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14.12.2018

Bayerische Bildwelten. Landschaft, Folklore, Politik

"Arkadien unter weiß-blauem Himmel. Die Welt ist heil zwischen Lech und Isar. Nirgends in Deutschland blühen die Geranien vor den Fenstern üppiger als hier, runden sich die Hügel gefälliger unter kräftigem Wiesengrün, schmiegen sich die Dörfer lieblicher in die Täler",[1] schreibt der Journalist Ernst Hess in einem Reisemagazin über Oberbayern. Die "Merian"-Ausgabe stammt aus den 1980er Jahren, die Beschreibung wirkt gleichsam zeitlos. "Vielleicht liegt Arkadien irgendwo zwischen Starnberg, Murnau und Mittenwald. So genau weiß das niemand, obwohl die Landschaft der barocken Schäferlyrik fast spiegelbildlich entspricht. Eitel sonnen sich die Seen in ihrer Schönheit, rund um die Ufer sanft gewelltes Bauernland und friedliche Kühe, am Horizont die hochgewuchteten Felsmassen der Alpen. Dazwischen wohlsortierte Wälder und grüne Kupferzwiebeln auf rosa oder gelbem Stuck, auch Dorfkirchen genannt." Den Titel des Hefts ziert eine Farbfotografie: Eingebettet in die bewaldete Bergwelt liegt ein international bekanntes bayerisches Sujet – Neuschwanstein, das Märchenschloss von Ludwig II., eines von vielen. Hess schwelgt wie andere vor und nach ihm angesichts des mit Gasthäusern und sonstigen vergleichbar signifikanten Bauten ausstaffierten und im Alpenglühen erstrahlenden Idylls in einer diffusen Sehnsucht nach Bayern. Bei aller Pracht und Herrlichkeit resümiert der Journalist am Ende seiner Reise aber, "ist es irgendwann einmal genug".[2]

Singularität und Moderne



Aus dem Gros der Regionen sticht Bayern gegenwärtig besonders hervor. Nicht die Weite der Uckermark, das Wattenmeer mit den Gezeiten oder das romantische Heidelberg stehen heute zuerst für die Bundesrepublik Deutschland, im In- und Ausland wird vor allem "das Bayerische" rezipiert.[3] Die beschriebene Landschaft passt ideal zu den Bildwelten der (Spät-)Moderne, einer Epoche des Visuellen und der medialen Vernetzung, in der alles erreichbar und zugleich beliebig und oftmals austauschbar erscheint. Was sich abhebt, was anders, besonders ist, wird wahrgenommen. Eingängige Zeichen und Symbole wirken verständlich in einer immer unübersichtlicheren Welt, deren soziale Medien in weiten Teilen auf visueller Kommunikation basieren.

"Wohin wir auch schauen in der Gesellschaft der Gegenwart", erläutert der Soziologe Andreas Reckwitz, "[w]as immer mehr erwartet wird, ist nicht das Allgemeine, sondern das Besondere. Nicht an das Standardisierte und Regulierte heften sich die Hoffnungen, das Interesse und die Anstrengungen von Institutionen und Individuen, sondern an das Einzigartige, das Singuläre."[4] Dabei sind es wiedererkennbare Charakteristika, die eine Gegend von anderen Gegenden unterscheiden. Diese Zuschreibungen werden kontinuierlich hergestellt und ausgehandelt. Das Allgemeine, das Gleiche, bleibt ungenannt, weil es in den Bereich des Selbstverständlichen, nicht Erwähnenswerten fällt.

Mit Bayern ist eine ganze Reihe von Bildern verbunden, die sich aus geografisch und soziokulturell bedingten Formationen speisen und als Klischees vielfach überschrieben sind. Diese Bayernbilder sind auf irgendeine Weise immer mit Folklore verknüpft. Von "Volkskultur" ist die Rede, von "Heimat", von Begriffen im Dialekt, "Spatzl", "Griaß di", "Habe die Ehre", von mehr oder weniger typischen und dabei oft stilisierten Äußerungen aus dem Bereich der populären Kultur. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat "das Bayerische" mit seiner unverkennbaren Bildsprache wieder Konjunktur. Dabei ist es ein schmaler Grat zwischen "Cool Bavaria", einem spielerischen Interesse an lokalen Kontexten und bayerischer Geschichte, und der Zuschreibung einer abgekapselten Rückwärtsgewandtheit, einem konservierenden Zugang, der häufig als "bierschwere" Rückständigkeit wahrgenommen wird. Die Auseinandersetzung mit dem Topos "Tradition" kann in diesem Sinne ebenfalls auf unterschiedliche Weise interpretiert werden: als offenes, inklusives Angebot oder als exklusive Markierung von Grenzen.

Beschreibungen von Land und Leuten, die über einen langen Zeitraum zur Popularität von solchen Bildern beigetragen haben, finden sich zu Bayern und dem benachbarten Tirol vermehrt seit dem ausgehenden 17. Jahrhundert. Dabei war es zunächst nicht unbedingt die Landschaft, es waren soziokulturelle Besonderheiten – in Bayern häufig eng verwoben mit dem katholischen Glauben – und das Aussehen der Bewohnerinnen und Bewohner, denen das vornehmliche Interesse galt. Von der äußeren Erscheinung wurde in Reisebeschreibungen immer wieder auf Wesenszüge und mentale Eigenschaften geschlossen. Diese Verknüpfung lässt sich in ethnografischen Skizzen aus allen Teilen der Welt nachvollziehen. "Zuletzt waren es besondere Anlässe, die Reisende zu Aufzeichnungen inspirierten: ein Kirchweihfest, eine Hochzeit, eine Prozession oder auch einmal eine ländliche Theateraufführung. Auch nicht alltägliche Berufsgruppen wie die Sennerinnen und Jäger haben stets Neugier und Wißbegierde herausgefordert."[5]

In die Landschaften, seien sie nun gemalt, gezeichnet oder in schriftlichen Aufzeichnungen entworfen, gehören Figuren, die entsprechend zu identifizieren sind. Diese tragen als Staffage fast selbstredend Tracht, ein im Zusammenhang mit bayerischen Bildwelten geradezu ikonisches Kostüm. Mit "Tracht" ist zunächst Kleidung gemeint, die vorindustriell hergestellt wurde. Meist waren es Schneiderinnen oder Schneider auf der Stör, die wandernd von Hof zu Hof zogen und mobil ihre Dienste anboten. Abgeleitet von "tragen", stand "Tracht" noch bis zur zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts für Kleidung im Allgemeinen.[6] Auch Frisuren, die Gesamtheit des Auftretens sowie die Gestik wurden unter diesem Begriff zusammengefasst.[7] Das "Gewand", wie man im baierischen Sprachraum um München herum sagte,[8] war "gekennzeichnet durch Stand, Zeit und Region. Es war eine Personenbeschreibung, ein Herkunftsausweis von größter Genauigkeit und dem Alltagsleben angepaßt."[9]

Aus heutiger Perspektive steht "die bayerische Tracht" für ein gefestigtes Maß an "Tradition" und verbriefte "Authentizität". Dabei ist gerade die Idee der "Volkstrachten" eine Erfindung der Moderne und ihrer medialen Vermittlung, denn "die bayerische Tracht" hat es als geschlossene Einheit nie gegeben.[10] Künstlerinnen und Künstler haben zu diesen Annahmen ebenso beigetragen wie Ethnografinnen und Ethnografen – und das rund um den Globus. Im Begriff "Trachtenlandschaft" kulminieren ethnokulturelle Verortungen und regionale oder auch nationale Zuschreibungen. Dabei war es vor allem der Blick von außen, die "andere Perspektive" der ersten Reisenden, von den Mitgliedern britischer Alpenclubs und von Feriengästen, denen das Besondere ins Auge fallen sollte. Historische Trachten wurden nun in der Lebenswelt ihrer Trägerinnen und Träger um den Schauwert ergänzt, während sie gleichzeitig an Bedeutung verloren, weil unter anderem industriell gefertigte Stoffe und Kleider viel moderner und damit viel begehrter waren.

Das Dirndl schließlich, wesentlicher Bestandteil eines bayerischen Bildprogramms, ist erst im späten 19. Jahrhundert für die Städterinnen in der Sommerfrische entstanden und materialisiert zunächst deren Sicht auf ländliche Lebenswelten. Die Silhouette erinnert an historische Frauenkleider, der Schnitt und die praktische Ausführung in Baumwolle verweisen gleichzeitig auf die technischen Möglichkeiten der Moderne.[11]


Traditionen



Für die Produktion und Rezeption bayerischer Bildwelten war und ist München der Motor. Von der bayerischen Landeshauptstadt aus, in der heute vieles unveränderbar wirkt, ist spätestens seit dem 19. Jahrhundert alles dafür getan worden, dass es bestimmte Ansichten überhaupt gibt. Gerade am Beispiel "des Bayerischen" lässt sich daher beobachten, wie nicht nur agrarisch geprägte Lebenswelten, über einen langen Zeitraum erprobte Kulturtechniken und Einflüsse einer Modernisierung fließend ineinander übergehen, wie Images aus einer identitätspolitischen Motivation heraus geschaffen oder als Verkaufsstrategie bewusst gesetzt werden und damit weitaus beweglicher sind als sie vermeintlich erscheinen, wenn von Traditionen die Rede ist.

Bayerisches Bier, seit 1516 nach dem bayerischen Reinheitsgebot gebraut, konnte mit der Erfindung des Kühlschranks durch den Ingenieur Carl von Linde 1876 von München aus in alle Welt exportiert werden.[12] Eine Voraussetzung für diese Expansion war der Ausbau des Eisenbahnnetzes seit den 1840er Jahren. Verantwortlich dafür zeichneten jeweils die Wittelsbacher. Mit der Erlangung der Königswürde 1806 lag es schließlich an Max I. Joseph und seinen Ministern, die neu hinzugekommenen Landesteile Schwaben, Franken und die Pfalz mit Altbayern zu einen. Bilder waren gefragt und ebenso Bezüge, die der Bevölkerung die Idee der bayerischen Nation näherbrachten.[13]

Die zentrale Schnittstelle dieser imaginierten Gemeinschaft war das Oktoberfest, das die Regenten bewusst zur Einheitsstiftung ins Leben riefen. Schon anlässlich der ersten Feierlichkeiten zur Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese 1810 wurden Kinderpaare in Trachten inszeniert, die dem Brautpaar in aller Öffentlichkeit huldigten. Allgemein sichtbar standen sie allegorisch für die Regionen des Königreiches, zusätzlich ergänzt durch ein Pärchen in Altwittelsbacher Tracht, die es vor der Zurschaustellung nicht gegeben hatte.[14]

Die im Laufe des 19. Jahrhunderts fortschreitende Industrialisierung und das stetige Bevölkerungswachstum sowie die damit einhergehenden gravierenden Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft erforderten zunehmende Mobilität von Arbeitssuchenden in ganz Europa. In Bayern waren es Städte wie München oder Nürnberg, die eine große Sogwirkung entfalteten und durch den Zuzug der Landbevölkerung im ausgehenden 19. Jahrhundert zu Großstädten wurden. Nicht nur in der Kunst wurde analog das Ländliche zur vollkommenen Lebenswelt erhoben. Vorstellungen von Schönheit und Natur verschmolzen zu einer Heimatästhetik. Die Probleme, die es in abgelegenen Dörfern und auf kleinen Bauernhöfen mit wenig Auskommen und vielen Kindern gab, die Armut, mit der viele Menschen gerade auch in Bayern kämpfen mussten, hatten an diesem Sehnsuchtsort keinen Platz. Bayern entwickelte sich zu einem Klischee, das Arbeiterinnen und Arbeiter, wie sie tausendfach aus ländlichen Regionen in die Vorstädte kamen, über schwierige Lebensumstände hinwegtrösten konnte und die schwärmerische Idee von einem guten und beschaulichen Leben auch in bürgerliche Stuben brachte.

Inzwischen ist das Bild vom Bayern in Lederhosen seit etwa 150 Jahren weltweit bekannt und hat sich in dieser Zeit wenig verändert. Dazu beigetragen haben nicht nur Musikgruppen aus Bayern und Tirol, die in den USA auf Tournee waren und sich entsprechend kleideten. Auch Hunderttausende Auswandererinnen und Auswanderer transportierten "das Bayerische" über den Atlantik. In New York City entstanden Vereine mit klingenden Namen wie "Edelweiß" oder "Enzian" und prägten ihrerseits Vorstellungen von einer bayerisch-alpinen "Volkskultur".[15]

Innovationen



Seit dem Jahr 2000 ist nun eine besondere Entwicklung in München, in Bayern und im weiteren Verlauf auch darüber hinaus zu beobachten: Das vor allem im Ausland verbreitete Stereotyp der Trachten tragenden Bayerinnen und Bayern gewinnt an Realität, indem immer mehr Menschen in Stadt und Region im großen Stil damit begonnen haben, sich in Dirndl und Lederhosen zu kleiden. Tracht und Trachtenmode ist in und um München noch nie so beliebt gewesen wie zu Beginn des 21. Jahrhunderts

In den 1990er Jahren war nicht abzusehen, dass Trachten einmal in irgendeiner Weise mit der Bezeichnung "cool" in Verbindung gebracht werden würden. Mit den veränderten Bedingungen der Zeit, der Popularität der Stadt, einem gesteigerten lokalen Ethos, einer sich kulturell ausdifferenzierenden Generationenfolge, hat sich aus spielerischen Anfängen ein Trend entwickelt, der dem Zeitgeist entspricht und sich quer durch Milieus und Generationen zieht.

Mit dem Historiker Eric Hobsbawm gesprochen, handelt es sich bei dem viel zitierten "Phänomen Wiesntracht" um ein klassisches Beispiel für die "Erfindung einer Tradition".[16] Ausgehend von einem weiten Kulturbegriff, ist alles Handeln, ist jede Form, jeder alltägliche Gegenstand, jede künstlerische Äußerung von Menschen selbst erdacht, mit Bedeutungen belegt und vor allem bewusst oder unbewusst hervorgebracht. In diesem Sinne hat jede Tradition etwas immanent Prozesshaftes, das in der Regel aber hinter der festschreibenden Facette des Begriffs verschwindet, die analog mit dem Konzept der Überlieferung verbunden ist.

Andreas Reckwitz betont, dass der Verweis auf die kulturelle Praxis des Herstellens und die Auseinandersetzung mit jeder Art von "Mystifizierungen" nicht meint, dass die konstruierte Wirklichkeit keine Relevanz für die soziale Realität hat.[17] Vielmehr geht es darum, den Blick zu schärfen und populäre Erscheinungsformen mit der Analyse quellenkritisch zu erfassen.

Ein Beispiel aus der zeitgenössischen Kostümgeschichte des Landes macht diese Ambivalenz sichtbar: "Zu guter Letzt noch ein kleiner Tipp für alle Frauen, die zur Wiesn ein Dirndl tragen: Beim Knoten der Schürze ist es nicht einerlei, ob Sie auf der linken oder rechten Seite zusammenbinden! Tragen Sie den Knoten auf der rechten Seite, so bedeutet dies, dass Sie nicht mehr zu haben bzw. verheiratet sind. Ein Knoten auf der linken Seite hingegen signalisiert: ‚Ich bin noch frei.‘"[18] Dieser Ratschlag ist dem Internetauftritt des Münchner Oktoberfests entnommen. Vom "richtigen" beziehungsweise "falschen" Binden der Schleife ist in Fernsehbeiträgen und Zeitungsberichten, auf Postkarten oder in Reiseführern immer wieder die Rede. Auch Verkäuferinnen im Trachtenhandel wissen um die Bedeutung der Knoten, und während der Anprobe erfährt die geneigte Kundin von der "Tradition", die das Kleid in vermeintlich authentischer Weise mit der Geschichte der Region verknüpft. Die Anmerkung adelt die Massenware, nicht nachzuvollziehen ist jedoch, woher das Motiv der Dirndlschleife eigentlich stammt. Im Bereich der historischen Trachten wurde in Material und Auszier oder durch die Farbigkeit zwischen verheirateten und ledigen Frauen unterschieden. Dass es sich beim Knoten der Schürze tatsächlich um eine Tradition handelt, ist eher eine moderne Idee, eine urban legend, die sich in den vergangen 15 Jahren in München etabliert hat und gegenwärtig weit über Bayern hinaus Bedeutsamkeit erfährt.[19]


Interpretationen



Zu Beginn des 21. Jahrhunderts haben sich nicht nur in München viele Menschen darauf verständigt, ihre Zugehörigkeit zum "Bayerischen" sichtbar zu machen. In Stadt und Region leben heute Menschen mit Verbindungen in die ganze Welt. Das Hinterland von München und Bayern spannt sich rund um den Globus auf. Dabei ist "das Bayerische" keine feste Größe, sondern wird immer wieder ausgehandelt. Das Lokale findet nicht nur im Lokalen statt, sondern erfährt wie das Oktoberfest oder der FC Bayern weltweit Beachtung. Bilder, Sehnsuchtsorte und Idyllen – "das Bayerische" begriffen als Cloud, die Up- und Downloads zulässt, ist gewissermaßen als Blaupause für ein (spät)modernes Heimatverständnis zu sehen. "Das Bayerische" ist damit etwas, das immer wieder von vielen gleichzeitig hergestellt wird, die ihre Interpretation eines Biergartenbesuchs beispielsweise in Form von Fotografien beisteuern, sich für die Geschichte der Klöster interessieren, Zusammenhänge deuten und wieder umdeuten, ein bayerisch-japanisches Lokal eröffnen und so fort.

Die gegenwärtige Beschäftigung mit "dem Bayerischen" oder dem Regionalen im Allgemeinen hat mit der wachsenden Bedeutung von Bildern und sichtbaren Gegenständen, mit Fragen von Teilhabe und nicht zuletzt mit der Globalisierung zu tun. Damit ist keine Gegenbewegung, sondern die Vielheit von Verbindungen im Allgemeinen gemeint. Das Charakteristische einer Region gewinnt gerade im Vergleich an Gewicht, sei es im Wettbewerb der Städte und Regionen oder im persönlichen Austausch. "Das Bayerische" mag gerade auch deshalb funktionieren, weil es so vieles gleichzeitig zulassen kann. Gerade Dirndl und Lederhosen hatten immer schon besonders viel mit Bildern und Vorstellungen zu tun. Es geht um Zugehörigkeit, die auf eine spezifische Art und Weise sichtbar gemacht wird und damit viel von "Tradition" und "Heimat" und ebenso von "Migration" und "Mobilität" erzählt.[20]

Gerade Vorstellungen "des Eigenen" und "des Fremden" werden oft mit ethnokulturell gelabelten Bildern visualisiert. In der politischen Debatte der vergangenen Jahre wird das Festschreiben von "Kultur" entgegen ihrer lebensweltlichen Dynamik wieder als Kraft der Beharrung stark gemacht, wenn es um die Argumentation von "Traditionen" geht. Analog gibt es zu vermeintlich dominanten Oberflächen und Positionen und deren ohnehin wechselvollen Entstehungsgeschichten immer auch andere, manchmal leisere, manchmal lautere, alternative, in jedem Fall aber mehrere und meistens viele Stimmen im Diskurs.

Insbesondere in großen Städten, aber längst auch andernorts – in den urbanisierten ländlichen Räumen der Welt – finden sich kulturelle Elemente, die sich gegenseitig beeinflussen, herausfordern und aus dieser Wechselwirkung heraus überhaupt denkbar werden. Dadurch entstehen neue, hybride Ausdrucksformen von Kultur. Elemente, die aus verschiedenen Zeitphasen oder zumindest aus unterschiedlichen Kontexten stammen, gehen in Übersetzungen und neuen Bildern auf. Dieser Umstand zeigt sich besonders eindrücklich am Beispiel der Dirndl, die die kurdischen Schwestern Marie Darouiche und Rahmee Wetterich aus Kamerun, die seit Jahrzehnten in München leben, unter dem Label "Noh Nee" aus westafrikanischen Stoffen entwerfen, die in den Niederlanden produziert werden. Die Schwestern erzählen mit den Dirndln die Geschichte ihres Lebens. In ihren Arbeiten verwischt der Übergang zwischen Gebrauchsgegenstand, Design und Kunst, ihre Biografien und Bilder stehen für einen kosmopolitischen Alltag, der "das Bayerische" gegenwärtig auch ausmacht. Auch Bands wie LaBrassBanda, Zwirbeldirn, Kofelgschroa, der Niederbayerische Musikantenstammtisch, die Unterbiberger Hofmusik und viele andere haben in den vergangenen Jahren mit ihrer Ästhetik gezeigt, wie divers "das Bayerische" nicht nur in musikalischer Hinsicht sein kann.

Dennoch wird in jüngerer Zeit bei der politischen Vereinnahmung der Behauptung des Besonderen gemäß der Redewendung "In Bayern gehen die Uhren anders" entgegen jeglicher Realität mit der Setzung von abgezirkelten Bildwelten um "das Bayerische" gebuhlt. Konservative Kreise verschließen sich der Dynamik von Volkskultur und begrenzen nicht nur die Wahrnehmung von Landschaften und Symbolen. Dagegen formiert sich das immer wieder zitierte "andere" Bayern. Dessen Anfänge liegen in den Geschichten von Wilderern, die gegen Obrigkeiten opponierten – eine Mentalität, die in Bayern goutiert wird. Zum "anderen Bayern" gehören etwa Kabarettistinnen und Kabarettisten, Musikerinnen und Musiker wie die "Biermösl Blosn" oder Hans Söllner. Ein zentraler Erinnerungsort dieses Oppositionsnarrativs markiert auch der Kampf um die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf in den 1980er und 1990er Jahren.

Dass die Ausrichtung "des Bayerischen" mit Interpretation zu tun hat und die Auslegung dessen, was lokales Ethos ausmacht, verschiedentlich aufgefasst werden kann, wurde im Juli 2018 besonders sichtbar. Auf einer Kundgebung in München wurde nicht zuletzt mit Bildern um die Deutung "des Bayerischen" gerungen. Unter dem Hashtag "ausgehetzt" formierte sich ein breites Bündnis aus etablierten Netzwerken, Vereinen, Parteien, Kirchen und anderen einflussreichen Institutionen zum Protest gegen rassistische Ausgrenzung und rechte Stimmungsmache in Bayern. Trotz Dauerregens folgten mehrere Zehntausend Menschen der Initiative.[21] In der Berichterstattung über die Demonstration tauchte gleich mehrfach ein Schild mit dem Slogan "Mi Heimat es su Heimat" auf. Zu lesen war der Spruch zwischen zwei Plakaten mit der Aufschrift "A Mass statt Hass" oder "Grantl’n – Ja! Hetz’n – Nein!", die eine in historische Trachten gekleidete Gruppe aus Riedering hochhielt, eine Bilderbuch-Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Rosenheim. "Mi Heimat es su Heimat" ist ein mehrfacher Verweis. Aufgerufen wird damit zunächst einmal die spanische Redewendung "Mi casa es su casa" – Mein Haus ist Dein Haus –, mit der man jemanden auffordert, sich im eigenen Heim wie zu Hause zu fühlen. "Mi Heimat es su Heimat" meint zugleich eine Positionierung: Mit der Demonstration wurde ein Diskurs um Werte und Vorstellungen einer spätmodernen Gesellschaft sichtbar. Nicht Exklusion, sondern die Möglichkeit der Begegnung kennzeichnet dieses – andere – bayerische Verständnis von Zugehörigkeit.[22]

Im Himmel der Bayern



"Das Land hatte Höhe und Weite, Berge, Seen, Flüsse. Seine Himmel waren bunt, seine Luft machte alle Farben frisch. Es war ein schön anzuschauendes Stück Welt, wie es sich herunterzog von den Alpen nach dem Strome Donau",[23] schreibt der Münchner Literat Lion Feuchtwanger 1930 in dem dokumentarischen Roman "Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz" über sein bayerisches Zuhause, bevor er schildert, wie es nach 1918 weiterging, die veränderte Atmosphäre und das zunehmend gespaltene politische Klima in der Bevölkerung. Der Text liest sich, als sei er Hymne und Anklageschrift zugleich, der Autor lobt und bedauert gleichzeitig die Derbheit und Statik der Bewohnerinnen und Bewohner Bayerns. Als Münchner fühlte er sich zugehörig. Doch ist "Erfolg" bereits aus der Rückschau geschrieben, denn Feuchtwanger hatte schon 1930 München verlassen. Mit seiner Frau Marta musste er wie die Manns oder Bertold Brecht emigrieren, weil sich die niedrigschwellige Offenheit des Regionalen aus ideologischen Gründen in Ausschluss verkehrt hatte.

Die Geranie, eine Pflanze, die in keiner bayerischen Bildwelt fehlen darf, kommt aus dem Süden des afrikanischen Kontinents und wird dort in Töpfen gezogen. Kaufleute brachten sie um 1700 erstmals nach Europa, wo sie 1789 der französische Botaniker Charles Louis L’Héritier de Brutelle den Pelargonien zuordnete. In Frankreich wie in Deutschland ist es im allgemeinen Sprachgebrauch bis heute aber bei der Bezeichnung "Geranie" geblieben.[24] Was auf den ersten Blick als lokales Klischee erscheint, kann besonders viel über die Vernetzung mit der Welt erzählen. Bei aller, insbesondere politisch verwendeten Betonung der regionalen Eigenart gilt schließlich gerade für den Freistaat: Der Himmel ist bunter als weiß-blau.
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Fußnoten

1.
Ernst Hess, Arkadien unter weiß-blauem Himmel. Eine Reise durch das Alpenvorland, in: Merian 9/1981, Oberbayern, S. 10f., hier S. 10.
2.
Ebd.
3.
Vgl. Das Kleid der Deutschen. Von der Theresienwiese bis zur Ostsee: Der befremdliche Siegeszug der bayerischen Tracht, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 24.10.2010, Titel.
4.
Andreas Reckwitz, Die Gesellschaft der Singularitäten, Berlin 2017, S. 7.
5.
Nina Gockerell, Die Bayern in der Reiseliteratur um 1800, in: Hubert Glaser (Hrsg.), Krone und Verfassung. König Max I. Joseph und der neue Staat, München 1992, S. 334–344, hier S. 334.
6.
Vgl. Stichwort "Tracht", in: Richard Beitl (Hrsg.), Wörterbuch der deutschen Volkskunde, Stuttgart 19743, S. 824–828, hier S. 824.
7.
Vgl. Katja Kirch, Von der Mode zum Relikt. Anmerkungen zum Wandel des Begriffs "Tracht" vom 16. bis zum 19. Jahrhundert, in: Schönere Heimat 87/1998, Sonderheft II, S. 17–21, hier S. 17.
8.
Vgl. Edith Hörandner, Zur emblematischen Funktion von Kleidung, in: Klaus Beitl/Olaf Bockhorn (Hrsg.), Kleidung – Mode – Tracht, Wien 1987, S. 107–125, hier S. 110.
9.
Ulrike Kammerhofer-Aggermann, Salzburger Tracht zwischen Entdeckung und Erfindung, in: dies./Alma Scope/Walburga Haas (Hrsg.), Trachten nicht für jedermann?, Salzburg 1993, S. 9–24, hier S. 10.
10.
Vgl. Nadja Neuner-Schatz, Wissen Macht Tracht, Innsbruck 2018.
11.
Vgl. Simone Egger, Phänomen Wiesntracht, München 2008.
12.
Vgl. Rainhard Riepertinger et al., Bier in Bayern, Augsburg 2016.
13.
Vgl. Sabine Sünwoldt, 1810: Ein Hochzeitsfest für die Nation, in: Münchner Stadtmuseum (Hrsg.), Das Oktoberfest. Einhundertfünfundsiebzig Jahre bayerischer National-Rausch, München 1985, S. 19ff., hier S. 21.
14.
Vgl. Landeshauptstadt München (Hrsg.), 175 Jahre Oktoberfest. 1810–1985, München 1985.
15.
Vgl. Sandra Hupfauf, "Und es reicht die threie Hand gern die Jungfrau einen Sieger", in: dies. et al. (Hrsg.), Liedgeschichten, Innsbruck 2014, S. 273–290.
16.
Eric Hobsbawm, Introduction, in: ders./Terence Ranger (Hrsg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1985, S. 1–14.
17.
Vgl. Reckwitz (Anm. 4).
18.
Tracht: Dirndl, Lederhosen, Mode auf der Wiesn, o.D., http://www.muenchen.de/Tourismus/Oktoberfest/Schmankerl/131820/04kleidung.html«.
19.
Vgl. Egger (Anm. 11).
20.
Vgl. dies., "Volkskultur" in der spätmodernen Welt. "Das Bayerische" als ethnokulturelles Dispositiv, in: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 2/2016, S. 119–147.
21.
Vgl. Anna Hoben/Wolfgang Görl, Aufstand der Mutbürger, 23.7.2018, http://www.sueddeutsche.de/1.4065190«.
22.
Vgl. Simone Egger, Außenansicht: Mi Heimat es su Heimat, 11.10.2018, http://www.sueddeutsche.de/1.4165674«.
23.
Lion Feuchtwanger, Erfolg. Drei Jahre Geschichte einer Provinz, Berlin 2004 (1930), S. 551.
24.
Vgl. Halina Heitz, Balkon- und Kübelpflanzen, München 2003, S. 124.

Simone Egger

Zur Person

Simone Egger

ist promovierte Kulturwissenschaftlerin und lehrt und forscht als Post-Doc-Assistentin am Institut für Kulturanalyse an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt.
simone.egger@aau.at


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