss, weil man nicht alles gleichzeitig sagen kann. Auf diese Weise entstehen ganz beiläufig Asymmetrien. Unterschiede werden immer in Asymmetrien überführt, immer wird die eine Seite des Unterschiedenen privilegiert, schon im Unterscheiden entscheidet sich die Beobachtung für etwas im Hinblick auf anderes. Es gibt ihn nicht, den Ort, an dem man erst einmal nachdenken könnte, bevor man unterscheidet. Auch das Nachdenken über irgendetwas lebt von Unterschieden, die als Asymmetrien funktionieren.

Diese basale Unvermeidbarkeit von Asymmetrien ist es, die den Gedanken nährt, dass miteinander reden, mehr Partizipation, mehr Konsens hilfreich sein könnten. In unserem Alltag wird immerzu etwas weggelassen, jemand nicht gehört, etwas unsichtbar gemacht. Asymmetrien stabilisieren sich einfach aus sich selbst heraus, weil so vieles andere möglich wäre. Bestimmte Themen, Stereotype, soziale Kategorien bewähren sich in einem undurchsichtigen Alltag und gewinnen dadurch an Attraktivität. Personenmerkmale rücken in den Vordergrund und schaffen Erwartungshaltungen, negative wie positive. Sie werden unvermeidbar. Nicht wir schaffen diese Asymmetrien, sondern die Asymmetrien finden uns. Alles, was Zeit spart, gewinnt hier an Plausibilität: Geld, Status, Macht, Vertrauen, aber eben auch die großen Kategorien der Ungleichheit erlauben es, die Vielfalt an Themen und möglichen Themenbeiträgern einzuschränken. Was wäre möglich, wenn wir nicht von vornherein schon immer eingeschränkt wären?

Asymmetrien sind gar nicht so stabil

Es hilft, sich anzuschauen, wie diese Kategorien der Ungleichheit jeweils auf ganz unterschiedliche Kontexte verweisen. Wir sind heute Mitarbeiter, Kolleginnen, Vorgesetzte, Ehefrauen, Mütter, Kinder, Käufer, Nachbarn, Wählerinnen, Patienten, Rechtssubjekte, Frauen, Deutsche, Ausländer. Für die Soziologie ist es eine empirische Frage, wie sehr und wie kontinuierlich wir heute Inhaber von Geschlechterrollen oder Migrationshintergründen oder sexueller Identität sind. Liest man diesen Text als Mann oder Frau? Als Deutscher mit oder ohne migrantischen Hintergrund? Schreibt man ihn als junger oder alter Mensch? Kauft man Brötchen oder Zeitungen als Christ oder Muslim? All dies sind offene empirische Fragen, die man nur beantworten kann, wenn man sich die Adressierungen jeweils genauer anschaut. Sind wir immer Ausländer, hilfsbedürftig oder Wähler?

Die Frage beantwortet sich von alleine und soll nur zeigen, wie vielfältig die möglichen Unterscheidungsmerkmale einer modernen Gesellschaft sind. Diese Vielfalt muss man berücksichtigen, wenn man sich für ein modernes Erleben von Symmetrien und Asymmetrien interessiert. Die Menge an Asymmetrien ist unüberschaubar, keine individuelle Komposition aus diesen unterschiedlichsten Inklusionsmöglichkeiten ist miteinander vergleichbar. Nicht jede Asymmetrie ist problematisch, nicht jede stabilisiert sich über Kontexte hinweg, denn die moderne Gesellschaft beginnt nicht mit personalen Asymmetrien. Sie braucht sie eigentlich nicht. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen und stereotype Kategorisierungen nicht künstlich über Kontexte hinweg zu verlängern. Exakt das tun wir aber, wenn wir uns wissenschaftlich mit Sensibilität ausstatten und die Bedeutung solcher Asymmetrien überall wiederfinden.

An vielen Asymmetrien ist niemand schuld

Als ungleich erscheinen Männer und Frauen nicht nur, weil sie unterschiedlich viel verdienen und die Aufteilung der Hausarbeit so schwierig ist, sondern auch, weil es innerhalb von Beziehungen Ungleichheiten gibt, die man kaum kontrollieren kann. Kinder werden von Frauen geboren und wenn sie darüber hinaus auch noch gestillt werden, läuft das auf die Privilegierung der Mütter hinaus. Für Väter ist das kränkend und man kann sich jetzt überlegen, wie man diese Ungleichheit zwischen Vätern und Müttern von vornherein verhindert. Das ist sicherlich machbar und vielleicht auch nicht falsch – Babys sind sehr anpassungsfähig –, aber ist es der richtige Umgang mit Ungleichheiten? Bis zu welchem Punkt müsste man die Ungleichheit, die durch das Gebären entsteht, beseitigen? Schon wenige Monate nach der Geburt erweitert sich der Radius des Babys von alleine. Wäre es nicht denkbar, diese temporäre Asymmetrie schlicht auszuhalten? Keiner hat sie verschuldet, es gibt sie einfach.

Auch die Unterscheidung religiöser Bekenntnisse verweist auf solche unvermeidbaren Asymmetrien. Wir stürzen in Glaubenszweifel, wenn wir feststellen, dass wir zwar nur zufällig in dieser speziellen religiösen Kultur aufgewachsen sind, dass wir diese zufällige Prägung aber nicht so einfach ablegen können und sie vielleicht sogar mögen. Wird man schuldig gegenüber anderen Bekenntnissen, wenn man sich im Alltag an hochkulturellen Spiegelungen dieser historisch entstandenen Glaubenspraxis erfreut? Ohne Zweifel leiden Gläubige mit anderen Vorstellungen von Gott und der Welt darunter, dass sie nicht gleichermaßen ihre eigenen Symbole im Alltag wiederfinden. Selbst wenn man alle religiösen Symbole tilgen würde, stieße man noch auf eine religiös geprägte Historie. In einer globalisierten Welt mit unterschiedlichen Religionen und Wanderungsbewegungen lässt sich das nicht vermeiden. Taktgefühl wäre hier besser als Schuldgefühl.

Wir müssen uns arrangieren mit Asymmetrien, die unseren unkontrollierbaren Alltag aus den banalsten Gründen heraus einfach bevölkern, obwohl wir es gar nicht wollen. Asymmetrien fallen ganz beiläufig im Alltag an, sind oft unerklärlich und lassen sich manchmal am besten verstehen, wenn man sich einfach damit arrangiert, dass es so ist. Das heißt nicht, dass man nicht helfen kann oder mit diesen Unterschieden nicht vorsichtig hantieren sollte. Es bedeutet lediglich, dass es für viele Asymmetrien keinen Schuldigen gibt.

Asymmetrien entstehen durch Zeitknappheit

Viele Asymmetrien entstehen schlicht aufgrund der Zeitlichkeit alles Sozialen. Könnte man die Knappheit von Zeit abschaffen, wäre vieles denkbar, was es praktisch nicht gibt. Insofern ist die Kritik des Soziologen Hartmut Rosa an einer beschleunigten Gesellschaft[1] durchaus plausibel, und sie setzt – im Unterschied zu anderen Formen der Gesellschaftskritik – sogar an dem vielleicht wichtigsten Hebel an, einer Asymmetrien schaffenden Zeitlichkeit, die sich aber leider durch Kritik nicht außer Kraft setzen lässt. Wie schön wäre doch die Welt, könnte man die Zeit anhalten und alles gleichzeitig machen, was man sich vorgenommen hat! Wie schön wäre doch die Welt, könnte man unendlich lange über die wichtigen Themen nachdenken, ohne auf die Uhr schauen zu müssen! Wie schön wäre doch die Welt, könnte man alle erst einmal befragen, wie sie die Welt haben wollen, bevor man sie gestaltet! Es gibt diesen Stillstand nicht, es gibt keine Unendlichkeit der Zeitressourcen, man kann sich die Zeit noch nicht einmal kaufen. Sie läuft auch dann ab, wenn man sich von anderen Zwängen befreit.

Der Soziologe Armin Nassehi beschreibt unsere Gesellschaft als "Gesellschaft der Gegenwarten", um zu verdeutlichen, dass wir alles, was passiert, hier und jetzt in Echtzeit machen müssen. Die Strukturen, von denen wir so gerne reden, die immer gleichen Abläufe, die reflexhaften Antworten, die erklärungsbedürftige Plausibilität von Geld, die symbolischen Gesten der Politik verdanken sich alle ihrer Fähigkeit, im Moment, in genau diesem Moment Komplexität aufzulösen und weitermachen zu können. Aus diesem Grund beschreibt Nassehi die Gesellschaft als eine Bühne mit "unterschiedlichen Rollen", die "weder von einem zentralen Regisseur aufeinander abgestimmt werden noch ein Skript haben, an dem sie sich abarbeiten können. Wenn man dieses Bild weiter bemühen will, spielt auf der Bühne Gesellschaft eher eine Laienspielschar, die, zur Echtzeit gezwungen, weder Probe noch Korrekturmöglichkeiten hat, sondern ihre Struktur gewissermaßen improvisieren muss und dennoch zu Selbststabilisierungen auch im Hinblick auf die Wechselseitigkeit der operativ voneinander unabhängigen Funktionssysteme kommt. Es ist fundamental eine Gesellschaft der Gegenwarten."[2]

Der Blick auf die Bühnen einer "Gesellschaft der Gegenwarten", auf denen wir alle improvisieren, zeigt, wieso die bereits eingeführten Asymmetrien sich immer wieder selbst stabilisieren. Wir halten zwar die Rollen für austauschbar, freuen uns dann aber doch, wenn wir an unsere Erfahrungen mit bestimmten Rollen anknüpfen können. Das gilt auch für die Frauenbeauftragten, die mit der Schuhkarton-Aktion nur einem Beobachtungsmuster folgen, das sie qua Amt eingeübt haben. Und auch wenn man hier mehr Reflexion einfordern würde, ließen sich nicht alle unsere Gegenwarten auf diese Weise kontrollieren. Es sind einfach zu viele. Man kann das als verantwortungslos kritisieren, aber es ändert nichts an der Tatsache, dass es so ist.

Asymmetrien können sehr funktional sein

Organisationen gibt es nur, weil sie Asymmetrien stabilisieren. Organisationen sind sozusagen Asymmetrien, insofern sie Entscheidungswege festlegen, die bestimmten Mitgliedern mehr Möglichkeiten einräumen als anderen. Vor allem dafür braucht man Organisationen. Nicht auf allen Ebenen kann alles entschieden werden. Abteilungen ermöglichen Spezialisierungen, und Hierarchieebenen stellen sicher, dass – obwohl vieles sinnvoll wäre – nur bestimmte Vorschläge in die engere Auswahl kommen. Dies alles gelingt den Organisationen vor allem über Zeitknappheit, und exakt das macht die Asymmetrien innerhalb von Organisationen noch erklärungsbedürftiger. Gerade weil die Zeitknappheit in Organisationen ein typischer guter Grund ist, denkt man, dass besser hätte entschieden werden können, wenn man mehr Zeit gehabt hätte. Aber es ist gerade umgekehrt: Weil man wenig Zeit hat, kann man entscheiden. Die Zeitknappheit selbst ist eigentlich die höchste Hierarchieebene, weil sie auch dem Chef die Entscheidungen aufzwingt.

Wie ein Chef aussieht, der mehr zu sagen hat als andere, lässt sich ganz gut am Beispiel der Beziehung zwischen Arzt und Patient studieren. Es macht einen Unterschied aus, wie ein Arzt einen Patienten anspricht, ob er einem liegenden Patienten gegenübersteht, ob er ihm in die Augen schaut oder ob er mit ganz anderem beschäftigt ist, während er mit dem Patienten spricht. Aber es ist gerade in Bezug auf diese Situationen noch ganz anders, als man es jetzt denken würde. Wir alle vermuten, dass die Kommunikation auf Augenhöhe die beste Grundlage für ein gutes Gespräch ist. Aber ist das wirklich immer so?

In Studien zur Arzt-Patienten-Kommunikation kann man auch ganz andere Aspekte sehen. So schildern beispielsweise Onkologen, die in der Situation sind, eine Diagnose zu überbringen, dass die Patienten mit entweder guten oder schlechten Nachrichten rechnen, aber nicht mit einem Austausch über beispielsweise Kinder und Enkelkinder und Urlaubsorte. Im Gegenteil: Wenn der Arzt erst einmal über die Familie reden will, um eine gute Basis für ein Gespräch zu schaffen, dann rutscht dem Patienten das Herz in die Hose, weil er denkt, dass dies nur ein Zeichen für eine schlechte Nachricht sein könne. Der Patient, der auf eine Diagnose wartet, will klare Sätze und kein nettes Drumherum.

Dieses Beispiel für funktionale Asymmetrien soll zeigen, wie sehr wir solche Situationen im Alltag ausblenden, wenn wir symmetrische Kommunikationsstile fordern. Solche stark asymmetrischen Situationen sind oft so plausibel – es liegt ein Notfall vor, es muss alles schnell gehen –, dass sie sich einer systematischen Analyse entziehen. So geht es zumindest der Medizinsoziologie, deren Lieblingsthema die Kritik am dominanten Arzt ist. Soziologen können so etwas nur kritisieren, wenn sie dabei ausblenden, dass sie jetzt gerade nicht krank sind – denn sonst würden sie sehen, wie sehr sie sich in so einem Fall einen paternalistischen Arzt wünschen, der genau weiß, was zu tun ist.[3]

Was ist so schlimm am besseren Wissen, an der größeren Erfahrung? Die Idee der Gleichheit ist offenbar viel radikaler, als wir denken, wenn wir über Partizipationsbedürfnisse unterdrückter Gruppen nachdenken, denn sie lässt sich nicht nur auf Personen, sondern auch auf sachliche Unterscheidungen beziehen. Wie radikal unsere Symmetrieerwartungen sind, lässt sich auch an den Problemen aufzeigen, die Studierende an Universitäten mit dem guten Argument haben. Nach Jürgen Habermas sollten wir alle deshalb gleich sein, weil wir nur dann das gute Argument überhaupt erkennen können. Das gute Argument sollte nicht von Statusunterschieden, Besitz, mehr Eloquenz bestimmt sein. Dem würden wir im Alltag alle zustimmen, und wir kennen auch Situationen, in denen inhaltliche Fragen hinter Machtfragen zurücktreten. Für Studierende zumindest der nicht-naturwissenschaftlichen Fächer ist es heute aber auch schon problematisch, wenn sie sich vorstellen, dass sich derjenige durchsetzt, der ein gutes Argument hat. Sollten nicht alle Argumente eine Chance haben? Müssen nicht auch die Argumente berücksichtigt werden, die sonst immer widerlegt werden? Sind gute Argumente vielleicht dann gut, wenn sie von jemandem formuliert werden, der sonst nicht gehört wird? Ist es legitim, wenn der Professor mit seinem vielen Wissen öfter Recht hat? Ist es besser, wenn man in ein Seminar geht und das Gefühl hat, dass man sofort und umstandslos mitreden kann? Viele Studierende erwarten sich viel von einer Theorie, die alle Wahrheiten miteinander versöhnt. Sie warten geduldig auf eine harmonisierende Vermischung von verschiedenen Elementen, die vielleicht sogar etwas aussagelos ist, dafür aber demonstriert, dass alle etwas Recht haben.

Diese Beispiele zeigen, wie potent unsere modernen Symmetrieerwartungen sind und wie unabgeschlossen der Diskurs über legitime und illegitime Ungleichheiten ist. Man muss eine Idee davon haben, wie funktional Asymmetrien sind und dass sie manchmal auch gut sind, wenn man sich in modernen Organisationen mit ihren erwartbaren Symmetrieansprüchen bewegt.

Der Hinweis auf die Funktionalität von Asymmetrien soll nicht bedeuten, dass die alten Asymmetrien besser waren. Er soll nur zeigen, dass wir mit einem geschärften Blick auf das Verhältnis von Symmetrieerwartungen und Asymmetrien mehr darüber erfahren, wie grundsätzlich Asymmetrien in unseren Alltag eingelassen sind. Wir müssen sie genauer anschauen, die Ungleichheiten, die Unterschiede, die Asymmetrien. Wir müssen darüber reden, welche Arten von Asymmetrien wir nicht wollen, aber auch, welche Asymmetrien wir haben wollen, welche Asymmetrien wir gar nicht vermeiden können und welche Asymmetrien einfach zufällig anfallen.
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Fußnoten

1.
Vgl. Hartmut Rosa, Beschleunigung und Entfremdung – Entwurf einer kritischen Theorie spätmoderner Zeitlichkeit, Frankfurt/M. 2013.
2.
Armin Nassehi, Gesellschaft der Gegenwarten. Studien zur Theorie der modernen Gesellschaft II, Berlin 2011, S. 165.
3.
Vgl. Irmhild Saake, Die Performanz des Medizinischen. Zur Asymmetrie in der Arzt-Patienten-Interaktion, in: Soziale Welt, 54 (2003) 4, S. 429–460.

Irmhild Saake

Zur Person

Irmhild Saake

Dr. phil., geb. 1965; Akademische Rätin am Institut für Soziologie der Ludwig-Maximilians-Universität München, Konradstraße 6, 80801 München. saake@soziologie.uni-muenchen.de


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