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26.5.2002

Editorial

Wer in die neuen Länder reist, kommt in ein "neues Deutschland": Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen und Gewerbegebiete scheinen gerade erst angelegt worden zu sein.

Einleitung

Wer in die neuen Länder reist, kommt in ein "neues Deutschland": Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen, Gewerbegebiete scheinen gerade erst angelegt worden zu sein, Wohnsiedlungen wirken wie vom Reißbrett in die Landschaft gestellt, die Zentren nicht nur der großen Städte machen einen blank geputzten Eindruck. Die Besucher staunen. Die Einheit scheint gelungen, mehr noch: In Ostdeutschland scheint alles neuer, besser, schöner zu sein als im Westen Deutschlands. Das stimmt und ist zugleich falsch. Der Besucher wird die Zentren verlassen und mit den Menschen am Rande der Gesellschaft reden müssen, wenn er ein stimmigeres Bild mit nach Hause nehmen möchte. Die schwierige wirtschaftliche Lage und damit verbundene höhere Arbeitslosigkeit sieht man nicht - nicht auf den ersten Blick.

Johannes L. Kuppe kommt denn auch in seinem Essay - bei insgesamt positiver Bilanz - zu dem Ergebnis, dass die Vereinigung noch nicht ganz bewältigt ist. Mit seiner provokativen Frage, ob sie ein "Glücksfall oder ein Danaergeschenk der Geschichte" gewesen sei, benennt er die beiden Pole der Gefühlsbewegungen der Deutschen zu diesem Thema.

Gefühle sind auch beim Thema "Gerechtigkeit" im Spiel. Nach Alexander Thumfart gibt es eine Gerechtigkeitsdifferenz in Deutschland. Die abweichenden Vorstellungen von Gerechtigkeit in den neuen Ländern stabilisierten die Ausbildung einer gegenüber Westdeutschland negativen kollektiven Identität. Die Folge sei, dass sich die Legitimität des politischen Systems zumindest in Fragen der Gerechtigkeit auf niedrigem Niveau halte. Thumfart plädiert für eine aufrichtige öffentliche Auseinandersetzung um die unterschiedlichen Gerechtigkeitsvorstellungen und die Suche nach gemeinsamen Gerechtigkeitsnormen.

Die sukzessive Angleichung der Lebenslagen in den neuen Ländern geht mit einer Kultivierung der Differenz einher. Roland Roth zeigt dies am Beispiel des bürgerschaftlichen Engagements in Ostdeutschland. Neben positiven und ambivalenten Besonderheiten gebe es auch die "dunklen Seiten" des Engagements. Antipluralistische Einstellungen seien mehrheitsfähig. ,Ordnung' gelte immer noch als Grundlage jedweder Politik. Die Politisierung und Konfliktorientierung der Kommunalpolitik in Westdeutschland habe in Ostdeutschland keine Entsprechung. Damit sei der politische Raum bürgerschaftlicher Selbsttätigkeit eng begrenzt.

Offene Fragen des deutschen Vereinigungsprozesses sind ein Grund für die vermehrte Abwanderung gen Westen. Das Weggehen nicht nur junger und qualifizierter Menschen könne, so Nikolaus Werz, den Eindruck befördern, in "einem deutschen Mezzogiorno mit Regen und Wolken" zu wohnen. Auch wenn Teile der neuen Länder mittlerweile eine hochmoderne Infrastruktur vorweisen könnten, müsse die Vereinigung weiterhin als aktive Aufgabe betrachtet werden, mit dem Ziel, in überschaubarer Zeit eine Annäherung der Lebenschancen gerade für die jüngere Generation zu erreichen.

Auf die Geschlechterverhältnisse hat sich die Transformation des politischen Systems nicht unbedingt positiv ausgewirkt. Nach den Ergebnissen von Brigitte Geißel und Birgit Sauer ist es nach der Wende auf der Ebene der Kommunalpolitik zwar zu einem Mobilisierungsschub von Frauen gekommen, aber gleichzeitig hat sich der Anteil der Kommunalpolitikerinnen nahezu halbiert und damit dem westlichen "Vorbild" angepasst. Die zu DDR-Zeiten auf der Ebene der Lokalpolitik vergleichsweise stark vertretenen Frauen seien in großem Maße durch Männer verdrängt worden.

Katharina Belwe

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