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27.1.2017

Szenen eines Jahres - Essay

Wie erzählt man die Geschichte eines Jahres? Gedanken über das Jahr 1967 beginnen üblicherweise mit der Gründung der Kommune 1 in Berlin am 1. Januar des Jahres. Geradezu paradigmatisch für die gesellschaftlichen Konflikte und Umbrüche stehe dieses Ereignis. Nur: Dazu wurde es erst in der Rückschau und späteren Deutung. Lebensgefühl, Gestimmtsein und historisch wirksame Einflüsse zeigen sich weniger in solchen Einzelereignissen als vielmehr im Zusammenspiel ganz unterschiedlicher Geschehnisse, die gleichzeitig und völlig unabhängig voneinander stattfinden und doch das eigentliche Szenario der hier zu erzählenden Geschichte ausmachen. Was war damals in der Welt los? Was bewegte die Menschen?

Wildgewordene Mitte?



Blende auf: Am Abend des 21. Januar 1967 findet in der Hamburger Universität eine Podiumsdiskussion zum Thema "Radikalismus in der Demokratie" statt. Unter der Leitung des hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer sollen der Soziologe Ralf Dahrendorf, der Publizist Rudolf Krämer-Badoni, der Verleger Gerd Bucerius, der NPD-Vorsitzende Adolf von Thadden und der Ost-Berliner Rechtsanwalt Friedrich Karl Kaul über "KPD-Verbot, Nazi-Verbot, Mehrheitswahlrecht", so der Untertitel der Ankündigung, diskutieren. Der Publikumsandrang ist riesig, denn eine solche Diskussionsrunde ist bisher einmalig. Drei Fernsehprogramme, Rundfunk und Vertreter anderer Medien sind vor Ort, darunter auch Reporter aus dem Osten. Die Kameras schwenken immer wieder auf bekannte Gesichter wie "Stern"-Gründer Henri Nannen im Kreise seiner Redakteure sowie prominente "Zeit"-, "Spiegel"- und NDR-Mitarbeiter. 30 zivil gekleidete Sicherheitskräfte sind ebenfalls da, zudem Verfassungsschutzmitarbeiter und Mitarbeiter der Staatssicherheit der DDR.

Es soll auch darüber gesprochen werden, wie es sein kann, dass eine rechtsradikale Partei in Deutschland 20 Jahre nach dem Ende des verbrecherischen Regimes der Nationalsozialisten wieder in die Parlamente gewählt worden ist. Am 6. November des Vorjahres ist es der 1964 gegründeten NPD bei ihrer ersten Teilnahme an einer Landtagswahl gelungen, mit einem Stimmenanteil von fast acht Prozent in den hessischen Landtag einzuziehen. Bei den bayerischen Landtagswahlen am 20. November hat sie 7,4 Prozent der Stimmen erhalten und stellt mit 15 Abgeordneten neben CSU und SPD die dritte Fraktion im Drei-Parteien-Landtag. Die zu den vorherigen Landtagen zählenden Kleinparteien FDP und Bayerische Volkspartei haben den Einzug in den Landtag verpasst. Wahlforscher und mit ihnen alle Medien beschäftigen sich intensiv mit der Frage, was den raschen Aufstieg der Partei ermöglicht hat. Ihr Entstehen verdankt die NPD dem Zusammengehen von Aktiven aus verschiedensten nationalistischen und rechtsextremen Kleingruppierungen und Splitterparteien, dazu der Deutschen Reichspartei (DRP), auf deren Organisationsstrukturen sie aufbauen konnte. Bei der Bundestagswahl 1965 erzielte die NPD mit zwei Prozent einen höheren Stimmenanteil als je zuvor die DRP. Anfang 1966 hatte die Partei 13.700 Mitglieder, am Ende des Jahres waren es 25.000.

Der Aufstieg einer nationalistischen Partei in Deutschland wird im In- und Ausland aufmerksam verfolgt, die Sorge um die Haltbarkeit der Demokratie ist groß. Der NPD-Vorsitzende hat sich bereit erklärt, in einer Art Tribunal Rede und Antwort zu stehen. Seine Zielrichtung ist klar. Er will seine Partei als ernst zu nehmende politische Alternative in der bundesdeutschen Parteienlandschaft etablieren. Das von den bürgerlichen Parteien und ihren journalistischen Sympathisanten viel Gegenrede kommen wird, will er zur Selbstdarstellung nutzen. Von Thadden traut es sich zu, in der bevorstehenden Debatte, die später in Rundfunk und Fernsehen übertragen wird, zu punkten. Tatsächlich erntet er durch gezielte Jovialität eine Menge Beifall.

Der Ost-Berliner Jurist Friedrich Karl Kaul, führendes SED-Mitglied, ist eingeladen worden, weil er – als auch im Westen zugelassener Anwalt – in den 1950er Jahren die KPD im Verbotsprozess vor dem Bundesverfassungsgericht vertrat. Er sorgt für einen Eklat: Nachdem er eine im Verlautbarungsjargon seiner Partei verfasste Erklärung abgegeben hat, wonach er als Vertreter aus dem Ausland nicht befugt sei, sich in die inneren Angelegenheiten der Bundesrepublik einzumischen, steht er auf und verlässt den Saal. Der Vorgang wird als schallende Ohrfeige für all jene gewertet, die auf eine offene Diskussion mit einem SED-Vertreter gehofft hatten.

Im weiteren Verlauf des Abends tritt der junge Ralf Dahrendorf Forderungen nach Einführung des Mehrheitswahlrechts entgegen: "Die große Frage, die sich uns heute stellt, ist doch: Ist die wildgewordene Mitte, die uns in den Zwanziger und Dreißiger Jahren den Nationalsozialismus beschert hat und die in anderen Ländern nicht im selben Maße, aber in erheblichem Maße auch wirksam war, heute noch lebendig? Gibt es also heute noch die politischen Interessen und Einstellungen, in der Regel mittelständischer Gruppen – es lässt sich nicht leugnen –, die antidemokratisch für eine autoritäre oder gar totalitäre Staatsordnung sind, die ein breites Echo finden und die zu beseitigen nach meiner Meinung nur möglich ist durch eine klare innere und äußere Politik, nicht dagegen durch Wahlrechtsmanipulationen?"

Schlaglichter



Blende: Am 11. Mai 1967 beschließt der Bundestag einstimmig und ohne Enthaltungen auf Antrag der Fraktionen der Großen Koalition von CDU/CSU und SPD die Einrichtung einer Enquete-Kommission zur Untersuchung der Konzentration und der Meinungsfreiheit im deutschen Pressewesen.[1] Innenminister Paul Lücke erklärt, dass es für die Bundesregierung bei der Konzentration keineswegs nur um einen wirtschaftlichen Vorgang gehe. Entscheidend sei auch die politische Frage, ob dieser Vorgang die in Artikel 5 des Grundgesetzes garantierte Pressefreiheit und Freiheit der Berichterstattung gefährde. Die Absicht, eine solche Kommission einzusetzen, hatte die Bundesregierung bereits im Januar erklärt. Der erste Zwischenbericht soll bereits am 1. Oktober vorliegen. Besonders betroffen ist der Verleger Axel Springer, der nach Höhe der Auflagen seiner Zeitungen 40 Prozent des gesamten westdeutschen Zeitungsmarkts kontrolliert und in Hamburg und Berlin jeweils über 90 Prozent.[2]

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Blende: Am frühen Abend des 17. August 1967 ist der Georgsplatz in Hannover erneut Schauplatz einer polizeilichen Maßnahme gegen "Gammler". Angeblich ist einer der so bezeichneten Jugendlichen auf dem Platz Fahrrad gefahren. Ein halbes Dutzend Streifenwagen rückt an, um ihn festzunehmen. Vor den Augen von fast 1000 Schaulustigen kommt es zu einem Handgemenge, bei dem einer der Jugendlichen ein blaues Auge davonträgt. Seine Gefährten marschieren zur nächsten Polizeiwache, um dort Anzeige zu erstatten. Dort teilt ihnen ein Polizeihauptmeister mit: "Anzeige gibt es nicht. Das Grundgesetz ist heute außer Kraft."[3] Nachts gibt es eine erneute Razzia gegen die "Gammler" auf dem Georgsplatz. Die wenigen, die noch angetroffen werden, begrüßen die Polizisten wie alte Bekannte und lassen die Prozedur aus Festnahme, Abführen, Überprüfen und ein paar Stunden in Gewahrsam halten geduldig über sich ergehen.

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Blende: Am 27. September 1967 findet abends in der ältesten Hamburger Kunstgalerie Commeter eine Vernissage zur Eröffnung der Ausstellung von Handzeichnungen und Radierungen Egon Possehls statt. Obwohl die geschlossene Veranstaltung nur geladenen Gästen und der Presse vorbehalten ist, ist der Andrang riesig. Possehl war bis vor Kurzem unbekannt. Doch nun ist das Werk durch Berichte in der "Bild" und der "Welt" in aller Munde: Ein reicher Sammler aus den Vereinigten Staaten soll sieben Illustrationen seines Zyklus "Die sieben Todsünden" für 108.000 Mark erworben haben. Als Gäste haben sich unter anderem der als Kunstsammler bekannte Gunter Sachs und die Schauspielerinnen Brigitte Bardot, Claudia Cardinale, Jeanne Moreau sowie Wirtschaftsminister Karl Schiller angekündigt, daneben die gesamte kunstliebende Hautevolee der Hansestadt und etliche Stars und Sternchen, die es ins Rampenlicht drängt. Zur Einführung in das sozialkritische Werk von Possehl wird Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Paul Nevermann sprechen.

Im Vorfeld mussten die Veranstalter bereits um Unterstützung durch berittene Polizei und Staatschutz bitten, da Störaktionen des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) befürchtet werden. Gegen 18 Uhr treffen die ersten Streifenwagen der Polizei ein, um für Ordnung vor dem Gebäude zu sorgen. Neugierige behindern schon lange vor der offiziellen Eröffnung den Verkehr. Die Zaungäste wollen eher einen Blick auf all die Prominenten werfen, die erwartet werden, als auf die Werke von Possehl. Drei Kamerateams und ein ganzes Rudel von Reportern und Fotografen drängeln sich bereits in der Galerie. Als erster Hauptgast trifft gegen 19.15 Uhr Nevermann ein. Die Stars verspäten sich. Bardot lässt über den PR-Agenten der Galerie wissen, dass sie sich gerade umziehe. Dass er mehrere Telefonate mit Claudia Cardinale führt, können alle mithören, die neben ihm stehen. So bekommen auch einige Besucher mit, dass es sich bei dem anonymen amerikanischen Sammler um niemand geringeres als Peggy Guggenheim handelt. Auch sie ist auf dem Weg in die Galerie.

Tatsächlich trifft sie kurz nach Nevermann ein, der nun seine Rede hält. Die berühmte Galeristin und Kunstmäzenin wechselt mit einigen Anwesenden ein paar Worte. Von den anderen Prominenten lässt sich jedoch niemand blicken. Die Stimmung wird angespannt. Auch der gereichte Wein kann den wachsenden Unmut nicht mehr beschwichtigen. Wo bleiben die angekündigten Promis? Nach zwei Stunden tritt der PR-Agent dann noch einmal vor Publikum und Presse. Alles war ein großer Bluff! Kunstkenner hätten auch schon eher darauf kommen können, dass irgendetwas nicht stimmt. Peggy Guggenheim ist mittlerweile 69 Jahre alt. Die Peggy, die hier erschienen ist, ist noch nicht einmal volljährig. Es ist die 17-jährige Schülerin Iris Berben.[4]

Der PR-Agent erklärt, dass er seinem Freund, dem erfolglosen Künstler Possehl, habe helfen wollen. Man habe zusammen in einer Kneipe in Hörweite des Springer-Verlags gesessen, als man überlegte, wie der Karriere des Malers auf die Sprünge zu helfen sei. Rasch habe sich ein "Bild"-Reporter gefunden, der die erfundene Geschichte vom armen Künstler, der über Nacht reich wurde, dankbar aufgegriffen habe. Zahlreiche Medien hätten die Geschichte dann verbreitet. Man hätte also gar nicht anders gekonnt, als dies auszunutzen. Und, Hand aufs Herz, es habe doch wunderbar geklappt! Wem wolle man da einen Vorwurf machen?[5]


Welt in Aufruhr



Szenen eines Jahres: Der Blick zurück weitet den Blick auf die Gegenwart und erleichtert Problemlösungsansätze für die Zukunft – vorausgesetzt, man schaut genau hin. Das Jahr 1967 hält für Chronisten der Zeitläufte gleich mehrere Déjà-vu-Erfahrungen bereit. Die Rekonstruktion manches Ereignisses zeigt nicht nur das hohe Niveau damals üblicher politischer und gesellschaftlicher Debatten, einschließlich der Notwendigkeit und auch der Machbarkeit von Veränderungen. Sie zeigt auch, wie wenig teilweise bis heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen aus den damals schon gezogenen Schlüssen gelernt wurde.

Einen wesentlichen Grund dafür hat der Historiker Nobert Frei benannt. In der Rückschau auf das Jahr 1968, dem gemeinhin eine identitätsstiftende Wirkung für eine ganze Generation zugeschrieben wird, ist der Fokus weit überwiegend auf Jugendrevolte und globalen Protest gerichtet. Frei hat in seiner luziden Analyse dessen, was "1968" ausmacht, herausgestellt, dass die gängige Wahrnehmung der "68er" so verkürzt ist und ihre Rezeption so überschattet durch den nachfolgenden linken Terrorismus, dass ihre Vorgeschichte, die in das letzte Drittel der Ära Adenauer rage, kaum wahrgenommen werde.[6] Hinzuzufügen ist, dass die Fokussierung auf den RAF-Terrorismus die weltweite Wechselwirkung historischer Einflüsse vernachlässigt – und auch die Alltagsgeschichte einer Zeit, von der Andy Warhol sagte, jeder habe sich um jeden gekümmert. Deshalb findet in gängigen Betrachtungen kaum Beachtung, dass einige Impulse aus dieser Zeit heute gewissermaßen unterbewusst weiterwirken und teilweise prägend geworden sind.

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Das Jahr 1967 erlebt, ausgehend von den USA,[7] zwei besondere Sommer in einem: Es sind der summer of love und der long, hot summer, die zwar gleichzeitig stattfinden, gegensätzlicher aber nicht sein könnten. Der "Sommer der Liebe" steht für die immer größer werdende Jugendbewegung der Hippies und eine völlige Veränderung der Lebensentwürfe. Der "lange, heiße Sommer" steht im engeren Sinne für die schlimmsten "Rassenunruhen", die die Vereinigten Staaten je erlebten. Mit rigorosem Einsatz von Polizei und Militär werden Proteste niedergeschlagen. In Buffalo, Chicago, New York, Newark und zahlreichen weiteren Städten flammt die Gewalt in bisher ungekanntem Ausmaß auf – zugleich zeigt sich ein grundlegender Respektverlust gegenüber einer Staatsmacht, die ihr Gewaltmonopol offenkundig missbraucht.

Trotz oder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit sind die symbolhaften zwei Sommer ideell eng miteinander verwoben. Sie sind geprägt von Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, beide vor Kraft strotzend und darauf ausgerichtet, etwas zu ändern. Beide stehen letztlich für Auseinandersetzungen mit Gewalt, sei es staatliche Gewalt, Krieg, Willkürherrschaft oder Unterdrückung. Zu beobachten ist in diesem Jahr ein lange vorher begonnener, aber hier kulminierender Werteverlust und beginnender Wertewandel.

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Es brodelt überall auf der Welt. Polizeistaatsmethoden sind nicht nur in Militärdiktaturen dieser Zeit zu besichtigen, sondern auch in der sogenannten freien Welt. Die Justiz gibt hier keine gute Figur ab mit Entscheidungen, die eher von Willkür und politischem Kalkül als Unabhängigkeit und Rechtstreue bestimmt scheinen. Muhammad Ali in den Vereinigten Staaten und Mick Jagger in England werden in übertriebener Härte abgeurteilt: der Boxer für seine Weigerung, seinen Kriegsdienst anzutreten und in Vietnam zu kämpfen, der Rockstar wegen Drogenbesitzes. In der Bundesrepublik werden die Freisprüche von des Mordes eigentlich überführten Nazi-Ärzten nur ganz am Rande rapportiert, während zur selben Zeit härteste Strafen gegen polemisierende Studenten und Arbeitsdienst für "Gammler" gefordert werden.

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Das Unglück des Supertankers "Torrey Canyon" und der erste juristische Erfolg gegen den Einsatz des Insektizids DDT weisen der Wahrnehmung der Umwelt als schützenswertes und einklagbares Gut den Weg. Eklatante Sicherheitsmängel bei einer Brandkatastrophe in einem Brüsseler Kaufhaus mit Hunderten Toten und Verletzten und ebenso folgenreiche Sicherheits- und Planungsmängel bei der Vorbereitung des ersten Flugs zum Mond sensibilisieren für Sicherheitsstandards. Im Herrschaftsbereich der Sowjetunion beginnen Schriftsteller, sich von der politischen Bevormundung zu emanzipieren, auch, weil die Menschen in den westlichen Gesellschaften plötzlich beginnen, es mit Demokratie und Teilhabe ernst zu meinen.

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Die Chronik des Jahres 1967 muss natürlich die Revolten in diesem Jahr zeigen, nicht nur in den USA, nicht nur in Europas Hauptstädten. In Bolivien etwa versucht Che Guevara vergeblich, einen Volksaufstand gegen das brutale Militärregime zu organisieren.[8] Auch andere Umbrüche dürfen nicht fehlen: In Griechenland gibt es einen Militärputsch und im Nahen Osten den "Sechstagekrieg", der Menschen rund um den Globus bewegt.[9]

Aber es gibt eben auch noch andere Ereignisse, die die Bevölkerung beschäftigen. Die nicht ganz zu Unrecht verschriene "Springerpresse" sorgt nicht nur für Stimmung gegen "Gammler" und Studierende. Besonders un- und außereheliche Kinder Prominenter einschließlich der dazugehörigen unmoralischen Liebschaften sind Thema. Eine entscheidende Rolle spielt die "Bild"-Zeitung auch im größten deutschen Kriminalfall des Jahres. Der Eisenbahnattentäter mit dem Pseudonym "Ray Clark" beziehungsweise "Fantom" beschäftigt mit mehreren Anschlägen auf die Bundesbahn bis Ende Dezember ein Riesenaufgebot an Polizei. Drohungen, Schutzmaßnahmen und die Fahndung halten das ganze Land in Atem. Der Täter – man nennt ihn "Terrorist" und "Staatsfeind Nr. 1" – nutzt "Bild" als Forum und Vermittler.

Der Boulevard ist sozusagen das Facebook jenes Jahres, auch bereits mit fast allen Konsequenzen des "Postfaktischen" und ebenso verzerrend. In Großbritannien etwa ist die Zeitung "News of the World" maßgeblich an einer Intrige gegen die Rolling Stones beteiligt, die mit tätiger Unterstützung des britischen und US-amerikanischen Geheimdienstes den vermeintlich negativen Einfluss der Rocker auf die Jugend beenden soll.

Geschichte im Kleinen



Aber schlagen all diese mehr oder weniger bedeutenden historischen Ereignisse auf den Alltag der "ganz normalen" Durchschnittsfamilien durch? Werden nicht entscheidende Tatsachen vergessen, wenn immer nur Herrschafts- und Prominentengeschichte beschrieben wird? Es gibt andere Blicke auf Geschichte, etwa auf die Mentalität, die Technik, die Medizin, die Kaufkraft und das Konsumverhalten.

Im oberpfälzischen Erbendorf zum Beispiel wohnt 1967 der Bundesbahnbeamte Kurt Drechsler mit seiner Familie. Keine Sensationen, keine die Welt verändernden Entdeckungen oder Eroberungen sind von ihm zu erwarten, keine politisch radikalen Ansichten oder der Ausbruch aus der bürgerlichen Existenz. Er ist ein sehr ordentlicher Mann. Deshalb führt er sorgfältig Buch über den vierköpfigen Haushalt, den er als Alleinverdiener zu versorgen hat. Der 31-jährige Familienvater hat einen klaren Grundsatz: Niemals über die Verhältnisse leben, immer auch etwas zurücklegen. Gespart wird für Notzeiten, größere Anschaffungen und natürlich die Ausbildung der Kinder. Umfragen aus dem Jahr 1967 zeigen, dass der weit überwiegende Anteil der deutschen Bevölkerung nach diesen Prinzipien lebt. Und mehr noch, auch der größte Teil der vermeintlich so aufmüpfigen Jugend lebt danach. Familie gründen, Haus bauen, Reisen, den Kindern eine gesicherte Zukunft ermöglichen, durchaus nach dem Vorbild der Eltern – darum geht es.

Letztlich sind es genau diese Protagonisten, an denen die Wirkmacht historischer Ereignisse zu überprüfen ist: die sogenannten einfachen Bürgerinnen und Bürger. Was hat sich eigentlich bei ihnen und für sie geändert? Die Impulse, die von den Ereignissen des Jahres 1967 ausgingen, wirkten auf ganz unterschiedliche Weise und viel mehr als Unterströmungen. Jeder, der 2017 seinen Verpackungsmüll in die Gelbe Tonne trägt, ist ein ganz klein wenig Hippie und damit Nachfolger der Erfinder des summer of love, zu deren Lebensentwurf das Recyceln zählte. Aber auch die Akzeptanz des Anderen gehörte zu diesem Entwurf. Umso seltsamer, dass sich an den Abwehrreflexen der heutigen Gesellschaft gegen Anderssein und Fremdsein allem Anschein nach so gut wie nichts geändert zu haben scheint.

Was führte auf lange Sicht zu größeren gesellschaftlichen Veränderungen in Deutschland? Der Mord an dem Studenten Benno Ohnesorg oder die Einführung der Satelliten-Live-Schalte um die ganze Welt? Oder nicht doch eher die erste erfolgreiche Teilnahme einer Frau am Boston-Marathon und die uneheliche Mutterschaft der beliebten deutschen Fernsehansagerin Petra Schürmann? Waren es politische Bewegungen, gesellschaftliche Tabubrüche oder technische Innovationen? Bewirkte gar der Neckermann-Katalog vom Frühjahr 1967 mit seiner revolutionären Neuausrichtung auf die kaufkräftige Jugend den größten Umbruch? Sich die Fülle an Ereignissen und die Stimmungen in der Gesellschaft des Jahres 1967 ins Gedächtnis zu rufen, kann den Blick für die Bedeutsamkeit so mancher vermeintlichen Nebensache öffnen. Und vielleicht ermöglicht dies sogar die Revision manch historischer Verkürzung.
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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Sabine Pamperrien für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de

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Fußnoten

1.
Vgl. Deutscher Bundestag, Plenarprotokoll vom 11.5.1967, S. 5179.
2.
Vgl. Vorläufiger Bericht der Pressekommission, 15.12.1967, Bundestagsdrucksache V/2403, Anhang, S. 55ff.
3.
Vgl. Andreas Kater, "Heute keine Anzeigen", in: Die Zeit, 25.8.1967.
4.
Vgl. Doller Jux, in: Der Spiegel, 2.10.1967, S. 194.
5.
Vgl. Und alle, alle kamen nicht, in: Die Zeit, 6.10.1967.
6.
Vgl. Norbert Frei, 1968: Jugendrevolte und globaler Protest, München 20083, S. 77f. Siehe auch den Beitrag von Martin Stallmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
7.
Zu den USA 1967 siehe auch den Beitrag von Philipp Gassert in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Zu Guevara siehe auch den Beitrag von Lukas Böckmann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Zum "Sechstagekrieg" siehe auch den Beitrag von Jan Busse und Stephan Stetter in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).

Sabine Pamperrien

Zur Person

Sabine Pamperrien

ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und arbeitet als freie Journalistin und Buchautorin. Im Februar 2017 erscheint ihr neues Buch "1967. Das Jahr der zwei Sommer" bei dtv. sabine@pamperrien.de


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