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26.5.2002

Abschied vom Leseland?

Die ostdeutsche Buchhandels- und Verlagslandschaft zwischen Ab- und Aufbruch

Mit dem Fall der Mauer hat sich die Buchhandels- und Verlagslandschaft des einstigen "Leselands" DDR einschneidend verändert. Eine zentralistische Planwirtschaft wurde mit einem marktwirtschaftlichen System zusammengeführt.

I. Im fliegenden Wechsel

Als im März 1990, nur wenige Monate nach dem Mauerfall, die Leipziger Buchmesse eröffnet wurde, sich Buchhändler und Verleger aus Ost und West erstmals wieder ungehindert begegnen konnten, hatte sich die deutsch-deutsche Buchhandelslandschaft bereits radikal verwandelt. Jahrzehntelang schien die Geografie unveränderlich: "Die Warenströme der Bücher liefen auf einer Nord-Süd-Achse zwischen Hamburg und München, mit Anschlüssen nach Zürich und Wien. Frankfurt war der Mittelpunkt des deutschsprachigen Buchmarktes. Im Westen lag die Akquisitionsroute für ausländische Literatur, London - Paris - Rom. Ganz in der Ferne sah man New York. Berlin war eine Enklave. Die Buchmessen von Leipzig und Warschau dagegen waren Treffpunkte für Büchermenschen, die die Zukunft aus der falschen Richtung erwarteten. Go West, hieß die Parole." [1]


Die staatliche Teilung führte zu einer weltweit einmaligen Doppelung fast aller Institutionen und Abläufe des buchhändlerischen Geschäftsverkehrs in Deutschland. Nicht nur zwei Buchmessen gab es, sondern ebenso zwei Nationalbibliotheken, zwei Nationalbibliographien und zwei Börsenvereine: den "Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V." in Frankfurt am Main, der 1955 aus dem unter Besatzungsrecht in den Westzonen entstandenen Börsenverein Deutscher Verleger- und Buchhändler-Verbände hervorgegangen war, und den "Börsenverein der Deutschen Buchhändler zu Leipzig". Die Kontakte rissen dennoch nie ganz ab: Der Gemeinschaftsstand der DDR-Verlage war auch in Zeiten von Sprachlosigkeit und Abschottung auf der Frankfurter Buchmesse vertreten, umgekehrt hielten fast alle namhaften westdeutschen Verlage an der Leipziger Frühjahrsbuchmesse fest. In den engen Kojen des Messehauses am Markt ließen sich Kontakte zu Autoren und Verlegern aus dem anderen Halbstaat knüpfen; manches Lizenzgeschäft, manches deutsch-deutsche Buchprojekt nahm hier seinen Ausgang [2] . Für die ostdeutschen Leser war die Messe die einzige Gelegenheit, sich über das westliche Buchangebot zu informieren. Eine sich zögerlich öffnende SED-Kulturpolitik, mehr noch der Wunsch nach Senkung des DDR-Außenhandelsdefizits führten seit Mitte der achtziger Jahre zu neuen Formen der Zusammenarbeit beider Börsenvereine. Einer mittleren Sensation kam 1986 die Aufnahme von zunächst 2 000 DDR-Titeln in das "Verzeichnis lieferbarer Bücher" gleich; erstmals hatten DDR-Verlage mit einer Auswahl wichtiger Titel Zugang zu den Bestellterminals bundesdeutscher Buchhändler. Im Rahmen des Kulturabkommens zwischen der Bundesrepublik und der DDR konnten in den Jahren 1988 und 1989 repräsentative deutsch-deutsche Buchausstellungen in jeweils drei Städten der DDR und der Bundesrepublik stattfinden.

Ende der achtziger Jahre erschienen in den 78 lizenzierten Verlagen der DDR (darunter 39 Verlage für wissenschaftliche und Fachliteratur, 16 für Belletristik, sieben für Kinder- und Jugendliteratur, sieben Musikverlage, drei Verlage für religiöse Literatur und ein Verlag für Blindenerzeugnisse) pro Jahr rund 6 500 Titel - etwa ein Zehntel der damaligen westdeutschen Produktion. Alle Verlage unterstanden der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandlungen im Ministerium für Kultur (HV). Diese koordinierte nicht nur zentral Programme, Finanzen und Produktion der Verlage, sie regelte auch deren Beziehungen zur polygrafischen Industrie und zum staatlichen Außenhandelsunternehmen Buchexport. Das ebenfalls der HV unterstellte Büro für Urheberrechte regelte die Lizenzgeschäfte mit dem Ausland. Die vom Zentralkomitee der SED vorgegebenen kulturpolitischen Richtlinien wurden von der HV über Direktiven an die Verlage weitergegeben. Diesen Richtlinien entsprechend wurden in Fünfjahresplänen Themengebiete und Titelschwerpunkte für die Verlage festgelegt, die auf dieser Grundlage wiederum ihre thematischen Jahrespläne erstellten. Die einzelnen Titel mussten der HV zur Erteilung der Druckgenehmigung vorgelegt werden - eine Zensurpraxis, die Christoph Hein auf dem X. Schriftstellerkongress der DDR 1987 als überlebt, nutzlos, volksfeindlich und ungesetzlich geißelte. Eine indirektere Form, über Erscheinen oder Nichterscheinen bestimmter Titel zu entscheiden, war der HV über die Verteilung der Papierkontingente an die Hand gegeben. Jeder Verlag begann das Kalenderjahr mit einer ausgeglichenen Bilanz und einem von der HV neu bemessenen Fond. Gewinnrückstellungen waren nicht möglich; etwaige Kapitalüberschüsse mussten zum Jahresende an den Staat abgeführt werden. Ausgeliefert wurde die Verlagsproduktion zentral über den Leipziger Kommissions- und Großbuchhandel (LKG). Nach einem bestimmten Verteilerschlüssel gingen die Titel an die Filialen des staatlichen Volksbuchhandels, die Buchhandlungen der Nationalen Volksarmee, der Partei und Organisationen und - zum geringsten Teil - an die wenigen privaten Buchhandlungen im Land. Während diese ihre Existenz oft nur unter schwierigen Bedingungen bewahren konnten, hatte sich der Volksbuchhandel zum dominierenden Anbieter mit einheitlich ausgerichteter Planung, Leitung, Organisation und Ausbildung entwickelt. Sichtbarster Ausdruck der Dominanz des Volksbuchhandels waren die an vergleichsweise besten Standorten der DDR-Bezirksstädte gelegenen 14 "Häuser des Buches", sowie weitere 250 Kreis- und 280 Stadtbuchhandlungen.

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 brachte auch die scheinbar festgefügten Verhältnisse der ostdeutschen Buchhandelslandschaft zum Tanzen. Plötzlich ging alles ganz schnell: Am 1. Dezember wurde die Zensur in der DDR aufgehoben, Anfang Januar die Hauptabteilung Verlage und Buchhandel im DDR-Kulturministerium offiziell aufgelöst. Der Börsenverein, der bereits zu Zeiten seiner Gründung vor 175 Jahren Buchhändler und Verleger über die Grenzen ihrer jeweiligen deutschen Länder hinweg vereinte, hat den Prozess des Zusammenwachsens begleitet und maßgeblich vorangetrieben. In den Wochen und Monaten nach dem 9. November erleichterten die zahlreichen, über Jahrzente gewachsenen persönlichen Kontakte zwischen Ost und West den Prozess des Aufeinanderzugehens. Bereits sieben Tage nach der historischen Nacht in Berlin lag der Entwurf eines Aktionspakets auf dem Tisch, das der Frankfurter Börsenverein-Vorstand mit Kennern des DDR-Buchmarkts geschnürt hatte. Ein reichliches Jahr darauf, am 18. Dezember 1990, setzten die Vorsteher aus Ost und West ihre Unterschriften unter den Fusionsvertrag der beiden Börsenvereine. In der Frage des gemeinsamen Vereinssitzes - die tranditionsreiche Buchstadt Leipzig musste zugunsten der Metropole Frankfurt zurückstehen - überwogen die normativen Kräfte des Faktischen.

Schon wenige Tage nach dem Mauerfall war in der Zentrale des Frankfurter Börsenvereins am Großen Hirschgraben ein Katalog von schnell umzusetzenden Hilfsmaßnahmen für die Kollegen im Osten erarbeitet worden: Wochenendkurse an der Frankfurter Buchhändlerschule etwa oder die Teilnahme an Lizenzseminaren. An den Versand von DM-Bücherschecks in die DDR wurde ebenso gedacht wie an die Abgabe des "Verzeichnisses Lieferbarer Bücher" an die wichtigsten Buchhandlungen (Sortimente) in den ostdeutschen Bezirken. Anfang Januar richtete der Börsenverein in Frankfurt ein "Referat für DDR-Fragen" ein, das den rasant angestiegenen Informationsfluss zwischen Ost und West koordinierte. Es galt, eine wahre Flut von Anfragen zu potenziellen Partnerschaften oder den juristischen Voraussetzungen für Kooperationen mit der jeweils anderen Seite zu beantworten. Zum Know-how-Transfer kam dennoch ganz handfeste Unterstützung: So konnten mit Hilfe des Bundesinnenministeriums mehr als 250 kleinere und mittlere Sortimente mit kostenlosen Computerterminals ausgerüstet werden, noch 1990 wurde Ost-Verlagen durch den Ankauf von Büchern im Wert von fünf Millionen Mark unter die Arme gegriffen. Bei der Vereinigung der Verbandsstrukturen wurden nicht nur die Probleme der logistischen Synchronisation vormals getrennter Buchmärkte gelöst (Verkehrsnummern, EDV, Bestellwesen) - auch die mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik am 3. Oktober 1990 anstehende Anpassung an bundesdeutsche Rechtsnormen konnte gemeistert werden. Bereits mit dem 2. Juli 1990 wurde das westdeutsche Preisbindungssystem als wesentlicher Garant eines mittelständisch strukturierten Buchhandels von den DDR-Firmen übernommen. Regelungen zum Urheberrechtsgesetz, die im ersten Staatsvertrag keine Berücksichtigung fanden, wurden auf Initiative von Börsenverein und VG Wort nachträglich festgeschrieben. Die Bildung von buchhändlerischen Landesverbänden wurde vom Börsenverein aktiv unterstützt: Im Oktober 1990 gründete sich in Leipzig der Landesverband der Verlage und Buchhandlungen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. In Berlin wurde der bestehende Verband um Mitglieder aus Ost-Berlin und Brandenburg erweitert; Verleger und Buchhändler aus Mecklenburg-Vorpommern schlossen sich dem Norddeutschen Landesverband mit Sitz in Hamburg an.

II. Der Buchhandel

Als "Schocktherapie für die ostdeutsche Buchlandschaft" bezeichnete der Ostberliner Verleger Christoph Links rückblickend die Entwicklung in den ersten Nachwendejahren - ganz gewiss keine Übertreibung. Niemals zuvor wurde eine zentralistische Planwirtschaft gleichsam im Zeitraffer mit einem fortgeschrittenen marktwirtschaftlichen System zusammengeführt. Während 1990 zwischen Ostsee und Erzgebirge zahlreiche kleine Buchhandlungen ihre Kommissionsverträge mit dem Volksbuchhandel kündigten und in die Selbstständigkeit durchstarteten, wurden noch immer bis zu 85 Prozent des Buchhandelsumsatzes über das weitverzweigte Filialnetz des Volksbuchhandels erwirtschaftet. In einem Mitte Mai 1990 unterzeichneten "Memorandum für mittelständische Strukturen im DDR-Buchmarkt" warnten die Vorsteher der Börsenvereine in Frankfurt und Leipzig davor, dass bei der Privatisierung des Volksbuchhandels auf der Grundlage der implementierten Strukturen neue monopolartige Gebilde entstehen könnten. Hinter der Warnung vor dem Aufkauf ganzer Volksbuchhandlungsbezirke stand die beabsichtigte und kurz darauf - noch in der Ära der Modrow-Regierung - erfolgte Übernahme aller Volksbuchhandlungen im Bezirk Dresden durch die Thurn ß Taxis Beteiligungsgesellschaft (TTBB). In enger Zusammenarbeit mit der Treuhand gelang es dem Börsenverein, die auch in anderen Bezirken geplanten großflächigen Übernahmen zu verhindern. In der Folge wurde die umstrittene "Leitlinie zur Bewertung von Buchhandlungen" der Treuhand in wesentlichen Punkten zugunsten mittelständischer Unternehmensneugründer, vor allem zugunsten ehemaliger Mitarbeiter von Volksbuchhandlungen, revidiert. Rund 80 Prozent der früheren Volksbuchhandlungen konnten so von ehemaligen Mitarbeitern übernommen werden.

Heute gibt es in den östlichen Bundesländern rund 1 100 Buchhandlungen - gegenüber rund 900 zu DDR-Zeiten. Vormalige Volksbuchhändler und Existenzneugründer sehen sich dabei im zehnten Geschäftsjahr ähnlich drückenden Problemen gegenüber wie ihre westdeutschen Kollegen aus Privatfirmen mit längerer Tradition. 1996 erzielten 5 042 Unternehmen des verbreitenden Buchhandels in Deutschland einen Gesamtumsatz von 6,4 Milliarden Mark. In den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, die mit 421 Buchhandlungen mehr als ein Drittel der Sortimente im Osten stellen, wurden in diesem Zeitraum 363,5 Millionen Mark erwirtschaftet, was einem Anteil von 5,7 Prozent am gesamtdeutschen Umsatz entspricht [3] . Auch im laufenden Jahr sind die Erwartungen der Sortimenter von Altenburg bis Zittau eher gedämpft. Nicht ohne Grund: Während die Arbeitslosenzahlen in den alten Bundesländern in den letzten Monaten leicht rückläufig waren, stiegen sie im Osten Deutschlands von einem ohnehin hohem Niveau noch weiter an. So ist die reale Kaufkraft im Osten oftmals weit geringer, als es die statistischen Durchschnittswerte ohnehin ausweisen. Der dramatische Rückgang öffentlicher Etats in den ostdeutschen Ländern und Kommunen trifft den Buchhandelt angesichts rückläufiger Barumsätze doppelt hart. Im Schulbuchgeschäft - für kleinere Sortimenter oftmals ein überlebenswichtiges Umsatz-Standbein - macht sich der Geburtenrückgang der Nachwendejahre spürbar bemerkbar; die Schülerzahlen sinken in vielen ostdeutschen Kommunen drastisch.

Die im Zuge des ersten Modernisierungsschubs nach der Privatisierung des DDR-Volksbuchhandels aufgenommenen Kredite lasten angesichts dieser ungünstigen Rahmenbedingungen besonders schwer; gerade in den Etats kleinerer oder mittlerer Buchhandlungen klaffen nach dem Auslaufen der Existenzgründerdarlehen erhebliche Löcher. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, wenn in größerem Stil betriebene Filialisierungen in den neuen Ländern auch zehn Jahre nach dem Sprung des Ostens in die Marktwirtschaft vor allem die Domäne kapitalkräftiger West-Firmen sind. Der schon in der alten Bundesrepublik greifende Trend zu Großflächen, Medienkaufhäusern und Filialsystemen hat im zurückliegenden Jahrzehnt eine völlig neue Qualität erhalten. Nach Jahren trügerischer Ruhe werden die Claims längst auch im Osten Deutschlands abgesteckt - und auch beileibe nicht mehr nur in Leipzig, Erfurt oder Dresden. Nachdem einzelne bundesweit agierende Filialisten sich bereits in der Privatisierungsphase gut positionieren konnten, ist seit mehreren Jahren eine erneute Filialisierungswelle in guten städtischen Lagen zu beobachten. Besonders aktiv sind hier neben der 1990 aus dem Volksbuchhandel des Bezirks Dresden hervorgegangenen Buchhandelskette Buch und Kunst (Dresden) die zur Douglas-Holding gehörende Buchhandelskette Phönix-Montanus (Hagen), Gondrom (Bindlach) sowie der Münchner Buchhändler Heinrich Hugendubel. Die Entwicklung wird zeigen, inwieweit sich erfolgreiche Buchhandelskonzepte aus den alten Bundesländern nahtlos in den Osten transponieren lassen. Noch ist die Vielzahl der mittelständischen Buchhandlungen mit ihren je unterschiedlichen Konzepten Garant für eine pluralistische Literaturversorgung zwischen Ostsee und Erzgebirge.

III. Die Verlage

Im Verlagsbereich verlief der "fliegende Wechsel" vom Nachfrage- zum scheinbar grenzenlosen Angebotsmarkt wesentlich komplizierter. Mit dem Fall der Mauer und der nur Monate später wirksamen Wirtschafts- und Währungsunion brach nicht nur das rund 30 Prozent der Gesamtproduktion umfassende Export-Geschäft ostdeutscher Verlage mit den einstigen "sozialistischen Bruderländern" weg - plötzlich drängten rund 2 000 zusätzliche Konkurrenten aus den Altbundesländern auf den relativ kleinen Ostmarkt. Die Nachfrage nach Büchern aus ehemaligen DDR-Verlagen tendierte - zumindest in den ersten Nachwendejahren - gegen null. Vor diesem trüben Hintergrund privatisierte die Treuhandzentrale in Berlin die ostdeutschen Verlage - ein Prozess, der hier ungleich problematischer verlief als im Buchhandel und der, vornehmlich im Osten, als simples "Plattmachen" verstanden wurde. Nicht wenige der Verlage, die da - von ihrer Immobilie abgelöst - für eine symbolische Mark den Besitzer wechselten, fanden sich wenig später zum Vertriebsbüro Ost heruntergefahren. Am Ende sah sich das Gros der Alt-Verlage in der Hand westdeutscher Käufer, ausländische Investoren kamen kaum zum Zuge. Ein Dutzend zu DDR-Zeiten enteigneter Verlage wurde ihrem alten Pendant zugeführt, lediglich zwei Häuser gingen per Management-buy-out an die eigene Belegschaft.

Gemessen an der Tatsache, dass die Überlebenschance für ostdeutsche Verlage 1990 selbst in optimistischen westdeutschen Prognosen bei kaum mehr als einem Drittel lag, erstaunt die Vielzahl der alten Verlagsnamen, die - wenn auch in zum Teil drastisch reduzierter Betriebsgröße - noch am Markt sind. Unter den belletristischen Verlagen der DDR hat der renommierte, nur wenige Wochen nach Kriegsende von Johannes R. Becher mitbegründete Aufbau-Verlag die wohl interessanteste Entwicklung genommen. 1991 hatte der Frankfurter Immobilienhändler Bernd F. Lunkewitz den Verlag von der Treuhand übernommen, 1994 kamen der Leipziger Gustav Kiepenheuer Verlag nebst der angeschlossenen Sammlung Diederich sowie der Berliner Verlag Rütten ß Loening dazu. Im März 1995 kaufte Lunkewitz den Aufbau-Verlag ein zweites Mal - diesmal vom Kulturbund der früheren DDR, dem nach Ansicht der für den Verlag tätigen Juristen rechtmäßigen Eigentümer. Lunkewitz verklagte darauf die Treuhand und deren Nachfolge-Organisation, die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS). Aber auch ohne den noch andauernden Rechtsstreit wäre es ein Kraftakt gewesen, den sanierungsbedürftigen Verlag marktfähig zu machen. Zu Wendezeiten verwaltete der Aufbau-Verlag, ein Haus mit damals annähernd 200 Mitarbeitern, rund 5 000 Autorenrechte, hatte aber nur 300 Titel auf Lager. Mit viel Geld wurden in den ersten Jahren mehr als 1 000 Titel wieder lieferbar gemacht. Der Umstand, dass der Aufbau-Verlag auf dem satten Belletristikmarkt der Bundesrepublik mit dem Malus des DDR-Verlags behaftet war, führte zunächst zu hohen Anfangsverlusten. Erst mit dem Siegeszug der Klemperer-Tagebücher auf den Bestsellerlisten kam der Durchbruch - nun räumten auch zunehmend westdeutsche Buchhändler Regalfläche für Aufbau-Titel frei. Im vergangenen Jahr setzte die Gruppe rund 30 Millionen (1991: sechs Millionen) um; mehr als 50 Prozent davon gehen auf das Konto des schon 1991 unter der Ägide des langjährigen Verlagschefs Elmar Faber gegründeten Aufbau Taschenbuchverlags.

Während der Aufbau-Verlag 1999 den Bereich der roten Zahlen verlassen hat, rangiert die 1994 vom Münchner Wirtschaftsanwalt Dietrich von Boetticher übernommene Verlagsgruppe Limes/Luchterhand/Volk ß Welt trotz großer Anfangsinvestitionen noch in der Verlustzone. Volk ß Welt war neben Aufbau der wichtigste Literaturverlag in der DDR. 150 Mitarbeiter brachten im Jahr rund 150 Titel heraus. Dank Volk ß Welt, 1947 als Verlag für ausländische Belletristik des 20. Jahrhunderts gegründet, lernten die Leser in der DDR Autoren kennen, die ihnen manch ängstlicher Zensor lieber vorenthalten hätte: Faulkner und Updike, Joyce und Beckett, Grass und Enzensberger. In Richtung Osteuropa leistete der Verlag jahrzehntelang Erschließungsarbeit für den gesamtdeutschen Raum: Die sorgsam lektorierten Übersetzungen von Bulgakow, Trifonov und Aitmatov gingen als Lizenz an Hanser oder an den Deutschen Taschenbuch Verlag (dtv). Als die Treuhand sich im Sommer 1992 anschickte, das renommierte Haus an den bayrischen Büroartikelhersteller Treuleben und Bischof zu verkaufen, schlugen Übersetzer und ein mit prominenten Namen wie Günter Grass, Adolf Muschg oder Rolf Hochhuth besetzter Förderkreis Alarm. Die Treuhand machte ihre unglückliche Entscheidung rückgängig, der Verlag ging zunächst an den Förderkreis und eine Mitarbeiterbeteiligungsgesellschaft. Wie Aufbau schaffte zwar auch Volk ß Welt unter von Boettichers Ägide den Sprung in die westdeutschen Buchhandlungen - mit erfolgreichen Nachwende-Autoren wie Thomas Brussig ("Helden wie wir") und nicht zuletzt dank der Vertriebsgemeinschaft mit Limes und Luchterhand. Trotz des publizistischen Erfolgs von Volk ß Welt ist das Haus in der Berliner Oranienstraße 1999 auf eine Lektorats-Kernmannschaft um Dietrich Simon zusammengeschmolzen. Seit Ende Februar sind Pressearbeit, Herstellung und Werbung auch für Volk und Welt am Luchterhand-Sitz München konzentriert. Formell bleiben beide Firmen selbständig, doch bereits für den kommenden Herbst ist die Zusammenführung der Programme geplant: Fortan wird es nur noch eine gemeinsame Novitätenvorschau geben. Notwendige Rationalisierungsmaßnahmen - oder der Anfang vom Ende eines Namens mit 50-jähriger Tradition?

Während Aufbau oder Volk ß Welt nach wie vor auf ein literarisches Programm setzen, diversifizierten Häuser wie Hinstorff (Rostock) oder der Mitteldeutsche Verlag (mdv) in Halle verstärkt in andere Programmbereiche, ohne der Belletristik ganz abzuschwören. Anders als der Mitteldeutsche Verlag, das Haus für DDR-Gegenwartsliteratur schlechthin, konnte Hinstorff nach der Privatisierung noch auf andere Programmsäulen zurückgreifen. In der Übernahme des Rostocker Hauses durch den Heinz Heise Verlag (Hannover) sahen skeptische Beobachter nur ein weiteres Beispiel für unbekümmerten Ausverkauf und kulturellen Niedergang im Osten: Der Verlag von Fritz Reuter und Franz Fühmann produziert Telefonbücher - ein Sakrileg! Allen Unkenrufen zum Trotz gelang es unter dem Dach der Hannoveraner Mutterfirma in den zurückliegenden acht Jahren, Hinstorff am Leben zu erhalten und auszubauen - noch immer ist er größter Verlag im strukturschwachen Flächenland Mecklenburg-Vorpommern. Ein kleines Lektorats-Team produziert gegenwärtig rund 50 Titel pro Jahr; mit einer schwergewichtigen Fühmann-Bildbiografie landete man 1998 sogar einen Achtungserfolg im überregionalen Feuilleton.

Der 1946 gegründete Mitteldeutsche Verlag (mdv) hatte zweifellos die schwierigere Wegstrecke zurückzulegen: Im 50. Verlagsjahr musste im November 1996 der Antrag auf Gesamtvollstreckung gestellt werden. Die Inhaber einer Hallenser Druckerei sprangen mdv-Altverleger Eberhard Günther bei; die neue Gesellschaft kaufte schließlich Verlagsnamen, Logo und wesentliche Teile der Backlist - der mdv war gerettet. Seit 1997 hat sich der Verlag in drei Segmenten profiliert: Bildbände und Sachbücher mit Schwerpunkt Mitteldeutschland, Behördenverzeichnisse und juristische Fachliteratur für die neuen Bundesländer und - nach wie vor, wenn auch in weitaus geringerem Umfang - Romane, Lyrik, Erzählungen und Essays.

Neben mdv waren die Verlage Eulenspiegel/Das Neue Berlin die einzigen Häuser, die per Management-buy-out in die Marktwirtschaft starteten. Eulenspiegel, kurz nach dem 17. Juni 1953 als Staatsverlag für Humor und Satire gegründet, bildete seit Ende der fünfziger Jahre eine Verlagsunion mit dem auf zeitgenössische Unterhaltungsliteratur spezialisierten Verlag Das Neue Berlin. 1990 waren beide Häuser zunächst von einer Mitarbeitergesellschaft übernommen worden, deren Wirken jedoch unter keinem günstigen Stern stand. 1992 setzte das hochverschuldete Unternehmen mit 20 Mitarbeitern 600 000 Mark um. Als die Treuhand 1993 das vorgelegte Weiterführungsmodell ablehnte und alle Zahlungen stoppte, war das Aus vorprogrammiert. Gemeinsam mit Jaqueline Kühne übernahm Matthias Oehme - ein Branchen-Seiteneinsteiger, der Ende 1989 bereits die Unabhängige Verlagsbuchhandlung Ackerstraße (UVA) gegründet hatte - die beiden angeschlagenen Verlage. Dem neuen Führungsduo kamen die im Vergleich zur unmittelbaren Nachwende-Zeit deutlich veränderten Lesegewohnheiten in den ostdeutschen Bundesländern zugute. Inzwischen konnte man wieder auf jahrzehntelang Bewährtes setzen - und damit erfolgreich sein: Mit Neuauflagen, Reprints alter Erfolgstitel und Blütenlesen realsozialistischen Humors stürmte Eulenspiegel die Ost-Bestenlisten; die bei Das Neue Berlin verlegten Erinnerungen von DDR-Stars wie Gaby Seifert und Heinz-Florian Oertel verkauften sich glänzend. 1999 hat Eulenspiegel zudem den Buchhandels-Vertrieb von Videos alter DEFA-Produktionen übernommen. Seit der Übernahme haben sich die Umsätze der beiden Verlage auf rund vier Millionen verachtfacht. Dabei hat sich die Diskrepanz zwischen West- und Ostmarkt eher noch verschärft: Wurde der Verlagsumsatz anfangs zu 90 Prozent in den neuen Bundesländern erzielt, sind es inzwischen mehr als 95 Prozent. Beim Versuch, in der Programmarbeit ein Stück weit gesamtdeutsche Normalität durchzusetzen, nehmen beide Verlage einen Schlängelkurs - das Image eines reinen "Ost-Verlags" konnte dabei bislang kaum entscheidend aufgebrochen werden. Die Crux: Ein von Beginn an unterkapitalisierter kleinerer Verlag hat wenig Spielraum für Experimente. Zumindest die Programm-Vorschauen für Eulenspiegel/Das Neue Berlin werden seit kurzem in separaten West- und Ost-Ausführungen ausgeliefert.

"Was früher mühsam enteignet wurde, wird heute einfach gekauft." Auf diese knappe Formel brachte der stets angriffslustige Berliner Verleger Klaus Wagenbach unlängst den Akquise-Alltag großer Medienunternehmen: "Dafür braucht man Kriegskassen, die mit Extraprofiten aus Teilmonopolen, Personal-,Verschlankungen', Einschränkungen der ,Produktpalette' oder Rationalisierungen in der Distribution gefüllt werden. Das per Kriegskasse Erworbene wird dann denselben Rendite-Vorstellungen unterworfen und sorgt so für weitere Zukäufe." [4] Rufen Verlagsübernahmen im Bereich gehobener Belletristik zumeist ganze Scharen besorgter Leitartikler auf den Plan, so laufen die Geschäfte in der Regel weitaus diskreter. Wie eng Licht und Schatten im Bereich der einstigen DDR-Fachbuchverlage beieinander liegen, zeigt ein Blick in die einstige Buchstadt Leipzig, die 1998 mit 603 produzierten Titeln deutschlandweit auf Platz 16 rangierte - zwischen Bergisch-Gladbach (627) und Tübingen (580) [5] .

Sang- und klanglos verschwunden wäre etwa der Fachbuchverlag Leipzig, 1991 vom TÜV Rheinland übernommen, wenn Carl Hanser (München) 1995 nicht Rechte und Bestände des verbliebenen Verlagskerns übernommen hätte. Zum 50. Gründungsjubiläum 1999 ist der einstige DDR-Monopolist ein Imprint (ein Verlag im Verlag) auf Wachstumskurs. Die Leipziger Niederlassung des Verlags Johann Ambrosius Barth hatte weniger Glück: Zwei Jahre nach dem Mauerfall war das über 200 Jahre alte, auf Medizin und Astronomie spezialisierte Unternehmen von den Hüthig Fachverlagen (Heidelberg) übernommen worden. Deren Fusion mit dem Süddeutschen Verlag überstand Barth noch unbeschadet; erst mit dem Verkauf des Medizinbereichs an Thieme war das Ende eines weiteren Leipziger Traditionsnamens besiegelt. Und noch ein Kauf mit Folgen: Als Bertelsmann Fachinformation ein halbes Jahr nach der Akquisition des wissenschaftlichen Springer Verlags im Sommer 1999 den Verlag B. G. Teubner (Stuttgart - Leipzig) erwarb, waren neben dem noblen Namen vor allem die Teubner-Bereiche Technik, Bauingenieurswesen und Naturwissenschaften von Interesse. Für die von vier Mitarbeitern am Teubner Gründungsort Leipzig (1811) betreuten Altertumswissenschaften war im Bertelsmann-Portfolio indes kein Platz. Im November 1999 übernahm schließlich der Münchner Verlag K. G. Saur den gesamten Bereich Altertumswissenschaften/Geisteswissenschaften mit insgesamt rund 700 lieferbaren Titeln. Kronjuwelen des Verlagsprogramms sind die 1849 gegründete "Bibliotheca Teubneriana", die umfangreichste Sammlung klassischer Editionen in griechischer und lateinischer Sprache, sowie der 1900 gegründete "Thesaurus Linguae Latinae", das größte lateinische Wörterbuch weltweit, das voraussichtlich im Jahr 2035 (!) abgeschlossen sein wird. In Saurs Leipziger Niederlassung werden bereits das Allgemeine Künstlerlexikon, Kürschners Literatur-Kalender (vormals Berlin) und das International Directory of Art (vormals Frankfurt) bearbeitet - die 20 Mitarbeiter erwirtschaften immerhin rund 20 Prozent des gesamten Saur-Umsatzes und sind damit mittlerweile zum drittgrößten Leipziger Verlag avanciert: Damit hat er jene "kritische Masse" erreicht, um den Standort Leipzig nicht nur fortführen, sondern ausbauen zu können.

Aufgrund der allgemeinen Wirtschaftslage sind die Rahmenbedingungen für westdeutsche Investoren in den neuen Bundesländern nicht eben rosig. Dennoch gibt es auch in der Buchbranche manches Engagement, das anfangs sogar gegen betriebswirtschaftliche Vernunftgründe betrieben wurde. Ein historischer Hang und kühle Marketingüberlegungen standen Pate bei der Entscheidung des Verlegers Michael Klett, Leipzig zum zweiten Hauptsitz des Ernst Klett Verlags zu machen - verdankten doch die Stuttgarter ihren geglückten Einstieg ins Schulbuchgeschäft führenden Teubner-Mitarbeitern, die nach 1945 das nötige Know-how aus Leipzig mitbrachten. Als im Frühjahr 1990 in Leipzig der Ernst Klett Schulbuchverlag gegründet wurde, war dennoch nur an ein kleineres Verlagsbüro gedacht, das Schulbücher für die zu erwartenden neuen Bundesländer adaptieren sollte. Als der Cornelsen Verlag im April 1991 den einstigen DDR-Schulbuchmonopolisten Volk ß Wissen übernahm, hieß es für Klett Mitte der neunziger Jahre, hier ein marketingtechnisches Gegengewicht zu schaffen. Heute ist das 1996 für 15 Millionen Mark errichtete neue Verlagshaus voll ausgelastet: Nach der kompletten Verlagerung des geisteswissenschaftlichen Sektors vom Neckar an die Pleiße konzipieren und produzieren der Ernst Klett Schulbuchverlag Leipzig und der 1995 gegründete Ernst Klett Grundschulverlag Unterrichtsmaterial für die gesamte Bundesrepublik. Im thüringischen Gotha, wo Klett 1992 den Traditionsverlag Justus Perthes erwarb, sind seit Mitte 1998 alle geografisch-kartografischen Programmbereiche der Gruppe vereinigt.

Im Ratgeber- und Sachbuchbereich konnte sich der Investor Silvius Dornier eine Verlagsgruppe aufbauen, die inzwischen nicht mehr nur aus renommierten Kunst- und Sachbuchverlagen der vormaligen DDR besteht. Im Juli 1992 übernahm Dornier den E. A. Seemann Verlag (Leipzig), im August folgte die Edition Leipzig. Zu diesen Kunstverlagen gesellten sich im Oktober der auf Theater, Film, Architektur und bildende Kunst spezialisierte Henschel Verlag (Berlin) sowie der ehemalige Militärverlag (Berlin), der heute als Brandenburgisches Verlagshaus firmiert. Der Leipziger Sachbuchverlag Urania wandelte sich im Zuge der Neuprofilierung durch Dornier - radikal verschlankt - zum lupenreinen Ratgeberverlag. Nach dem Erwerb des Kreuz Verlags (Stuttgart, Zürich) und des Kinder- und Jugendbuchverlags Gabriel (Wien) wurde 1998 der Erwachsenen-Bereich von Ravensburger zugekauft. Die Dornier Medienholding befindet sich damit weiter auf Wachstumskurs.

Der Leipziger St. Benno Verlag, einer der wenigen zu DDR-Zeiten geduldeten konfessionellen Verlage, hat den Sprung von der einstigen Nischenexistenz auf den gesamtdeutschen Markt erfolgreich hinter sich gebracht. St. Benno, dessen Gründung die Katholische Kirche den DDR-Oberen 1951 nach zähen Verhandlungen abgetrotzt hatte, genoss in Ostdeutschland nahezu 40 Jahre eine konkurrenzlose Sonderstellung. Bücher aus eigener Produktion und zahllose Lizenzübernahmen bundesdeutscher Verlage fehlten in kaum einem evangelischen oder katholischen Haushalt zwischen Ostsee und Erzgebirge; die katholische Wochenzeitung "Tag des Herrn" war kein Hort oppositionellen Widerstands, gehörte jedoch zu den wenigen zensurfreien Nischen in der ansonsten streng reglementierten DDR-Presselandschaft. Mit dem Fall der Mauer und der politischen Wende von 1989/90 änderte sich die Situation dramatisch: Lizenzausgaben fielen aus dem Programm; angesichts der starken Konkurrenz durch konfessionelle Verlage der Alt-Bundesrepublik waren Bücher aus ostdeutscher Produktion kaum noch gefragt. Die Gesellschafter der GmbH, die Bischöfe von Dresden-Meißen, Erfurt, Görlitz und Magdeburg, hielten aber auch in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten am Verlag fest - für St. Benno galt es, eine neue Identität und eine angemessene Position auf dem nunmehr gesamtdeutschen Markt zu finden. Nicht alle Themen waren für einen katholischen Verlag im Nachwende-Osten obsolet geworden: Titel, die die spezielle Diasporasituation der Kirche in der DDR untersuchten, der Brückenschlag zwischen West und Ost oder der nach und nach in den Schulen Einzug haltende Religionsunterricht. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Konsolidierung war 1993 die Vergabe des Weltkatechismus an St. Benno; der Verlag hält die deutschsprachigen Rechte gemeinsam mit Oldenbourg (München), Veritas (Linz) und dem Paulusverlag (Fribourg). Tragende Säule des Unternehmens, das 1998 rund sechs Millionen Mark umsetzte, ist das eigene Versandgeschäft. Im stationären Sortiment ist St. Benno mit der Erfurter Dombuchhandlung präsent und betreibt als Franchisepartner mehrere WeltbildPlus-Filialen im sächsischen Raum. Seit 1993 produziert eine eigene Multimedia-Abteilung kirchliche Programme für vier private Hörfunk-Stationen in Thüringen und Sachsen-Anhalt. Der Internet-Auftritt der Gesellschafter wird ebenso im eigenen Haus erstellt wie audiovisuelle PR für kirchliche Institutionen.

Schon zwischen Dezember 1989 und Februar 1990 traten die ersten Neugründer an - mit Programmen, die vorrangig um kritische Aufarbeitung der jüngsten Geschichte bemüht waren: Die Bücher von Forum (Leipzig) oder BasisDruck (Berlin) verkauften sich anfangs palettenweise von Lastwagenflächen. In einer zweiten Gründerwelle dominierten Verlage, die sich auf die bislang aus ideologischen Gründen verpönte Heimat- und Regionalgeschichte spezialisierten, gerade auch abseits der traditionellen Verlagsstandorte Leipzig und Berlin. Danach differenzierte sich das thematische Spektrum der neugegründeten Verlage rasch - kaum ein Feld, das unbestellt blieb.

Patentrezepte für den Übergang von der Mangel- zur Marktwirtschaft, wie sie sich mancher der hoffnungsvoll gestarteten Jungverleger wohl wünschte, konnte es nicht geben. Der Börsenverein half auch hier rasch und unbürokratisch: Der Verlegerausschuss etwa legte ein Know-how-Transfer-Programm für alte und neue ostdeutsche Verlage auf; ostdeutsche Existenzgründer paukten in Dutzenden von Seminaren betriebswirtschaftliche Grundlagen, Basiswissen in Werbung und Vertrieb, Kalkulation und Kostenrechnung, Urheber- und Verlagsrecht. Nach der Devise Learning by doing hospitierten Ost-Gründer in West-Verlagen; im Gegenzug transferierten altgediente Branchenkenner ihre Erfahrungen Richtung Osten. Im Rahmen des Substanzerhaltungsprogramms für den Buchhandel konnten mit Hilfe der Bundesregierung Bücher im Wert von fünf Millionen Mark bei ostdeutschen Verlagen gekauft und an Bibliotheken und Buchhandlungen in Mittel- und Osteuropa abgegeben werden. Als großes Handicap erwies sich für viele notorisch unterkapitalisierte Jungverleger, dass sie nur Existenzgründungskredite für ihre technische Ausstattung beantragen durften. 1995 hatte die Lobbyarbeit des Börsenvereins beim Bundeswirtschaftsministerium schließlich Erfolg: Nun konnten Verlage auch Kreditbürgschaften für einzelne Buchprojekte beantragen und so langfristiger planen. Manche aber haben die Durststrecke nicht überlebt.

Nur wenigen Neugründern gelang der Sprung auf den gesamtdeutschen Buchmarkt: Der Verlag von Christoph Links, der vor kurzem sein zehnjähriges Gründungsjubiläum feierte, und der gerade halb so junge Verlag Schwarzkopf ß Schwarzkopf gehören zu den gern herangezogenen Ausnahmen. Für den Sachbuch-Enthusiasten Links waren Mauerfall und Abschaffung der Zensur das Startsignal: Bereits am 5. Januar 1990 gründete er mit der damals noch "LinksDruck" genannten GmbH einen der ersten Privatverlage der Noch-DDR. Als Links im Oktober 1990 die ersten seiner knallgelben Bändchen zur Buchmesse vorstellte, kursierten Wetten, wie oft man den allseits gepriesenen kleinen Ostverlag noch in Frankfurt sehen werde - das optimistischste Gebot lag bei drei Jahren. Christoph Links hat erfahren müssen, dass in der damaligen Reaktion der westdeutschen Verleger-Kollegen weniger Überheblichkeit als geronnene Markterfahrung steckte. Mit einem Programm, das sich um eine kritische Aufarbeitung der DDR-Geschichte bemühte, fand der Verlag zunächst Zuspruch und Anerkennung in den Altbundesländern, wo in den Anfangsjahren rund drei Viertel der Produktion abgesetzt werden konnte. Mit einer ab Mitte der neunziger Jahre im Osten deutlicher spürbaren Rückbesinnung auf eigene Geschichte und Mentalitäten wuchs die Akzeptanz auch hier. Weniger erfolgreich waren ein Ausfallschritt in Richtung populäres Sachbuch und der Versuch, Themen aus der jüngeren bundesdeutschen Geschichte zu behandeln. Mit einer vorsichtigen Öffnung hin zur europäischen Zeitgeschichte will der Verlag künftig sein thematisches Spektrum erweitern.

Oliver Schwarzkopf, der zum Ende der DDR in Leipzig Theaterwissenschaft studierte, kam wie Christoph Links als Seiteneinsteiger ins Verlagswesen. Die weich gezeichneten Erinnerungen älterer Kollegen an das "Leseland" DDR kann er nicht teilen. Nach harten Lehrjahren als Chefredakteur eines Stadtmagazins und Mitbegründer des Krimi-Verlags Monade zog es Schwarzkopf in seine Geburtsstadt Berlin zurück; 1994 gründete er dort mit finanzieller Starthilfe seines Bruders den Verlag Schwarzkopf ß Schwarzkopf. Das erste Programm stemmte der Verleger mit einem Mitarbeiter, heute ist man in der Fabriketage im Prenzlauer Berg zu zehnt. Im fünften Jahr seines Bestehens setzte der "große Kleinverlag" (Schwarzkopf) 2,5 Millionen Mark um, davon eine knappe Viertelmillion mit dem erst im vergangenen Frühjahr gegründeten Lexikon Imprint Verlag: Kompendien zu Themen aus Pop-Musik und Fernsehen, Szene und Underground, die Schwarzkopf in beängstigender Schnelle auf den Markt brachte. Gerade in diesem breiten Programmansatz sieht Schwarzkopf jedoch die Basis für die langfristige Absicherung des Unternehmens: Das Schicksal westdeutscher Kleinverlage, die noch in den achtziger Jahren ihre Klientel in der Öko- oder Frauenbewegung bedienten, mit dem Abbröckeln ihrer Zielgruppen aber selbst in existenzielle Krisen gerieten, soll ihm eine Warnung sein.

Die Zahl der Verlage in den neuen Bundesländern ist heute ungleich größer als noch vor zehn Jahren: Allein in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen stieg sie von 47 (1989) auf 191 (1999). Täuschen lassen sollte man sich von dieser eindrucksvollen Zahl indes nicht: Die meisten dieser Firmen sind - wenn nicht Niederlassungen großer Häuser im Westen - kleinere und Kleinstverlage mit zumeist nur regionaler Ausstrahlung. 1996 erwirtschafteten die Verlage in den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit 83,48 Millionen Mark gerade 0,37 Prozent des gesamtdeutschen Umsatzes (Nordrhein-Westfalen: 36,8 Prozent, Bayern: 20,0 Prozent) [6] .

Lediglich gut vier Prozent der 57 578 Erstauflagen, die im vorvergangenen Jahr in Deutschland erschienen sind, kommen aus den neuen Bundesländern. Müssen diese sich nun auf lange Sicht mit einer Verlagsdichte vergleichbar der von Schleswig-Holstein oder dem Saarland abfinden? Nach zwölf Jahren Nationalsozialismus und 40-jähriger SED-Herrschaft gibt es weder ein gewachsenes Bürgertum noch genuin ostdeutsches Kapital, das sich in größeren Medienunternehmen akkumuliert hätte. Zur oft bemühten "Angleichung der Lebensverhältnisse" sollte gehören, dass es ökonomisch stabile und für die intellektuelle Diskussion im Land wichtige Verlage auch im Osten gibt. In der gesamtdeutschen Branchenlandschaft sind die Verlage aus dem Osten längst nicht mehr nur geliftete Staatsverlage oder freundlich geduldete Exoten. Dank Verlegern aus Ost und West wird weiter mit ihnen zu rechnen sein - künftig eher mehr denn weniger.

Fußnoten

1.
Hans Altenhein, Die Landschaft verändert sich. Über das Zusammenwachsen zweier deutscher Buchmärkte, in: Börsenverein des Deutschen Buchhandels (Hrsg.), Jahrbuch 1990, Frankfurt/Main 1990.
2.
Vgl. Mark Lehmstedt/Siegfried Lokatis (Hrsg.), Das Loch in der Mauer. Der innerdeutsche Literaturaustausch, Wiesbaden 1997.
3.
Vgl. Buch und Buchhandel in Zahlen 1999, hrsg. vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, Frankfurt/Main 1999.
4.
Klaus Wagenbach, Die Dilettanten in der Todeszone, in: Süddeutsche Zeitung vom 10. Oktober 1999, S. 15.
5.
Vgl. Buch und Buchhandel in Zahlen 1999 (Anm. 3), S. 72.
6.
Vgl. Buch und Buchhandel in Zahlen 1999 (Anm. 3), S. 38.

Nils Kahlefendt

Zur Person

Nils Kahlefendt

geb. 1962; seit 1994 freier Autor und Journalist, u. a. für den Deutschlandfunk, MDR Kultur, Stuttgarter Zeitung.

Anschrift: Marbachstr. 14, 04155 Leipzig.
E-Mail: buechermacher@pr-kahlefendt.l.uunet.de

Veröffentlichungen u. a.: Untergang trotz Anpassung: Kinder- und Jugendpresse nach 1989, in: Michael Haller u. a. (Hrsg.), Presse Ost - Presse West. Journalismus im vereinten Deutschland, Berlin 1995.


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