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28.9.2005

Deutschlands Medien und ostdeutsche Öffentlichkeit - Essay

In der DDR existierte das Öffentliche fragmentiert, als Szene und Milieu. Doch auch die Leit-Medien des geeinten Deutschlands vermitteln nur sehr eingeschränkt ostdeutsche Öffentlichkeit.

Einleitung

Eine kleine unvergessliche Geschichte, eingeprägt wie selbst erlebt. Sie steht am Schluss von Reiner Kunzes DDR-Brevier "Die wunderbaren Jahre". Das Jahr ist 1976.






"Herr Doktor?"

"Ich bin nicht der Herr Doktor."

"Ach so." Der Mann, der im Dunkeln über den Zaun gerufen hatte, ging in die Laube nebenan zurück, wo man bei Harmonikamusik saß und ab und zu schallend lachte.

Obwohl ich kaum noch etwas sah, mähte ich weiter. Ich war hier, um ein Buch zu Ende zu schreiben, und da der Arzt, dem das Wochenendhaus gehört, den Besuch seiner Frau und zweier Enkel angekündigt hatte, wollte ich die Wiese geräumt haben. Wenn das Sensenblatt einen Stein streifte, schlug es Funken.

"Herr Doktor?" Wieder stand der Mann am Zaun.

"Ich bin nicht der Herr Doktor."

"Na, da komm doch du mal rüber, verdammich!" - Ich trug Sense und Wetzfaß unter das Vordach und ging hinüber.

Die Anzahl der leeren Flaschen auf dem Tisch ließ den Promillegehalt des Blutes erahnen, das hier kreiste. Man rückte noch enger zusammen, und die Frauen kreischten. (...)

"Was bist du - Schriftsteller?" fragte der Gespannführer. Und unvermittelt laut: "Hast du Hunger?" Mit soviel Schlüssigkeit hatte sich noch nie jemand nach meinen leiblichen Bedürfnissen erkundigt.

"Trautel" - er drehte sich nach der Frau um, die den Konsum leitete - "Trautel, hol ein Glas Wurst rüber, eins von den großen, der kriegt von mir ein Glas Wurst, der hat Hunger!" (...)

Sie war bereits an der Tür, als er plötzlich sagte: "Das heißt - wart mal, ich will ihn erst noch was fragen." Die anderen lärmten, und er schlug mit der Faust auf den Tisch. "Seid nur mal ruhig!" Dann blickte er mich ein wenig von der Seite an. "Schreibst du's, wie's in der Zeitung steht, oder wie's im Leben ist?"

Das Typische an dieser Geschichte, sie heißt "Forstarbeiter", ist ihr emphatischer Wirklichkeitsbegriff. Das Wirkliche bildet das Wahre; sein Gefäß ist das Volk. Zugleich hat dieses wirklich Wahre einen Feind: die Zeitung, vulgo die Lüge. Die Zeitung ist das Instrument des Staates, der die Wirklichkeit verfälscht, die Wahrheit beugt und Medien als Herrschaftsinstrument missbraucht. Dem Staat gegenüber steht, gleichsam als Wahrheitsritter, der Schriftsteller: der Dichter. Freilich gibt es auch in seiner Zunft reichlich Wahrheitsverdunkler und staatsfromme Opportunisten, sonst wäre ja dem Dichter Kunze in der DDR, deren Parteigänger er lange war, nicht so übel mitgespielt worden, dass er sie zu verlassen hatte. Dennoch ist die selbstermächtigte Autorität der Wahrheitsinstanz Schriftsteller ein Diktatur-Spezifikum, zu dessen Verständnis man die Mediensituation der DDR bedenken muss. Nicht unabhängige Zeugen, nicht selbstbestimmte Kommentatoren des Zeitgeschehens sollten Journalisten sein, sondern Propagandisten des sozialistischen Staats.

Gegenöffentlichkeiten

Einen sarkastischen "Dank an die Presse" formulierte Christoph Hein auf dem X. DDR-Schriftstellerkongress im November 1987 und griff den selbstgefälligen Begriff vom "Leseland" auf. Zwar sei das Lesen in der DDR nicht mehr und nicht weniger üblich als in anderen Ländern. "Es werden hier jedoch weitaus mehr (...) Bücher gelesen. Die korrekte Bezeichnung wäre also: Buchleseland. Das Verdienst dafür gebührt unserer Presse, unseren Medien. Ihre Zurückhaltung in der Berichterstattung und der verläßliche Konsens ihrer Meinungen führt dazu, daß kaum ein Bürger unseres Landes mehr als ein paar Minuten sich mit ihnen zu beschäftigen hat. Der Leser wird durch Neuigkeiten nur für kurze Zeit abgelenkt und kann sich dann wieder unseren Büchern zuwenden, von denen er nicht nur Unterhaltung und Geschichten, sondern auch Neues und Wahres erhofft."

Woran ist der Mittag-&-Mielke-Staat verreckt - an der Wirtschaft oder an der Lüge? Seit der Wende streiten Glasnostiker und Perestroiker über die Krankheit, die zum Tode der DDR geführt hat. Je länger die Unselige in der Kiste schlummert, desto stärker bekommen die Wirtschaftler das Sagen, desto weniger bleibt in Erinnerung, was den SED-Staat dauerhaft hinderte, emanzipatorische Gesellschaft zu werden: der Mangel an Öffentlichkeit. Selbstverständlich gab es öffentliche Lebensformen in dem Land, dessen Bürger immerzu Versammlung hatten. Es gab Hausgemeinschaftsfeste und Betriebsausflüge, es gab die Begängnisse des Sports, es gab Numismatik-Zirkel und das gesellige Beisammensein der Kulturbund-Aquarianer, es gab Kino und Theater, es gab eine schmale Intellektuellen-Presse mit Ventilfunktion, es gab Bücher und Debatten über Bücher, es gab einen öko-literar-philosophischen Samisdat, es gab Rockkonzerte mit anspielungsreich gespickten Texten, es gab deutliche Töne in Gottesdiensten und auf Kirchentagen, und während vierzig Jahren DDR fielen Quadrillionen wahrer Worte in den Kneipen, den Beichtkapellen des Proletariats. Das Leit-Medium für Klartext in der DDR war die Mündlichkeit.

All das genannte Öffentliche existierte fragmentiert, als Szene und Milieu. Dass es sich nie zur Öffentlichkeit vernetzte, darüber wachte der Staat. Als er die konzertierte Volksaussprache nicht mehr zu verhindern wusste, kam sein Ende. Unisono sagte das Volk Nein zu dieser DDR. Doch die Zeit der vielen kleinen Gegenöffentlichkeiten hatte unter den Regierten ein illusionäres Gefühl des Gleichsinns erzeugt. Nach der Wende staunten dann die Ostler, dass sie so verschieden wurden, wie sie wirklich waren.

Das stand noch dahin an jenem 4. November 1989, als wir letztmalig Versammlung hatten, die größte aller Zeiten in der DDR, auf dem Berliner Alexanderplatz. Die DDR war ein protestantisch geprägter Staat, bis tief in seinen Atheismus hinein. Weit mehr als Bild und Klang stand die Sprache unter ideologischer Kuratel. Der Marxismus-Leninismus herrschte als Wort-Religion. Immerfort wurden die Schriften der Propheten aufgerufen. Das Klassikerzitat schützte den Redner und sanktionierte seinen Text. So nahm es nicht wunder, dass bei der Halbmillionen-Wallfahrt vom 4. November sehr viel von Sprache die Rede war. Da standen auch Dichter auf der improvisierten Tribüne, die einem Lastkraftwagen aufgezimmert war. Christa Wolf: Es ist, als hätten wir die Sprache wiedergefunden! Und Stefan Heym, mit altfester Bibelstimme: Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, von Dumpfheit, Mief und Phrasengewäsch - welche Wandlung! Dann trat Jens Reich an die Rampe. Er verlangte für das Neue Forum den Sendeplatz des "Schwarzen Kanals" und - Gipfel des Pragmatismus - eine eigene Zeitung.

Fünf Tage später fiel die Mauer. Ekels voll erblickte Stefan Heym das Heldenvolk in West-Berlin an den Grabbeltischen von Hertie. Bärbel Bohley bezeichnete die Maueröffnung als Putsch. Die DEUTSCHLAND! DEUTSCHLAND!-Rufe auf den Leipziger Montagsdemonstrationen wurden von vielen lauteren Seelen als Verrat an der Revolution empfunden, als ob nun der nationalistische Pöbel Ostdeutschlands emanzipatorischen Aufbruch zu beenden suchte. Drei Tage vor Weihnachten erschien dann der Heiland in Dresden, und die Nation ward HELMUT! HELMUT! HELMUT!

Als am 18. März 1990 gewählt wurde, als Kohls "Allianz für Deutschland" triumphierte und die Revolutionshelden bei 2,9 Prozent verröchelten, da sagte Ulrike Poppe in schmerzlicher Souveränität, die Bürgerrechtsbewegung habe ihre Zeit gehabt. Ihre Aufgabe sei erfüllt: die Menschen in Bewegung zu bringen. Die Bestimmung des künftigen Wegs obliege den aufgebrochenen Menschen selbst. Natürlich sprach hier Enttäuschung, aber auch Einsicht. Mit der Lüge war auch die Wahrheit abhanden gekommen. Aus der Wahrheit wurden Wahrheiten, aus der Lüge Lügen. Das ist für monotheistische Moralisten nicht ganz leicht zu verkraften.

Medienblüte

Wer mit Wende-Politikern und Ost-Journalisten über das einundvierzigste, das letzte Jahr der DDR spricht, der stößt auf einen bezeichnenden Dissens. Die Politiker beschreiben, wie damals die Politik den Ereignissen der Zeitgeschichte hinterherhechelte, der kollabierenden Wirtschaft, den Forderungen der Straße. DDR-Journalisten schwärmen von der Hoch-Zeit ihres Berufslebens. Alles sei möglich gewesen - Live-Sendungen, kritischste Magazine, Enthüllungen von Wandlitz bis Kavelsdorf, von Schalck-Golodkowski bis Wolfgang Schnur. Die Einschaltquoten von DDR-Rundfunk und -Fernsehen boomten, die gewendeten SED-Zeitungen wurden spannende Lektüre. Die Medienmenschen fühlten sich endlich akzeptiert von einem Volk, das sie bislang als Eunuchen der Macht missachtet hatte.

Auch eine Anzahl neuer Blätter erschien. All diese Wende-Kreationen sind bald wieder eingegangen. Das ist die eine große Enttäuschung jener Zeit - die ostdeutsche Enttäuschung. Es gab, und es gibt, auch eine westdeutsche. Sie residiert in Hamburg und München und Frankfurt am Main. Es ist die Enttäuschung der altbundesrepublikanischen Pressehäuser darüber, dass die Ostdeutschen in ganz unerwartetem Gleichverhalten sich dem Qualitätsjournalismus verweigerten. "Spiegel" und "Zeit", "Stern" und "FAZ" und "SZ" wurden und werden im Osten wenig gelesen, weil sie durch und durch Westblätter waren, blieben, bleiben wollten und mussten. Das betraf die Themen, die Diktion, die Mitarbeiter und deren Sozialisation, den Umfang der Blätter, auch ihren Preis. Am "Spiegel" stieß alsbald der dauernde Zynismus ab. Seine altbackene Zwangscoolness ging außerdem einher mit posteriorer DDR-Entlarvung, die im zunehmend ostalgischen Osten abnehmend gut gelitten war. Auch das Thema Stasi verlor rapide an Publikum. Mehr und mehr galt es als West-Kampagne zur Untergrabung ostdeutschen Selbstvertrauens. Der Kulturkampf jener frühneunziger Jahre ist verbunden mit Manfred Stolpe und seinem heroischen Kampf gegen allzu genaue Erinnerung. Vom evangelischen Konsistorialpräsidenten zum Erzengel der Ost-Identität, das war eine fulminante Karriere.

Auch ARD und ZDF lamentierten. Wie konnte es geschehen, dass die Ostdeutschen, die früher "Tagesschau" und "Monitor" und "Kennzeichen D" soffen wie das liebe Bier, mehrheitlich zu den Privaten überliefen? Dieser Undank! Waren die öffentlich-rechtlichen Sender nicht die Schutzmacht der kritischen Geister in der DDR? Hielten sie nicht zeitlebens der DDR die deutsche Frage offen, als den meisten Bundesbürgern Rom und Mallorca längst näher lagen als Erfurt und Schwerin? - Allerdings wusste der ARD-Sportmoderator Hartmann noch 1996 Cottbus nicht von Chemnitz zu unterscheiden. Es sind hundert kleine Dinge, die der Ostler übel nimmt, vor allem, wenn Berichte über den Osten klingen wie das "Auslandsjournal". Im Übrigen lässt sich vermuten, dass der Ostzuschauer nicht erst in der Neuzeit unterhaltungssüchtig wurde. Auch politisches Westfernsehen unterhielt zu Mauerzeiten. Man konsumierte es als Gegensound zum SED-Getöse. Die systemstabilisierende Wirkung des Westfernsehens hatte Erich Honecker beizeiten erkannt.

In der Ideologiesprache der SED firmierten die Sender und Blätter des Westens als bürgerliche Medien; das war abschätzig gemeint. Dennoch trifft der Begriff. Die DDR ist ganz wesentlich ein proletarisches Land gewesen, mit sesshaftem Volk, zudem geprägt durch die Homogenitätserfahrung der Provinz. Gewiss hatte sie auch Bürgertum, aber nicht jenen gewaltigen bürgerlichen Mittelbau der Altbundesländer, an den sich die dortigen Medien wenden und der das Konzert ganz verschiedener Stimmen schätzt.

Viel West-Spott erfährt seit Jahren der Mitteldeutsche Rundfunk: Er versuche mit Erfolg, das Niveau der Privaten noch zu unterbieten, er wende sich mit seinem Vollprogramm von Flirt-, Koch- und Schunkelshows konsequent an ein bürgerfreies Publikum. Das ist pauschal geurteilt und dennoch nicht ohne Grund. Der MDR feiert Orgien gesellschaftlicher Reprivatisierung. Die Foren der Öffentlichkeit heißen bei diesem Sender "Musikantenscheune", "Riverboat" und "Bauernmarkt".

Da von der Enttäuschung altbundesdeutscher Medienzentralen die Rede war, sei deren Glück nicht vergessen: dass nämlich dieTreuhand 1991 die fünfzehn ehemaligen SED-Bezirkszeitungen sämtlich an Westverlage verkaufte. Noch heute lässt sich die DDR-Bezirkseinteilung an den Vertriebsgebieten dieser Zeitungen erkennen. Bis auf die "Berliner Zeitung" hat keines dieser Blätter den Limes der Provinz überschritten. Sie blieben Spiegel der Nahwelt. Nur 2,7 Prozent der Ostdeutschen lesen überregionale Blätter. Nationale Medien, das sind unverändert westdeutsche Medien. Nationale Debatten, von ihnen entfacht, sind westdeutsche Debatten, manchmal mit einer Ost-Stimme garniert. Deutsche Öffentlichkeit ist westdeutsche Öffentlichkeit. Der deutsche Begriff von Normalität bezeichnet das westdeutsch Normale. Die aufgerufenen Geschichtserfahrungen sind die der Bundesrepublik. Was der Osten denkt und spricht, ist weithin wieder in die Mündlichkeit verbannt.

Ein paar Ostprodukte überlebten. Das "Magazin" liefert stille Reportagen, literarisches Feuilleton und zarte Fleischbetrachtung, das "Mosaik" erzählt den Kindern die unendliche Reise der Abrafaxe, die "Junge Welt" versorgt die Hardcore-Antifa, das "Neue Deutschland" bemüht sich um die PDS-Gemeinde. Ein Gemeindeblatt ist auch die hochseriöse linksliberale Ost-West-Wochenzeitung "Freitag", 1990 aus DDR-"Sonntag" und der BRD-"Deutschen Volkszeitung" entstanden. Der Anspruch ist hoch, die Auflage klein, eine Öffentlichkeit der Gleichgesinnten.

Keineswegs sei vergessen, dass der Osten selbstverständlich auch ein Zentralorgan besitzt - das heißt, besitzen tut's der Münchner Burda-Verlag, der Woche für Woche die "Super-Illu" auf den Ostmarkt wirft, mit einer Verkaufsauflage von ca. 650 000. Die "Super-Illu", anfangs ein nuttiges Schweinsblatt, hat sich sehr gewandelt. Sie folgt dem überragenden Ost-Interesse an Nützlichkeit und Alltagsrelevanz und erfüllt den Wunsch, Medien hätten Sprachrohr der Bürger zu sein - in diesem Fall der so genannten kleinen Leute. Weitenteils von West-Journalisten im Wir-Ossis-Sound verfasst, bietet die "Super-Illu" durchaus seriöse Politik-Betrachtung, Lebenshilfe, Produkt-Beratung und wohlbalancierte Vergangenheits-Exkursionen der Marke Weißt Du noch? Nie waren die Show- und Schlagerstars der DDR so berühmt wie heute, dank der "Super-Illu". Unerträglich sind einem Menschen von ostdeutscher Kultur Beckenbauers Weißwurstgewäsch und die ununterbrochenen Balzereien der monegassischen Fürstentöchter. Die "Super-Illu" hingegen bietet essentiellen Stoff: das Bier von hier. Dagmar Frederics Herz geht wieder auf Rosen! Was hat Dagmars fünfter Gatte, das der vierte nicht mehr hatte? Wie war's, als Jürgen Sparwasser die BRD erschoss und Eberhard Cohrs beinahe seine Frau? Wie starb Dean Reed wirklich? Und was empfand Renate Blume, als Gojko Mitic vor sie hintrat, der Häuptling Ulzana vor seine Squaw, und sprach: "Renate, der Adler fliegt allein..."

Nebst solchen Delikatessen offeriert die "Super-Illu" die Erkenntnis einer unverändert geteilten deutschen Öffentlichkeit. Allzu oft und mit manchen Gründen empfinden Ostdeutsche: Das da drüben hat mit uns wenig zu tun. Es ist aber in diesem Urteil eine provinzielle Selbstbeschränkung enthalten, als sei den Medien, statt von den Weltläuften zu handeln, Heimatkunde aufgetragen: als obliege ihnen statt Aufklärung die Identitätspflege des Publikums. Viel weniger interessiert scheinen Ostdeutsche an den politischen Prozessen der Gesellschaft, in die sie hineingerieten und der sehr viele unverändert mit Distanz begegnen.

All das Vorgetragene folgt einem Fakt, den Helmut Kohls Innenminister Wolfgang Schäuble, der den deutschen Einigungsvertrag im Beisein des DDR-Staatssekretärs Günter Krause mit sich selber ausgehandelt hat, in den einfühlsamen Satz zu kleiden wusste: "Liebe Freunde, es handelt sich um einen Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, nicht um die umgekehrte Veranstaltung." Genau so war's. Der Westen bedurfte keines Ostens, er war in sich gefestigt und komplett. Er koppelte sich den Osten an wie eine starke Lokomotive fünf weitere Waggons. Nun schnauft die Lokomotive überlastet, was jedoch nichts daran ändert, dass der Osten 1990 keine Lokomotive mehr besaß. Die deutsche Vereinigung war ein Anschluss, keine Hochzeit unter Gleichgestellten. Das Ostvolk entschied sich dafür, auf dem Schoß des Westens Platz zu nehmen. Und dann geschah, was passiert, wenn ein Drittelland, ein Fünftelvolk sich der Mehrheit und ihren Regularien zu fügen hat.

Der Erfolg der PDS beruhte auf dem Umstand, dass sie als Einzige ostdeutsch sprach. Nur diese Partei reklamierte DDR-Vergangenheit als gleichrangige deutsche Geschichte. Das rechtfertigte auch die Biographien ihrer Wähler. Ansonsten pflegt der Osten eine energische Opfer-Existenz. Man fühlt sich wunderbar bestätigt, wenn Übelwessis - Schönbohm! Stoiber! - ostverachtenden Unsinn reden. Da jault der Ossi auf, mit kollektiver Wonne. Innere Freiheit klingt anders.

Kapitalismuskritik

Der 11. September 2001 setzte auch der deutschen Selbstbespiegelung eine Zäsur. Spätestens seit den Al-Qaida-Massakern von New York und Washington und den anschließenden Verbrechen der Welt- und Kriegsmacht USA wissen sich die Deutschen, Ost wie West, im selben Boot unterwegs. Die Lüge der Gegenwart ist die Rehabilitation des Krieges als Mittel der Politik.

Das zweite gesamtdeutsche Thema heißt Kapitalismuskritik. Es war lange fällig. Die Vollbeschäftigung ist verloren, das weiß jeder. Doch unverändert bemisst sich unser psychosoziales Wertesystem an der Erwerbsarbeit. Man kann den Medien kaum vorwerfen, dass sie die Lage verschweigen. Es gibt sogar mehr Aufklärung als Bereitschaft zu ihrer Rezeption. Aber wir, das Publikum, das Volk, gefallen uns in seltsamer Schizophrenie. Von den Medien erwarten wir durchaus das unretuschierte Krankheitsbild. Von der Politik verlangen wir Heilungsversprechen. Wehe dem Arzt, der seine Ohnmacht bekennt.

Was Ost- und Westdeutsche lange einte, war der Glaube an die oberste Wirkmacht von Politik. Der Staat befriedete den Markt und moderierte den Mehrwert. Die Gleitmittel des Wohlstands beförderten die Demokratie so offenbar, dass auch für die meisten Ostdeutschen 1990 ihre emanzipatorischen Hoffnungen in eins fielen mit dem Beitrittswunsch zur Bundesrepublik. Geschichte schien dort Wachstum, jedermanns Aufstieg, und die Soziale Marktwirtschaft mitnichten Klassenstaat mit seinen unversöhnlichen Widersprüchen, sondern schier das Gelobte Land, wie die Ahnväter es geschaut hatten im "Kommunistischen Manifest": ... eine Assoziation, worindie freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.

Sozialdemokratie, das ist immer Kompromiss gewesen, Klassenausgleich, Zähmung des Kapitals. Dass der SPD Mitglieder und Wahlvolk in Scharen entlaufen sind, spricht nicht gegen den sozialdemokratischen Konsens der Bundesrepublik. Es bezeugt nur, dass dieser Konsens politisch obdachlos geworden ist. Die SPD gab sich bis kürzlich wie jemand, der, längst vom Tiger gefressen, ihn immer noch zu reiten meint. Man mag es tragisch nennen, dass ausgerechnet diese Partei den Rückbau des Sozialstaats beginnen musste. Gar nicht tragisch, aber volksveralbernd wirkte der Etikettenschwindel. Es vertrieb den Wähler und beleidigte den Verstand, wie konsequent die Schröder-Regierung Ohnmacht, Staatspleite und Sozialabbau in euphemistisch beschrifteten Tüten verkaufte: Reform, Innovation, Ich-AG, Elite-Universität, mannigfach Agenden, und von der größten Tüte jubelte es Freiheit! Und die Wirtschaft setzt Humankapital frei, die Arbeitslosenzahl steigt und steigt, der Staat hat für die Geschassten aufzukommen und erniedrigt sich vor aller Augen zur Magd des Großkapitals. Wirtschaft und Politik verhalten sich zueinander wie ein Tagebau-Unternehmen, das die Kohle aus der Erde beutet und der öffentlichen Hand die Rekultivierung der Landschaft überlässt.

Dank dieser kapitalen Lage rottet die Autorität der Politik. Oft hörte man, die Schröder-Regierung habe ihre Akzeptanz verspielt, weil sie es versäumte, dem Volk zu sagen, wohin die deutsche Reise geht. Wie sollte sie? Sie wusste es nicht, war ihre Krise doch die des Volkes selber. Die Alterspyramide steht Kopf, der Vertrag zwischen den Generationen ist nicht einzuhalten, der Sozialstaat verkam zum VEB Besitzstandswahrung und wurde Opfer seines eigenen Erfolgs. Die Politik hat nicht länger Überschüsse zu verteilen. Die Demokratie muss für ihre Stimulanzien selbst aufkommen. Moralisch, finanziell und personell kann Deutschland seine höheren Werte immer weniger reproduzieren. Es zitiert sie aber unverdrossen - Eigentum verpflichtet, den Rechtsstaat und das immergrüne Glück der Wiedervereinigung.

Es gibt noch wenig politische Rede über das, was derzeit tatsächlich mit uns geschieht. Die Republik verkrämert. Die Psyche der Gesellschaft wird durchsuppt vom Marketing-Gedöns. Sämtliche Werte haben sich ökonomisch auszuweisen. Jegliches Reden über Kunst, Bildung, Sport, Gesundheit entgleitet alsbald zum Finanzjargon. Die ungeheure Komplexität globalisierter Wirtschaft, dem Einzelnen pars pro toto bewusst, mündet leicht in die ohnmächtige Gewissheit, dass die Weltläufte ohne unser Zutun zwanghaft routieren; und die Politik sitzt mit uns auf demselben Karussell und winkt uns zu.

Wollen wir nicht eingestehen, dass sich die Gesellschaft schwerlich gegen die Marktgesetze organisieren kann? Das Volk zerfällt, die Klassen kehren wieder. Was sich derzeit vollzieht, ist ein Abschied vom Fortschrittsglauben. Zwei Begriffe haben in den vergangenen Jahren einen dramatischen Imageverlust erlitten: Globalisierung und Flexibilität wurden vom Lobwort zur Zote, von der Chance zum Fluch - im selben Maß, wie es die Gesellschaft auseinander zerrte, wie sie an Kohäsion verlor. Freiheit ist ein bezüglicher Wert. Bindungen und Sozialerfahrungen gehören zur freien Einzelexistenz wie das Haus zum Dorf, so wahr ein Dorf verludert, das ständig die Bewohner tauscht, statt Gemeinsinn zu organisieren. Solchen Sinn teilt man mit immer weniger Menschen. Wir wandeln uns zum Volk von Flachwurzlern. Patchwork-Biographien werden normal. Arbeitsverhältnisse, Wohnzeiten, Ehen verkürzen sich, damit auch unsere Loyalitäten. Das Volk beginnt zu nomadisieren.

Gerade deshalb wächst unser Bedürfnis nach kollektiver Selbstvergewisserung. Ständig werden neue Generationen ausgerufen. Es boomen Filme nachkriegsdeutscher Simultan-Erinnerung. "Das Wunder von Bern" und "Lengede" und "Good Bye, Lenin!" klären Herkunft, stiften Heimat, versöhnen mit Vergangenheit, sichern Biographie, machen unser Wir seiner selbst gewiss. Es hat Jahre gebraucht, bis ich die deutsche - also die westdeutsche - Debatten-Logik begriff. Alles hängt am Gedenkkalender. Er arrangiert den Markt, er stiftet, als Retrospektive, jene Simultanität, die dieser auseinander driftenden Gesellschaft ansonsten mehr und mehr abhanden kommt. Zum 8. Mai 2005 inszenierten die Medien eine besonders umfassende Anstrengung der kollektiven Selbstdefinition via Memoria. Natürlich gibt es weiterhin aktuelle Gleichzeitigkeiten - Fußball und Papstbegräbnis, den Grand Prix, die Katastrophen und, jawohl, den guten alten Wahlsonntag.

Teils reportieren die Medien das Ereignis, teils stellen sie es selber her. Lichterketten, Anti-Hartz-Demonstrationen, Menschensperren gegen Naziparaden, das sind keine Fernsehproduktionen, das ist Demokratie: die selbstermächtigte Öffentlichkeit souveräner Bürger. Aber zunehmend muss Fernsehen Heimat stiften für Menschen, die anderweitig kaum noch Anbindung haben und die virtuelle Welt der Glotze zu ihrer Primärerfahrung machen. Nun sei der Begriff doch noch ausgesprochen: Unterschicht-Fernsehen. Natürlich verachte ich die Kotz-und-Schrei-Formate, die selbstverachtenden Entblößungsrunden, die Pop-Stasi-Shows, von "Big Brother" bis Haumichblau. Nicht verachten möchte ich die Menschen, die sich derlei lebenszeitvernichtenden Mist laut Statistik täglich fünfeinhalb Stunden in die Hirnschale kippen.

Viele Dauerarbeitslose gehen als Demokraten verloren. Das ist kein Dogma, nur Erfahrung. Freigesetztes Humankapital haust in enger Kammer. Solche Menschen verinseln. Sie schultern weder die Gesellschaft noch ihre eigene Stadt. Kein Staat kann seinen Bürgern gelingendes Leben garantieren, und die globalisierte Wirtschaft zieht um die Handlungsfelder nationaler Politik rigide Grenzen. Aber unstrittig bleibt jede deutsche Regierung der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet, damit das Volk nicht zerfällt in Sieger und Menschen vom Müll.

Christoph Dieckmann

Zur Person

Christoph Dieckmann

geb. 1956 in einem ostdeutschen Pfarrhaus; Filmvorführer; Studium der Theologie, Vikar; Publizist; seit 1990 Autor der "Zeit". "Die Zeit", 20079 Hamburg.
E-Mail: dieckmann@zeit.de


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