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17.2.2017

Erinnerungsdiskurse und Geschichtspolitik in den baltischen Staaten

Die staatliche Unabhängigkeit 1991 bedeutete für Estland, Lettland und Litauen nicht nur die Wiederherstellung ihres völkerrechtlichen Status, den sie aufgrund der sowjetischen Aggression 1939/40 verloren hatten. Sie war auch das Resultat eines Kampfes um die historische Deutungshoheit im öffentlichen Raum. Die großen Protestaktionen der späten 1980er Jahre fielen nicht zufällig auf historische Jahrestage, die im damaligen sowjetischen öffentlichen Diskurs nicht existierten. Eine der wohl bekanntesten dieser sogenannten Kalenderdemonstrationen fand am 23. August 1989 statt, dem 50. Jahrestag des Hitler-Stalin-Paktes, der das Ende baltischer Eigenstaatlichkeit markierte.[1] An diesem Tag bildeten Tausende Esten, Letten und Litauer eine menschliche Kette von Tallinn über Riga nach Vilnius, um an die Verbrechen Stalins zu erinnern und ihre Freiheit einzufordern.

Dass der Ruf nach historischer Wahrheit eine so stark mobilisierende Wirkung entfalten konnte, wird oft damit erklärt, dass die Erinnerung an die Leiden unter Stalin über die Jahrzehnte sowjetischer Herrschaft im kollektiven Gedächtnis, im Familienkreis und in den sozialen Netzwerken der baltischen Bevölkerungen wachgehalten worden war.[2] Als unter dem sowjetischen Staatschef Michail Gorbatschow in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die Zensur vorsichtig gelockert wurde, konnten bis dahin tabuisierte Themen öffentlich angesprochen werden, wie etwa der rechtswidrige Charakter der sowjetischen Annexion der baltischen Staaten 1939/40 oder das Schicksal der unter Stalin nach Sibirien Deportierten und nur teilweise Zurückgekehrten. Dass nun auch der Kontakt zu den Tausenden nach dem Zweiten Weltkrieg in den Westen geflohenen Baltinnen und Balten möglich war, spiegelte sich ebenfalls im öffentlichen Diskurs über die Vergangenheit wider und trug zur Mobilisierung gegen die sowjetischen Machthaber bei.[3]

Entsprechend groß war mit der wiederhergestellten Unabhängigkeit das Bedürfnis der baltischen Eliten, die eigene Deutung der Vergangenheit im öffentlichen Diskurs zu etablieren. Die dahin gehenden Schritte auf politischer Ebene wurden flankiert von einer geschichtswissenschaftlichen Forschung und öffentlichen Debatten, die von einer klar defensiven, national-apologetischen Haltung geprägt waren.

Nationale Opfererzählungen



So wurde in Estland, Lettland und Litauen nach 1991 ein Geschichtsbild von nationaler Unterdrückung und Widerstand fest im öffentlichen Erinnerungsdiskurs verankert. Gedenktage wurden festgelegt, um an die Opfer der Massendeportationen zu erinnern, Museen und Forschungseinrichtungen begannen, Lebensberichte, Fotos und andere Zeugnisse von Deportierten zu sammeln, Geschichtslehrbücher wurden neu geschrieben. Die Regierungen aller drei Staaten beriefen Kommissionen ein, die die genaue Zahl und das Schicksal der Deportierten und Ermordeten ermitteln und den durch die sowjetische Besatzung entstandenen Schaden für Kultur, Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft berechnen sollten. Für Betroffene von stalinistischen Repressionen wurde ein rechtlicher Opferstatus mit Anspruch auf Sozialleistungen geschaffen und dabei die Definition der "Repressierten" insbesondere in Litauen weit gefasst. In allen drei Staaten wurden die Strafgesetzbücher in Anlehnung an das Völkerrecht um die Straftatbestände Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Völkermord und Kriegsverbrechen erweitert, wobei "Völkermord" deutlich breiter ausgelegt wurde als in den internationalen Konventionen.[4] Ehemalige Angehörige der sowjetischen Geheimdienste, die an den Deportationen der 1940er Jahre sowie nach 1945 an der Ausschaltung antisowjetischer Partisanen beteiligt gewesen waren, wurden in der Folge wegen Völkermordes angeklagt und teilweise auch verurteilt.[5]

Der auf diese Weise kulturell, politisch und rechtlich stark institutionalisierte Erinnerungsdiskurs stellt mit Blick auf das 20. Jahrhundert in den drei baltischen Staaten die eigene nationale Opferrolle in den Mittelpunkt. Diese beginnt mit den geheimen Absprachen zwischen Hitler und Stalin 1939, die das Baltikum der Sowjetunion zuschrieben und damit das Ende einer im kollektiven Gedächtnis von Esten, Letten und Litauern glorifizierten Zeit nationaler Unabhängigkeit einläuteten. Umso tiefer brannten sich die Besetzung und Annexion des Baltikums durch die Sowjetunion im Sommer 1940 sowie die massenhaften Verhaftungen, Erschießungen und Deportationen vor allem der nationalen Eliten im folgenden Jahr ins kollektive Gedächtnis. Dieses Trauma liefert eine Erklärung dafür, dass die vorrückende Wehrmacht im Sommer 1941 von vielen Balten zunächst als Befreier begrüßt wurde. Die bis 1944 währende deutsche Besatzung gilt bis heute als weniger schrecklich als die sowjetische – zumal letztere nach dem Sieg über Hitler-Deutschland mit gleichbleibender Brutalität gegen die estnische, lettische und litauische Zivilbevölkerung fortgesetzt wurde.

Über die Nachkriegsjahre gesellt sich zum allgemeinen Opfernarrativ ein Heldenmythos, der sich um den jahrelangen erbitterten Kampf nationaler Partisanen, der sogenannten Waldbrüder, gegen die sowjetische Besatzung rankt. Dieser wurde vor allem in Litauen mit besonderer Ausdauer und Brutalität bis in die 1950er Jahre geführt und wird in der heutigen Rezeption oft als fortgesetzte Kriegshandlung dargestellt.

Die Jahrzehnte nach Stalins Tod 1953 sind im historischen Verständnis der meisten Balten eine Zeit der Fremdbestimmung und nationalen Unterdrückung. Vor allem in Estland und Lettland, wo die Parteikader Russen oder russifizierte Balten waren und auch eine massive Einwanderung meist russischsprachiger Arbeitskräfte erfolgte, wird nicht nur von "kulturellem Genozid" gesprochen, sondern die historische Verantwortung für die politischen Entscheidungen dieser Jahre stark externalisiert. Dies spiegelte sich in den 1990er Jahren nicht zuletzt in den eher milden Lustrationsgesetzen zur Überprüfung und Entfernung politisch belasteter Staatsbediensteter wider.[6]

Anders in Litauen, dessen sowjetkommunistisches Regime weitaus stärker von einheimischen Kadern geprägt gewesen war. Dadurch genoss die aus der Kommunistischen Partei hervorgegangene Demokratische Arbeitspartei Litauens nach 1991 noch einigen Rückhalt in der Bevölkerung. Ähnlich wie in Polen gewannen die ehemaligen Kommunisten bereits 1992 wieder die Parlamentswahlen, was zunächst eine eher zurückhaltende Aufarbeitungspolitik zur Folge hatte. Doch der Wahlsieg der Konservativen unter Vytautas Landsbergis 1996 brachte die politische Kehrtwende auch in diesem Bereich und die Verabschiedung weitreichender Lustrationsgesetze. Die öffentliche Auseinandersetzung vor allem mit den spätsowjetischen Jahrzehnten wird in Litauen nach wie vor weit heftiger und stärker entlang politisch-ideologischer Trennlinien geführt als bei seinen beiden nördlichen Nachbarn.[7]

Zwischen den drei Staaten bestehen also deutliche Unterschiede im politischen und öffentlichen Umgang mit dem sowjetischen Erbe. Tatsächlich zeigt ein direkter Vergleich, dass öffentliche Erinnerungsdiskurse in Litauen bis heute weit mehr von staatlicher Seite gelenkt sind als etwa in Estland. Es vergeht kaum ein Monat, in dem das litauische Parlament oder die Regierung nicht Stellung zu historischen oder erinnerungspolitischen Fragen nimmt, und der Staat investiert nach wie vor viel in die Erforschung und juristische Aufarbeitung der Sowjetzeit. Im Gegensatz dazu hat sich der Staat in Estland mit der Zeit aus Aufarbeitungsmaßnahmen und öffentlichen Erinnerungsdiskursen deutlich zurückgezogen und überlässt diese Felder in weiten Teilen zivilgesellschaftlichen Akteuren wie etwa Opferverbänden und anderen Einrichtungen.[8]


Herausfordernde Gegenerzählungen



Dem mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg im Erinnerungsdiskurs der baltischen Staaten dominierenden historischen Selbstverständnis als Opfernationen widersprechen vor allem zwei Erzählungen, die jede für sich einen kollektiv-identitätsstiftenden Anspruch auf die historische Wahrheit beanspruchen. Dies führt seit 1991 immer wieder zu Kontroversen und bisweilen stark politisierten Konflikten.

Das holocaustzentrierte Narrativ erzählt von der massenhaften Verfolgung und Ermordung der baltischen Jüdinnen und Juden während der deutschen Besatzung sowie von der Beteiligung der lokalen Bevölkerung vor allem in Lettland und Litauen an diesen Verbrechen. Das dabei gezeichnete Bild des lettischen oder litauischen Täters steht dem nationalen Opferdiskurs diametral entgegen. Das neosowjetische Narrativ erkennt zwar den widerrechtlichen Charakter des von Stalin betriebenen Anschlusses der Baltenrepubliken zur Sowjetunion weitgehend an, betont aber stets die sicherheitspolitische Notwendigkeit dieser Maßnahme und die Komplexität der damaligen Weltlage. Das Schlüsselmoment dieser Erzählung ist nicht 1940, sondern der Sieg der Roten Armee über das nationalsozialistische Deutschland und die Befreiung Europas vom Faschismus 1945. Dieser Logik folgend wird der spätstalinistische Terror der Nachkriegsjahre nicht als primär gegen Letten, Litauer oder Esten, sondern als gegen "faschistische Kollaborateure" gerichtet begriffen.[9]

Beide Erzählungen finden sich sowohl in den baltischen Gesellschaften selbst als auch außerhalb der Region. So wurden baltische Juden bei ihren Forderungen nach einer Aufarbeitung des Holocaust stark von der US-Regierung sowie von internationalen jüdischen Organisationen unterstützt, die Druck auf die Regierungen vor allem Litauens und Lettlands ausübten. Als in den 1990er Jahren mit Blick auf den Holocaust in ganz Europa ein öffentlicher Diskurs der nationalen Reflexion und historischen Wiedergutmachung dominierte, sorgte es für starke Irritationen, dass die erneut unabhängigen baltischen Staaten eine kritische nationale Selbstprüfung verweigerten.

Der neosowjetische Diskurs ist vor allem unter in Estland und Lettland lebenden Russinnen und Russen verbreitet und wird von russischen Medien und offiziellen Verlautbarungen aus Russland gestützt. In westlichen Medien wird das schwierige baltisch-russische Verhältnis häufig weniger als erinnerungspolitischer denn als minderheitenpolitischer Konflikt wahrgenommen. Doch spätestens 2007, als junge Russen wegen einer von der estnischen Regierung angeordneten Verlegung eines sowjetischen Kriegsdenkmals auf den Straßen Tallinns randalierten, wurde die erinnerungspolitische Dimension dieser Spannungen deutlich.[10]

Im Folgenden werde ich den Verlauf von Konfrontation und Annäherung auf diesen beiden Schauplätzen geschichts- und erinnerungspolitischer Auseinandersetzung in den vergangenen 25 Jahren skizzieren.

Von Opferkonkurrenz zu inklusiver Erinnerungskultur



Bis zum Ende der Sowjetunion waren im Westen Hinweise auf die historische Tatsache der Mitwirkung der baltischen Bevölkerungen am Holocaust vor allem in Berichten überlebender Juden sowie in wissenschaftlichen Studien zu finden, die oft jedoch auf unzureichenden Quellen basierten. Entscheidendes Archivmaterial befand sich hinter dem Eisernen Vorhang, und so kursierten viele Mythen und Halbwahrheiten um die Geschehnisse während der deutschen Besatzung im Baltikum.

In der Sowjetunion selbst war das Thema Holocaust tabu, nicht aber das Geschichtsbild des baltischen Faschisten und Kollaborateurs, das häufig zu Propagandazwecken genutzt wurde. Die daraus resultierenden historischen Verzerrungen und bisweilen überzogenen Schuldzuweisungen trugen ihren Teil dazu bei, dass nach 1991 westliche Forderungen nach einer juristischen und historischen Aufarbeitung der Kollaborationsgeschichte in den jungen Demokratien zunächst auf taube Ohren stießen. Viel wichtiger erschien es baltischen Historikern und Intellektuellen, sich der lange verschwiegenen Geschichte der "eigenen" Opfer stalinistischer Gewaltverbrechen zuzuwenden.

Im öffentlichen Erinnerungsdiskurs der 1990er Jahre entstand so eine Konkurrenz von Opferdiskursen. Tatsächlich folgten die Debatten dieser Zeit der von dem Literaturwissenschaftler Michael Rothberg so eindrücklich beschriebenen Logik, nach der im öffentlichen Raum nur begrenzt Platz für die Erinnerung an verschiedene historische Traumata ist.[11] Die Verweise von Esten, Letten und Litauern auf die eigene Opferrolle unter wechselnden Besatzern, vor allem aber unter der sowjetischen Okkupation, sowie die Verwendung des Begriffs "Genozid" in diesem Zusammenhang wurden rasch als Versuche gewertet, die Beteiligung der eigenen Bevölkerung an der Ermordung von Juden zu vertuschen oder gar die historische Bedeutung des Holocaust zu relativieren.[12]

Umgekehrt wurde das bereits erwähnte einseitige Pochen westlicher Akteure auf die Aufarbeitung der Kollaboration mit den nationalsozialistischen Besatzern von vielen Balten als Desinteresse an den stalinistischen Verbrechen und ihren Opfern wahrgenommen, wenn nicht sogar als deren Verleugnung.[13] Die öffentlichen Debatten waren vor allem in den 1990er Jahren geprägt von gegenseitigen Schuldzuweisungen und bisweilen deutlich antisemitischen Untertönen.[14]

Vor allem in Litauen kommt erschwerend hinzu, dass die Geschichte des Mordes an den einheimischen Juden eng verknüpft ist mit der Geschichte des nationalen Widerstands gegen die Sowjetherrschaft. Wie historische Untersuchungen zeigen, hatten nicht wenige der in den Nachkriegsjahren von den Sowjets erschossenen litauischen Partisanen während des Krieges mit den deutschen Besatzern kollaboriert.[15] Im öffentlichen Erinnerungsdiskurs werden so bisweilen Personen, die an Massenmorden der Nationalsozialisten beteiligt waren, zu Opfern und Märtyrern erklärt.[16]

Doch die einstmals unversöhnlich scheinenden Konfliktlinien in diesem Kampf der Erinnerungen lösen sich allmählich auf. Nicht nur ist in bald 20 Jahren intensiver Forschung sowohl in den Ländern selbst als auch auf internationaler Ebene so mancher Vorwurf entschärft und so manche bisher unbekannte Wahrheit ans Licht gebracht worden.[17] Vor allem aber ist der historische Blick für die oft komplexen und ambivalenten Motive und Dilemmata individueller Akteure unter Bedingungen wechselnder totalitärer Besatzungen geschärft worden. Im öffentlichen Diskurs aller drei baltischen Gesellschaften ist eine neue Generation von Akademikern, Intellektuellen und zivilgesellschaftlichen Akteuren zunehmend bereit, die bisherige defensive und in ethnokulturellem Denken verhaftete öffentliche Gedenkkultur zu hinterfragen. Diese kritischen Stimmen fordern nicht nur eine selbstkritische Auseinandersetzung mit der historischen Tatsache der Kollaboration und fragen nach der Verantwortung heutiger Generationen; sie suchen auch nach Wegen, die Erinnerung an die Ermordung der Juden in den nationalen Erinnerungskanon einzuordnen.[18]

Symptomatisch für diese Entwicklung, die parallel sowohl in Lettland als auch in Litauen stattfindet, sei hier auf die Ereignisse rund um den jüngst zurückliegenden 75. Jahrestag der Erschießung von etwa 25000 Juden 1941 im Wald von Rumbula in Lettland verwiesen. Während der 30. November schon seit einiger Zeit auch von offizieller lettischer Seite als Gedenktag begangen wird, nahm 2016 eine Gruppe junger Historikerinnen und Historiker den Jahrestag zum Anlass für eine öffentliche Kampagne. Unter dem Motto "Es sind die Unseren" (tie ir mūsējie) riefen sie dazu auf, der Opfer von Rumbula mit Kerzen am zentralen nationalen Freiheitsdenkmal in Riga zu gedenken. Hunderte kamen dem Aufruf nach, und die Kampagne wurde breit in den Medien diskutiert. Hier kommt ein neues Narrativ zum Vorschein: Erstmals werden die jüdischen Opfer des Holocaust zu Mitbürgerinnen und Mitbürgern erklärt, deren Tod einen schmerzhaften Verlust für Lettland darstellt. Solch integrative Tendenzen sind angesichts der bisherigen konkurrenzbetonten Opferdiskurse bemerkenswert und stellen eine neue Dimension in der öffentlichen Erinnerung dar.


Geschichtspolitisches Sicherheitsdilemma



Auf dem anderen Schauplatz erinnerungspolitischer Konfrontation, der aufgrund des hohen Anteils russischsprachiger Einwohnerinnen und Einwohner vor allem in Estland und Lettland eine Rolle spielt, zeichnen sich weniger versöhnliche Tendenzen ab. Denn hier treffen zwei Narrative mit starker politisch-legimitatorischer Funktion aufeinander: Aus russischer Sicht begründet der sowjetische Sieg über Hitler-Deutschland in gewisser Weise den Anspruch auf eine Führungsrolle in der Region, und auch unter heute im Baltikum lebenden Russen hat die Erinnerung an den opferreichen Sieg gegen den Faschismus und die Befreiung der Region 1945 eine stark identitätsstiftende Wirkung. Auf der anderen Seite legitimierten die drei baltischen Staaten 1991 ihre rechtliche Wiederherstellung mit dem Verweis auf den völkerrechtswidrigen und aggressiven Charakter der sowjetischen Herrschaft. Mehr noch, das Paradigma der "völkerrechtlichen Kontinuität" gab estnischen und lettischen Regierungen nach 1991 ein legitimes Instrument an die Hand, um einen Großteil der im Lande lebenden Russen aus dem politischen Leben der jungen Demokratien auszuschließen.[19]

Während die Staatsbürgerschaftsgesetze mit der Zeit liberalisiert wurden und heute die meisten russischsprachigen Einwohner Estlands und Lettlands Staatsbürger dieser Länder sind, haben sich die dahinterliegenden historischen Diskurse wenig verändert. In beiden Staaten sind so parallele Gesellschaften entstanden, die sich nicht nur in ihren Wertvorstellungen und politischen Loyalitäten stark unterscheiden, sondern auch Teil verschiedener und sich in zentralen Punkten widersprechender Erinnerungsdiskurse sind.

Dies zeigt sich etwa in den Medien, in denen bisweilen noch immer der Begriff "Okkupant" als Bezeichnung für russischsprachige Mitbürger verwendet wird, auch wenn es sich um im Land Geborene handelt.[20] Tatsächlich kreist die politische und öffentliche Auseinandersetzung viel um diesen Begriff, der vom überwiegenden Teil der russischsprachigen Bevölkerung vehement abgelehnt wird. Die Historikerin Katja Wezel erklärt dies unter anderem damit, dass im sowjetischen Geschichtsbild der Terminus "Okkupation" im Zweiten Weltkrieg eng mit dem nationalozialistischen Deutschland verknüpft und daher mit dem eigenen Geschichtsbild vieler Russen nicht vereinbar ist.[21]

Doch geht der Streit um divergierende Wahrnehmungen sowjetischer Geschichte weit über Begrifflichkeiten hinaus. In Lettland sitzt mit der größten Oppositionspartei Harmonie eine eindeutig prorussische Partei im Parlament, deren Abgeordnete mitunter offen die Putin’sche Geschichtsklitterung auch in westlichen Medien verbreiten.[22] Ferner zeigen Ereignisse wie die bereits erwähnten Ausschreitungen rund um das sowjetische Kriegsdenkmal 2007 in Tallinn oder die alljährlichen Gedenkfeiern zum 9. Mai in Riga, wie stark sich auch junge Leute mit dem neosowjetischen Narrativ identifizieren. Aufgrund von Versäumnissen der estnischen und lettischen Integrationspolitik insbesondere im Bildungsbereich, aber auch weil viele russischsprachige Einwohner noch immer vor allem russische Staatsmedien konsumieren, orientieren sich viele an den darin transportierten Geschichtsbildern und Mythen.

Die Ukrainekrise 2014 ließ die erinnerungspolitischen Zerwürfnisse und Gräben erneut aufbrechen und verlieh ihnen eine neue Dimension. Die russische Annexion der Krim rief unter Balten schmerzhafte Erinnerungen wach, Parallelen zu 1940 waren bald gezogen. Angesichts der von Russland unterstützten Separatisten in der Ostukraine wurde verstärkt über die Loyalität der Russischsprachigen im eigenen Land diskutiert und die gegensätzlichen Geschichtsverständnisse zum Sicherheitsrisiko erklärt. Die zunehmend aggressiv-revisionistische Haltung der russischen Regierung gegenüber den baltischen Staaten, die auch in den russischen Staatsmedien widerhallt, hat zu einer neuerlichen Politisierung beziehungsweise "Sekurisierung der Erinnerung"[23] in den öffentlichen Diskursen geführt, die vor allem in Estland und Lettland den historischen Dialog zusätzlich erschwert und den gesellschaftlichen Zusammenhalt auf die Probe stellt. In der Tat bleibt die Annäherung dieser gegensätzlichen Geschichtsbilder eine der größten Herausforderungen für die noch jungen demokratischen Gesellschaften des Baltikums.

Schluss



Die Prozesse öffentlicher Erinnerung und politischer Auseinandersetzung mit der schwierigen, von Gewalt, Verlust und Trauma geprägten Geschichte des 20. Jahrhunderts in den baltischen Staaten waren in den vergangenen 25 Jahren von Konflikten und einem hohen Grad der Politisierung gekennzeichnet. Die jüngsten Entwicklungen in der Russischen Föderation lassen zudem vermuten, dass die Deutung der Geschichte des vergangenen Jahrhunderts in der Region auch weiterhin politisch umkämpft bleiben wird.

Doch in Estland, Lettland und Litauen selbst sollte vor dem Hintergrund weitgehend konsolidierter demokratischer Institutionen und freier Medien, einer differenzierten und faktenbasierten historischen Forschung sowie einer lebendigen zivilgesellschaftlichen Öffentlichkeit dennoch ein Dialog zwischen konkurrierenden historischen Erzählungen möglich sein. Ein solcher findet zumindest in Bezug auf die Erinnerung an den Völkermord an den baltischen Juden allmählich statt.

Tatsächlich ist die Art und Weise, wie an die Verbrechen der Vergangenheit heute öffentlich erinnert wird, mittlerweile längst nicht mehr allein von offiziellen Gedenktagen oder staatlichen Maßnahmen abhängig. In allen drei Staaten existiert ein breites Netz aus Gedenkstätten, Museen und Forschungszentren, die sich unabhängig mit Aufarbeitung und Erinnerung befassen. Sie stellen die bisherige Gedenkpraxis mitunter kritisch infrage oder bringen Geschichten und Erinnerungen an die Öffentlichkeit, die im nationalen Kanon (noch) wenig bis keine Beachtung gefunden haben. Vielleicht ist genau diese zivilgesellschaftliche Initiative für einen Dialog über Vergangenheit und Erinnerung der Weg, über den allmählich auch eine Annäherung der Erinnerungsdiskurse zwischen Esten und Letten einerseits und Russen beziehungsweise Russischsprachigen andererseits stattfinden könnte.

Abschließend sei hier betont, dass es trotz aller historischen Parallelen und politischen Gleichzeitigkeiten in der jüngsten Geschichte der baltischen Staaten deutliche Unterschiede zwischen ihnen gibt, auch mit Blick auf Geschichtspolitik und Erinnerungsdiskurse. Einige von ihnen sind hier herausgearbeitet worden. Doch lohnt es sich für ein tieferes Verständnis erinnerungskultureller und -politischer Entwicklungen, diese drei Gesellschaften mit ihren ganz spezifischen Befindlichkeiten, Diskussionsstilen und internen Konflikten einzeln zu betrachten.
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Autor: Eva-Clarita Pettai für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Zu den historischen Hintergründen siehe auch den Beitrag von Karsten Brüggemann in dieser Ausgabe.
2.
Vgl. Valters Nollendorfs/Erwin Oberländer (Hrsg.), The Hidden and Forbidden History of Latvia, Riga 2005, S. 9; Meike Wulf, Shadowlands. Memory and History in Post-Soviet Estonia, New York–Oxford 2016, S. 3f.
3.
Vgl. Ieva Zake, Controversies of US-USSR Cultural Contacts During the Cold War: The Perspective of Latvian Refugees, in: Journal of Historical Sociology 21/2008, S. 55–81.
4.
Für eine ausführliche vergleichende Analyse der juristischen, politischen und symbolischen Aufarbeitung (transitional justice) der kommunistischen Vergangenheit in allen drei Staaten siehe Eva-Clarita Pettai/Vello Pettai, Transitional and Retrospective Justice in the Baltic States, Cambridge 2015.
5.
Zur Strafgesetzgebung und Gerichtsverfahren gegen ehemalige Mitglieder des sowjetischen Geheimdienstes siehe Eva-Clarita Pettai, Prosecuting Soviet Genocide: Comparing the Politics of Criminal Justice in the Baltic States, in: European Politics and Society, 22.12.2016 (nur online).
6.
Vgl. Pettai/Pettai (Anm. 4), S. 133–167.
7.
Vgl. Violeta Davoliūtė, The Making and Breaking of Soviet Lithuania. Memory and Modernity in the Wake of War, London 2013.
8.
Vgl. Pettai/Pettai (Anm. 4), S. 319–325. In der komparativen Analyse vergangenheitspolitischer Prozesse im Baltikum wird der litauische Ansatz im Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit als Hands-on-, der estnische als Hands-off-Politik kategorisiert.
9.
Für eine ausführliche Analyse und Diskussion der divergierenden Geschichtsverständnisse und daraus resultierender politischer Verwerfungen und Konflikte in Lettland vgl. Katja Wezel, Geschichte als Politikum. Lettland und die Aufarbeitung nach der Diktatur, Berlin 2016.
10.
Zum Verhältnis der baltischen Staaten zu Russland siehe auch den Beitrag von Kai-Olaf Lang in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
11.
Vgl. Michael Rothberg, From Gaza to Warsaw: Mapping Multidirectional Memory, in: Criticism 4/2011, S. 523–548.
12.
Vgl. Dovid Katz, On Three Definitions: Genocide, Holocaust Denial, Holocaust Obfuscation, in: Leonidas Donskis (Hrsg.), A Litmus Case of Modernity. Examining Modern Sensibilities and the Public Domain in the Baltic States at the Turn of the Century, Berlin 2009, S. 259–278.
13.
Vgl. Saulius Sužiedėlis, The International Commission for the Evaluation of the Crimes of the Nazi and Soviet Occupation Regimes in Lithuania: Successes, Challenges, Perspectives, in: Journal of Baltic Studies, 8.8.2016 (nur online).
14.
Vgl. Eva-Clarita Pettai, Demokratisierung der Geschichte in Lettland. Staatsbürgerliches Bewusstsein und Geschichtspolitik im ersten Jahrzehnt der Unabhängigkeit, Hamburg 2003. Siehe auch Dovilė Budrytė, "We Call It Genocide": Soviet Deportations and Repressions in the Memory of Lithuanians, in: Robert S. Frey (Hrsg.), The Genocidal Temptation. Auschwitz, Hiroshima, Rwanda and Beyond, Dallas 2004, S. 79–100.
15.
Vgl. Christoph Dieckmann, Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944, 2 Bde., Stuttgart 2016.
16.
So wurde etwa das Gelände im Park von Tuskulenai in Vilnius, auf dem Mitte der 1990er Jahre die sterblichen Überreste von 700 offenbar von der sowjetischen Geheimpolizei gefolterten und erschossenen Menschen gefunden wurden, darunter eine recht große Zahl von litauischen Kollaborateuren, die vermutlich auch an antijüdischen Maßnahmen beteiligt gewesen waren, zu einem Mahnmal für die Opfer des Sowjetregimes erklärt. Ein angrenzendes "Museum für die Märtyrer" wurde 2011 offiziell eröffnet. Zu den Kontroversen rund um den Gedenkort siehe auch Pettai/Pettai (Anm. 4), S. 246ff; Milan Chersonski, It’s Not Just About the New Tuskulenai "Peace Park" in Vilnius, 20.8.2012, http://defendinghistory.com/its-not-just-about-tuskulenai-peace-park/39900.
17.
Vgl. z.B. Katrin Reichelt, Lettland unter deutscher Besatzung 1941–1944. Der lettische Anteil am Holocaust, Berlin 2011; Ruth Bettina Birn, Die Sicherheitspolizei in Estland 1941–1944. Eine Studie zur Kollaboration im Osten, Paderborn 2006.
18.
Für ein eindrückliches Beispiel für diese neuen Stimmen siehe Una Bergmane, Viewpoint: Remembering Rumbula, 28.11.2016, http://www.lsm.lv/en/article/features/.a212052«. Zu ähnlichen Entwicklungen in Litauen vgl. Violeta Davoliūtė, Two-Speed Memory and Ownership of the Past, in: Transitions Online, 1.9.2016 (nur online).
19.
Zur Staatsbürgerschafts- und Minderheitenpolitik der baltischen Staaten siehe den Beitrag von Ada-Charlotte Regelmann in dieser Ausgabe.
20.
Siehe dazu den sehr persönlich eingeleiteten Essay von Deniss Hanovs, On the Limits of Otherness. Intimate Reflexions on Ethnicity and Memory in Contemporary Latvia, in: Oskars Redbergs (Hrsg.) Mūsdienu kultūras stāvokļi/Conditions for Contemporary Culture, Riga 2013, S. 235–247.
21.
Vgl. Wezel (Anm. 9), S. 214.
22.
Siehe z.B. Sergejs Potapkins, Restrisiko Nichtbürger, 24.11.2016, http://www.zeit.de/politik/ausland/2016-11/lettland-russen-bevoelkerungsgruppe-demografie«.
23.
Maria Mälksoo, "Memory Must Be Defended": Beyond the Politics of Mnemonical Security, in: Security Dialogue 3/2015, S. 221–237, hier S. 226–230.

Eva-Clarita Pettai

Zur Person

Eva-Clarita Pettai

ist promovierte Politikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Imre Kertész Kolleg der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Zu ihren Forschungsschwerpunkten gehören vergleichende Erinnerungs- und Geschichtspolitik sowie postkommunistische transitional justice. ec.pettai@uni-jena.de


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