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28.5.2004

Editorial

Die Neuerungen auf den Gebieten Gentechnologie, Bioethik, Molekularbiologie und jüngst bei der Nanotechnologie haben die Frage nach möglichen Grenzen wissenschaftlichen Handelns. Deutschland kann es sich jedoch nicht leisten, Lizenzfertigungen und Anwendungslösungen nur zu importieren, sondern muss eigene Forschungen ohne ideologische Scheuklappen betreiben.

Die Fortschritte in der technischen Zivilisation haben zunehmend die Frage nach der Würde des Menschen aufgeworfen. Insbesondere auf den Gebieten Gentechnologie, Bioethik, Molekularbiologie und jüngst bei der Nanotechnologie stellt sich auf Grund der technischen Neuerungen die Frage nach möglichen Grenzen wissenschaftlichen Handelns. In Deutschland besteht weitgehender Konsens darüber, jedes Klonen gesetzlich zu verbieten. Auch die Freigabe der Forschung an embryonalen Stammzellen ist umstritten. Auf internationaler Ebene wird dies jedoch völlig anders gesehen.

Bundeskanzler Gerhard Schröder tritt für eine Politik ohne ideologische Scheuklappen und gegen grundsätzliche Verbote ein, weil sie nicht nur unrealistisch, sondern auch unverantwortlich seien. Deutschland könne es sich im Zeitalter des europäischen Binnenmarktes nicht leisten, Lizenzfertigungen und Anwendungslösungen nur zu importieren. Was nützt in Deutschland ein Verbot, wenn gen- und biotechnische Forschungen überall sonst erlaubt sind?

Zusätzliche Restriktionen in der Forschung könnten Deutschland weiter im Wissenschaftswettbewerb zurückwerfen und für Wissenschaftler mit internationalem Ruf noch unattraktiver erscheinen lassen. Es geht deshalb nach Ansicht von Maria-Pia Weisshaar um eine Entmystifizierung der Gentechnologie und der Bioethik. Durch eine Aufklärungskampagne könne eine höhere Akzeptanz dieser Methoden erreicht werden. Moral und Ökonomie dürften nicht vermengt werden.

Im Pluralismus der Weltanschauungen scheint sich zunehmend die Unantastbarkeit der Menschenwürde als einzig konsensfähiger Orientierungspunkt herauszustellen. Trotz dieser weitgehenden Einigkeit hat sich in jüngster Zeit eine Debatte über die verfassungsrechtliche Auslegung von Artikel 1 Grundgesetz entzündet. Der Streit findet nach Meinung von Johannes Reiter auf zwei Ebenen statt: Einerseits gehe es um die Frage, ob die Menschenwürde der Verfassungsnorm vorangestellt sei, andererseits um ein abgestuftes Konzept der Menschenwürde.

Auch bei der Frage der Sterbehilfe geht es letztlich um die Würde des Menschen.Was heißt "würdig und selbstbestimmt" sterben? Markus Zimmermann-Acklin stellt europäische Studien vor, die zeigen, wie mit der Frage der Sterbehilfe umgegangen wird. Sodann beschreibt er die Sterbehilfedebatte in Frankreich, Deutschland und der Schweiz, die sich grenzüberschreitend als komplex und schwierig gestalte.

Die Stammzellforschung bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Forderung nach einer Ethik des Heilens und einer Ethik des Forschens. Zwischen diesen beiden Ansprüchen muss eine verantwortungsbewusste Güterabwägung stattfinden. Matthias Kettner diskutiert Pro- und Kontra-Positionen am Beispiel der Stammzellforschung. Vertreter beider Richtungen nehmen die Menschenwürde für ihre jeweilige Position in Anspruch. Einen Automatismus auf immer weiteren Fortschritt könne es aber nicht geben. Wie in der Stammzellforschung, so scheiden sich auch beim Klonen die Geister.

Hier wird zwischen Fortpflanzungs- und Forschungs-Klonen unterschieden. Sigrid Graumann und Andreas Poltermann diskutieren nicht nur die Unterschiede, sondern beschreiben die Schwierigkeiten, die es auf europäischer- und UN-Ebene gibt, um zu einer einheitlichen Bewertung zu kommen.

Scheint ein Konsens über ein weltweites Verbot beim Fortpflanzungs-Klonen möglich, gestaltet sich die Debatte beim Forschungs-Klonen um einiges schwieriger. Die diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten, welche die Nanotechnologie in der Medizin eröffnet, werfen neben ethischen auch Fragen nach dem Menschenbild auf, die von Christoph Baumgartner diskutiert werden.

Ludwig Watzal

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