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26.5.2002

Partizipation in Schule und Unterricht

In einer repräsentativen Schülerbefragung in Sachsen-Anhalt nehmen zwei Drittel der SchülerInnen eine positive Beurteilung außerunterrichtlicher Partizipationsmöglichkeiten vor. Im Unterricht sind es lediglich noch 30 Prozent.

I. Theoretische Bezüge

Im vorliegenden Beitrag werden erste Ergebnisse eines seit Oktober 1999 laufenden Projektes "Jugend und Demokratie in Sachsen-Anhalt - Empirische Bestandsaufnahme und Perspektiven für die Politische Bildung" vorgestellt. Die quantitativen Befunde werden durch Aussagen von Schülern einer Sekundarschule und eines Gymnasiums, die im Rahmen von Gruppendiskussionen im Anschluss an die quantitative Teilstudie befragt wurden, ergänzt. [1]

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  • Die Untersuchung bezieht sich auf die Ansätze und Ergebnisse der empirischen Schulforschung zu den verschiedenen Ebenen und Dimensionen schulischer Partizipation. Das Thema schulische Partizipation hatte erstmals in Westdeutschland in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren im Gefolge der Schulkritik der Schüler- und Studentenbewegungen Konjunktur. Neben einer Reihe politisch-programmatisch orientierter Arbeiten [2] wurde auch eine empirische Studie zur Relevanz der Schülermitverwaltung (SMV) durchgeführt. Es zeigte sich, dass zwar 85 Prozent der befragten Schüler die SMV für sinnvoll hielten, ihr aber nur 17 Prozent der Befragten eine große Bedeutung zuschrieben. [3] Dieser Fragestellung wurde auch in der vorliegenden Untersuchung nachgegangen.

    Angeregt durch die Debatten um die Verbesserung der Schulqualität und der Schulkultur, die Öffnung der Schulen und um die Stärkung der Einflussrechte von Kindern und Jugendlichen, hat die Diskussion um innerschulische Partizipation in der schultheoretischen Diskussion in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. Empirische Studien zu diesem Themenfeld gibt es jedoch immer noch wenige. Neben den Arbeiten zu Mitwirkungsmöglichkeiten der Schüler im Fachunterricht [4] sowie der vom Dortmunder Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) realisierten bundesweiten Schülerumfrage [5] gibt es eine Studie "Schulentwicklung in Sachsen-Anhalt" [6] , in der es um die Einschätzung schulischer Partizipationschancen aus Sicht der Schüler geht.

    Dass sich die Zufriedenheit von Schülern mit ihrer Schule und damit die pädagogische Grundatmosphäre deutlich verbessert, wenn Schüler ihre Partizipationschancen in der Schule als vielfältig wahrnehmen und sich als ernst zu nehmende Gesprächspartner erleben, ist in mehreren Studien zum Verhältnis zwischen Schulklima und Schulqualität nachgewiesen worden. [7] Auch umgekehrt dürfte gelten: Zufriedenheit und eine positive pädagogische Grundatmosphäre sind wiederum begünstigende Faktoren auf dem Weg der Schüler zu Selbstbestimmung und Mitbestimmung im schulischen System.

    Als Ausgangspunkt der folgenden Darstellung dient ein theoretisches Untersuchungsmodell. Im Zentrum der Analyse stehen die Persönlichkeit des Heranwachsenden und seine politische Orientierung. Diese werden in ihrer wechselseitigen Abhängigkeit von Einflüssen des mittelbaren oder unmittelbaren Lebensweltbezugs in Schule, Familie und Freizeit sowie in ihrem Interdependenzverhältnis zu gesamtgesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individuellen Voraussetzungen analysiert. Das Themenfeld der Partizipationsformen in Schule und Unterricht stellt nur eine zu untersuchende Dimension neben anderen des komplexen Interaktionssystems Schule dar.

    Anknüpfend an die Untersuchung "Schulentwicklung in Sachsen-Anhalt" werden fünf Partizipationsformen von Schülern in der Schule dargestellt. Es handelt sich dabei um die Ebenen der Partizipation an der Gestaltung des Schullebens, die Effektivität und Bedeutung der Schülergremienarbeit, die Partizipation im Unterricht, das Mitspracherecht bei der Notengebung und die Partizipation bei der Erstellung oder Änderung der Hausordnung. Der Begriff der Partizipation wird dabei allgemein als Oberbegriff zur Beschreibung von verschiedenen demokratischen Beteiligungsformen in der Schule verstanden, die teilweise auch in den Mitbestimmungs- und Mitwirkungsrechten für Schüler, Eltern und Lehrer gesetzlich geregelt werden. [8]

    II. Die Partizipation an der Gestaltung des Schullebens

    Möglichkeiten der Mitbestimmung von Schülern im Bereich der Gestaltung des Schullebens sind im Rahmen der rechtlichen Vorgaben vor allem den Schülervertretungen in der Gesamtkonferenz vorbehalten. [9] Da also solche für die Schülerschaft relevante Fragen wie die Mitbestimmung bei der Hausordnung, schulischen Veranstaltungen und der Ausgestaltung der Schule ausschließlich in der Gesamtkonferenz erörtert und beschlossen werden, hängt es wesentlich von den gewählten Schülervertretungen ab, welche Möglichkeiten sie nutzen bzw. welche sie von der jeweiligen Schule erhalten, inwieweit Schüler tatsächlich Einfluss auf die Planung und Ausgestaltung des Schullebens nehmen können und wie sie über diesbezügliche Beschlüsse informiert werden.

    Interessant ist die Frage, wie die konkrete Umsetzung der gesetzlichen Vorgaben in den von uns untersuchten Schulen erfolgt. Da wir annehmen, dass die institutionelle Verankerung von Partizipation noch keine hinreichende Bedingung für deren Verwirklichung in der Schule ist, gilt es zu untersuchen, wie die von uns befragten Schüler ihre Partizipationsmöglichkeiten einschätzen.

    Auf Basis vorliegender Untersuchungen [10] lässt sich die These ableiten, dass die Interessen von Schülern in innerschulischen Entscheidungsprozessen immer noch nicht in ausreichendem Maße berücksichtigt werden. Sie soll im Folgenden anhand erster Ergebnisse unserer Studie überprüft werden.

    Tabelle 1 enthält vier Aussagen (Items), die von den Schüler zu bewerten waren.

    Annähernd zwei Drittel der Schüler geben an, Ausflüge und Schulveranstaltungen mitorganisieren zu dürfen. Auch die Möglichkeit, sich an der Ausgestaltung der Schule beteiligen zu können, wird von fast zwei Dritteln bejaht. Die Mitbestimmung bei der Auswahl der Freizeitangebote wird von den befragten Schülern etwas kritischer gesehen, hier stimmen nur knapp 60 Prozent zu. Die stärker den Unterricht betreffende Frage nach der Mitgestaltung von Projekttagen liegt wieder im Trend der beiden ersten Items und wird von zwei Dritteln positiv gewertet. Demgegenüber gibt ein Drittel der Schüler an, gar nicht oder eher nicht an der Gestaltung des Schullebens mitwirken zu dürfen. Vergleicht man dieses Ergebnis mit den Zahlen der Studie "Schulentwicklung in Sachsen-Anhalt" [11] , die im Sommer 1997/1998 durchgeführt wurde (72 - 84 Prozent Zustimmung in den genannten Bereichen), deutet sich ein abnehmender Trend bei der positiven Einschätzung von Gestaltungsmöglichkeiten des Schullebens an. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass in der erwähnten Studie Schüler der fünften und achten Klasse befragt wurden, während in der vorliegenden Studie jene der achten, neunten und elften Klasse/1. Lehrjahr (Berufsschule) zum Untersuchungskreis gehörten.

    Eine Aufschlüsselung nach Schulform und Klassenstufe ergibt, dass die positive Einschätzung von Partizipationsmöglichkeiten bei der Gestaltung des Schullebens besonders bei den Schülern der Gesamtschulen ausgeprägt ist, gefolgt von den Gymnasiasten. Hierfür könnten unterschiedliche pädagogische Orientierungen der Schulformen verantwortlich sein, die eine stärkere Beteiligung der Schüler an der Gestaltung des Schullebens vorsehen. Demgegenüber fällt die Einschätzung der Sekundar-, Sonder- und ganz besonders der Berufsschüler wesentlich kritischer aus. Möglicherweise findet bei den Berufsschülern eine stärkere Trennung der Lebensräume von Schule und Freizeit statt, da sie im Rahmen des dualen Systems lediglich ein bis zwei Tage in der Schule verbringen, so dass für sie Schule nur ein Lebensraum neben vielen anderen ist und daher die Mitgestaltung der von der Schule initiierten außerunterrichtlichen Aktivitäten keine so große Bedeutung besitzt. Ein weiterer Aspekt, der die Ausgestaltung der vorhandenen Räumlichkeiten betrifft, ist die Bausubstanz der von uns untersuchten Berufsschulen und Gymnasien, die in vielen Fällen deutlich besser als die der Sekundarschulen ist. In Neubauten herrscht ein wesentlich geringerer Handlungsdruck zur Verbesserung der Raumsituation.

    Bei der Betrachtung der Altersstufen liegt die Einschätzung schulischer Partizipation von Schülern der achten und neunten Klassen in etwa auf demselben Niveau. Es zeigt sich aber auch, dass die Schüler der elften Klassen und die Berufsschüler ihre Partizipationsmöglichkeiten schlechter einschätzen. Dies liegt u. E. daran, dass sie mit zunehmendem Alter eine kritischere Sicht auf die Reichweite schulischer Partizipation entwickeln und zugleich eigene Aktivitäten reduzieren. Dieser These wird im weiteren Verlauf der Ergebnisdarstellung nachgegangen; sie ist besonders im Hinblick auf die Frage der Effektivität und Bedeutung der Schülergremienarbeit wichtig.

    III. Die Effektivität und Bedeutung der Schülergremienarbeit

    Ausgehend von der bereits erwähnten Studie zur Untersuchung der Relevanz der Schülermitverwaltung [12] und dem zunächst verblüffenden Ergebnis der Diskrepanz zwischen der Beurteilung, für wie sinnvoll Schüler dieses Gremium halten und welche tatsächliche Bedeutung die Schülermitverwaltung im konkreten Schulleben besitzt, haben wir diese Thematik erneut aufgegriffen und die Frage der Effektivität und Bedeutung der Schülergremienarbeit zum Thema gemacht. Die Einschätzungen der Schüler zu zwei Aussagen sind in Tabelle 2 zusammengefasst.

    Mehr als die Hälfte der befragten Schüler (54,6 Prozent) schätzt die Umsetzungsmöglichkeiten von Vorschlägen ihrer Schülervertreter an ihrer Schule als eher schlecht ein. Noch kritischer äußern sie sich zur generellen Bedeutung der Schülervertretung an ihrer Schule. Hier geben fast zwei Drittel (64,9 Prozent) der Befragten an, dass es gar nicht bzw. eher nicht zutrifft, dass die Schülervertretung eine große Bedeutung besitzt. Lediglich fünf Prozent messen der Schülervertretung eine große Bedeutung bei, ein Wert, der deutlich unter dem in der Studie von Sibylle Schneider (17 Prozent) liegt. [13] Gleichwohl fällt auf, dass die Schüler, wenn sie hypothetisch die Möglichkeit guter Vorschläge und deren Umsetzung beurteilen sollen, die Gremienarbeit besser einschätzen. Ein Grund für diese Diskrepanz könnte in der mangelnden Kenntnis dieser Gremien liegen, die auch in den Gruppendiskussionen mit den Schülern zum Ausdruck kam. Die von uns befragten Schüler der Sekundarschule messen den Gremien an ihrer Schule keinen großen Stellenwert bei. Sie sind zwar formal über das Wahlprozedere ihrer Gremienvertreter unterrichtet worden; welche Aufgaben und Verantwortlichkeiten an das Amt geknüpft sind, ist ihnen aber nicht bekannt. Sie fühlen sich nicht ernst genommen und kritisieren die Einflusslosigkeit der Schülervertretung in der Gesamtkonferenz. Sie nehmen sich als "Handlanger" der Lehrer wahr und weisen die mit dem Amt verbundene zusätzliche Arbeitsbelastung ab.

    Ein anderes Bild zeichnen die Schüler eines Gymnasiums. Sie berichten von einem langen schulinternen Ringen um den Aufbau eines Gremiums der Schülervertretung, das schließlich unter dem Einsatz weniger engagierter Schüler und wohlwollender Unterstützung des Lehrerkollegiums installiert werden konnte. Die befragten Gremienvertreter fassen ihre Tätigkeit als "Politik in der Schule" auf, sehen jedoch auch die Begrenztheit ihrer Möglichkeiten aufgrund der Mehrheitsverhältnisse in der Gesamtkonferenz. Die letztgenannte Schule ist ein schönes Beispiel dafür, wie mit Geduld, Unterstützung und Offenheit seitens der Schulleitung und Lehrerschaft bei engagierten Schülern das Interesse an schulischer Gremienarbeit geweckt werden kann.

    Ausgehend von der erwähnten These, dass mit zunehmendem Alter das Bedürfnis von Schülern nach Mit- und Selbstbestimmung [14] zu mehr Sensibilität gegenüber nicht oder nur eingeschränkt zugestandenen Mitbestimmungsmöglichkeiten führt [15] , widmen wir uns nun wie beim vorangegangenen Thema der Verteilung nach Schulform und Klassenstufe. Interessanterweise nimmt die Sonderschule, was die Zustimmungswerte angeht, eine Spitzenstellung ein. Da es sich um die einzige Sonderschule in unserer Untersuchung handelt, können Aussagen nur für diese gelten. Kleinere Klassenzahlen und die intensivere Betreuung einer besonderen Schülerklientel erfordert ein größeres Maß an gemeinschaftlichen Aushandlungsprozessen, die offenbar zu besseren Werten führen, als dies bei den übrigen Schulen der Fall ist. Die Einschätzung der Effektivität und Bedeutung der Schülergremienarbeit ist auch an Gymnasien noch deutlich höher als etwa an den Gesamt- und Sekundarschulen. Das Schlusslicht bilden wieder die Berufsschulen. Die Gründe für diesen Befund liegen unter anderem am bereits erwähnten dualen System.

    IV. Partizipation im Unterricht

    In diesem Abschnitt erfolgt eine Differenzierung zwischen Schülerpartizipation bei der Mitgestaltung des Unterrichts einerseits und bei der Leistungsbewertung, d. h. dem Mitspracherecht bei der Notengebung andererseits. Laut Schulgesetz (§ 49) besteht für die Schülerschaft ein Recht auf Anhörung bei Leistungsbewertungen. Dies betrifft jedoch nur grundsätzliche Entscheidungen, womit Einflussmöglichkeiten für Schüler auf die alltägliche Notengebung nicht direkt angesprochen werden. Bei den Fragen zu inhaltlichen und methodischen Gestaltungsweisen des Unterrichts wird den Lehrern im Schulgesetz eine Erörterungspflicht vorgeschrieben. [16] Direkte Mitbestimmungsrechte für Schüler werden im Gesetz jedoch nicht explizit formuliert. Das Thema Partizipation im Unterricht wird in unserer Untersuchung durch drei Einzelitems erfasst. Tabelle 3 zeigt die Haltung der Schüler dazu.

    68 Prozent der befragten Schüler sind der Auffassung, den Unterricht so hinnehmen zu müssen, wie er ist, gut zwei Drittel nehmen ihn folglich als unbeeinflussbar wahr. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der Frage, ob die Schüler bei der Unterrichtsgestaltung mitentscheiden dürfen. Ca. zwei Drittel geben an, dies sei nicht oder nur mit Einschränkung möglich. Bei der Frage, ob man durch gute Vorschläge den Unterricht beeinflussen kann, ist knapp die Hälfte (48,1 Prozent) der Schülerschaft der Meinung, dies nicht oder nur eingeschränkt tun zu können. Genauer betrachtet ergibt sich eine gewisse Inkonsistenz in den Aussagen der Schüler, geben doch immerhin 52 Prozent an, mit guten Vorschlägen den Unterricht beeinflussen zu können. Es liegt der Verdacht nahe, dass ein gewisser Teil der Schülerschaft trotz potenzieller Einflussmöglichkeiten auf Interventionen freiwillig verzichtet. Die von uns in den Gruppendiskussionen befragten Lernenden beider Schulen führen in diesem Zusammenhang die Gestaltungspflicht der Lehrenden an. Diese wird von den Schülern in vielen Fällen geradezu gefordert, besonders im Hinblick auf das Erreichen von prüfungsrelevanten Lernzielen. Die Konzentration auf funktionale Gesichtspunkte von Schule seitens der Lernenden mit gleichzeitigem Verzicht der Wahrnehmung eigener Partizipationsmöglichkeiten wurde auch von Meinert A. Meyer und Ralf Schmidt herausgestellt. [17]

    In der Studie von Heinz-Hermann Krüger, Gunhild Grundmann und Catrin Kötters [18] lagen die Werte für die unterrichtliche Partizipation bei etwa 50 Prozent, sodass sich eine tendenzielle Verschlechterung bei der Beurteilung von Partizipationsmöglichkeiten im Unterricht zeigt. Dabei ist allerdings zu beachten, dass sich die Studie auf Schüler der fünften und achten Klasse bezieht. Als Fazit der quantitativen Untersuchung kann festgehalten werden, dass sich die Mehrheit der Schüler als nicht gleichberechtigte Partner in die Planung, Gestaltung und Auswertung des Unterrichts einbezogen fühlt. Als Beispiel für diesen Befund können die Aussagen der von uns befragten Schüler der Sekundarschule herangezogen werden. Sie kennzeichnen ihren Unterricht als stark stofforientiert und lehrerzentriert. Sie bemängeln vor allen Dingen die Methodenmonotonie des Unterrichts und die fehlende Diskussion aktueller Themen.

    Bei der Befragung der Fünft- und Achtklässler durch Krüger/Grundmann/Kötters wurde festgestellt, dass die Schülereinschätzungen zum Bereich der Unterrichtsgestaltung erheblich von der Schulform abhängen. [19] Anhand unserer Ergebnisse wird deutlich, dass die Gesamtschule in Fragen partizipativer Unterrichtsgestaltung eine Spitzenstellung im Vergleich zu den anderen Schulen einnimmt. Die übrigen Schulformen nehmen eine Mittelstellung ein, während die Sekundarschulen im Vergleich eher schlechter abschneiden. Dieses Ergebnis deckt sich nur teilweise mit den Befunden der genannten Studie, in der gerade die Sekundarschulen eine deutlich positivere Tendenz erkennen ließen als die übrigen Schulen und die Gesamtschule eine Mittelstellung einnahm. Pädagogische Schwerpunktsetzungen und unterrichtliche Orientierungen einzelner Schulformen und auch Schulen spielen eine große Rolle bei der Frage unterrichtlicher Partizipation. Die These, dass sich z. B. Gymnasien stark auf die Qualität der Abschlüsse ihrer Schüler, also die Leistungsmessung konzentrieren und hierfür vorwiegend die frontale Unterrichtsmethode einsetzen, [20] muss kritisch hinterfragt werden. Bezogen auf Altersstufen lässt sich allerdings eine leichte Zunahme der positiven Einschätzungen von Partizipationsmöglichkeiten im Unterricht mit zunehmendem Alter feststellen.

    Wir haben die Schüler auch zu dem zweiten Themenkomplex unterrichtlicher Partizipation befragt, die Partizipation bei der Notengebung. Dabei fragten wir nach ihrer generellen Einschätzung, ob sie bei der Notengebung mitentscheiden dürfen (vgl. Tabelle 4).

    83,3 Prozent der Schüler geben an, nicht oder nur sehr eingeschränkt bei der Notengebung mitentscheiden zu dürfen. Dieser Befund deckt sich mit den Ergebnissen der Studie von Krüger/Grundmann/Kötters, bei der schulformunabhängig ebenfalls ca. 80 Prozent der Schüler angaben, nicht in die Notenfindung einbezogen zu werden. [21]

    V. Die Partizipation bei der Erstellung oder Änderung der Hausordnung

    Auf der institutionellen Ebene spielt die Hausordnung bei der Gestaltung des Schullebens eine wichtige Rolle; sie wurde bei der Frage nach Mitbestimmungsmöglichkeiten von Schülern in der Schule sowohl von der Lehrer- als auch von der Schülerschaft in den von uns durchgeführten Interviews und Gruppendiskussionen häufig genannt. Wir sind dieser Frage ebenfalls nachgegangen und haben die Schüler gefragt, ob sie bei der Erstellung oder Änderung der Hausordnung mitentscheiden dürfen (vgl. Tabelle 5).

    In diesem für Schüler und Lehrer als Partizipationsform auf schulischer Ebene wichtigen Bereich nehmen knapp 84 Prozent der Schüler eine negative Einschätzung vor. Damit wird deutlich, dass die Erstellung oder Änderung der Hausordnung, also die Ordnung, welche das Zusammenleben von Schülern und Lehrern in der Institution Schule regelt, weitestgehend von den Erwachsenen bestimmt wird. Ähnlich hohe Werte finden sich auch bei der Studie von Krüger/Grundmann/Kötters zur Schulentwicklung, in der 81 Prozent der Schüler angaben, nicht bei der Erstellung oder Änderung der Hausordnung mitbestimmen zu können. [22] Exemplarisch für diesen Befund sind die Aussagen der Realschüler in der Gruppendiskussion. Sie wissen zwar, dass es eine Hausordnung gibt, kennen deren Inhalt jedoch nicht und weisen darauf hin, dass diese auch nicht öffentlich gemacht wird. Diese negative Einschätzung kann natürlich darauf zurückzuführen sein, dass die Hausordnung nicht jedes Jahr neu erstellt oder reformiert wird und insofern tatsächlich randständig bleibt. Die Regelaushandlung im Schulalltag erfolgt meist vor dem Hintergrund der von Lehrern gesetzten Normen.

    VI. Fazit

    Bei der Betrachtung der ersten Befunde unserer Untersuchung lassen sich die Ergebnisse der Studie zur Schulentwicklung von Krüger/Grundmann/Kötters im Wesentlichen weiterschreiben. Die einzelnen hier dargestellten Bereiche schulischer und unterrichtlicher Partizipation zeigen, dass ca. zwei Drittel der Schüler eine positive Beurteilung der außerunterrichtlichen Beteiligungsmöglichkeiten vornehmen. In diesem Bereich, der sich im Wesentlichen auf schulische Zusatzangebote im Rahmen unterrichtsfreier Zeit bezieht, werden den Schülern in Sachsen-Anhalt umfassende Beteiligungsrechte zugebilligt. Im Kernbereich von Schule, dem Unterricht, fällt die Einschätzung deutlich negativer aus. Wenn die Mehrheit der Schüler der Meinung ist, den Unterricht nicht mitgestalten zu können, deutet dies darauf hin, dass der Unterricht weiterhin durch eine Vielzahl von Normierungen stark reglementiert ist und von den Schülern unter dem Aspekt von Notendruck, begrenzten Zeitbudgets, engen Lehrplanvorgaben und frontalen Unterrichtsmethoden wahrgenommen wird. [23] Diese fühlen sich dann nicht als Partner in der Schule, wenn sie in Diskussionen um schulische Werte und Normen nicht einbezogen werden. Von der Mitbestimmung bei der Reform oder Erstellung der Hausordnung werden Schüler auch heute noch weitgehend ausgeschlossen.

    Die genannten Problembereiche sind vor allem vor dem Hintergrund demokratietheoretischer Überlegungen bedenkenswert, besonders wenn die Befunde wie im vorliegenden Fall darauf hinweisen, dass die Einschätzung der Effektivität und Bedeutung der schulischen Gremien mit zunehmendem Alter nachlässt. Hier kann - neben der mit dem Alter ohnehin steigenden Kritik an der Schule - eine sich im Laufe des Schulbesuchs verfestigende Enttäuschung über die Reichweite von Gremienaktivitäten vorliegen. Diese These wird durch die Diskussionen mit erfahrenen Schülervertretern untermauert, die ihrer Skepsis in Bezug auf die Gremienarbeit dadurch Ausdruck verleihen, dass sie diese als Scheinpartizipation ohne wirkliches Mitbestimmungsrecht kritisieren.

    Die Partizipation von Schülern im Fachunterricht sollte daher durch Verfahren der Selbstevaluation unterstützt werden, bei denen Lehrer- und Schülerschaft sich zu verständigen suchen. Das Ziel eines stärker reflexiven Unterrichts gilt es durch Vorschläge zu stärken. Gerade im Bereich der verfassten Schülervertretung kann Demokratie in ihren Verfahren und Anforderungen erfahrbar werden. Die Schüler brauchen kontinuierliche Hilfen bei der Wahrnehmung ihrer Interessen. Die Rechte der SMV und die (Fort)bildung der gewählten Repräsentanten sind zu stärken.

    Wie andere Untersuchungen und Schülerumfragen gezeigt haben, [24] handelt es sich bei der vorgestellten Thematik keineswegs um ein spezifisches Problem an Schulen in Sachsen-Anhalt. Unter dem Gesichtspunkt der Förderung unterrichtlicher Partizipation und der Mitbestimmung von Schülern in der schulischen Gremienarbeit besteht also weiterhin Reformbedarf vor allem vor dem Hintergrund des Nachweises, dass eine partizipative Schulkultur das schulische Wohlbefinden und die Motivation der Schüler für die Schule und die Bereitschaft, sich für die Gestaltung des Schullebens mitverantwortlich zu fühlen, steigert. [25]

    Fußnoten

    1.
    Das vom Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt finanzierte Forschungsprojekt wird im Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg durchgeführt und von Heinz-Hermann Krüger und Sibylle Reinhardt geleitet. Ziel ist es, erstmals im Bundesland Sachsen-Anhalt das Verhältnis von Jugendlichen im Schul- und Berufsschulalter zu Demokratie und Politik in einer quantitativen Studie sowie ergänzend und vertiefend in einer qualitativen Studie zu untersuchen.
    2.
    Vgl. G. Auernheimer/M. Doehlemann, Mitbestimmung in der Schule, München 1971.
    3.
    Vgl. S. Schneider, Zum Entwicklungsstand der Schülermitverwaltung, in: Gesellschaft - Staat - Erziehung, (1967) 1, S. 48-54, hier: S. 51.
    4.
    Vgl. J. Keuffer, Schülerpartizipation in Schule und Unterricht, in: W. Helsper/H.-H. Krüger/H. Wenzel (Hrsg.), Schule und Gesellschaft im Umbruch, Bd. 2, Weinheim 1996, S. 160-181; M.A. Meyer/R. Schmidt (Hrsg.), Schülermitbe"teiligung im Fachunterricht, Opladen 2000.
    5.
    Vgl. A. Mauthe/H. Pfeiffer, Schüler gestalten mit - Entwicklungslinien schulischer Partizipation, in: H.G. Rolff u. a. (Hrsg.), Jahrbuch der Schulentwicklung, Bd. 9 Daten, Beispiele, Perspektiven, Weinheim-München 1996, S. 221-260.
    6.
    Vgl. H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters, Jugendliche Lebenswelten und Schulentwicklung, Opladen 2000.
    7.
    Vgl. D. Baacke/B. Brücher, Mitbestimmung in der Schule. Grundlagen und Perspektiven der Partizipation, Weinheim und Basel 1982; W. Melzer/D. Stenke, Schulentwicklung und Schulforschung in den ostdeutschen Bundesländern, in: H.G. Rolff u. a. (Anm. 5), S. 307-337; H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters, Diskurse zu Schule und Bildung - Werkstatthefte des ZSL: Partizipationsmöglichkeiten an Schulen in Sachsen-Anhalt, Heft 13, Halle 1998; dies. (Anm. 6) (ZSL = Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung).
    8.
    Vgl. F. Rost, Mitbestimmung - Mitwirkung, in: D. Lenzen (Hrsg.), Pädagogische Grundbegriffe, Bd. 2, Stuttgart 1989, S. 1052-1059.
    9.
    Vgl. Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt (Hrsg.), Schulgesetz des Landes Sachsen-Anhalt in der Fassung vom 27. August 1996, überarbeitete Fassung vom November 2000, Magdeburg 2000.
    10.
    Vgl. A. Mauthe/H. Pfeiffer (Anm. 5); D. Randoll, Schulwirklichkeiten. Vergleichende Betrachtung der Ergebnisse einer Befragung von Abiturienten und ihren Lehrern zur Wahrnehmung von Schule, Baden-Baden 1997; H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters (Anm. 6).
    11.
    Vgl. H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters (Anm. 6).
    12.
    Vgl. S. Schneider (Anm. 3).
    13.
    Vgl. ebd.
    14.
    Vgl. C. Kötters/H.-H. Krüger/A. Brake, Wege aus der Kindheit, Verselbständigungsschritte ins Jugendalter, in: P. Büchner/B. Fuhs/H.-H. Krüger (Hrsg.), Vom Teddybär zum ersten Kuss. Wege aus der Kindheit in Ost- und Westdeutschland, Opladen 1996, S. 99-128; C. Kötters, Wege aus der Kindheit in die Jugendphase. Biographische Schritte der Verselbständigung im Ost-West-Vergleich, Opladen 2000.
    15.
    Vgl. H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters (Anm. 6).
    16.
    Vgl. Kultusministerium Sachsen-Anhalt (Anm. 9), S. 49.
    17.
    Vgl. M.A. Meyer/R. Schmidt (Anm. 4).
    18.
    Vgl. H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters (Anm. 6).
    19.
    Vgl. ebd.
    20.
    Vgl. ebd., S. 274.
    21.
    Vgl. ebd.
    22.
    Vgl. ebd.
    23.
    Vgl. ebd.
    24.
    Vgl. A. Mauthe/H. Pfeiffer (Anm. 5); D. Randoll (Anm. 10).
    25.
    Vgl. H.-H. Krüger/G. Grundmann/C. Kötters (Anm. 6); C. Kötters/R. Schmidt/C. Ziegler, Partizipation im Unterricht - Zur Differenz von Erfahrung und Ideal partizipativer "Verhältnisse im Unterricht und deren Verarbeitung, in: J. Böhme/R.-T. Kramer (Hrsg.), Partizipation in der Schule, Opladen 2001, S. 93-122.

    Ralf Schmidt

    Zur Person

    Ralf Schmidt

    M. A., geb. 1968; wissenschaftlicher Mitarbeiter im Projekt "Jugend und Demokratie in Sachsen-Anhalt" am Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung, Halle.

    Anschrift: Zentrum für Schulforschung und Fragen der Lehrerbildung, Hoher Weg 16, 06099 Halle.
    E-Mail:schmidt@zsl.uni-halle.de

    Veröffentlichungen u. a.: (Hrsg. zus. mit M. A. Meyer) Schülermitbeteiligung im Fachunterricht, Opladen 2000.


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