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3.8.2018

Guam als Archipel? Einführung in die Island Studies

Die Insel ist vielleicht die klassische Denkfigur der Neuzeit. Bereits in Antike und Mittelalter hatte sie Vorstellungen beflügelt, nun aber hörte die Insel auf, kulturübergreifend ein mehr zeitlos-sagenhaftes "Traumland" zu sein, und konkurrierte fortan als (entworfener) "Erfahrungsraum": "Die Insel" wurde zu einer Standardeinheit, die die Ausführung des männlich-europäischen Projekts "Ich-Land" strukturierte. Diese markante Wortbildung kann zurückgeführt werden auf "No Man is an Iland" ("Kein Mensch ist eine Insel"), dem in seiner Originalschreibweise von 1623 (ohne "s") noch eindringlicheren Vers des Londoner Dichters John Donne.[1] Mit ihm lässt sich das Paradigma praktisch-humanistischer Selbstbehauptung und -optimierung, das später in so wirkmächtigen Inselparabeln wie Daniel Defoes Roman "Robinson Crusoe" von 1719 zum Ausdruck kam, treffend auf den Punkt bringen.

Auch eine weitere Begriffsschöpfung basiert auf einem Inselentwurf: Das Buch "Utopia" des Londoner Humanisten Thomas Morus hatte 1516 das anschauliche Bild einer idealen Gesellschaft entfaltet und nicht nur den fiktiven Inselstaat gleichen Namens, sondern gleich ein ganzes Genre modelliert. Ein Jahrhundert später orientierte sich der Londoner Wissenschaftsphilosoph Francis Bacon am vielleicht bekanntesten "Nicht-Ort" – so die wörtliche Bedeutung des Kunstworts "Utopie" – der Antike: In der Erzählung "Nova Atlantis" ("Neu-Atlantis") präsentierte er 1627 seine Vision eines modernen Wissenschaftsbetriebs am Beispiel einer insularen "Denkfabrik" im Pazifik, an den neuen Rändern der bekannten Welt.

Ferne Inselutopien wie diese waren Variationen über die eintreffenden Nachrichten kolonialer Landnahmen und geglückter missionarischer Landgänge. Sie weiteten und festigten den globalen Selbstentwurf einer europäischen Vorstellungswelt gleichermaßen. War Odysseus, seefahrender Held aus der griechischen Mythologie, noch nach Ithaka zu Penelope, an Heim und Herd, zurückgekehrt, so endete Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausens barocker Schelmenroman "Simplicissimus" von 1668 auf einer einsamen Insel im Indischen Ozean mit der zeichenhaften Aneignung derselben durch den Logos (in seiner mehrfachen Bedeutung als "Wort" und "Verstand"): Den lokalen Pflanzenbestand flächendeckend mit frommen Versen und Lebensbildern verzierend, schuf sich die weitgereiste Titelfigur hier ein begehbares botanisches Archiv des Wissens und Erinnerns, ein "Schriftparadies".[2]

Die Realität war indes oft weniger poetisch und die Inseln auch nicht "leer": Als der spanische Jesuit Diego Luis de Sanvitores im selben Jahr als Anführer einer Gruppe von Missionaren, Soldaten und Helfern an der Küste der Pazifikinsel Guam anlandete – eine sprachkundige Vorhut hatte das Terrain zuvor sondiert und Kontakte angebahnt –, bestand seine erste Amtshandlung darin, ein Kreuz in den feuchten Sand zu rammen und vor den Augen der interessierten Lokalbevölkerung eine Messe zu feiern.[3] Das Eiland und seine Bewohner*innen wurden so für "Gott" und "Spanien" in Besitz genommen; im Vergleich zu Grimmelshausen mit einer deutlich evidenteren Symbolik. Die damit einsetzende koloniale Eroberung Guams entsprang, obgleich vom spanischen Königshaus unterstützt, originär dem persönlichen Missionsprojekt eines Einzelnen: In Sanvitores’ "Ich-Land"-Entwurf, der Gestalt angenommen hatte, nachdem er die Region 1662 auf der Überfahrt von Mexiko nach Manila passiert hatte, stellte die Insel einen eschatologisch aufgeladenen Zwischenort dar, eine Schwelle zwischen Diesseits und Paradies.[4] Als diese individuelle Variante insularer Sinnstiftung 1672 mit dem Märtyrertod des Missionars einen frühen Abschluss fand, war das Territorium bereits so weit in das imperiale Projekt "Neuspanien" (ein von Mexiko-Stadt aus regiertes spanisches Verwaltungsgebiet) eingegangen, dass die Inselgruppe der Marianen sukzessive unter Aufwendung zusätzlicher militärischer und missionarischer Ressourcen unterworfen und reorganisiert wurde. Bis 1898, als die Insel in US-amerikanischen Besitz überging, blieb Guam so Teil des spanischen Kolonialreichs.

Island Studies als Forschungsprogramm

Das Potenzial von Inseln als "heuristischen Denkfiguren"[5] erschöpft sich indes nicht im Nachzeichnen von (dislozierten) Inseldiskursen und ihren (lokalisierbaren) Auswirkungen. Auf der anderen Seite leitet auch eine Essenzialisierung des Ortes "Insel" fehl, also die Reduzierung auf natürliche, vermeintlich wesenseigene, unveränderliche Gegebenheiten. Die Popularität einer Reihe inselzentrierter evolutionsbiologischer und ethnologischer Klassiker[6] ließ Inseln fast schon zu einem fixen Prinzip und zu Angelpunkten der Wissenschaft werden. Lange strukturierte so auch das statische Modell der Insel als eines (ab)geschlossenen Ökosystems die Ausrichtung inselbiogeografischer Artenschutzprojekte,[7] bevor "Biodiversität" zu einem dynamischeren, übergreifenden Leitbegriff werden konnte.[8] Jenseits suggestiv geprägter Forschung, die Inseln entweder als "Fokus" versteht – oft genug auch als "Topos" (griech. "Ort"), in einem von feststehenden Begrifflichkeiten geprägten Reden über Inseln – oder als "Locus" (lat. "Ort") – der Verabsolutierung einer geografischen Bedingung als Erfahrung vor Ort –, mehren sich mittlerweile die Forderungen nach einem "archipelagischen Denken".[9]

Als wichtiger Denkanstoß mag hier die postmoderne Zersplitterung und spielerische Dekonstruktion althergebrachter Gewissheiten gewirkt haben, zum Ausdruck gebracht etwa in der provozierenden Überspitzung "No Island Is an Island" (2000) des italienischen Kulturhistorikers Carlo Ginzburg.[10] Ein Forum für methodische Überlegungen in diese Richtung – wie auch für die Präsentation von Forschungsergebnissen – bietet seit 2006 das halbjährlich erscheinende, internationale "Island Studies Journal", eine frei zugängliche digitale Fachzeitschrift, die vom Institute of Island Studies der kanadischen University of Prince Edward Island betreut wird. Sie führt das gleichnamige junge Forschungsfeld an, das sich gegenwärtig an der Profilierung der erkenntnistheoretischen Versprechen vorzugsweise kleinerer Inseln versucht.

Das im Entstehen begriffene Fach mit der Bezeichnung "Island Studies" empfängt dabei Impulse aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, was für eine gewisse Heterogenität und Anzahl an Debatten sorgt. Die Bandbreite behandelter Aspekte ist folglich vielfältig und reicht, um nur einige Beispiele zu nennen, von den verkehrspolitischen Herausforderungen Hongkongs bis hin zu den "Island Studies" als explizit "dekolonialem Projekt", von den Auswirkungen des Klimawandels auf Inseln in vergleichender, interdisziplinärer Perspektive bis hin zu den wirtschaftlichen Möglichkeiten von Inseln zwischen kooperativen Gegenentwürfen zu patriarchalen Wirtschaftsverhältnissen und ihrer Funktion als Finanzparadiese in einem "archipelagisch" strukturierten Weltwirtschaftssystem. Für den Moment entfällt das Gros der Beiträge auf die Sozialwissenschaften, doch besteht Aussicht darauf, dass über die Thematik "Inseln" generell die Geistes- und Naturwissenschaften in einen gegenstandsorientierten Austausch treten könnten.

Multiperspektivisch-archipelagisches Denken

In neueren Studien werden Inseln differenzierter als "archipelagisch" entworfen, als "Beziehungsgeflechte"[11] inklusive ihres "Hinterlands".[12] Über einen schematischen Zentrum-Peripherie-Dualismus hinaus tritt ein Pluralismus sich überlagernder Prozesse und Räume in den Vordergrund.[13] Überspitzt gesagt: Das Eiland ist ein Archipel.

Um diesen Gedanken nicht beliebig erscheinen zu lassen, bedarf es der Methodisierung: "Ein Archipel umfasst eine Inselgruppe einschließlich des dazwischen liegenden Gewässers."[14] Ausgehend von dieser Standarddefinition könnte "archipelagisch" bedeuten, die vermeintliche Evidenz "Insel" – ein zeichenhaft und isoliert aus dem uniformen Blau des Gewässers aufragender Monolith – aufzubrechen und für den Kontext zu erschließen. Archipelagische Konstellationen – und damit eben auch Inseln – sind so als verflochten und zugleich offen zu denken, als modular-anschlussfähig. Sie können Beziehungen aufzeigen – vom interinsularen Austausch bis zur Einbindung in globale Prozesse –, Asymmetrien offenlegen und vor allem Multiperspektivität beanspruchen. Die Insel ist nicht selbstevident, es ist die Perspektive, die Mobilität, die die Insel konstituiert.[15] Über die Frage nach der "richtigen" Berücksichtigung der historisch oft subalternen, indigen-originären Inselperspektive jenseits der Fortsetzung extern-kolonialer Überformungen wird innerhalb des Forschungsfelds kontrovers diskutiert, wie der Ethnologe Adam Grydehøj, Herausgeber des "Island Studies Journal", unlängst in zwei durchaus selbstkritischen Beiträgen offenbarte.[16]

Guam

Auch in der Geschichte Guams finden sich oft genug fixe Zuschreibungen. Die Aufforderung zu einem archipelagischen Denken aufgreifend, sollen diese im Folgenden problematisiert und eine nachträgliche multiperspektivische Öffnung der Geschichte der Insel versucht werden.

Als prototypisch für das schematische Bild Guams könnte Antonio Pigafetta genannt werden, Chronist der Magellan’schen Weltumseglung und damit auch der paradigmatischen "Entdeckung" der Insel und ihrer Bevölkerung 1521 nach einer strapaziösen Pazifiküberquerung. Der italienische Beobachter schrieb, dass die Einwohner*innen der Inselregion "bevor sie uns sahen, glaubten, die einzigen Menschen auf der Erde zu sein".[17] Diese chauvinistische Akzentuierung der wechselseitigen "Entdeckungsleistung" in seinem viel gelesenen Reisebericht machte aus der Lokalbevölkerung ignorante Inselbewohner*innen: Indem ihre Insularität (lies: Isolation) enthüllt, ihr aufgedecktes, unzulängliches Dasein für "das Wissen" erschlossen wurde, konnte gleichzeitig der eigene Wissensvorsprung behauptet werden. Im Vergleich mit der ein Jahrhundert später entstehenden Bacon’schen Inselutopie fällt auf, dass sich dort eine genaue Umkehrung dieser Asymmetrie findet, ist es doch dort die Inselbevölkerung, die bestens über das Geschehen im Rest der Welt unterrichtet ist, wohingegen die Außenwelt nicht einmal Kenntnis von der Existenz dieses Eilands besitzt.

Stigmatisierender als das Entdeckungsnarrativ war wohl noch die Namensgebung, die Magellan und seine Mitreisenden vornahmen: Der Umstand einer konfliktreichen Erstbegegnung, die von kulturellen Missverständnissen und Gewalt geprägt gewesen war, schlug sich in Pigafettas Nacherzählung in einer Diffamierung der Inselbewohner*innen als "Diebe" nieder, weshalb sich – trotz neuerer, konkurrierender Toponyme wie "Marianen" – noch bis ins 20. Jahrhundert auch die Bezeichnung "Ladronische Inseln" (vom spanischen ladrones für "Diebe") für die Guam umschließende Inselgruppe halten sollte. Für die Bevölkerung spielte sich im weiteren Kontakt mit durchreisenden Handelsschiffen der Kollektivbegriff "Chamorro" ein, in Adaption einer Selbstbezeichnung der lokalen Führungsschicht.[18] Als "arme Indianer" wurden sie wiederum im Kontext der Etablierung einer antispanischen "leyenda negra" ("schwarze Legende") als zumeist stumme Zeugen für die repressive, rückständige Kolonialpolitik Spaniens ins Feld geführt.[19] Im vormals ob der spanischen Vorherrschaft gerne als "spanischer Teich" titulierten Pazifik trumpften nun auch andere Großmächte auf, allen voran das Vereinigte Königreich, das seinerseits mit Kriegsschiffen und Narrativen Politik machte.

Das heißt nicht, dass den Stimmen der Chamorro in englischen Reiseberichten – wie jenem über George Ansons längeren Aufenthalt auf Tinian, einer Nachbarinsel Guams, im Jahr 1742 – viel Platz eingeräumt worden wäre. Indirekt ist es jedoch durchaus möglich, solche vordergründig eindimensionalen Darstellungen zu multiperspektivieren und eine mitunter im Subtext der Quelle enthaltene Information zum Sprechen zu bringen: So ermöglichte die detaillierte, mit Maßangaben versehene Illustration einer "fliegende[n] Proa" in "Lord Ansons Reise um die Welt" einer Gruppe von Chamorro-Aktivisten 2011 den Nachbau eines dieser für das Archipel so charakteristischen Auslegerkanus mit dreieckigem Lateinersegel, das heute die Flagge Guams schmückt.[20] Diese trägt seit 1948 einen blutroten Rand, der mit dem idyllischen Emblem in der Mitte kontrastiert und an das Leid der Inselbevölkerung im Zweiten Weltkrieg erinnern soll. Dass Guam im Verlauf des Pazifikkriegs ins Fadenkreuz geraten sollte, hatte nicht nur mit der Lage der Insel zu tun, sondern auch damit, dass die Insel 1898/99 in US-amerikanischen Besitz übergegangen war.

Guam und die Frage der Dekolonisation

Ein archipelagischer Aufriss der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika öffnet den Blick für die "Greater United States", die über die nordamerikanische Landmasse hinausgehen und auch Guam einschließen.[21] Dessen Bedeutung in seiner Eigenschaft als US-Außengebiet und wichtigem US-Militärstützpunkt wächst sogar ganz beträchtlich, wenn man unter den "Greater United States" ein "Reich, das hauptsächlich aus Inseln und Überseestützpunkten besteht",[22] versteht. Die größte und bevölkerungsreichste Insel der Marianen – 167358 Einwohner*innen auf einer Fläche von 544 Quadratkilometern, wobei über ein Viertel der Inselfläche dem Militär vorbehalten ist[23] – wurde in der Forschung zuletzt nacheinander als Teil eines "imperialen Archipels" nach 1898, der "Pacific bloodlands" des Zweiten Weltkriegs und der "base nation" von heute wiederentdeckt.[24]

Nachdem Guam als koloniales Projekt auf der "kognitiven Karte" des spanischen Königreichs zunehmend verblichen war und in der Spätzeit nur noch als Strafkolonie diente, belebte die Insel nach dem nahtlos-kampflosen Übergang in US-Besitz 1898/99 kurzzeitig die amerikanische Vorstellungswelt. Der einflussreiche Marinevordenker Alfred Thayer Mahan hatte in Washington erfolgreich für die Inbesitznahme der Insel lobbyiert, wohingegen sich die ausführenden Marinesoldaten verwundert fragten: "Wieso Guam, wo liegt das überhaupt, und was wollen wir damit?"[25] Wechselnde Gouverneure der US-Marine regierten die Insel und ihre Bewohner*innen in der Folge selbstherrlich mit entwicklungsdiktatorischem Impetus oder chauvinistischem Desinteresse, ihr persönliches Regiment als zivilisatorisches Projekt verstehend, das vor allem die Macht des mittlerweile eng mit der Chamorro-Kultur verwobenen Katholizismus brechen sollte.[26] Vorsichtige Versuche einer insularen Selbstermächtigung wurden weiterhin abgewiesen, erst mit der von Washington gewährten Liberalisierung infolge des Organic Act von 1950 konnte eine – wenn auch weiterhin begrenzte und stets unter Vorbehalt schwebende – Selbstverwaltung entstehen, deren Ausgestaltung bis heute für Spannungen sorgt. So besitzt die Guamer Vertretung im US-Repräsentantenhaus kein Stimmrecht und die Bewohner*innen Guams trotz amerikanischer Staatsbürgerschaft kein Wahlrecht bei den Präsidentschaftswahlen. Die US-Verfassung gilt somit nur eingeschränkt, was Guam unverändert in einem subalternen politisch-rechtlichen Zwischenstatus als "unincorporated territory" schweben lässt.[27]

In seiner letzten Rede zur Lage der Insel drohte Gouverneur Eddie Calvo am 13. Februar 2018 fast schon mit einer Art Guamer Unabhängigkeitserklärung, indem er provokant die Ungerechtigkeiten, denen sich seine Insel fortwährend ausgesetzt sähe, mit der Situation am Vorabend des amerikanischen Unabhängigkeitskriegs verglich: "Meine Damen und Herren, ich frage mich, wie Thomas Jefferson und Joseph Warren, würden sie heute leben, auf diese ‚taxation without representation‘ reagieren würden."[28] Auch wenn solche Forderungen nach einer "Dekolonisation" Guams bisweilen taktischem Kalkül geschuldet sind, birgt die Rede des Gouverneurs durch die Anrufung der Gründerväter der USA gegen das "Mutterland" ein paradigmatisches postkolonial-emanzipatorisches Potenzial, das über das bloße rhetorische Manöver hinausgeht.

Guam und der Versuch der (Selbst-)Verortung

Im Sommer 2017 – auf der Höhe des kriegsrhetorischen Schlagabtauschs zwischen US-Präsident Donald Trump und dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Un – hatte sich Calvo warnend gegen eine die Insel überwölbende Darstellung in den Medien gewandt mit dem Hinweis, dass es sich bei Guam nicht bloß um einen Militärstützpunkt handele, sondern hier auch Menschen lebten.[29] Tatsächlich wurde die Insel – "eine Obskurität irgendwo da draußen im riesigen blauen Bereich des Globus", wie die "New York Times" schrieb[30] – in der damaligen Berichterstattung häufig auf ihre Lage reduziert: Auf Kartenausschnitten, die die Entfernungen zwischen Guam und Washington respektive Pjöngjang illustrieren sollten, erschien die Insel maßstabsgetreu unsichtbar als blauer Punkt, der nur abstrakt durch eine über das blaue Meer gelegte Einkreisung als Land ausgewiesen wurde.

Diese eher simuliert-entworfene denn erfahrene Lage Guams hat ihre historischen Vorläufer: So fungierte der Archipel als regelmäßiger Zwischenhalt zur Orientierung und Proviantierung auf der Route der sogenannten "Manila-Galeonen", die jahrhundertelang den Seehandel zwischen Ostasien und Mittelamerika prägten. Später diente die Insel als Kohlestation, als Durchgangspunkt des 1903 eingerichteten ersten transpazifischen Telegrafenkabels sowie als Tankstopp entlang der ersten Linienflugverbindung über den Pazifik ab 1936. Auch die amerikanischen Kriegsschiffe kaperten die Insel 1898 quasi nebenbei, unterwegs von Hawaii zu den Philippinen. Als "einsamer Außenposten, den wir nie richtig befestigt haben", wurde Guam im Zweiten Weltkrieg rasch von Japan besetzt – ein Versäumnis, das der damalige US-Präsident Franklin D. Roosevelt am 23. Februar 1942 in einer Radioansprache thematisierte, in der er die Amerikaner*innen auch über die strategische Bedeutung der unzähligen Inseln im Pazifik aufklärte, selbst wenn diese "auf den meisten Karten nur als kleine Punkte oder gar nicht erscheinen" würden. 1944 wurde Guam im Zuge der "Island-Hopping"-Gegenoffensive wiedererobert und zu einem wichtigen militärischen Knotenpunkt ausgebaut. Mit Atomwaffen aufgerüstet funktionierte der "Wachhund"[31] Guam als vorgelagerte Drohkulisse im Kalten Krieg. Andererseits bot sich die Insel als "intermediate place", als "Zwischenort", so US-Außenminister John Foster Dulles am 26. Juli 1953 in einem Telegramm an die US-Botschaft in Südkorea, auch für amerikanisch-asiatische Gesprächstreffen an. Politiker auf der Durchreise schienen dabei stets bemüht, dem Vorurteil entgegenzutreten, sie sähen in Guam nur "einen bequemen Zwischenstopp auf dem Weg nach woanders", wie es der damalige US-Präsident Ronald Reagan während eines Stopovers 1984 ausdrückte.

Als Richard Nixon, einer seiner Vorgänger, 1972 über Guam nach China reiste, sprach die Lokalzeitung selbstbewusst vom privilegierten Beobachterstatus der Insel als "Aussichtspunkt",[32] stets den gegenwärtigen Stand der US-Asienpolitik beaufsichtigend. In der Gegenrichtung wickelte Guam unter Nixons Nachfolger Gerald Ford nach dem Fall der südvietnamesischen Hauptstadt Saigon im letzten Akt des Vietnamkriegs 1975 einen großen Teil des Flüchtlingsstroms aus Südostasien in die Vereinigten Staaten ab. Die folgenden Jahrzehnte brachten eine Abschwächung der militärischen Sinnbelehnung Guams mit sich, wodurch sich die Insel erfolgreich als Tourismusdestination neu erfinden konnte und zwischenzeitlich sogar als "neues Hongkong"[33] gehandelt wurde. Dieser immer wieder von Krisen unterbrochene Trend der Demilitarisierung und Prosperität wurde spätestens mit der seit einigen Jahren geplanten Modernisierung der militärischen Infrastruktur im Marianen-Archipel widerrufen oder zumindest entkoppelt. Guam fand sich so im "Wendekreis" des von US-Präsident Barack Obama in seiner ersten Amtszeit ausgerufenen "Schwenks nach Asien" wieder. Das Raketenabwehrsystem, das die Insel seit 2013 virtuell beschirmt, symbolisiert diese erneuerte militärische Überformung. Dagegen wenden sich zivilgesellschaftliche Gruppen, die in ihren Anliegen (Demilitarisierung, Dekolonisation, Umweltschutz) nicht insular-isoliert bleiben, sondern sich vielmehr archipelagisch vernetzen und Anschluss suchen sowohl an die Chamorro-Diaspora (Hawaii, Westküste der USA) als auch zu gleichgesinnten Bewegungen an anderen Brennpunkten des Protests im pazifischen Raum.[34]

Die Inseln des Pazifiks sind so gegenwärtig Schauplatz einer strapazierten Beziehung zwischen Vereinigten Staaten und Außengebieten – amerikanischer "Kriegsspiele"[35] und forscher Guamer Selbstentwürfe – wie auch weltpolitischer Konstellationen; zumal am Horizont immer deutlicher die Möglichkeit künstlicher Inseln aufscheint.[36] Ein archipelagischer Blick kann helfen, diese Spannungsfelder sichtbar zu machen. Die hier neu entworfene Strategie des "Inselspringens" hatte schließlich nicht nur die epochalen Fahrten der Phönizier*innen, Wikinger*innen und Polynesier*innen angeleitet, sondern auch die europäische Expansion, Inseln und Inselentwürfe als "geistige Trittsteine" auslegend.[37]
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Fußnoten

1.
John Donne, Devotions Upon Emergent Occasions, hrsg. u. kommentiert von Anthony Raspa, New York–Oxford 1987, S. 87.
2.
Marcel Krings, Im Wald der Schrift. Poetologische Botanik in Grimmelshausens Simplicissimus, in: Euphorion 4/2017, S. 445–460, hier S. 460.
3.
Vgl. Alexandre Coello de la Rosa, Jesuits at the Margins. Missions and Missionaries in the Marianas (1668–1769), New York–Abingdon 2016, S. 32; Robert F. Rogers, Destiny’s Landfall. A History of Guam, Honolulu 1995, S. 58–73.
4.
Vgl. Ronald Stade, Pacific Passages. World Culture and Local Politics in Guam, Stockholm 1998, S. 10.
5.
Elaine Stratford et al., Conversations on Human Geography and Island Studies, in: Elaine Stratford (Hrsg.), Island Geographies. Essays and Conversations, New York–Abingdon 2017, S. 144–159, hier S. 151.
6.
Vgl. z.B. Charles Darwin, On the Origin of Species, London 1859; Margaret Mead, Coming of Age in Samoa, New York 1928.
7.
Siehe dazu auch den Beitrag von Rebecca Hofmann und Uwe Lübken in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
8.
Vgl. Libby Robin, No Island Is an Island, 18.12.2014, https://aeon.co/essays/island-mindedness-has-no-place-in-a-cosmopolitan-age«.
9.
Elaine Stratford et al., Envisioning the Archipelago, in: Island Studies Journal 2/2011, S. 113–130, hier S. 120; vgl. Owe Ronström, Finding Their Place: Islands as Locus and Focus, in: Cultural Geographies 2/2013, S. 153–165.
10.
Carlo Ginzburg, No Island Is an Island. Four Glances at English Literature in a World Perspective, New York 2000.
11.
Michael Borgolte/Nikolas Jaspert, Maritimes Mittelalter – Zur Einführung, in: dies. (Hrsg.), Maritimes Mittelalter. Meere als Kommunikationsräume, Ostfildern 2016, S. 9–34, hier S. 19.
12.
Godfrey Baldacchino, The Coming of Age of Island Studies, in: Tijdschrift voor Economische en Sociale Geografie 3/2004, S. 272–283, hier S. 273.
13.
Vgl. Markus P. M. Vink, Indian Ocean Studies and the "New Thalassology", in: Journal of Global History 1/2007, S. 41–62.
14.
Andreas Mieth/Hans-Rudolf Bork, Inseln der Erde. Landschaften und Kulturen, Darmstadt 2009, S. 15.
15.
Vgl. Stratford et al. (Anm. 5), S. 157. Siehe auch den Beitrag von Arndt Kremer in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
16.
Vgl. Adam Grydehøj, Editorial: A Future of Island Studies, in: Island Studies Journal 1/2017, S. 3–16; ders., Hearing Voices: Colonialism, Outsider Perspectives, Island and Indigenous Issues, and Publishing Ethics, in: Island Studies Journal 1/2018, S. 3–12.
17.
Zit. n. Oscar Koelliker, Die erste Umseglung der Erde durch Fernando de Magallanes und Juan Sebastian del Cano 1519–1522, München–Leipzig 1908, S. 129f. Vgl. Xavier de Castro/Jocelyne Hamon/Luís Filipe Thomaz (Hrsg.), Le voyage de Magellan (1519–1522). La relation d’Antonio Pigafetta & autres témoignages, Bd. 1, Paris 2007, S. 122.
18.
Vgl. Ulrike Strasser, Rome to Guam and Back: The Re-Formation of Chamorro Identity in a Changing World, in: Archiv für Reformationsgeschichte 1/2017, S. 212–222, hier S. 215; Frank Quimby, The Hierro Commerce. Culture Contact, Appropriation and Colonial Entanglement in the Marianas, 1521–1668, in: The Journal of Pacific History 1/2011, S. 1–26, hier S. 11.
19.
Richard Walter, Des Herrn Admirals, Lord Ansons Reise um die Welt, neue durchgehends verbesserte und vermehrte Auflage Göttingen 1763, S. 430; vgl. auch David Atienza, A Mariana Islands History Story: The Influence of the Spanish Black Legend in Mariana Islands Historiography, in: Pacific Asia Inquiry 1/2013, S. 13–29.
20.
Walter (Anm. 19), S. 468, Abb. 20; vgl. Mario Borja, Our Sakman Story, 4.1.2017, http://www.guampedia.com/chamoru-seafaring-lexicon-workshop«.
21.
Daniel Immerwahr, The Greater United States: Territory and Empire in U.S. History, in: Diplomatic History 3/2016, S. 373–391; vgl. auch Brian Russell Roberts/Michelle Ann Stephens, Archipelagic American Studies. Decontinentalizing the Study of American Culture, in: dies. (Hrsg.), Archipelagic American Studies, Durham–London 2017, S. 1–54.
22.
Immerwahr (Anm. 21), S. 390.
23.
Guam, 12.7.2018, https://www.cia.gov/library/publications/resources/the-world-factbook/geos/gq.html«.
24.
Lanny Thompson, Imperial Archipelago. Representation and Rule in the Insular Territories under U.S. Dominion after 1898, Honolulu 2010; Immerwahr (Anm. 21), S. 387; David Vine, Base Nation. How U.S. Military Bases Abroad Harm America and the World, New York 2015.
25.
Zit. nach Brief von George A. Courtright an Warren Reed West, 18.2.1941, http://www.history.navy.mil/research/publications/documentary-histories/united-states-navy-s/the-capture-of-guam/warrant-officer-geor/_jcr_content.html«.
26.
Vgl. Vicente M. Diaz, Repositioning the Missionary: Rewriting the Histories of Colonialism, Native Catholicism, and Indigeneity in Guam, Honolulu 2010; siehe auch Strasser (Anm. 18).
27.
Vgl. Moritz Pöllath, Revisiting Island Decolonization: The Pursuit of Self-Government in Pacific Island Polities under US Hegemony, in: Island Studies Journal 1/2018, S. 235–250, hier S. 237; Michael Lujan Bevacqua/Elizabeth Ua Ceallaigh Bowman, Guam, in: The Contemporary Pacific 1/2018, S. 136–144.
28.
Governor Calvo Delivers His Final State of the Island Address, 20.2.2018, http://www.kuam.com/story/37491190/2018/02/Tuesday/governor-calvo-delivers-his-final-state-of-the-island-address«.
29.
Guam Governor Says North Korea’s Talk of Revenge Is no Threat, 9.8.2017, http://www.reuters.com/article/us-northkorea-missiles-usa-guam-governor-idUSKBN1AP0AW«.
30.
Doug Mack, Guam Is Suddenly in the News. But What Is It Like to Travel There?, 18.8.2017, https://nyti.ms/2v7bGo4«.
31.
Charles Beardsley, Guam. Past and Present, Tokio–Rutland 1964, S. 247. Zum kolonialen Subtext dieser Allegorie – Guam als "Wachhund" an der Leine der USA – vgl. Camilla Fojas, Islands of Empire. Pop Culture and U.S. Power, Austin 2014, S. 181.
32.
Our Wish of Godspeed as Nixon Heads West, Pacific Daily News, 21.2.1972.
33.
Could Guam Be Another Hong Kong?, New York Times, 27.7.1983.
34.
Vgl. Tiara R. Na’puti/Michael Lujan Bevacqua, Militarization and Resistance from Guåhan: Protecting and Defending Pågat, in: American Quarterly 3/2015, S. 837–858.
35.
Ebd., S. 837.
36.
Vgl. dazu auch den Beitrag von Julian Dörr und Olaf Kowalski in dieser Ausgabe (Anm. d. Red.).
37.
John Gillis, Islands of the Mind. How the Human Imagination Created the Atlantic World, New York 2004, S. 62.

Jan-Martin Zollitsch

Zur Person

Jan-Martin Zollitsch

studiert Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin. zollitsch@hu-berlin.de


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