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6.10.2003

"Elektrosmog" durch Mobilfunk?

Akzeptanz und Risiko im Licht der öffentlichen Debatte

Mit dem Aufbau der Mobilfunknetze hat eine Debatte über die gesundheitlichen Auswirkungen elektromagnetischer Emissionen begonnen. Die Zukunft des Mobilfunks hängt davon ab, wie die öffentliche Debatte über Nutzen und Risiken geführt wird.

Die Kommunikation der Zukunft wird mobil

Fast alle Erwachsenen und die meisten Jugendlichen in Deutschland sind heute im Besitz eines Mobilfunktelefons, des "Handys". Im Vergleich zur leitungsgebundenen Telefonie brauchte das Handy nur wenige Jahre, um zur Standardausstattung deutscher Haushalte zu avancieren. Mit dem Jahrtausendwechsel hat die Zahl der Mobilfunkteilnehmer erstmals die Zahl der Festnetzanschlüsse überholt; im laufenden Jahr 2003 sind über 60 Millionen Handys im Gebrauch. Dabei zeigt die Tendenz bei der Verbreitung mobiler Endgeräte trotz der allmählichen Sättigung des Marktes weiter nach oben. Langfristig kann sogar von einer Substitutionskonkurrenz zwischen dem Mobilfunk- und dem Festnetz ausgegangen werden.




Das steigende Bedürfnis, immer und überall kommunizieren zu können, jederzeit erreichbar zu sein oder im Notfall Hilfe herbeiholen zu können, haben das Handy zu einer "selbstverständlichen", von der Forschung aber vergleichsweise wenig beachteten Technologie werden lassen, obwohl sie unsere Kommunikations-, Lebens- und Arbeitsgewohnheiten mindestens ebenso fundamental verändert wie das Automobil oder das Fernsehen.

Dabei stehen wir erst am Anfang einer Entwicklung, die dem Mobilfunk wohl schon in wenigen Jahren den Status einer Schlüsseltechnologie verleihen wird. Die Zusammenführung der Telekommunikation, des Rundfunks und des Internets in einer "konvergenten" Endgeräteplattform - vor wenigen Jahren im "Grünbuch" der Europäischen Kommission[1] noch als Phänomen einer ferneren Zukunft charakterisiert - steht unmittelbar vor ihrer technologischen Realisierung: Telefonie, Rundfunknachrichten, Videoclips oder schneller Internetzugang über ein tragbares Endgerät dürften bald eine ebenso große Verbreitung erlangen wie heute der Short Message Service (SMS).[2] Die erforderliche Infrastruktur - das Universal Mobile Telecommunication System (UMTS) - befindet sich in Deutschland im Aufbau. Entsprechend den Lizenzauflagen sollen bis 2005 50 Prozent aller Haushalte UMTS nutzen können. Erste, vergleichsweise einfache Endgeräte und Dienste können bereits zum Jahresende bei den Mobilfunk-Netzbetreibern erworben bzw. nachgefragt werden.

Fachbegriffe wie Mobile Internet, Mobile Media, Mobile Commerce, Mobile Payment, Location Based Services etc. dringen über die Werbung bereits in die Alltagssprache vor und dürften bald zum semantischen Repertoire selbst technischer Laien gehören. Sie alle vermitteln eine Vorstellung davon, dass Information, Kommunikation, Medienkonsum sowie zahlreiche Telekommunikationsdienste sich Stück um Stück von den physikalischen Einschränkungen ihrer leitungs- bzw. kabelvermittelten Übertragung lösen und mit dem Anbieter-Slogan "anywhere", "any time" "everything" offenkundig Ernst machen.[3] Schon in wenigen Jahren werden viele Bürger nicht nur eines, sondern mehrere tragbare Endgeräte besitzen, die immer auch Telefonie und den Zugang zum Internet ermöglichen werden.

Wie die meisten Basisinnovationen besitzt auch der Mobilfunk aber scheinbar einen entscheidenden Nachteil: Zur Übertragung der Daten sind hochfrequente elektromagnetische Wellen erforderlich, die das Informationssignal zwischen Basisstationen und Endgeräten über größere Entfernungen hin- und her transportieren. Obwohl der Gesetzgeber schon im Rahmen einer Bundesimmissionsschutzverordnung[4] Grenzwerte zur Abwehr möglicher Gesundheitsgefährdungen eingeführt hat, sind in der Medienberichterstattung die möglichen akuten oder latenten Gesundheitsgefährdungen hochfrequenter elektromagnetischer Felder (EMF) seit der Versteigerung der UMTS-Frequenzen zu einem zentralen Thema geworden.

Im Vordergrund stehen dabei zum einen die "thermischen Effekte", die durch die Absorption der Sendeenergie entstehen und zur Erwärmung des exponierten Körpergewebes führen. Wesentlich schwieriger stellt sich die Situation bei den "athermischen Effekten" dar, die besonders heftig diskutiert werden. Das Spektrum reicht von diffusen Befindlichkeitsstörungen (Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, Schlafstörungen), Veränderung der Hormonproduktion und des Melatoninspiegels über Einflüsse auf das zelluläre Wachstum bis hin zur Verursachung von Leukämie oder Augentumoren. Besonders strittig ist, ob die teilweise beobachteten Effekte auch unterhalb der geltenden Grenzwerte gesundheitliche Störungen oder Erkrankungen nach sich ziehen.[5]

Angesichts dieser Diskussion sind in Deutschland, aber auch in vielen anderen Ländern Protestbewegungen und Bürgerinitiativen entstanden, deren Forderungen vom Abbau einzelner Basisstationen z.B. in Wohngebieten (Kindergärten, Altenheime) bis hin zum völligen Abbau der Mobilfunknetze reichen. Die Zukunft des Mobilfunks hängt davon ab, wie die Bevölkerung den erfahrbaren Nutzen gegen die potenziellen Risiken abwägt. Dabei geht es primär nicht um die Frage nach objektiven oder statistisch zu erwartenden, potenziell möglichen Gesundheitsschäden, wie sie etwa Eingang in die Wahrscheinlichkeitsrechnungen der Versicherungswirtschaft (R = W × S[6]) gefunden haben. Vielmehr werden technische Risiken in sozialen Kontexten nur in dem Maße bedeutsam, wie sie von der Öffentlichkeit wahrgenommen, bewertet und kommuniziert werden. Dies geschieht oft unabhängig und losgelöst von der objektiven Brisanz, der Reichweite oder der Faktizität eines Risikos.[7]

Vor diesem Hintergrund darf die Debatte über die Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt (EMVU)[8] keineswegs nur als lästiger Störfall betrachtet werden, der mit unnötiger öffentlicher Unruhe, Zeitverzögerungen oder höheren Kosten verbunden ist. Sie ist vielmehr als "Normalfall" einer unvermeidbaren und sinnvollen Auseinandersetzung über die Gestaltung des gesellschaftlichen Einbettungs- und Nutzungsverhaltens einer neuen, alle Lebensbereiche verändernden modernen Technologie anzusehen.[9]

Angesichts der zunehmenden Intensität der öffentlichen Diskussion rücken Fragen nach der Akzeptabilität des Mobilfunks und des "Elektrosmogs" sowie nach der Zukunft dieser Technologie in den Mittelpunkt. Um zu einer fundierten Einschätzung zu gelangen, ist ein grundlegendes Verständnis erforderlich, wie die potenziellen Risiken, die von hochfrequenten elektromagnetischen Feldern (EMF) ausgehen können, von den Medien und der Bevölkerung wahrgenommen und im Vergleich mit anderen technologisch bedingten Risiken bewertet werden. Vor diesem Hintergrund sind vor allem folgende Fragen wichtig: Wie wird das Thema "Elektrosmog" von den Medien aufgegriffen und behandelt? Welche Einstellungen und Meinungen herrschen hierzu in der Öffentlichkeit? Wie verlaufen entsprechende Debatten im Ausland? Welchen Verlauf wird die Debatte künftig nehmen?[10]

"Elektrosmog" als Thema der Medienberichterstattung

Für die öffentliche sowie individuelle Wahrnehmung und Kommunikation technologiebedingter Risiken kommt den Medien nicht nur die Rolle eines Informationslieferanten zu, sondern auch eine zentrale Funktion als Bündeler und Verstärker. Erst die Resonanz in den Massenmedien verleiht einem potenziellen Risiko gesellschaftliche und politische Brisanz. Medienanalysen haben gezeigt, dass Massenmedien über Technikkontroversen im Allgemeinen objektiv und sachlich berichten und eine Kritik an der Berichterstattung kaum angebracht erscheint.[11] Nicht selten führt aber der Wettbewerb dazu, dass sie Neutralität und Objektivität vernachlässigen und eine Advokatenrolle für die Leser übernehmen. Je nach Art der Publikation - Tagespresse, Publikumszeitschrift, Boulevardblatt - werden bestimmte Themen mehr oder weniger dramatisierend ausgemalt. Die generelle Bedeutung der Medien für die Darstellung eines Risikothemas wirft vor diesem Hintergrund die Frage nach der Art der Berichterstattung und ihrer Einflussnahme in der EMVU-Debatte auf.

Häufigkeit der Medienbeiträge zu EMVU

Eine Wechselwirkung zwischen der Zunahme der Relevanz des Themas "Elektrosmog" und einer stark wachsenden Anzahl von Medienbeiträgen lässt sich auch im EMVU-Diskurs beobachten. Zu Beginn der neunziger Jahre fand die EMF-Problematik nur sporadisch in der Berichterstattung Erwähnung. Die Mobilfunkpenetration war zu dieser Zeit noch gering. Das analoge C-Netz bildete die einzige Möglichkeit, mobil zu telefonieren, und wurde auf Grund der hohen Kosten vor allem von Geschäftsleuten genutzt. Perioden mit geringerer Intensität der Berichterstattung lösten solche mit einer intensiveren Thematisierung ab. Zum Start des D1- und D2-Netzes blieb das Medienecho zunächst konstant. Als jedoch mit den E-Netzen die Anzahl der Antennenmasten spürbar anstieg, wurden Presse und Rundfunk in stärkerem Maße auf die damit verbundenen gesundheitlichen und auch ästhetischen Fragen aufmerksam.

Im Jahre 1994 befassten sich bundesweit jährlich bereits mehr als tausend Zeitungsartikel mit den potenziellen Gesundheitsrisiken des Mobilfunks. Im Jahr darauf waren es schon über 3500 Beiträge, also rund 280 pro Monat. Blieb die Zahl der Beiträge in den Folgejahren annähernd konstant, so schnellte sie durch das große Medienecho im Kontext der Versteigerung der UMTS-Frequenzen im Juli 2000 hoch und verdreifachte sich bis 2001 auf über 1800 Presseclippings pro Monat. Für das Jahr 2002 betrug diese Zahl mehr als 2500.

EMVU-Beiträge nach Erscheinungsweise der Medien

Die EMVU-Problematik ist ein Thema, das besonders häufig auf den Lokalseiten der Tagespresse aufgegriffen wird. In der Regel werden dort solche Informationen transportiert, die auf besondere Vorkommnisse mit aktuellem Hintergrund und hohem Aufmerksamkeitswert wie z.B. Gerichtsurteile, die Gründung einer neuen Bürgerinitiative oder die Veröffentlichung neuer Studienergebnisse Bezug nehmen. Für Medien, die wöchentlich oder 14-tägig erscheinen und die Möglichkeit einer ausführlicheren und genaueren Darstellung von Hintergrundinformationen hätten, besitzt die EMVU-Problematik hingegen nur eine sehr geringe Priorität.

Regionale Verteilung der Beiträge

Betrachtet man die Verteilung der Beiträge nach Bundesländern, so lässt sich ein deutliches Süd-Nord-Gefälle feststellen. Besonders in den letzten Jahren wird eine auffällige Asymmetrie sichtbar. Mehr als die Hälfte aller Beiträge (59,2 Prozent) entfällt - bei steigender Tendenz - allein auf Baden-Württemberg und Bayern. Alle übrigen Länder verzeichnen auf relativ niedrigem Niveau eine Konstanz in der Berichterstattung: Nordrhein-Westfalen 8,7 Prozent aller Medienbeiträge, auf Bremen, Hamburg, Niedersachsen sowie Schleswig-Holstein entfielen 2001 insgesamt nur elf Prozent. Für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland lautet der entsprechende Wert 12,6 Prozent. Auch in den Medien der ostdeutschen Bundesländer spielt die EMVU-Problematik nur eine marginale Rolle. Auf Berlin, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Thüringen entfallen 2001 rund 7,7 Prozent aller einschlägigen Medienbeiträge.

Tendenzen der Berichterstattung

Auf der Basis der Pressedokumentation der Forschungsgemeinschaft Funk[12] lässt sich feststellen, dass die Medien mit unterschiedlicher Tendenz über die EMVU-Debatte berichten (vgl. Abbildung 1: s. PDF-Version) und nach 1998 eine starke Trendverschiebung bemerkbar ist. Überwiegen im Jahr der vollständigen Liberalisierung des deutschen Telekommunikationsmarktes die neutralen Beiträge mit rund 65 Prozent noch bei weitem, sind es schon drei Jahre später kaum mehr als zehn Prozent. Dafür steigt die Anzahl der Berichte mit kritischen oder negativen Bewertungen von "Elektrosmog" bis 2001 um das Dreifache an. Beim Thema "Elektrosmog" finden sich Anzeichen dafür, dass die Häufigkeit, die ausgewählten Themenfelder und die Auswahl der Gruppen, die in den Berichten zu Wort kommen, eher auf emotionale Leserreaktionen abzielen.

Bio-physikalische Auswirkungen in der Berichterstattung

Die hohe Anzahl der Berichte mit negativer Tendenz spiegelt den zunehmenden Protest und die wachsende Besorgnis in der Bevölkerung gegenüber möglichen Gesundheitsrisiken wider. Bemerkenswert ist, dass zunehmend Beiträge über verschiedene Auswirkungen von EMF auf die Gesundheit und bestimmte Krankheitsbilder veröffentlicht werden (vgl. Abbildung 2: s. PDF-Version). Die Angst vor Gesundheitsrisiken dominiert die EMVU-Thematik in immer stärkerem Maße. Insbesondere gravierende Krankheiten wie die Entstehung von Krebs stehen im Mittelpunkt. Allerdings nehmen Berichte über unspezifische Befindlichkeitsstörungen deutlich an Häufigkeit zu. Damit kann eine "mobilisierende" Wirkung der Berichterstattung nicht ausgeschlossen werden, denn der Kreis derjenigen, die potenziell betroffen sein könnten, weitet sich hierdurch erheblich aus. Demgegenüber gehen Beiträge, die objektivierbare Risiken wie z.B. Gerätestörungen behandeln, immer mehr zurück.

Insgesamt lässt sich die Presseberichterstattung unter medienanalytischen Gesichtspunkten als ortsbezogen, tagesaktuell und vordergründig charakterisieren. Die kritische Berichterstattung überwiegt, z. T. lassen sich auch irreführende und auf eine unzureichende Informationslage zurückzuführende Beiträge ausmachen. Zwei Drittel aller Meldungen befassen sich mit den Antennen (Basisstationen) und den damit verbundenen Standortkonflikten. Die Bürgerinnen und Bürger als aktiv gestaltende Akteure stehen im Mittelpunkt der Mehrzahl der Artikel. Die auf Freiwilligkeit basierenden Informations- und Kooperationsmaßnahmen der Industrie etwa im Rahmen der sog. "Selbstverpflichtung" gegenüber den Kommunen bleiben dagegen weitgehend ohne Resonanz.[13]

Bei Auswertung der Inhalte lassen sich argumentative Stereotype unterscheiden, die insbesondere die Handlungsdefizite der Netzbetreiber oder öffentlicher Institutionen zum Gegenstand haben. Informations- und Aufklärungsdefizite: "Die Netzbetreiber unterrichten die Kommunen zu kurzfristig oder gar nicht bei der Planung der Standorte für ihre Basisstationen." "Die Auskünfte der Netzbetreiber tragen nicht zur Vertrauensbildung gegenüber der Mobilfunktechnik bei, da sie die Fragen besorgter Bürger nicht oder nur unzureichend beantworten." Wissensdefizite: "Die Mobilfunkinfrastruktur wird weiter ausgebaut, obwohl die potenziellen Risiken für die Gesundheit bisher nicht hinreichend erforscht wurden." "Es ist zu bezweifeln, ob elektromagnetische Wirkungsfragen sich je objektiv nachprüfbar beantworten lassen." Vorsorgedefizite: "Die bestehenden Grenzwerte sind angesichts der großen Infrastrukturdichte in Deutschland generell zu hoch." "Die Grenzwerte beziehen sich nur auf die thermischen Effekte und lassen athermische Effekte, die auch unterhalb dieses Grenzwertes eintreten können, außer Acht." Demokratie- und Legitimationsdefizite: "Die wirtschaftlichen Interessen der Industrie verhindern einen vorsorgenden Gesundheitsschutz. Um ihre kommerziellen Interessen zu schützen, versuchen die Netzbetreiber massiv Einfluss auf die Öffentlichkeit und die Politik zu nehmen." "Die Mobilfunkindustrie lässt es an Fairness im Umgang mit den Interessen der Bürger fehlen." Vollzugsdefizite: "Die Einhaltung der Grenzwerte von Sendeanlagen ist nicht überall gewährleistet."

Wollen die Netzbetreiber, die öffentlichen Institutionen und die Politik eine erfolgreiche Risikokommunikation mit der Öffentlichkeit betreiben sowie Konfliktabbau und Kompromisslinien verfolgen, so erscheint eine intensive Befassung mit diesen Argumentationslinien unerlässlich.

Risikoperzeption und -bewertungin der Öffentlichkeit

Grundsätzlich basieren die folgenden Aussagen zur Risikobewertung auf der Erhebung repräsentativer demographischer Variablen nach Geschlecht, Alter, Bildung, Einkommen etc. Im Rahmen einer Telefonbefragung (CATI)[14] wurden im dritten Quartal 2001 über 1000 Personen interviewt. In Abweichung von sonstigen Befragungen ist auch die Gruppe der 14- bis 17-Jährigen in die Erhebung einbezogen worden. Gefragt wurde nach einer allgemeinen Einschätzung der Handynutzung, nach dem persönlichen Informationsstand, nach der Bewertung mobilfunkbezogener Risiken, nach möglichen Vorsorgemaßnahmen, nach der Versorgung mit Informationen sowie nach einer vergleichenden Risikoeinschätzung.

Handynutzung in Deutschland 2001/2002

Deutschland ist in Europa mit einem Marktanteil von 21 Prozent führend bei der Handynutzung. Eine Penetrationsrate von über 75 Prozent und über 60 Millionen Anschlüsse sprechen für eine überaus hohe Akzeptanz der Mobilfunktelefonie. Es zeichnet sich allmählich eine Sättigung im Mobilfunkmarkt ab. Dabei stabilisiert sich auch der Anteil der "Verweigerer" der Mobilfunkkommunikation. Rund 90 Prozent derjenigen, die sich als "Nicht-Nutzer" bezeichnen, planen, auch künftig kein Handy anzuschaffen. Dazu gehören sehr alte Menschen, Personen ohne Kinder und Personen mit geringem Einkommen. Lediglich etwa vier Prozent planen, in absehbarer Zeit einen Vertrag mit einem Mobilfunkanbieter zu schließen.

Überraschenderweise sind Handys vor allem in Haushalten mit Kindern stark verbreitet, obwohl zu erwarten gewesen wäre, dass hier die Ängste gegenüber "Elektrosmog" besonders ausgeprägt sind. Die hohe Penetrationsrate erklärt sich daraus, dass Handys bei der alltäglich notwendigen Kommunikation und Koordination eine entscheidende Hilfe darstellen und zwischen Eltern und Kindern "psychologische Nähe" herstellen. Insofern haben Befürchtungen bezüglich der besonderen Exposition von Kindern und Jugendlichen durch hochfrequente EMF, wie sie in der Debatte häufig geäußert werden, keinen Einfluss auf das Kaufverhalten.

In der Meinung der Öffentlichkeit hat sich das Handy in den letzten Jahren vom Luxusgut zum Alltagsgerät gewandelt, welches selbstverständlich und jederzeit zur Bewältigung vieler alltäglicher Aufgaben eingesetzt wird. 54 Prozent bezeichnen sich daher als "Vielnutzer", die mehrmals täglich das Handy benutzen. Es ist davon auszugehen, dass der Mobilfunk nicht zuletzt auf Grund sinkender Kosten zunehmend in Wettbewerb zum Festnetzanschluss tritt, obwohl die leitungsgebundene Kommunikation in Hinblick auf die diskutierten Gesundheitsrisiken gänzlich "risikofrei" genutzt werden kann.[15]

Das Handy bringt für viele unverzichtbare Vorteile. Mehr als drei Vierteln der Befragten verleiht das Handy ein Gefühl der Sicherheit, knapp drei Viertel sehen durch das Handy ihre Mobilität und Flexibilität erhöht, und für zwei Drittel erleichtert es erheblich die Alltagsorganisation. Das Handy wird vor allem im Privatleben eingesetzt, was den Aspekt der Freiwilligkeit unterstreicht. Der Anteil der möglicherweise unfreiwilligen, beruflich veranlassten Nutzung ist verschwindend gering. Vor diesem Hintergrund genießt der Mobilfunk bei der Mehrheit der Bevölkerung nicht nur aus privaten Anlässen hohe Zustimmung, sondern auch ein positives Image als Wirtschaftsfaktor. Rund zwei Drittel der Bürger glauben, dass durch den Mobilfunk neue Arbeitsplätze entstehen.

Informationsstand zum Elektrosmog - Kenntnisse und Selbsteinschätzung

Der zweite Fragenkomplex der Erhebung bezog sich auf den allgemeinen Informationsstand in Bezug auf die potenziellen gesundheitlichen Risiken. Relevant war vor allem, inwieweit Befürchtungen auf subjektiven Einschätzungen basieren und welche objektiven Erkenntnisse vorhanden sind. Berücksichtigt wurde auch, ob die Befragten in der Nähe einer Basisstation wohnten.

Rund ein Drittel der Befragten hat bisher keinen Mobilfunkmast in der Nähe des eigenen Wohnortes wahrgenommen. Ein weiteres Drittel der Befragten kann dazu keine Angaben machen. Der überwiegende Teil der Bevölkerung zeigt wenig Interesse an der Standortfrage. Über die Hälfte der Befragten empfindet das Aussehen von Mobilfunkmasten auch aus optischen Gründen nicht als störend. Besonders für Männer, Vielnutzer und jüngere Menschen ist das ästhetische Erscheinen von Mobilfunkmasten in der Landschaft oder auf Hausdächern gänzlich unproblematisch.

Rund 90 Prozent der Bevölkerung hat bereits von möglichen gesundheitlichen Risiken des Mobilfunks gehört. Allerdings fühlen sich die meisten (62 Prozent) schlecht informiert. Viele Bürger haben wichtige Begriffe der EMVU-Debatte ("elektromagnetische Wellen", "thermische Effekte", "SAR-Wert"[16]) bereits gehört, sie können jedoch kaum etwas damit verbinden. Dabei können jüngere Männer, Vielnutzer und Befragte mit höherem Einkommen als am besten informiert gelten. Frauen und ältere Bevölkerungsgruppen zeigen sich am schlechtesten informiert.

Als wichtigste Informationsquelle werden von 95 Prozent der Befragten die Medien angeben, fast ein Drittel bezieht seine Informationen durch Freunde oder Bekannte. Nur bei 13 Prozent spielen die Umweltverbände als Informationsquelle eine Rolle. Bemerkenswerterweise werden Informationen von öffentlichen Institutionen und insbesondere von den Mobilfunknetzbetreibern so gut wie gar nicht zur Kenntnis genommen, obwohl diese in den letzten Jahren zunehmend Informationen bereitstellen.

Bewertung von Nutzen und EMF-Risiken in der Bevölkerung

Der dritte Fragenkomplex befasste sich mit der Perzeption und Bewertung mobilfunkbezogener EMF in der Bevölkerung. Hierbei sollten die Befragten die tatsächlichen oder potenziellen Risiken unterschiedlicher Technologien miteinander vergleichen. Ferner wurden sie aufgefordert, zu ausgewählten Elektrotechniken wie etwa PC-Bildschirm, Mikrowelle oder Handy Angaben zu deren EMF zu machen, um eine Einschätzung bezüglich ihres Informiertheitsgrades zu erhalten. Dann sollten sie abschätzen, ob und welche gesundheitlichen Risiken mit dem Mobilfunk verbunden seien. Schließlich wurde nach persönlichen Erfahrungen oder Erfahrungen im Freundes- und Bekanntenkreis mit gesundheitlichen Problemen in Zusammenhang mit Mobilfunk gefragt.

Die möglichen gesundheitlichen Risiken im Zusammenhang mit Mobilfunk werden im Vergleich zu anderen Technologien wie etwa Atomkraft oder Gentechnologie grundsätzlich als sehr viel weniger bedeutend eingeschätzt. Hier rangiert der Mobilfunk nur noch vor den Fernsehsendemasten (vgl. Abbildung 3: s. PDF-Version).

Allerdings besteht eine weitreichende Verunsicherung, denn nur etwa 5 Prozent der Bevölkerung vermutet keinerlei Risiken. Grundsätzlich erweist sich, dass Befragte, die den Mobilfunk als risikobehaftet beurteilen, auch in Bezug auf andere Technologien eine höhere Risikoeinschätzung haben. Eine hohe Risikoeinschätzung und eine hohe Akzeptanz des Mobilfunks - die sich in der intensiven Nutzung von Handys ausdrückt - erscheint auf den ersten Blick als ein überraschendes, ja paradoxes Ergebnis der Untersuchung. Ähnlich wie beim Automobilverkehr schließen sich aber beide Betrachtungsweisen nicht aus. Vielmehr wird deutlich, dass die Bevölkerung eine äußerst pragmatische Einstellung im Umgang mit potenziellen Restrisiken des Mobilfunks hat. Sie ist in der Bewertung des "Elektrosmogs" in ihrer überwiegenden Mehrheit noch zu keiner abschließenden Bewertung gelangt und scheint bereit, in Hinblick auf den subjektiv empfundenen hohen Nutzen auch ein gewisses Maß an potenziellen Risiken in Kauf zu nehmen.

Interessant ist ferner, dass mehr als die Hälfte der Überzeugung ist, mögliche Risiken des Mobilfunks würden künftig eher zunehmen. Auch diese Einschätzung zeugt angesichts des Ausbaus der Mobilfunknetze sowie weiterer digitaler Funktechnologien (DVB-T, TETRA, WLAN[17]) von einer überaus realistischen Einschätzung. Nur ein Viertel glaubt, dass die Belastung durch EMF-Risiken gleich bleiben wird.

Die Kenntnisse in der Bevölkerung über EMF-Phänomene, insbesondere auch bei den übrigen Haushaltsgeräten, sind äußerst gering und stimmen in der Regel nicht mit physikalischen Fakten überein. Für zwei Drittel der Befragten gehen die gesundheitlichen Risiken vorwiegend von den Mobilfunkgeräten und nicht von den Sendemasten aus. Dies steht im deutlichen Widerspruch zu der Berichterstattung der Medien. Mobilfunkgeräte werden - wenn überhaupt - ganz überwiegend auf Grund ihrer Nähe zum Körper als potenzielle Risikoquelle eingestuft.

Die Intensität der "Strahlung" wird bei Mobilfunksendemasten als das stärkste Risiko angesehen. Die Nähe eines Sendemasts zum Wohnort spielt für die Bewertung des Risikopotenzials eine geringe Rolle. Trotz der hohen Sensibilisierung tendiert die Anzahl derjenigen, die glauben, selbst schon Erfahrungen mit "mobilfunkbedingten" gesundheitlichen Problemen gemacht zu haben, oder in ihrem Lebensumfeld davon gehört haben, gegen null. Wenn überhaupt, werden von den Befragten vage Hinweise auf Befindlichkeitsstörungen gegeben. Die geringen Fallzahlen von Befragten mit persönlichen Erfahrungen lassen statistisch keine signifikanten Schlüsse zu.

Vorsorgemaßnahmen und Kommunikations- verhalten

Die vollkommene Abwesenheit von Risiken muss als ein idealtypischer Zustand angesehen werden, der in einer hoch technisierten Welt nicht existiert. Öffentliche Kontroversen über technologische Risiken drehen sich daher immer auch um die Abwägung zwischen Nutzen einerseits und der Akzeptabilität von Risiken andererseits. Im Rahmen dieses Fragenkomplexes sollte herausgefunden werden, inwieweit Personen, die Risikopotenziale im Mobilfunk als gegeben ansehen, bereit sind, diesen durch Vorsorgemaßnahmen zu begegnen. Vor diesem Hintergrund wurde zum einen danach gefragt, inwieweit Bereitschaft zur persönlichen Vorsorge besteht und ob die Befragten willens sind, sich zur Durchsetzung ihrer Schutzinteressen in Bürgerinitiativen zu engagieren. Zum anderen wurde nach den Bedingungen und der Akzeptanz von übergreifenden Vorsorgemaßnahmen gefragt. Da Fragen nach der Notwendigkeit von Vorsorgemaßnahmen in der Bevölkerung generell positiv beantwortet werden, wurde zusätzlich nach der Zahlungsbereitschaft für die Minimierung potenzieller Risiken gefragt.

Mehr als zwei Drittel der Befragten geben an, bereits persönliche Vorsorgemaßnahmen zu treffen. Die zeitliche Begrenzung der Telefonie ist die populärste Maßnahme, da sie sich mit dem Motiv der Kosteneinsparung deckt. Ältere sind eher bereit, persönliche Vorsorge zu treffen, als Jüngere, die einen Verzicht auf Gespräche oder deren Verkürzung als erhebliche Einschränkung empfinden würden. Befragte, die keine Vorsorgemaßnahmen treffen, tun dies in der Regel, weil sie für sich kein Risiko sehen. Sie wollen sich in der Handynutzung nicht einschränken.

Die Bereitschaft zum Engagement in Bürgerinitiativen gegen das Aufstellen von Mobilfunkmasten ist relativ hoch. Etwa 15 Prozent der Bevölkerung würden sich engagieren bzw. vielleicht an einer Bürgerinitiative teilnehmen oder sind bereits aktiv. Frauen mit Kindern zeigen die größte Bereitschaft. Von den Befragten, die bereits von Bürgerinitiativen gehört haben, halten zwei Drittel deren Aktivitäten für sinnvoll. Obwohl sich die wenigsten selbst engagieren, werden ihre Aktivitäten stillschweigend unterstützt. Ältere Befragte mit höherem Bildungsabschluss schätzen Bürgerinitiativen gegen Mobilfunkmasten überdurchschnittlich häufig als sinnvoll ein. Dies kann als Beleg unserer These gesehen werden, dass die Auseinandersetzung über Nutzen und Risiko einer Technik als ein notwendiger, diskursiver Prozess bewertet wird.

Mehr Forschung zu gesundheitlichen Risiken sowie eine Deklarationspflicht für Handys sind die populärsten Vorsorgemaßnahmen. Über 80 Prozent der Befragten halten ein Absenken der Grenzwerte für sinnvoll, etwa 45 Prozent auch dann, wenn deswegen deutlich mehr Sendemasten errichtet werden müssten. Etwa zwei Drittel würden dem Absenken der Grenzwerte zustimmen, auch wenn damit höhere Kosten für die Handynutzung verbunden wären. Die Grenzwertdebatte bleibt ein zentraler Fokus für alle Akteure der EMVU-Arena.

Knapp ein Drittel der Befragten wäre bereit, bis zu 2,50 Euro pro Monat zusätzlich aufzuwenden, wenn dafür "sinnvolle" Vorsorgemaßnahmen ergriffen werden könnten. Etwas mehr als ein Viertel der Befragten würde bis zu fünf Euro, ein Sechstel bis zu zehn Euro und fast zehn Prozent würden 15 Euro und mehr pro Monat aufwenden. Diese vergleichsweise hohe "Zahlungsbereitschaft" signalisiert, dass Vorsorgemaßnahmen für viele Bürgerinnen und Bürger ein ernstes Anliegen darstellen.

Verbesserung des Informationsstandes zu EMVU

Der fünfte Fragenkomplex befasste sich mit dem Aspekt der Informationsverbesserung. Der Informationsbedarf bezüglich EMVU in der Bevölkerung ist trotz der intensiven Berichterstattung in den Medien als sehr hoch einzuschätzen. Die meisten haben die Diskussion um mögliche gesundheitliche Risiken des Mobilfunks wahrgenommen. Offenkundig genießt die Berichterstattung hohes Vertrauen. Daher ist damit zu rechnen, dass auch künftig den Beiträgen in den Massenmedien hohe Aufmerksamkeit entgegengebracht wird.

Über 80 Prozent der Befragten verlangen mehr Informationen zur möglichen Gesundheitsgefährdung durch Mobilfunk. Diesen Bedarf geben vor allem Befragte bis 29 Jahre an. Offenbar reicht die Verunsicherung tief. Dies zeigt auch die Forderung nach mehr Informationen zu Möglichkeiten der Vorsorge. Über zwei Drittel wollen besser darüber informiert sein, welche Optionen zur persönlichen Vorsorge, wie z.B. die Verwendung von Head-Sets, bestehen. Etwa zwei Drittel der Befragten erwarten mehr Fakten insbesondere von den Mobilfunkanbietern. Die Erwartungen an das Expertenwissen der Unternehmen sind hoch. Knapp drei Viertel fordern von den Anbietern mehr Aktivitäten in Bezug auf den Umgang mit Risiken und Vorsorgemaßnahmen. Dies wird vor allem von den jüngeren Befragten verlangt. Behörden und offizielle Stellen sollten nach Auffassung von Älteren und von Befragten mit Kindern intensive Informationsarbeit leisten. Sie genießen in diesen Gruppen das höchste Vertrauen. Mehr als die Hälfte der Älteren erwartet von den Behörden und offiziellen Stellen ein hohes Engagement im Umgang mit möglichen Risiken und Vorsorgemaßnahmen. Insgesamt sind aus Sicht der Befragten aber auch die Umweltorganisationen stärker gefordert.

Allgemeine Einschätzung der Risikodebatte zum Mobilfunk

Die Diskussion um mögliche gesundheitliche Risiken im Mobilfunk bewegt sich in den Medien auf einen neuen Höhepunkt zu. Die Mehrheit der Bevölkerung zeigt sich besorgt und wünscht mehr Informationen. Daher war von Interesse, festzustellen, ob die EMVU-Risikodebatte eher als notwendig oder als überflüssig wahrgenommen wird und welchen Stellenwert die Bürger ihr allgemein im Umgang mit den Risiken und Chancen neuer Technologien beimessen.

Zur allgemeinen Einschätzung der Risikodebatte wurden alle Befragten mit elf Thesen konfrontiert. Dies führte zu folgenden Ergebnissen: Vorsorgemaßnahmen für Kinder finden sehr hohe Zustimmung. Haushalte mit Kindern sind jedoch kostenbewusster und zeigen eine geringe Bereitschaft, für die Minderung potenzieller Risiken Geld zu bezahlen. Die Mehrheit geht davon aus, dass sich die Anzahl der Handynutzer trotz der EMVU-Debatte nicht verringern wird. Kaum jemand scheint ernsthaft bereit, auf sein Handy zuverzichten. Der Wunsch nach mehr Forschung und Information unterstreicht die weit verbreiteten Zweifel hinsichtlich des Ausmaßes und der Relevanz des Mobilfunks bezüglich gesundheitlicher Risiken.

Die Bereitschaft zum Diskurs über Chancen und Risiken ist in der Bevölkerung ausgeprägt. Der These: "Wer mobil telefonieren will, muss auch die Antennen akzeptieren", stimmen über 80 Prozent der Bevölkerung zu. Ein großer Teil der Bevölkerung ist bereit, Kosten für Vorsorgemaßnahmen in Kauf zu nehmen. Die hohe Zahlungsbereitschaft signalisiert, dass Vorsorgemaßnahmen für die Bevölkerung einen hohen Wert darstellen.

Die These, dass der Mobilfunk Risiken mit sich bringt, wird von zwei Dritteln für zutreffend erachtet: Analog zum Autoverkehr erwartet man auch im Mobilfunk Risiken, über die mit ähnlicher Intensität debattiert werden wird wie bei einschneidenden Verkehrsprojekten. Da es um eine Weichenstellung im Umgang mit einer neuen Technologie geht, halten die wenigsten die Diskussion über die möglichen Risiken des Mobilfunks für überflüssig. Die Akteure - vor allem die Mobilfunkunternehmen und die Behörden - müssen sich auf einen Fortgang des Diskurses vorbereiten und lernen, ihn als notwendigen Vorgang der gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Einbettungs- und Nutzungsweisen moderner Technologien zu begreifen.

Online-Immissionsdatenbanken, die Transparenz über die Höhe der EMF-Belastung herstellen, gelten als sinnvoll, um eine indirekte Kontrolle über die Einhaltung der Grenzwerte auszuüben. Der Zugriff für jeden Interessierten, wie er von der Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (RegTP) angeboten wird, ist für viele Befragte eine wichtige Voraussetzung. Eine Absenkung der Grenzwerte würde von vielen als Eingeständnis gewertet, dass tatsächlich Risiken vorhanden sind. Daher werden überraschenderweise auch Vorsorgemaßnahmen für "sensible Zonen" weitgehend abgelehnt. Es überwiegt eine "Entweder-oder"-Haltung: Entweder werden Vorsorgemaßnahmen für alle Bürger getroffen, weil tatsächlich Risiken nachweisbar sind, oder es soll keine weitere Vorsorge getroffen werden, wenn bestehende Erkenntnisse dies nicht eindeutig nahe legen.

Selbstregulierungsmaßnahmen der Anbieter finden in den Meinungsäußerungen positiven Widerhall. Sie werden als zuverlässig und stabil beurteilt, da aus Wettbewerbsgründen jedes Unternehmen gezwungen wird, sich an Vereinbarungen zu halten. Dies gilt auch in Hinblick auf die beabsichtigte Deklarationspflicht von SAR-Werten, die den meisten kaum bekannt sind. Sollte die Spezifische Absorptionsrate als Kenngröße für die Einführung eines Gütesiegels verwendet werden, ist erhebliche Aufklärungsarbeit durch die Betreiber und Hersteller notwendig.

Ergebnisse der Ländervergleichsstudien

Die Diskussion über mögliche gesundheitliche Risiken elektromagnetischer Felder wird in Europa mit unterschiedlichen Schwerpunkten geführt. Als generelle Richtlinie gelten fast überall die vom Europäischen Rat empfohlenen ICNIRP-Grenzwerte,[18] die aber nur selten auf nationaler Ebene gesetzlich festgeschrieben wurden wie in Deutschland. Die im Rahmen dieser Studie untersuchten Länder Österreich, Schweiz, Großbritannien und Italien zeigen im Vergleich der geltenden Grenzwerte und der sonstigen rechtlichen Rahmenbedingungen wesentliche Unterschiede.[19] Insbesondere aber verlaufen die jeweiligen Debatten sehr unterschiedlich.

Als "positives" Beispiel für einen "rationalen" Dialog über die EMF-Restrisiken kann Großbritannien gelten. Dort ist es den Netzbetreibern und Behörden gelungen, durch eine frühzeitige und vorausschauende Informationspolitik den Ausbau der Netze weitgehend ungestört voranzutreiben. Die Standortplanungen für die Basisstationen wurden veröffentlicht und die Kommunen bei der Auswahl weitgehend einbezogen. In Regionen mit Protestpotenzial wurden Mediatoren eingesetzt und Clearingstellen eingerichtet. Zudem wurden vor Jahren bereits Projekte zur wissenschaftlichen Untersuchung potenzieller Risiken aufgelegt. Nicht zuletzt der Stewart-Report[20], zu dem viele Akteure beigetragen haben, hat zu einer hohen Reputation der britischen Grenzwerte-Politik beigetragen. Zahlreiche Empfehlungen sind umgesetzt worden, insbesondere die Intensivierung von Messaktionen nach dem deutschen Standortverfahren sowie die Ausweitung der Informationspolitik der Netzbetreiber.

Als eher "negative" Beispiele für den Verlauf nationaler EMVU-Debatten müssen die Schweiz, Österreich und insbesondere Italien gelten. Die politisch-normative Einführung von "Vorsorge-Grenzwerten", die z. T. weit unterhalb der ICNIRP-Werte liegen, haben zu einer gravierenden Verschärfung der öffentlichen Auseinandersetzung geführt. Die um den Faktor Zehn niedrigeren Schweizer Grenzwerte, das "Salzburger Milliwatt" und die unterschiedlichen regionalen Grenzwertfestlegungen in Italien haben die Bevölkerung tief verunsichert und das Protestpotenzial anwachsen lassen. Immer neue Rufe nach Grenzwertsenkungen gehören zum Forderungskatalog der meisten Bürgerinitiativen und sind inzwischen in eine "Grenzwertspirale" gemündet. "Vorsorge-Grenzwerte", die nicht auf wissenschaftlich begründeten Zusammenhängen beruhen, werden von der Bevölkerung richtigerweise als Ergebnis politischer Aushandlungsprozesse angesehen und unterliegen dementsprechend kontinuierlichen Forderungen nach weiterer Absenkung.[21]

Ein wesentliches Ergebnis der Untersuchung besteht darin, dass sich viele Maßnahmen und Forderungen zunehmend angleichen, um die öffentliche Debatte zu versachlichen und das Vertrauen in öffentliche Institutionen, Forschungseinrichtungen und Netzbetreiber wiederherzustellen: Informationskampagnen, Dialogprozesse zwischen den gesellschaftlichen Gruppen, die Veröffentlichung der Standorte, Kontrollmessungen sowie die Intensivierung der Forschung gehören zum Katalog der von Behörden und Netzbetreibern verfolgten Maßnahmen. Die frühzeitige Information der Bevölkerung über Ausbaupläne sowie die Einbeziehung der Kommunen bei der Standortwahl sind weitere wichtige Schritte, die zur Wiederherstellung des Vertrauens beitragen.

Ausblick

Die EMVU-Debatte befindet sich in Deutschland unzweifelhaft in einem entscheidenden Stadium. Vor dem Hintergrund des zunehmenden Protestpotenzials wurden von Verbänden, Kommunen und Netzbetreibern 2001 wichtige Maßnahmen ergriffen, deren Wirkung in Hinblick auf die Versachlichung der EMVU-Debatte, ihre Einwirkungstiefe und ihre Nachhaltigkeit zum heutigen Zeitpunkt noch offen sind. Zu den wesentlichen Eckpfeilern gehören der von der Bundesregierung verabschiedete Katalog von Vorsorgemaßnahmen, die Intensivierung der Forschungsförderung, die von den Netzbetreibern eingegangene Selbstverpflichtung sowie die Vereinbarung zwischen Netzbetreibern und Kommunen, künftig bei der Wahl der Standorte enger zusammenzuarbeiten.[22]

Mittels der Beschreibung zweier Szenarien wurden angesichts dieser Maßnahmen die Spielräume für eine Kompromissbereitschaft der Bevölkerung, der Fachwelt, der Netzbetreiber sowie der Politik in zahlreichen Gesprächen mit Laien und Experten ausgelotet. Auf dieser Basis sind mit Vertretern unterschiedlicher Behörden, Unternehmen und Verbände Ansätze diskutiert worden, die zu einem sachlicheren Verlauf der Debatte beitragen können. Zum einen wurde eine mögliche negative Entwicklung als "Worst-Case"-Szenario ("Latenter Konflikt") skizziert, in dessen Verlauf es zu einer intensiveren Konfrontation und Verschärfung der Auseinandersetzung kommt und zahlreiche Kommunen, Städte und Gemeinden unter dem Druck ihrer Bürger Einfluss auf den Ausbau der Netze nehmen. Zum anderen wurde ein "Best-Case"-Szenario ("Diskurs und Kompromiss") konzipiert, in dessen Verlauf es auf Grund zahlreicher informationeller und diskursiver Maßnahmen von Seiten der öffentlichen Institutionen und der Netzbetreiber zu einer Rückgewinnung des Vertrauens und wachsender Akzeptanz gegenüber der Netzinfrastruktur kommt.

Ob die weitere Entwicklung in Richtung "Diskurs und Kompromiss" verläuft oder ein Szenario "Latenter Konflikt" wahrscheinlicher ist, hängt ganz wesentlich vom Erfolg der oben beschriebenen Maßnahmen ab. Dabei sind Kontinuität, Offenheit und Aufmerksamkeit im Dialog mit der Öffentlichkeit besonders wichtig, soll das bisher verloren gegangene Vertrauen zurückgewonnen werden.[23] Vordringlich sollte der Forderung der Bürgerinnen und Bürger entsprochen werden, adressatenspezifischeres Wissen zur Verfügung zu stellen. Inzwischen besteht im Bereich EMVU eine regelrechte Informationsflut. Der Aufbau des vom Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit (BMWA) geförderten Informationsportals zu EMVU kann daher einen wichtigen Beitrag leisten, Informationen strukturiert und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen verständlich aufbereitet zu präsentieren.[24] Genauso wichtig ist es aber, dass vor allem die Netzbetreiber weiterhin aktiv das Gespräch vor Ort suchen. Darüber hinaus sollten Erfahrungen mit Bürgergutachten, Mediationsverfahren oder Fokusgruppen gesammelt werden.

Für die Entwicklung des EMVU-Diskurses in Richtung des "Best-Case"-Szenarios ist es von entscheidender Bedeutung, die Einheitlichkeit der Grenzwerte aufrechtzuerhalten. Daher sollte das Gespräch mit Städten und Kommunen gesucht werden, um drohenden "Insellösungen" wie z.B. in Berlin oder München mit unterschiedlichen Grenzwerten entgegenzuwirken. Wichtig ist ferner eine Einheitlichkeit der Argumentation der kommunizierenden Akteure. Der Ländervergleich legt eindringlich nahe, dass uneinheitliche oder widersprüchliche Aussagen gegenüber der Öffentlichkeit in erheblicher Weise zur Verunsicherung beitragen.

Schließlich spielen die Ergebnisse der Forschungsprogramme eine wesentliche Rolle für den weiteren Verlauf der Debatte. Zwar darf nicht darauf vertraut werden, dass deren Ergebnisse automatisch zu einer Versachlichung der Auseinandersetzung führen, wie dies insbesondere von politischer Seite erhofft wird. Dazu gibt es aus wissenschaftstheoretischer und methodologischer Sicht zu viele grundlegende Einwände. Sie werden aber dann eine positive Wirkungen entfalten können, wenn sie gegenüber einer breiteren Öffentlichkeit kommuniziert und "laiengerecht" vermittelt werden.

Fußnoten

1.
EU-Kommission, Grünbuch zur Konvergenz der Branchen Telekommunikation, Medien und Informationstechnologie und ihren ordnungspolitischen Auswirkungen, Brüssel 1997.
2.
Vgl. Franz Büllingen/Peter Stamm, Mobiles Internet - Konvergenz von Mobilfunk und Multimedia, WIK-Diskussionsbeitrag Nr. 222, Bad Honnef 2001.
3.
Vgl. Franz Büllingen, "any place, any time, everything"? - Unternehmensstrategien und Anwendungsfelder im Mobile Commerce, in: H. Kubicek u.a. (Hrsg.), Internet @Future, Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft, Heidelberg 2001, S. 176 - 187.
4.
Vgl. Sechsundzwanzigste Verordnung zur Durchführung des Bundesimmissionsschutzgesetzes (Verordnung über elektromagnetische Felder - 26. BImSchV), Bonn 1996.
5.
Vgl. Strahlenschutzkommission, Funkanwendungen - Technische Perspektiven, biologische Wirkungen und Schutzmaßnahmen, Band 38, Bonn 1997.
6.
Risiko = Eintrittswahrscheinlichkeit × Schadensumfang.
7.
Vgl. Douglas Powell/William Leiss, Mad cows and mother's milk: Case studies in risk communication, Montreal-Kingston 1997.
8.
Im Gegensatz zum Begriff der "Elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV)", der die Beeinflussung bzw. die Störsicherheit von elektrischen und elektronischen Geräten untereinander umfasst, bezeichnet der Begriff "Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt" (EMVU) deren (potenzielle) Einflüsse auf die natürliche Umwelt und insbesondere auf den Menschen.
9.
Vgl. Thomas Petermann, Technikkontroversen und Risikokommunikation, in: Büro für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag (TAB), TAB-Brief Nr. 20, Juni 2001, S. 5 - 7.
10.
Die nachfolgenden Ausführungen basieren auf einer Studie, die in den Jahren 2001 und 2002 im Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit durchgeführt wurden. In diesem Rahmen wurden eine aufwändige Analyse der Medienberichterstattung, eine Repräsentativbefragung sowie zahlreiche Interviews mit Laien und Experten durchgeführt und ein Trendszenario entwickelt. Außerdem wurden die Verläufe entsprechender Debatten in verschiedenen Ländern analysiert. Vgl. Franz Büllingen/Annette Hillebrand/Martin Wörter, Elektromagnetische Verträglichkeit zur Umwelt (EMVU) in der öffentlichen Diskussion, Bad Honnef 2002.
11.
Vgl. T. Petermann (Anm. 9), S. 6.
12.
Die Forschungsgemeinschaft Funk e. V. wurde im September 1992 von Behörden, Rundfunkanstalten, Netzbetreibern, Universitäten, Industrie und Verbänden gegründet. Ihre Zielsetzung besteht in der koordinierten Förderung der Erforschung der EMVU-Problematik sowie in der Information der Öffentlichkeit. Vgl. http://www.fgf.de.
13.
Im Juli 2001 haben die sechs Mobilfunknetzbetreiber mit dem Deutschen Städtetag, dem Deutschen Landkreistag sowie dem Deutschen Städte- und Gemeindebund eine "Verbändevereinbarung" über den Informationsaustausch und die Beteiligung der Kommunen beim Ausbau der Mobilfunknetze getroffen. Im Dezember 2001 wurden im Rahmen der "Selbstverpflichtung" Maßnahmen zur Verbesserung von Sicherheit und Verbraucher-, Umwelt- und Gesundheitsschutz, Information und vertrauensbildende Maßnahmen beim Ausbau der Mobilfunknetze zugesagt. Vereinbarungsgemäß haben die Netzbetreiber im Dezember 2002 einen ersten Jahresbericht zur Umsetzung der Selbstverpflichtung vorgelegt, der auch künftig weiter fortgeführt werden wird. Vgl. Deutsches Institut für Urbanistik, Verbesserung der Kooperation mit den Kommunen beim Aufbau von Mobilfunknetzen, Gutachten im Auftrag des IZMF, Berlin 2003. Vgl. auch: E-Plus Mobilfunk GmbH, O2 (Germany) GmbH, T-Mobile Deutschland GmbH, Vodafone D GmbH, Erster Jahresbericht an die Bundesregierung zur Umsetzung der Selbstverpflichtung vom 6. 12. 2001.
14.
CATI = Computer Assisted Telephone Interview.
15.
Diese Möglichkeit gilt unter der Prämisse, dass im Haushalt kein Schnurlos-Telefon nach dem DECT-Standard genutzt wird, welches ebenfalls im Ruf steht, "Elektrosmog" zu erzeugen.
16.
Der SAR-Wert gibt die Spezifische Absorptionsrate bei Handys an und ist ein Maß für die Aufnahme von Funkwellen im Körper, die in Watt pro Kilogramm Körpergewicht gemessen wird (vgl. www.izmf.de).
17.
Zur flächendeckenden Verbreitung des Digitalen Rundfunks (DVB-T) in Deutschland, mit dessen Ausstrahlung im Frühjahr 2003 in Berlin begonnen wurde, ist der Aufbau eines neuen, dichten Netzes von Antennen erforderlich. TETRA (Terrestrial Trunked Radio) bildet das digitale Nachfolgenetz der sog. BOS-Netze (Funk-Netze für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben), mit dessen Erprobung in NRW bereits begonnen wurde und das künftig ebenfalls europaweit ausgebaut werden soll. WLAN-Funknetze (Wireless Local Area Network) werden derzeit zu Hunderten an viel frequentierten öffentlichen Orten aufgebaut oder sind bereits in Betrieb, um breitbandigen Internetzugang zu ermöglichen. Bei all diesen neuen Funknetzen beginnt die Diskussion über deren elektromagnetische Verträglichkeit.
18.
Vgl. ICNIRP, Guidelines on Limits of Exposure to Time-Varying Electric, Magnetic and Electromagnetic Fields (1Hz- 300 GHz), in: Health Physics, 74 (1998), S. 494 - 522.
19.
Vgl. hierzu Franz Büllingen/Annette Hillebrand, Gesundheitliche und ökologische Aspekte mobiler Kommunikation - Wissenschaftlicher Diskurs, Regulierung und öffentliche Debatte, WIK-Diskussionsbetrag Nr. 246, Bad Honnef 2003.
20.
Vgl. Sir William Stewart, Mobile Phones and Health. Independent Expert Group on Mobile Phones (IEGMP), Oxford 2000.
21.
Vgl. hierzu auch: BAKOM, Immissionen in Salzburg, Studie im Auftrag der Eidgenössischen Kommunikationskommission (ComCom), Bern, Februar 2002.
22.
Vgl. Bundesregierung, Die Vorsorgemaßnahmen der Bundesregierung im Bereich Mobilfunk, Stand 14. 12. 2001.
23.
Vgl. Hans-Joachim Braczyk/Jochen Barthel/Gerhard Fuchs/Kornelia Konrad, Vertrauensbildung aus soziologischer Sicht - das Beispiel Sicherheit in der Kommunikationstechnik, in: Günter Müller/Kurt-Herrmann Stapf (Hrsg.), Mehrseitige Sicherheit in der Kommunikationstechnik. Erwartung, Akzeptanz, Nutzung, Bonn 1998, S. 119 - 147.
24.
Vgl. www.mobilfunk-information.de

Franz Büllingen

Zur Person

Franz Büllingen

Dr. rer. soc., geb. 1954; Leiter der Forschungsgruppe "Kommunikation und Innovation" beim Wissenschaftlichen Institut für Kommunikationsdienste (WIK), Bad Honnef.
Anschrift: WIK, Rhöndorfer Straße 68, 53604 Bad Honnef
E-Mail: f.buellingen@wik.org

Veröffentlichung u.a.: (zus. mit Christine Gries u.a.) Förderung der Marktperspektiven und der Wettbewerbsentwicklung der Breitbandkommunikationsnetze in Deutschland, Bad Honnef 2002


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