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24.3.2017

"Wahres Wissen" und demokratisch verfasste Gesellschaft

Die derzeit verbreitete Rede vom "postfaktischen Zeitalter" bezieht sich unter anderem auf die Beobachtung, dass vor allem Vertreterinnen und Vertreter populistischer Parteien sich bei ihren Äußerungen nicht mehr an Fakten halten, sondern sich über etabliertes Wissen hinwegsetzen und bisweilen auch schlicht lügen. Das reicht von der Leugnung ihrer eigenen Aussagen aus der Vergangenheit, die sich leicht belegen lassen, bis zur Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse wie des anthropogenen Klimawandels, die nicht ganz so einfach zu überprüfen sind. Darüber hinaus verunglimpfen sie die Medien, sprechen von einer Verschwörung der "Lügenpresse" und unterminieren damit die Glaubwürdigkeit einer für die Demokratie zentralen Institution. Zugleich gerieren sie sich als Verteidiger demokratischer Rechte wie der freien Meinungsäußerung und fordern mehr "direkte" Demokratie. Mit diesem Verhalten mobilisieren sie zahlreiche Wählerinnen und Wähler.

Was ist in unsere Gesellschaft gefahren, dass sie Journalisten und Wissenschaftlerinnen nicht mehr vertraut und anfällig für Rattenfänger geworden ist? Diese Frage stellt sich umso eindringlicher vor dem Hintergrund, dass Sozialwissenschaftler vor nicht allzu langer Zeit den Übergang von der Industrie- zur Wissensgesellschaft verkündet haben.[1] In der Wissensgesellschaft zählt Wissen als wichtigste Produktivkraft: Wissenschaftliches Wissen, also "wahres" beziehungsweise verlässliches Wissen, ist von zentraler Bedeutung für den gesellschaftlichen Fortschritt.

Tatsächlich zeigt die Beunruhigung über den sich verbreitenden Populismus und Antiintellektualismus zweierlei: Zum einen hat die moderne Wissenschaft und die mit ihr einhergehende Rationalität in den modernen Gesellschaften seit der Aufklärung eine immer größere Autorität als Institution erlangt – sonst würde die Leugnung von "Fakten" nicht auf derart heftige Reaktionen stoßen. Zum anderen ist man sich der Fragilität der Demokratie bewusst. Zwar gilt die Demokratie als die beste aller Regierungsformen, weil sie den Gefahren des Machtmissbrauchs am effektivsten entgegenwirkt und den Interessenausgleich aller Mitglieder einer Gesellschaft am erfolgreichsten zu gewährleisten vermag. Das urdemokratische Prinzip der Mehrheitsentscheidung hat allerdings, wenn es in größeren Gemeinschaften realisiert wird, eine Schwäche: Es ist anfällig für Emotionalisierung, Skandalisierung, kurz: für Propaganda und darauf gründende Ad-hoc-Entscheidungen.

Unter anderem um dieser Gefahr zu begegnen, ist das Konzept der repräsentativen Demokratie entwickelt worden, das heute für fast alle modernen Demokratien konstitutiv ist. Die Wahl von Repräsentantinnen und Repräsentanten, die in Parlamenten über die anfallenden politischen Fragen entscheiden, wirkt als moderierender Mechanismus. Entscheidungen werden auf ihre Akzeptabilität unter den im Parlament vertretenen Gruppierungen geprüft, aber zugleich auch auf ihre Voraussetzungen und ihre vorhersehbaren Folgen, soweit es das verfügbare Wissen erlaubt. Politik legitimiert sich also nicht nur durch Wahlen, sondern auch durch ihre Rationalität. Widerspricht sie eklatant empirischer Evidenz, wird das entweder beim nächsten Urnengang oder durch einen obersten Gerichtshof sanktioniert.

Das Problem dabei ist, dass in vielen Fällen nicht mit Sicherheit gesagt werden kann, was die Evidenz wirklich ist. So stellt sich die nächste Frage: Was ist "wahres Wissen" und wie kommt die Gesellschaft zu "wahrem Wissen"?

Kleine Geschichte des "wahren Wissens"



Mit der modernen Wissenschaft, die ihre erste dauerhafte organisatorische Prägung 1660 mit der Gründung der britischen Royal Society erhielt, etablierte sich das Prinzip, dass als "wahres Wissen" nur gelten sollte, was durch Beobachtung und/oder Experiment, also empirisch, bestätigt wurde. Ferner sollten Wahrheitsbehauptungen unter Forschern offen vertreten und diskutiert werden, und es sollte kein Gesichtsverlust sein, dabei von den Kollegen widerlegt zu werden.

Damit wurde die Dominanz der scholastischen Philosophie mit ihrem Fokus auf Begriffsdeutungen und Argumentationen abgelöst. In der Scholastik galt als sicherste Form des erreichbaren Wissens das aus allgemeinen Prinzipien logisch sauber hergeleitete Ergebnis. Beobachtungen wurde hingegen misstraut, da sie Täuschungen unterliegen konnten. Die Wissenschaft der Scholastik litt letztlich unter der Unabschließbarkeit der Diskussionen, da es keinen Mechanismus gab, der die Beilegung von Meinungsverschiedenheiten ermöglichte.

Die Frage, wie "wahres Wissen" zu erlangen sei, hatte zwar schon die antiken Philosophen beschäftigt, wurde mit der Entstehung der modernen Wissenschaft aber zum zentralen Gegenstand der Wissenschaftsphilosophie.[2] Unter den vielen im Laufe der Zeit entwickelten Antworten seien im Folgenden die wichtigsten genannt.

Wesensergründung, Beobachtung, Skepsis
Die sogenannte Korrespondenztheorie der Wahrheit wird schon Aristoteles zugeschrieben, hielt sich bis ins 19. Jahrhundert und wurde noch in den 1920er und 1930er Jahren von Mitgliedern des Wiener Kreises vertreten. Sie sieht Wahrheit als Übereinstimmung des erkannten Objekts mit einer Vorstellung des erkennenden Subjekts. Diese Erläuterung des Wahrheitsbegriffs stieß stets auf die Schwierigkeit, dass sich die Übereinstimmung nicht aus einer neutralen Perspektive prüfen lässt. Als erkennende Subjekte sind wir immer nur mit unseren eigenen Vorstellungen bekannt, nicht aber mit den Objekten selbst. Die Korrespondenztheorie der Wahrheit führt also nicht zu einem Kriterium für die Entscheidung über bestimmte Wahrheiten.

Für die Wissenschaften stellt sich dieses Problem in verschärfter Form. Denn selbst wenn einfache objektive Verhältnisse, zum Beispiel "Der Uhrzeiger steht jetzt auf drei", verlässlich festgestellt werden können und entsprechend Korrespondenz begründet angenommen werden kann, so gilt das nicht für komplexere theoretische Sätze der Wissenschaft. Dass sich etwa Elektronen im magnetischen Feld in Spiralbahnen um die Feldlinien bewegen, entzieht sich dem Augenschein. Für die Ermittlung einer Korrespondenz zwischen Beobachtungen und Weltzuständen gibt es dann keine einfachen Regeln.

Aus solchen Schwierigkeiten zieht die Kohärenztheorie der Wahrheit den Schluss, dass Vorstellungen nicht mit Tatsachen, sondern Aussagen nur mit Aussagen verglichen werden können. Wahrheit stellt sich als Kohärenz dar, also als Widerspruchsfreiheit und wechselseitige Stützung von Aussagen. Der Philosoph Nicholas Rescher geht davon aus, dass die Wissenschaft als Ganzes ein kohärentes System von Aussagen über die Welt ist und als solches weiterentwickelt wird. Neue Erkenntnisse müssen sich in den Zusammenhang der anerkannten Aussagen einfügen, dürfen diesen nicht widersprechen und ohne Verbindung zu diesen bleiben.[3]

Eine wieder andere Sichtweise findet sich beim frühen Karl Popper, demzufolge Urteile über wissenschaftliche Sätze sich in erster Linie auf die Ermittlung ihrer Falschheit stützen. Für wissenschaftliche Theorien gilt, dass sie falsifizierbar sind, also durch empirische Gegenbeispiele widerlegt werden können. Falsifizierbarkeit ist für Popper notwendige Vorbedingung für Wissenschaftlichkeit: Nur Theorien, die sich empirisch widerlegen lassen, sind wirklich wissenschaftlich. Ein Wahrheitsbegriff ist deshalb für die Logik der Forschung entbehrlich.[4]

Diese bislang kursorisch genannten "Wahrheitstheorien" lassen sich in eine Entwicklung stellen, in der wissenschaftliche Wahrheit beziehungsweise wahre Erkenntnis zunächst durch die Ergründung der inneren (Wesens-)Eigenschaften der erkannten Objekte, sodann im Vertrauen auf einfache Beobachtung gesucht wurde, bis dieses Streben schließlich in eine grundsätzliche Skepsis gegenüber der Möglichkeit der Erkenntnis von Wahrheit durch das erkennende Subjekt mündete, also den Menschen. Diese Entwicklungslinie bezieht sich auf die Abfolge von wissenschaftstheoretischen Positionen in der Philosophie. Doch befasst sich die Philosophie mit Begriffen, Theorien, logischen Zusammenhängen und hat die konkrete Gesellschaft nicht im Blick.

Ende der objektiven Wahrheit
Das änderte sich mit dem Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn. Im Unterschied zu den bis dahin vielfach akzeptierten Auffassungen, dass die Wissenschaftsgeschichte eine fortschreitende Kumulation von Tatsachen und Theorien sei, die der Wahrheit immer näher kommen, beschrieb er sie als eine Abfolge von Phasen der "normalen" Wissenschaft und wissenschaftlicher Revolutionen.[5] Im Zuge der normalen Wissenschaft werden zentrale Fragestellungen beziehungsweise theoretische Programme, sogenannte Paradigmen, durch Routineforschung abgearbeitet. Die Ergebnisse der empirischen Forschung lassen sich in das Paradigma einordnen und verfeinern es fortlaufend. An einem bestimmten Punkt jedoch komme es zu Entdeckungen, für die das nicht mehr gelte. Sie stellen das Paradigma infrage, und nach und nach wachse die Zahl der Wissenschaftler, die unter dem Eindruck der neuen Entdeckungen und der dadurch entstehenden Widersprüche dem alten Paradigma nicht mehr trauen. Sie wenden sich ab, es komme zur "Revolution" und schließlich zur Formulierung eines neuen Paradigmas.

Revolutionär sei diese Entwicklung sowohl in epistemologischer als auch in "sozialer" Hinsicht. Epistemologisch, weil das neue Paradigma sich zum alten inkommensurabel verhalte, es also keine Möglichkeit gebe, Erkenntnisse und Theorien des alten in das neue zu überführen. Sozial, weil sich der Paradigmenwechsel nicht als ein Prozess der Überzeugungsänderung abspiele, sondern als ein Sieg der Anhängerschaft des neuen über die des alten Paradigmas. Eine Gemeinschaft von Wissenschaftlern erlange über eine andere die Definitionsgewalt.

Bezeichnenderweise definierte Kuhn wissenschaftliche Gemeinschaften über die Selbstzurechnung zu Paradigmen, ebenso wie er umgekehrt Paradigmen über solche Communities definierte. Die Selbstzurechnung zu einem bestimmten Paradigma verweise zum einen auf den Umstand, dass das Paradigma für verbindlich gehalten werde und ihm gleichsam normative Kraft zukomme, zum anderen auf den fragmentierten Charakter "wahren Wissens". Die Rückbindung der Paradigmen an soziale Gruppen und an Prozesse der vermeintlich autoritativen Erlangung von Dominanz war in der Wissenschaftstheorie selbst eine Revolution, insofern als die zuvor rein wissenschaftstheoretisch behandelte Frage, wie "wahres Wissen" entsteht, nunmehr auch soziologische Erklärungen zuließ.

Kuhns Wissenschaftstheorie markierte das Ende des Ideals der objektiven Wahrheit. Zugleich gab Kuhn auch die Vorstellung auf, der Erkenntnisprozess bewege sich kontinuierlich auf die Wahrheit zu. Der Wechsel von Paradigmen lässt keine Entwicklungsrichtung der theoretischen Vorstellungen hin zu einer klar umrissenen Vorstellung der Wirklichkeit erkennen. Wissenschaft wird von der Verbesserung der vorliegenden Theorieansätze getrieben und nicht vom Streben nach einer immer besseren Erkenntnis der Wirklichkeit. Es überrascht deshalb nicht, dass Kuhn als Relativist gescholten wurde.

Unter den vielen Reaktionen auf Kuhns Theorie sticht die der sogenannten Realisten als die wirkmächtigste hervor. Der Wissenschaftstheoretiker Ernan McMullin definiert den wissenschaftlichen Realismus gemäß seiner Grundannahme, dass der langfristige Erfolg einer wissenschaftlichen Theorie Anlass gibt, an die Existenz der von der Theorie behaupteten unbeobachtbaren Objekte und ihrer Beziehungen zu glauben. Die infrage stehende Theorie muss also über einen längeren Zeitraum erfolgreiche Voraussagen erlauben. Es wird aber keine letztendliche Beweisbarkeit der theoretisch postulierten Sachverhalte angenommen.[6]

Alles konstruiert?
Neben dem wissenschaftlichen Realismus entwickelte sich mit dem Konstruktivismus eine weitere Diskussionslinie. Diese Richtung der Erkenntnistheorie hat verschiedene Ausprägungen, die in den 1980er und 1990er Jahren vor allem in den Sozialwissenschaften und der Psychologie populär waren. Der sogenannte radikale Konstruktivismus wird von den Neurobiologen Umberto Maturana und Francisco Varela vertreten. Sie gehen davon aus, dass das menschliche Gehirn ein autopoietisches System ist, also organisational gegenüber der Umwelt geschlossen ist und keine Informationen von außen direkt aufnimmt, aber strukturell mit anderen umgebenden Medien beziehungsweise Organismen gekoppelt ist. Gehirne beziehungsweise lebende Organismen erzeugen ihre Operationen nur durch Rekurs auf Vorhandenes. In dieser Erklärung der Erkenntnis gibt es keine Wahrheit, keine Objektivität und auch keinen Zugriff auf eine äußere Welt. Die Welt gibt es nur als "Konstruktion" des Erkenntnisapparats.[7]

Der radikale Konstruktivismus Maturanas und Varelas adressierte die philosophische Erkenntnistheorie. Der wissenssoziologische Ansatz Peter Bergers und Thomas Luckmanns teilte indes nur vordergründig den Begriff der Konstruktion. In ihrem 1966 vorgelegten Werk "Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit" betrachteten sie soziale Tatsachen, obwohl sie das Ergebnis sozialer Interaktionen sind, wie Werte und Institutionen, die über einen langen Zeitraum hinweg entstehen. Sie erscheinen den Mitgliedern der Gesellschaft sodann als natürlich gegeben und werden von ihnen durch Sozialisation verinnerlicht und zugleich stabilisiert. Im Zentrum steht die Frage, wie Alltagswissen gesellschaftliche Faktizität erlangt. Der Sozialkonstruktivismus beschränkt sich also auf die Erklärung sozialer Tatbestände und berührt die philosophische Frage der Begründung von Erkenntnis nicht.

Das änderte sich mit der Ausweitung des wissenssoziologischen Ansatzes auf die Wissenschaft selbst. Kuhns These der diskontinuierlichen Wissenschaftsentwicklung und der Rolle der Fachgemeinschaften in der Durchsetzung neuer Paradigmen wurde von (Wissens-)Soziologen aufgenommen und dahingehend gedeutet, dass nicht nur gesellschaftliche Institutionen, sondern auch wissenschaftliche Begriffe und Theorien und letztlich auch die Ergebnisse der auf ihnen beruhenden Forschung sozial konstruiert seien. Diese These ist gleichbedeutend damit, dass jeglicher Begriff von Wahrheit oder zumindest von Fakten aufgegeben wird.

Die Evidenz für diese Sichtweise ist nicht zuletzt durch die Beobachtung von Forschungsprozessen geliefert worden: Verfolgt man die Entwicklung eines bestimmten Projekts von der ersten Formulierung der Forschungsfrage bis zur abschließenden Veröffentlichung der Ergebnisse, finden sich in den Diskussionen der Forscherinnen und Forscher, in den Bedingungen ihrer Forschung und den Entscheidungen über die Wahl von Instrumenten oder Materialien viele Zufälligkeiten beziehungsweise Situationen, in denen diese Entscheidungen keiner Zwangsläufigkeit unterliegen. Daraus wird der Schluss gezogen, die aus diesem Prozess hervorgegangenen Ergebnisse seien "sozial konstruiert". Von dieser These zu derjenigen, wissenschaftliche Fakten seien letztlich beliebig konstruierbar – eine vielfach vertretene Vereinfachung –, ist es ein kleiner Schritt.

In der Breitenwirkung des Sozialkonstruktivismus wird denn auch die Wurzel des Postmodernismus gesehen. Es ist eine offene Frage, ob die Entstehung des gegenwärtig bereits als "postfaktisch" bezeichneten Diskurses insofern eine Verbindung zum Postmodernismus hat, als dieser erst jetzt in der allgemeinen Öffentlichkeit angekommen ist. Ob die Leugnung wissenschaftlich gesicherter Fakten sich mit der hier skizzierten erkenntnistheoretischen Diskussion begründen lässt, ist allerdings klar negativ zu beantworten, denn diese bleibt der Suche nach einer Begründung der Wahrheit verpflichtet.


Kleine Soziologie des "wahren Wissens"



Insofern als die Vermutung des Ursprungs der Wahrheit von essenzialistischen Erklärungen immer weiter zu den sozialen Prozessen rückte, in denen sie durch Interaktion, Diskurs, Debatte und Konsens unter den Wahrheitssuchenden hervorgebracht wird, handelt es sich auch bei Wahrheit im Sinne wissenschaftlich gesicherter Fakten also um soziale "Konstruktionen". Das rechtfertigt aber nicht den Schluss, sie seien beliebig veränderbar, nur relativ und deshalb nicht bindend oder handlungsrelevant. Diesen Fehlschluss zieht, wer kein Verständnis der spezifischen sozialen "Natur" von Fakten und ihrer Entstehung hat, wer die Widerständigkeit sozialer Tatsachen leugnet. Daher gilt es, näher zu betrachten, wie Fakten "konstruiert" werden, und wie sich gesichertes Wissen zu ungesichertem verhält. Wie wird Wissen gesichert und kommuniziert, um schließlich als "wahres Wissen" zu gelten?

Prinzipien wissenschaftlicher Wissensproduktion
Obgleich es zwischen den einzelnen wissenschaftlichen Disziplinen tief greifende Unterschiede bei der Geschwindigkeit der Wissensproduktion, den Formen der Qualitätssicherung und den Kommunikationsformen gibt, ähneln sie sich doch stark hinsichtlich der Prinzipien, nach denen sie operieren. Diese umfassen die Offenlegung der eigenen Forschung, eine systematische Skepsis gegenüber den Wahrheitsbehauptungen anderer Wissenschaftler und gegebenenfalls deren Überprüfung ohne Rücksicht auf das Ansehen der Person oder andere Interessen.

Natürlich kann wie etwa in der Militärforschung hinter verschlossenen Türen neues Wissen produziert werden. Dann können sich die Urheber ihres Wissens jedoch erst sicher sein, wenn es den Praxistest besteht. Nur allgemeine Zugänglichkeit und die vorbehaltlose Prüfung durch kompetente Fachkolleginnen und -kollegen können Vertrauen in das produzierte Wissen schaffen. Denn wenn diese Prinzipien befolgt werden, gilt das durch sie erzeugte Wissen als objektiv. Objektivität des Wissens genießt in unserer Gesellschaft einen sehr hohen Wert: Es dient als Referenz für die Klärung von Interessenkonflikten und begründet das Vertrauen, das wiederum notwendige Voraussetzung für die Arbeitsteilung und damit für den Fortschritt in der Wissenschaft ist. Andernfalls müsste jeder Wissenschaftler alles Wissen selbst überprüfen, bevor er mit neuen Forschungen beginnen könnte.

In Verbindung mit dem Ansehen eines Wissenschaftlers hat dieses Vertrauen eine wichtige Steuerungsfunktion. Das Ansehen, das ein Wissenschaftler in seiner Fachgemeinschaft genießt, also die Wertschätzung durch seine Kollegen, ergibt sich aus der Bewertung seiner Forschungsleistung. Je relevanter und origineller sie ist, desto höher ist auch das Ansehen des Forschers und desto häufiger die Bezugnahme anderer Wissenschaftler auf seine Arbeit. Seinen Ergebnissen wird vertraut, andere bauen auf ihnen auf und tragen so dazu bei, dass dieses spezifische Wissen als gesichert gilt. Im Ruf eines Wissenschaftlers spiegelt sich also die Vertrauenswürdigkeit seiner Forschungsergebnisse, die wiederum für die Gesellschaft bedeutsam ist, weil diese sich – ohne spezielle Sachkenntnis zu haben – auf sie verlassen können muss. Entsprechend geächtet ist daher Betrug.

Praxis wissenschaftlicher Wissensproduktion
Wie wirken die genannten Prinzipien im Prozess der Wissensproduktion im Hinblick auf die "Konstruktion" wissenschaftlichen Wissens? Die Relevanz von Forschungsfragen ist Gegenstand von Aushandlungsprozessen innerhalb der jeweiligen Fachgemeinschaft und wird beispielsweise durch die Begutachtung von Forschungsanträgen entschieden. Dann beginnt die eigentliche Forschung: die Wahl der geeigneten Methoden und Instrumente, die Experimente und Beobachtungen, die anschließende Auswertung der gesammelten Daten.

Die Präsentation von Forschungsergebnissen ist immer an Interpretationen gebunden, die sodann Gegenstand inner- und, obgleich seltener, außerwissenschaftlicher Debatten sind. Weitere Bewertungen erfolgen sowohl auf einschlägigen Fachkonferenzen als auch in Fachzeitschriften. Über die Veröffentlichung entscheiden Fachkollegen als Gutachter, und auf publizierte Artikel kann die gesamte Fachgemeinschaft reagieren, sei es durch die Überprüfung der Experimente, sei es durch neue Interpretationen der Daten, deren Bestätigung oder Infragestellung auf Grundlage anderer Versuchsreihen oder Beobachtungen. Auf diese Weise werden nach und nach Unsicherheiten aufgehoben und unhaltbare Befunde und Interpretationen verworfen.

Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, zum einen, weil die Antworten auf Fragen zugleich immer neue Fragen aufwerfen, die Forschung also – sofern entsprechende Mittel bereitstehen – immer weiter läuft. Zum anderen ist nie auszuschließen, dass die gefundenen Antworten nicht durch eine neue Beobachtung, durch eine neue Entdeckung oder durch neue Interpretationen im Licht anderer Forschungsergebnisse revidiert werden. Forschungsergebnisse sind also nie endgültig. Das bedeutet allerdings nicht, dass die durch die Fachgemeinschaft wissenschaftlich konsentierten Fakten beliebig bestreitbar oder veränderbar wären. Genau das ist der Trugschluss der radikalen Sozialkonstruktivisten.

Wissenschaftlich als gesichert geltende Fakten gelten so lange als "wahr", bis sie widerlegt werden. Diese Fakten finden Eingang in Lehrbücher, in denen das etablierte und unumstrittene Wissen konserviert und für die Unterrichtung kommender Generationen zusammengefasst ist. Wer die dort aufgeführten wissenschaftlichen Fakten bestreitet, muss gegen die vielen an der "Härtung" dieser Fakten beteiligten Wissenschaftler und den langen Prozess der Prüfung und Kritik argumentieren. Wer lediglich die Fakten bestreitet, gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis – die Diskussion über den menschlichen Anteil am Klimawandel ist ein einschlägiges Beispiel.

Öffentlichkeitswirkung
An eine breite Öffentlichkeit gelangen diese Auseinandersetzungen über die Medien, die sie beobachten und über sie berichten. Dabei verhalten sie sich gemäß ihrer eigenen Operationslogik: Spannung und Sensation sind Nachrichtenwerte. Jede skeptische Stimme ist ihnen eine Meldung wert, weil sie scheinbar das Rennen offen hält. In der Berichterstattung erhält jede Seite die gleiche Aufmerksamkeit, sodass nicht immer eine Differenzierung nach Mehrheit und Minderheit in der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft erfolgt. Daher erwecken innerwissenschaftliche Auseinandersetzungen häufig den Eindruck, dass die Wissenschaft zerstritten und ihre Ergebnisse nicht glaubhaft seien. Das gilt umso mehr, wenn es sich um Forschungsthemen handelt, die von großem politischen beziehungsweise öffentlichen Interesse sind – wie eben der Klimawandel. Dann verbinden sich mit bestimmten Positionen in der Auseinandersetzung politische Interessen, etwa in Bezug auf die Regulierung von Schadstoffausstoß. Sind die Forschungsergebnisse nicht absolut sicher, was sie häufig (noch) nicht sind, lassen sie Interpretationen und Anzweiflungen zu: Dann scheint es besonders leicht, die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft infrage zu stellen.

Die Komplexität des Prozesses der Wissensproduktion, seine Unabgeschlossenheit und Anfälligkeit für Irrtümer oder gar absichtliche Täuschung sowie die Unzugänglichkeit von außen machen verständlich, weshalb er so häufig missverstanden wird. Das spiegelt sich zum Teil in der Sprache wider, mit der einzelne Aspekte der Wissenschaft beschrieben werden: Innerhalb der Wissenschaft spricht man nicht von "wahrem Wissen" oder von "Wahrheit", weil damit eine Endgültigkeit suggeriert wird, die dem Prozess der Wissensproduktion nicht gerecht wird. Wissen gilt immer nur als vorläufig.

Nichtsdestoweniger behalten manche Inhalte von Lehrbüchern ihre Gültigkeit über einen langen Zeitraum, und ganze Generationen orientieren sich an ihnen. In der Öffentlichkeit gilt das als "wahres Wissen". Es greift also zu kurz, angesichts der selbst auferlegten Zurückhaltung der Wissenschaft, emphatisch von "Wahrheit" zu sprechen und die Gültigkeit von Wissensbeständen mit dem Hinweis zu bestreiten, dass die Wissenschaftler selbst nicht an die Wahrheit glauben.

Fazit



Die Fragen, auf die Leugner von Fakten eine Antwort geben müssen, lauten: Woran orientieren sie ihr Handeln? Wie stellen sie sich eine Einigung vor, wenn sich widerstreitende Argumente nicht unter Bezug auf Evidenzen lösen lassen? Es gibt derzeit keinen vertretbaren Gesellschaftsentwurf, der von der Funktion gesicherten Wissens als Basis von Konsensfindung absehen würde. Ganz im Gegenteil: Evidenzbegründung ist nach wie vor Prinzip der Politik sowie der Beilegung oder Vermeidung von Konflikten, die sich aus widersprüchlichen Meinungen ergeben.

Die inzwischen immer lauter werdende Kritik an der Verbreitung von Falschmeldungen über die sozialen Medien deutet nicht darauf hin, dass die Gesellschaft viel Freude am "Postfaktischen" hätte. Vielmehr scheint sich ein Gefühl der Desorientierung, des Betrogenseins zu verbreiten. Die Gesellschaft hat also eine Vorstellung von gesichertem Wissen, von Fakten und warum es wichtig ist, sie von Fakes zu unterscheiden. Tatsächlich gilt die Wissenschaft trotz zunehmender Skepsis gegenüber gesellschaftlichen Institutionen nach wie vor als vertrauenswürdige Institution.

Ihr kritisches Potenzial macht die Wissenschaft zu einer Säule der Demokratie. Alle modernen Demokratien gewähren unter den Grundrechten die freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Wissenschaft. Letztere wird zwar nicht überall explizit in den Verfassungen erwähnt, sondern leitet sich etwa aus der Pressefreiheit ab. Beide Freiheiten sind wichtige Mechanismen der Machtkontrolle: Die Freiheit der Meinung schützt den Einzelnen vor staatlicher Willkür, wenn er sich kritisch äußert, und sichert zugleich die kritische Funktion der Presse. Die Freiheit der Wissenschaft schützt die Wissenschaftler vor staatlicher Willkür, wenn sie politisch unliebsame Forschungsergebnisse publizieren. Meinungen können jedoch nicht gegen Forschungsergebnisse ausgespielt werden, sondern finden an diesen ihre Grenze.
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Autor: Peter Weingart für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Daniel Bell, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973; Gernot Böhme/Nico Stehr, Knowledge Society, Dordrecht 1986; Robert E. Lane, The Decline of Politics and Ideology in a Knowledgeable Society, in: American Sociological Review 5/1966, S. 649–662.
2.
Siehe auch den Beitrag von Perta Kolmer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Vgl. Nicholas Rescher, The Coherence Theory of Truth, Oxford 1973.
4.
Vgl. Karl Popper, Logik der Forschung, Tübingen 1934.
5.
Vgl. Thomas S. Kuhn, The Structure of Scientific Revolutions, Chicago 1962.
6.
Vgl. Ernan McMullin, A Case For Scientific Realism, Berkeley–Los Angeles–London 1984, S. 8–40.
7.
Vgl. Umberto Maturana/Francisco Varela, El arbòl del conocimiento, Santiago de Chile 1984.

Peter Weingart

Zur Person

Peter Weingart

ist emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bielefeld. weingart@uni-bielefeld.de


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