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31.3.2017

Das Ehrenamt. Empirie und Theorie des bürgerschaftlichen Engagements

Ehrenamt hat Konjunktur: Spätestens seit dem Ende der 1990er Jahre ist das Ehrenamt in den öffentlichen Debatten präsent und zu einem wichtigen parteiübergreifend anerkannten Politikfeld der Bundespolitik geworden, das zu fördern sei.[1] Dennoch fällt es oft schwer, genau zu verstehen, was mit Ehrenamt eigentlich gemeint ist, wie man es erklären und fördern kann. Im Folgenden werden deshalb zunächst eine Definition für Ehrenamt vorgestellt und anschließend Zahlen zum ehrenamtlichen Engagement in Deutschland präsentiert, bevor drei theoriebasierte Erklärungen für Ehrenamt diskutiert werden: ökonomische, normativ orientierte und pragmatistische Theorien. Auf dieser Grundlage werden abschließend Folgerungen für die Förderung des Engagements gezogen.

Was ist Ehrenamt?



Engagementpolitik ist zum Teil auch Begriffspolitik, wie die Unterscheidung zwischen "traditionellem Ehrenamt" und modernen "aktivem Engagement" verdeutlicht.[2] Ich verwende hier die Begriffe Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftliches Engagement synonym. Im Selbstverständnis der Engagierten sind vor allem die Begriffe Freiwilligenarbeit und Ehrenamt gebräuchlich.[3]

Ehrenamt definiere ich als (1) Tätigkeiten, die (2) freiwillig und nicht auf materiellen Gewinn gerichtet, sowie (3) gemeinwohlorientiert sind, (4) öffentlich beziehungsweise im öffentlichen Raum stattfinden und (5) in der Regel gemeinschaftlich oder kooperativ ausgeübt werden.[4]

Die Tatsache, dass es sich um Tätigkeiten handelt, ist wichtig, um tätiges Engagement von einer einfachen Mitgliedschaft oder von Spenden abzugrenzen. Die bloße (fördernde) Zugehörigkeit zu einer Organisation, zum Beispiel als Mitglied im Sportverein, ist noch kein Ehrenamt, sondern nur Tätigkeit, die mit einem Zeitaufwand verbunden ist. Der Freiwilligensurvey unterscheidet einerseits Personen, die sich in Gruppen, Vereinen und Organisationen aktiv beteiligen (freiwillig oder öffentlich Aktive) und andererseits Personen, die sich zusätzlich dazu aktiv für das Gemeinwohl engagieren (freiwillig Engagierte). Ehrenamtliche sind also Menschen, die ihr Engagement handelnd realisieren.

Die Charakterisierung als freiwillig und nicht auf materiellen Gewinn ausgerichtet verdeutlicht, dass diese Tätigkeiten nicht über den Markt gehandelt werden, da sie nicht bezahlt werden. Entschädigungen für angefallene Kosten, die im Rahmen der ehrenamtlichen Tätigkeit entstanden sind, sind aber mit ehrenamtlichem Engagement vereinbar. Als Obergrenze können die Grenzen für Aufwandsentschädigungen des Einkommensteuergesetzes übernommen werden.[5] Mit dem Merkmal Freiwilligkeit werden außerdem Ehrenämter, die etwa im 19. Jahrhundert honorigen Persönlichkeiten verpflichtend übertragen wurden, von ehrenamtlichen Tätigkeiten heute unterschieden, die auf Freiwilligkeit beruhen. Pflichtehrenämter wie Wahlhelfer oder Schöffen werden daher hier nicht weiter berücksichtigt.

Die Gemeinwohlorientierung bedeutet, dass es sich um gesellschaftlich erwünschte Tätigkeiten in sozialen Austauschprozessen handelt; in Abgrenzung zu Hobby und Spiel. Ehrenamt soll auch einen Fremdnutzen – also Gemeinwohl – produzieren, ohne dass dies das primäre Ziel des Ehrenamtlichen sein muss. Ehrenamtliche, die sich in Selbsthilfegruppen engagieren, haben möglicherweise zunächst ihren Selbstnutzen im Blick und tragen dennoch zum Gemeinwohl bei. Ehrenamt kann aber nicht soziale Arbeit ersetzen.

Das Charakteristikum öffentlich verdeutlicht, dass es sich nicht um Haus- und Familienarbeit handelt, sondern um Tätigkeiten, die im öffentlichen Raum stattfinden. Auch wenn die Grenzen fließend sind, soll Ehrenamt von Verpflichtungen gegenüber Familienmitgliedern oder Nachbarn, zum Beispiel im Rahmen der Nachbarschaftshilfe, abgegrenzt werden.

Die Kennzeichnung als gemeinschaftlich oder kooperativ verweist auf die Einbettung in Institutionen oder Organisationen – in Deutschland überwiegend Vereine –, innerhalb derer Ehrenamtlichkeit ausgeübt wird, die weder Unternehmen noch staatliche Behörden sind. Für das Ehrenamt sind zumindest lose Organisationsformen des sogenannten Dritten Sektors notwendig.[6]

Anteil freiwillig Engagierter steigt



Laut Freiwilligensurvey waren 2014 in Deutschland 44 Prozent der über 14-Jährigen ehrenamtlich engagiert, 27 Prozent in einem Verein oder ähnliches aktiv und etwa 29 Prozent weder aktiv noch engagiert. Der Prozentsatz der Engagierten hat sich von 1999 bis 2014 um zehn Prozentpunkte erhöht, was aber zum Teil auf den Effekt "sozialer Erwünschtheit" zurückgeführt werden kann.[7] Zu beachten ist allerdings, dass abhängig von der Definition des Ehrenamts und der Befragungsmethode der Anteil ehrenamtlich Engagierter zu vergleichbaren Zeitpunkten in unterschiedlichen Untersuchungen zwischen 18 Prozent und 52 Prozent schwankt.[8] Daher sind unterschiedliche Untersuchungen nicht miteinander vergleichbar.

Im Ehrenamt gibt es starke geschlechtsspezifische Unterschiede. Laut dem Freiwilligensurvey 2014 sind mit 41,5 Prozent Frauen in etwas geringerem Maße freiwillig tätig als Männer (45,7 Prozent), wobei diese Unterschiede mit Blick auf die Arbeitsteilung in der Familie zu betrachten sind. Frauen reduzieren ihr ehrenamtliches Engagement sehr stark, wenn die jüngsten Kinder unter drei Jahre alt sind. Männer hingegen engagieren sich in dieser Lebensphase ihrer Kinder deutlich überproportional. Der typische Ehrenamtliche ist mittleren Alters, hat ein gehobenes Bildungsniveau, ist berufstätig und hat ein überdurchschnittliches Einkommen. Zwar könnte man glauben, dass ehrenamtliche Tätigkeiten besonders für Arbeitslose und Ruheständler attraktiv seien, da diese Personengruppen aufgrund der Tatsache, dass sie keiner Erwerbsarbeit nachgehen, mehr Zeit für Engagement hätten. Dies ist jedoch nicht der Fall, obwohl sich der Anteil der engagierten Personen über 65 von 23 Prozent 1999 auf 34 Prozent im Jahr 2014 erhöht hat.

Für die tatsächliche Aufnahme eines ehrenamtlichen Engagements sind bestimmte Rahmenbedingungen wie die räumliche und zeitliche Mobilität von Bedeutung. Die 14- bis 30-Jährigen, die seit ihrer Geburt an einem Ort leben, engagieren sich deutlich mehr, 2009 zu 41 Prozent, im Vergleich zu den Personen, die erst seit weniger als drei Jahren in einem Ort leben (32 Prozent). 1999 wohnten 46 Prozent der 14- bis 30-Jährigen an ihrem Geburtsort, während es 2009 nur noch 34 Prozent waren. Somit hat sich die räumliche Mobilität erhöht, was mit einer Reduktion des Engagements verbunden ist.

Die Personen, die ihre Freizeit verlässlich planen können und somit zeitlich weniger flexibel sein müssen, sind weit mehr engagiert (2009 zu 45 Prozent) als Personen, die das nur teilweise beziehungsweise gar nicht können (36 beziehungsweise 30 Prozent). Allerdings können nur 57 Prozent der Erwerbstätigen ihre freie Zeit unter der Woche verlässlich planen. Eine Zunahme der meist beruflich bedingten zeitlichen Mobilität reduziert also freiwilliges Engagement.

Die abgefragten Motive werden im Freiwilligensurvey 2009 drei verschiedenen Grundmustern zugeordnet: Gemeinwohlorientierung, Interessenorientierung und Geselligkeitsorientierung. Die Gemeinwohlorientierung zeigt sich etwa in der Aussage "Dass man etwas für das Gemeinwohl tun kann", was von den Befragten als das zweitwichtigste Motiv genannt wurde, oder in der Aussage "Dass man anderen Menschen damit helfen kann".

Die Interessenorientierung findet sich wieder in den Formulierungen "Dass die Tätigkeit auch für die beruflichen Möglichkeiten etwas nützt", "Dass man eigene Probleme in die Hand nehmen und lösen kann", "Dass man damit (berechtigte) eigene Interessen vertreten kann" und "Dass man die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen erweitern kann". Insgesamt sind die interessenorientierten Motive zwar vorhanden, werden aber im Vergleich zur Gemeinwohl- und Geselligkeitsorientierung als deutlich unwichtiger eingestuft.

Die Aussagen "Dass man mit sympathischen Menschen zusammenkommt" und "Dass man für seine Tätigkeit Anerkennung findet" werden der Geselligkeitsorientierung zugeordnet. Von besonderem Interesse sind die beiden Erwartungen, die einen spezifischen Handlungsbezug haben, nämlich "Dass man die eigenen Kenntnisse und Erfahrungen einbringen kann" und "Dass die Tätigkeit Spaß macht" – das Motiv, das in allen Befragungen als die wichtigste Erwartung an das Engagement genannt wird. Beide Formulierungen beziehen sich auf Tätigkeiten, die Erfahrungen, Kenntnisse und Freude vermitteln und somit den Wert des Tätigseins an sich in den Blick nehmen.

Wie lassen sich diese unterschiedlichen Aussagen nun theoretisch einordnen?


Erklärungsansätze



Ökonomische Theorien
Die Entwicklung moderner Gesellschaften wird häufig als zunehmende Ökonomisierung und Individualisierung beschrieben. Auch im Dritten Sektor wird häufig ein Wandel von traditionellen, altruistischen, wertorientierten und langfristig tätigen Ehrenamtlichen zu modernen, individualisierten, eigennutzorientierten, projektförmig Engagierten diagnostiziert. Vor diesem Hintergrund scheint es nur sinnvoll zu sein, Engagement ausgehend von den Handlungsmotiven rationaler, eigennutzorientierter Individuen mithilfe des ökonomischen Methodeninstrumentariums zu untersuchen. Dies ist auch vielfach getan worden, wobei Ehrenamt entweder als eine Form des Konsums – da es wie der Konsum von Freizeitangeboten Spaß macht und so einen Nutzen verspricht – betrachtet wird oder als eine Investition in das eigene Humankapital. Bei der Investitionshypothese geht man davon aus, dass man im Rahmen des Engagements bestimmte Fähigkeiten und Kompetenzen erwirbt, die man in seinem späteren Berufsleben erfolgreich nutzen kann, sodass man mit der Investition in Engagement später ein höheres Einkommen und damit einen höheren Nutzen erzielen kann.

Beide Hypothesen sind mit unterschiedlichen Datensätzen empirisch überprüft worden; sowohl mit Zahlen des Freiwilligensurveys als auch mit Datensätzen aus anderen Ländern. In der Summe ergeben die empirischen Untersuchungen, dass die Hypothesen der ökonomischen Ansätze nicht eindeutig gestützt werden können. Vielmehr ergeben sich widersprüchliche Ergebnisse, die entweder ein rein rationales eigennutzorientiertes Verhalten nicht wahrscheinlich erscheinen lassen oder aber einen derart breiten Nutzenbegriff verwenden müssen, dass er seine Erklärungskraft einbüßt.[9]

Eine Weiterentwicklung ökonomischer Theorien sind Sozialkapitaltheorien, die ehrenamtliches Engagement als eine Investition in Sozialkapital betrachten, also als eine Investition in nützliche Kontakte, die später zur Verbesserung der Einkommenssituation behilflich sein können. Auch hier ergeben sich Probleme der empirischen Bestätigung. Außerdem wird diesen Theorien auch vorgeworfen, letztlich eine verschleierte Form der ökonomischen Theorien darzustellen.[10]

In der Summe überzeugen weder die Konsum- noch die Investitionshypothese der ökonomischen Theorien, selbst wenn dem Engagement auch nutzenorientierte Motive zugrunde liegen. Ein besonders kritischer Aspekt ökonomischer Theorien ist zudem die Tatsache, dass von gegebenen Präferenzen ausgegangen wird, die das Handeln der Menschen bestimmen.

Normativ orientierte Theorien
Im Gegensatz dazu betrachten normativ orientierte Theorien Werte – statt Präferenzen – als die wesentlichen Motivatoren für Handeln und somit auch für Engagement. Dem Soziologen Hans Joas zufolge unterscheiden sich Werte in einer ganz grundsätzlichen Weise von Präferenzen, und sie ermöglichen es, zu den Präferenzen Stellung zu nehmen: "Wir kennen alle die Diskrepanz zwischen Werten und Präferenzen nicht nur im Sinne einer Differenz zwischen kurzfristigen und langfristigen Zielen, sondern in einem tieferen Sinne, daß wir einige unserer Wünsche nicht als gut empfinden oder umgekehrt es uns nicht gelingt, von uns als gut Bewertetes auch tatsächlich zu einem vitalen Wunsch in unserem Leben werden zu lassen. Die Werte bewerten auch unsere Präferenzen. Wir nehmen in der Dimension der Werte Stellung auch zu uns selbst."[11]

Für ehrenamtliches Engagement wird häufig von altruistischen Werten ausgegangen, die das Handeln der Engagierten bestimmen. Werte werden kulturell geprägt. Daher stellt sich die Frage, welche Werte für unsere Gesellschaft von besonderer Bedeutung sind. Der Philosoph Charles Taylor hat die westliche, neuzeitliche Geistesgeschichte und die Herausbildung von drei spezifischen Moralquellen beschrieben, die moderne Werte bestimmen.[12]

Die historisch zuerst entstandene Moralquelle ist die theistische, die in der jüdisch-christlichen Tradition wurzelt. Im Mittelalter enthielten alle überzeugenden Moralquellen einen Bezug zu Gott. Aber auch noch im 18. Jahrhundert war eine religiöse Ordnung der Deutungshorizont, der Werte wie Autonomie, Familie, Wohlwollen bestimmte. Die religiösen Moralquellen haben durch das Entstehen von alternativen Quellen ohne religiösen Bezug an Selbstverständlichkeit eingebüßt. Dennoch sind sie auch heute noch vorhanden und gerade im Bereich des sozialen Ehrenamts eine wichtige Motivation für Menschen, die in ihrem Engagement ihre religiös-moralischen Vorstellungen von Nächstenliebe, Solidarität und Hilfe für andere verwirklichen.

Als eine zweite Quelle der Moral hat sich in der Neuzeit eine rationalistische, utilitaristische Vorstellung entwickelt. Durch die Nutzung der Vernunft zur Realisierung des eigenen Glücks soll zugleich das Wohl der Allgemeinheit erreicht werden. Diese Vorstellung ist die Grundlage für die nutzenorientierten ökonomischen Theorien, die oben beschrieben wurden. Mit dem Siegeszug dieser Moralquelle ist unter anderem die Zunahme von Zivilisierung und Disziplinierung verbunden. Das Beispiel der Armenfürsorge zeigt diese Tendenz zu gesellschaftlichen Projekten, die von einem großen Vertrauen in die Fähigkeit, Menschen und die Gesellschaft umzugestalten, getragen sind und Ordnung in das individuelle Leben und die Gesellschaft bringen wollen. Auch ehrenamtliches Engagement ist zum Teil von dieser Vorstellung der vernunftgeleiteten Ordnung geprägt – insbesondere wenn Organisationen des Dritten Sektors staatliche Aufgaben übernehmen.

Eine alternative dritte Moralquelle ist laut Taylor die romantisch-expressivistische Verbindung der schöpferischen Fantasie mit dem Gefühl für die Natur im Inneren. Diese Quelle hat gewisse Ähnlichkeiten mit der theistischen Vorstellung, allerdings wird Gott durch die Natur ersetzt. Der neuzeitliche Mensch ist somit nicht nur durch Rationalität definiert, sondern durch die Fähigkeit des expressiven Selbstausdrucks. Im Dritten Sektor kann sich möglicher Protest gegen Bürokratisierung, Industrialisierung und Vermarktung verschiedener Lebensbereiche ausdrücken und können alternative Formen von Gemeinschaft erprobt werden.[13] Das bürgerschaftliche Engagement kann als eine schöpferische Ausdrucksform des Selbst verstanden werden, die der Selbstverwirklichung dient und für die Menschen Anerkennung finden.

Die unterschiedlichen Moralquellen haben sich gegenseitig beeinflusst und verändert. Auch für das ehrenamtliche Engagement ist daher von einer Mischung unterschiedlicher Moralquellen als Motivatoren für ehrenamtliches Handeln auszugehen. Auch wenn die genannten Moralquellen für das Handeln der Engagierten eine wichtige Rolle spielen, fehlt normativ orientierten Theorien, die sich allein auf die individuellen, handlungsbestimmenden Werte beziehen und diese als Gewissheiten konzipieren, ein wichtiger Aspekt: die Erfahrungen, die im Handeln gemacht werden, und damit auch die Gemeinschaften, in denen diese Erfahrungen gesammelt werden. Erfahrungen, die mit dem tätigen Engagement verknüpft sind, stellen somit eine Leerstelle sowohl ökonomischer als auch normativ orientierter Handlungstheorien dar.

Pragmatistische Theorien
Ehrenamt soll im Folgenden aus pragmatistischer Perspektive betrachtet werden. Die pragmatistische Theorie ist in der Lage, die Erkenntnisse von ökonomischen und normativ orientierten Theorien zu integrieren und darüber hinaus bestimmte Defizite dieser Ansätze zu beheben.

Der Pragmatismus ist eine Sozialphilosophie, die zwischen 1890 und dem Beginn des Zweiten Weltkriegs in Bezug auf zentrale philosophische und politische Ideen die bestimmende intellektuelle Kraft in den USA war.[14] Es ist unter anderem das Verdienst von Hans Joas, dem Pragmatismus auch in Europa zu einer Renaissance verholfen und die pragmatistische Philosophie etwa durch eine pragmatistische Handlungstheorie für die Sozialtheorie fruchtbar gemacht zu haben.[15]

Der Pragmatismus geht konsequent von der Handlungssituation der Akteure aus und berücksichtigt dabei insbesondere die Aspekte der Körperlichkeit und der Sozialität des Handelns. Ausgangspunkt der Joas’schen Handlungstheorie, die die Kreativität des Handelns in den Mittelpunkt stellt, ist die Kritik an rationalistischen Handlungstheorien. Sie richtet sich gegen die Reduktion der Handlungsmotive auf zweckrational-utilitaristische Motive auf der einen Seite und normativ-wertbezogene Motive auf der anderen Seite. Dabei wird nicht die grundsätzliche Berechtigung dieser Theorien bestritten, sondern lediglich die Annahme, dass sich die Handlungsmotive in den jeweils als dominant angenommenen Motiven erschöpfen würden. Vielmehr wird davon ausgegangen, dass sich unsere Ziele und Motive im Handeln selbst durch die in der Handlungssituation gemachten Erfahrungen weiterentwickeln.

Die Körperlichkeit spielt für die pragmatistische Theorie eine zentrale Rolle und ist auch für ehrenamtliches Engagement zu beachten. Ehrenamtliches Engagement ist keine abstrakte Wertorientierung, die sich wie ein Gedankenexperiment allein im Kopf der Akteure abspielt, sondern wird real in konkreten, verkörperten Handlungen. Die Situationen, die Engagement hervorrufen, müssen sinnlich wahrgenommen werden und stellen dann Steine des Anstoßes dar. Körpergebundene Emotionen wie Trauer, Empörung oder Ekel vermitteln dabei Handlungsmotivationen.

Die sozialen Beziehungsgeflechte und die konkrete Lebenswelt sind dabei nicht nur Rahmenbedingungen, an die sich die Akteure anpassen, sondern Medien der Welterfahrung und -veränderung. Ehrenamtliches Engagement ist wie alles Handeln immer sozial eingebettet und stellt eine soziale Praxis dar, die in sozialen Organisationen institutionell gestützt und zugleich reflektiert werden muss. Die soziale Einbettung des ehrenamtlichen Engagements erfolgt auf unterschiedlichen Ebenen. Einerseits auf der kognitiven Ebene: Hier ist auf die Ziele des Engagements zu verweisen, die laut obiger Definition einen Bezug zum Gemeinwohl aufweisen müssen. Andererseits auf der sozialen Ebene: Im Handeln erfährt der Engagierte Anerkennung und/oder Kritik, erfährt sich selbst, bildet sein Selbst und seine Werte und Vorstellungen vom Guten in Auseinandersetzung mit den Erfahrungen, die er im Rahmen des Engagements macht.

Die pragmatistische Handlungstheorie lenkt außerdem den Blick auf die Bedeutung der Erfahrungen im nicht zweckorientierten Handeln, die ihren Wert in sich haben. In den Aussagen von Ehrenamtlichen zeigt sich dies darin, dass ihnen ihr Engagement "Spaß macht". Es trägt somit seinen Wert schon in sich und muss nicht über eine Funktionalität für einen selbst oder die Gesellschaft zusätzlich legitimiert werden. Vielmehr drücken Ehrenamtliche mit dieser Beschreibung aus, dass sie sich mit dem Engagement in gelungener Weise ausdrücken können, anderen begegnen, positive Erfahrungen machen – eben Spaß oder Freude empfinden.

Fazit



Was folgt aus diesen theoretischen Überlegungen für die Ehrenamtsförderung? Zunächst sollte das Engagement nicht im Widerspruch zu den Interessen der Engagierten stehen. Es sollte so ausgestaltet sein, dass sich alle Menschen engagieren können. Aufwandsentschädigungen, Versicherungsschutz und weitere Rahmenbedingungen, die das Engagement erleichtern, lassen sich mit ökonomischen Theorien analysieren und implementieren, um auch zum Beispiel einkommensschwachen Menschen ein Engagement zu ermöglichen. Außerdem sollten Organisationen des Dritten Sektors Bedingungen schaffen, die den Menschen ihre Identitätsbildung ermöglichen unter Artikulation und Reflexion ihrer eigenen Werthaltungen und moralischen Intuitionen, ihnen also eine Sinndimension im Handeln eröffnen. Bei aller in pluralen Gesellschaften notwendigen Vielfalt zielen diese Organisationen dennoch alle auf Gemeinwohl und Gerechtigkeit. Das hat Folgen auf die Ausgestaltung der Organisationen selbst: Der Zugang zum Engagement, die Behandlung der darin engagierten Menschen und der Klienten muss dem Anspruch auf Gemeinwohl und Gerechtigkeit entsprechen. Partizipation und Inklusion sind daher wesentliche Prüfkriterien für die Ausgestaltung des Ehrenamts.

Da ehrenamtliches Engagement immer gekoppelt ist an bestimmte Institutionen, in denen es stattfindet, müssen zum Erhalt der motivationalen Kraft für ehrenamtliches Engagement und zur Begründung des gemeinsamen Selbstverständnisses Ideale und Werte in Form von emotionsgeladenen außeralltäglichen Handlungen aktualisiert werden. Jubiläen, Gedenktage, Rituale, Ehrungen und gemeinsame Feiern können diesen Aspekt vergegenwärtigen und unterstützen. Da gemeinsame Erfahrungen zentral sind, muss das Ehrenamt als Raum dienen, wo solche gemeinsamen emotionalen Erfahrungen in besonderer Weise möglich sind und mit Bezug auf gemeinwohlorientierte Werte gedeutet werden. Insofern müssen Organisationen des Dritten Sektors darauf achten, die Dimension der Emotionen zu würdigen und nicht nur als effiziente, bürokratische und sachliche Dienstleistungseinheiten zu funktionieren. Erzählungen, die die Entstehungsgeschichte von Werthaltungen und Praktiken der Ehrenamtsorganisationen thematisieren, tragen zu ihrem Selbstverständnis bei.

Für das ehrenamtliche Engagement ist die innere Struktur der Organisationen von Bedeutung. Die politische Philosophie John Deweys, einer der Hauptvertreter des Pragmatismus, versucht, "den Gedanken kommunikativ vermittelter kollektiver Selbstverwaltung als Prinzip sozialer Ordnung zu etablieren".[16] Die meisten Organisationen haben solche Formen der Selbstverwaltung und Partizipation entwickelt, um ihre eigenen Angelegenheiten kommunikativ zu lösen und damit dem oben beschriebenen Prinzip zu entsprechen.

Insgesamt sind also sowohl unterschiedliche Handlungsorientierungen als auch unterschiedliche Ebenen – Wertebene, institutionelle Ebene und die Ebene der organisationalen Praktiken – bei den Überlegungen zur Förderung ehrenamtlichen Engagements zu beachten.[17] Durch die Förderung des Engagements wird allerdings keine Lösung für defizitäre Sozialsysteme, Pflegenotstand oder Arbeitslosigkeit geschaffen, sondern Räume, die es dem Einzelnen und unserer Gesellschaft als Ganzes ermöglichen, sich handelnd – und damit glaubwürdig – der eigenen Vorstellungen eines guten Lebens für den Einzelnen und die Gemeinschaft zu vergewissern und öffentlich auszudrücken. Im Ehrenamt würdigen wir somit unsere Vorstellungen von einer guten Gesellschaft.
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Autor: Bettina Hollstein für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Vgl. Daniela Neumann, Das Ehrenamt nutzen. Zur Entstehung einer staatlichen Engagementpolitik in Deutschland, Bielefeld 2016.
2.
Der Soziologe Ulrich Beck beispielsweise diagnostizierte einen Trend zum "altruistischen Individualismus", "für den die selbstorganisierte, projektbezogene und gemeinwohlorientierte Bürgerarbeit – und nicht das hierarchische, angestaubte Ehrenamt – die entscheidende Erprobungs- und Verwirklichungschance bietet". Ulrich Beck, Wohin führt der Weg, der mit dem Ende der Vollbeschäftigungsgesellschaft beginnt?, in: ders. (Hrsg.), Die Zukunft von Arbeit und Demokratie, Frankfurt/M. 2000, S. 7–66, hier S. 48f.
3.
Vgl. hierzu die Umfrageergebnisse im Freiwilligensurvey 2009, hier S. 112. Der Freiwilligensurvey ist eine Erhebung zum freiwilligen Engagement im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend auf der Basis einer umfangreichen repräsentativen Umfrage, die 1999, 2004 und 2009 durch das Meinungsforschungsinstitut TNS Infratest Sozialforschung und in 2014 durch das Institut für angewandte Sozialwissenschaft durchgeführt wurde: http://www.dza.de/forschung/fws/publikationen/berichte.html«.
4.
Diese Definition stimmt weitgehend mit der des Freiwilligensurveys überein.
5.
Gegenwärtig sind dies 2.400 Euro pro Jahr für Übungsleiter und 720 EUR für sonstige Ehrenämter. Die Regelungen sind in der Abgabenordnung festgelegt.
6.
Der Dritte Sektor beinhaltet alle zivilgesellschaftlichen Institutionen, die weder der Wirtschaft noch dem Staat zuzurechnen sind.
7.
Damit ist gemeint, dass Befragte dazu neigen, Antworten zu geben, von denen sie annehmen, dass diese sozial erwünscht bzw. gesellschaftlich anerkannt sind. Durch die Zunahme der öffentlichen Debatten über freiwilliges Engagement könnte dieser Effekt ebenfalls zugenommen haben.
8.
Vgl. hierzu mit weiteren Verweisen Bettina Hollstein, Ehrenamt verstehen. Eine handlungstheoretische Analyse, Frankfurt/M.–New York 2015, S. 41.
9.
Zu einer ausführlichen Darstellung ökonomischer Ansätze zur Erklärung ehrenamtlichen Engagements und ihrer Kritik ebd., S. 61ff.
10.
Vgl. ebd., S. 212ff.
11.
Hans Joas, Die Entstehung der Werte, Frankfurt/M. 1999, S. 31.
12.
Vgl. hier und im Folgenden Charles Taylor, Quellen des Selbst. Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, Frankfurt/M. 1994.
13.
Vgl. hierzu ausführlich Volker Heins, der anhand der Gegenbegriffe zur Zivilgesellschaft ihre ambivalenten Züge (Fortsetzung des Aufklärungsprojekts durch Ordnung und romantische Reaktion dagegen) herausarbeitet: Das Andere der Zivilgesellschaft. Zur Archäologie eines Begriffs, Bielefeld 2002.
14.
Vgl. Hans Joas, Die politischen Ideen des amerikanischen Pragmatismus, in: Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 5, München 1987, S. 611–620, hier S. 611. Die vier Hauptvertreter des Pragmatismus sind: Charles Sanders Peirce (1839–1914), William James (1842–1910), John Dewey (1859–1952) und George Herbert Mead (1863–1931).
15.
Vgl. hier und im Folgenden insb. Hans Joas, Die Kreativität des Handelns, Frankfurt/M. 1992.
16.
Joas (Anm. 14), S. 617.
17.
Vgl. hierzu ausführlich Hollstein (Anm. 8), S. 321ff.

Bettina Hollstein

Zur Person

Bettina Hollstein

ist wissenschaftliche Referentin am Max-Weber-Kolleg für kultur- und sozialwissenschaftliche Studien der Universität Erfurt und Herausgeberin der Zeitschrift für Wirtschafts- und Unternehmensethik (zfwu). bettina.hollstein@uni-erfurt.de


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