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5.5.2017

Hinschauen statt glauben. Ein Erfahrungsbericht aus der Langstrecken-Marxlektüre - ESSAY

First of all, I’m glad you like a book.

Patton Oswalt

Seit ungefähr 30 Jahren lese ich "Das Kapital" und beobachte andere dabei, wie sie darin lesen, damit beginnen oder auch aufhören. Man kann sich in den drei Bänden leicht verlaufen, je nachdem, welchem Lektüreplan man folgt. Wer zum Beispiel denkt, Karl Marx hätte das Buch geschrieben, um zu erklären, wie der Kapitalismus funktioniert, wird in die Irre gehen. Das Buch handelt davon, wie der Kapitalismus eben nicht funktioniert, warum er nicht funktioniert und was man für eine Kritik an ihm zustande bringt, wenn man, wie Marx, dieser Kritik eine ganz bestimmte implizite Vorstellung vom Funktionieren einer Wirtschaftsweise zugrunde legt.

Marx glaubt nicht, dass es der Sinn einer Wirtschaftsweise sei, den Menschen das Überleben zu ermöglichen. Pflanzen und Tiere, weiß Marx, überleben gern, aber sie wirtschaften nicht. Sie arbeiten nicht einmal. Am Arbeiten fällt Marx auf, dass es mehr hervorbringt, als diejenigen verbrauchen können, die arbeiten. Den Überschuss nennt er das Mehrprodukt, es ist die gegenständliche Seite dessen, was Marx am menschlichen Wirtschaften und Arbeiten überhaupt interessiert, nämlich dass diese beiden Tätigkeiten geschichtsbildende Potenz haben. Damit ist gemeint, dass sich mit ihrer Hilfe das Reich der Naturnotwendigkeit einschränken und das Reich der menschlichen Freiheit (also Sinnlichkeit, Neugier, Wissenschaft, Ästhetik) ausdehnen lässt.

Was Marx mit seinem Hauptwerk überhaupt will, kann man unmöglich verstehen, wenn man nicht sieht, wie er den historischen Verlauf bis zum Kapitalismus sieht: Ganz am Anfang wird für den individuellen Verbrauch erzeugt, dann kommt der Tausch dazu, dann der Markt, dann wird das Arbeiten selbst Teil des Marktes, indem es aus klassisch-persönlichen Ausbeutungs- und Unterdrückungszusammenhängen befreit und in Gestalt der Ware Arbeitskraft auf den Markt gebracht wird. Damit aber wird die Erzeugung tendenziell allgemein oder "abstrakt" – man stellt jetzt nicht mehr her, was irgendwer konkret will, sondern was irgendwer gegen abstraktes Äquivalent, gegen Geld, verkaufen kann, und das ist nichts Spezifisches mehr, sondern allgemein die Ware. Hier erst bietet sich die Chance, von der allgemeinen Erzeugung für den Markt zur allgemeinen Erzeugung für den allgemeinen, nicht festgelegten, freien, immer mehr erweiterten Verbrauch zu produzieren, für die Veränderung der Bedürfnisse, für ihre Emanzipation von Naturnot, für Freiheit.

Schimpfwort "Anarchie"

Was Marx dem Kapitalismus in diesem Zusammenhang nun vorwirft, wurzelt stets darin, dass dieses Wirtschaftssystem jene geschichtsbildende Potenz der Arbeit und des Wirtschaftens hemmt und beschädigt. Die Verallgemeinerung der Erzeugung hat eine Schranke an einem letzten spezifischen Gebrauchswert: dass sie profitabel sein soll. Das setzt die Freiheit einem Zwang aus, der genauso dumm ist wie früher die Natur. Marx hasst diesen Zwang. Die Erscheinungsebene der kapitalistischen Wirtschaftsweise findet Marx durchweg entstellt durch seine üblen Folgen, nämlich durch, wie es im ersten Band des "Kapital" an sehr grundsätzlicher Stelle heißt, "die Anarchie und Katastrophen der kapitalistischen Produktion im großen und ganzen, die Intensität der Arbeit und die Konkurrenz der Maschinerie mit dem Arbeiter".[1]

"Anarchie" ist hier ein Schimpfwort, nicht der Name eines künftigen Paradiesgartens, in dem niemand mehr irgendwen schikaniert, ausbeutet, einsperrt, ausgrenzt oder verkommen lässt. An anderen Stellen benutzt er für das, was er mit "Anarchie" meint, das Adjektiv "naturwüchsig". Das Hauptwort bezeichnet einen beobachtbaren Zustand, das Adjektiv seine Herkunft. Wenn Marx sich über Anarchie und Natur beschwert, ist er das denkbar radikalste Gegenteil eines grünen südwestdeutschen Gemeinschaftskundelehrers im Jahr 1985, der sowohl Anarchie als auch Natur liebt, als einerseits ersehnte (Anarchie) und andererseits vor der Haustür vorfindliche, aber bedrohte (Natur) Ideale.

Meine erste eigene Begegnung mit den drei "Kapital"-Bänden fiel in die Zeit, da ich als Schüler die wenig vergnügliche Bekanntschaft besagter Gemeinschaftskundelehrerei machen musste. Mehr als drei Jahrzehnte "Kapital"-Lektüre haben mich seit damals gelehrt, dass es sich lohnt, die Durchdringung, das Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten immer kürzerer syntaktischer Einheiten, einzelner Sätze, ja Nebensätze anhand der Lebenserfahrung, die man parallel dazu macht, in den Mittelpunkt dieser Lektüre zu stellen, statt ein Glaubenssystem aus dem Text zu saugen. Details sind wichtiger als ein imaginärer Riesendurchblick, man kann sie scharf einstellen und dann vergleichen mit dem, was draußen los ist.

Die "Intensität der Arbeit" zum Beispiel, die Marx in der zitierten Stelle moniert, kann man an jedem menschlichen Wesen, das in der extrem arbeitsteiligen, durchflexibilisierten und durchmodularisierten Produktionssphäre der Gegenwart sein Geld zum Leben verdienen muss, mühelos agnoszieren. Was er mit der "Konkurrenz der Maschinerie mit dem Arbeiter" meint, ist sogar noch leichter zu erkennen. Es hat sich, seit er den Satz niederschrieb, weit über die wirtschaftlichen Ursache-und-Wirkungszusammenhänge hinaus ausgeweitet, denen man die abstrakte Figur mit Namen "Arbeiter" zur Zeit der Abfassung jenes Satzes zugewiesen hätte: Wer Angst haben muss, in der Produktions- oder Servicelandschaft durch einen Rechner oder gar eine App ersetzt zu werden, kennt diese Konkurrenz als brutale, äußerst effiziente, tägliche, unübersehbare Selektion. Was aber meint Marx nun eigentlich genau mit der im selben Satz erwähnten "Anarchie"?

Im ersten "Kapital"-Band erfährt man gar nicht allzu viel darüber. Hat man aber den zwei Folgebänden, die selbst immer anarchischer, da immer weniger von Marx fertiggestellt wurden, genügend Zeit, Aufmerksamkeit und Hirnanstrengung geschenkt, so schält sich ein Bild heraus, in dem jene Anarchie in Gestalt der Reibungsverluste der innerkapitalistischen Konkurrenz sowie der Überproduktionskrisen nichts anderes ist als allgemeine Verschwendung von Ressourcen und Arbeit, ein Produzieren an Bedürfnissen vorbei. Dass es sinnlose, ja destruktive Aspekte an der Konkurrenz gibt, und dass Momente, in denen Werte zerschlagen werden, weil sich für irgendwelche nun einmal produzierten Güter keine Abnehmer finden, nicht schön sind, erkennen inzwischen auch Nichtmarxisten an, sogar Wirtschaftsliberale. Sie sagen dann gern etwas wie: Ja, das ist bedauerlich, aber nur der Pferdefuß am immer noch besten System der Erzeugung und Verteilung des gesellschaftlichen Gesamtreichtums, das je ersonnen wurde.

Der kapitalistische Markt, so sagen sie, ist unparteilich, er baut auch mal Mist, aber er korrigiert sich wieder und ist daher einer Diktatur, einer Kommandowirtschaft, die sich nicht korrigieren lässt, bis sie vielleicht eines Tages gewaltsam umgestoßen wird, allemal vorzuziehen. Es gibt recht anspruchsvolle Versionen dieser Argumentation, in klassischer Fassung vor allem von den Radikalliberalen Friedrich August von Hayek und Ludwig von Mises. Seit ich den Schriften dieser beiden erstmals begegnet bin, habe ich ihnen viele nützliche Übungen zu verdanken: Ihre Ansätze sind präzise, selbst ihre Denkfehler sind meist intelligent, erfordern also Intelligenz bei der Widerlegung, und derlei hält das marxistische Hirn fit – wer sich nicht gelegentlich der Herausforderung schlüssig ausgearbeiteter Gegenpositionen zu den eigenen Überzeugungen stellt, hat wahrscheinlich überhaupt keine diskussionswürdigen Überzeugungen.


Mangelnde Preisermittlungspräzision

Der Kernbestand der liberalen Argumentation wider alle von Marx inspirierten Versuche, die erwähnte Anarchie abzustellen, hängt mit der Schwierigkeit der Preisermittlung unter Bedingungen zusammen, unter denen die menschliche Arbeitskraft vom Markt genommen und dieser Markt also um einen tragenden Pfeiler beraubt würde. Das ist es ja, was Marx unter anderem will, aber Markt funktioniert nur, so sagen die Hayek- und Mises-Inspirierten, wenn alles, was überhaupt einen Gebrauchswert hat, auch zur Ware werden kann, und wenn dem Markt ferner gestattet wird, jeder Ware einen Preis zuzuordnen, den nach Meinung dieser Liberalen Angebot und Nachfrage ermitteln.

Die Rechnungen, die an diesem Problem hängen, sind komplex, selbst für elementare Beispiele fehlt hier der Raum. Es gibt diesen Einwand der mangelnden Preisermittlungspräzision bei Aufhebung der Anarchie aber auch gleichsam entkernt, ohne die Preisfrage selbst. Dabei kommt dann die weniger anspruchsvolle Behauptung heraus, jede Einschränkung jener Anarchie müsse auf irgendeine Form der Planung von Produktion und Verteilung im großen Maßstab hinauslaufen, diese aber sei unmöglich, weil Produktion und Verteilung nur nach Nachfrage reguliert werden könnten und Nachfrage nicht planbar sei; nicht einmal mit sehr schnell verfügbaren, sehr hochauflösenden Datenmassen übers Benötigte.

Das Argument geht zum Beispiel so: "Gewiss, Konsumentenbeobachtung und Big Data erlauben heute erstaunlich verlässliche Vorhersagen über das Verhalten von großen Menschengruppen. Wo diese Technologien indes immer wieder versagen, ist die Vorhersage des Einzelfalls, weswegen sie beispielsweise im Kampf gegen den Terrorismus nur von begrenzter Reichweite sind. Ich erlebe ihre Unzulänglichkeit jeden Tag, wenn mir beispielsweise Anzeigen auf Facebook Dinge empfehlen, die ich entweder kürzlich erworben habe oder mit Sicherheit nie kaufen würde. Die Menschen sind nun einmal Individuen, und changierende noch dazu. Bedürfnisse, Präferenzen, Risikobereitschaft, das sind alles wandelbare Größen. (…) Nur wer sich die Zukunftsgesellschaft als statisch vorstellt, wird ihr eine Planwirtschaft wünschen, sei diese nun basisdemokratisch oder zentralistisch, das ist sowieso egal."[2]

Das liest sich für den, der es geschrieben hat, bestimmt plausibler als aus kritischer Distanz. Das Simpelste zuerst: Nur wer im Leben selten herumkommandiert wurde und den Unterschied nicht kennt zwischen einer Entscheidung, die andere für mich treffen, und einer, die ich selbst treffen kann, nur wer also mit vielen Freiheiten, Vorrechten und Möglichkeiten geboren wurde und genügend davon genutzt hat, wird den Unterschied zwischen basisdemokratisch und zentralistisch "sowieso egal" nennen.

Aber nehmen wir den flapsigen Satz mal beiseite, was bleibt? Planung, sagt der Passus, kann nur große Gruppen steuern, keine Individualvorgänge. Soll das bedeuten, dass der Mensch, der das geschrieben hat, seine Bedürfnisse nur mit für ihn persönlich angefertigten Individualgütern befriedigt? Will er sagen, dass er noch nie im Kaufhaus oder Supermarkt war, dass er nur maßgeschneiderte Kleidung trägt? Das kann nicht sein, er ist ja kein König aus dem Märchenbuch, sondern ein Deutscher des Jahres 2017.

Im Ernst: Dass die Bahn nicht weiß, wann Tante Ursula von Konstanz nach Stuttgart fährt, heißt doch beim besten Willen nicht, dass sie keine Fahrpläne machen kann. Warum legt ein intelligenter Mensch etwas so evident Törichtes nahe? Weil er, so schreibt er, sich einerseits das Recht vorbehält, seinen Bedarf zu ändern, gehört er doch zu den "changierenden Individuen" – wobei schon die Bemerkung, Menschen seien "changierende Individuen", das heißt Veränderliche in der Mehrzahl, den schönen Individualismus indirekt als etwas anerkennt, das eben doch in großen Gruppen gedacht werden kann, aber sei’s drum –, und andererseits die Unmöglichkeit, seine Individualität zu berechnen, beispielhaft daran festmacht, dass man ihm manchmal Sachen empfiehlt, die er "mit Sicherheit nie" kaufen würde. Seltsamer Gedanke: Ich bin unberechenbar veränderlich, das sieht man daran, dass es bei mir Vorlieben gibt, die sich niemals ändern werden.

Hinter dem befremdlichen Unsinn steckt die empirische Gewohnheit des Verfassers, auf dem Markt ganz gut versorgt zu werden. Darüber sollte man gerade von sozialistischer und marxistischer Seite nicht vorschnell spotten, sind doch die peinlichen Versorgungsengpässe und sonstigen Ärgernisse der sowjetischen Ära Russlands und Osteuropas und einiger verflossener Bündnispartner jener Region noch in beschämender Erinnerung.

Der Verfasser des genannten Zitats ist Gero von Randow, ein Hamburger Journalist und Wissenschaftspublizist, dessen Name mir in den 1980er Jahren, als ich, umzingelt von naturliebenden, anarchistischen Gemeinschaftskundelehrern, anfing, im "Kapital" zu lesen, erstmals als Autorenzeile in Artikeln begegnete, die man an Orten fand, wo die Kader der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) ihre Gedanken veröffentlichten. Denn Gero von Randow gehörte dieser Partei an. Unter dem Einfluss von Michail Gorbatschows "Neuem Denken" nahm er Ende der 1980er Jahre dann Abstand von der marxistischen Orthodoxie und leistet seither immer mal wieder Kritik an Sätzen, an die er einst glaubte.

Wirklichkeit zerstörte einen Glauben

Solche Lebensläufe kann ich dutzend-, ja hundertfach erzählen; sie gehören zu den Erscheinungen, die man zu sehen und zu hören bekommt, wenn man jahrzehntelang bei den Texten von Marx, bei Marx’ Sache bleibt, und man wird beiden nicht gerecht, wenn man diese Lebensläufe ignoriert. Leute verabschieden sich, manche schnell, andere später, und fühlen sich dann von dieser Entscheidung genötigt, ihre Gründe öffentlich zu machen. Ich glaube wirklich, man kann und soll nicht über Marx und den Marxismus reden, ohne die möglichen Entscheidungen zur Abkehr von dem, was Marx mit dem "Kapital" und seinen anderen Schriften erreichen wollte, zu bedenken – egal, ob es sich dabei um Entscheidungen von Individuen, größeren Menschengruppen oder ganzen Gesellschaften handelt.

Man muss die Gründe, die jemanden bewegen, eine Überzeugung zu verändern oder gar aufzugeben, nicht sachlich richtig finden, um sie zu respektieren. Man versteht und respektiert jemanden wie Gero von Randow aber auf jeden Fall, wenn man ihm die merkwürdigen sachlichen Einwände gegen Marx, die er so widersprüchlich vorträgt, nicht vorhält, ohne einzusehen, dass andere ihm in Wahrheit wichtiger sind; moralische vor allem.

In der Wochenzeitung "Die Zeit" veröffentlichte er im Februar 2014 einen Artikel mit dem Titel "Die Zwangsarbeiter und wir", geschrieben gemeinsam mit dem Journalisten Thomas Kerstan. Die beiden Autoren (und ehemaligen DKP-Genossen) wollten diesen Text als Beitrag zur Aufarbeitung einer Schuld verstanden wissen: Inhaftierte in den Gefängnissen der DDR hatten im Auftrag westlicher Firmen Güter produziert, zu den Gewinnern des Handels mit diesen Gütern gehörte auch die von der DDR subventionierte DKP. Wenn man dieser Partei, ihrer Jugendorganisation oder verwandten Einrichtungen irgendetwas verdankt, wie das bei den beiden Artikelautoren der Fall gewesen war, hat man zumindest indirekt von der Arbeit jener Gefangenen profitiert. Zwar arbeiten Gefängnisinsassen fast überall da, wo es überhaupt Gefängnisse gibt, für irgendeinen Zweig der jeweiligen Volkswirtschaften. Aber darum ging es von Randow und Kerstan nicht. Man kann leicht nachvollziehen, worum es ihnen ging: Sie hatten an etwas geglaubt, an eine emanzipatorische Idee, den Horizont einer Gesellschaft ohne Zwang, ohne Ausbeutung, Ausgrenzung, Einschließung. Heute glauben sie daran nicht mehr, weil die politische Realität dieser Idee nicht ohne Zwang durchsetzbar gewesen war. Eine Wirklichkeit hatte einen Glauben zerstört.

Es kann für Menschen sehr schmerzhaft und beschämend sein, wenn sie Politik, also etwas sehr Diesseitiges, mit Heilserwartungen, Glauben, Liebe zur Menschheit und anderen Jenseitigkeiten vermengen, jene Erwartungen enttäuscht zu sehen. Man sollte politische Überzeugungen und deren Wandel, von solchen Fällen gewarnt, daher eher an Argumente und Beobachtungen als an Glaube, Liebe oder Hoffnung knüpfen, was nicht heißt, dass man diesen Anspruch an sich selbst als fehlbares Wesen immer einlösen kann. Vor 20 Jahren war ich noch ein Bewunderer mancher Gedanken und Schriften Leo Trotzkis, die ich heute, bei genauerer Kenntnis einiger Dinge, von denen jener schrieb, und nach gewissenhaftem, kritischem Nachvollzug seiner Folgerungen, erheblich skeptischer sehe. Ich hatte Glück: Mir ist da kein Heiland gestorben, kein Prophet hat sich als Verbrecher enthüllt, ich habe nur Einwände gegen Argumente gefunden, die ich einst plausibel fand und jetzt verwerfen muss.

Wo politische Texte sehr grundsätzlich werden, darf man sich nicht einschüchtern lassen und sollte an diesem Verfahren festhalten, statt gläubig zu werden oder sich erschrocken und anders- oder ungläubig zu bekreuzigen. Gewöhnt man sich an, das, was bei Marx steht, nicht nur mit persönlichen Erwartungen, sondern auch mit dem als Lebenserfahrung zugänglichen Handeln großer Gruppen – sprich der gesellschaftlichen Wirklichkeit – zu vergleichen, entwickelt man im Laufe der Zeit einen horizontweitenden Sinn für historische Ironie. Marx selbst hat ihn; man merkt das, wenn er sich etwa zu Beginn des ersten "Kapital"-Bandes mit der Tatsache befasst, dass das, was er und Engels gern "Maschinerie" und "große Industrie" nennen, theoretisch den Arbeitsaufwand der Menschheit hätte verkürzen müssen, in der Realität aber den Arbeitstag einiger Menschen fürchterlich verlängert hat. Ironisch ist dies in dem Sinn, dass die Leute oft weder so handeln, wie es die Theorie will, an die sie sich in Form von Überzeugungen oder Glauben explizit binden, noch so, dass sie wenigstens aus den guten oder schlechten Erfahrungen irgendetwas lernen, die sie machen.

Die Theorie des Marktes, an die Gero von Randow heute glaubt, besagt, dass der Markt und die Konkurrenz am Markt allerlei Innovationen begünstigen, Stagnation verhindern, weil sie neue Bedürfnisse ermitteln, weshalb sie das Gegenteil einer statischen Gesellschaft hervorbringen. In der tatsächlichen Geschichte hat gerade die Erfahrung des Zusammenbruchs der sozialistischen Staaten, mit denen von Randow als DKP-Mitglied einmal hatte solidarisch sein wollen, gezeigt, dass Gemeinwesen einen hohen Preis dafür zahlen, wenn sie die "Anarchie" in der Produktion, die Konkurrenz, die Naturwüchsigkeit nicht entschieden genug bekämpfen, egal, wie oft und laut sie sich auf Marx berufen, während sie diesen Kampf versäumen.

Im Westen haben die Mächtigen nicht an Marx geglaubt, aber sie haben dem marktfernsten Sektor ihrer Wirtschaft, nämlich erst dem Militär und dann der Großforschung, die Erschaffung des World Wide Web anvertraut. Im Osten hat die unübersehbare Konkurrenz und das Gewurstel lauter kleiner fiktiver Profitcenter genau das verhindert; man kann das nachlesen in dem faszinierenden Buch "How Not To Network A Nation: The Uneasy History of the Soviet Internet" von Benjamin Peters, der alles andere als ein Marxist ist, aber dafür doch ein gewissenhafter Historiker. Er kommt zu Ergebnissen, bei denen Marx grimmig genickt hätte, weil er hinschaut.

Dass nicht nur Konkurrenz an sich, sondern vor allem über Märkte vermittelte Konkurrenz geeignet sei, die Nachfrage nach Innovation zu ermitteln, ist ein Märchen, an das gerade die Leitungen großer Konzerne heute nicht mehr glauben. Wer da arbeitet, weiß, dass Märkte bestenfalls die zahlungskräftige Nachfrage ermitteln können, und das noch nicht einmal immer richtig, das heißt, man kriegt über sie nur so ungefähr raus, wer sich im Moment ein wegen hoher Entwicklungskosten teures neues Produkt leisten könnte und es haben wollen würde, erfährt aber zum Beispiel nicht, wie viele Leute es kaufen würden, wenn es so billig wäre, wie man es bei Herstellung in größter rentabler Menge machen könnte.

Ab 1990 wurde von klugen Marktteilnehmern gegen diesen Pferdefuß des Marktsystems viel unternommen; die Einführung des supply chain management durch IBM war beispielgebend, man sparte Milliarden, indem man alle Teilbereiche einer Großwirtschaftseinheit auf Datenbasis koordiniert. Dazu kam bald das, was man heute concurrent engineering oder simultaneous engineering nennt: Schon wenn ein Produkt entworfen wird, versucht man alles abzufangen, was später stromabwärts auf dem Markt Probleme verursachen könnte.

Während die Antikapitalisten noch streiten, ob die Anarchie in der Produktion weg soll oder toleriert werden muss, verhalten sich die Kapitalbesitzenden, als hätten sie "Das Kapital" gelesen. Zu Optimismus besteht für Leute, die das, was Marx behauptete und wollte, für richtig halten, dennoch kein Grund. Die Kapriolen der historischen Ironie nämlich gehen meistens mit gewaltigen Wertvernichtungen, Krisen, Katastrophen einher, zum Beispiel mit Krieg. Wer Lehren, die auf Glauben keine Rücksicht nehmen, nicht ziehen kann, wird böse Überraschungen erleben und sollte "Das Kapital" am besten gar nicht erst aufschlagen.
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Fußnoten

1.
Karl Marx, Das Kapital. Erster Band, in: Marx-Engels-Werke, Bd. 23, Berlin (Ost) 1962, S. 526.
2.
Gero von Randow, Wenn das Volk sich erhebt. Schönheit und Schrecken der Revolution, Köln 2017, S. 134f.

Dietmar Dath

Zur Person

Dietmar Dath

ist Feuilletonredakteur der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und Buchautor. Zuletzt erschien von ihm "Leider bin ich tot" (2016).


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