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26.5.2002

Editorial

Angesichts dramatischer weltpolitischer Ereignisse fragt man sich, wie es um das politische Verhalten Jugendlicher stehe. Eine aktuelle Studie mit teilweise überraschenden Resultaten.

Einleitung

Angesichts der dramatischen weltpolitischen Ereignisse scheinen empirische Untersuchungen zum politischen Verhalten Jugendlicher - auch unter dem Gesichtspunkt ihrer Nähe oder Ferne zu rechtsextremen Einstellungen - nicht sonderlich "aktuell" zu sein. Ist aber tatsächlich das, worüber sich hierzulande nicht nur Politiker, Publizisten und Pädagogen zutiefst besorgt zeigen, durch andere, spektakulärere Gefahren plötzlich relativiert worden? Eine noch weitreichendere Frage ist die, ob es bei den völlig unterschiedlichen Extremismen nicht ähnliche bzw. vergleichbare Ursachen gibt. Es geht um die Sichtbarmachung, das Verständnis für tief reichende Irritationen, Verunsicherungen, ja Verletzungen in der je eigenen Kultur wie im Neben- und Miteinander von Kulturen. Was wir im nationalen Kontext als Problem empfinden, zu erkennen und zu überwinden versuchen, das gilt auch für Konflikte in der "Weltgesellschaft", in der "Einen Welt".

Jugendliche sind besonders in Umbruchzeiten einerseits den Gefährdungen der Anomie ausgesetzt; damit ist gemeint "ein Zustand mangelhafter gesellschaftlicher Integration innerhalb eines sozialen Gebildes, verbunden mit Einsamkeit, Hilflosigkeit". Andererseits ist bei ihnen auch eine starke Empathie festzustellen: die Bereitschaft, sich in die Situation anderer Menschen einzufühlen. Beides sollte von der "Erwachsenenwelt" sensibler wahrgenommen werden. Im vorangegangenen Heft (B 44/2001) haben wir dementsprechend auf Möglichkeiten einer stärkeren Partizipation von Kindern und Jugendlichen hingewiesen, während im nächsten (B 46/2001) auf unterschiedliche Ursachen und Erscheinungsformen des Rechtsextremismus eingegangen wird. In diesem Heft sollen am Beispiel einer Region und aufgrund von Befragungen die politischen Einstellungen von Jugendlichen sowie ihre Möglichkeiten, sich einzumischen, dargestellt werden.

Sibylle Reinhardt und Frank Tillmann berichten über die Ergebnisse der kürzlich abgeschlossenen Sachsen-Anhalt-Studie "Jugend und Demokratie". Auffallend war bei hoher sozialer (Gemeinschafts-) Orientierung die Scheu vor Konflikten. "Demokratie-Lernen als Erwerb von Konfliktkompetenz": Nicht nur die politische Bildung steht hier vor einer schwierigen Herausforderung, aber Dialog- wie Konfliktfähigkeit sind Grundelemente unserer Demokratie. Beide können nicht verordnet, sondern müssen, auch unter Schwierigkeiten, eingeübt werden. Das gilt auch für die spätere Lebenswelt.

Heinz-Hermann Krüger und Nicolle Pfaff haben sich im Rahmen dieser Untersuchung der Situation an unterschiedlichen Schultypen zugewandt: Wie geht man jeweils mit gewaltbereiten sowie ausländerfeindlichen Einstellungen um? Es zeigt sich auch hier wieder, dass das persönliche Verhalten der Lehrer, dass die Vermittlung von Werten und Orientierungen keineswegs an Bedeutung verloren hat. Die Schulverwaltungen sowie die Lehrerschaft und nicht zuletzt die Eltern können durch ihr Beispiel ermutigen - aber leider auch entmutigen.

Ralf Schmidt geht in seinem Part der Studie auf den Schulalltag ein. Eine Möglichkeit, autoritären, gewaltbereiten Verhaltensweisen zu begegnen, ist die stärkere Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in Schule und Unterricht: Wem Mitverantwortung übertragen wird, wer mitgestalten kann, wer sich ernst genommen fühlt, wessen Selbstwertgefühl nicht verletzt wird, der benötigt keine Gewalt. Dies gilt für die "große" wie für die "kleine" Welt gleichermaßen.

Klaus W. Wippermann

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