zurück 
6.4.2018

Jerusalemer Begegnungen: Eine Straßenbahnfahrt - Essay

Um kurz nach 10 Uhr steht Avihu Lugassi an der Haltestelle Herzlberg und wartet auf die Linie 1 der Jerusalemer Straßenbahn. Es gibt nur diese eine Linie, und die beginnt in dem bürgerlichen jüdischen Viertel Kiryat HaYovel mit seinen gepflegten kleinen Straßen, Ein- und Mehrfamilienhäusern, aber auch modernen mehrstöckigen Mietshäusern, die begehrt sind, vor allem bei frommen Familien. Schräg gegenüber der Haltestelle ist ein Hostel, in dem ältere Bürgerinnen und Bürger leben, die zumeist in den 1990er Jahren aus den früheren Sowjetstaaten nach Israel eingewandert sind. Wer das Grab von Theodor Herzl, Visionär des Judenstaates, besuchen möchte, der steigt am Herzlberg aus, und auch die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ist von hier aus nur einen kurzen Fußweg entfernt.

Für den 17-jährigen Lugassi hat an diesem Freitag gerade das Wochenende begonnen. Er will zum Mahane Yehuda Markt, bummeln, vielleicht ein paar Nüsse kaufen oder etwas zum Naschen, bevor er zu seiner Familie fährt, die in Netanya lebt, an der Mittelmeerküste. Der junge Mann ist Schüler einer Yeshiva, einer Thoraschule, in der orthodoxe jüdische Männer die heiligen Texte studieren. Er trägt schwarze Hosen und ein ordentlich gebügeltes weißes Hemd, die schwarze Kippa sitzt auf den dunklen Locken mit einer Haarnadel fest. Seine nackten Füße stecken in Crocs und lassen den Jungen in dem werdenden Mann hervorlugen, so wie Reste von Babyspeck im Gesicht eines Pubertierenden.

"Immer in Jerusalem bleiben", will Lugassi und setzt hinzu: "Mit Gottes Hilfe." Das ganze jüdische Volk sollte in der Heiligen Stadt leben, "um bereit zu sein, wenn der Messias kommt", was, wie der junge Mann glaubt, schon bald geschehen werde. Der Messias werde durch das Goldene Tor am Tempelberg schreiten, den Weltfrieden bringen und vor allem die Toten wieder auferstehen lassen. Wie das genau funktionieren könne, "weiß ich auch nicht", gibt Lugassi zu. Es gebe dazu unterschiedliche Vermutungen. Auch seine Lehrer seien sich nicht immer einig. Nur dass Jerusalem Hauptstadt Israels ist, darüber gebe es unter den orthodoxen Juden und Jüdinnen keinen Streit. Lugassi spricht leise und schnell, aber sehr bestimmt. Dass US-Präsident Donald Trump Jerusalem vor ein paar Monaten auch offiziell als Hauptstadt anerkannt hat, findet er "ganz nett".

Auch 70 Jahre nach Gründung des Staates Israel ist noch immer völlig offen, wem Jerusalem gehört und welche Teile der Stadt Israel und welche den Palästinensern zugesprochen werden sollen, wenn es eines Tages doch noch zur Zweistaatenlösung kommen sollte. In Jerusalem leben die beiden Völker zusammen und praktizieren damit in Ansätzen schon das Alternativmodell der Einstaatenlösung, was mal besser, oft aber weniger gut funktioniert. Theoretisch haben die palästinensischen Bürgerinnen und Bürger der Stadt Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft. Nur ein Bruchteil von ihnen lässt sich jedoch auf den mühsamen bürokratischen Prozess ein, der zudem von vielen als Verrat an der palästinensischen Sache empfunden wird und als politisch fatal bei denen gilt, die sich Jerusalem als Hauptstadt Palästinas wünschen.

Die Stadtbahn verbindet den jüdischen Westen mit dem arabischen Osten, sie schafft den Anschluss zwischen reichen und armen Vierteln und überquert dabei eine Grenze, von der höchst strittig ist, ob es überhaupt eine Grenze ist, so wie hier fast alles ziemlich strittig ist.

Vom Herzlberg zum Markt



An der Haltestelle Herzlberg warnt ein Signalton die Fahrgäste. Die Türen schließen, und der Zug ruckt an. Die Stadtbahn fährt mit flottem Tempo über den Herzl-Boulevard, bis der Zug die "Weiße Harfe" erreicht, eine kaum zehn Jahre alte Hängebrücke an der Stadteinfahrt über der Autobahn Richtung Tel Aviv. Nächster Halt ist der zentrale Busbahnhof West-Jerusalems. Hier fahren unter anderem die Busse nach Tel Aviv, Netanya, Haifa und Eilat ab. Das Publikum wird gemischter, die ersten Touristinnen und Touristen steigen zu sowie Araberinnen und Araber, die in West-Jerusalem arbeiten oder dort Besorgungen machen. Unter die ganz in Schwarz und Weiß gekleideten jüdischen Männer mischen sich vermehrt Jeansträger und Frauen mit bunten knielangen Röcken, die nackten Füße in Sandalen.

Yeshiva-Schüler Lugassi steigt an der Jaffastraße, Ecke Mahane Yehuda aus, wo sich am späten Vormittag schon viele Menschen, die für das Wochenende einkaufen, durch die Marktgassen drängeln. Ein junger Musiker mit der für nationalreligiöse Juden typischen, buntgehäkelten Kippa auf dem Kopf und den Zizit, den Schaufäden traditionell jüdischer Kleidung, unter seinem Kapuzenpullover, lässt mit gekonntem Trommeln auf Plastikeimern und Metallschalen ein paar Leute innehalten. Am Straßenrand sitzen zwei ältere Israelinnen und halten die Hand auf.

Auf dem Markt geht es bunt durcheinander zu, mal auf Hebräisch, mal auf Arabisch, und ab und an mischt sich Englisch oder Russisch dazwischen. Jüdische Israelis und Palästinenser arbeiten Hand in Hand hinter den mit frischen Mangos, Orangen, Äpfeln vom Golan, Blumenkohl und dicken Kräuterbündeln beladenen Tischen, und auch bei der Kundschaft vermischen sich die Völker. "Den besten Käse der Welt gibt es hier!", ruft eine junge Händlerin und bietet ein dünnes Scheibchen Gouda zum Probieren. Handverzierte Marzipan-Pralinen, Boutique-Weine und seit ein paar Jahren auch Biokost – es gibt nichts, was es auf dem Shuk Mahane Yehuda nicht gibt. Die Straßencafés sind schon am Vormittag gut besucht. Immer exklusiver wird das Angebot mit vielen verschiedenen Sorten gerösteter Bohnen. Die Israelis sind in den vergangenen Jahren wählerischer und anspruchsvoller geworden. Nur Falafel, Humus und zum Nachtisch ein Nescafé reicht heute nicht mehr.

Wesentlich ruhiger geht es gegenüber des Marktes an der verkehrsberuhigten Jaffastraße zu, dort, wo außer der Straßenbahn allenfalls mal eine Radfahrerin oder einige Jugendliche auf Skateboards vorbeikommen. "Anise" heißt der in grellem rot gestrichene Naturkostladen, in dem Schimschon Cohen seine Rente aufbessert. Das Leben ist teuer in Israel, aber die Arbeit macht dem 72-Jährigen noch immer erkennbar Spaß. Cohen hat volles graues Haar, trägt eine schwarze Kippa, und unter dem Pullover schaut ein roter Hemdkragen hervor.

"Was darf es denn sein?", fragt er ein junges Paar, das in den Laden kommt. "Natürlich haben wir Mandelmilch", sagt er freundlich und bleibt es auch, als die beiden wieder gehen, ohne etwas gekauft zu haben. Die Preise sind gesalzen. "Das hier ist eben ein Boutique-Geschäft." Als Kleinkind kam Cohen mit seiner Familie aus Bratislava nach Jerusalem. "Wir können auch deutsch reden", wechselt er akzentfrei in die Sprache seiner Mutter, die in Österreich aufgewachsen ist. "Jerusalem ist für mich mein Lebensmittelpunkt und außerdem von religiöser Bedeutung", erklärt er. Dreimal am Tag betet der traditionell fromme Jude, der versucht, sich an die mitzvot, die religiösen jüdischen Regeln, zu halten, auch wenn er es nicht ganz so streng damit nimmt wie die Orthodoxen. "Natürlich hoffe ich, dass der Messias bald kommt", lächelt er verschmitzt. "Dann würde sich der Konflikt mit den Arabern von selbst lösen." Sehr überzeugt scheint er jedoch nicht zu sein. "Wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben."

Seit einer Weile wohnt Cohen mit seiner Familie in Ost-Jerusalem, in der israelischen Siedlung Pisgat Ze’ev. Als Siedler im besetzten Land würde er sich deshalb nicht bezeichnen, er empfindet sich als "Jerusalemer". Dass die USA Jerusalem nun auch offiziell als Hauptstadt Israels betrachten, habe für ihn allenfalls eine "symbolische Bedeutung". Als junger Soldat habe er "um die Stadt" gekämpft; am Nachmittag wird ihn die Straßenbahn nach Pisgat Ze’ev zurückbringen.

Vom Shuk zum Rathaus



Von Cohens Naturkostladen ist es noch eine Station bis Jaffa – Center. Von dort sind es nur wenige Schritte bis zum Kikar Zion, dem Zionsplatz, um den ein Kaufhaus, eine große Bank, ein Hostel für Rucksacktouristen und ein Straßencafé einen Ring bilden, und von dem die Fußgängerzonen der Ben-Yehuda-Straße und der Yoel-Moshe-Salomon-Straße abzweigen. Vor ein paar Monaten hat das Rathaus vor den Treppen zur Bank ein metallenes Klavier aufstellen lassen. Es wird unablässig darauf musiziert. Eine ältere Frau improvisiert die Melodie von "Jerusalem aus Gold". Der Klassiker des israelischen Liederbuchs stammt aus der Feder der Komponistin Naomi Schemer, die sich vom Sechstagekrieg 1967 und der Eroberung Ost-Jerusalems dazu inspirieren ließ. Das Lied gehört zu jeder offiziellen Veranstaltung der Stadt.

"Die israelischen Lieder spiele ich nach Gehör", sagt die Mitte 70-jährige Frau, die sich als Natalia Gerjienewski vorstellt und einen hellen wollenen Hut und einen brauen Mantel trägt, der ihr fast bis zu den Füßen reicht. Ihre Füße stecken in den gleichen Plastiksandalen, wie sie der junge Lugassi trägt. Sie spricht fehlerhaftes Hebräisch mit breitem russischen Akzent. "Natürlich", so betont sie, habe sie auch "Chopin, Mozart und Schumann im Repertoire". In Taschkent sei sie Musiklehrerin am Konservatorium gewesen, wie ihre Mutter. "Vor 20 Jahren ungefähr" sei sie nach Israel gekommen, als es "Probleme gab in Usbekistan" nach dem Zerfall der Sowjetunion. Ihre berufliche Laufbahn als Klavierlehrerin endete mit der Emigration. "Hier gibt es keine Arbeit, gar nichts." Sie schüttelt die Münzen aus der Plastikschale auf dem Klavier in ihren Beutel und zieht den Mantel enger um den dünnen Körper. Früher habe sie noch Wohnungen geputzt, bis sie zu alt dafür wurde. Dann "saß ich vier Jahre auf der Ben-Yehuda-Straße", um dort zu betteln. "Spenden sammeln" nennt sie es.

Seit das Klavier auf dem Zionsplatz steht, kommt die Musikerin regelmäßig her, mit der Stadtbahn direkt vom Herzlberg, wo vis-à-vis der Haltestelle das Hostel steht, in dem sie seit ein paar Jahren lebt, zusammen mit 200 anderen älteren Immigranten, jeder im eigenen Zimmer, die Küche teilen sich die Bewohner. "Wir haben einen Chor, den begleite ich auf dem Klavier." Für einen Moment leuchten ihre Augen. Geld bekomme sie dafür nicht, darum ginge es auch nicht. "Die Leute hier behandeln uns nicht gut", sagt sie und meint damit den Staat, der sich um die Armen so wenig kümmert. "Das Leben ist schwer." Eigentlich hätte sie gern noch länger auf dem metallenen Klavier gespielt, aber sie ist nicht die einzige. Sie rümpft die Nase. "Das ist Musik, das?", sagt sie, als jemand ein paar einfache Akkorde anstimmt. "Das ist keine Musik." Sie greift ihre Einkaufstasche auf Rädern und verabschiedet sich höflich.

Die Yoel-Moshe-Salomonstraße lädt zum Bummeln ein, vorbei an Restaurants und kleinen Läden, die handgefertigte Töpferwaren oder hölzerne Denkspiele zum Verkauf bieten. Die schmale Straße ist mit 1000 bunten Schirmen überdacht. Ein Hinweisschild deutet den Weg zum Literaturcafé "Tmol Shilshom", das den Namen eines Romans von Samuel Joseph Agnon trägt und in einer parallelen Gasse liegt. Weltliche und religiöse Juden aller Altersgruppen kommen hier zusammen, plaudern oder sitzen in Lehnstühlen vor ihrem Laptop, bis das Café am frühen Nachmittag schließt, rechtzeitig zum Shabbat, sonst würde es sein Koscher-Zertifikat riskieren.

Die Linie 1 fährt weiter Richtung Altstadt, vorbei am Rathaus, vor dem rund zwei Dutzend hochgewachsene Dattelpalmen stehen. Der schlanke Baum gehört typischerweise eher zur Mittelmeerstadt Tel Aviv, während Jerusalem überwiegend mit Olivenbäumen, Sträuchern und Rasenflächen begrünt ist. Tagelang hatte Bürgermeister Nir Barkat nach Trumps Jerusalem-Erklärung Ende 2017 vor seinem Amtssitz mehrere US-Flaggen hissen lassen. Die Stars and Stripes waren das Dankeschön des Bürgermeisters an den US-Präsidenten, der nun bald mit der Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem umziehen will.

Die berühmte alte Weltkarte in Form eines Kleeblatts mit Jerusalem als Mittelpunkt der Erde schmückt den Aufgang zum Platz vor dem Rathaus, der humorvoll dekoriert ist: Ein übergroßes, blaues Transistorradio steht dort und mehrere von Pedalen angetriebene Spielzeuge, die seltsame Geräusche oder Wind machen, wenn man sie in Gang setzt. In einer Ecke des Platzes laden Parkbänke mit dicken bunten Kissen dazu ein, für eine Pause zu verweilen. Dass die Kissen aus Beton sind, merkt man erst, wenn man sie berührt. Ein mannshohes Plakat auf Hebräisch macht darauf aufmerksam, dass die Anmeldung für die ultraorthodoxen Kindergärten "in vollem Gange" ist. Ein Schild auf Arabisch wendet sich mit vergleichbarer Botschaft an die palästinensischen Bürger.


Vom Rathaus zum DamaskusTor



Am Rathaus biegt die Bahn Richtung Osten ab und hält nicht weit entfernt vom Damaskustor, dem Eingang zum muslimischen Teil der Altstadt. Freitags steht dort oft ein Sonderaufgebot berittener Grenzpolizisten bereit, sollte es zu Demonstrationen kommen, was nach Trumps Jerusalem-Erklärung immer wieder der Fall war. Gegen Mittag strömen Tausende Muslime vom Freitagsgebet in der al-Aqsa-Moschee durch die engen Gassen zurück in Richtung Damaskustor und zum palästinensischen Busbahnhof direkt vor der Altstadt.

Der 26-jährige Maslim Barakan aus dem arabischen Stadtviertel Beit Safafa kehrt auf dem Heimweg bei Abu Shukri ein, "dem besten Falafelbäcker in der Altstadt", wie sich Juden und Muslime ausnahmsweise einmal einig sind. Barakan bestellt Falafel, Humus, einen Teller mit sauren Gurken und je einer geviertelten Zwiebel und Tomate. Das essen hier alle. Zweimal wöchentlich geht der fromme Muslim in die al-Aqsa-Moschee. "Jerusalem war immer arabisch und wird es immer bleiben", sagt Barakan und meint beide Stadthälften, Ost und West. Ein Zusammenleben von Juden und Arabern schließt er aus. Die beiden Völker seien zu unterschiedlich. "Es wird immer wieder Probleme geben."

Am Freitag ist im Restaurant von Abu Shukri nicht viel los. Die meisten Muslime essen zusammen mit ihren Familien. Barakan wischt mit einem Stück Pita über den Humusteller. "Allahu akbar", rufen draußen vor dem Laden zornige Frauen und Männer und drängeln die mit Helmen und kugelsicheren Westen ausgestatteten israelischen Grenzpolizisten zur Seite. Beide Gruppen scheinen jedoch darauf bedacht zu sein, es nicht zu Gewalt kommen zu lassen.

"Al-Quds", Barakan benutzt den arabischen Namen für Jerusalem, "gehört uns". Über die al-Aqsa-Moschee möchte er reden und über die Probleme, "die die Juden machen", wenn sie dorthin kämen. "Das dürfen sie nicht, das verbietet der Koran." Schließlich gingen die Muslime ja auch nicht in "ihre Synagogen". Barakan schimpft – nicht wütend, eher entmutigt – darüber, dass "sie uns unser Land wegnehmen" und darüber, dass die Israelis "überall neue Wohnungen bauen", die Palästinenser hingegen gar nicht erst einen Antrag zu stellen bräuchten, denn eine Baugenehmigung zu bekommen, sei ohnehin aussichtslos. "Das ist Rassismus. Das hier ist doch mein Zuhause."

Ob er sich wehrt und ob er schon einmal im Gefängnis war? Er nickt. "Hier wird man schon verhaftet, wenn man nur in die falsche Richtung atmet", ruft ein Mann vom Nebentisch. Sie sitzen zu dritt und haben das Gespräch verfolgt. "Wir waren alle schon einmal im Gefängnis, und wir sind alle schon verprügelt worden." Die drei Männer berichten der Reihe nach, wie lange und wie oft sie hinter Gittern gesessen haben.

Ahmad, der seinen Nachnamen nicht nennen möchte, ist 30 Jahre alt, er trägt moderne Stoffhosen und einen dunkelblauen Strickpullover mit Reißverschluss am Kragen. Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Die Familie wohnt in Beit Hanina, einem eher bürgerlichen palästinensischen Viertel in Ost-Jerusalem, das die jüdische Stadtverwaltung nach dem Sechstagekrieg vor rund 50 Jahren eingemeindet hat. Viele Menschen aus der Jerusalemer Altstadt und aus Hebron im Westjordanland sind nach 1967 dort hingezogen. Er berichtet von dem Tag, an dem er seine Frau aus der Entbindungsklinik abholen wollte, von der Sperre und den Polizisten, "die vier Autos vor mir durchließen, mich aber nicht". Am Ende habe er noch ein Bußgeld zahlen müssen und Strafpunkte bekommen. "Ich war gerade Vater geworden", schimpft er. "Sie hätten mir gratulieren müssen, stattdessen machen sie solche Probleme."

Die drei Palästinenser sind sich einig, dass sie vom israelischen Staat keine Gerechtigkeit erwarten können und dass sie der Willkür der Sicherheitsbeamten ausgesetzt sind. Ahmad ist wütend über die Israelis und über den US-Präsidenten. "Wer ist dieser Trump überhaupt?" Und: "Was bildet der sich ein, darüber zu entscheiden, dass Jerusalem Hauptstadt Israels ist?" So etwas solle er lieber lassen, warnt er. "Denn es kann sein, dass hier was passiert, was du, Trump, dir gar nicht vorstellen kannst." Ahmads Freunde drängen zum Gehen. "Nun komm schon", sagt einer der beiden.

Vor Abu Shukris Fast-Food-Laden hat sich die Menge der vom Gebet heimkehrenden Muslime aufgelöst, und die Grenzpolizisten stehen wieder an ihrem Posten, der dritten Station der Via Dolorosa, gleich neben dem legendären Österreichischen Hospiz mit dem Wiener Kaffeehaus im ersten Stock, wo es Apfelstrudel und Melange gibt. Nur am Damaskustor rufen noch ein paar palästinensische Demonstranten im Chor, dass sie mit "Blut und Seele für Jerusalem kämpfen" werden.

Vom Damaskustor nach Pisgat Ze’ev



In der Straßenbahn ist es leerer geworden. Ein junges Paar in Jeans sitzt im Zug, eine ältere Dame mit dunkler Sonnenbrille und Hut und ein Palästinenser, der drei Plastiktüten mit frischem Brot auf dem Schoß hat. Mamduh Mohammad ist 36 Jahre alt, hat sechs Kinder und sieht müde aus. Er kommt von der Frühschicht in der israelischen Backfabrik Angel im Westen Jerusalems. "Pita backen", sagt er, sei seine Aufgabe.

Vom Damaskustor aus führen die Bahngleise eine Weile entlang der alten Schnittstelle zwischen Ost- und West-Jerusalem. Von der Mauer und dem Zaun, die hier bis 1967 Jordanien und Israel voneinander trennten, ist nichts mehr übrig. Gefühlt ist die Stadt aber noch immer geteilt. Links liegt Me’a She’arim mit seinen frommen Juden, rechts das palästinensisch-muslimische Sheikh Jarrah. Beide Viertel eint ihre Armut und ihre Frömmigkeit. Unterschiedlich sind die Menschen: links die kinderreichen Familien der ganz in schwarz gekleideten frommen Juden, die Männer mit Hüten und die Frauen mit Perücken oder Kopftüchern, rechts die muslimischen Frauen, die auch mit Tüchern die Haare bedecken, anstelle von Röcken aber Kaftane tragen, die ihre Körper vom Hals bis zu den Füßen bedecken. Auch viele der jungen palästinensischen Mädchen in Schuluniform tragen schon früh Kopftücher.

Kaum merklich erreicht die Straßenbahn schließlich Ost-Jerusalem. Es gibt keine Kontrollen an dieser unsichtbaren Grenze, schon deshalb nicht, weil von israelischer Seite der Eindruck bewahrt werden soll, dass die ganze Stadt eins ist. Jerusalem ist die "ewige, unteilbare Hauptstadt Israels", wie Regierungschef Benjamin Netanyahu gerne betont.

Mamduh Mohammad, der mit der Linie 1 nach Hause fährt, hätte nichts gegen ein ungeteiltes Jerusalem, nur sollten die Palästinenser dort das Sagen haben. Am liebsten ist er in der Altstadt von Jerusalem, trinkt Kaffee, isst Knafeh, einen sehr gehaltvollen arabischen Käsekuchen, und trifft Freunde. Auch mit seinen jüdischen Kollegen käme er gut aus, sagt er. "Wir arbeiten und essen zusammen, früher haben sie mich sogar manchmal besucht." Inzwischen kämen sie nicht mehr. "Ich weiß nicht, warum das so ist", sagt er. Da seien immer wieder Leute, "die Probleme machen", aber es helfe ja nichts, "wir müssen hier zusammenleben". Er zuckt mit den Schultern, sagt: "Ich weiß nicht", aber am Konflikt trügen die Muslime keine Schuld. An der Haltestelle in Shu’afat schnappt er sich seine drei Plastiktüten und steigt aus. Mit schweren langsamen Schritten schlurft er nach Hause. Das Viertel ist wie Beit Hanina 1967 der Stadt Jerusalem zugeschlagen worden. Die Gegend wirkt am Freitagmittag fast wie ausgestorben.

Dass die Bahn bis nach Shu’afat und Beit Hanina fährt, ist nicht unbedingt ein Geschenk des Rathauses an die palästinensische Bevölkerung. Beide Stadtteile liegen einfach auf dem Weg zur israelischen Siedlung Pisgat Ze’ev. Beit Hanina und Pisgat Ze’ev sind so nah benachbart, dass sich schwer sagen lässt, wo das eine Viertel aufhört und das andere beginnt. Am frühen Freitagnachmittag ist rund um das Einkaufszentrum, das ungefähr in der Mitte der beiden Ortschaften liegt, lebhafter Betrieb. Ohne großes Sicherheitsaufgebot scheint hier die friedliche Koexistenz der beiden Völker gut zu funktionieren. Für die Palästinenser ist das Einkaufszentrum vor allem ein Arbeitsplatz. Küchen- und Putzpersonal ist oft arabisch. An den Haltestellen und vor dem Geldautomaten stehen die Menschen Schlange. Noch fahren Busse und die Straßenbahn, bis der öffentliche Verkehr vor Einbruch der Dunkelheit zum jüdischen Shabbat den Betrieb einstellt.

Rachlam Matwabi ist Palästinenserin, trotzdem wohnt sie in Pisgat Ze’ev. Das allein macht sie schon zur Exotin. Die 23-Jährige spricht akzentfrei Hebräisch, trägt die langen dunklen Haare offen und ist dezent geschminkt. Ihre Eltern, so erklärt sie, hätten sie in einen jüdischen Kindergarten geschickt und auf jüdische Schulen, damit sie später bessere Berufschancen habe. "Meine Freunde gehen zur Armee", lacht sie, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Sie meint ihre jüdischen Freunde. Ob sie sich auch vorstellen könnte, einen Juden zu heiraten? "Bestimmt nicht. Ich bin Muslimin und das werde ich immer bleiben."

Matwabi fährt mit der Straßenbahn von Pisgat Ze’ev stadteinwärts zu ihrer Großmutter in Shu’afat. "Du solltest hier nicht aussteigen", rät sie, als ihre Haltestelle kommt. Der Stadtteil ist einer der Brennpunkte, wenn politische Entwicklungen die Palästinenser zu Protesten auf die Straße rufen. Manchmal habe sie sogar selbst Angst vor politischer Gewalt und Terror, wenn sie von der Uni kommt oder aus dem israelischen Justizministerium, wo sie als studentische Hilfskraft arbeitet. Sie ist für Management, Politologie und Internationale Beziehungen eingeschrieben, und man will ihr glauben, dass sie die drei Fächer parallel meistert. "Ich liebe Jerusalem", sagt sie, nur "die Spannungen zwischen den Völkern sind nervig". Die Stadt sollte einfach allen gehören. "Wir sind doch Cousins, und alles, was Euch heilig ist, ist auch uns heilig." Es könnte so einfach sein, findet sie. "Wenn nur die Politiker nicht wären, dann kämen wir schon lange gut miteinander aus."

Eine kürzere Fassung dieses Textes erschien im Dezember 2017 in der "taz".
Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/3.0/ Der Name des Autors/Rechteinhabers soll wie folgt genannt werden: by-nc-nd/3.0/
Autor: Susanne Knaul für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

Susanne Knaul

Zur Person

Susanne Knaul

ist Journalistin und berichtet seit knapp 30 Jahren aus Israel und den Palästinensergebieten, unter anderem für die "taz" in Berlin, "Die Presse" in Wien sowie die "Luzerner Zeitung".


Nach oben © Bundeszentrale für politische Bildung Zur klassischen Website von bpb.de wechseln