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20.7.2018

"Das sich einem Stein solt erbarmet haben". Der Dreißigjährige Krieg im Erleben der Zivilbevölkerung

In Lebensgefahr führte Hans Heberle noch Buch. "Das ist die 23. Flucht", notierte er im Sommer 1646 und bedauerte, dass er und "die ganze Landschaft" wieder nach Ulm fliehen mussten, "mit Weib und Kind, Ross und Vieh, obwohl die Früchte zum Großteil noch auf dem Feld standen."[1] Heberle war Schuster und betrieb in Weidenstetten, einem Dorf 15 Kilometer nördlich von Ulm, einen kleinen Hof. Die Gegend wurde seit Mitte der 1620er Jahre immer wieder von Truppen heimgesucht. Für die Landbevölkerung war der Rückzug in den Schutz der Stadtmauern überlebensnotwendig; manchmal blieb ihr auch nichts anderes übrig, als sich in Wäldern oder Weinbergen zu verstecken. Seit 1634 führte der Schuster ein "Zeytregister" und nummerierte seine Fluchten durch, während der Tod eine noch grimmigere Statistik führte. Fünf Kinder hatten Hans und Anna Heberle im Sommer 1634, als die Zahl ihrer Fluchten noch einstellig war; vier verloren sie bis zum Herbst des folgenden Jahres. Die siebenjährige Chatreina und der "herzallerliebste sohn Johannes" starben 1635 vermutlich am Hunger, zwei kleinere Geschwister waren schon 1634 gestorben.[2] Und der Krieg war gerade erst zur Hälfte vorüber.

Gemessen an der Gesamtbevölkerung waren es nicht viele, die wie Hans Heberle ihre Kriegs- und Alltagserlebnisse schriftlich festhielten. Nur eine Minderheit, vielleicht zehn bis fünfzehn Prozent der Bevölkerung, konnte lesen und schreiben. Doch immerhin sind heute private Selbstzeugnisse – Tagebücher, Chroniken, Briefe – von rund 250 Zeitzeugen des Dreißigjährigen Krieges bekannt, möglicherweise lagern noch weitere unentdeckt in Archiven. "Einfache" Leute wie Hans Heberle, der Söldner Peter Hagendorf, die Eichstädter Augustiner-Chorfrau Klara Staiger, der hessische Bauer Caspar Preis und die Bamberger Dominikanernonne Anna Maria Junius, um nur einige der heute bekannten privaten Chronisten zu nennen, schrieben nicht für "die Nachwelt" oder für die Geschichtsbücher. Sie schrieben, um Verluste und Schäden in ihrem Umfeld zu dokumentieren, um den chaotischen und brutalen Zeitläuften ein wenig Struktur und Ordnung abzutrotzen, vor allem aber wohl, um das persönlich Erlebte überhaupt verarbeiten und es in ihr eigenes Gedächtnis und das ihrer Angehörigen einschreiben zu können.


Vermessung einer Katastrophe



Der Krieg, die Plünderungen und Übergriffe durch Truppen und Trupps jedweder Herkunft, Konfession und Couleur, dazu Hunger und Krankheiten: Es ist kein Wunder, dass die Einwohnerzahl mancher Regionen von Kriegsjahr zu Kriegsjahr sank. Wie viele Menschenleben der Dreißigjährige Krieg forderte, lässt sich nur anhand von Einzelquellen hochrechnen. Gängige Schätzungen besagen, dass die Bevölkerungszahl auf dem Gebiet des Reiches zwischen 1618 und 1648 um etwa ein Drittel zurückging. Dem entsprechen Schätzwerte, die der Historiker Georg Schmidt nennt: In den Reichsgrenzen von 1871 lebten demnach um 1600 etwa 15 bis 17 Millionen, möglicherweise 21 Millionen Menschen; 50 Jahre später waren es noch zehn bis 13 Millionen.[3] Der Historiker Axel Gotthard nimmt – bezogen auf das Reichsgebiet in den Grenzen von 1914 – für das Jahr 1618 rund 16 Millionen Einwohner an, für 1650 nur noch zehn Millionen. Damit wäre das Reich im Verlauf des Dreißigjährigen Krieges ungefähr auf die Bevölkerungszahl des Jahres 1470 zurückgefallen, und das, obwohl das 16. Jahrhundert in Europa von starkem Bevölkerungswachstum geprägt war.[4]

(© picture-alliance/akg)


Dennoch wird das Ausmaß der demografischen Katastrophe bisweilen infrage gestellt. Der Historiker Bernd Roeck führt dies auf seinen Fachkollegen Sigfrid Henry Steinberg zurück, der 1947 in einem Essay und 1966 in einer vielbeachteten Monografie argumentierte, Chronisten, Dichter und Geschichtsschreiber hätten in ihren Schilderungen der Kriegsgräuel und Einschätzungen der Kriegsfolgen maßlos übertrieben. Damit wollte er offenbar einem bereits im 19. Jahrhundert aufgekommenen nationalistischen deutschen Geschichtsmythos entgegenwirken, der sich im Nationalsozialismus fortgesetzt hatte und auch nach dem Zweiten Weltkrieg in der deutschen Geschichtswissenschaft teilweise noch fortlebte: "Unausgesprochen richtete sich Steinbergs Polemik gegen ein nationalsozialistisches Deutungsmuster, das den Dreißigjährigen Krieg zum Tiefpunkt der deutschen Geschichte erklärte, um den Ersten und Zweiten Weltkrieg als überfällige Revision des Westfälischen Friedens und historisch folgerichtigen Kampf um den Wiederaufstieg des Reiches zu rechtfertigen."[5] Obgleich diese besondere Spielart des Revisionismus heute nicht mehr verbreitet ist, blieben Steinbergs dagegen formulierte Thesen hartnäckig haften – etwa bei Hans-Ulrich Wehler, der in seiner "Deutschen Gesellschaftsgeschichte" (1987) behauptete, "unstreitig" habe "der Mythos des großen Brennens und Mordens die realhistorische Wirkung der Feldzüge und Epidemien übermäßig dramatisiert", tatsächlich habe das Reich 1650 mehr Einwohner gehabt als 1620.[6] Ähnlich war auch noch 2013 in der "Welt" über Zeugnisse aus dem Dreißigjährigen Krieg zu lesen: "Entweder sind sie unverkennbar Propaganda der einen oder anderen Seite, oder sie übertreiben."[7]

So notwendig ein kritischer Umgang mit zwangsläufig subjektiven Augenzeugenberichten und mit Quellen überhaupt ist, so sehr man berücksichtigen muss, dass manch ein Verfasser ein Interesse daran hatte, feindliche Truppen als besonders grausam hinzustellen oder Opferzahlen zu übertreiben, etwa um von Abgabenlasten befreit zu werden oder Unterstützungszahlungen vom Landesfürsten zu erheischen: Es gibt keinen Grund, die Folgen des Krieges zu verharmlosen oder die Zeitzeugenberichte über Leid und Hunger, Brutalität und vielfaches Sterben pauschal ins Reich der Zwecklüge oder nachträglichen Schauerdichtung zu verbannen. "Die alte Anschauung vom verwüsteten Deutschland" habe sich "durch spätere Studien weiter erhärtet", schreibt etwa der Historiker Johannes Arndt.[8] Und Gotthard weist darauf hin, dass sich "schon die Zeitgenossen (…) als Opfer eines ganz ungewöhnlichen Kriegsexzesses"[9] sahen, schlimmer als alles, wovon man seit Menschengedenken je gehört hatte.

Gleichwohl wütete der Krieg nicht überall gleichermaßen. Manche Orte und Landstriche – etwa im Nordwesten Deutschlands – blieben von Kämpfen, Truppendurchmärschen und Einquartierungen weitgehend oder sogar vollständig verschont, zum Beispiel die Stadt Münster. Schon deshalb empfahl sie sich in den 1640er Jahren als Hauptort der westfälischen Friedenskonferenzen. Und während Magdeburg im Mai 1631 in Flammen aufging und seine Bewohner zu Tausenden den Truppen des kaiserlichen Feldherrn Johann T’Serclaes von Tilly zum Opfer fielen, liefen die Geschäfte in einer anderen protestantischen Elbestadt vorzüglich: Hamburg handelte mit Luxusgütern und Lebensnotwendigem und war ein wichtiger Umschlagplatz für Waffen. Folgerichtig ließen protestantische wie auch kaiserlich-katholische Heeresführer die Hafenstadt in Ruhe. Zu Kriegsbeginn hatte Magdeburg etwa 30.000, Hamburg 40.000 Einwohner. In Magdeburg lebten gegen Kriegsende keine 500 Menschen mehr, während Hamburgs Bevölkerungszahl auf 60.000 angewachsen war.[10]

Am schlimmsten vom Krieg betroffen waren die Gebiete entlang einer als "Zerstörungsdiagonale" bekannten Nordost-Südwest-Achse, die sich von Pommern und Mecklenburg über Brandenburg, Anhalt, Thüringen und die Pfalz bis nach Baden erstreckte. Doch auch Böhmen, wo die ersten Kämpfe des Dreißigjährigen Krieges ausgetragen wurden, hatte hohe Verluste zu beklagen; der Krieg kehrte immer wieder in das Stammland des Kriegsunternehmers und kaiserlichen Generalissimus Albrecht von Wallenstein zurück. An Rhein und Elbe kam es ebenfalls wiederholt zu Scharmützeln und Schlachten: Die Flüsse waren als Transportwege kriegswichtig, außerdem ließ sich ein feindliches Heer leicht zum Kampf stellen, wenn es an einer Furt mit einer zeitraubenden Flussüberquerung beschäftigt war.


Krieg ernährt Krieg



Die alte Regel, wonach jeder Fürst das Heer, das er aufstellen ließ, auch bezahlen musste, war im Dreißigjährigen Krieg von Beginn an Makulatur. Schon der glücklose "Winterkönig" Friedrich V. konnte die Truppen, die 1620 in Böhmen für seine Sache kämpften, nicht auf Dauer finanzieren – was dazu führte, dass sie Dörfer plünderten und die Zivilbevölkerung durch Brandschatzung auspressten. Graf von Thurn, einer der Unterlegenen in der Schlacht am Weißen Berg bei Prag, brachte die Niederlage mit dem unchristlichen Verhalten der Truppen direkt in Verbindung: "Dass diese hohe Strafe Gott auf uns hat fallen lassen, haben unsere Soldaten, so teutsch als ungarisch, mit ihrem unchristlichen und vorher niemals erhörten gottlosen Leben, so sie mit Plündern, Rauben, Brennen und Morden verübt, tausendfältig verschuldet", schrieb er in seiner "Kurzen und eigentlichen Relation der verlaufenen Schlacht".[11]

Das Prinzip, dass der Krieg den Krieg ernähren müsse, machte Wallenstein wenige Jahre später zu seinem Geschäftsmodell: Da selbst Kaiser Ferdinand II. nicht die Mittel hatte, die großen Söldnerheere dauerhaft zu versorgen, die Wallenstein ab Mitte der 1620er Jahre in seinem Auftrag anwarb, verlangte der General neben den üblichen Naturalien auch hohe Geldzahlungen von den Territorien, in denen die Truppen einquartiert waren. Sie mussten die Kriegskosten vollständig tragen.[12] Ob es sich um Feindes- oder Freundesland handelte, spielte für Wallenstein keine Rolle. Je länger der Krieg dauerte, desto drückender wurde für Regionen mit häufigen Einquartierungen die Kontributionslast. Vielerorts wurden Vieh und Pferde beschlagnahmt, was die Bestellung der Felder fast unmöglich machte. Die Folge war noch größerer Hunger. Er führte dazu, dass "vül greüwlich und abscheüliches dings auffgefressen worden", berichtet der Ulmer Schuster Hans Heberle 1635, "hundt und katzen, meüß und abgangen vüch (…). Es ist auch für gut gehalten worden allerley kraut uff dem feld: die distel, die nesle (…), dan der hunger ist ein guter koch, wie man im sprichwort sagt. Dan durch diese hunger ist ein grosser sterbet und pestelentz entstanden, das vüll taussend menschen gestorben."[13]

Bereits 1626 führte Volkmar Happe, Hofrat in Diensten des Grafen von Schwarzburg-Sondershausen, im thüringischen Ebeleben akribisch Buch über die geforderten Abgaben; unter anderem mussten täglich 12.400 Pfund Brot, 9.300 Pfund Fleisch und 6.200 Maß Bier ins kaiserliche Heerlager geliefert werden. "In manchem Dorfe haben fünf, sechs Regimenter gelegen, in manchem kleinen Bauernhaus eine ganze Kompanie. Die haben wie die Raupen alles beschmutzt, aufgefressen, verfüttert, verwüstet und vernichtet", klagte er.[14] Drei Jahre später hatte sich die Lage verschlimmert, auch weil die Übergänge zwischen Kontributionszahlung, gewaltsamer Plünderung und brutalen Exzessen zunehmend verschwammen: "In dem nunmehr angewichenen 1629. Jahr sind wir durchaus mit vielen keyserlichen Soldaten belebet gewesen. Denn wir starcke Geldcontribution geben müssen, also dass wir gantz verarmet und ist ein unsegliches Jammer und Noth und Elende unter dem armen Volcke gewesen. Anfangs haben wir Crabaten [zeitgenössisch für "Kroaten", Anm. d. Red.] gehabt, hernach haben wir teutsche Reuter des Obristen Piccolomini bekommen. (…) Was vor Mordschlag, Rauberey, Schändungen der Weibes Bilder hin und wieder vorgegangen, ist hoch zu trauern. Darüber haben wir noch viele Durchzüge ausgestanden."[15]

Alles durchdringende Angst



Happe schrieb sein "Chronicon Thuringiae" nicht bloß als Beobachter und Betroffener; sein Mitleiden erklärt sich auch aus seiner Rolle als Verwalter. Von Amts wegen wäre es seine Aufgabe gewesen, Schaden von "dem armen Volcke" abzuwenden und es vor den Übergriffen marodierender Truppen zu schützen, aber das konnte er im Krieg nicht. "Noth und Elende", Gewalt und die mutwillige Zerstörung aller Strukturen des Zusammenlebens erschütterten die Menschen tief.

(© picture-alliance/akg)

In einer durch und durch religiös geprägten Gesellschaft, in der nahezu jeder seinen Platz und "Stand" hatte und in der es einst eine gewisse Rechtssicherheit und öffentliche Ordnung gegeben hatte, bedeutete der Krieg einen Bruch mit allem, was man für sicher und unumstößlich gehalten hatte. "Die Angst durchdrang alles", bilanziert die Historikerin Sigrun Haude die Zeitzeugenberichte aus jenen Jahren.[16] Die Auswirkungen des Krieges auf die Psyche der Menschen lassen sich auch in Andreas Gryphius’ Sonett "Tränen des Vaterlandes" von 1636 erahnen, das mit den Versen endet: "Doch schweig ich noch von dem/was ärger als der Tod/Was grimmer denn die Pest/und Glut und Hungersnot/Daß auch der Seelen Schatz/so vielen abgezwungen."[17] Gleiches gilt auch für die Worte des Verfassers der Stausebacher Ortschronik, des hessischen Bauern Caspar Preis: "Es war Jamer, Angst, Noth und Hertzenleyd mit den armen Leuthen, wir waren so gar geängstiget und verzaget, das uns auch ein rauschendes Blat verjaget."[18]

Krieg bedeutete Verrohung. Die Landbevölkerung fürchtete die "Crabaten", als die in etlichen Quellen alle möglichen Truppen aus Ost- und Südosteuropa bezeichnet wurden, deren Sprachen man nicht verstand und die als ähnlich wild und grausam galten wie die nichtchristlichen "Türcken und Tartarn" – doch die "teutschen Reuter" betrugen sich kaum besser. Munter-beiläufig notierte der Söldner Peter Hagendorf nach einem Überfall auf Landshut: "Hier sind wir 8 Tage stillgelegen, haben die Stadt ausgeplündert. Hier habe ich als meine Beute ein hübsches Mädelein bekommen und 12 Taler an Geld, Kleider und Weißzeug genug. Wie wir sind aufgebrochen, habe ich sie wieder nach Landshut geschickt."[19]

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Vergewaltigungen und Verschleppungen junger Frauen und Mädchen gehörten für viele Soldaten zum alltäglichen Beutemachen. Entführungen, um Lösegeld zu erpressen, und Folterungen, damit die Bauern die Verstecke von Lebensmittelvorräten und anderem Wertvollen verrieten, waren an der Tagesordnung. Die wohl berüchtigtste Martermethode war das gewaltsame Eintrichtern von Wasser oder Jauche, der sogenannte Schwedentrunk.

Vonseiten der Armeeführungen gab es zwar auch Bemühungen, Exzesse zu unterbinden, und sei es nur aus der Erkenntnis heraus, dass es unklug war, einen Landstrich völlig zu verwüsten, in den man vielleicht eines Tages zurückkehren musste. Doch "Dienstreglements, Artikelbriefe sowie die Praktiken der Kriegsgerichtsbarkeit",[20] die dem dienen sollten, griffen allenfalls da, wo die Söldner von ihren Auftraggebern auskömmlich bezahlt wurden. Vor allem nachts setzten sich berittene Trupps vom Heerlager ab, um in der Umgebung zu rauben und zu plündern. Es waren die Marodeure und Räuberbanden, die der Zivilbevölkerung mehr zusetzten als die – zumindest halbwegs disziplinierten – Hauptarmeen.


Wandernde Städte



Wenn Dörfer aus Zerstörungslust eingeäschert und halbe Familien ermordet wurden, blieb den Überlebenden oft nichts anderes übrig, als sich dem Tross des durchmarschierenden Heeres anzuschließen: als Prostituierte, Laufburschen, Viehtreiber, Gepäckträger, Bettler. Im Tross, der nicht selten doppelt so groß war wie die eigentliche Armee,[21] zogen die Familien der Soldaten mit, zudem Feldschere, die die Verletzten versorgten, Handwerker und Händler, Barbiere, Köche sowie andere Dienstleister, die den Kriegszug überhaupt erst ermöglichten und aufrechterhielten. Heer und Tross bildeten ein mobiles Sozialgefüge, das auf Abenteurer und Mittellose durchaus anziehend wirken konnte: Wo weithin Hunger und Gesetzlosigkeit herrschten, verfügten diese wandernden Städte immerhin über gewisse innere Regeln, boten die Chance auf Beute und ein Auskommen.

Wo aber so viele Menschen auf dichtem Raum zusammenlebten, noch dazu ohne festes Dach über dem Kopf, grassierten oft Seuchen. Die Heere und ihr Anhang schleppten die Krankheitserreger mit über Land. "In Kyritz wurde die Pest durch Einquartierung eingeführt; doch erlagen nur 231 Personen", rekonstruierte der Arzt Gottfried Lammert Ende des 19. Jahrhunderts aus Chroniken und Kirchenbüchern von 1631. In Prenzlau hingegen habe die Seuche innerhalb eines Dreivierteljahres 1.500 Menschen hinweggerafft, "wohl 25 Prozent der Bevölkerung".[22] Krankheiten hatten auch dort leichtes Spiel, wo die Landbevölkerung – wie Hans Heberle und seine Familie – in die Städte floh.

Besonders verheerend war die Lage im Sommer 1632 in Nürnberg, Fürth und Umgebung. In Erwartung einer großen Schlacht strömten die verfeindeten Truppen Wallensteins und des schwedischen Königs Gustav II. Adolfs, insgesamt rund 100.000 Soldaten mit dem jeweils dazugehörigen Tross, im Nürnberger Becken zusammen. Aus berechtigter Angst vor Gewalt und Plünderungen floh die Landbevölkerung hinter die Stadtmauern Nürnbergs, sodass dort noch einmal rund 100.000 Menschen zusammengepfercht ausharrten. Der Sommer war feucht, Versorgungsbedingungen und hygienische Verhältnisse waren für Soldaten wie Zivilisten katastrophal. Zehntausende fielen Hunger und Seuchen zum Opfer.[23] Aus Städten, die mehrmonatige Belagerungen zu erdulden hatten, häuften sich Berichte über Kannibalismus. "Es haben die soldaten eines pastetenbeckhen knaben ein stuckh brot versprochen, er soll mit inen in das leger gehen. Als er aber dahin komen, haben sie in gemetzget und gefreßen", notierte der Schuster Heberle 1638 in Breisach.[24]

Solche Erfahrungen führten dazu, dass es auch den glühendsten Anhängern der einen oder anderen Kriegspartei zunehmend gleichgültig war, wer da gerade kämpfte, belagerte oder plünderte. Der protestantische Nürnberger Ratsherr Lukas Behaim kommentierte die Lage in seiner Stadt so: "Vom Feinde drei Monat belagert, vom Freund vier Monat ausgefressen."[25] Hofrat Volkmar Happe schimpfte 1634 über die protestantischen Truppen: "Morden, Rauben, Stehlen, Nehmen, Schänden, Huren etc., das sind unserer Soldaten ritterlichste Taten und Tugenden. Es sind unsere Kontributions-Schlucker nicht ein Haar besser als der Feind."[26]

Vernichtende Bilanz



Die Zerstörung Magdeburgs im Mai 1631 mit mindestens 20.000 Toten galt und gilt bis heute als das schlimmste Einzelereignis des Dreißigjährigen Krieges. Doch auch wenn es das Inferno an der Elbe nicht gegeben hätte, wäre dieser Krieg als die größte menschengemachte Katastrophe vor den beiden Weltkriegen in die deutsche Geschichte eingegangen. Es dauerte Jahrzehnte, in Magdeburg mehr als ein Jahrhundert, bis die demografischen, wirtschaftlichen und auch die psychischen Folgen von 30 Jahren Krieg einigermaßen überwunden waren.

Die Überlebenden begrüßten den Frieden vielerorts mit Freudenfeiern und innigen Dankesgebeten. Allerdings musste man sich in manchen Regionen noch bis 1650 gedulden, ehe die letzten in- und ausländischen Truppen abgezogen waren. Hans Heberle vermerkte angesichts seiner 29. oder 30. Flucht nach Ulm im Spätherbst 1648: "Wir seyen dißmall noch gern geflohen, weil es die leste flucht war." Die Feiern zum Friedensschluss erlebte er in der Stadt mit.

Bei aller Freude zog er jedoch eine vernichtende Bilanz, in der es nicht um Sieg und Niederlage, katholisch oder protestantisch ging, sondern einzig um menschliches Leid: "In summa ist es so ein jämerlicher handel geweßen, das sich einem stein solt erbarmet haben, wüll geschweigen ein menschliches hertz. Dan wir seyen gejagt worden wie das gewildt in wälden."[27]
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Autor: Frauke Adrians für Aus Politik und Zeitgeschichte/bpb.de
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Fußnoten

1.
Zit. nach Eva-Maria Schnurr, "Gejagt wie das Wild in den Wäldern", in: Der Spiegel Geschichte 4/2011, S. 82–85, hier S. 83.
2.
Vgl. Michael Schnell, Ulm im Dreißigjährigen Krieg. Hans Heberle und Joseph Furttenbach zwischen Krieg, Hunger und Pest, 17.5.2013, http://webhistoriker.de/ulm-dreissigjaehriger-krieg-zeitzeugen«, Zitat ebd.
3.
Vgl. Georg Schmidt, Der Dreißigjährige Krieg, München 20108, S. 91.
4.
Vgl. Axel Gotthard, Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung, Köln–Weimar–Wien 2016, S. 165.
5.
Bernd Roeck, Die Klage der Totengräber, in: Die Zeit Geschichte 5/2017, S. 77–81, hier S. 78.
6.
Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 1, München 1987, S. 53f.
7.
Cora Stephan, "Der Kopf war zerschmettert, das Gehirn zerspritzt", 9.2.2013, http://www.welt.de/geschichte/article113508510«.
8.
Johannes Arndt, Der Dreißigjährige Krieg 1618–1648, Stuttgart 2009, S. 192.
9.
Gotthard (Anm. 4), S. 206.
10.
Vgl. Janina Lingenberg, Kämpfende Magd – schaukelnde Krämer, in: Die Zeit Geschichte 5/2017, S. 62–66.
11.
Zit. nach Hans Jessen (Hrsg.), Der Dreißigjährige Krieg in Augenzeugenberichten, München 19753, S. 90.
12.
Vgl. Gotthard (Anm. 4), S. 192.
13.
Zit. nach Gerd Zillhardt, Der Dreißigjährige Krieg in zeitgenössischer Darstellung: Hans Heberles "Zeytregister" (1618–1672), Aufzeichnungen aus dem Ulmer Territorium, Ulm 1975, in Auszügen ebenfalls online dokumentiert in: Deutsche Geschichte in Dokumenten und Bildern (DGDB), http://germanhistorydocs.ghi-dc.org/sub_document.cfm?document_id=3709«, hier S. 5.
14.
Zit. nach Schnurr (Anm. 1), S. 84.
15.
Zit. nach Andreas Bähr, Inhaltliche Erläuterungen zu Volkmar Happes Chronik aus dem Dreißigjährigen Krieg, in: Hans Medick/Norbert Winnige (Hrsg.), Mitteldeutsche Selbstzeugnisse aus der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, o.D., http://www.mdsz.thulb.uni-jena.de/happe/erlaeuterungen.php«.
16.
Sigrun Haude, The Experience of War, in: Olaf Asbach/Peter Schröder (Hrsg.), The Ashgate Research Companion on the Thirty Years’ War, Abingdon-on-Thames 2014, S. 273 (eigene Übersetzung).
17.
Andreas Gryphius, Tränen des Vaterlandes, 1636, http://gutenberg.spiegel.de/buch/gedichte-9714/8«.
18.
Zit. nach Gotthard (Anm. 4), S. 207.
19.
Zit. nach Peter Burschel, Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges, in: Benigna von Krusenstjern/Hans Medick (Hrsg.), Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, Göttingen 1999, S. 190.
20.
Arndt (Anm. 8), S. 192.
21.
Vgl. Gotthard (Anm. 4), S. 173.
22.
Zit. nach Peter Milger, Gegen Land und Leute. Der Dreißigjährige Krieg, München 1998, S. 258.
23.
Vgl. Gotthard (Anm. 4), S. 227.
24.
Zit. nach Zillhardt bzw. DGDB (Anm. 13), S. 6.
25.
Zit. nach Herbert Langer, Der "Königlich Schwedische in Deutschland geführte Krieg", in: Klaus Bußmann/Heinz Schilling (Hrsg.), 1648: Krieg und Frieden in Europa, Katalog zur Europaratsausstellung, Textband 1, Münster 1998, S. 187–196, http://www.westfaelische-geschichte.de/tex424«.
26.
Zit. nach Schnurr (Anm. 1), S. 85.
27.
Zit. nach Gotthard (Anm. 4), S. 290.

Frauke Adrians

Zur Person

Frauke Adrians

ist Chefredakteurin der Zeitschrift "das Orchester" und Autorin des Buches "Der Dreißigjährige Krieg. Zerstörung und Neuanfang in Europa" (2017). Bis 2013 war sie Redakteurin im Feuilleton der "Thüringer Allgemeine".


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