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17.2.2017

Was ist und wo liegt das Baltikum? Ein Blick auf die politische Geografie der Ostseeregion

Seit dem politischen Umbruch von 1989/91 im östlichen Europa ist die Bezeichnung "Baltikum" wieder geläufig und begegnet einem als Regionalbezeichnung etwa in Wetterberichten und Reiseprospekten. In der Regel ist damit das Gebiet der drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen gemeint. In den öffentlichen Debatten dieser Länder taucht das Baltikum als regionale oder politische Selbstbeschreibung jedoch nicht auf, und auch der Begriff "baltische Staaten" deckt sich in diesem Zuschnitt nicht mit dem politischen Selbstverständnis dieser Nationen.

In seiner Rede auf dem ersten Treffen des Ostseerates 1992 in Kopenhagen bezeichnete der erste frei gewählte Präsident des wieder unabhängigen Estland, Lennart Meri, die Ostsee als "Mittelmeer der nordischen Länder", während er mit "baltisch" vor allem den sowjetischen Hegemonialanspruch auf die Ostseeregion assoziierte.[1] Ist Estland also kein baltischer Staat? Und was ist dann das Baltikum? Offensichtlich sind diese Fragen nicht allein anhand geografischer Kriterien zu beantworten.

Ein ähnliches Problem stellte sich bereits im Fall Russlands, das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gleichsam vom Norden in den Osten Europas driftete. Mit der neuen Verortung verband sich dann die Konstruktion der Verschiedenheit Russlands im Gegensatz zum europäischen Westen.[2] Die baltischen Staaten bewegen sich hingegen vom Osten in den Norden oder Westen Europas. Diese hier aufscheinenden politischen und kulturellen geografischen Konstruktionen und ihre Veränderungen sollen im Folgenden näher beleuchtet werden.

Bezeichnungen für die Ostsee



Bei einer Betrachtung der mit "Baltikum" und "baltisch" verbundenen räumlichen Vorstellungen und Bedeutungen ist zunächst der enge Zusammenhang mit mare balticum als lateinischer Bezeichnung für die Ostsee festzuhalten, deren Ableitungen heute in zahlreichen Sprachen in der Region und darüber hinaus auftauchen.[3] Im Deutschen und in den nordeuropäischen Sprachen sind dagegen die Bezeichnung "Ostsee" und ihre Entsprechungen anzutreffen. Nur im Estnischen wird ein von balticum und "Ostsee" abweichender Name verwendet.

So genau die erste Erwähnung von balticum datiert werden kann, so unklar bleibt jedoch dessen Herkunft und Etymologie. Der Chronist Adam von Bremen schrieb um 1075: "Dieser Meeresarm heißt bei den Anwohnern (…) der ‚Baltische‘."[4] Drei Deutungen durchziehen seitdem die Erklärung des Begriffs: Die erste folgt Adams Ableitung vom lateinischen balteus (Gürtel) und verweist auf die lautliche Ähnlichkeit zum Wort "Belt". Die zweite basiert auf der Vermutung, dass Adam einen neuen Namen aus antiken Quellen erfunden habe. Eine dritte Deutung geht von der Aussage aus, dass der Name von den Einwohnerinnen und Einwohnern stammt, deren Sprachen der Gruppe der baltischen Sprachen zuzurechnen sind.[5]

Dieser letzte Zusammenhang ist aber nicht so evident, wie er auf den ersten Blick scheint, denn die Bezeichnung "baltische Sprachen" ist eine gelehrte Konstruktion des 19. Jahrhunderts, die auf den Berliner Sprachwissenschaftler Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann zurückgeht. Er schlug 1845 vor, die bislang als lettische Sprachen im Plural bezeichnete Gruppe "die der Baltischen [Sprachen] oder sonst irgend wie zu nennen". [6] Die neue Bezeichnung leitete sich von der geografischen Lage ihrer Sprecherinnen und Sprecher an der Ostsee ab, nicht aber aus einer diesen Sprachen entstammenden Selbstbezeichnung. Diese Beobachtung deckt sich mit der Tatsache, dass in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts "baltisch" im deutschen Verständnis noch die gesamte Ostseeregion umfasste. So gab es zwischen Kiel und Königsberg zahlreiche Vereine und Zeitschriften, die sich und ihr Tätigkeitsfeld als "baltisch" bezeichneten. Zudem wurde "baltisch" in einer Schilderung der Ostseeküstenländer von 1859 noch synonym für die Gesamtheit der Regionen an der Ostsee verwendet.[7] "Ostsee" und "baltisch" bezeichneten also bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebrauch ebenso wie in anderen Sprachen noch ein- und denselben Raum.


Russländische Ostseeprovinzen als Brennpunkt



Allerdings begann seit den 1840er Jahren "baltisch" im Deutschen semantisch auf einen Teilbereich der Ostseeregion zu schrumpfen, und zwar auf die russländischen Provinzen Estland, Livland und Kurland, die einst zum Gebiet des livländischen Ordensstaates gehört hatten und im 18. Jahrhundert schließlich an Russland gefallen waren.[8] Sie wurden unter der Bezeichnung "Ostseeprovinzen" oder "Ostseegouvernements" zusammengefasst.[9] Geprägt war diese Region durch eine weitreichende ständische Selbstverwaltung der überwiegend deutschsprachigen ritterschaftlichen und bürgerlichen Eliten. Die estnische und lettische, vor allem bäuerliche Bevölkerung war dagegen bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts von der politischen Mitwirkung ausgeschlossen.

Während baltijskij im Russischen analog zu "baltisch" die gesamte Ostseeregion bezeichnete, bezog sich das aus dem Deutschen entlehnte ostzejskij auf den eigenen, russländischen Herrschaftsbereich: "Ostseeisch" waren aus russischer Sicht die Provinzen Est-, Liv- und Kurland. Finnland, das als Großfürstentum innerhalb des Zarenreiches einen eigenen Status hatte, zählte jedoch nicht dazu. Zugleich wurde die Bezeichnung ostzejskij in der russischen Verwaltung und Öffentlichkeit zum Signum sprachlicher, konfessioneller und politischer Andersartigkeit ebendieser Provinzen, die es an das übrige Russland anzugleichen gelte. Pläne wie die Einführung des Russischen als Amts- und Unterrichtssprache oder die Unterstellung der lutherischen Kirche unter das Konsistorium in Sankt Petersburg wurden dann in der deutschen Öffentlichkeit seit dem Vormärz als Bedrohung der traditionellen deutschgeprägten Zustände wahrgenommen.[10]

Um auf den deutschen Charakter der Provinzen hinzuweisen, fing man nun an, von "deutschen" oder "deutsch-russischen" Ostseeprovinzen zu sprechen. Der Reiseschriftsteller und spätere Bremer Stadtbibliothekar Johann Georg Kohl, der sechs Jahre als Hauslehrer in Kurland gearbeitet hatte, erklärte 1841 die Bezeichnung damit, dass die Region weder rein deutsch noch völlig russifiziert sei.[11] Der Publizist Aurelio Buddeus sprach in seinem Reisebericht von "baltische[n] Trümmer[n]"als Folge der Russifizierungspolitik.[12]

Auch im Zarenreich konzentrierte sich nun in der Betrachtung der Ostseeregion der Blick auf die politischen Verhältnisse in den russländischen Ostseeprovinzen. Hier waren es zunächst die Slavophilen, die für eine stärkere Integration dieser Provinzen in das Gesamtreich eintraten. In seiner Schrift über das russische Ostseeküstengebiet warnte etwa der Publizist Jurij Samarin, der einige Jahre in Riga gearbeitet und auch eine Geschichte der Stadt verfasst hatte, vor einer Germanisierung der lettischen und estnischen Bevölkerung und kritisierte die nachgiebige Haltung der zarischen Behörden gegenüber den Ritterschaften.[13] In seiner "Livländischen Antwort" an Samarin vertrat der Historiker Carl Schirren aus Tartu (zu Deutsch Dorpat) dagegen die Ansicht: "Livland ist nicht ein Gouvernement (…) Es ist eine Provinz mit eigenem Landesstaat."[14] Schirren formulierte ein neues Landesverständnis, das nicht mehr von den Ritterschaften der Ostseeprovinzen ausging, sondern die Verteidigung der von Peter dem Großen gewährten Privilegien zu einer Angelegenheit des ganzen Landes, beziehungsweise genauer: seiner deutschsprachigen Bewohnerinnen und Bewohner, machte. Namentlich die städtischen und gelehrten Mittelschichten bezeichneten sich nun als "baltisch", wie die Gründung der liberalen "Baltischen Monatsschrift" 1859 zeigt.[15] In diesem neuen Landesverständnis spielte die estnische und lettische Bevölkerung allerdings kaum eine Rolle. "Baltisch" wandelte sich so von einer Regionalbezeichnung für die drei russischen Ostseeprovinzen zu einem ethnisch-sozial definierten Begriff für die deutschen Bevölkerungsschichten der Region.

Zeitgleich wurde in den russischen Debatten ostzejskij nun negativ konnotiert und mit der Kritik an den deutschgeprägten Eliten der Ostseeprovinzen verbunden.[16] Ostzejcy und "Balten" waren also nicht alle Bewohner des Landes, sondern nur die deutschsprachigen und insbesondere die sozial dominierenden Gruppen. Dagegen wurde pribaltijskij im ausgehenden 19. Jahrhundert zur russischen Bezeichnung für die Ostseeprovinzen und konnotierte zugleich deren natürliche Verbindung mit den russischen Ländern.[17]

Zu einer Verfestigung von "Baltikum" als Regionalbegriff kam es offensichtlich erst im Ersten Weltkrieg, als zunächst Litauen und Kurland als deutsches Besatzungsgebiet unter die Militärverwaltung von "Ober Ost" gerieten und bis Februar 1918 dann auch die beiden übrigen russischen Ostseeprovinzen. Wenig später tauchte eine Ableitung als "Baltikumer" in der Selbstbezeichnung von Freikorpsverbänden auf. Unklar ist dabei aber, inwieweit sich das diesem Namen zugrundeliegende "Baltikum" aus dem skizzierten "baltischen" Selbstverständnis ableitete.[18] Naheliegender ist, dass damit der auch Litauen umfassende deutsche Herrschaftsbereich im Ersten Weltkrieg beschrieben wurde. Während der Rigaer Historiker Reinhard Wittram 1933 noch versuchte, die Bedeutung von "Balten" ausschließlich auf "die deutschen Liv-Est-Kurländer"[19] zu beziehen, entstand nach 1918 der exaktere Begriff "Deutsch-Balten"[20] und unter dem Einfluss des Nationalsozialismus dann der umgekehrte Begriff "Baltendeutsche", der anstelle der Region nun den propagierten völkischen Zusammenhang in den Vordergrund rückte.

Lettische und estnische Diskurse



In seinem exklusiv deutschen Verständnis von "Balten" blendete Wittram allerdings aus, dass im Nationsbildungsprozess der Letten seit den 1860er Jahren Baltija als regionale Selbstbezeichnung vorkam.[21] In der für das erste lettische Sängerfest 1873 in Riga verfassten Hymne "Gott segne Lettland" wurde neben Latvija (Lettland) gleichrangig noch Baltija besungen, und die seit 1868 erscheinende erste nationale lettische Zeitung nannte sich "Baltijas Vēstnesis" (Baltischer Bote). "Baltisch" war hier auf die entstehende lettische Nation bezogen und unterschied sich so vom deutschen und russischen Verständnis des Begriffs.

Komplizierter ist dagegen der estnische Fall, wo eine vergleichbare Verwendung von balti im 19. Jahrhundert nicht anzutreffen ist. Die Bezeichnung des nationalen Territoriums war seit dem "nationalen Erwachen" an das Adjektiv eesti gebunden. Das hing auch damit zusammen, dass es "Estland" als Provinzbezeichnung gab, die sich zwar nicht mit der Verbreitung der estnischsprachigen Bevölkerung deckte, aber doch einen Ausgangspunkt für Ideen einer nationalen Autonomie bot. Umgekehrt war die lettische Adressierung von Latvija im Zarenreich politisch schon deshalb problematisch, weil es an keine bestehende territoriale Einheit anknüpfen konnte.

Hinzukommt, dass im Estnischen – im Gegensatz zu allen anderen Ostseeanrainern – das Meer weder durch Entsprechungen von "Ostsee" noch von balticum benannt wird, sondern als Läänemeri (Westsee). Die geografisch logisch erscheinende Bezeichnung steht jedoch im Gegensatz zum finnischen Fall, wo das Meer mit Itämeri wie in den skandinavischen Sprachen als Ostsee bezeichnet wird, obwohl das Meer doch ebenfalls westlich liegt. Zwar gab es in der Phase der estnischen Nationsbildung Indizien für die Bezeichnungen Baltimaa im Sinne der Ostseegouvernements sowie Balti meri für die Ostsee.[22] Wenn sich die Bezeichnung balti im Estnischen jedoch nicht durchgesetzt hat, dann deshalb, weil sie nicht Identität, sondern Alterität konnotierte. "Baltisch" wurde im Estnischen im historischen Verständnis mit den deutschen Oberschichten sowie der russischen (und später sowjetischen) Herrschaft verbunden.[23]


"Baltisch" im 20. und 21. Jahrhundert



Die beiden hier beobachteten semantischen Veränderungen von "baltisch" – seine regionale Einengung und Ethnisierung – traten in der englischen oder französischen Sprache zunächst nicht auf. Die Schwankungen, denen der Begriff im 20. Jahrhundert unterlag, sind vor allem in der internationalen Politik nach 1918 begründet. In den Dokumenten des britischen Außenministeriums jener Jahre bezog sich Baltic states nun auf Estland, Lettland und Litauen, von deren dauerhafter Unabhängigkeit von Russland man jedoch nicht überzeugt war. Die Zuordnung von Litauen zu baltic in diesem Verständnis war nicht nur durch den Kriegsverlauf bedingt, sondern beruhte auch auf den vor allem nach 1905 engen Kontakten zwischen den drei Nationalbewegungen im Zarenreich, auch wenn sich ein litauisches Verständnis als Ostseenation erst nach 1918 entwickelte.

Über diese nationale Dreiheit von "baltisch" hinaus gingen dagegen die Ansätze der seit 1917 um die Ostsee herum entstandenen neuen Staaten zu einer sicherheitspolitischen Kooperation. Bereits während des Krieges kursierte in der estnischen Öffentlichkeit das Schlagwort von der "Freiheit der Ostsee". Bündnisse mit anderen Ostseenationen sollten zur Loslösung aus dem russischen und deutschen Herrschaftsbereich führen.

Die Idee eines Baltischen Bundes als Kooperation der Ostseeanrainer ohne Deutschland und Sowjetrussland stieß allerdings in den skandinavischen Königreichen umgehend auf Ablehnung, sie orientierten sich fortan an der Idee der nordischen Einheit. Polen blieb wegen des Konflikts mit Litauen nach der Besetzung von Vilnius im Oktober 1920 und seinen Großmachtambitionen ein zumindest argwöhnisch betrachteter Partner. Nachdem Finnland 1922 das Projekt eines Baltischen Bundes ebenfalls abgelehnt hatte, reduzierte sich die Ostseekooperation dann auf die drei gewissermaßen übrig gebliebenen Staaten Estland, Lettland und Litauen, die 1934 die frühere estnisch-lettische Kooperation zur Baltischen Entente erweiterten. Eine baltische Region mit diesem Zuschnitt war für die Beteiligten jedoch nicht die Wunschvorstellung regionaler Kooperation, sondern ihre letzte Wahl. Dass die gemeinsame Neutralitätserklärung 1939 gegen die deutsche und sowjetische Bedrohung der Unabhängigkeit nichts auszurichten vermochte, war man sich durchaus bewusst. Überlegungen zu einer Region "Baltoskandia",[24] die Skandinavien, Finnland und die drei baltischen Länder umfassen sollte, konnten sich nicht politisch institutionalisieren.

Mit dem Ausgang des Zweiten Weltkrieges wurde dann eine ethnisch-nationale Wahrnehmung von "baltisch" zementiert, wie sie sich seit den 1930er Jahren angebahnt hatte: Baltic states und Baltic republics meinten die drei 1940 von der Sowjetunion annektierten Staaten und ihre Staatsvölker, deren Exilgemeinschaften vor allem in Schweden, Westeuropa und Nordamerika dieses Verständnis von "baltisch" betonten, während sich die früheren deutschen Bewohner nun als "deutsch-baltisch" bezeichneten. Als Selbstbezeichnung tauchte "baltisch" dann mit neuer Emphase in den Unabhängigkeitsbewegungen der "Singenden Revolution" zwischen 1986 und 1991 auf – am deutlichsten in der als "Baltischer Weg" bekannten Menschenkette am 23. August 1989, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes. Eine über die antisowjetische Stoßrichtung hinausreichende Integrationskraft hat "baltisch" jedoch nicht entfaltet, sodass es als Selbstbezeichnung mit dem Erreichen des gemeinsamen Ziels rasch wieder an Attraktivität verlor, selbst wenn es gemeinsame Institutionen wie die Baltische Versammlung mit Vertreterinnen und Vertretern der drei nationalen Parlamente gibt.

Im Russischen stößt man zunächst auf die Bezeichnung Baltika, die nach 1940 die okkupierten baltischen Staaten umfasste. Ab den 1960er Jahren trifft man zunehmend auf den Begriff Pribaltika, in der Regel mit dem Zusatz Sovetskaja, der partiell auch den Bezirk Kaliningrad mit einbezog. Als neuer Begriff – nun ohne die sowjetischen Konnotationen – ist seit den 1990er Jahren das offensichtlich aus dem Lettischen abgeleitete Baltija anzutreffen.[25]

Schluss



"Baltikum" ist also keine eindeutige, auf naturräumlichen oder überzeitlichen Strukturen beruhende Bezeichnung für einen Teil Nordosteuropas. Vielmehr bezogen sich die mit "baltisch" zusammenhängenden Namen bis in das 19. Jahrhundert hinein auf die gesamte Ostseeregion. Zwei Entwicklungen ließen dieses ostseeregionale Verständnis dann in den Hintergrund treten: Zum einen die räumliche Verengung zunächst auf die Ostseeprovinzen des Zarenreiches und dann auf die um Litauen erweiterten neuen Staaten nach 1918, zum anderen die ethnisch-nationalen Eingrenzungen auf die Deutsch-Balten oder die Nationen der Esten, Letten und Litauer.

Vor allem aus der Sicht der seit 1991 wieder unabhängigen baltischen Nationen verkörpert "baltisch" die negativen Konnotationen, auf die für den Osteuropa-Begriff hingewiesen wurde.[26] Die Zugehörigkeit zum "Baltikum" entspricht daher nicht dem Selbstverständnis der Esten, Letten und Litauer. Es ist vielmehr eine Fremdzuschreibung, mit der mächtepolitische Unterlegenheit, eine politische Objektrolle und auch Konnotationen als postsowjetischer Raum verbunden werden.

Während mit dem Ende des Ost-West-Gegensatzes eine Rückbesinnung auf den größeren räumlich-historischen Zusammenhang von balticum eingesetzt hat, der zu einem neuen Blick auf die gesamte Ostseeregion in kultureller wie politischer und wirtschaftlicher Hinsicht geführt hat, ist in den vergangenen Jahren angesichts des erneuerten russischen Hegemonialanspruchs auch eine erneute sicherheitspolitische Fokussierung auf die drei baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen zu beobachten. Die Vieldeutigkeit der Begriffe "Baltikum" und "baltisch" wird sich daher nicht so rasch auflösen.
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Autor: Jörg Hackmann für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Lennart Meri, Läänemeri on meie elu telg, in: ders., Presidendikõned, Tartu 1996, S. 279ff. Zum Hintergrund der estnischen Debatte vgl. Karsten Brüggemann, Leaving the "Baltic States" and "Welcome to Estonia": Re-Regionalising Estonian Identity, in: European Review of History 10/2003, S. 343–360.
2.
Vgl. Larry Wolff, Inventing Eastern Europe. The Map of Civilization on the Mind of the Enlightenment, Stanford 1994; Iver B. Neumann, Uses of the Other. The "East" in European Identity Formation, Manchester 1999.
3.
Vgl. dazu ausführlich Josef Svennung, Belt und baltisch. Ostseeische Namensstudien mit besonderer Rücksicht auf Adam von Bremen, Uppsala–Wiesbaden 1953, S. 55, S. 75.
4.
Adam von Bremen, Bischofsgeschichte der Hamburger Kirche, in: Werner Trillmich/Rudolf Buchner (Hrsg.), Quellen des 9. und 11. Jahrhunderts zur Geschichte der Hamburgischen Kirche und des Reiches, Darmstadt 1961, S. 135–499, hier S. 447.
5.
Vgl. Svennung (Anm. 3), S. 34, S. 93; Ernst Fraenkel, Die baltischen Sprachen, Heidelberg 1950, S. 20.
6.
Georg Heinrich Ferdinand Nesselmann, Die Sprache der alten Preußen, Berlin 1845, S. xxix; vgl. Fraenkel (Anm. 5), S. 19.
7.
Vgl. Anton von Etzel, Die Ostsee und ihre Küstenländer, geographisch, naturwissenschaftlich und historisch geschildert, Leipzig 1859, S. v-xiii.
8.
Zur Geschichte der Region siehe auch den Beitrag von Karsten Brüggemann in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
9.
Vgl. Erik Amburger, Geschichte der Behördenorganisation Russlands von Peter dem Großen bis 1917, Leiden 1966, S. 389. Die deutsche Bezeichnung ist zuerst für 1823 nachgewiesen, vgl. Georg Berkholz, Geschichte des Wortes "baltisch", in: Deutscher Verein in Livland (Hrsg.), Aus baltischer Geistesarbeit. Reden und Aufsätze, Bd. 2, Riga 1909, S. 86–98, hier S. 87.
10.
Zeitgenössisch: Alexander Buchholz, Fünfzig Jahre russischer Verwaltung in den Baltischen Provinzen, Leipzig 1883. Vgl. auch Michael Haltzel, Der Abbau der deutschen ständischen Selbstverwaltung in den Ostseeprovinzen Rußlands. Ein Beitrag zur Geschichte der russischen Unifizierungspolitik 1855–1905, Marburg/L. 1977.
11.
Vgl. Johann Georg Kohl, Die deutsch-russischen Ostseeprovinzen oder Natur- und Völkerleben in Kur-, Liv- und Esthland, Dresden 1841, S. iv.
12.
Aurelio Buddeus, Halbrussisches, Leipzig 1847, S. 17, S. 174.
13.
Vgl. Jurij F. Samarin, Okrainy Rossii, Serija 1: Russkoe Baltijskoe pomor’e, Prag 1868. Vgl. auch Edward C. Thaden, Samarin’s "Okrainy Rossii" and Official Policy in the Baltic Provinces, in: Russian Review 33/1974, S. 405–415.
14.
Carl Schirren, Livländische Antwort an Herrn Juri Samarin, Leipzig 1869, S. 115.
15.
Weitere Belege für diesen Gebrauch von "baltisch" seit den 1840er Jahren bei Berkholz (Anm. 9), S. 88f.
16.
Deutlich dann in sowjetischer Zeit bei Maksim M. Duchanov, Ostzejcy. Jav’ i vymysel. O roli nemeckich pomeščikov i bjurgerov v istoričeskich sud’bach latyšskogo i ėstonskogo narodov v seredine XIX veka, Riga 1970.
17.
Vgl. Efgraf V. Češichin, Kratkaja istorija pribaltijskago kraja, Riga 18942; sowie Pribaltijskij (Ostzejskij) kraj, in: Ėnciklopedičeskij slovar’, Bd. 25, Sankt Petersburg 1898, S. 110–116.
18.
Vgl. Gustav Noske, Zur Geschichte der deutschen Revolution, Berlin 1920, S. 175–185. Nach Reinhard Wittram, Baltische Geschichte. Die Ostseelande Livland, Estland, Kurland 1180–1918, München 1954, S. 8, sei der Begriff "sprachwidrig" abgeleitet.
19.
Reinhard Wittram, Deutsch und Baltisch. Zum Verständnis der deutschbaltischen Tradition, in: Baltische Monatshefte 2/1933, S. 187–201, hier S. 198.
20.
Vgl. Deutschbalten und baltische Lande, in: Carl Petersen et al. (Hrsg.), Handwörterbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums, Bd. 2, Breslau 1936, S. 105–241.
21.
Berkholz (Anm. 9), S. 97.
22.
Siehe als deutschsprachige Schrift Christian Woldemar, Über die Heranziehung der Letten und Esten zum Seewesen (…), Dorpat 1857.
23.
Vgl. Eesti Entsüklopeedia, Bd. 1, Tallinn 1932, Sp. 825–844. Unter den mit balti verbundenen Bezeichnungen finden sich vor allem solche, die sich auf die deutschbaltische Geschichte und Kultur der Region beziehen. Vgl. auch den Namen des von Peter dem Großen begründeten Marinehafens Baltischport (russisch Baltijskij Port, estnisch Paldiski) westlich von Tallinn.
24.
Siehe Edgar Kant, Estlands Zugehörigkeit zu Baltoskandia, Tartu 1934; Kazys Pakštas, The Baltoscandian Confederation, Chicago 1942. Vgl. dazu auch Marko Lehti, Non-Reciprocal Region-Building. Baltoscandia as a National Coordinate for the Estonians, Latvians and Lithuanians, in: Nordeuropaforum 2/1998, S. 19–47.
25.
Vgl. Aleksandr O. Čubar’jan (Hrsg.), Rossija i Baltija, 7 Bde., Moskau 2000–2015. Der russische Begriff "Baltija" zuerst wohl bei Anatolij Pristavkin, Tichaja Baltija, Riga 1991.
26.
Siehe Wolff; Neumann (beide Anm. 2).

Jörg Hackmann

Zur Person

Jörg Hackmann

ist Professor für die Geschichte Mittel- und Osteuropas an der Universität Szczecin, Polen. Seine Forschungsschwerpunkte sind Zivilgesellschaft, Erinnerungskulturen und transnationale Verflechtungen in Ostmitteleuropa und der Ostseeregion. jorg.hackmann@usz.edu.pl


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