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18.8.2017

Gleichberechtigung nach 1917? Frauen in der Kommunistischen Internationale

Politische Aktivistinnen aus aller Welt blickten in den 1920er Jahren voller Erwartungen auf die Ereignisse im ersten sozialistischen Staat der Welt – der Sowjetunion. Viele von ihnen waren zunächst begeistert von den gesellschaftlichen Errungenschaften, die die Russische Revolution 1917 den Frauen brachte. Schließlich waren es vor allem Arbeiterinnen und Soldatenmütter, die am 23. Februar (julianischer Kalender), beziehungsweise dem Weltfrauentag am 8. März (gregorianischer Kalender), beim Protestmarsch in Petrograd den Ton angaben. Und in der Tat verankerte die Revolution gesetzlich die Gleichstellung der Geschlechter und setzte den Grundstein für einen Wohlfahrtsstaat, der die freie und kostenlose medizinische Abtreibung ermöglichte sowie Kinderhorte und Beratungsstellen für Mütter einrichtete.[1] Darüber hinaus eröffnete sich Frauen im Kontext der Revolution und des anschließenden Bürgerkriegs neuer Spielraum für politisches und gesellschaftliches Handeln. Zwar war die Öffnung politischer Organisationen für die Mitwirkung von Frauen eine Errungenschaft der Arbeiterbewegung im 19. Jahrhundert, aber Anfang der 1920er Jahre war sie alles andere als die Regel.

Die Kommunistischen Parteien (KP) in aller Welt spiegelten aber nicht nur die Verheißung von Emanzipation wider, sondern ebenso die realen Grenzen im Kampf um Gleichberechtigung: Wie wurde mit dem Thema Gleichstellung von Mann und Frau in den frühen Jahrzehnten des sowjetischen und internationalen Kommunismus umgegangen? Welcher politische Handlungsspielraum wurde Frauen innerhalb der Kommunistischen Internationale (Komintern) gewährt? Und inwieweit machten Frauen davon Gebrauch? Diesen Fragen soll im Folgenden nachgegangen werden.[2]

Neue, aber eingeschränkte Möglichkeiten



Die Geschlechtergleichheit tauchte praktisch von Beginn an in den Programmen der Komintern und der KPs auf, dennoch waren Frauen in deren Führungsetagen kaum vertreten.[3] Einerseits wollten die Parteien Frauen einbeziehen und leiteten auch entsprechende Maßnahmen ein. Andererseits wurden ihre Bemühungen untergraben vom Fehlen einer theoretischen Auseinandersetzung und vom mangelnden Bewusstsein für die Produktion von Geschlechterdifferenz im Alltag.

Um die Frauenemanzipation zu fördern, wurden innerhalb kommunistischer Organisationen spezielle Strukturen aufgebaut: 1917 die Frauenabteilung des Zentralkomitees der KPdSU, im August 1920 das Internationale Frauensekretariat der Komintern sowie Frauenabteilungen innerhalb der anderen KPs.

Die Frauenabteilung der KPdSU organisierte Delegiertentreffen, um weniger organisierte Frauen wie Hausfrauen, Büroangestellte, Dienstbotinnen sowie Arbeiterfrauen zu mobilisieren. In diesen "Schulen des Kommunismus" sollten Frauen erste politische Erfahrungen sammeln und die Gelegenheit erhalten, sich theoretische Grundlagen anzueignen. In Deutschland, wo Frauen 1928 ein Sechstel der insgesamt 130000 Mitglieder der KP ausmachten, bildeten sich starke Frauenorganisationen. Mit Forderungen, wie des Rechts der Frauen auf ihren eigenen Körper, setzten sie sich für die Entkriminalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen sowie den Zugang zu Verhütungsmitteln ein.[4] In Frankreich, wo der Frauenanteil in der Partei weit geringer war – 1924 lag er bei rund vier Prozent –, machte sich die Partei für das Frauenstimmrecht stark.[5]

Der Frauenanteil in der Führungsetage der Komintern betrug nur etwa vier Prozent. Einige wenige Frauen stiegen allerdings bis an ihre Spitze auf: etwa Angelica Balabanowa (1919), die Deutsche Clara Zetkin (1920 bis 1933), Dolores Ibárruri in den 1930er Jahren und Maria Krylowa während des Zweiten Weltkriegs. Auch die Kommunistische Universität der nationalen Minderheiten des Westens wurde zwischen 1925 und 1936 mit Maria Frumkina von einer Frau geleitet. Ebenfalls unter weiblicher Führung standen Anfang der 1930er Jahre mit Klawdia Kirsanowa die Internationale Lenin-Schule und die Internationale Rote Hilfe mit Elena Stassowa.

Besondere Chancen auf politische Ämter boten sich Frauen in dem neu gegründeten Internationalen Kommunistischen Frauensekretariat, das mit ehemaligen Funktionärinnen der Sozialistischen Internationale sowie der Frauenbewegung besetzt wurde. Dazu bemerkte die französische Feministin Madeleine Pelletier, als sie 1920/21 das kommunistische Russland bereiste: "Anders als beispielsweise Frankreich verweigert Russland Frauen nicht das Recht, sich mit öffentlichen Angelegenheiten zu befassen."[6] Doch das Geschlecht blieb auch in der sowjetischen Gesellschaft ein bestimmendes Merkmal für Machtverhältnisse.Pelletier stellte darüber hinaus fest, dass Frauen in den Ministerien zumeist als junge Schreibkräfte arbeiteten und Führungspositionen nach wie vor Männern vorbehalten blieben.

Die gleiche geschlechterspezifische Arbeitsteilung fand sich auch in der Komintern: Einige wenige Frauen hatten Führungspositionen inne, weit mehr übten hingegen Verwaltungstätigkeiten oder sogenannte technische Funktionen aus (Sekretariat, Übersetzung, Botendienst). Verdeutlichen lässt sich dies an der Neugestaltung des Sekretariats von Georgi Dimitroff, der zwischen 1935 und 1943 Generalsekretär der Komintern war:[7] Unter den zwölf Beschäftigten im Sekretariat waren zwei Frauen: die Stenografin und die Schreibkraft. Innerhalb der Komintern war die Übersetzungsabteilung eindeutig diejenige mit dem höchsten Frauenanteil. Ihr Organisationsplan weist 62 Stellen auf, 28 davon explizit für weibliche Schreibkräfte. Tatsächlich waren dort noch weit mehr Frauen als Übersetzerinnen oder Korrektorinnen tätig, doch geben die Stellenbezeichnungen in diesem Fall keinen Aufschluss über das Geschlecht. Trotz männlicher Dominanz besetzten eine Reihe von Frauen mittlere Positionen. Häufig wurden sie von kommunistischen Organisationen als Kurierinnen eingesetzt, zweifellos aufgrund der Tatsache, dass Frauen in den Augen der Polizei traditionell als "unschuldig" und apolitisch galten.


Klasse gegen Geschlecht



Viele Frauen, sei es in Sowjetrussland, sei es im Westen, packten die Gelegenheit beim Schopf, als sich ihnen die Aussicht auf Emanzipation und auf verantwortungsvolle Lohnarbeit innerhalb kommunistischer Organisationen bot. Auch an der Basis lockten kommunistische Organisationen Aktivistinnen an, von denen nicht alle Arbeiterinnen waren. Beeinflusst von der Tradition des sozialdemokratischen Feminismus, boten die Parteien auch Hausfrauen Platz. War denn die Ausbeutung der Gattin durch den Gatten nicht auch eine Form der Ausbeutung? Dabei stand die kommunistische Frauenpolitik zu Beginn vor dem Dilemma, widersprüchliche Positionen vereinen zu wollen – etwa Frauen von "Töpfen und Pfannen" zu befreien und zugleich den "Schutz für Mutter und Kind" zu garantieren.[8]

In den frühen 1920er Jahren gab es noch zahlreiche gesellschaftliche Debatten über das Konzept der "Neuen Frau", über neue Lebensentwürfe und über eine geschlechtsspezifische Neuordnung. Diese verstummten aber in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zunehmend – nicht zuletzt, weil progressive Positionen über neue Formen des Alltagslebens mit der linken Opposition unter Leo Trotzki in Verbindung gebracht wurden. Alexandra Kollontai, jene Figur, die dieses Denken wie keine andere für den Westen verkörperte, nahm nie wieder öffentlich zu diesen Fragen Stellung. So spiegelte sich im neuen Familiengesetzbuch von 1926 bereits ein traditionelleres und konservativeres Bild der Frau wider, indem es diese mit familiärer Abhängigkeit assoziierte. Das Bild der Politikkommissarin, das während der Phase des Russischen Bürgerkriegs in Mode gewesen war, wich einer traditionelleren Darstellung. Wobei die KPs im Westen für ihre Propaganda eine andere Darstellung des weiblichen Proletariats verwendeten, die ganz im Gegensatz zum glücklichen Bild sowjetischer Frauen stand: Ausgebeutete Proletarierin, benachteiligte Mutter, nur der Kommunismus wird dich befreien!

Doch die kommunistischen Organisationen hatten Schwierigkeiten, weibliche Identität zu definieren. Ein vom Interesse der Arbeiter unabhängiges Interesse einer Frau war suspekt – entscheidendes Kriterium für kommunistische Politik war die Klasse, nicht das Geschlecht. Dies führte zu einem ernsten Problem bei der Klassifizierung. In welche soziale Kategorie sollten Arbeiterinnen eingeordnet werden? Frau oder Proletarierin? Und noch komplizierter: Was war mit Hausfrauen? Anders als die Frauenabteilung der KPdSU, die eine tragende Rolle der Frauen bei der Umgestaltung der Gesellschaft einforderte, neigten Parteiführungen sowohl in der Sowjetunion als auch im Westen dazu, sie als negativen Einfluss zu betrachten: Je nach Darstellung waren Frauen mit "falschem" Bewusstsein behaftet oder hatten überhaupt kein Klassenbewusstsein.[9]

Da der Stellenwert im politischen Kampf vom Klassenbewusstsein bestimmt war, wurden Frauen in zweierlei Hinsicht ausgegrenzt: Zum einen wurde Klassenbewusstsein vorrangig mit den Arbeitern in bestimmten Sektoren in Verbindung gebracht, etwa Eisen und Stahl oder Baugewerbe, auf die sich die politische Aktivität immer gezielter fokussierte. Solche Berufsfelder, in denen nur wenige Frauen tätig waren, passten schlecht zu den vorherrschenden Vorstellungen von Weiblichkeit. Zum anderen neigten die Parteien dazu, die Artikulation von Klassenbewusstsein ausschließlich in der Partei und den Gewerkschaften zu verorten. Dies waren sozial und kulturell von Männern dominierte Bereiche. Von männlicher Sozialisation geschaffene Räume politischen Aktivismus wurden daher als Ausdruck von Klassenbewusstsein betrachtet. Für andere Formen, die charakteristisch waren für weibliche Lebensräume, galt dies im Allgemeinen hingegen nicht:[10] Boykottierten Hausfrauen ein Geschäft mit zu hohen Preisen, wurde das nicht so hochgeschätzt wie ein Streik von Stahlarbeitern.

Um zu verstehen, warum Frauen in der Politik der Bolschewiki nur eine zweitrangige Rolle einnahmen, muss man sich vor Augen führen, dass der Kommunismus der Kategorie "Geschlecht" nahezu jedwedes symbolisches Kapital für die Strukturierung der Machtverhältnisse abgesprochen hat. Entscheidend war die Klassenposition, die sich aber aus der Stellung im Produktionssektor ableitete.

Die relative organisatorische Autonomie der Frauenabteilungen wurde nach und nach beschnitten durch die ständig fortschreitende Zentralisierung. Die "Kommunistische Fraueninternationale", die monatlich mit einer Auflage von 10000 Exemplaren erscheinende Frauenzeitschrift der Komintern, wurde 1925 eingestellt. Der letzte Internationale Kommunistische Frauenkongress fand 1926 statt. In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre wurden die Frauenabteilungen der KPs durch einfache Kommissionen ersetzt. Trotz Proteste seitens der Belegschaft verlor das von Clara Zetkin und später von Hertha Sturm (wirklicher Name Edith Fischer) geführte Internationale Sekretariat 1926 seinen autonomen Status und wurde eine Abteilung der Komintern. Nach Elena Stassowas Ablösung durch drei Männer 1920 wurde das Sekretariat des Zentralkomitees der KPdSU nie wieder von einer Frau geleitet.[11] Zugleich sank in den meisten europäischen Parteien die Zahl der weiblichen Mitglieder sowie der Frauenanteil in Führungsgremien.

Etwas verallgemeinert scheint es, dass Mitte der 1920er Jahre alleinstehende Frauen und solche, die aus der Mittelschicht stammten, aus den KPs verschwanden. Diese Erosion erklärt sich zum Teil durch die zunehmende Verherrlichung der Arbeiter. Sie war aber auch Folge dessen, dass die KPs den Feminismus, wie er in Frankreich von Madeleine Pelletier, in Großbritannien von Stella Browne und in der Sowjetunion von Alexandra Kollontai vertreten wurde, immer vehementer ablehnten.


Geschlecht innerhalb der Klasse



In den 1930er Jahren nahmen die visuellen Darstellungen des sowjetischen Lebens eine Wendung zum Weiblichen, wie die Zeitschriften "UdSSR im Bau" sowie "Arbeiter Illustrierte Zeitung" umfassend belegen. Fotografien von weiblichen Stoßarbeiterinnen und lachenden Traktorfahrerinnen fanden auch in der westlichen kommunistischen Presse weite Verbreitung. Das Geschlecht war nicht nur ein Instrument inländischer Mobilisierung und ausländischer Propaganda geworden, sondern entwickelte sich auch zu einem Mittel, um das Verhältnis zwischen Staat und Volk darzustellen. In zahlreichen Gemälden des Sozialistischen Realismus wurde der Staat von "Väterchen Stalin" verkörpert, die Nation selbst hingegen von Frauen.[12]

Dieser Rückgriff auf Geschlechterunterschiede war nicht nur figurativ. Die üblicherweise Frauen zugeschriebenen Werte und Veranlagungen wurden aufgewertet, da das stalinistische System nun die angebliche Bereitschaft von Frauen zur Selbstaufopferung um des Familienwohls willen als unentbehrlich für die Lebensfähigkeit der sowjetischen Gesellschaft bezeichnete. Zugleich wurde die Identifizierung der Frau mit ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, die die Bolschewiki in den Jahren nach der Revolution noch als reaktionär betrachtet hatten, gefördert. Die Hausfrau stellte nun keine potenzielle Bedrohung mehr für die Politik und die Ziele des Regimes dar, sondern diente im Gegenteil als Mittel zu deren Umsetzung. Im Bestreben, die sowjetische Gesellschaft zu "zivilisieren", um "Kultiviertheit" zu fördern, fiel der "Neuen Frau" die Hauptrolle zu. Es war ihre Aufgabe, das Leben zu "schmücken", wie Stalin sich ausdrückte. Und es war ihre Pflicht, es mittels Mutterschaft zu reproduzieren – eine gesellschaftliche Funktion, aufgewertet durch die Einbeziehung von "staatlichem Schutz der Interessen von Mutter und Kind" in Artikel 122 der sowjetischen Verfassung von 1936.

Trotz des neuen Schwerpunkts auf der Kindererziehung blieb der Beitrag der Frauen an der Produktion genauso unverzichtbar wie zuvor. Die Zeitschrift "UdSSR im Bau" drückte es schon 1935 wie folgt aus: "Die Freude an der Mutterschaft und die Freude an der Arbeit widersprechen sich in der UdSSR nicht, sondern ergänzen sich."[13] Der Preis, der hierfür zu bezahlen war, bestand in der Intensivierung und quasi offiziellen Bestätigung der "Doppelbelastung" von Frauen, als die Kinderkrippen und weitere ihnen zugesagte Dienstleistungen ausblieben.

Wie reagierten ausländische Kommunisten in der Sowjetunion und die westeuropäischen KPs auf diese ideologische Wende? Zwar war die kommunistische Welt eine transnationale Welt, geprägt von gemeinsamen politischen Orientierungen und geteilten kulturellen Werten, Regeln und Vorschriften. Zugleich war sie aber auch eine hierarchische, in der die Sowjetunion für sämtliche KPs das Vorbild war. Und in der Tat beschränkte sich die Rückkehr zu einem bestimmten Konservatismus in Geschlechterfragen nicht auf die Sowjetunion. Vor allem in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre wurde die sowjetische Politik von westeuropäischen Kommunisten adaptiert. Es ist jedoch wichtig zu betonen, dass diese Umstellung nicht nur aufgrund der sowjetischen Entwicklung geschah, sondern auch eine Angleichung an das eigene unmittelbare kulturelle Umfeld war.

Die kognitive Anpassung verlief nicht für alle reibungslos. Das Gesetz "Zum Schutz von Mutterschaft und Kindheit" vom Mai 1936, das Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe stellte, und die seiner Verabschiedung vorangegangene Kampagne in den Tageszeitungen "Prawda" sowie "Iswestija" stießen zum Teil auf Unverständnis seitens der im Land lebenden westlichen Kommunisten.[14] Häufig wurden praktische Einwände vorgebracht, etwa jene, die in der sowjetischen Presse verschleiert wurden – zum Beispiel das Fehlen von Verhütungsmitteln und Kinderbetreuungsangeboten. Es gab aber auch grundsätzliche Abneigung gegen das Gesetz. Schockiert waren insbesondere Ärztinnen wie Martha Ruben-Wolf, die eine führende Kämpferin in der Kampagne für die Legalisierung der Abtreibung in Deutschland gewesen war und selbst Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen hatte. Wie konnte etwas, das die Kommunistinnen und Kommunisten in der kapitalistischen Welt als emanzipatorisches Recht für Frauen einforderten, in der Sowjetunion abgeschafft werden?

Mochte es hier und da auch Proteste geben, so passten sich die westlichen Parteien der neuen sowjetischen Ausrichtung rasch an. Die Verherrlichung der Familie fand auf bemerkenswerte Weise Ausdruck in der Selbstinszenierung des Vorsitzenden der KP Frankreichs, Maurice Thorez. Auch in der Rhetorik und dem Programm seiner Partei spiegelte sich die Aneignung von "Familienwerten" wider.[15] Andere Parteien zogen gleich: So verwendete beispielsweise in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre die KP der Schweiz eine Bildsprache, die die mit der Familie assoziierte gesellschaftliche und individuelle Stabilität aufwertete. Dabei wurde zwar suggeriert, die Familie sei für Männer und Frauen gleichermaßen wichtig. Doch die Mutterrolle wurde im Gegensatz zur Vaterrolle weniger als gesellschaftliche Funktion betrachtet, sondern eher als "natürliche" Eigenschaft von Frauen. Zur damaligen Zeit hatte eine Kommunistin auch eine Mutter zu sein – wie schwierig diese Doppelrolle war, wurde jedoch meist ignoriert.


Mutter und Revolutionärin?



Das Leben als kommunistische Aktivistin brachte insbesondere in der Sowjetunion häufig eine Lebensrealität mit sich, in der sich die Rolle der Kommunistin mit der Rolle der Mutter im Konflikt befand. Da die Verantwortung für die Betreuung und Erziehung der Kinder Frauen zufiel, war ihr politisches Engagement immer auch mit Ambivalenzen und Widersprüchen verbunden – mit Konsequenzen für sie selbst und für die Organisationen. So unentbehrlich Frauen für das Funktionieren der KPs und des Apparats der Komintern sein mochten, wurden sie doch zumeist in untergeordnete Funktionen abgedrängt. Zudem setzten die KPs sie meist in "Frauenjobs" ein, etwa in den Antikriegs- und Hilfsorganisationen. Diese Bereiche "weiblichen" politischen Engagements galten in der Hierarchie der Komintern und der KPs als weniger bedeutend als die typischerweise von Männern abgedeckten und als "wirklich" politisch angesehenen Ämter. Innerhalb der kommunistischen Bewegung deckte sich die Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen mit der traditionellen Assoziierung des einen Geschlechts mit dem öffentlichen Bereich und des anderen mit dem privaten.

Frauen selbst neigten zu der Auffassung, ihre politische Tätigkeit sei der von Männern untergeordnet, vor allem der ihres eigenen Mannes. Selbst wenn sie Kader waren und sich als solche bezeichneten, wie beispielsweise Jeannette Vermeersch, die zweite Frau von Maurice Thorez, schränkten sie ihre politische Tätigkeit zugunsten ihrer Rolle als Mutter ein oder, um ihren Mann bei dessen Arbeit zu unterstützen, gaben sie ganz auf.[16] Peggy Dennis, auch sie die Frau eines Parteivorsitzenden, die selbst viele Jahre für die Komintern tätig gewesen war, akzeptierte nach ihrer Rückkehr in die Vereinigten Staaten den Verlust ihrer "individuellen öffentlichen Identität". Nicht imstande, ihre Rolle als Aktivistin mit der als Ehefrau in Einklang zu bringen, beschloss sie, die Arbeit ihres Ehemanns Gene als die ihre anzunehmen, ihre Hilfsfunktion als Parteiarbeit zu definieren: "Gene, seine Arbeit und seine Bedürfnisse sublimierten sich zu meinem persönlichen politischen Beitrag."[17]

Die Komintern bot Frauen zwar eine damals seltene Gelegenheit für politisches Engagement und Zugang zu einem öffentlichen Bereich, der ihnen bis dato verwehrt geblieben war. Dort waren Frauen nicht bloß passive Teilnehmerinnen, sondern Akteurinnen. Aber die politischen Betätigungsfelder, die Frauen offenstanden, waren eng verknüpft mit den privaten und den häuslichen. Trotz wiederholter Absichtserklärungen zugunsten der Gleichstellung von Mann und Frau war das kommunistische System durchdrungen von einer symbolischen Gewalt, die den gesellschaftlichen Wert der Lohnarbeit von Frauen sowie deren politischer Aktivität herunterspielte. In der Geschlechterordnung blieb der Kommunismus in seinen bolschewistischen und stalinistischen Varianten nicht verschont von dem, was der Philosoph Roland Barthes den "Realitätseffekt" nannte, der Etwas als natürliches Phänomen etabliert und damit aber genau das sozial konstruiert, was angeblich natürlich ist. Auch der Kommunismus ging von "natürlichen" und somit vermeintlich unabänderlichen Differenzen zwischen den Genossinnen und Genossen aus, womit er diese Differenzen aber eben zementierte.[18]

Schluss



Weibliche Bilder und soziale Rollen erwiesen sich als flüchtiger und widersprüchlicher im Vergleich zu den stabileren und konsistenteren Darstellungen maskuliner Identität. Das kämpferische Vorbild der frühen 1920er Jahre war auf beide Geschlechter anwendbar, wenn auch unterschiedlich in seinen Auswirkungen hier wie dort. In ähnlicher Weise wurde der nach 1935 ergehende Aufruf, Familienpflichten zu übernehmen, sowohl an Männer als auch an Frauen gerichtet. Zudem beharrte der kommunistische Diskurs in der Sowjetunion wie in Westeuropa ständig darauf, die Ehe sei eine Beziehung zwischen "gleichberechtigten" Genossen. Es war nur so, dass die Prioritäten, die dies implizierte, unterschiedlich waren. Wenn Männer zur Ordnung gerufen wurden, geschah dies in erster Linie, um Arbeitsdisziplin voranzutreiben – die Mitarbeiterfluktuation stellte eines der großen Probleme der UdSSR dar. Doch die Stabilisierung von Zuhause wie Arbeitsplatz war ein Ziel, das auch die Länder des Westens verfolgten – allerdings forderte man in der Sowjetunion, im Gegensatz zu anderswo, Frauen nicht dazu auf, ihre Arbeit aufzugeben, es sei denn, es handelte sich um Kader. Man erwartete von ihnen vielmehr, die Mutterschaft mit der Lohnarbeit in Einklang zu bringen, ein Modell, das von Parteien in anderen Ländern diskursiv teilweise übernommen wurde.

In dieser Hinsicht stellte das von den Kommunisten in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre geförderte familienzentrierte kulturelle Modell keine schlichte Rückkehr zu konservativen Werten dar, sondern drückte aus, was die Historikerin Barbara Evans Clements "modernisierten Patriarchalismus" nannte.[19] Darüber hinaus stellte es den Keim eines modernen Verständnisses der Rolle der Frauen dar, wie es sich in den Industriegesellschaften der Nachkriegszeit allmählich durchsetzte. Doch diese neue Darstellung der Identität von Frauen hielt an der alten Hierarchie zwischen verschiedenen Rollen fest: Die Mutter kam vor der Arbeiterin, die Gattin gab der politischen Arbeit ihres Mannes Vorrang vor der eigenen, und die Kommunistin handelte zuallererst, um ihre Kinder und diejenigen zu beschützen, die sich nicht selbst helfen konnten.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: In der Selbstdarstellung des sowjetischen Staates waren die Bemühungen zur Emanzipation äußerst erfolgreich. Tatsächlich verlautete in der neuen Verfassung von Dezember 1936, die Gleichstellung von Frauen und Männern sei erreicht – ein Standpunkt, den die kommunistische Presse in aller Welt verbreitete. Doch das Verhältnis zwischen dem Egalitarismus in den politischen Vorstellungen einerseits und der gesellschaftlichen Praxis andererseits war zwiespältig und konfliktgeladen. Trotz der offiziell verkündeten Gleichstellung waren weibliche Kader in der Komintern immer wieder mit schwierigen Entscheidungen zwischen politischen und familiären Pflichten konfrontiert.
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Autor: Brigitte Studer für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Zur Frauen- und Geschlechterpolitik der frühen Sowjetunion siehe Carmen Scheide, Kinder, Küche, Kommunismus. Das Wechselverhältnis zwischen sowjetischem Frauenalltag und Frauenpolitik von 1921 bis 1930 am Beispiel Moskauer Arbeiterinnen, Zürich 2001; Wendy Goldman, Women, the State, and Revolution: Soviet Family Policy and Social Life, 1917–1936, Cambridge 1993; Joy Chatterjee, Ideology, Gender and Propaganda in the Soviet Union, in: Left History 2/1999, S. 11–28.
2.
Dieser Artikel basiert auf Brigitte Studer, The Transnational World of the Cominternians, Basingstoke 2015, Kap. 2, The New Woman.
3.
Siehe Elizabeth Waters, In the Shadow of the Comintern: The Communist Women’s Movement, 1920–43, in: Sonia Kruks et al. (Hrsg.), Promissory Notes: Women in the Transition to Socialism, New York 1989, S. 29–56.
4.
Vgl. Atina Grossmann, German Communism and New Women: Dilemmas and Contradictions, in: Helmut Gruber/Pamela Graves (Hrsg.), Women and Socialism. Socialism and Women, New York–Oxford 1998, S. 135–168.
5.
Christine Bard/Jean-Louis Robert, The French Communist Party and Women. 1920–1939, in: Gruber/Graves (Anm. 4), S. 321–347, hier S. 323.
6.
Madeleine Pelletier, Mon voyage aventureux en Russie communiste, Paris 1996 (1922), S. 94f.
7.
Siehe Brigitte Studer, Die Kominternstruktur nach dem 7. Weltkongress. Das Protokoll des Sekretariats des EKKI über die Reorganisierung des Apparates des EKKI, 2. Oktober 1935, in: Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung 1/1995, S. 25–53.
8.
Siehe Grossmann (Anm. 4), S. 140.
9.
Siehe Elizabeth A. Wood, The Baba and the Comrade: Gender and Politics in Revolutionary Russia, Bloomington 1997; Wendy Z. Goldman, Industrial Politics, Peasant Rebellion and the Death of the Proletarian Women’s Movement in the USSR, in: Slavic Review 1/1996, S. 46–77.
10.
Vgl. Joan Wallach Scott, Gender and the Politics of History, New York 1999, S. 53–67.
11.
Siehe Barbara Evans Clements, Bolshevik Women, Cambridge 1997, S. 197f.
12.
Vgl. Susan E. Reid, All Stalin’s Women: Gender and Power in Soviet Art of the 1930s, in: Slavic Review 1/1998, S. 133–173.
13.
UdSSR im Bau 6/1935.
14.
Für diese Debatte siehe Rudolf Schlesinger, The Family in the USSR, London 1949, S. 251–269; Robert W. Thurston, The Soviet Family during the Great Terror. 1935–1941, in: Soviet Studies 3/1991, S. 553–574, hier S. 557.
15.
Siehe Annie Kriegel (Hrsg.), Communismes au miroir français. Temps, cultures et sociétés en France devant le communisme, Paris 1974, S. 131–160; Eric D. Weitz, The Heroic Man and the Ever-Changing Woman: Gender and Politics in European Communism, 1917–1950, in: Laura L. Frader/Sonya O. Rose (Hrsg.), Gender and Class in Modern Europe, Ithaca 1996, S. 311–352.
16.
Vgl. Annette Wieviorka, Maurice et Jeannette. Biographie du couple Thorez, Paris 2010, S. 277.
17.
Peggy Dennis, The Autobiography of an American Communist, Westport–Berkeley 1977, S. 89.
18.
Roland Barthes, Le discours de l’historie, Paris 1967.
19.
Clements (Anm. 11), S. 275.

Brigitte Studer

Zur Person

Brigitte Studer

ist Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte am Historischen Institut der Universität Bern. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Sozial- und Kulturgeschichte des Kommunismus und Stalinismus.
brigitte.studer@hist.unibe.ch


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