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26.5.2002

Editorial

Europa wird aus demographischen und wirtschaftlichen Gründen nicht auf die Zuwanderung von Arbeitskräften verzichten können. Dieses Thema besitzt allerdings ein hohes Maß an sozialer Brisanz.

Einleitung

Das Thema dieser Ausgabe - "Migration in Europa" - steht in direktem Zusammenhang zu dem der B 3-4/2001: "Demographischer Wandel und Erwerbsarbeit in der Bundesrepublik Deutschland". Dort wurde über die Konsequenzen des Alterns unserer Gesellschaft für die Arbeitswelt diskutiert und für einen sorgsameren Umgang mit dem Leistungspotenzial unserer Bevölkerung plädiert: Der demographische Wandel mache die Berücksichtigung älterer Menschen als Arbeitskräfte- und Know-how-Reservoir erforderlich. Die Autoren dieser Ausgabe sehen darüber hinaus die Notwendigkeit der Zuwanderung von Arbeitskräften nach Deutschland und Europa.

Nach Alfredo Märker scheint sich in der Politik allmählich die Einsicht durchzusetzen, dass Europa aus demographischen und wirtschaftlichen Gründen nicht auf die Zuwanderung von Arbeitskräften verzichten kann. Die wichtigste Herausforderung liege dabei in der Vermittlung der Einsicht, dass Europa in Zukunft sogar vermehrt auf Zuwanderung angewiesen sein werde. Vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Sorgen und kulturellen Überforderungsängste ihrer (Wahl)bevölkerung falle es den europäischen Regierungen jedoch schwer, dies zu verkünden. Zuwanderungsfragen implizieren offenbar in den meisten europäischen Staaten ein derart hohes Maß an sozialer Brisanz, dass an eine rationale Politikgestaltung und eine aktive Zuwanderungspolitik kaum zu denken ist. Kurzfristige nationalstaatliche Interessenverfolgung hat jedoch eine - in letzter Konsequenz womöglich nicht beabsichtigte - Politik der Abschottung Europas zur Folge. Dem kann aus der Sicht des Autors durch eine gemeinsame europäische Vorgehensweise gegengesteuert werden.

Zwischen den Mitgliedstaaten der EU hat die Migration nicht zu den befürchteten Problemen geführt. Weniger als zwei Prozent aller Arbeitskräfte kommen in den EU-Ländern aus einem anderen Mitgliedsland; den größten Teil der ausländischen Arbeitskräfte stellen die Angehörigen aus Drittstaaten. Die Erklärung für die relativ niedrige Mobilität der Arbeitskräfte in Europa liegt für Heinz Werner im vergleichsweise geringen Wohlstandsgefälle innerhalb der EU. Durch den zu erwartenden Beitritt der mittel- und osteuropäischen Länder stelle sich das Problem jedoch noch einmal neu. Dabei komme Polen als größtem Beitrittsland besondere Aufmerksamkeit zu. Aufgrund der großen wirtschaftlichen Unterschiede seien Migrationsentscheidungen denkbar. Befürchtungen einer massenhaften Zuwanderung hält der Autor mit Verweis auf die Erfahrungen bei der Süderweiterung jedoch für nicht begründet.

Bernd Hof geht der Frage nach, in welchem Ausmaß der demographische Wandel in der Bundesrepublik Deutschland die Entwicklung des Arbeitskräftepotenzials künftig prägen wird. Er sieht den Standort Deutschland in zweifacher Weise durch den demographischen Wandel gefährdet: durch eine spürbare Schrumpfung und zugleich fortschreitende Alterung des Arbeitskräfteangebots. Dadurch sei der Zuwachs neuen Wissens, der sich über den Arbeitskräftenachwuchs generiere, gefährdet. Eine Lösung des Problems sieht der Autor in der Migration und der Geburtenbelebung. Die Migration wirke den genannten Tendenzen unmittelbar entgegen, während die Potenzialeffekte eines Geburtenanstieges sich nur zögernd auswirkten. Bernd Hof plädiert vor diesem Hintergrund für Einwanderungs- und Familienpolitik.

Katharina Belwe

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