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20.1.2017

Gewaltmassen. Zum Zusammenhang von Gruppen, Menschenmassen und Gewalt

Die Gewaltausbrüche während der Ersten-Mai-Demonstration in Kreuzberg 1987, die Pogrome gegen Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda Anfang der 1990er Jahre, die Unruhen in Los Angeles 1992, die Ausschreitungen in französischen Banlieues 2005, die Jugendkrawalle in London und anderen englischen Städten 2011 oder die massenhaften sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16 finden deswegen eine so große Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit, weil die meisten Beobachterinnen und Beobachter mit solchen Gewaltexzessen nicht rechnen und entsprechend überrascht sind.[1] Sicherlich: In der Vergangenheit waren aus der Masse heraus verübte Gewaltdelikte im Rahmen von Volksfesten, Demonstrationen oder Hinrichtungen in Europa eher die Regel als die Ausnahme, und in einigen afrikanischen Großstädten und lateinamerikanischen Favelas kommen solche gewalttätigen Ausschreitungen etwa in Form von Lynchjustiz oder Übergriffen gegen ethnische Minderheiten auch heute noch häufiger vor – aber in Staaten mit einem funktionierenden Polizeiapparat und einem intakten Justizsystem sind derartige Vorfälle eher selten. Aber gerade, weil solche durch eine große Anzahl von Personen mehr oder minder spontan ausgelösten Gewaltausbrüche in modernen Staaten die Ausnahme sind, ist der Bedarf nach Erklärungen besonders groß. Wie lässt es sich erklären, dass plötzlich Hunderte von Personen gegen Gesetze verstoßen, indem sie andere mit Steinen und Brandbomben bewerfen, sie totzuschlagen versuchen oder sexuell nötigen?

Die Massenmedien – aber teilweise auch die Wissenschaft – identifizieren in der Regel die sozialstrukturellen Merkmale der an den Gewaltakten beteiligten Täterinnen und Täter. Bei den Ereignissen der Kölner Silvesternacht werden zum Beispiel die nordafrikanische Herkunft, der Migrationshintergrund und das jugendliche Alter hervorgehoben.[2] Oder es wird wie bei den Pogromen in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda auf das männliche Geschlecht, den erheblichen Alkoholkonsum oder die rechtsextreme Radikalisierung von sogenannten Wendeverlierern verwiesen.[3] Man hofft, eine Erklärung für solche überraschenden Gewaltexzesse zu finden, wenn man nur gut genug den familiären Hintergrund, die ethnische Herkunft, die Bildungsgeschichte, die ökonomische Situation und die Rauch- und Trinkgewohnheiten der Täter untersucht. An die identifizierten sozialstrukturellen Merkmale der Täter lagern sich in der öffentlichen Debatte häufig Vorurteile gegen ganze Bevölkerungsgruppen an. Die sozialstrukturellen Merkmale der Täter werden dann mehr oder minder explizit einem Bevölkerungssegment zugeschrieben, dem die Täter entstammen: Im Falle der Kölner Silvesternacht betraf das beispielsweise pauschal "die Nordafrikaner", im Falle der Pogrome von Rostock und Hoyerswerda "die Ossis".

Dabei wird häufig übersehen, dass die sich mehr oder weniger spontan ausbildenden Situationen von Massengewalt vielfältige Ähnlichkeiten aufweisen. Bei einer näheren Betrachtung der bereits erwähnten oder auch anderer Gewaltereignisse ist rasch zu erkennen, dass sich die Täter sozialstrukturell zwar erheblich unterscheiden, die Formen, wie sich die Gewalt entwickelt, aber vergleichbar sind.[4]

Phänomen der Gewaltmassen

Der Sozialpsychologe Gustave Le Bon hat darauf hingewiesen, dass sich in größeren Menschenansammlungen eine Eigendynamik entwickeln kann, aus der heraus es zu vielfältigen Formen von Übergriffen kommen kann.[5] Demzufolge werden die einzelnen Personen von der in der Masse entstehenden Dynamik förmlich mitgerissen, ja sie scheinen sich in einem nahezu rauschartigen Zustand zu befinden. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti, der in der Tradition Le Bons über das Verhalten von Massen geschrieben hat,[6] berichtet in seinen Erinnerungen, wie er selbst bei Arbeiterdemonstrationen nach dem Ersten Weltkrieg "zu einem Teil der Masse" wurde, "vollkommen in ihr aufging" und "nicht den leisesten Widerstand" gegen das verspürte, was die Masse unternahm.[7]

Die Überlegungen von Le Bon und Canetti zu einer sich aus der Masse heraus entwickelnden Gewalt können – ohne dass dies in den Sozialwissenschaften bisher ausreichend markiert wurde – als Vorläufer neuerer Gewaltforschungen betrachtet werden, die die Eigendynamik bei der Gewaltanwendung herausstellen.[8] Im Mittelpunkt dieser Forschung steht nicht mehr die instrumentell eingesetzte Gewalt, mit der klare, vorher definierte Ziele erreicht werden sollen, sondern die sich expressiv äußernde Gewalt, die sich häufig eher spontan entwickelt. Es geht bei dieser Art von Gewaltanwendung weniger um die "bedächtige, abgebremste Klugheit eines Handwerkers der Gewalt", sondern um den eskalierenden Gewaltakt, in dem nach "Blut gelechzt wird".[9]

Nun führen Massenansammlungen von Personen nicht automatisch zu Gewaltexzessen. Die meisten Rockkonzerte, Demonstrationen oder Volksfeste verlaufen, abgesehen von einzelnen meist isolierten Schlägereien oder sexuellen Übergriffen, gewaltfrei. Es gibt aber in Menschenmengen Mechanismen, die Gewaltanwendung befördern. Massen seien – so der Tenor in der Forschung über Massengewalt – mit Emotionen wie Angst, Anspannung, Verachtung und Wut aufgeladen, die sich in Gewaltakten entladen können. Werden diese nicht sofort unterbunden, scheint plötzlich in der Masse vieles möglich zu sein, was sonst verboten ist. Die Aufhebung der Normalität in der Masse verleitet auch Personen, die normalerweise nicht zu Gewalt neigen, Steine zu werfen, andere zu begrapschen oder zu schlagen.[10]

Kollektive Gewalthandlungen ereignen sich häufig dann, wenn es bei Massenansammlungen ein kleines Zeitfenster gibt, in dem eine größere Gruppe von Menschen den Eindruck gewinnt, dass die staatlichen Organe Recht und Ordnung nicht durchsetzen können. Das Gemeinsame der Übergriffe in Köln, der Krawalle zum Ersten Mai in Kreuzberg, der Unruhen in Los Angeles und der rassistischen Pogrome gegen Flüchtlinge in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda besteht somit darin, dass es bei all diesen Ereignissen einen Punkt gegeben hat, an dem die Masse der Anwesenden realisierte, dass Gewalttaten nicht unmittelbar unterbunden und geahndet werden. Insofern wird verständlich, warum solche Gewaltausbrüche – anders als zum Beispiel Mafiamorde, Wirtshausschlägereien oder Vergewaltigungen in der Ehe – immer auch mit einem Versagen der Polizei zu tun haben.[11]

Die Schwäche der frühen Forschungen über Massengewalt war jedoch, dass sie Massen als ein weitgehend amorphes Gebilde betrachteten. Nur sehr begrenzt hat man sich dafür interessiert, welche Rolle persönliche Beziehungen in Massen spielen, wie sich die Massen intern strukturieren und wie sich Normen wenigstens kurzzeitig in Massen stabilisieren. Schaut man sich die aus der Masse heraus entstehende Gewalt jedoch näher an, dann handelt es sich in den meisten Fällen nicht um eine vollkommen anonyme Masse, in der alle Personen einander unbekannt sind. Vielmehr fällt auf, dass es auch innerhalb von Massen "soziale Verdichtungen" gibt, die schon vorher existiert haben und die für die Stabilisierung der Gewaltanwendung aus der Masse heraus eine wichtige Rolle gespielt haben.


Gruppen und Massengewalt

Diese in der Masse existierenden "sozialen Verdichtungen" können soziologisch am besten mit dem Begriff der Gruppe erfasst werden. Unter Gruppe wird ein soziales Gebilde verstanden, in denen Personen in einem regelmäßigen, personenbezogenen Kontakt zueinander stehen. Man kann darunter eher flüchtig und locker verbundene Gruppen wie einen Kreis von Freunden, Cliquen pubertierender Jugendlicher, an Straßenecken herumlungernde Gangs oder sich regelmäßig in Kneipen treffende Mietshausbewohner verstehen.Es fallen aber auch stabilere Formen darunter wie autonome linke politische Gruppen mit ihren weit ins Private reichenden Ansprüchen an ihre Mitglieder, kleine terroristische Zusammenschlüsse wie die "Baader-Meinhof-Gruppe" oder religiöse Gruppierungen, die sich jenseits der Initiative von Kirchenorganen entwickelt haben und in denen auch persönliche Themen ansprechbar sind. Wegen des Personenbezugs werden Gruppen in der sozialwissenschaftlichen Literatur auch als "Intimgruppen", "Face-to-Face-Gruppen" oder "Primärgruppen" bezeichnet.[12]

Anders als Organisationen oder Bewegungen bestehen Gruppen aus einem bestimmten, unverwechselbaren Kreis von Mitgliedern, die sich gegenseitig kennen. Abwesenheiten von Gruppenmitgliedern sind dabei möglich, werden aber von allen bemerkt. Eine Gruppe zerfällt nicht automatisch, wenn Personen ausscheiden oder neue hinzustoßen. Aber sowohl die Kompensationsfähigkeit von Personenverlusten als auch die Aufnahmefähigkeit von neuen Personen sind in Gruppen stark begrenzt. Neuzugänge werden unter dem Gesichtspunkt beobachtet, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl in der Gruppe – die persönliche Bezugnahme der Gruppenmitglieder – nicht gestört wird.[13]

Die "sozialen Verdichtungen" in Form von Gruppen lassen sich erkennen, wenn man die Mikrostrukturen innerhalb von Massen ins Blickfeld nimmt. Schaut man sich etwa den Kölner Bahnhofsvorplatz und die Domplatte in der Silvesternacht 2015/16 etwas genauer an, dann wird deutlich, dass Frauen insbesondere durch Gruppen von Jugendlichen bedrängt und dabei sowohl sexuell belästigt als auch beraubt wurden. Das Muster der Übergriffe zeigt, dass es nicht einzelne Unbekannte waren, die sich spontan zu Straftaten zusammenfanden, sondern dass die Übergriffe von mehreren Personengruppen verübt wurden, innerhalb derer die Mitglieder sich vorher schon kannten. Zwar konnte es nur in der Masse zu den Gewaltexzessen kommen, aber die Art und Weise der Gewaltausübung deutet darauf hin, dass eine vorwiegend in bestimmten, häufig maghrebinischen Milieus durch Jugendgangs ein- und ausgeübte Form der Kleinkriminalität – das sogenannte Antanzen – eine wichtige Rolle spielte. Die Tatsache, dass das in der Silvesternacht vorherrschende Gewaltmuster aus Belästigung und Raub schon vorher in anderen Städten wie Duisburg oder Düsseldorf in kleinen Gruppen angewandt worden war, macht erklärbar, weswegen aus der Masse heraus nicht – was auch möglich gewesen wäre – etwa der Kölner Domschatz geplündert wurde, sondern in einer Vielzahl einzelner Straftaten Frauen sexuell bedrängt und ausgeraubt wurden.[14]

Wenn man sich – um ein anderes Beispiel zu wählen – die Ausschreitungen in Hoyerswerda im September 1991 und in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 ansieht, dann zeigt sich ebenfalls, dass an den Pogromen Gruppen von Skinheads beteiligt waren, deren Mitglieder sich aus rechtsextremen Freundeskreisen kannten und die sich bei den Gewalttaten gegenseitig motivierten.[15] Aber auch bei den Anwohnerinnen und Anwohnern, die von der Pogromstimmung mitgerissen wurden, handelte es sich nicht – wie häufig in den Massenmedien dargestellt – um eine anonyme Masse, vielmehr bestanden häufig bereits vorher soziale Kontakte zwischen den einzelnen Gewalttätern, über Freundesgruppen, Vereinsmitgliedschaften und Nachbarschaften.[16]

Sicherlich sind die Pogrome in Hoyerswerda und Rostock nur durch eine aus einer Masse heraus entstehende und sich durch die Masse stabilisierende Gewalteuphorie zu erklären. Sozial verdichtete Beziehungen in Gruppen haben eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für den Prozess sozialer Stabilisierung in derartigen Situationen. Die Gewaltausübung aus der Masse heraus kann darüber hinaus aber auch für die aus der Masse heraus agierenden Gruppen sozial stabilisierend wirken. Die erfolgreiche Gewaltanwendung gegen staatliche Ordnungshüter, ethnische Minderheiten, politisch Andersdenkende oder Andersgeschlechtliche wirkt für die Gruppe gemeinschaftsstiftend. Die im Rausch geworfenen Steine gegen die "Bullenschweine", das Zusammentreten einer "linken Zecke" oder eines "faschistischen Arschlochs", das "Abfackeln" von Flüchtlingsunterkünften oder das gemeinschaftliche Begrapschen von Frauen verstetigt sich in den Gruppen der Täter zu einer sinnstiftenden Erzählung, auf die immer wieder zurückgegriffen werden kann.[17]

Die sinnstiftende Gewalterfahrung kann dann dazu beitragen, dass solche Gruppen förmlich Situationen suchen, in denen sie diese Erfahrung wiederholen können. Die Wiederholung der Gewaltrituale am Ersten Mai, der "Gewalttourismus" von Gruppen von einem Pogrom zum nächsten in den frühen 1990er Jahren in Ostdeutschland, die Ausbreitung von Jugendunruhen in französischen Banlieues Mitte der 2000er Jahre oder auch die regelmäßigen Schlägereien am Rande von Fußballspielen hängen maßgeblich damit zusammen, dass die durch die gemeinsame Gewalterfahrung zusammengehaltenen Gruppen auf der Suche nach Situationen sind, in denen sich der Rausch der Massengewalt entfalten kann.

Perspektiven für die Gewaltforschung

Die Gewaltforschung hat durch die mikrosoziologische Beobachtung von Gewaltereignissen beachtliche Fortschritte gemacht. Wir wissen inzwischen sehr genau, wie die Androhung von Gewalt abläuft, wie Gewalt in Face-to-Face-Interaktionen plötzlich eskaliert, wie die Gewaltausübung auch über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten wird und wie sie sich irgendwann erschöpft. Aber die neuere, mikrosoziologisch orientierte Gewaltforschung leidet erheblich darunter, dass sie nur einen begrenzten Blick für die sozialen Gebilde hat, aus denen heraus Gewalt entsteht.[18] Schließlich macht es für die Ausübung von Gewalt in Mikrosituationen einen erheblichen Unterschied, ob sie aus Protestbewegungen heraus entsteht, ob sie sich durch den Streit von Familienclans entwickelt, ob sie durch das Aufeinandertreffen von Gruppen motiviert wird oder ob sie "von oben" von Organisationen in der Form von Armeen, Milizen oder Polizeieinheiten angeordnet wurde. Kurz: Es fehlt der Gewaltforschung, aber letztlich auch den für Gewaltausübung oder -verhinderung zuständigen Praktikerinnen und Praktikern, an einem Zugang zu Gewalt, der unterschiedliche Systemtypen, aus denen heraus Gewalt verübt wird, systematisch in den Blick nimmt.[19]

Eine solche Systemtheorie der Gewalt kann sich nicht darauf beschränken, unterschiedliche Gewalthandlungen schematisch in Kategorien wie "Protestbewegung", "Familie", "Gruppe" oder "Organisation" zuzuordnen. Der Clou einer mikrosoziologisch verknüpften Systemtheorie der Gewalt besteht vielmehr darin, dass auch Verschachtelungen, Kombinationen und Übergänge zwischen diesen Systemtypen berücksichtigt werden. Auf dieser Grundlage ist es möglich, zu analysieren, wie sich im Rahmen von Protestbewegungen "schlagkräftige" Organisationen wie die Guerillabewegung Farc in Kolumbien oder die kurdische Arbeiterpartei PKK in der Türkei ausbilden. Auch Gewaltsituationen zum Beispiel durch islamistisch oder rechtsextremistisch motivierten Terrorismus, in denen freundschaftliche und verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verwoben sind, lassen sich so untersuchen.

Auf diese Weise erhält man ein Gespür für den Formenwandel von Systemtypen bei der Gewaltausübung: Zum Beispiel, wenn sich aus einer Freundesgruppe von Hooligans, die sich regelmäßig zu Schlägereien mit "Fans" der gegnerischen Fußballmannschaft verabredet, eine Organisation entwickelt, deren Mitglieder einen Mitgliedsausweis erhalten und monatliche Beiträge entrichten, um die von Gerichten verhängten Strafgelder für einzelne Mitglieder zu bezahlen.[20] Erst wenn man die Verschachtelungen, Kombinationen und Übergänge verschiedener Systemtypen genauer in den Blick nimmt, lassen sich auch die Gewaltphänomene umfassend erfassen.

Dieser Text basiert auf Überlegungen, die ich erstmals anlässlich der Übergriffe in der Kölner Silvesternacht 2015/16 veröffentlicht habe: Gewalt in Menschenansammlungen, 28. 1. 2016, www.soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/gewalt-in-menschenansammlungen.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Kühl für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Zur Definition von Pogromen als eine typische Form von aus der Masse heraus verübter Gewalt vgl. Werner Bergmann, Pogrome: Eine spezifische Form kollektiver Gewalt, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 50/1998, S. 644–665.
2.
Für eine Kritik daran vgl. Barbara Kuchler, Kölner Kurzschlüsse, 22.1.2016, http://www.soziopolis.de/beobachten/gesellschaft/artikel/koelner-kurzschluesse«.
3.
Vgl. Jochen Schmidt, Politische Brandstiftung. Warum 1992 in Rostock das Ausländerwohnheim in Flammen aufging, Berlin 2002.
4.
Die Strukturähnlichkeit führt dann in der Politik häufig zu der Fehleinschätzung, dass bei den Gewaltexzessen Personen mit sehr unterschiedlichem politischen oder religiösen Hintergrund zusammenfinden. So war nach den rassistischen Pogromen in Ostdeutschland zu hören (etwa vom damaligen CDU-Generalsekretär Peter Hintze, vom Schweriner CDU-Fraktionschef Eckhardt Rehberg und vom CDU-Ministerpräsidenten Berndt Seite), dass an den Pogromen sowohl Rechts- als auch Linksradikale beteiligt gewesen sein müssten. Vgl. ebd., S. 156ff.
5.
Vgl. Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, Stuttgart 198215, S. 10ff.
6.
Vgl. Elias Canetti, Masse und Macht, Hamburg 1960.
7.
Ders., Die Fackel im Ohr. Lebensgeschichte 1921–1931, Frankfurt/M. 1982, hier zit. nach Axel T. Paul, Masse und Gewalt, in: ders./Benjamin Schwalb (Hrsg.), Gewaltmassen. Über Eigendynamik und Selbstorganisation kollektiver Gewalt, Hamburg 2015, S. 19–62, hier S. 21f.
8.
Für einige einschlägige Arbeiten zur Gewaltphänomenologie vgl. Randall Collins, Violence. A Micro-Sociological Theory, Oxford–New York 2008; Wolfgang Sofsky, Traktat über die Gewalt, Frankfurt/M. 1996; ders., Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg, Frankfurt/M. 2002; Jan Philipp Reemtsma, Vertrauen und Gewalt. Versuch über eine besondere Konstellation der Moderne, Hamburg 2008. Ein kurzer Überblick findet sich bei Teresa Koloma Beck/Klaus Schlichte, Theorien der Gewalt zur Einführung, Hamburg 2014, S. 122ff. Für einen Überblick über Gewaltforschung siehe auch den Beitrag von Michaela Christ in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.)
9.
Sofsky, Traktat (Anm. 8), S. 56.
10.
Vgl. Paul (Anm. 7), S. 58.
11.
Zum Versagen der Polizei bei der Unterdrückung erster Anzeichen von Massengewalt im Falle der Pogrome in Rostock vgl. Untersuchungsausschuss des Landtags Mecklenburg-Vorpommern, Zwischenbericht des Parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu den Ereignissen um die ZAST, Schwerin 1993; zu den Ereignissen in der Kölner Silvesternacht vgl. Ralf Jäger, Bericht des Ministeriums für Inneres und Kommunales über die Übergriffe am Hauptbahnhof Köln in der Silvesternacht. Bericht für die Sondersitzung des Innenausschusses am 11.1.2016, Düsseldorf 2016.
12.
Zur Bestimmung von Gruppen als sozialen Systemen vgl. Friedhelm Neidhardt, Das innere System sozialer Gruppen, in: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 31/1979, S. 639–660; Hartmann Tyrell, Zwischen Interaktion und Organisation I: Gruppe als Systemtyp, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.), Gruppensoziologie. Perspektiven und Materialien, Opladen 1983, S. 75–87.
13.
Zur Bestimmung von Gruppen als sozialen Systemen in Abgrenzung zu Organisationen vgl. Stefan Kühl, Gruppen, Organisationen, Familien und Bewegungen. Zur Soziologie mitgliedschaftsbasierter Systeme zwischen Interaktion und Gesellschaft, in: Bettina Heintz/Hartmann Tyrell (Hrsg.), Interaktion – Organisation – Gesellschaft revisited, Stuttgart 2014, S. 65–85.
14.
Vgl. die frühen Aussagen des nordrhein-westfälischen Innenministers Ralf Jäger zur nordafrikanischen Herkunft eines großen Teils der Täter gegenüber dem Kölner "Express" am 4.1.2016. Diese Einschätzung hat sich danach bestätigt. Vgl. Jäger (Anm. 11).
15.
Zur Neonaziszene in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg vgl. Mathias Brodkorb/Thomas Schmidt (Hrsg.), Gibt es einen modernen Rechtsextremismus?, Rostock 2002; Heike Kleffner/Anna Spangenberg (Hrsg.), Generation Hoyerswerda. Das Netzwerk militanter Neonazis in Brandenburg, Berlin 2016. Auf die für die Neonaziszene charakteristische Bildung von sozial verdichteten Gruppen wird dabei nur am Rande eingegangen.
16.
Für einen ersten Zugang zu den sozialen Verdichtungen bei den Tätern bei den Pogromen in Hoyerswerda und Rostock vgl. Untersuchungsausschuss des Landtags Mecklenburg-Vorpommern (Anm. 11).
17.
Zur Rolle solcher "Stories" für die Stabilisierung von Gruppen vgl. Sunwolf/Lawrence R. Frey, Storytelling: The Power of Narrative Communication and Interpretation, in: W. Peter Robinson/Howard Giles (Hrsg.), The New Handbook of Language and Social Psychology, New York 2001, S. 119–135. Siehe auch die Fallstudien von Mara B. Adelman/Lawrence R. Frey, The Pilgrim Must Embark. Creating and Sustaining Community in a Residential Facility for People with AIDS, in: Lawrence R. Frey (Hrsg.), Group Communication in Context. Studies of Bona Fide Groups, Hillsdale 1994, S. 3–22; Sunwolf, The Pedagogical and Persuasive Effects of Native American Lesson Stories, Sufi Wisdom Tales, and African Dilemma Tales, in: Howard Journal of Communications 1/1999, S. 47–71.
18.
Charakteristisch für diesen blinden Fleck ist die Arbeit des Soziologen Randall Collins. In seiner maßgeblichen mikrosoziologischen Studie kündigte er zwar eine weitere Studie über Kontexte von Gewalt an, diese ist jedoch nie erschienen. Vgl. Randall Collins, Violence. A Micro-Sociological Theory, Oxford–New York 2008.
19.
Eine Ausnahme bildet Friedhelm Neidhardt, Soziale Bedingungen terroristischen Handelns, in: Wanda von Baeyer-Katte (Hrsg.), Gruppenprozesse. Analysen des Terrorismus, Opladen 1982, S. 318–393. Zur Rolle von Organisationen bei Gewaltanwendungen vgl. Stefan Kühl, Ganz normale Organisationen. Zur Soziologie des Holocaust, Berlin 2015.
20.
Siehe dazu beispielsweise die Fallstudie über britische Hooligans von Jay Allan, Bloody Casuals. Diary of a Football Hooligan, Ellon 1989.

Stefan Kühl

Zur Person

Stefan Kühl

ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Organisationssoziologie an der Universität Bielefeld und Organisationsberater bei der Firma Metaplan. stefan.kuehl@uni-bielefeld.de


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