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18.8.2017

Furcht vor dem Bolschewismus. Russland und der Westen nach der Russischen Revolution

Russland und der Westen sind ein begriffliches Gegensatzpaar, das eine lange Tradition hat und älter ist als die Oktoberrevolution 1917. Dieses Gegensatzpaar war nicht nur für russische und westliche Eliten im 18. und 19. Jahrhundert wichtig, um sich ihrer selbst klar zu werden, sondern auch als politisches Argument: Es wurde etwa in den innerrussischen Debatten zwischen den sogenannten Westlern und Slavophilen um die Mitte des 19. Jahrhunderts, im "Great Game" zwischen Russland und Großbritannien um die Expansion in Asien oder am Vorabend des Ersten Weltkriegs genutzt; ebenso aber auch nach der Oktoberrevolution, in der Zwischenkriegszeit und im Kalten Krieg. Als politisches Argument erfährt dieser Gegensatz in der Ära Putin neue Aktualisierungen. Es scheint, als seien die 1990er Jahre während der Präsidentschaft Boris Jelzins hier eher eine Ausnahme gewesen.

Mit der Oktoberrevolution erhielt der Gegensatz eine neue, in den internationalen Beziehungen wirksame Qualität, weil er ideologisch stark aufgeladen wurde und die Furcht vor dem Kommunismus im Westen omnipräsent war. Im Folgenden soll erkundet werden, wie diese neue Qualität entstand.

Russland als Bündnispartner



Mit der Februarrevolution 1917, die das Regime des Zaren zum Einsturz brachte und die 300-jährige Herrschaft der Romanows beendete, stellte sich in London und Paris die Frage, ob es gelingen würde, Russland im Krieg zu halten: Es schien zwingend, um die Mittelmächte besiegen zu können. Dagegen stand der Wunsch vieler in Russland nach Frieden. Die Soldaten des Imperiums waren kriegsmüde und wollten nach Hause, die Nationalitäten des Imperiums begannen über eine Autonomie, im Falle der Polen gar über eine Unabhängigkeit, nachzudenken.

Im März 1917 versicherte der Außenminister der neuen Provisorischen Regierung Pawel Miljukow hingegen in einer Depesche allen Auslandsvertretern in Russland: Das neue Kabinett werde "internationale Verpflichtungen Russlands achten" und "alle ihre Energie der Erringung des Sieges widmen".[1] Daran hatten die westlichen Alliierten jedes Interesse. Schließlich waren die Mittelmächte, insbesondere das Deutsche Reich, weit in das Territorium Russlands vorgerückt und hatten mit dem unter Militärverwaltung stehenden Land "Ober Ost" ein Gebietskomplex geschaffen, der weißrussische, ukrainische und litauische Territorien umfasste.

Die Provisorische Regierung war weit entfernt davon, ihre Kriegsziele, wie den Griff nach den Meerengen am Bosporus, zu erreichen. Dennoch versicherte sie den Botschaftern Großbritanniens, Frankreichs und Italiens ihre Entschlossenheit zum "Siegfrieden". Die realitätsfernen Kriegsziele, wie auch überhaupt die Bereitschaft, den Krieg fortzusetzen, wurden in die Öffentlichkeit "durchgestochen" und führten zu Demonstrationen in Petrograd unter Parolen wie "Nieder mit Miljukow" und "Nieder mit dem Krieg". Lenin, der im April 1917 im Triumph nach Petrograd zurückgekehrt war, hatte eines erreicht: Die Provisorische Regierung hatte ihre Glaubwürdigkeit verloren; und die Bolschewiki, die sich die Forderungen der Zimmerwalder Konferenz eines Friedens ohne Kontributionen und Annexionen zu eigen gemacht hatten, gewannen über den Sommer 1917 Zulauf. Im Herbst 1917 besaßen die Alliierten in der Provisorischen Regierung somit nur noch einen Partner ohne Rückhalt.

Die Revolution lag auf der Straße und Lenin, der nach kurzzeitigem Exil in Finnland und Karelien nach Petrograd zurückgekehrt war, hob sie auf. Die im Vergleich zur Februarrevolution wenig spektakuläre Oktoberrevolution brachte die Bolschewiki an die Macht.[2] In ihren ersten Dekreten lösten die Bolschewiki jene Versprechen ein, die ihr zunächst einen gewissen Rückhalt verschafft hatten. Bereits am nächsten Tag wurde von den neuen russischen Machthabern ein Dekret über das Land erlassen, in dessen Folge die von den Alliierten so dringend benötigte Front gegen die Mittelmächte zusammenbrach. Zeitgleich folgte ein Dekret über den Frieden, wodurch sich für die Mittelmächte eine starke militärische Entlastung an ihrer Ostfront abzeichnete, die sie dringend für Schlachten an der Westfront benötigten.

Vor und nach der Oktoberrevolution waren die Bolschewiki für die Alliierten schwer einzuschätzen. Allgemeine Furcht vor dem Kommunismus ging einher mit der Frage, wie sich die Bolschewiki praktisch in der Außenpolitik verhalten würden. Lenin, Leo Trotzki, Adolf Joffe, Georgi Tschitscherin und andere Protagonisten der sowjetischen Außenpolitik sollten in den folgenden Jahren in ganz verschiedenen Rollen agieren: als Streiter für das Selbstbestimmungsrecht der Völker, als Vorkämpfer des russischen und internationalen Proletariats und Kämpfer gegen imperialistische Räuber, als Vertreter eines Sowjetrussland der Arbeiter und Bauern. Es war für die Regierungen von Großbritannien, Frankreich und den USA, die im April 1917 in den Krieg eingetreten waren, schwer einzuschätzen, was ideologischer Grundsatz, was vordergründige Rhetorik war und was den Kern sowjetrussischer Außenpolitik ausmachte. In einem postulierten Ziel trafen sich die Regierung Woodrow Wilsons und die Bolschewiki freilich rhetorisch: dem Selbstbestimmungsrecht der Völker, das die Deutschen mit ihrem Expansionsdrang einschränken wollten. Lenin kostete es Ende 1917 wenig, dieses Selbstbestimmungsrecht zu propagieren, das die USA vor allem für Polen durchgesetzt wissen wollten, da diese Territorien von den Mittelmächten besetzt waren.

Am 5. Dezember 1917 vereinbarten Russland und die Mittelmächte einen später mehrfach verlängerten zehntägigen Waffenstillstand. Am 22. Dezember wurden im weißrussischen Brest-Litowsk Friedensverhandlungen eröffnet. Diese gerieten für die Deutschen, aber auch die Weltöffentlichkeit zu einem Lehrstück über die neuen Formen sowjetischer Außenpolitik, die mit den konventionellen diplomatischen Traditionen brachen. Insbesondere als am 7. Januar 1918 Leo Trotzki die Führung der sowjetischen Delegation übernahm, waren die Deutschen über dessen Verhandlungsführung ebenso irritiert wie die entfernten westlichen Beobachter. Trotzki schmeichelte einerseits seinem Gegenüber am Verhandlungstisch, andererseits hielt er revolutionäre Reden, die sich an die Unterdrückten der Welt richteten. Mit dem Aufruf zum weltweiten Kampf gegen den Imperialismus sollte die Überkommenheit traditioneller außenpolitischer Methoden vorgeführt werden. Zuvor kündigte er an, er werde "einige revolutionäre Proklamationen an die Völker erlassen und dann die ganze Bude [das Volkskommissariat für Äußeres] schließen".[3] Diese Politik der Irritation verhalf ihm zu kurzfristigem Erfolg, zumindest zu Aufmerksamkeit. Sein Ziel sei "weder Krieg noch Frieden", und diese Aussage wurde international als eine grundsätzliche wahrgenommen.

Die Machtmittel hatten freilich die Deutschen in der Hand, die durch eine Wiederaufnahme der Kriegshandlungen in der Operation "Faustschlag" am 3. März 1918 den Frieden von Brest-Litowsk erzwangen, in dem Russland etwa ein Drittel seines europäischen Territoriums verlor. Diese sowjetische Politik der Irritation, die Schwierigkeit, ideologischen Grundsatz und pragmatische Handlung unterscheiden zu können, prägte also auch die Wahrnehmung Sowjetrusslands bei Mächten der Entente und den USA: Dieses neue Regime stellte sich ganz bewusst nicht in die Rechtsnachfolge der Regierung des Zaren oder der Provisorischen Regierung. Es lehnte beispielsweise ab, eine Rückzahlung von Krediten, die aus Frankeich und Großbritannien teilweise schon vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs nach Russland geflossen waren, zu übernehmen. Es war daher nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte bereits im November 1918 klar, dass dieses Regime nicht auf der Seite der Siegermächte an der Pariser Friedenskonferenz 1919/20, insbesondere in Versailles, beteiligt werden würde. Vielmehr begannen im Westen die Diskussionen darüber, ob die neu entstehenden Staaten im Nordosten Europas unterstützt werden sollten.[4]

Im Falle Polens war die Sache eindeutig: Der Pianist und Politiker Ignacy Paderewski hatte bei einer Konzerttournee durch die Vereinigten Staaten, die amerikanische Öffentlichkeit für die Sache eines eigenen polnischen Staates gewonnen. Es ging der polnischen Delegation um Roman Dmowski in Versailles nur noch um die Frage, welche Grenzen dieser Staat haben sollte. Gerade der Verlauf einer Ostgrenze zwischen Polen und Sowjetrussland war – nachdem der Frieden von Brest-Litowsk mit der Novemberrevolution in Deutschland annulliert worden war – Bestandteil der Unabhängigkeitskriege der Esten, Letten, Litauer, Polen aber auch der Ukrainer. Auch im Russischen Bürgerkrieg der "Roten" gegen die "Weißen", die eben nicht das Selbstbestimmungsrecht der Völker akzeptierten, sondern der alten Vision eines Imperiums anhingen, setzte sich der Erste Weltkrieg fort. Es war die "weiße" Idee eines ungeteilten Russland, die dazu führte, dass auch die Vertreter der Weißen Bewegung in Versailles nicht offiziell teilnahmen. Eine in den westlichen Hauptstädten und in den Delegationen auf der Pariser Friedenskonferenz ganz andere Frage war allerdings die nach der Unterstützung der Weißen Bewegung in ihrem Kampf gegen die Bolschewiki.


Interventionen im Russischen Bürgerkrieg



Die Unterstützung der Weißen hatte de facto bereits Anfang 1918 begonnen. Brest-Litowsk belastete das Verhältnis zu den Entente-Mächten nachhaltig. Zur Sicherung ihrer Interessen in Russland und um einer weiteren deutsch-sowjetischen Annäherung entgegenzuwirken, wurden noch während des Weltkriegs Truppen nach Russland entsandt. Da die europäischen Häfen Russlands an der Ostsee für die Alliierten noch nicht erreichbar waren, landete das erste britische Kontingent bestehend aus 600 Soldaten im Juni 1918 in Murmansk am Arktischen Ozean. Dieser Hafen, fernab vom russischen Kernland, wurde zwar von den Briten besetzt, weitere Aktionen wurden allerdings nicht durchgeführt.
Ein weiteres Landungsunternehmen fand im August 1918 in Archangelsk statt. Hier landeten zuerst 600 britische und französische Soldaten. Sie wurden später durch ein US-Kontingent von 5000 Mann verstärkt. Offizieller Anlass war die Sicherung der dortigen Waffendepots, die weder in die Hände der Deutschen noch der Bolschewiki fallen sollten.[5] Ebenso betonten amerikanische Politiker die Verpflichtung, der Tschechoslowakischen Legion – sie bestand aus Kriegsgefangenen der zerschlagenen k.u.k. Armee – zur Hilfe eilen zu wollen, als diese 1918 in die gegründete Tschechoslowakei zurückkehren wollte. Angesichts der enormen Distanz zwischen Archangelsk und den Tschechoslowaken in Sibirien war diese "Verpflichtung" eher ein Vorwand.

Die Expeditionstruppe konnte mehrere hundert Kilometer in das Landesinnere vorstoßen, vereinzelte Kämpfe zwischen den alliierten und roten Truppen zogen sich durch das ganze folgende Jahr, ohne dass eine strategisch bedeutsame Entscheidung herbeigeführt werden konnte. Im Juli 1919 verließen daher die verbliebenen ausländischen Einheiten Nordrussland. In den Entente-Ländern stand die zunehmend kriegsmüde Öffentlichkeit der Intervention immer ablehnender gegenüber. Die Interventionen bargen gar die Gefahr des Revolutionsexports in sich: Im Dezember 1918 landete ein französisch-griechisches Kontingent von 1000 Mann in Odessa. Unterstützt wurde es von einem französischen Flottenverband. Als sich das Kriegsgeschehen näherte, kam es zu einem Aufstand in der französischen Schwarzmeerflotte, bei der die rote Fahne gehisst wurde. Die Meuterer erzwangen im April 1919 den Rückzug Frankreichs und machten zugleich deutlich, dass die Vision der Bolschewiki durchaus Attraktivität besaß. Die letzten Truppen der Entente-Mächte verließen Odessa am 7. April 1919.

Am längsten währte die ausländische Präsenz im größten Pazifikhafen des ehemaligen Zarenreichs, in Wladiwostok. Schon im April 1918 waren einzelne japanische und britische Verbände hier an Land gegangen. Ihnen folgte auch ein amerikanisches Expeditionskorps mit etwa 8000 Soldaten. Wladiwostok sollte als Nachschublinie für die sibirischen Truppen des Admirals Alexander Koltschak dienen, der als Reichsverweser die meiste Unterstützung innerhalb der Weißen Bewegung zu haben schien. Bis zu deren Niedergang 1920 blieben die alliierten Soldaten in Sibirien. Als die Kommunisten 1920 in Tschita die Fernöstliche Republik gründeten, die als ein erster Vorposten zur sozialistischen Revolutionierung Chinas betrachtet wurde, gründeten 70000 Mann starke japanische Interventionstruppen 1921 die sogenannte Küstenrepublik. Im Kampf zwischen beiden Staaten setzten sich schließlich die Bolschewiki durch. Sie erreichten Wladiwostok allerdings erst im Dezember 1922 – nach der Integration der Fernöstlichen Republik in die Sowjetunion. Die letzte ausländische Intervention auf dem Boden des asiatischen Russlands war beendet.

Auch wenn die Bedeutung der Invasionstruppen in der sowjetischen Historiografie überhöht wurde, um den Sieg der von Trotzki organisierten Roten Armee größer erscheinen zu lassen, war ihr militärischer Einfluss auf die Entscheidung im Bürgerkrieg gering. Die deutsche Besetzung bis zum Kollaps des Kaiserreichs im November 1918 war eine viel größere Bedrohung für den jungen Sowjetstaat als die an der Peripherie eingreifenden Kontingente der Entente-Mächte. Weitaus wichtiger waren alliierte Lieferungen und Hilfsleistungen an die Weiße Armee in Sibirien und in Südrussland. Winston Churchill behauptete später, dass 1919 England 100 Millionen Pfund und Frankreich zwischen 30 und 40 Millionen Pfund für die weißen Truppen in Russland ausgegeben hätten.[6] Nicht alle waren jedoch so unbedingt in ihrer Unterstützung der Weißen wie Churchill gewesen, der sich als Erster Lord der Marine für ein viel weitergehendes britisches Engagement eingesetzt hatte.

Auch in dem weitgehend parallel verlaufenden Polnisch-Sowjetischen Krieg unterstützten die Entente-Mächte das neu entstandene Polen nicht in dem Ausmaß, in dem Churchill es womöglich erstrebt hätte. Der Krieg, der von polnischer Seite mit verschiedenen gegnerischen Akteuren um die polnische Ostgrenze geführt wurde, richtete sich nicht von vornherein gegen die Bolschewiki, auch wenn die polnischen Eliten stramm antikommunistisch eingestellt waren. Diese Haltung darf man bei aller Breite des Spektrums vielleicht als wesentliche Klammer der Eliten Polens in der Gründungsphase der Zweiten Polnischen Republik sehen. Anfänglich erzielten die Polen in diesem Krieg große Erfolge und besetzten weite Landstriche der Ukraine einschließlich Kiews. Bald warf die Rote Armee sie jedoch bis ins polnische Kernland zurück, sodass eine Niederlage und Besetzung Polens erwartet wurde. In der Schlacht von Warschau, dem "Wunder an der Weichsel", schlugen die Polen die sowjetischen Truppen jedoch und drängten sie in der Folge bis in die Ukraine zurück, die bald sowjetisch wurde.

Diese Wende bedeutete jedoch noch nicht das Ende des Kriegs: Im Frieden von Riga, der am 18. März 1921 unterzeichnet wurde, stimmte Sowjetrussland einem Waffenstillstand und Friedensvertrag zu, der Polen erhebliche Gebiete im Osten zusicherte und eine Grenzregelung für Polen bot, die ethnisch-religiöse Konflikte mit sich brachte. Das offizielle Geschichtsbild der Sowjetunion sah den Krieg als Teil der ausländischen Interventionen während des Russischen Bürgerkriegs. Das Bestreben des nichtkommunistischen Polen, die Unabhängigkeit von Sowjetrussland zu erreichen beziehungsweise zu erhalten, wurde als Parteinahme für die Weißen und als Versuch verstanden, die Ausbreitung der proletarischen Revolution nach Westen zu blockieren. So wurde der Krieg als "Krieg gegen Weiß-Polen" bezeichnet. In der Volksrepublik Polen folgte die offizielle Geschichtsschreibung nach der erfolgten Sowjetisierung ebenfalls dieser Linie.

Doch der Ausgang des Kriegs hatte aus der Sicht der Zeitgenossen nicht nur Bedeutung für Polen, sondern für ganz Europa. Die Niederlage der Roten Armee bei Warschau stoppte das Vordringen des Kommunismus nach Westen, sodass Sowjetrussland seine Hoffnungen, die Weltrevolution über die "Leiche Polens" nach Westeuropa exportieren zu können, vorerst aufgeben musste. Der britische Botschafter in Berlin und Leiter der Mission der Entente in Polen, Edgar Vincent, fasste dies als Augenzeuge mit folgenden Worten ganz im Geist der Zeit zusammen: "Wenn Karl Martell die Invasion der Sarazenen mit seinem Sieg in der Schlacht bei Tours nicht aufgehalten hätte, so würde heute in den Schulen von Oxford der Koran gelehrt (…). Wenn es Piłsudski (…) in der Schlacht bei Warschau nicht gelungen wäre, den triumphalen Vormarsch der Roten Armee zu stoppen, so hätte dies nicht nur eine gefährliche Wende in der Geschichte des Christentums zur Folge, sondern eine fundamentale Bedrohung der gesamten westlichen Zivilisation. Die Schlacht bei Tours rettete unsere Vorfahren vor dem Joch des Korans; es ist wahrscheinlich, dass die Schlacht bei Warschau Mitteleuropa und ebenso einen Teil Westeuropas vor einer sehr viel größeren Gefahr rettete; der fanatischen sowjetischen Tyrannei."[7]

Diese Sicht prägte die Auffassung vieler in den neu entstandenen Staaten des nordöstlichen Europa. Ob in Polen, Estland oder Lettland, die sich ebenfalls im Verlauf des Jahres 1918 für unabhängig erklärten und die Unabhängigkeit sowohl gegen Deutschland 1918 als auch gegen die Bolschewiki 1918/19 behaupteten: Revolutionsfurcht und Antikommunismus stifteten einen Grundkonsens. In Tallinn und Riga enttäuschte es vor diesem Hintergrund, dass Großbritannien, Frankreich und die USA mit der Anerkennung der neuen Staaten zögerten, auch wenn sie deren antikommunistische Bollwerkfunktion anerkannten.[8]


Zwischen Exklusion und Anerkennung



Umso wichtiger war es für die neu entstandenen Staaten sowie für Litauen, dass sich die sowjetische Regierung dazu verstand, ihre jeweiligen Grenzen 1920 in Friedensverträgen zu garantieren. Lettlands Hauptstadt Riga wurde 1921 Schauplatz der erwähnten Friedensverhandlungen zwischen Sowjetrussland und Polen. Damit war die Westgrenze Sowjetrusslands vertraglich geregelt, die Ukraine wurde im Bürgerkrieg mit Gewalt (re)integriert. Auch Georgien, Aserbaidschan und Armenien gingen nach einem Zwischenspiel bis 1924 in der dann gegründeten Sowjetunion auf. Was fehlte, war die Anerkennung durch die ehemaligen Entente-Mächte und die USA.

Der britische Premierminister David Lloyd George plädierte allerdings 1920 für eine Rettung Russlands durch Handel und formulierte damit das Konzept des "Wandels durch Annäherung" avant la lettre. In dieser Absicht wurde am 16. März 1921 ein Handelsabkommen zwischen Moskau und London geschlossen, das für Sowjetrussland die De-facto-Anerkennung darstellte. In Moskau wurde eine britische Handelsmission gegründet. Tatsächlich trug das Handelsabkommen zu einer Stabilisierung des sowjetischen Regimes bei, das sich mit der "Neuen Ökonomischen Politik" für ausländische Investoren und qualifizierte Arbeitskräfte öffnete. Drei Jahre später – im Februar 1924 – nahmen die aus Sowjetrussland und anderen Sowjetrepubliken hervorgegangene Sowjetunion mit Großbritannien diplomatische Beziehungen auf. 1924 wurde zum Jahr der Anerkennungen: Es folgten Italien, Norwegen, Österreich, Griechenland, Schweiz, China, Dänemark und Frankreich.

Die Zurückhaltung des Westens bei der Anerkennung hatte sicher vor allem auch damit zu tun, dass Moskau ein Instrument zur Verfügung stand, das umso gefährlicher erschien, als es unterhalb der staatlichen Ebene angesiedelt und geeignet war, die innenpolitischen Szenen jeweils mit dem Ziel der Destabilisierung oder gar des revolutionären Umsturzes durcheinanderzuwirbeln: die Kommunistische Internationale (Komintern). Sie entstand nach Vorläufern 1919 auf Initiative Lenins. Die Etablierung des Sowjetsystems hatte zur Spaltung zahlreicher linker Parteien in einerseits reformorientierte sozialdemokratische und andererseits Kommunistische Parteien (KP) mit revolutionärem Anspruch geführt. Die KPs sollten von Moskau aus organisiert werden: Auf dem I. Weltkongress 1919 waren 51 Delegierte aus 29 Ländern anwesend. Diese vertraten, abgesehen von den Bolschewiki und der Deutschen KP, nur kleine und weniger bedeutende revolutionäre Gruppen. Die Komintern sollte nach dem Vorbild des demokratischen Zentralismus Lenins eine straff organisierte Weltpartei mit nationalen Sektionen bilden. Bei der Wahl der Mittel wurden gewaltsame Machtergreifungen ausdrücklich legitimiert.

Auf dem II. Weltkongress der Komintern 1920 mussten die KPs ihre Eigenständigkeiten weiter aufgeben: Das in Moskau eingerichtete Exekutivkomitee der Komintern, das von der KPdSU dominiert wurde, steuerte die Politik der Komintern und passte sie flexibel den Vorgaben und Bedürfnissen sowjetischer Außenpolitik an. Alle Gliederungen wurden verpflichtet, "einen parallelen Organisationsapparat zu schaffen, der im entscheidenden Moment der Partei behilflich sein wird, ihre Pflicht gegenüber der Revolution zu erfüllen".[9] Perspektivisch führte diese Politik zu mehrfachen Spaltungen innerhalb der KPs in den westlichen Ländern. Auch die Unterwanderung der teilweise sehr einflussreichen Gewerkschaftsbewegungen, etwa in England, gelang nur zum Teil. Aufstandsversuche wie in Deutschland zwischen 1919 und 1923, die misslangen, waren Teil des Konzepts. Sie scheiterten freilich an den kaum aus Moskau steuerbaren Eigendynamiken vor Ort, und auch der Putschversuch in Estland 1924 blieb Episode. Als die Sowjetunion versuchte, die Tätigkeit der britischen Gewerkschaften im Generalstreik 1926 zu unterwandern, drang die Londoner Polizei in das Gebäude der Handelsvertretung der UdSSR ein. Moskau brach daraufhin im folgenden Jahr die diplomatischen Beziehungen (bis 1929) ab. Stalin, nach Lenins Tode nach wenigen Jahren zum alleinigen Führer der Sowjetunion aufgestiegen, nutzte diese außenpolitische Krise, um die Neue Ökonomische Politik zu beenden und den "Aufbau des Sozialismus in einem Land" zu propagieren. Diesen hatte nun auch die Komintern abzusichern.

Der spektakulärste Erfolg war in dieser Hinsicht sicherlich das Moskauer Protokoll, das am 9. Februar 1929 zwischen der Sowjetunion, Polen, Rumänien, Lettland und Estland, später der Türkei und Litauen geschlossen wurde. Es setzte den Briand-Kellogg-Pakt – und damit den Verzicht, internationale Streitigkeiten mit militärischer Gewalt zu lösen – für die Unterzeichner-Staaten vorfristig in Kraft. Die Initiative ging vom stellvertretenden sowjetischen Außenkommissar Maxim Litwinow aus, der die internationale Umwelt, vor allem aber die Nachbarstaaten von der Friedenspolitik der Sowjetunion überzeugen und die sowjetische Sorge um die kollektive Sicherheit demonstrieren sollte.

Litwinows Politik der Annäherung an die Westmächte war mithin durchaus erfolgreich: 1932 gelang es der Sowjetunion, mit Frankreich einen Nichtangriffsvertrag abzuschließen. Am 2. Mai 1935 wurde der Beistandsvertrag zwischen beiden Ländern unterzeichnet. Ein weiterer Erfolg war 1934 die Aufnahme der Sowjetunion in den Völkerbund. Sie erhielt sogar einen Sitz im Ständigen Rat des Völkerbundes.

Erst kurz zuvor, 1933, hatten die USA die Sowjetunion diplomatisch anerkannt. Dieser späte Schritt hatte auch mit der in den USA tief verwurzelten Kommunismusfurcht zu tun, die zwar nicht mehr solche Züge trug wie unmittelbar nach der Oktoberrevolution, als in der "Ersten Roten Angst" bis 1920 knapp 10000 Menschen wegen unamerikanischer Umtriebe verhaftet wurden, aber das Misstrauen blieb. Die US-amerikanische Gesandtschaft im lettischen Riga hatte beispielsweise die Beobachtung kommunistischer Umtriebe im östlichen Europa als Hauptaufgabe.[10]


Schluss



In der amerikanischen Haltung zeigte sich jene Ambivalenz, die sich auch in anderen westlichen Staaten beobachten ließ. Einerseits wurde das sich schnell entwickelnde diktatorische, bald totalitäre System in der Sowjetunion angeprangert und der Gegensatz "Russland gleich Unfreiheit versus Westen gleich Freiheit" aufgebaut und damit eine Denkfigur variiert, die es auch schon vor dem Revolutionsjahr 1917 gegeben hatte. Andererseits versuchten die Entscheidungsträger im Westen, diese Vereinfachung in der Praxis zu umgehen, indem sie Wirtschafskontakte pflegten, pragmatischen Abkommen zustimmten und sich auf die wandelnden Formen formeller und informeller Außenpolitik (wie im Falle der Komintern) einstellten. Zudem schien nach der Weltwirtschaftskrise 1929 die Diktatur sowjetischen Typs als das kleinere Übel. Dies lag weniger an den autoritären Regimen in Südost- und Ostmitteleuropa, die in dieser Zeit bereits existierten oder entstanden, sondern vielmehr am Aufstieg des Nationalsozialismus nach 1933.

Am generellen Misstrauen des Westens änderte er jedoch wenig: Am Münchner Abkommen vom 30. September 1938, in dem Hitler das Sudetenland zugesprochen bekam, um wenig später nach der Tschechoslowakei zu greifen, wurde die Sowjetunion nicht beteiligt. An eine Intervention wie nach der Oktoberrevolution in Russland zugunsten der Tschechoslowakei dachten Frankreich und Großbritannien nicht.

Der Nichtangriffsvertrag zwischen Hitler und Stalin vom 23. August 1939 schien das Misstrauen zu rechtfertigen. Russland (in Gestalt der Sowjetunion) und der Westen blieben sich fremd, trotz des dann gemeinsamen Gegners im Zweiten Weltkrieg. Der Kalte Krieg nach 1945 zeigte dies deutlich, und auch die heutigen Beziehungen sind von der Fremdheit geprägt.
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Autor: Jan Kusber für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Zit. nach Manfred Hellmann, Die russische Revolution 1917, München 19692, S. 160f.
2.
Siehe hierzu auch den Beitrag von Manfred Hildermeier in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
3.
Leo Trotzki, Mein Leben, Berlin 1930, S. 327.
4.
Siehe Charlotte Alston, Britain, Anti-Bolshevik Russia and the Border States at the Paris Peace Conference, 1919, in: History 91/2006, S. 24–44.
5.
Zu den USA siehe Robert L. Willett, America’s Undeclared War, 1918–1920, Washington D.C. 2003.
6.
Vgl. Winston Churchill, The World Crisis. The Aftermath, Bd. 4, London 1929, S. 256.
7.
Zit. nach Norman Davies, The Polish-Soviet War, London 1972, S. 265.
8.
Vgl. William A. Fletcher, The British Navy in the Baltic, 1918–1920, in: Journal of Baltic Studies 2/1976, S. 134–144.
9.
Zit. nach Peter Lübbe, Kommunismus und Sozialdemokratie, Berlin–Bonn 1978, S. 75.
10.
Vgl. Claudia Breuer, Die "Russische Sektion" in Riga, Stuttgart 1995.

Jan Kusber

Zur Person

Jan Kusber

ist Professor für Osteuropäische Geschichte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Sein Schwerpunkt ist die Geschichte Russlands und der Sowjetunion.
kusber@uni-mainz.de


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