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18.5.2018

Von Gegnern zu Partnern? Zum Verhältnis von NGOs und Unternehmen in der internationalen Klimapolitik

In der politikwissenschaftlichen Literatur werden Nichtregierungsorganisationen (NGOs) klassischerweise als Rivalen oder Gegenspieler privater Unternehmen behandelt.[1] An ihre Rolle in der Weltpolitik ist häufig die Hoffnung geknüpft, die Macht privatwirtschaftlicher Akteure zu begrenzen und einzudämmen. Seit einiger Zeit haben sich die Funktionen von NGOs in Bezug auf den Privatsektor jedoch deutlich erweitert; sie arbeiten zunehmend mit ihren einstigen Gegnern zusammen. Die globale Klimapolitik gilt dabei als exemplarisch für die Entstehung dieses neuen Partnerschaftsparadigmas. Es gibt zwar weiterhin einige NGOs, die sich in erster Linie als Teil einer Protestbewegung verstehen und Staaten wie Unternehmen für ihre hohen Treibhausgasemissionen kritisieren. Zahlreiche NGOs kooperieren heute jedoch mit dem Privatsektor, um den ökologischen Fußabdruck von Unternehmen zu verkleinern.

Das Verhältnis von NGOs und privaten Unternehmen ist unabhängig vom Politikfeld von großer Bedeutung, da es Rückschlüsse über die Zukunftsperspektive der weltwirtschaftlichen Globalisierung zulässt. NGOs fungieren als gesellschaftliches Stimmungsbarometer für die Akzeptanz der Tätigkeiten privater Unternehmen.[2] Sie können durch Kritik die Rolle von Unternehmen als zentrale Akteure der Weltwirtschaft hinterfragen oder durch Kooperation die Anerkennung unternehmerischer Aktivitäten signalisieren.

Bei der Analyse des Verhältnisses von NGOs und Unternehmen wird daher häufig zwischen konfrontativen und kooperativen Strategien unterschieden, auf die NGOs zurückgreifen, um Unternehmen zu verantwortlichem Handeln zu bewegen.[3] Diese Kategorisierung birgt allerdings eine gewisse Unschärfe. Denn sie verschleiert, dass NGOs zur Durchsetzung ihrer Anliegen und Forderungen ein sehr viel breiteres Handlungsspektrum ausschöpfen, das sich nur stark vereinfacht in ein Konflikt-Kooperation-Schema fassen lässt. Darüber hinaus verleitet eine solche Betrachtung dazu, die Qualität zivilgesellschaftlicher Aktivität als genuinen Beitrag zur Regulierung privater Unternehmen zu unterschätzen. Aus dieser Perspektive steht die Konflikthaftigkeit beziehungsweise die Kooperationsbeziehung der Akteure im Vordergrund und weniger die Frage, welche Funktionen NGOs in Bezug auf Unternehmen ausüben. Die Bandbreite dieser Funktionen ist groß und steht im Fokus vieler aktueller Studien.

Funktionen von NGOs im Politikformulierungsprozess



Im politikwissenschaftlichen Fachgebiet Internationale Beziehungen ist das Verhältnis von NGOs und privaten Unternehmen ein relativ neuer Forschungsgegenstand. Zwar reicht das Interesse für die Rolle nicht-staatlicher Akteure bis in die frühen 1970er Jahre zurück, als Robert Keohane und Joseph Nye gemeinsam mit weiteren Forscherinnen und Forschern den enormen Bedeutungsanstieg transnationaler Beziehungen jenseits des Nationalstaates betonten.[4] Das Hauptaugenmerk dieser Studien und ihrer Folgeprojekte lag allerdings lange Zeit auf dem Einfluss zivilgesellschaftlicher und privater Akteure auf nationale und zwischenstaatliche Entscheidungsprozesse. Erst mit dem Aufkommen des Global-Governance-Ansatzes setzten sich Autorinnen und Autoren vermehrt mit den weiteren Funktionen von NGOs und Unternehmen in der Weltpolitik auseinander.[5] Seither werden die Interaktionen zwischen NGOs und dem Privatsektor stärker in den Blick genommen. Dieser Perspektivenwechsel spiegelt realweltliche Entwicklungen wider.

Gegen Ende des 20. Jahrhundert mobilisierten NGOs gezielt gegen private Unternehmen, um das Fehlverhalten einzelner Großkonzerne wie beispielsweise Nike oder Shell anzuprangern und ihre dem Gemeinwohl verschriebenen Ziele durchzusetzen. Diese Mobilisierung gegen Unternehmenspraktiken war eine Reaktion auf den ökonomischen und politischen Bedeutungszuwachs transnational agierender Firmen. Deren wirtschaftliche Aktivitäten haben immer weitreichendere Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Umwelt, etwa durch Emissionen, die bei der Produktion und Nutzung fossiler Energieträger anfallen, oder durch Verstöße gegen Arbeits- und Sozialstandards in unternehmerischen Produktionsprozessen. Um Veränderungen im Unternehmenshandeln zu erreichen, begannen NGOs damit, ihre Forderungen über die Öffentlichkeit oder direkt an die jeweiligen Unternehmen heranzutragen. Dieses klassische Verhältnis von NGOs und privaten Unternehmen hat sich in den vergangenen Jahren stückweise erweitert. NGOs treten nicht mehr nur als reine Protestakteure auf, sondern arbeiten zunehmend mit dem Privatsektor zusammen – mit der Absicht, Unternehmenspraktiken zu verändern. In ihrem Bemühen um verantwortliches und normkonformes unternehmerisches Handeln greifen sie auf ein weites Repertoire zurück und nehmen verschiedene Funktionen in den unterschiedlichen Phasen des Politikformulierungsprozesses ein.[6]

Erstens schaffen NGOs ein Problembewusstsein für bestimmte Unternehmenspraktiken und setzen ihre Anliegen auf die unternehmenspolitische und/oder die öffentliche Agenda. Sie nehmen damit eine Funktion als watchdogs ein, die das Verhalten von Unternehmen an bestimmten Normen und Wertevorstellungen messen. Bei wahrgenommenen Normverstößen schlagen sie Alarm und greifen auf öffentliches naming and shaming zurück.[7] Das wichtigste Medium, mit dem NGOs auf schädliches Verhalten eines Unternehmens (und auf vorhandene oder wahrgenommene Regelungslücken) aufmerksam machen können, sind Kampagnen wie beispielsweise die Besetzung der Ölplattform "Brent Spar" durch Greenpeace-Aktivisten 1995. Sie gehören zum Kerngeschäft unternehmenskritischer NGOs und haben das Ziel, Druck auf Unternehmen auszuüben, um sie zu Änderungen ihres Verhaltens zu bewegen.

Zweitens nehmen NGOs eine wichtige Expertenfunktion ein. Sie liefern nicht nur Einblicke in Missstände unternehmerischer Praktiken, sondern vermitteln auch theoretisches und technisches Wissen, das in die Definition von Problemen und Politiken einfließt. Die Verbreitung von Informationen, um menschlich verursachte Umweltprobleme zu bewerten, steht beispielhaft für diese Art der Aktivität von NGOs. Dabei fertigen NGOs Berichte der komplexen Verhandlungsgegenstände an, liefern Informationen für die Vertragsparteien und beteiligen sich an politischen Diskussionen.[8] Ebenso liefern NGOs Datenmaterial an Unternehmen, um die Wirkung der Unternehmenspraktiken auf Umwelt und Gesellschaft zu belegen. Ihre Expertise ist bei privaten Unternehmen, die sich einer umweltschonenden und sozialen Philosophie verschrieben haben, sehr gefragt.

Drittens treten NGOs als Partner bei der Formulierung allgemeiner und branchenspezifischer Verhaltenskodizes für Unternehmenspraktiken auf. Häufig nehmen NGOs dabei eine beratende Funktion ein. Staatliche Institutionen oder internationale Organisationen bleiben vielfach die treibende Kraft hinter den auszuhandelnden Richtlinien und bieten nicht-staatlichen Akteuren eine lose Interaktionsplattform. Davon unterscheiden sich neuere Formen der Ko-Regulierung, in denen NGOs als gleichberechtigte Partner auftreten.[9] Multi-Stakeholder-Foren wie der Forest Stewardship Council für die Forstwirtschaft sind prominente Beispiele für solche Governance-Initiativen. Sie bestehen aus Zusammenschlüssen zivilgesellschaftlicher, privater und öffentlicher Akteure, deren Ziel es ist, gesellschaftliche Probleme durch freiwillige Verhaltens- oder Zertifizierungsstandards zu lösen.[10]

Viertens betätigen sich NGOs als Implementierer geltender Normen und Standards. Dafür stellen sie ihre praktische Ausführungshilfe für das freiwillige Engagement von Unternehmen bereit und nehmen dadurch direkt Einfluss auf unternehmerisches Handeln. Ein Beispiel hierfür ist die gemeinsame Umsetzung von Umweltschutzprojekten in Entwicklungs- und Schwellenländern, bei denen erneuerbare Energien und andere umweltschonende Technologien eingeführt werden. Diese Art der Vertragspartnerschaft zwischen NGOs und privaten Unternehmen birgt jedoch auch gewisse Risiken. Durch ihre Beteiligung an der Umsetzung unternehmerischer Programme setzen NGOs ihre Autonomie, Glaubwürdigkeit und Kritikfähigkeit aufs Spiel, wenn sie als gekauftes gutes Gewissen des Privatsektors herhalten und so greenwashing betreiben.[11]

Fünftens nehmen NGOs auch eine Kontrollfunktion ein und überwachen die Einhaltung bestimmter Umweltstandards. Dies kann einerseits über ihre Beteiligung an Multi-Stakeholder-Foren geschehen, insofern diese über institutionalisierte Zertifizierungssysteme verfügen. Andererseits kann diese Kontrollfunktion auch ein klassisches Dienstleistungsverhältnis annehmen wie etwa im Fall der Rainforest Alliance, die für den Chiquita-Konzern bestimmte Monitoring-Leistungen erbringt, um die Zertifizierung von dessen Bananenplantagen auf die Einhaltung von Nachhaltigkeitsstandards zu prüfen.[12] Hier besteht ebenfalls das Risiko eines Interessenkonfliktes, wenn sich NGOs zumindest teilweise von Unternehmen finanziell abhängig machen, die sie gleichzeitig überwachen sollen.


Zusammenarbeit in der Klimapolitik



Die verschiedenen Funktionen von NGOs zur Regulierung von Unternehmenshandeln lassen sich besonders eindrücklich in der globalen Klimapolitik beobachten.[13] Als sich in den 1980er Jahren die wissenschaftlichen Belege für den Klimawandel häuften, bildeten sich die ersten Protestbewegungen gegen die größten Verursacher des globalen Treibhausgasausstoßes heraus. In dieser Zeit formierten sich verschiedene Advocacy-Netzwerke mit dem Ziel, die Öffentlichkeit auf das Problem des Klimawandels und auf schädliche Unternehmenspraktiken aufmerksam zu machen.[14]

Eine der bedeutendsten Organisationen in diesem Zusammenhang ist das Climate Action Network, das 1989 als Dachverband verschiedener Umwelt-NGOs gegründet wurde. Heute besteht das Netzwerk aus über tausend Mitgliederorganisationen, darunter bekannte international agierende NGOs wie Friends of the Earth, Greenpeace und World Wide Fund For Nature (WWF), aber auch viele kleinere Umweltgruppen aus Industrie- und Entwicklungsländern. Das Climate Action Network operiert sowohl innerhalb von Nationalstaaten als auch auf der globalen Ebene. Ein Teil der Arbeit des Netzwerkes konzentriert sich darauf, die Gründe für die fortschreitende Erderwärmung publik zu machen und nationale Regierungen sowie den Privatsektor zu Klimaschutzaktivitäten zu bewegen. Für diesen Zweck nutzt das Netzwerk Regionalbüros in vielen Teilen der Welt und übt durch direkte Lobbyarbeit sowie medienwirksame Kampagnen Druck auf politische und unternehmerische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger aus, damit sie Verpflichtungen zur Begrenzung und Reduzierung von Treibhausgasemissionen einführen.[15]

Ein anderer Schwerpunkt der Arbeit des Climate Action Network ist es, Informationen über den zwischenstaatlichen Verhandlungsprozess zu sammeln, aufzubereiten und den verschiedenen beteiligten Akteuren zur Verfügung zu stellen. Seit Anfang der 1990er Jahre nimmt das Netzwerk an den internationalen Konferenzen der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen teil und veröffentlicht den Newsletter "ECO", der den aktuellen Verhandlungsstand sowie die Positionen zentraler Akteure zusammenfasst.[16]

Gleichzeitig agieren Mitgliederorganisationen des Netzwerkes und viele andere NGOs als Berater für Unternehmen bei technischen Fragen in Bezug auf das Problem des Klimawandels. Sie liefern Hintergrundberichte und Datenmaterial und stellen ihr Wissen dem Privatsektor zur Verfügung, um unternehmerisches Handeln zu verändern. Dabei handelt es sich zum Beispiel auch um Erkenntnisse darüber, wie in der täglichen Unternehmenspraxis Energie und Emissionen eingespart werden können. Zudem übersetzen NGOs die komplexen Verhandlungsprozesse für Unternehmen und liefern praktische Lösungsansätze, beispielsweise zur Energieeinsparung, auf deren Basis Unternehmen ihre Klimaschutzstrategien entwickeln.[17] Ohne die Expertise von NGOs und ihre umweltorientierte Beratung wären viele Unternehmen nicht in der Lage, ihre Produktion klimafreundlich zu gestalten.

Des Weiteren sind NGOs in der globalen Klimapolitik daran beteiligt, Verhaltenskodizes für private Unternehmen zu entwickeln und zu formulieren. Weil es Staaten lange Zeit nicht gelungen war, einen weitreichenden Regulierungsrahmen zu verabschieden, der Staaten zu ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet, haben NGOs zahlreiche Initiativen gegründet, die Unternehmen zu freiwilligen Maßnahmen für eine umweltfreundliche und nachhaltige Produktionsweise bewegen sollen.

Eines der bekanntesten Programme dieser Art ist die Global Reporting Initiative, die 1997 von der US-amerikanischen Umweltorganisation Ceres (früher: Coalition of Environmentally Responsible Economies) mit Unterstützung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen gegründet wurde.[18] Diese Initiative arbeitet mit Richtlinien, die von NGOs und dem Privatsektor in einem partizipativen Verfahren kontinuierlich weiterentwickelt werden. Anhand dieser können Unternehmen über ihre individuellen Nachhaltigkeitsstrategien mit besonderem Fokus auf Maßnahmen gegen den Klimawandel berichten. Auf Basis verschiedener Indikatoren zu wirtschaftlichen, ökologischen und gesellschaftlichen Aspekten unternehmerischer Tätigkeiten wird die Vergleichbarkeit der Berichte gewährleistet, wodurch Transparenz über die Unternehmenspolitik in diesem Bereich geschaffen und der Privatsektor zu einer nachhaltigen und klimafreundlichen Produktionsweise angeregt werden soll. Tatsächlich haben NGOs und Unternehmen mit dieser Initiative eine Regelungslücke gefüllt, da bislang nur wenige Staaten verbindliche Standards für die Berichterstattung über die ökologischen und sozialen Auswirkungen unternehmerischer Aktivitäten formuliert haben. Die Richtlinien werden inzwischen von vielen großen Unternehmen genutzt.

Zugleich treten einige NGOs als Partner von Unternehmen bei der Umsetzung von Klimaschutzprojekten auf. Dabei handelt es sich meist um freiwillige Initiativen, mit denen einzelne Firmen versuchen, ihr unternehmerisches Engagement für den Klimaschutz herauszustellen und zu Marketingzwecken zu nutzen.[19] Auch dieses Phänomen kann zumindest teilweise darauf zurückgeführt werden, dass Unternehmen nicht zu weitreichenden Klimaschutzmaßnahmen verpflichtet sind und daher versuchen, sich mit freiwilligen Projekten zu profilieren.

Ein weithin bekanntes Beispiel hierfür ist die Zusammenarbeit des WWF mit finanzkräftigen Großkonzernen wie beispielsweise der Krombacher Brauerei.[20] Dabei finanzieren private Unternehmen verschiedene Projekte zum Schutz des Regenwaldes oder zur Wiederaufforstung abgeholzter Flächen in Entwicklungsländern, wodurch Kohlenstoff gebunden und der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert wird. Der WWF übernimmt hierbei mit seiner Erfahrung und eigenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern die Umsetzung der Projekte vor Ort. Die enge Zusammenarbeit mit privaten Unternehmen hat dem WWF starke Kritik eingebracht. Er sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, eine zu industriefreundliche Haltung einzunehmen und sich für das greenwashing des Privatsektors herzugeben. Zudem bemängeln Kritikerinnen und Kritiker, dass sich NGOs durch diese Form der Zusammenarbeit mit Unternehmen von privaten Geldern abhängig machen und nicht nur ihre Glaubwürdigkeit im öffentlichen Diskurs verlieren, sondern auch ihre Fähigkeit, privatwirtschaftliche Akteure für ihr Verhalten zu kritisieren.[21]

In der genannten letzten Phase des Politikformulierungsprozesses übernehmen NGOs schließlich auch die Kontrolle über die Einhaltung von Klimaschutzstandards durch Unternehmen. Beispiele für diese Funktion von NGOs in der globalen Klimapolitik sind die zahlreichen privaten Zertifizierungsprogramme für den Handel mit Emissionsrechten. Diese Initiativen können wiederum als zivilgesellschaftliche Alternativen zu den über viele Jahre ergebnislos verlaufenen internationalen Klimaverhandlungen gesehen werden.[22]

Eine der größten Zertifizierungsprogramme für Emissionsrechte ist der Gold Standard, der 2003 von Helio International, SouthSouthNorth und dem WWF gegründet wurde. Der Gold Standard ist eine von NGOs getragene gemeinnützige Organisation, die unter Anwendung sozialer und umweltpolitischer Kriterien ein Label an besonders nachhaltige Projekte zum Schutz des Klimas verleiht. Die Vergabe dieses Labels ist an die Einhaltung bestimmter Qualitätsstandards für Klimaschutzprojekte in Schwellen- und Entwicklungsländern gebunden. Dadurch soll erreicht werden, dass durch die Projekte nicht nur Treibhausgasemissionen eingespart werden, sondern gleichzeitig auch ein Beitrag zur Armutsminderung der Bevölkerung in den Projektländern geleistet wird.[23]

Der Gold Standard gilt zwar als eines der glaubwürdigsten Zertifizierungsprogramme seiner Art, aber auch diese Form der Zusammenarbeit von NGOs mit privaten Unternehmen hat viel Kritik hervorgerufen. Verschiedene Autorinnen und Autoren weisen darauf hin, dass private Zertifizierungsprogramme zu Interessenkonflikten führen, da die NGOs von den Unternehmen bezahlt werden, deren Verhalten sie kritisch überprüfen sollen.[24] Es stellt sich dadurch erneut die Frage, inwiefern NGOs wirklich autonom von wirtschaftlichen Interessen agieren können.


Gründe für zunehmende Kooperation



Die angeführten Beispiele illustrieren, dass sich die Rollen, die NGOs im Verhältnis zum Privatsektor in der globalen Klimapolitik spielen, Stück für Stück erweitert haben. NGOs setzen nicht mehr nur auf Protestaktionen und Kampagnen, um Unternehmenspraktiken zu verändern, sondern arbeiten inzwischen häufig eng mit privaten Unternehmen zusammen. Sie greifen dabei auf ein breites Spektrum an Handlungsoptionen zurück und erfüllen unterschiedliche Funktionen in den verschiedenen Phasen des Politikformulierungsprozesses, um unternehmerische Klimaschutzaktivitäten zu fördern.

Die Ursachen für die verstärkte Zusammenarbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen und dem Privatsektor sind vielfältig. Ein Grund sind die angesprochenen Regelungslücken, die lange aufgrund mangelnder staatlicher Klimaschutzanstrengungen existierten. Die zunehmende Professionalisierung von NGOs ist eine weitere wichtige Erklärung.[25] In den vergangenen Jahren haben viele NGOs spezifische Kompetenzen aufgebaut und verfügen über hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Sie beschränken ihre Aktivitäten nicht mehr nur darauf, Missstände anzuprangern und bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse zu kritisieren. Stattdessen verbreiten sie Informationen über internationale Verhandlungsprozesse und formulieren auf Basis ihrer eigenen Expertise Ansätze zur Lösung globaler Probleme wie dem Klimawandel. Darüber hinaus formulieren sie Verhaltenskodizes für den Privatsektor, organisieren Klimaschutzprojekte mit privaten Unternehmen und kontrollieren in Zertifizierungsprogrammen die Einhaltung eigener Umwelt- und Sozialstandards.

Neben diesen organisationsinternen Erklärungsfaktoren weisen einige Forscherinnen und Forscher auch auf äußere Rahmenbedingungen für die Erweiterung der Rolle nichtstaatlicher Akteure in der Umwelt- und Klimapolitik hin. Sie sehen in dem sich wandelnden Verhältnis zwischen NGOs und dem Privatsektor den Aufstieg einer globalen Norm, die eine aktive Einbindung nichtstaatlicher Akteure in die Politikgestaltung propagiert, um grenzüberschreitende Umweltprobleme zu lösen.[26] Diese Norm fand 1992 auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro erstmals Eingang in die globale Agenda für nachhaltige Entwicklung. Auf dieser Konferenz beschloss die internationale Staatengemeinschaft mit der sogenannten Agenda 21 ein globales Aktionsprogramm, das verschiedene Leitlinien zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung für das 21. Jahrhundert enthält. Darin wird insbesondere festgehalten, dass nur durch eine sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen staatlichen, privatwirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren nachhaltige Fortschritte bei der Bekämpfung globaler Umwelt- und Entwicklungsprobleme erreicht werden können. Damit wurde der sogenannte Erdgipfel in Rio de Janeiro für viele NGOs zum Anlass, ihre klassische Watchdog-Rolle zu erweitern und ihre Strategie gegenüber privaten Unternehmen neu zu definieren.[27]

Dennoch bilden die klimapolitisch aktiven NGOs keine homogene Gruppe.[28] Vielmehr gibt es im Lager der Umwelt-NGOs eine Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven und Herangehensweisen in Bezug auf den Privatsektor. Zahlreiche NGOs pflegen heute einen konstruktiven Dialog mit privaten Unternehmen, stellen ihnen ihre Expertise und Erfahrung zur Verfügung und setzen gemeinsame Projekte um. Gleichzeitig gibt es immer noch Gruppen, die eine grundsätzlich kritische Haltung und eine gewisse Distanz zu privaten Unternehmen wahren. Seit 2007 versammeln sich diese NGOs im Bündnis Climate Justice Now, das sich auf der internationalen Klimakonferenz in Bali als kritische Alternative zum Climate Action Network formierte. In diesen NGO-Dachverbänden spiegeln sich die unterschiedlichen Positionen wider, obgleich auch innerhalb dieser Gruppen die Unterschiede zwischen den Mitgliedern beträchtlich sind. Dies unterstreicht, dass zwar nicht alle NGOs eng mit Unternehmen zusammenarbeiten, sich jedoch insgesamt die Bandbreite der Funktionen von NGOs in den vergangenen Jahren stark ausdifferenziert hat.

Fazit und Ausblick



NGOs haben ihre Funktionen in Bezug auf den Privatsektor in der globalen Klimapolitik deutlich erweitert und arbeiten zunehmend mit Unternehmen zusammen. Diese Zusammenarbeit von NGOs und dem Privatsektor führt letztlich zu einer Stärkung der Rolle von Unternehmen als zentrale Akteure der globalen Wirtschaftsordnung. Private Unternehmen werden als Partner wahrgenommen, die bei der Bewältigung des Klimawandels und anderer globaler Herausforderungen eine wichtige Rolle einnehmen.

Eine Öffnung von NGOs gegenüber privaten Unternehmen sowie sektorenübergreifende Partnerschaften werden von einer Mehrheit der klimapolitischen Akteure als die angemessene Lösung gesellschaftlicher Probleme gesehen. Dieses vorherrschende Partnerschafts-Paradigma eröffnet NGOs großen Einfluss- und Handlungsspielraum, um Unternehmenshandeln zu verändern. Es führt jedoch gleichzeitig dazu, dass NGOs in Interessenkonflikte geraten und im schlimmsten Fall ihre Kritikfähigkeit gegenüber dem Privatsektor verlieren.

Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte eine Arbeitsteilung zwischen den unterschiedlichen Gruppen von NGOs sein, wie sie teilweise bereits existiert.[29] NGOs können ihre Hauptaufgabenbereiche definieren und sich die verschiedenen Funktionen im Politikformulierungsprozess aufteilen. Während "kritische" NGOs sich auf Proteste gegen Verhandlungsblockierer und rückständige Unternehmen konzentrieren, können andere NGOs die Zusammenarbeit mit Unternehmen suchen. Letztlich verbindet alle NGOs trotz ihrer unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen das gleiche Ziel: Sie versuchen unternehmerisches Handeln zu verändern, um das Klima zu schützen.
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Fußnoten

1.
Unter den Begriff der NGOs fassen wir in diesem Beitrag in Abgrenzung zum Privatsektor nur solche Akteure, deren Tätigkeiten nicht auf die Maximierung des eigenen Gewinns gerichtet sind, sondern die sich in erster Linie für die Steigerung des Gemeinwohls einsetzen.
2.
Vgl. Janina Curbach, Zwischen Boykott und CSR: Eine Beziehungsanalyse zu Unternehmen und NGOs, in: Journal for Business, Economics and Ethics 3/2008, S. 368–395.
3.
Vgl. Michael Yaziji/Jonathan P. Doh, NGOs and Corporations: Conflict and Collaboration, Cambridge 2009; Mariëtte van Huijstee/Pieter Glasbergen, NGOs Moving Business: An Analysis of Contrasting Strategies, in: Business & Society 4/2010, S. 591–618; Melanie Coni-Zimmer/Annegret Flohr, Zwischen Konfrontation und Kooperation: Das Verhältnis zwischen NGOs und Privatwirtschaft, in: Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 2/2015, S. 567–588.
4.
Vgl. Robert O. Keohane/Joseph S. Nye, Transnational Relations and World Politics, Cambridge MA 1972.
5.
Vgl. James N. Rosenau/Ernst O. Czempiel, Governance without Government: Order and Change in World Politics, Cambridge 1992.
6.
Vgl. Burkard Eberlein et al., Transnational Business Governance Interactions: Conceptualization and Framework for Analysis, in: Regulation & Governance 1/2014, S. 1–21.
7.
Vgl. Peter Utting, Corporate Responsibility and the Movement of Business, in: Development in Practice 3–4/2005, S. 375–388.
8.
Vgl. Michele Betsill/Elisabeth Corell, NGO Diplomacy: The Influence of Nongovernmental Organizations in International Environmental Negotiations, Cambridge MA 2008.
9.
Vgl. Jale Tosun/Sebastian Koos/Jennifer Shore, Co-Governing Common Goods: Interaction Patterns of Private and Public Actors, in: Policy and Society 1/2016, S. 1–12.
10.
Vgl. Karin Bäckstrand, Multi-Stakeholder Partnerships for Sustainable Development: Rethinking Legitimacy, Accountability and Effectiveness, in: European Environment 5/2006, S. 290–306.
11.
Vgl. Thomas P. Lyon/A. Wren Montgomery, The Means and End of Greenwash, in: Organization & Environment 2/2015, S. 223–249.
12.
Vgl. Marco Were, Implementing Corporate Responsibility – The Chiquita Case, in: Journal of Business Ethics 2/2003, S. 247–260.
13.
Vgl. Thomas Hickmann, The Reconfiguration of Authority in Global Climate Governance, in: International Studies Review 3/2017, S. 430–451.
14.
Vgl. Margaret E. Keck/Kathryn Sikkink, Activists Beyond Borders: Advocacy Networks in International Politics, Ithaca 1998.
15.
Vgl. Kristian Krieger, Climate Action Network, in: Helmut Anheier/Stefan Toepler (Hrsg.), International Encyclopedia of Civil Society, New York 2010, S. 479f.
16.
Vgl. Matthias Duwe, The Climate Action Network: A Glance Behind the Curtains of a Transnational NGO Network, in: Review of European, Comparative & International Environmental Law 2/2001, S. 177–189.
17.
Vgl. Nancy Kong et al., Moving Business/Industry Towards Sustainable Consumption: The Role of NGOs, in: European Management Journal 2/2002, S. 109–127.
18.
Vgl. Halina Szejnwald Brown/Martin de Jong/Teodorina Lessidrenska, The Rise of the Global Reporting Initiative: A Case of Institutional Entrepreneurship, in: Environmental Politics 2/2009, S. 182–200.
19.
Vgl. Thomas Hickmann, Voluntary Global Business Initiatives and the International Climate Negotiations: A Case Study of the Greenhouse Gas Protocol, in: Journal of Cleaner Production 169/2017, S. 94–104.
20.
Vgl. Florian T. Furtak, World Wide Fund for Nature (WWF), in: ders. (Hrsg.), Internationale Organisationen: Staatliche und nichtstaatliche Organisationen in der Weltpolitik, Wiesbaden 2015, S. 393–406.
21.
Vgl. Melanie Coni-Zimmer, Zivilgesellschaftliche Kritik und CSR als unternehmerische Legitimitätspolitik, in: Anna Geis/Frank Nullmeier/Christopher Daase (Hrsg.), Der Aufstieg der Legitimitätspolitik: Rechtfertigung und Kritik politisch-ökonomischer Ordnungen, Baden-Baden 2012, S. 319–336.
22.
Vgl. Thomas Hickmann, Private Authority in Global Climate Governance: A Case Study of the Clean Development Mechanism, in: Climate and Development 1/2013, S. 46–54.
23.
Vgl. Harald Fuhr/Thomas Hickmann, Transnationale Klimainitiativen und die internationalen Klimaverhandlungen, in: Zeitschrift für Umweltpolitik und Umweltrecht 39/2016, S. 88–94.
24.
Vgl. Peter Newell/Matthew Paterson, Climate Capitalism: Global Warming and the Transformation of the Global Economy, Cambridge 2010; Steffen Böhm/Maria Ceci Misoczky/Sandra Moog, Greening Capitalism? A Marxist Critique of Carbon Markets, in: Organization Studies 11/2012, S. 1617–1638.
25.
Vgl. Sabine Lang, NGOs, Civil Society, and the Public Sphere, Cambridge 2012.
26.
Vgl. Klaus Dingwerth/Philipp H. Pattberg, World Politics and Organizational Fields: The Case of Transnational Sustainability Governance, in: European Journal of International Relations 4/2009, S. 707–743.
27.
Vgl. Laurence Schwesinger Berlie, Alliances for Sustainable Development: Business and NGO Partnerships, Basingstoke 2010.
28.
Vgl. Tanja Brühl/Marika Gereke, Der Beitrag von Non-State Actors zum Schutz der Umwelt: Eine kritische Analyse der Rolle von NGOs in der Klimapolitik, in: Zeitschrift für Außen-und Sicherheitspolitik 2/2015, S. 677–694.
29.
Vgl. Yaziji/Doh (Anm. 3), S. 106.

Thomas Hickmann, Berenike Prem

Zur Person

Thomas Hickmann

ist promovierter Politikwissenschaftler und akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Politik der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Potsdam. hickmann@uni-potsdam.de


Zur Person

Berenike Prem

ist promovierte Politikwissenschaftlerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Politikwissenschaft am Institut für Sozialwissenschaften der Christian-Albrecht-Universität zu Kiel. bprem@politik.uni-kiel.de


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