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12.9.2003

Editorial

Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus hat das Interesse der Weltöffentlichkeit an Lateinamerika noch weiter schwinden lassen. Dabei ist dieser Teil Amerikas von krassen ökonomischen Gegensätzen und teilweise von großer Armut geprägt.

Der Kampf gegen den internationalen Terrorismus hat das Interesse der Weltöffentlichkeit an Lateinamerika noch weiter schwinden lassen. Dabei ist dieser Teil Amerikas von krassen ökonomischen Gegensätzen und großer Armut geprägt. Kritiker behaupten, Südamerika befinde sich auf dem Wege zur "Afrikanisierung". Neben vielen Schattenseiten kann Lateinamerika auch mit einer Erfolgsbilanz aufwarten: Seit 25 Jahren befindet sich die Region in einem permanenten Prozess der Demokratisierung, der trotz schwerer wirtschaftlicher und politischer Krisen von Bestand zu sein scheint. Darüber hinaus ist Lateinamerika von großen regionalen Unterschieden gekennzeichnet, wie Wolf Grabendorff in seinem Essay deutlich macht.

Lateinamerika zerfällt zusehends in zwei Regionen mit unterschiedlichen Entwicklungsaussichten. Mit der Erosion staatlicher Strukturen, besonders in den Ländern der Andenregion, korrespondiert eine zunehmende Irrelevanz politischer Parteien und die Herrschaft traditioneller Eliten. Einen wirtschaftlichen Lichtblick stellt der MERCOSUR (Mercado Común del Cono Sur) dar. Brasilien als führende Nation dieser Wirtschaftsgemeinschaft will dem Trend zu einer "Nordamerikanischen Gemeinschaft" eine südamerikanische Identität entgegensetzen. Der MERCOSUR ist der bevorzugte Partner der Europäischen Union (EU). Als einziges Land Südamerikas ist Mexiko 1994 dem "Nordamerikanischen Freihandelsabkommen" (NAFTA) beigetreten und konnte sich so Zugang zu den Märkten der Industrieländer verschaffen.

Darüber hinaus verhandeln seit einigen Jahren 34 Staaten Nord- und Südamerikas sowie der Karibik über die Bildung einer gesamtamerikanischen Freihandelszone, die Free Trade Area of the Americas (FTAA). Diese Idee ist ein Vermächtnis von US-Präsident George Bush sen. An diesem Prozess sind wirtschaftlich höchst ungleiche Staaten beteiligt, die sich in unterschiedlichsten Entwicklungsstadien befinden, wie Hartmut Sangmeister feststellt. Der Autor schätzt jedoch die Kompromissbereitschaft der USA unter US-Präsident George W. Bush jr. eher skeptisch ein, weil dessen Administration handelspolitische Fragen unter geostrategischen Interessen diskutiert. Ein asymmetrisches Freihandelsabkommen könnte die Folge sein. Für Lateinamerika wäre es am vorteilhaftesten, wenn es gelänge, sowohl ein Abkommen mit den USA als auch mit der EU abzuschließen. Dazu bestehen jedoch nach Ansicht von Susanne Gratius gute Aussichten nur im Rahmen des MERCOSUR. Dem entspräche derzeit auch die Aufteilung Lateinamerikas in eine europäische und amerikanische Interessensphäre.

Die Bedenken von Sangmeister, dass die USA Lateinamerika in Zukunft wieder stärker unter militärpolitischen Interessen sehen, teilen auch Detlef Nolte und Anika Oettler. Sie befürchten sogar eine doppelte Militarisierung der US-amerikanischen Lateinamerikapolitik, weil sich das Pentagon zusehends gegenüber dem State Department durchsetze und das lateinamerikanische Militär innenpolitisch eine Aufwertung erfahre. Dabei werde eine Tendenz sichtbar, die durchaus legitimen Sicherheitsinteressen der USA ideologisch zu überhöhen und in ein umfassendes manichäisches Weltbild einzuordnen, was die Gefahr in sich berge, Lateinamerika inadäquate Lösungen zu oktroyieren. Ob dadurch die von Michael Krennerich positiv bewertete Demokratisierung Schaden nehmen könnte oder eher die grassierende Armut - wie von Heinrich-W. Krumwiede beschrieben - Lateinamerikas Zukunft bestimmen wird, bleibt abzuwarten.

Ludwig Watzal

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