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9.9.2016

Der Neue Mensch im Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus

Der Schriftsteller Franz Werfel entwarf in Vorträgen, die er 1932 in Deutschland hielt, das Bild eines typischen Mannes von der Straße, eines vom Weltkrieg erschütterten, an Vernunft und Wissenschaft verzweifelnden Zeitgenossen. Dieser Mann hat zwei Söhne, die fortstrebend von ihrem Ich sich leidenschaftlich einer höheren Ordnung unterwerfen: der eine dem Kommunismus und der andere dem Nationalsozialismus. Beide Bewegungen, bisweilen auch als "politische Religionen" bezeichnet, boten eine Weltanschauung, die letztendlich mit anderen Konzeptionen, auch mit den existierenden religiösen Traditionen, unvereinbar war, und beanspruchten den Platz, den die überlieferte Religion in der Vergangenheit eingenommen hatte. Neben der Übernahme "religiöser Inhalte" (Dogma, Apokalypse und Eschatologie, Messianismus) erfüllten beide Bewegungen sowohl für die Gesellschaft als auch für das Individuum bestimmte Funktionen traditioneller Religionen.[1]

Nicht zuletzt übernahmen "politische Religionen" von den christlichen Religionen die Suche nach dem und die Konstruktion des Neuen Menschen. In Anlehnung an Helmuth Plessner, Max Scheler und Arnold Gehlen weist der deutsche Theologe, Religions- und Kultursoziologe Gottfried Küenzlen darauf hin, dass als eine entscheidende Voraussetzung für jegliche Form von Religion das anthropologische Angelegtsein auf Selbsttranszendenz dem Menschen die Möglichkeit eröffnet, "nach dem Neusein seiner selbst zu fragen".[2] Unter den verschiedenen Antworten auf Fragen nach dem Grund der "Daseinskontingenzen" bildet die Suche nach dem Neuen Menschen eine mögliche Strategie der Entlastung und schließlich der Befreiung von Daseinsunsicherheit und -ohnmacht. Das neue Leben kann sich erst nach dem Tod – beispielsweise in einem Totenreich – oder bereits im Diesseits durch Neu- und Wiedergeburt – wie beispielsweise in Reinkarnationsvorstellungen oder im schamanistischen Erlebnis des Neugeborenwerdens – realisieren.[3] Im Laufe des Säkularisierungsprozesses wurde die Vorstellung vom Neuen Menschen transformiert. Nicht länger wird dessen Realisierung auf das Jenseits verschoben und dem Willen und der Gnade Gottes zugeschrieben. Der nun von der Menschheit selbst konstruierte Neue Mensch sollte im Diesseits als ein irdisches Wesen entstehen. Die in die "rastlose, leidenschaftliche, von den verwegensten Phantasien getragene Suche nach großen, definitiven Auswegen, Lösungen und Weltentwürfen" eingebettete Sehnsucht nach dem Neuen Menschen war um 1900 ein "Thema der Zeit"[4] und "eine der großen Gedankenfiguren", die "sich bei zahlreichen Repräsentanten der damaligen intellektuellen Avantgarde in Deutschland ebenso wie im Zarenreich" fand.[5] Die Suche nach dem Neuen Menschen kann dabei als eine Reaktion auf die von vielen Zeitgenossinnen und Zeitgenossen als tief empfundene Krise des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts interpretiert werden.

Der Neue Mensch im Nationalsozialismus



Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verband die Sehnsucht nach "wahrer" Gemeinschaft und dem ganzheitlichen Menschen, die Suche nach direktem, "authentischem" Erleben und Abenteuer sowie nach jugendlicher Autonomie und der Wunsch, sich zu bewähren und Verantwortung zu übernehmen, viele junge Menschen in Deutschland und grenzte sie von der Generation der Eltern ab.[6] In den zur deutschen Jugendbewegung gezählten, im Hinblick auf Motivlagen sowie weltanschaulichen und politischen Orientierungen doch sehr unterschiedlichen Gruppierungen lassen sich auch eine Reihe von Gemeinsamkeiten festmachen: Leben, verstanden als das "Ungestüme" und "Ausbruchshafte" wurde – nicht selten berief man sich hier auf Friedrich Nietzsche – zur zentralen Botschaft, die es gegen bürgerliche Konventionen, Nützlichkeitsdenken und Rationalismus zu verteidigen galt.[7] Die "Natur" wurde nicht nur als Flucht- und Erholungsort der Stadt gegenübergestellt, sondern wurde, wie Küenzlen ausführt, "in religiöser Erhöhung eine Heilkategorie"; Jugend wiederum wurde zur "Hoffnungskategorie", der die Vitalität und Kraft zugeschrieben wurde, einen Neuen Menschen zu schaffen. Gerade die religiöse Dimension der unterschiedlichen Strömungen der Jugendbewegung sei für diese charakteristisch und zeige sich bei deren zentralen Inhalten: bei der "Entdeckung des Körpers, der Bedeutung von Gemeinschaft, der Gruppe, des Bundes, des Volkes, der Vorstellung vom 'Führer', der Betonung sittlicher Grundsätze (innerer Wahrhaftigkeit, Hingabe, Wahrheitswillen, Pflichtbewusstsein usw.)".[8] In deren erster Phase, zu der die Bewegungen des Wandervogels und des Freideutschtums gezählt werden, hatten völkische Tendenzen eher die Ausnahme gebildet, während in der zweiten, in der bündischen Phase ab 1923, die soziale Organisation der Bewegungen straffer und militärisch überformt wurde: "Der losen, auf zwischenmenschliche Beziehungen ausgerichteten, eher informellen Bindung in der Wandervogelhorde folgen festere, militaristischere Gruppenformen."[9] Teilweise deckten sich die Ziele der Bündischen Jugend mit jenen der Hitlerjugend: Beide dachten "völkisch"; "Führer", "Gefolgschaft" und "Volksgemeinschaft" waren ihre Leitbegriffe.

Die Schaffung eines Neuen Menschen war schließlich auch ein Teil der nationalsozialistischen Doktrin von der allumfassenden "Erneuerung",[10] wobei der Führer als "stets präsentes und zugleich entrücktes Vorbild" den Neuen Menschen in Reinform symbolisierte.[11] Aus den rassistischen Grundannahmen Hitlers lassen sich folgende, für die Schaffung des Neuen Menschen relevante Elemente ableiten: erstens die sozial-biologische Unterscheidung von Menschen nach ihrer angeblich "rassischen" Herkunft und Wertigkeit in "wertvolle" und in "minderwertige" Menschen mit jeweils unterschiedlichem Anspruch auf Leben; zweitens die Fiktion einer "reinrassigen und erbbiologisch gesunden Volksgemeinschaft" als oberster Wert und Staatszweck; drittens die Vorstellung einer auf dem Führer-Gefolgschafts-Prinzip basierenden Volksordnung; und viertens der Anspruch des "Herrenvolkes" auf "Lebensraum". Darauf basierten nationalsozialistische Erziehungsgrundsätze und -prinzipien wie die "Erhaltung, Pflege und Entwicklung der besten rassischen Elemente", deren "Züchtung" zu wertvollen Gliedern "für eine spätere Weitervermehrung" sowie die "Neubewertung des Verhältnisses von geistiger, körperlicher und charakterlicher Erziehung".[12]

Bereits in "Mein Kampf" hatte Hitler die Grundsätze für den Sport- und Geschichtsunterricht sowie die Orientierung am Heer als der "höchsten Schule vaterländischer Erziehung" festgelegt. Unhintergehbare Voraussetzung für die "Neuwerdung" war die "rassische Gesundheit" beziehungsweise "Blutreinheit".[13] Mit dieser eng verbunden war die körperliche Gesundheit, der Hitler im Rahmen der Erziehung oberste Priorität einräumte. Der charakterlichen Erziehung wiederum wurde ein höherer Wert als der wissenschaftlichen Erziehung beigemessen. Die staatliche nachschulische Erziehung sollte für die männliche Jugend schließlich in der militärischen Ausbildung gipfeln.[14] Die "Um-" beziehungsweise "Formationserziehung" sollte dabei vorrangig durch "ständige Mobilisierung und Reproduktion von partei-, später regime-konformer Gesinnung und deren Kontrolle erfolgen. Die dafür nötigen Ausdrucks- und Interaktionsformen (Paraden, Demonstrationen, Rituale) trennte Hitler geschickt 'aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen (Militär, Arbeiterbewegung, Kirche, Werbung) von den ihnen traditionell zugeordneten Inhalten ab' und machte sie 'der Agitation für das zu erwartende Dritte Reich und damit dem emotionalen Konsum von Sehnsuchtsgefühlen und Omnipotenzphantasien verfügbar'. (…) Dieses Muster diente später als Vorbild für alle anderen Organisationen mit einem (Um-)Erziehungsanspruch, insbesondere für Hitler-Jugend (HJ), Bund Deutscher Mädel (BDM) und Reichsarbeitsdienst (RAD), wobei (…) Lager und Kolonne die adäquaten Mittel des Nazifizierungsprozesses darstellten."[15]

Zum Zweck der Schaffung des Neuen Menschen sollte das Leben des Einzelnen von der Wiege bis zur Bahre organisiert werden. Der erste Schritt auf diesem Wege war die "effektive" Sozialisation der Kinder und Jugendlichen. In Fragen der Erziehung erhob das "Dritte Reich" den Alleinvertretungsanspruch. Die älteren Kinder und die Jugendlichen wurden im Verband des Jungvolkes (zu diesem zählten die 10- bis 14-Jährigen, die sogenannten Pimpfe), im Verband der Jungmädel (10- bis 14-Jährige), im BDM und in der HJ mit nationalsozialistischen Inhalten vertraut gemacht und zur körperlichen Ertüchtigung, die bei den Jugendlichen durchaus bereits von paramilitärischem Charakter war, erzogen: "Die Gesinnungsgemeinschaft sollte zur 'Formation' werden."[16]

1928 wurde Baldur von Schirach zum Reichsführer des NS-Studentenbundes, 1931 zum Reichsjugendführer der NSDAP und schließlich 1933 zum "Jugendführer des Deutschen Reiches" ernannt. Schirachs Interesse an der Jugend entsprang jedoch nicht nur machtpolitischem Kalkül, sondern für den Reichsjugendführer symbolisierte die nationalsozialistische Bewegung, indem sie die alte Ordnung hinwegfegte, einen "Neubeginn". Jugend war für Schirach ein Wert an sich: Die vitale Jugend wird bei ihm messianisch zum Träger einer Mission, zu den entscheidenden Akteurinnen und Akteuren der nahen Zukunft, die zwar für den letzten Krieg "zu spät" gekommen seien, sich jedoch nun in einer "mystischen Gemeinschaft mit den Weltkriegsgefallenen" wiederfinden.[17]

1936 wollte Schirach Hitler einen ganzen Jahrgang zum Geburtstag schenken: Alle Zehnjährigen sollten am 20. April in das Jungvolk beziehungsweise in den Jungmädelbund eintreten. Mithilfe umfassender Werbe- und Propagandatätigkeit in Rundfunk, in den Kinos, in Schulen und auf Sportveranstaltungen konnte Schirach rund 90 Prozent des Jahrgangs für die Jugendorganisationen gewinnen. 1939 wurde schließlich die Zwangsmitgliedschaft in der "Staatsjugend" eingeführt; bereits zuvor war die HJ, die jede freie Minute der Jugendlichen bestimmte, zum wichtigsten Erziehungsträger neben Schule und Elternhaus geworden. Sport, Singen, ausgedehnte Fahrten und Zeltlager, Heimatabende, an denen die Kinder "weltanschaulich" geschult wurden, Reichssportwettkämpfe und vieles mehr fanden im Rahmen der HJ statt, die Anfang 1939 Sondereinheiten – beispielsweise die Marine-HJ, die Motor-HJ, die Flieger-HJ und die Nachrichten-HJ – bildete. Der "Schulung von Körper und Geist" waren auch die Mädchen verpflichtet, denn insbesondere sie seien für "die Reinerhaltung des Blutes als Teil des nationalen Blutbestandes" verantwortlich. Demgemäß hätten sie ihre "körperlichen Anlagen so zu entwickeln, daß die von ihnen weitergegebene Erbmasse die Nation bereichert". Der Neue Mensch sollte "gesund, kräftig, stark, wenn möglich blond (…) und selbstverständlich arisch sein".[18] Die nationalsozialistischen Jugendlichen waren also umgeben von einem Netz von Organisationen, die sie in das Kollektiv eingliedern, ferner die Ausbildung individueller Identitäten verhindern und die Jugendlichen schließlich "gleichschalten" sollten.


Der Neue Mensch im Sowjetkommunismus



Die Schaffung eines Neuen Menschen war auch ein Heilsziel der Revolution von 1917, auf die sich nicht nur die Hoffnungen vieler Menschen in der Sowjetunion richteten, sondern auch jene des marxistischen Flügels in der westeuropäischen Arbeiterbewegung und eines Teils der "westeuropäischen Kulturintelligenz".[19] Dabei war die Vorstellung eines Neuen Menschen, der in Russland nach einem soziopolitischen Umbruch aus dem unterdrückten, ungebildeten Volk entstehen werde, bereits eine Leitidee der vorrevolutionären russischen Intelligenz gewesen.[20] In Dostojewskis "Dämonen" (1872) zeigt sich dieses Motiv insbesondere in der Gestalt des jungen Ingenieurs Kirillow, der sich selbst als verkörperter Vorläufer des Neuen Menschen sieht. Durch die "Vernichtung Gottes" werde dem Neuen Menschen der Weg bereitet. Kirillow teilt nun die Geschichte in zwei Abschnitte: vom Gorilla bis zur Vernichtung Gottes und von der Vernichtung Gottes bis zur physischen Umgestaltung der Erde und des Menschen.[21] Daran knüpften die russischen Revolutionäre von 1917 nicht nur inhaltlich an,[22] sondern sie übernahmen von der vorrevolutionären russischen Intelligenzija auch, wie der Historiker Klaus-Georg Riegel ausführt, die "Kombination von ethischem Rigorismus und revolutionärer Praxis".[23]

Der Schriftsteller Andrej Sinjawskij beschreibt die ersten Jahre nach der Revolution als eine Zeit der Entfaltung schöpferischer Energien: Karrieren jenseits der alten Klassenstrukturen wurden möglich, Bildung für alle wurde angeboten. Im Bereich der Kunst zeichneten die Futuristen in phantastischen Metaphern eine neue Zukunft, hier verbanden sich "utilitaristisches Pathos" mit beeindruckender "Phantastik", konkrete Taten mit erhabenen Ideen, Theorie mit Praxis. Kunst als Wert an sich wurde der Idee des Nutzens, der Idee der Revolution, unterworfen: "Und das bis auf die Spitze getriebene utilitaristische Denken wurde zum wichtigsten Zug des psychologischen Typus 'Bolschewik'."[24] Mit dem Begriff "Sowjetmensch" sei unweigerlich das Gefühl der Überlegenheit verknüpft gewesen, wobei es sich allerdings in der Regel nicht um persönliche Qualitäten oder Eigenschaften handelte, sondern um eine Folge der Zugehörigkeit zur realisierten Utopie. Hatte im zaristischen Russland das aristokratische Ethos das öffentliche Leben dominiert, war es nun das bolschewistische. Die Bolschewiki als "politische und moralische Avantgarde" waren die neue Elite, deren Status sich auf ihre Kinder übertrug. Moral war für diese keine abstrakte Größe, sondern das, was dem Proletariat im Klassenkampf hilft.[25]

In seinem Buch "Die Flüsterer" widmet der britische Historiker Orlando Figes den "Kindern von 1917" ein Kapitel. Eines dieser Kinder, die Anfang des Jahrhunderts geborene Jelisaweta Drabkina, war die Tochter eines Revolutionärs der ersten Stunde, der nach der misslungenen Revolution von 1905 zwölf Jahre lang im revolutionären Untergrund gelebt hatte. Sie charakterisiert den Habitus der bolschewistischen Revolutionäre folgendermaßen: "In ihren Kreisen, in denen jeder Bolschewik seine persönlichen Interessen der gemeinsamen Sache unterzuordnen hatte, galt es als 'spießbürgerlich', an sein Privatleben zu denken, solange die Partei in das entscheidende Ringen für die Befreiung der Menschheit verwickelt war." Die Bolschewiki schufen einen Kult des "selbstlosen Revolutionärs", wobei der revolutionäre Aktivist als "Urbild eines neuen Menschentyps", nämlich dem einer "kollektiven Persönlichkeit", figuriert. Die "bürgerliche" Trennung von Privatheit und Öffentlichkeit sei aufzuheben, denn nichts im sogenannten Privatleben eines Menschen sei unpolitisch.[26]

Zur Zeit des Bürgerkrieges kämpften die Bolschewiki an der "inneren Front" gegen die "Bourgeoisie", gegen frühere zaristische Beamte, Grundbesitzer, Kaufleute, "Kulaken", kleine Händler und die alte Intelligenzija. Nach dem Ende des Bürgerkrieges galt der "innere Kampf" nun dem Individualismus. Die "sogenannte Sphäre des Privatlebens dürfen wir nicht unbeachtet lassen", so der erste Volkskommissar für das Bildungswesen Anatoli Lunatscharski 1927, "denn hier liegt das zu erreichende Endziel der Revolution": die Schaffung des neuen Sowjetmenschen. Folgt man Leo Trotzki, führt der Mensch im Zuge seiner "Weiterentwicklung" eine "Säuberung von oben nach unten durch: Zuerst säubert er sich von Gott, dann säubert er die Grundlagen des Staatswesens vom Zaren, dann die Wirtschaft von Chaos und Konkurrenz und schließlich seine Innenwelt von allem Unbewußten und Finsteren."[27]

Der erfolgreichen Sozialisierung der Kinder stehe die Familie im Wege, denn, "wenn die Familie ein Kind liebt", so die sowjetische Erziehungswissenschaftlerin Slata Lilina, "macht sie es zu einem egoistischen Wesen und ermutigt es, sich als Mittelpunkt des Universums zu betrachten". Diese "egoistische Liebe" zu den eigenen Kindern sollte durch eine "rationale Liebe" einer "erweiterten sozialen Familie" ersetzt werden.[28] Schulen und kommunistische Kinder- und Jugendverbände, beispielsweise die 1922 nach dem Vorbild der Pfadfinder gegründeten Pioniere und die als "Reservearmee für junge Aktivisten und enthusiastischen Parteinachwuchs"[29] geltende Jugendorganisation Komsomol, sollten die Normen und Werte der kommunistischen Gesellschaft vermitteln. Sogenannte progressive Schulen waren "Miniaturen des Sowjetsystems": Arbeitspläne und -leistungen dargestellt mithilfe von Diagrammen und Schaubildern an den Wänden dokumentierten den Einsatz der Schüler und Schülerinnen, Räte und Komitees kontrollierten den schulischen Alltag.[30]

"Neu" war in der Regel konnotiert mit "jung": "Der Kult der Jugendlichkeit, der Lobgesang auf die jugendliche Formbarkeit, Rücksichtslosigkeit, Stärke und Vitalität gehörte von Anfang an zur geistig-moralischen Grundausstattung des Bolschewismus."[31] Große Erziehungsexperimente, Arbeitskommunen und "Kinderlaboratorien" prägten die ersten Jahre der Sowjetunion mit,[32] wobei für die Schaffung eines Neuen Menschen der "autoritäre Schulmeister unabdingbar" war.[33] Auf die Masse der Arbeiterschaft und der Bauern richtete sich zunächst die wohlwollende Aufmerksamkeit der Partei: Der Werktätige müsse lesen und schreiben lernen, den Marxismus-Leninismus als einzig "wahre" Theorie und Anleitung zur Praxis kennenlernen sowie praktisch und technisch ausgebildet werden, um als Ingenieur von morgen möglichst bald die alte naturwissenschaftlich-technische Intelligenzija durch neue Kader ablösen zu können.[34]

Nach Ansicht Lenins hatte das sowjetische Russland die traditionelle "Sklavenmoral" und die Trägheit der Russen noch nicht überwunden. Der Neue Mensch sei also erst durch eine umfassende Kulturrevolution, insbesondere durch die industrielle Erneuerung Sowjetrusslands zu schaffen. Eine "scholastische Erziehungsdressur" lässt sich also bereits in der Lenin-Ära beobachten, nachdem alle Bürgerinnen und Bürger der Sowjetunion zu Mitgliedern einer internationalen, a-nationalen Nation, einer "neuen historischen Gemeinschaft" geworden waren: "Dieser neue 'Sowjetmensch' war eine neue Art von Mensch – herausgelöst aus seinen ethnisch-kulturellen oder ethnisch-nationalen Wurzeln und Eigenschaften."[35] Nach Lenin sollte die "gesamte Gesellschaft (…) ein Büro und eine Fabrik mit gleicher Arbeit und gleichem Lohn sein".[36] 1928 bemerkte Lunatscharski in diesem Zusammenhang, dass es eben nicht genüge, die Menschen zu unterrichten, man müsse die Sinne und den Willen verändern, ja den Charakter, die Natur des Menschen umbilden.

Die Generation der zwischen 1905 und 1915 Geborenen, die weder in der Schule nach traditionellen Werthaltungen sozialisiert worden waren noch an den blutigen Kämpfen der Revolution und des Bürgerkrieges aktiv teilgenommen hatten, sollte schließlich für das stalinistische Regime eine zentrale Rolle spielen.[37] Das stalinistische Programm forderte den Aufbau einer neuen Gesellschaft und zugleich auch die Transformation eines jeden Menschen; zentrale Begriffe der Stalinzeit wie "Umbau", "Umgraben", "Umkrempelung" und "Umerziehung" weisen darauf hin, dass es galt, sowohl den Einzelnen als auch die Gesellschaft umfassend zu verändern, wobei jedes Individuum verpflichtet war, sich an diesem Programm zu beteiligen. Der Neue Mensch sollte die Natur nach seinem Bilde schaffen und sich dabei selbst erneuern.

Schluss



"Politische Religionen" wie der Nationalsozialismus und der Sowjetkommunismus mit ihren apokalyptischen, eschatologischen und messianischen Zügen knüpften in ihren Vorstellungen vom Neuen Menschen an christliche Traditionen an und formten diese im Rahmen ihrer jeweiligen Weltanschauungen um.[38] "Erneuerung" nicht nur der Gesellschaft, sondern auch jedes Individuums wurde zur zentralen Kategorie: Die Schaffung einer neuen Welt ging in beiden Regimen mit dem Versuch der Schaffung eines Neuen Menschen einher.

Beide Ideologien knüpften dabei an die um die Jahrhundertwende sowohl in Deutschland als auch in Russland insbesondere in Intellektuellen- und Künstlerkreisen entwickelten Vorstellungen des Neuen Menschen an: "Physisch stark sollte er sein, der Neue Mensch, zugleich ausgestattet mit einem ausgeprägten Willen, intellektuell unverbildet, dafür aber instinktsicher und in Übereinstimmung mit seiner 'Natur' handelnd. Friedrich Nietzsches Vision vom 'Übermenschen', der sich seine eigene Welt in souveräner Verachtung christlicher Wertbezüge selbst schafft, hatte all diese 'menschheitlichen' Wandlungshoffnungen des Europäischen Fin de Siècle mehr oder weniger stark beeinflusst."[39]

Bei der Schaffung dieses Neuen Menschen kam der Erziehung von Kindern und Jugendlichen eine entscheidende Rolle zu. Daher strebten sowohl Nationalsozialismus als auch Sowjetkommunismus im Sinne einer "totalen Erziehung" danach, diese nicht nur in der Schule, sondern auch in zahlreichen außerschulischen Organisationen nach ihren "Dogmen" und mithilfe zahlreicher Rituale und Kulte zu prägen. Beide Weltanschauungen waren gegen den modernen Individualismus mit seinen individuellen Freiheitspostulaten gerichtet und stellten stattdessen – auch in der Erziehung – das jeweilige Kollektiv in den Mittelpunkt. Dem Ziel einer neuen Weltordnung waren die wichtigsten gesellschaftlichen Institutionen – unter anderem Familie und Schule – untergeordnet.

Insbesondere die in Russland nach 1917 und in Deutschland nach 1933 sozialisierten Kinder und Jugendlichen kannten weitgehend nur das neue System, außer ihnen waren – in der nur mehr sehr eingeschränkt vorhandenen Privatsphäre – noch divergente Norm- und Wertvorstellungen vermittelt worden.[40] Die Einhaltung der neuen Regeln und Wertmaßstäbe wurde durch ein umfassendes Überwachungssystem formeller und informeller Art abgesichert. Furcht vor Denunziation, Repression und Deportation hatten vielfach soziale Beziehungen, Freundschaften und Paarbeziehungen sowie traditionelle moralische Bindungen der Gesellschaftsmitglieder untereinander zerstört. Gerade im Projekt des Neuen Menschen enthüllt sich der totalitäre Charakter beider Systeme besonders deutlich.[41]
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Autor: Sabine A. Haring für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Der Beitrag basiert auf: Sabine A. Haring, Verheißung und Erlösung. Religion und ihre weltlichen Ersatzbildungen in Politik und Wissenschaft, Wien 2008; dies., Die Konstruktion eines "Neuen Menschen" im Sowjetkommunismus. Vom zaristischen zum stalinistischen Habitus in Design und Wirklichkeit, in: Lithes. Zeitschrift für Literatur- und Theatersoziologie 5/2010, S. 43–70.
2.
Vgl. Gottfried Küenzlen, Der Neue Mensch. Zur säkularen Religionsgeschichte der Moderne, München 19942, S. 31.
3.
Vgl. ebd., S. 25, S. 33–39, S. 53. Siehe auch den Beitrag von Gottfried Küenzlen in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
4.
Vgl. Gerd Koenen, Utopie der Säuberung. Was war der Kommunismus?, Berlin 1998, S. 125f.
5.
Vgl. Frank-Lothar Kroll, Endzeit, Apokalypse, Neuer Mensch, in: Uwe Backes (Hrsg.), Rechtsextreme Ideologien in Geschichte und Gegenwart, Köln u.a. 2003, S. 139–157, hier S. 142.
6.
Vgl. Hermann Glaser, Kulturchronik 1900–2005: So viel Neuer Mensch war nie wie nach 1900, in: Du: die Zeitschrift der Kultur 767/2006–2007, S. 66–73.
7.
Vgl. Rüdiger Safranski, Romantik. Eine Deutsche Affäre, München 2007, S. 302–308.
8.
Vgl. Küenzlen (Anm. 2), S. 153–160, Zitat S. 156f.
9.
Albrecht Lehmann, "Dann war ich 14, da kam man in die HJ!", in: Christoph Studt (Hrsg.), Das Dritte Reich. Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte 1933–1945, München 1995, S. 115–118, hier S. 116.
10.
Dabei existierten innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie durchaus unterschiedliche Vorstellungen vom Neuen Menschen, beispielsweise wenn man den Neuen Menschen in Alfred Rosenbergs "Mythos des 20. Jahrhunderts" mit jenem in Walther Darrés "Das Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse" vergleicht. Vgl. Kroll (Anm. 5), S. 145–148.
11.
Karl Dietrich Bracher, Zeitgeschichtliche Kontroversen. Um Faschismus, Totalitarismus, Demokratie, München 19762, S. 56.
12.
Wolfgang Keim, Erziehung unter der Nazi-Diktatur, Bd. 1, Darmstadt 1995, S. 15f.
13.
Adolf Hitler, Mein Kampf, 538.–542. Auflage, München 1940, S. 451.
14.
Ebd., S. 451, S. 459, S. 462, S. 475f.
15.
Keim (Anm. 12), S. 17f.
16.
Vgl. Harald Scholtz, Hitlerjugend, in: Christian Zentner/Friedemann Bedürftig (Hrsg.), Das große Lexikon des Dritten Reiches, Augsburg 1993, S. 264f.
17.
Vgl. Guido Knopp, Hitlers Helfer. Täter und Vollstrecker, München 1999, S. 110f.
18.
Baldur von Schirach, zit. nach ebd., S. 112–120.
19.
Vgl. Klaus-Georg Riegel, Der Marxismus-Leninismus als politische Religion, in: Hans Maier/Michael Schäfer (Hrsg.), "Totalitarismus" und "Politische Religionen". Konzepte des Diktaturvergleichs, Bd. 2, Paderborn u.a. 1997, S. 75–128, hier S. 82.
20.
Vgl. zur Ideengeschichte des Neuen Menschen in Russland u.a. Thomas Tetzner, Der kollektive Gott. Zur Ideengeschichte des "Neuen Menschen" in Russland, Göttingen 2013.
21.
Vgl. Andrej Sinjawskij, Der Traum vom Neuen Menschen oder Die Sowjetzivilisation, Frankfurt/M. 1989, S. 19–25.
22.
Vgl. ebd., S. 25.
23.
Vgl. Riegel (Anm. 19), S. 83f.
24.
Sinjawskij (Anm. 21), S. 74.
25.
Vgl. dazu u.a. Orlando Figes, Die Flüsterer. Leben in Stalins Russland, Berlin 2008, S. 82.
26.
Ebd., S. 39–44.
27.
Leo Trotzki, zit. nach Koenen (Anm. 4), S. 133.
28.
Zit. nach Figes (Anm. 25), S. 48ff.
29.
Ebd., S. 77.
30.
Vgl. ebd., S. 64–67, S. 141–147, S. 211.
31.
Koenen (Anm. 4), S. 128.
32.
Vgl. ebd., S. 128f.; Sinjawskij (Anm. 21), S. 204–244.
33.
Raymond Aron, Demokratie und Totalitarismus, Hamburg 1970, S. 182.
34.
Vgl. Sinjawskij (Anm. 21), S. 177, S. 207f.
35.
Kamaludin Gadshijew, Betrachtungen über den russischen Totalitarismus, in: Hans Maier (Hrsg.), "Totalitarismus" und "Politische Religionen". Konzepte des Diktaturvergleichs, Bd. 1, München u.a. 1996, S. 75–80, hier S. 79.
36.
Wladimir Iljitsch Lenin, Staat und Revolution, in: ders., Werke 25 (Juni bis September 1917), Berlin 19744, S. 393–507, hier S. 488.
37.
Vgl. Figes (Anm. 25), S. 78ff.
38.
Dem Anspruch nach überwindet der Neue Mensch den Habitus, aus dem er hervorgegangen ist. Der Neue Mensch bricht einerseits also mit dem Althergebrachten, ist andererseits jedoch gleichzeitig als Transformation und Amalgamierung traditioneller Ideen interpretierbar. Vgl. Haring (Anm. 1).
39.
Kroll (Anm. 5), S. 142f.
40.
Vgl. Figes (Anm. 25), S. 405. Gerade für die ausschließlich innerhalb der Regime sozialisierten Kinder und Jugendlichen gestaltete sich der Bruch mit diesen besonders schmerzhaft und schwierig.
41.
Vgl. Koenen (Anm. 4), S. 127.

Sabine A. Haring

Zur Person

Sabine A. Haring

ist Soziologin und Historikerin und assoziierte Professorin am Institut für Soziologie der Karl-Franzens-Universität Graz. sabine.haring@uni-graz.at


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