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26.5.2002

Von Häusern und Utopien

Regina General, Redakteurin der Wochenzeitung "Sonntag", berichtet über ihren Arbeitsalltag mit unüberwindbaren Vorschriften und Reglementierungen. Denn: In der DDR existierte keine Pressefreiheit.

I. Abschnitt

So war das auch in diesem bedrückenden Frühjahr, diesem bedrückenden Sommer des Jahres 1989, in dem scheinbar alles lief, wie in den Jahren zuvor: Januar, die Luxemburg/Liebknecht-Demo; der Eklat ganz am Ende, Verhaftungen von Bürgerrechtlern, die meisten Demonstranten hatten nichts gemerkt. Wahlen, die üblichen Prozente, höchstens in den Zehnteln anders. Fälschungen. Sie veränderten nichts. Wer fälschte wozu? Krenz beteuert, er wusste von nichts, aber was heißt das konkret? Dass die kleinen Leute die Diktatur des Proletariats allein durchsetzten, quasi im Selbstlauf? Wohl kaum. Gorbatschows Europäisches Haus faszinierte, vielleicht gerade deshalb, weil Glasnost und Perestroika um die DDR einen Bogen zu machen schienen.


Der beängstigende Abwärtstrend war von jedem zu spüren, die Aushöhlung der Ideale beschleunigte sich; allerdings umweht von einem bislang unbekannt-frischen Lüftchen, das aus unterschiedlichen Richtungen kam: aus der Bürgerrechtsecke, von den östlichen Nachbarn, aus den Grüppchen und Gruppen, die sich Umweltschützer, Freunde des Sputnik oder sonst wie nannten, aus den Kirchen. Die Dummheit einer bornierten Führung setzte weiter auf Verbieten, Reglementieren, Erziehen, Ausweisen und sogar Verhaften. Aber, anders als früher, schreckte das nicht mehr dauerhaft ab. Ein Widerschein üblicher Reglementierungen traf auch die von uns redigierte Wochenzeitung Sonntag. Fettnäpfchen waren üppig aufgestellt, in sie zu treten kaum noch vermeidbar. Ein Wort wie Gemüse war tabu, es gab keines. Pferde und Hühner durften nicht genannt werden, sie fressen Korn, das für die Ernährung der Menschen gebraucht wird; die Mangelwirtschaft verlangte eine verkürzte Sprache. Umweltschutz sollte in der Zeitung am besten gar nicht vorkommen, er kostet. Wenn aber doch darüber geschrieben wurde, dann nicht über die eigenen Sünden . . .

Ein eher unspektakulär daherkommender Artikel beschreibt, was sowieso jeder sieht: Die Verschmutzung der Elbe hausgemacht, nicht nur durch die tschechische Grenzregion. Er weckt parteioffiziellen Argwohn. Das ZK begutachtet und konstatiert, "diese Zeitung gefällt sich als bürgerliches Boulevardblatt". Das übliche ,,Beratungs"modell direkt durch die "Abteilung" (im Zentralkomitee) wird verordnet. Ein Jahr zuvor hätte das Panik ausgelöst, jetzt nimmt die Redaktion es stoisch zur Kenntnis. Der Beschluss dämmert den Sommer über vor sich hin. Was ist ,,bürgerlich", was soll ,,Boulevard" heißen? Keiner der ,,Ausleser" ruft an, seltener als sonst melden sich die mit der Anleitung der Zeitung beauftragten ,,Genossen". Man hat dort längst andere Probleme. Das Blatt druckt brav die vorbereiteten Artikel zum vierzigsten Jahrestag der DDR. Und leistet sich im besten Falle ein bisschen Nachdenklichkeit. In der Rückschau ist es unnötige Vorsicht. Schulferien. Die eigenen Kinder sind in dem Alter, in dem sie das Zelt nehmen, gen Osten fahren und die Welt erkunden.

Die Botschaftsbesetzungen entwickeln einen Sog, wie er nur aus der Zeit vor dem Mauerbau bekannt ist. Angst, sie könnten ihm erliegen, kriecht über die Schulterblätter in den Kopf, überschwemmt die anerzogene Disziplin. Laut Honecker weinen wir denen keine Träne nach. Aber es sind unsere Kinder, sie sind unsere Liebe, unsere Hoffnung; wer, wenn nicht sie, verdient unsere Tränen? Das Volk, auch das Parteivolk, ist entsetzt, murrt. Unter dem Schweigen der Regierenden wird die Unzufriedenheit unüberhörbar. Leipzig trägt sie von den Kirchen auf die Straße, und von dort fließt sie zurück in die Betriebe, Büros, Theater, Redaktionen, auch in Berlin, auch zu uns. Viele denken jetzt öffentlich. Bühnen werden zu Podien, die Theater sind voll wie nie. In der SED kippt die Vortrags,,kultur" allmählich in Debatten,,kultur" um, noch vorsichtig melden sich Leute zu Wort, die Sätze sagen wie: ,,Gegen die Sowjetunion wird es keine DDR geben." ,,Was, wenn wir schuldig werden, wie bis 1945 die Eltern?" und ,,Nach dem 40. Jahrestag wird alles zu spät sein". Die offizielle DDR will das nicht hören. Umso größer die Lust an der Diskussion, den Auseinandersetzungen; die Hoffnung keimt, die starre Oberfläche sei dabei, aufzubrechen . . .

Vor dem Gründungstag der DDR die üblichen Betriebsfeiern. Jeder von uns hat x-mal vom Ende dieses Staates gehört, 1953, 1960, 1968. Aber er lebt, noch. Er wird auch diesmal überleben, denken wir, verändert, demokratisch verändert, das ist der Traum - soziale Gerechtigkeit wird es geben, Chancengleichheit, nicht antikommunistisch soll das Land sein, überhaupt nicht, aber ohne Diktatur einer Parteiführung, die sich im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt. Dieser zähe Klotz DDR bäumt sich Ende Oktober noch einmal auf, die Prämien fließen, als sollten sie den aufgestauten Unmut wegspülen. Wir schämen uns ein bisschen, als wir das Geld einstecken, und tragen es in die Niquet-Klause, eine Kneipe, die in unmittelbarer Nähe der Hausvogtei den Krieg überstand, dann weichen musste und ein paar Kilometer weiter wieder auferstand. Wir spülen den Frust herunter, über uns selber, über das Hin- und Hergerissensein zwischen Aufbruch und Lähmung, Verbundenheit und Kritik gegenüber einem Land, das mit den Idealen und Hoffnungen der Nachkriegsgeneration gewachsen war und nun an seinem eigenen Starrsinn zugrunde ging.

II. Abschnitt

Unsere Generation hatte ein neues Deutschland gewollt, das nicht anfällig für Größenwahn und Hass und Besitzstreben sein sollte - ein friedliches vor allem. Wir waren uns lange Zeit sicher, dass jeder, der sich gegen den Faschismus entschieden hatte, auch allen anderen Gefährdungen widerstehen würde, vor allem jenen, die aus der Macht wachsen. Antifaschisten hatten die historisch richtige Perspektive! Wann wurden wir misstrauisch? Ab wann machten wir Witze über die größte DDR, die es je gab? Als die Mauer verlogen ,,antifaschistischer Schutzwall" hieß? Wir wussten, mit Antifaschismus hatte sie so wenig zu tun wie mit dem Einmarsch der Bundeswehr. Aber Angst machten uns erst die karrierebewussten Durchreißer, die die Floskeln so perfekt daherbeteten, dass sie wie Glaubenssätze klangen, die immer und überall funktionierten, von denen aber keine Entscheidung bekannt war, die eigene Überlegung bewiesen hätte. An diesem Abend in der Niquet-Klause beerdigten wir ein paar von unseren Illusionen - über das bessere Deutschland, die Integrität von Antifaschisten und die eigene Entscheidung für dieses Land, die vielleicht doch nur Bequemlichkeit war. Diese Republik würde es so nicht mehr geben, wir ahnen es. Mit melancholischen Liedern und einer Menge Alkohol singen wir sie aus uns heraus, beerdigen eine Liebe und - bauen uns eine neue Utopie. Einige werden später darauf bestehen, dass da auch eine Spur Aufmüpfigkeit dabei war. Die meisten aber gaben einfach einem Gefühl nach, und das wusste: ,,Abschied ist ein bisschen wie sterben." Je billiger die Schlager, desto mehr passende Zeilen für unseren Zweck. Zwei Wochen später macht das Politbüro einen Salto mortale zur ,,Entspannung der Lage", stürzt Honecker und landet - bei sich selbst. Der neue, alte Egon (Krenz) hätte das Unterste zuoberst kehren können, herausgekommen wäre immer dasselbe: bitteres Gelächter. So wollte dieses Volk seine Probleme nicht mehr ,,be"handeln lassen, es wollte handeln. Vier Wochen später waren eine Millionen Menschen auf den Straßen Berlins. Staunend über die eigene Kreativität, die die originellsten Plakate schuf, und darauf hoffend, dass Demokratie und sozialistische Ideale zu verbinden sein würden. ,,Keine Gewalt." War das der Aufbruch, der ideale Aufbruch, diesmal selbstbestimmt und getragen vom Willen der meisten, die im Land lebten? Noch will niemand die DDR auflösen. Sie verbessern, an den Ursprung zurückführen, das soll es sein. Ohne vorgefertigte Schablonen, in die man sich nur noch einpassen muss, ohne Wohlverhalten, das Ämter und Karriereplanung regelt. Jeder hat jetzt Ideen, jede Redaktionskonferenz gerät zum Überflussbasar, viel zu wenig Seiten für viel zu viele wichtige Artikel. Alles ist neu, alles wert, aufgeschrieben zu werden, nichts darf mehr beschönigt oder gar zugekleistert werden. Bündelte sich nicht gerade in der Geschichte der eigenen Zeitung das Widerständige? Jenes 56er Kapitel, das mit Georg Lukacz und dem ungarischen Aufstand verknüpft war? Die Akteure von damals lebten noch, Janka - der Verlagsleiter, Zöger, Just - die Chefredakteure, Harich - der ungeliebte philosophische Kopf. Das gehört in die Zeitung - Aufarbeitung. Versichern wir uns der eigenen Geschichte. Nutzen wir sie für den eigenen Aufbruch. Die Welt ist nicht mehr auf Geschichtsbücher beschränkt, Spannendes passiert, wir sind euphorisiert, aktiv wie sonst nur Zwanzigjährige. Nichts würde es geben, was nicht zu bewältigen wäre. Waren wir mal abgekoppelt von der Moderne? Jetzt lernen wir sie kennen. Haben wir uns vorschreiben lassen, was wir lesen, denken, sagen? Waren wir das, die sich einer dumpfen, phrasenhaften Sprache beugten? Wer sonst? Diesmal aber würden wir die Ideale durchsetzen, den Rücken gerade halten, die Augen nicht senken. Wir entdecken unsere Kraft, machen Pläne, mischen uns ein. Die Mauer fällt. Noch wissen wir nicht, dass mit ihr der demokratische Aufbruch in eine selbstbestimmte Zukunft schon wieder endet. Anfang Dezember tagen die von den Kirchen angeregten ersten Runden Tische: Mitreden, neu machen, alle bestimmen, wo es langgeht. Sie entstehen im Eiltempo und werden zur Institution. Alles ist offen, Glasnost pur, keine Entscheidung ohne Gespräch. Gemeinsame Beschlüsse, Demokratie von unten, die Basis will aktiv werden. Kein Meeting ohne uns, keine Idee, die wir nicht begutachten, jeder ist überall. Die kurze Zeit der ungezählten Genies beginnt. Aufbruch - er enthält so viele mobilisierende Momente, dass der Tag zu wenig Stunden, die Woche zu wenig Tage, der Kopf zu wenig Kapazität hat, um alles zu speichern. Der normale Alltag unterfordert, seit damals wissen wir das genau. Dieser Einfallsreichtum, die Gemeinsamkeiten eines erfolgreich revoltierenden Volkes, sie versanken im begeistert gerufenen, gehauchten, gejauchzten Wort des Jahres 1989 ,,Wahnsinn". Aus denen, die als ,,das Volk" selbstbestimmt neu anfangen wollten, wurden die, die als ,,einig Volk" beim reichen Bruder unterkrochen. Alles, was an Über- oder Unterlegenheitsgefühlen die zehn Jahre bis heute bestimmt, ist diesem Stimmungsumschlag geschuldet.

III. Abschnitt

Zehn Jahre danach sei die Mauer höher denn je in den Köpfen, in Ost wie West, behaupten jedenfalls die Medien. Wahlergebnisse belegen es, sagen sie, und was könnte signifikanter dafür sein, als der jüngste Urnengang für das Abgeordnetenhaus in Berlin: zwei dominante Parteien - für Westberlin die CDU, für Ostberlin die PDS. Beide erhalten um die 40 Prozent der Stimmen. Hat sich also nach der Wende gar nichts getan? Existieren die Menschen hüben wie drüben unbeeindruckt von äußeren Veränderungen fort? Sehnen sich die Berliner gar nach den alten Grenzen, Normen, Gewohnheiten? Aus dem Ostberliner Sonntag ist durch Zusammenschluss mit der Volkszeitung aus Düsseldorf längst der im ehemaligen Westberlin gemachte Freitag geworden. Paritätisch besetzt, mit ost- und westsozialisierten Redakteuren, erleben wir an uns selbst, was anders ist. Wissen - manchmal -, sicher auch Erfahrung, wir leben (noch) in anderen Zusammenhängen. Durchweg alle Ostfrauen mit Kindern, alle aus dem Westen ohne. Aber die Debatten sind bereichernd. Wer an einem gemeinsamen Projekt arbeitet, ordnet nicht nach Ost und West, sondern nach brauchbar und unbrauchbar. Die Zeitung ist ein einheitliches Produkt, vielleicht deshalb, weil sie es nie um jeden Preis sein wollte. Auch wenn es absurd klingt: Beide Seiten sind in der Einheit angekommen. Und: Beide sehen sich nach diesen zehn Jahren so, wie sie sind. Die überschwänglichen Begrüßungszeremonien, die Freudentaumel über das Ende der gegenseitigen Abstinenz, der Einmauerung und Begrenzung sind kurz nach der Wende mit Liebe verwechselt worden. Schnelle Verbrüderung spricht indes eher für Trunkenheit und Unkenntnis; Liebe auf den ersten Blick zwischen ganzen Volksgruppen gehört auch historisch in das Reich der Fabel. Die Neugierde aufeinander ist der Kenntnis unterschiedlicher Gewohnheiten, Normen, Vorlieben gewichen. Ost wie West stellen sich auf die andere Seite ein. Die Kenntnis von Unterschieden ist Voraussetzung gegenseitiger Akzeptanz. Seit wann ist das Gleiche attraktiv? Seit wann muss man sich mögen, um gut miteinander auszukommen? Strategen der Werbung haben gelernt, unterschiedliche Gruppen unterschiedlich zu bedienen und Bewährtes in beiden Teilen für ihre Zwecke zu nutzen. Das hat'auch im Wahlkampf funktioniert, wenn auch mit unterschiedlichen Präferenzen: Die stolzen 40 Prozent für scheinbar so unterschiedliche Parteien wie CDU und PDS in Berlin können nicht zukleistern, dass die Tendenzen identisch sind, Grüne und SPD verlieren. Nicht weil sie aus dem Westen kommen, sondern weil ihre Politik für Ost und West keine nachvollziehbare, klare politische Linie zeichnet und Sicherheit ein übergreifender Wert ist. Man sucht sie dort, wo man sie zu finden glaubt. Einheit, dachten nach der Wende viele, sei, das Beste aus beiden Teilen zusammenzufügen. Das ist beim kläglichen Resteklauben aus den Fragmenten Ost gelandet; ein überlebendes Ampelmännchen und hin und wieder eines der alten Ostmarkenprodukte im Handel - das Vollwaschmittel Spee zum Beispiel, jetzt allerdings von Henkel, oder Spreewälder Gurken, oder die Zigarettenmarken, die die Ostler süchtig machten: Cabinett, f6, die Kaffeesorten Mona und Rondo. Da ist es schon besser, sich selbst zu kopieren - so, wie auf gar nicht ernst gemeinten Nostalgie-Parties, die die DDR als Parodie liefern: das FDJ-Hemd als Eintrittskarte, die Orden zur Dekoration, alte Fahnen als Poncho. So locker war das alte Staatswesen nie. Die gewerbsmäßige Nutzung von Erinnerungsfetzen zum Amüsement ist bei Ost- wie Westjugendlichen beliebt und streichelt sehr subjektive Vorlieben. Wirkliche Nostalgie ist das nicht, und Vorurteile werden nur dann bedient, wenn da einer bewusst missversteht. Aber mit den Vorurteilen ist es so eine Sache, sie wachsen wie die Haare, werden in der Länge variiert, aber gehen selten ganz aus. Ist das in Hamburg oder Köln anders?

IV. Abschnitt

Dennoch: Die Abkopplung von der Moderne hatte Nebenwirkungen, die im Osten später auftraten als im Westen: Die menschliche Arbeitskraft galt bis 1989 noch als das Höchste; in München endete diese Auffassung schon Ende der siebziger Jahre. Das hierarchisch durchorganisierte Staatswesen DDR, das alles von oben nach unten ,,durchstellte", hatte für jeden einen Platz. Manchmal war das langweilig, manchmal ungerecht; es machte zufrieden, wütend, lethargisch, hinterließ aber den prägenden Eindruck, man müsse sich mit seiner Kraft ,,einbringen". Der Ostler will einen Platz. Es muss nicht der vertraute sein, aber einer, auf dem er ein Recht hat zu sein. Er ist beweglich, aufgeschlossen, gut ausgebildet und glaubt daran, dass der Mensch seines Glückes Schmied ist. Nostalgisch? Der Ostler hat sich zu Tausenden in die alten Länder aufgemacht. Auch noch nach der Wende. Muss er deshalb die Erinnerung aufgeben? Er hält daran fest, dass um ihn herum nicht nur Lauscher gelebt und ihn angeschwärzt haben, auch wenn er weiß, dass es die gab. Er begegnet allem Vorgedachten, gemäß seinen Erfahrungen, mit Misstrauen; und wenn sich einer ganz besonders darein verbeißt, ihn belehren zu wollen, darüber was gut und richtig und überhaupt das einzig Mögliche ist, dann wird er ganz stumm. Das galt bis 1989 und gilt immer noch. Ist das so einmalig -'zumal für jemanden, der gerade den eigenen Kopf entdeckt und erfahren hat, dass der gar nicht so verkehrt denkt? Warum sollte er einen Lebensstil nachahmen, der seinen Bedürfnissen nicht entspricht? Wenn er ihn kennt, wird er ihn prüfen. Bis dahin begegnet er ihm so ähnlich wie dem der englischen Queen. Nur weil er auf Hochglanzpapier hübsch anzusehen ist (und er schaut durchaus hin), muss dieser Lebensstil nicht seiner werden. Die meisten im Osten haben andere Sorgen - wer noch mitspielen darf im großen Arbeitsreigen ebenso wie der, der zu den Überflüssigen zählt. Und dazu zählen in einigen mecklenburgischen Dörfern so gut wie alle. Frührentner, Langzeitarbeitslose, Sozialhilfeempfänger . . . Der Ostler nagt, in der Regel, nicht am Hungertuch, da ist auch für ihn die Sozialgesetzgebung der Bundesrepublik davor. Aber er nimmt wahr, ohne ihn würden sich die Altländer besser fühlen. Die diskreten Hinweise auf Rentenschmarotzer und Besitzstandswahrer kann er gar nicht überhören, selbst wenn er wollte. Jene, die ihm seine Existenz im ,,Unrechtsstaat" vorhalten - klar, die meinen ihn nicht persönlich. Aber irgendwie partizipiert hat ja jeder. Die nette Westverwandtschaft stellte in den zehn Jahren zunehmend ungenierter ihre Überlegenheit aus - und sei es nur dadurch, dass sie den Neubürger Mitläufer nannte. ,,Mitläufer", was für ein Wort. Läuft nicht jeder mit? Wie viele gibt es, die aussteigen? Sind sie die Geschätzten dieser Gesellschaft? ,,Mitläufer" gilt nur für den Osten und das Dritte Reich. Ist je einer darauf gekommen, die, die bei McDonald vorsichtshalber die Klappe halten und den Betriebsrat gar nicht mehr fordern, weil sie rausfliegen würden, für Mitläufer zu halten? Oder die, die unter Tarif arbeiten? Oder die, die fraglos tun, was der Chef anordnet, oder die, die sich der Politik unterwerfen, weil das bequem ist? Natürlich nicht. Das ist Anpassung an die Zwänge. Die Erfahrung vielgepriesener Freiheiten ist für Leute, deren Portemonnaie deshalb so dünn ist, weil sie ohne Arbeit sind, selten zu machen. Der Mensch sollte zwar ein Recht darauf haben, sich seinen Lebensunterhalt zu verdienen, aber er kann es nicht durchsetzen. Dass er auf den Straßen dafür (meist erfolglos) demonstrieren darf, hat nach der Wende nicht mehr denselben entspannenden Effekt wie vorher. Er ist davon überzeugt, dass er sich diese Demokratie auch erkämpft hat; nun ist sie ein Besitz, nicht das dankbar angenommene Geschenk. Dass man ihn für unfähig erklärt, sie wirklich zu leben, ficht ihn nicht an. Solche Vorwürfe kommen gern von jenen, die darüber klagen, dass er ihre Produkte schmäht, Zeitungen zum Beispiel, die so etwas drucken. Seine Mauer im Kopf ist ein Neubau, der mit der alten nichts mehr zu tun hat. Sie ist sein Schutz: Dahinter kann er er selbst sein, seine Verletzungen, sein ,,Versagen" pflegen - im besten Fall, bis er es überwinden kann, bis die Haut so ledern ist, dass Sticheleien nicht mehr schmerzen. Als die Wirtschaft der DDR zusammenfiel, brachten viele das nicht mit sich selbst, sondern ,,nur" mit einer falschen Wirtschaftspolitik der SED in Verbindung. Dass sie, Fachleute, montäglich vielleicht sogar auf Leipzigs Straßen, den Sprung in die neue Gesellschaft nicht schaffen könnten, kam ihnen nicht in den Sinn. Die erste Reise ins ersehnte westliche Ausland hatten sie noch vom Umgetauschten bezahlt und sie beschrieben auf Postkarten das reine Paradies. Das pralle Sortiment der Angebote war so lange verführerisch, bis das Ersparte für alles zusammen nicht mehr reichte. Und mancher ließ sich den Lohn der nächsten Monate kreditieren - auch das war schließlich neu. Und so blieben einige in ihren Schulden stecken - fast dreißig Prozent sind überschuldet - und fanden schließlich, der väterliche Staat DDR hätte sie davor bewahrt. Nostalgie? Wohl eher der Versuch, die Verantwortung für eigenes Tun zu delegieren, das ist bequem. Und noch etwas: Viele Ostler erlebten, dass Ideen - wie im verflossenen Staat auch - kompatibel sein müssen, verwendbar. Entweder für die wirtschaftlichen Abläufe oder eingepasst, zum Beispiel in eine Parteienlandschaft. Ob sie gut oder schlecht sind, ist nicht ganz so wichtig. Sie haben gelernt, dass der Schein weit mehr zählt als das Sein, aber sie wissen nicht, wie sie ihn aufziehen lassen können. Und ein ganz entscheidendes Manko fühlen sie inzwischen schmerzhaft: Viel zu viele haben kein Kapital. Das disqualifiziert sie für eine Menge Dinge, für den Hausbesitz zum Beispiel: Rund um Berlin gibt es Orte, in denen die Bevölkerung bis zu 60 Prozent ausgetauscht wurde. Dass die meisten ,,Erben" nichts mehr vorgefunden hätten, wenn die Häuser vierzig Jahre unbewohnt geblieben wären, hat nie einer gesagt. Die Entmieteten besaßen selten so viel, dass sie neu anfangen konnten. Für den Aufstieg in den Mittelstand: Einige Handwerker ausgenommen, blieben ihnen ein paar aus der alten Arbeit übernommene Vorstellungen, resultierend aus dem Zusammenprall von Ost und West, von Manufaktur und Computertechnologie. Für andere Bereiche gab es andere Disqualifikationen: Geisteswissenschaftler waren quasi per Spezifik unbrauchbar, und bis heute sind höchstens eine Handvoll der C-4-Professuren an naturwissenschaftlichen Fakultäten von Ostdeutschen besetzt. Die übrig Gebliebenen versuchten, ihr Wissen privatwirtschaftlich zu vermarkten, aber der fehlende finanzielle Grundstock trieb sie allzu häufig ,,guten Freunden" in die Arme. Es ist eine ungleiche Zusammenarbeit, die Misstrauen gesät hat. Bis heute beziehen Ostdeutsche niedrigere Gehälter, und noch die jungen Leute starten unter schlechteren Bedingungen. Die kuriosen Blüten solcher Diskrepanzen beeinträchtigen das Arbeitsklima und verhindern, dass Ost und West so etwas wie Gleichheit fühlen können. Und so benutzen diejenigen, die eine Aufgabe haben, die Mauer,,reste" in den Köpfen zur Erholung, als Gatter um die Privatsphäre. Dahinter müssen sie sich für gelebtes Leben nicht entschuldigen und das Bekenntnis zum neuen Staat vor jedem kritischen Satz können sie auch weglassen. Dahinter sagt auch keiner, den Ostdeutschen hätte man beibringen müssen, was das sei: ordentliche Arbeit. Und ein bisschen nachtragend dürfen sie doch sein, die Brandenburger und Thüringer und die aus Mecklenburg-Vorpommern sowieso.

V. Abschnitt

Die alte Hausvogtei, ungepflegt und zusammengerödelt, kaum noch Farbe auf den Wänden, aber bewohnbar, zerfiel; ungeliebter Denkmalsrest in der neuen Regierungsbannmeile; die Fenster vermauert, Brandspuren ziehen sich die Wände hinauf. Abgeblättert und misshandelt, ein alter unansehnlicher Zahn zwischen dem Glanz der neuen Republik. Niemand konnte ihn noch mögen. Das Aus für eine Beziehung, endgültig, wie das Aus der DDR. Nach zehn Jahren Einheit kann, wer hinhört, neue Töne wahrnehmen, bis hin zu noch ungewohnt überlegen klingenden Sätzen. Die werden nicht ausformuliert, wohl aber vor sich hergetragen: Gab es nicht falsche Anschuldigungen? Wird dafür jemand zur Rechenschaft gezogen? Haben Ostler nicht über sich selbst nachgedacht? Waren sie nicht bereit, sich zu ändern, haben sie aus ihrer Geschichte nicht wenigstens zu lernen versucht - unter anderem, dass es so eine Sache ist mit der Wahrheit, die offenbar von außen nicht verlässlicher auszumachen ist als von innen. Man muss sie sich erarbeiten. Wer aber tut das, in Ost und West? Ostdeutsche projizieren ihre Skepsis nach den vielen enttäuschten Erwartungen dorthin, wo sie Anstoß erregen, und leisten sich trotzig, was sie nach der Wende selbstverständlich immer haben wollten: eine Meinung, die ruhig vom Mainstream abweichen sollte. Dass das nicht genügen kann, wissen die meisten, aber es scheint ihnen das Machbare für den Augenblick, das Optimum dessen, was sie für sich und ihre Präsenz in diesem einheitlichen Land tun können. Sich dem Geld nicht so weit unterordnen, dass es dieselbe Macht über sie bekommt wie die Partei damals, das ist eine der neuen Utopien. Schlupflöcher brauchen die meisten nicht und auch keine Plätzchen, an denen sie ungestört von Wirklichkeit zurückträumen können. Sie setzen nicht das ,,Anspruchsdenken" aus DDR-Zeiten fort, sie fordern einen angemessenen Platz, ohne vor Institutionen und Meinungen und anderen Überzeugungen den Kotau zu machen. Die Vorsicht der Geprellten rät ihnen, keinen Zipfel Eigenständigkeit mehr aus der Hand zu geben. Wieder einmauern wollen sie nichts. Selbst wenn sie zu den Wendeverlierern zählen, wissen sie, dass es diese alte, verformte DDR nicht mehr geben wird. Ihre Erinnerungen sind längst nicht so einschichtig, wie ihnen unterstellt wird. Leerformeln, die sinnlos dahergebetet werden, hören sie auch jetzt genug. Zunehmend arbeitet diese Bundesrepublik mit für Ostdeutsche sattsam bekannten ,,Argumenten" - es gibt keine Alternative, heißt es immer dann, wenn eine Veränderung schöngeredet werden soll: keine zur Gesundheitspolitik, keine zum Sparparket, keine zum Bombardement des Kosovo. Diese Politik will so alternativlos sein, wie die des Politbüros tatsächlich war - und nimmt in Kauf, dass die ganz alten Politikmodelle von rechts herausgekramt werden. Was sie dagegensetzt, ist zu wenig. Warum sind beinahe alle heute aktiven östlichen Politiker in der Wendezeit politisiert worden? Warum fühlen sich kaum junge, inzwischen von den Hochschulen kommende Talente angeregt, politisch aktiv zu werden? Warum haben so viele Nachgewachsene eines sofort übernommen: die Politikverdrossenheit der alten Bundesrepublik? Wahrscheinlich, weil sie begreifen mussten, dass für die Fortsetzung der vor zehn Jahren gefeierten eigenständigen demokratischen Ansätze, für eine Demokratie von unten kein Platz ist. Diejenigen, die in Schwante 1989 die SDP gründeten, sind nicht mehr auffindbar, und die aus den Bürgerbewegungen haben sich in der Vergangenheit vergraben oder den Sprung zu den Bündnisgrünen gewagt, dabei aber ihre ostdeutschen Wurzeln eingebüßt. Denn wer politisch aktiv sein will, muss Strukturen bedienen, erst danach darf er seine Vorstellungen entwickeln, die freilich auch noch nach üblicher Sprachregelung vorgestellt werden müssen. Bis das akzeptiert ist, wird es für einige Parteien zu spät sein. Die Industrie ist offener, Originalität findet eher Anerkennung, wenigstens in den dafür vorgesehenen Abteilungen. Nostalgie, Ostalgie sind die Schlagworte einer Gesellschaft, die die feierliche Anerkennung der eigenen Werte als die einzig gültigen einfordert. Ostdeutsche sollen dieselben Parteien wählen wie Westdeutsche, weil ihnen die Überlegenheit der ,,Erfahrenen" doch einleuchten muss. Aber gerade weil sie nicht mehr in der Vergangenheit, sondern in der Gegenwart leben, betrachten sie ihre Umwelt mit anderen Augen: Die DDR war kein Gulag mit ein paar Vergünstigungen für Auserwählte. Sie ließ ihren Bewohnern das ganz normale kleine Leben, das die meisten leben, das alltägliche kleine Glück und eine Sicherheit, die Bevormundung war. Und sie ließ ihnen den geträumten Westen nach Fernsehkenntnis. Die neue Gesellschaft hat denen, die das alles selbst abschüttelten, ihre Welt bis zur Unkenntlichkeit zerredet, weil sie besser zu wissen glaubte, wie es war, weil sie glaubte, was der eigene Kopf denkt, muss ein anderer nicht erarbeiten.

VI. Abschnitt

Das Gorbatschow'sche Europäische Haus ist über den Keller nicht hinaus gekommen, der eigentliche Bau durch Interessenverschiebungen nach der Wende ohnehin gefährdet, inzwischen von den Kriegen im zerfallenden System verschüttet. Eine emotionale Investruine, die neben den westeuropäischen Altbauten NATO und EU nur noch Trauer verströmt. Von diesen Altbauten aus muss nun etwas wachsen. Dort aber bestimmen die mit den Eigentumsrechten, was von den unterschiedlichen Gesellschaftskonzepten eingeebnet, was europäisch aufgehoben wird. Zwar weiß man auch im Osten, dass vom Gelingen des europäischen Zusammenwachsens alles Künftige geprägt sein wird, aber das Vertrauen in die Redlichkeit der ,,Hausherren" ist nicht übermäßig groß. Ost-westdeutsche Empfindlichkeiten sind Dekor oder Warnung, je nach Standort des Betrachters. Aber dass der deutsche Einigungsprozess Lernprozesse für den Umgang mit den anderen Europäern bewirkt haben könnte, wird eher nicht vermutet. Richtung Osteuropa wird ähnlicher missionarischer Eifer, ähnliches Gewinnstreben gelten, nun gesamtdeutsch getragen. Aber wie sich das vereinigte Land in diesem Prozess gebärdet, wieviel Großdeutsches im Umgang mit anderen durchschimmern wird, wird die künftige Wertschätzung des Einheitsstaates bestimmen. Die Demokratie der Bundesrepublik ist nur dann dauerhaft attraktiv, wenn sie sich als lernfähig erweist, eigene Vorurteile überwindet, sich selbst korrigiert und nicht ächtet, was sie nicht kennt. Der überquellende Gestaltungswille aus der Wendezeit enthielt für die alten Länder Momente der Gefährdung des Eigenen. Das gebot Vorsicht gegenüber den Veränderern, Eingemeindung in vorhandene Strukturen war der einzig sichere Weg der Kontrolle. Zehn Jahre nach dem Mauerfall ist darüber nachzudenken, ob dieser Aufbruch nicht verwendbare Elemente enthielt, die zu mehr Bürgerbeteiligung führen können. Die Basisdemokratie implodierte oder wurde totgeredet, die Runden Tische als Politikmodell sind sanft entschlafen, aber Bürgerbewegungen gibt es. Der Bundesneubürger, geboren und aufgewachsen in Ostdeutschland, sucht nach einer neuen Utopie - ohne Ziel ist ihm das Leben nichts -, aber nicht mehr bei Marx. Der dient ihm nur noch zur Begründung für das unvermeidliche Ende eines Versuchs - ,,die Überlegenheit der Produktivkräfte als Voraussetzung für die Überlegenheit eines Systems". Eines aber dämmert inzwischen: Die meisten haben sich wieder einpassen lassen in Strukturen, diesmal materiell nur besser ausgestattet. Zehn Jahre Einheit haben die Deutschen in Ost und West entzaubert. Als Europäer werden sie wieder Gefallen aneinander finden. 1999 - ein ganz gewöhnliches Jahr, jedenfalls für die meisten. Ein bedrückender Frühling - die Illusionen über das, was Rot-Grün an der Regierung sein könnte, verflüchtigten sich; ein bedrückender Sommer, die Probleme, die zu Kohls Niederlage führten, sind nach wie vor ungelöst. Hilflosigkeit. Demos allenthalben. Sie gefährden nichts. Die alte Hausvogtei ist nun Botschaftsgebäude, stilvoll wieder hergerichtet, immer noch allein auf der grünen Wiese; der Charme ihres Alters wirkt anheimelnd.

Regina General

Zur Person

Regina General

geb. 1939, seit 1990 Redakteurin des als Ost-West-Wochenzeitung erscheinenden "Freitag", entstanden aus "Sonntag" und der Düsseldorfer "Volkszeitung".

Veröffentlichungen u.a.: (Hrsg. zus. mit M. Jäger) Marx Mega out? Streitgespräche, Berlin 1993; Stefan Heym - Querköpfe, Berlin 1994.


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