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28.9.2005

Bildung und Wissenschaft im "Aufbau Ost"

Die Transformation des Bildungs- und Wissenschaftssystems in Ostdeutschland bestimmt die lokale Wissensentwicklung und regionale Innovationsfähigkeit.

Einleitung

Bildung und Wissenschaft sind Schlüsselbereiche moderner, wissensorientierter Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme; ihrer Entwicklung kommt daher eine herausragende Rolle im Prozess der Wiedervereinigung zu. Wie hat sich die Transformation des Bildungs- und Wissenschaftssystems in den neuen Ländern vollzogen? Welcher Beitrag für die wissensgesellschaftliche Entwicklung ist von den Wissensinstitutionen an ihren jeweiligen Standorten und damit für die regionale Stabilisierung zu erwarten? Welche Entwicklungsnotwendigkeiten für den "Aufbau Ost" können daraus abgeleitet werden?[1]






Nach der Unterzeichnung des Einigungsvertrages und dem Beitritt der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland zum 3. Oktober 1990 war klar, dass durch die Übernahme der Bundesgesetze auch in vielen bildungs- und wissensorientierten Bereichen eine Angleichung an das System der Bundesrepublik erfolgen würde. Bereits im Frühjahr 1990 wurde die Gemeinsame Bildungskommission eingerichtet und mit der Aufgabe der Umgestaltung des Bildungssystems der DDR betraut. Dabei zeigte sich, dass die Reformen des Bildungswesens häufig an gemeinsame Traditionen anknüpfen konnten.

Bereits im Spätherbst 1989 hatten sich freie Studentenvertretungen und Reformkräfte aus dem Kreis der Lehrenden formiert, die ihren Einfluss auf die Umgestaltung der Hochschullandschaft geltend machten. Diese Anfangszeit der Reformbemühungen wurde als "demokratischer Aufbruch" bezeichnet. Es kam zur Aufnahme erster Kontakte zu Wissenschaftsgremien und Fachkollegen in den alten Bundesländern; diese Initiativen wurden von Seiten der Bundesrepublik aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft in erheblichem Umfang unterstützt.

Am 25. Mai 1990 wurden in den DDR-Hochschulen die Sektionen für Marxismus-Leninismus aufgelöst, wodurch es zu erheblichen inhaltlichen und personellen Umstrukturierungen kam.[2] Im Einigungsvertrag vom 31. August 1990 ist die Entscheidung, ob die im jeweiligen Land liegenden Hochschulen (und Fachschulen) als Einrichtungen des Landes weiterzuführen oder abzuwickeln seien, den zu bildenden Länderregierungen übertragen worden.

Transformation des Hochschulsystems

Die Folgezeit war von der strukturellen Überführung und Einpassung der DDR-Hochschul- und Wissenschaftseinrichtungen in das westdeutsche Institutionensystem geprägt. Dabei standen alternative Vereinigungsstrategien, etwa die gleichzeitige Reform der Hochschulsysteme in Ost- und Westdeutschland - wie vom Wissenschaftsrat im Juli 1990 im Grundsatz vorgeschlagen -, nicht mehr zur Diskussion. Allerdings war das ostdeutsche Hochschulsystem aufgrund gemeinsamer akademischer Traditionen dem westdeutschen strukturell viel ähnlicher als jedes andere europäische Hochschulsystem, was den Transformationsprozess erleichterte. Gravierende Unterschiede gab es hinsichtlich der Hochschultypen und Abschlüsse, des Studienplatzangebotes, der Hochschulorganisation und der Kompetenzverteilung zwischen staatlicher Aufsicht und Hochschulselbstverwaltung, der Personalausstattung sowie der universitären und außeruniversitären Forschung und Forschungsförderung.

Der Einigungsvertrag eröffnete den neuen Ländern eine Übergangsfrist bis zum 3. Oktober 1993, um die Einheitlichkeit im Hochschulrecht herzustellen, abweichende Regelungen zu erproben und Novellierungen anzustoßen. Die Landesregierungen wurden vom Wissenschaftsrat und von unabhängigen Sachverständigen in den Hochschulstrukturkommissionen der Länder beraten. Die Leitlinien und Empfehlungen des Wissenschaftsrates sahen einschneidende Neuerungen vor: Stärkung der Forschung an den Universitäten, Gründung leistungsfähiger Fachhochschulen, Abwicklung von Spezialhochschulen, Entspezialisierung der Studiengänge, überregional abgestimmte und regional ausgewogene Verteilung von Studienangeboten, Zusammenarbeit von Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen.

1994 wurde die Phase der Konsolidierung eingeleitet. Der strukturelle Umbau des Hochschulsystems konnte als abgeschlossen betrachtet werden, die Personalreduzierungen nach Sonderkündigungsregelungen und die Personalauswechselungen waren weitgehend vollzogen, Neugründungen und Zusammenlegungen bis Ende 1993 erfolgt. Die Folge dieses Umstrukturierungsprozesses war, dass sich der Personalumfang an den ostdeutschen Hochschulen um die Hälfte verringert hatte.

Der Umbau der Hochschullandschaft wird von den meisten Autoren als enormer Veränderungsprozess im Rahmen der Systemtransformation bewertet; einige kritisieren, dass das Reformpotenzial, das in der Situation von 1989 gegeben war, nicht ausgeschöpft worden sei. Eine Untersuchung über den Hochschulumbau in Berlin, Jena, Halle-Wittenberg, Leipzig und Rostock kam zu dem Ergebnis, dass zwar der externe Einfluss relativ gering war, jedoch die Anpassung an die Strukturen der Bundesrepublik erhebliche Auswirkungen auf die Hochschulen und vor allem auf deren Personalstruktur hatte.[3] Obwohl das westdeutsche Hochschulwesen Bezugspunkt des institutionellen Umbaus war, wurde es keineswegs in allen Details kopiert. Vor allem aufgrund der Empfehlungen des Wissenschaftsrates hat man versucht, die Probleme des westdeutschen Hochschulsystems nicht auf das ostdeutsche zu übertragen. Dies gelang zum Beispiel bei der flächendeckenden Neugründung von Fachhochschulen und der Vermeidung von Massenuniversitäten.

Heute verfügen die ostdeutschen Bundesländer über 56 Hochschulen (ohne Berlin), davon 18 Universitäten und 26 Fachhochschulen. Fünf Hochschulen der DDR sind vollständig aufgelöst worden (in Leipzig, Berlin und Meißen); die Anzahl der Universitäten (zehn in der DDR) wurde erhöht. Neugründungen gab es in Frankfurt/Oder, Cottbus und Erfurt. Heute sind in jedem Bundesland mindestens zwei Universitäten und drei Fachhochschulen angesiedelt. Insbesondere das Angebot in den sozial- und geisteswissenschaftlichen Fächern wurde erheblich gesteigert, während in der DDR vor allem die Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften starkes Gewicht hatten.

Neuorganisation des Schulsystems

Mit der Schaffung der deutschen Einheit wurde auch das allgemein bildende Schulsystem in Ostdeutschland nach westdeutschem, föderativen Vorbild organisiert. Die Einheitsschule der DDR, bestehend aus der Allgemeinen Polytechnischen Oberschule und der Erweiterten Oberschule, wurde durch das in der Bundesrepublik geltende dreigliedrige Schulsystem ersetzt. Damit verbunden war die Vorstellung, den Anspruch der Polytechnischen Oberschule auf eine moderne Grundbildung für alle mit einer gymnasialen, vertiefenden Vorbereitung auf ein Hochschulstudium zu verbinden. Ebenso wurde das berufliche Bildungswesen, das in der DDR zentral gesteuert und mit der Wirtschaftsplanung abgestimmt war, in das westdeutsche System transformiert. Einige im ost- und westdeutschen Bildungssystem existierende ähnliche Strukturelemente, wie zum Beispiel das Abitur und die duale Berufsausbildung, sind auf gemeinsame historische Wurzeln zurückzuführen, wodurch der Anpassungsprozess erleichtert wurde.

Der Aufbau staatlicher, wirtschaftlicher sowie gesellschaftlicher Institutionen und damit auch die Transformation des Bildungswesens wurde durch "Patenschaften" der alten Bundesländer unterstützt. Es ist nicht verwunderlich, dass die Schulsysteme in den ostdeutschen Ländern stark dem Modell ihres jeweiligen Patenlandes ähneln. So wurde Brandenburg durch Nordrhein-Westfalen unterstützt und weist infolgedessen ein flächendeckendes System an Gesamtschulen auf. In Sachsen und Thüringen spiegelt sich hingegen die Beratung durch die süd- und südwestdeutschen Bundesländer wider. Hier wurde ein in klassischer Form gegliedertes Schulsystem ohne Gesamtschulen aufgebaut. In einigen Ländern sind regionale Besonderheiten zu verzeichnen, und es wurden nicht alle drei Schularten (Haupt-, Realschule und Gymnasium) eingeführt.

In der DDR war das Mindestniveau der schulischen Grundbildung nach zehn Jahren mit Abschluss der Polytechnischen Oberschule definiert. Hieraus lässt sich erklären, warum die Hauptschule - wie die PISA-Evaluationsstudie zeigt - in den neuen Bundesländern im Vergleich mit westdeutschen Flächenländern von deutlich weniger Schülern besucht wird. In den ostdeutschen Ländern ist die Realschule sehr beliebt; die zentrale Stellung nimmt jedoch das Gymnasium ein. Unterschiede gibt es in Hinblick auf die Länge der Schulzeit bis zur Hochschulreife: In Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Berlin kann das Abitur - wie früher in der DDR - nach zwölf Jahren erworben werden, in Brandenburg nach 13 Jahren. Die Dauer der Schulzeit ist bisher durch einen Beschluss der Kultusminister nur vorläufig geregelt; bundesweit geht jedoch generell der Trend zur Verkürzung der Dauer bis zum Abitur.

Wissenschaft und Forschung

In der DDR war die betriebliche Forschung und Entwicklung (FuE) zum großen Teil innerhalb der den Industrieministerien direkt unterstellten Kombinate, vor allem in deren Forschungsbetrieben, konzentriert. Teilweise existierten Forschungszentren, die FuE-Funktionen für andere Kombinate übernommen hatten. Die Integration von grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung war in der DDR in außeruniversitären Forschungseinrichtungen institutionalisiert.

Der Privatisierungsprozess der Forschungsbetriebe durch die Treuhand war durch folgende Ziele charakterisiert: gezielter Abbau personeller Kapazitäten; Ausrichtung auf neue Forschungsaufgaben; Ausstattung mit modernen Technologien; Einbindung in die forschungspolitische Struktur von Bund und Ländern sowie die Suche nach gesicherter Trägerschaft im Rahmen der Privatisierung. Die Umgestaltung der Wissenschaftslandschaft betraf vier Aufgabenbereiche:
1. die drei Akademien der Wissenschaften, deren Forschungspotenzial als mehr oder weniger wertvoll eingestuft wurde,
2. andere Akademien und Ressortforschungseinrichtungen, die (häufig aus politisch-ideologischen Gründen) als nicht erhaltenswert bewertet wurden,
3. die Hochschulforschung und
4. die Industrieforschung, die allerdings aus dem politisch gesteuerten Transformationsprozess herausfiel, weil sie vor allem von Marktprozessen bestimmt wurde. So waren im Bereich der industriellen FuE schon im Herbst 1992 nur noch 20 Prozent der Ende 1989 vorhandenen Arbeitsplätze übrig geblieben.

Auf Empfehlung des Wissenschaftsrates wurden im außeruniversitären Forschungsbereich über 50 Forschungsinstitute neu gegründet. 34 dieser Institute gehören zur Blauen Liste und sind heute in der Leibniz-Gemeinschaft zusammengefasst. Diese Neugründungen waren Teil des alle Sektoren des Wissenschaftssystems umfassenden Institutionentransfers nach bundesdeutschem Vorbild. Dieser Prozess führte jedoch weder zu einer Kopie der westdeutschen noch zu einer einheitlichen gesamtdeutschen Forschungslandschaft.[4]

Im Zuge des Personalabbaus und von Personalumstrukturierungen in den ostdeutschen Forschungseinrichtungen hat ein erheblicher west-ostdeutscher Ressourcen-Transfer stattgefunden. Wissenschaftliches und administratives Personal kam aus dem Westen, wobei ostdeutsche Forscher im Konkurrenzkampf um die neu definierten Stellen meist den Kürzeren zogen. Mit den Personen, Institutionen und Ressourcen wurden auch Fragestellungen, Methoden und Inhalte der westlichen Forschung implementiert.

Für diesen Transformationsprozess der Wissenschaftsinstitutionen gibt es mindestens zwei Lesarten: So ist nach Ansicht einiger Autoren ein gesamtdeutsches Wissenschaftssystem entstanden.[5] Einer anderen Sicht zufolge ist die Übernahme des westdeutschen Systems vor allem eine Abwertung und Nicht-Anerkennung der DDR-Wissenschaft und ihrer Wissenschaftler sowie von deren akademischen Berufsbiographien. Der ostdeutsche Wissenschaftsumbau sei ein radikaler Elitenwechsel gewesen, wodurch als Nebenfolge der Karrierestau bzw. der Habilitierten-Berg des westdeutschen Wissenschaftssystems abgebaut werden konnte. Diese Entwicklung habe zur Folge gehabt, dass die vorhandene Kompetenz der Ost-Wissenschaftler für den "Aufbau Ost" nur sehr unzureichend genutzt wurde.[6]

Bildung und Wissen als regionaleStandortfaktoren

Die Transformation des Bildungs- und Wissenschaftssystems war ein Kraftakt und ist in vielen Bereichen erfolgreich verlaufen. Wissensinstitutionen haben darüber hinaus jedoch, neben ihrer zentralen Rolle für Lehre und Forschung und der damit verbundenen Sicherung der Zukunftsfähigkeit moderner Gesellschaften, hohe Bedeutung für ihre Standorte und die regionale Entwicklung.

Erstens ist eine direkte regionalökonomische Wirkung von Bildungs- und Forschungsinstitutionen zu konstatieren. Der laufende Betrieb sichert Arbeitsplätze und erhöht die konsumorientierte Nachfrage, was wiederum zu indirekten Arbeitsmarktwirkungen führt. So sind in einigen ostdeutschen Stadtregionen die Hochschulen die größten Arbeitgeber. Dies trifft in Brandenburg auf die TU Cottbus und die Fachhochschule Lausitz in Senftenberg zu. In Jena (Thüringen) hat sich der Hochschulkomplex bestehend aus der Universität, der 1992 neu gegründeten Fachhochschule, dem Studentenwerk sowie dem Max-Planck-Institut und der Fraunhofer-Gesellschaft zum wichtigsten Beschäftigungssektor entwickelt.

Zweitens wirken Wissensinstitutionen auch als kulturelle Standortfaktoren. So konnte in einer Untersuchung über die Hochschulstandorte Cottbus und Senftenberg festgestellt werden, dass sich in den Städten und in der Region das geistige, soziale und kulturelle Klima gewandelt und die Lebensqualität verbessert hat.[7]

Drittens sind Hochschulen und Forschungsinstitutionen aufgrund des Wissenstransfers in die industrielle Praxis für die regionale Entwicklung bedeutsam. In ihrem Umfeld entstehen - oftmals direkt unterstützt von diesen Einrichtungen - junge, innovative Unternehmen, die auf der Basis von Forschungsergebnissen neue Produkte entwickeln, auf den Markt bringen und die regionale Innovationskraft stärken.

Regionen mit Hochschulstandort wird demnach ein strategischer Wettbewerbsvorteil zugemessen. Universitäten und Hochschulen dienen als - mehr oder weniger - Erfolg versprechende Kerne lokaler und regionaler Wissenskomplexe. In ihrem Umfeld entstehen - häufig mit Hilfe gezielter Forschungs- und Technologiepolitik - Wissenschaftsparks und Technologiecluster. Hochschulen sind mit den sie umgebenden Wissensindustrien zum Hoffnungsträger für regionale Innovationsfähigkeit und Wachstum geworden.

Die Bedeutung von Hochschulen für die regionale Innovationskraft basiert auf einem System, bei dem sich die Forschenden und Lehrenden mit regionalen Akteuren, zum Beispiel aus Wirtschaftsunternehmen, anderen Wissenschaftseinrichtungen, Technologie- und Gründerzentren sowie Verwaltungen, auf gemeinsame Ziele verständigen und vernetzt agieren. Dabei geht es um effizientes Wissensmanagement, das Wissen aus den natur- und ingenieurwissenschaftlichen sowie wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituten mit alltäglichem, lokalem Wissen aus der Region zusammenführt.[8] Dazu ist es notwendig, Kommunikationsbeziehungen zwischen den Akteuren aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verwaltung und zivilgesellschaftlichen Organisationen anzubahnen, Interaktionsprozesse zu initiieren und eine Basis für den Wissensaustausch und die Generierung neuen Wissens zu schaffen. Von den Hochschulen wird gefordert, als Inkubatoren dieser regionalen Entwicklungsprozesse zu fungieren.

Der Niedergang der Wirtschaft aufgrund der plötzlichen Konfrontation mit den Weltmarktbedingungen hat zur Auflösung der in der DDR üblichen Forschungsverträge und -verbünde von Betrieben mit Akademieinstituten und Hochschulen beigetragen. Der Aufbau neuer Netzwerke wurde zum einen durch den massiven Personalabbau an den Hochschulen sowie die Neuordnung der Wissenschaftsinstitutionen verzögert und erschwert. Zum anderen kam es zu Problemen der Passfähigkeit (problems of fit) zwischen angebotenem und nachgefragtem Wissen sowie zu unterbrochenen Wertschöpfungsketten und Lieferbeziehungen. Die daraus resultierende mangelnde regionale Vernetzung stellt auch weiterhin ein Hemmnis für die Stärkung der Innovationskraft Ostdeutschlands dar.

Einigen Hochschulen ist es jedoch gelungen, den Umstrukturierungsprozess für den Aufbau neuer Vernetzungsaktivitäten in der Region zu nutzen. Im Zuge des Transformationsprozesses wurden in Jena beispielsweise schon früh Gründerseminare angeboten. Ein Teil der Wissenschaftler, die sich nach 1989/90 nicht mehr an der Universität etablieren konnten, haben Unternehmen als Ausgründungen der Hochschule aufgebaut und sind im Umfeld der Universität geblieben. Diese Wirtschaftsunternehmen stellen vielfach Netzwerkpartner bei Ausschreibungen für anwendungsorientierte Forschungsprojekte und Innovationsbündnisse dar. Für ein kooperatives Zusammenwirken wirkt sich darüber hinaus begünstigend aus, dass in Jena Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft häufig mit ehemaligen Mitarbeitern des Zeiss-Unternehmens besetzt wurden. Viele der Kooperationsbeziehungen basieren auf gewachsenen Vertrauensstrukturen. Dies scheint in Bezug auf eine wissensbasierte regionale Entwicklung die Verständigung in der Stadt über gemeinsame Entwicklungsziele zu erleichtern. Auf dieser Basis haben sich zusätzlich eine Vielzahl selbst organisierter Netzwerke als institutionalisierte Form des Wissenstransfers etabliert, wovon vor allem Gründerunternehmen profitieren.[9]

Insgesamt haben sich in Ostdeutschland in Bezug auf Innovationsfähigkeit und wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit sehr unterschiedliche räumliche Entwicklungen ergeben, und es ist ein Süd-Nord-Gefälle zu beobachten. Die Existenz von Hochschulen und Forschungsinfrastrukturen in einer Region reicht allein nicht aus, die regionale Innovationskraft zu stärken. Ein entscheidender Faktor scheint die Passfähigkeit zwischen dem Profil der Hochschulen und der regionalen Wirtschaft zu sein. Während in Jena die Absolventen aufgrund der fachlichen Kompatibilität leicht Anknüpfungspunkte für Praktika sowie Beschäftigungsmöglichkeiten in den Unternehmen der Region finden, ist das zum Beispiel in Frankfurt/Oder nicht gegeben. Die dort gegründete Europa-Universität Viadrina bietet keine technisch-naturwissenschaftlichen Studiengänge an, was von den ansässigen Hightechunternehmen als Manko empfunden wird.

Diese kooperieren deshalb mit Universitäten außerhalb der Region, zum Beispiel mit der TU Berlin oder der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus.[10] Die Studienabgänger der Viadrina mit ihrem wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Profil finden aufgrund der geringen Wirtschaftskraft der Region kaum Beschäftigungsmöglichkeiten mit der Folge von brain-drain-Prozessen, d.h. Abwanderung der gut ausgebildeten jungen Leute in andere, wirtschaftsstärkere Regionen.[11] Dieser brain drain wird durch die Nähe der Metropolen Berlin, Leipzig und Dresden noch verstärkt. Viele Wissensarbeiter nutzen Frankfurt/Oder lediglich als Arbeitsstandort. Dies hat zur Folge, dass sie kaum das soziale, geistige und kulturelle Klima der Stadt beeinflussen.

Für eine wissensbasierte Stadt- und Regionalpolitik

Um die unterschiedliche Innovationsfähigkeit von Regionen zu ergründen, wird in regionalwissenschaftlichen Studien nach dem Attraktivitätspotenzial eines Standorts für hoch qualifizierte Arbeitskräfte und den kreativitätsfördernden Faktoren und lokalen Bedingungen für die Generierung neuen Wissens gefragt.[12]

Entscheidend für die Innovationsfähigkeit einer Region scheint zu sein, dass eine kritische Masse kreativer und qualifizierter Menschen entsteht, die sich in innovativen Wissenskulturen zusammenfinden. Damit richtet sich der Blick auf neue Netzstrukturen, die sich im Zusammenspiel von soft networks (Wissensmilieus) und hard networks (strategische Netze zwischen Organisationen und institutionellen Strukturen) bilden.[13] Für die Bildungsprozesse dieser Netze scheinen Orte mit hoher Anziehungskraft (sticky places) von großer Bedeutung zu sein.[14] Hier rücken attraktivitätsfördernde Faktoren städtischer Lebensbedingungen (Wohn- und Freizeitbedingungen, Umweltqualität, Kultur, eine "Kunstszene") sowie die besonderen Lebensstile der Wissensträger in den Mittelpunkt des Interesses. Sticky places erhöhen die Zuwanderungsbereitschaft (hoch qualifizierter) Arbeitskräfte und senken die Neigung zur Abwanderung.

Eine Untersuchung über den Zusammenhang zwischen der Existenz kreativitätsfördernder städtischer Strukturen und der Innovations- und Wirtschaftsleistung in ostdeutschen Universitätsstädten steht noch aus. Eine erste Einschätzung deutet darauf hin, dass die wirtschaftlich erfolgreichen ostdeutschen Regionen um Dresden und Jena auch in Bezug auf städtische Attraktivität Vorteile aufweisen.[15] Während Dresden eine hohe Anziehungskraft aufgrund des historisch gewachsenen Stadtbildes besitzt, konnte in Jena die Attraktivität der Stadt durch das Zusammenwirken von Wirtschaft und Stadtpolitik gesteigert werden. So wurde der Universitätscampus mitten in der Stadt, auf dem Gelände des ehemaligen Zeiss-Kombinats, errichtet. Dies trug zur Belebung der Innenstadt durch das studentische Milieu bei, in deren Folge sich urbanes Flair mit Kneipen, Cafés und Restaurants entwickeln konnte. Durch diesen Attraktivitätsgewinn werden auch andere kaufkräftige Gruppen angezogen, sodass sich der Einzelhandel mit einem hochwertigen Warenangebot entwickeln konnte.

In Planungsprozessen werden die Zusammenhänge zwischen der Standortwahl von Wissensinstitutionen und stadtregionaler Wirtschaftsentwicklung noch kaum beachtet, wobei sowohl die Wirtschaftsförderung als auch die Stadtplanung ressortinternen Handlungslogiken folgt. So ist die Wahl von Wissensstandorten (Universität, Wissenschafts- und Technologieparks) häufig an der stadtplanerischen Logik der Revitalisierung von Brachflächen ausgerichtet, die zumeist am Stadtrand oder außerhalb der Stadtgrenzen liegen. Eine solche Standortentwicklung erfolgt isoliert und hat wenig Bezug zur Innenstadtentwickung, sodass auch ein möglicher Attraktivitätsgewinn für die Stadt ausbleibt.

Wissensentwicklung fängt mit der Schulbildung an; hier werden die Grundlagen für die Sensibilisierung gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen als auch für zivilgesellschaftliches Engagement gelegt. Eine neue Studie des Instituts für Regionalentwicklung und Strukturplanung, die sich mit der Entwicklung von Politikkonzepten zur Bewältigung der brain-drain-Problematik im Zusammenhang mit Schrumpfungsprozessen in den neuen Ländern befasst, stellt integrierte Ansätze vor.[16] So wird zum Beispiel die Koppelung von Bildungspolitik und Stadtumbauprozessen in einer von Hochschulen und Kommunen gemeinsam konzipierten Stadt- und Regionalentwicklung vorgeschlagen. Dabei sollen praxisnahe Lernformen durch die Einbindung von Bildungsinstitutionen in Probleme der Stadt- und Regionalentwicklung erprobt und innovative Bildungskonzepte (zum Beispiel für die Erwachsenenbildung und die berufliche Bildung) generiert werden. Es wird erwartet, dass dadurch gleichzeitig zivilgesellschaftliches Engagement gefördert werden kann.

Diese Konzepte können auf Praxisbeispiele zurückgreifen. So existiert beispielsweise in Frankfurt/Oder ein innovatives Ausbildungskonzept zwischen Schule und Wirtschaft. Ein Netzwerk, an dem das örtliche Gauss-Gymnasium sowie ein dort ansässiges Hightechunternehmen und Universitäten der Region beteiligt sind, praktiziert ein gemeinsames Nachwuchsförderungskonzept. Dabei werden junge Menschen in einem ambitionierten Programm von der Schule bis zum Aufstieg in leitende Bereiche in den Firmen der Halbleiterindustrie begleitet.

Solche neue Lernformen und Ausbildungskonzepte deuten die Richtung für innovative Lösungen im Rahmen integrierter Politikkonzepte an. Notwendig ist die Entwicklung und Umsetzung von innovativen Entwürfen, durch welche die Potenziale der Bevölkerung besser genutzt sowie vorhandenes lokales Wissen und Alltagswissen wieder in Wert gesetzt werden können, um in Verbindung mit neuem Wissen für die Herausforderungen einer sich globalisierenden Wirtschaft und Gesellschaft gerüstet zu sein.

Fußnoten

1.
Der Beitrag fasst die Ergebnisse einer umfassenden Studie zusammen; vgl. Heidi Fichter-Wolf/Katharina Fichtenau/Volker Meinhardt, Bildung und Forschung, in: Deutsches Institut für Urbanistik (Hrsg.), Der Aufbau Ost als Gegenstand der Forschung, Untersuchungsergebnisse seit 1990, H. 6, Berlin, Oktober 2004. Ergebnisse im Rahmen des Forschungsprojekts "Projektplanung Aufbau Ost", gefördert vom Bundesministerium für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen (BMVBW) und dem Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung (BBR). Die von den Autoren vertretene Auffassung ist dabei nicht unbedingt mit der der Auftraggeber identisch. Die Teilstudie "Bildung und Forschung" wurde vom IRS in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung erarbeitet.
2.
Schon von der Regierung Modrow war im November 1989 die Aufhebung des obligatorischen marxistisch-leninistischen Grundlagenstudiums verfügt worden.
3.
Vgl. Renate Mayntz (Hrsg.), Aufbruch und Reform von oben. Ostdeutsche Universitäten im Transformationsprozess, Frankfurt/M. 1994.
4.
Vgl. Jörg Gläser/Gabriele Groß/Marion Höppner/Werner Meske, Zur Integration neugegründeter Blaue-Liste-Institute in die deutsche Wissenschaftslandschaft, in: Karl-Siegbert Rehberg (Hrsg.), Differenz und Integration. Die Zukunft moderner Gesellschaften. Verhandlungen des 28. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie im Oktober 1996 in Dresden, Bd. 2, Opladen 1997, S. 832 - 836.
5.
Vgl. Jürgen Kocka/Renate Mayntz, Wissenschaft und Wiedervereinigung. Disziplinen im Umbruch. Forschungsberichte der Interdisziplinären Arbeitsgruppen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 6, Berlin 1998.
6.
Vgl. Roland Bloch/Peer Pasternack, Die Ost-Berliner Wissenschaft im vereinigten Berlin. Eine Transformationsfolgenanalyse (Arbeitsbericht des Instituts für Hochschulforschung 2/04), Wittenberg 2004, S. 30f.
7.
Vgl. Rolf Reißig, Hochschulen Brandenburgs als regionale Entwicklungsfaktoren. Fallanalysen in der Region Lausitz, Selbstverlag, Berlin 1997.
8.
Vgl. Rainer Voß, Regionale Wirksamkeit von Hochschulen - ein Konzept zur Analyse und Bewertung, in: Wissenschaftliche Beiträge, Technische Fachhochschule Wildau, (2004), S. 103 - 113.
9.
Vgl. Heidi Fichter/Petra Jähnke/Thomas Knorr-Siedow, Governance Capacity für eine wissensbasierte Stadtentwicklung, in: Ulf Matthiesen (Hrsg.), Stadtregion und Wissen. Analysen und Plädoyers für eine wissensbasierte Stadtpolitik, Wiesbaden 2004, S. 309 - 336.
10.
Vgl. ebd., S. 322.
11.
Vgl. Ulf Matthiesen (Hrsg.), Das Ende der Illusionen, in: Perspektive 21. Brandenburgische Hefte für Wissenschaft & Politik, Nr.21/22, (2004), S. 97 - 113.
12.
Vgl. die Beiträge in: ders. (Anm. 9).
13.
Vgl. ders., Knowledge Scapes. Pleading for a knowledge turn in socio-spatial research, Working paper, August 2005; www.irs-net.de.
14.
Vgl. Ann Markusen, Sticky Places in Slippery. A Typology of Industrial Districts, in: Economic Geography, 72 (1996), S. 293 - 313.
15.
Vgl. Peter Franz, Innovative Milieus in ostdeutschen Stadtregionen: "sticky places" der kreativen Klasse?, in: U. Matthiesen (Anm. 9), S. 109 - 122.
16.
Erste Ergebnisse wurden auf einem Expertenhearing im Rahmen der Strategiewerkstatt "Starke Städte - Masterplan Stadtumbau des Landes Brandenburg" am 19. April 2005 in Erkner vorgestellt.

Heidi Fichter-Wolf

Zur Person

Heidi Fichter-Wolf

Dr. phil., Dipl.-Pol., geb. 1949; wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung (IRS), Flakenstraße 28 - 31, 15537 Erkner.
E-Mail: FichterH@irs-net.de


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