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16.8.2006

Strukturwandel durch Kulturwirtschaft

Die Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet ist mit über 10 000 Betrieben/Selbstständigen und 52 000 Beschäftigten eine Zukunftsbranche für den Strukturwandel. Der Titel "Kulturhauptstadt Europas 2010" bietet neue Entwicklungschancen.

Einleitung

Das Ruhrgebiet ist heute für viele Kult und die ehemals negativ konnotierte Bezeichnung "Pott" bei manchen Gruppen inzwischen ein Markenzeichen. Was sich in dieser einstmals von Kohle und Stahl geprägten Industrieregion in den letzten drei Jahrzehnten durch Kultur verändert hat und wie die Zukunftsbranche Kultur- bzw. Kreativwirtschaft in Programme und Initiativen zur Bewältigung des regionalen Strukturwandels integriert wurde, ist zumindest europaweit beispielhaft. Noch um 1960 gab es im Ruhrgebiet nur eine überschaubare Anzahl an Betrieben der Kulturwirtschaft, darunter Zeitungsverlage, Buchhandlungen und die eine oder andere Kunstgalerie.

Dies änderte sich mit dem Wandel der Region vom Montan- zum Wissenschafts- und Dienstleistungsstandort. Universitäten, Fachhochschulen und Gründerzentren trugen zur Entstehung neuer Industrien und Dienstleistungen bei, wie der Informationstechnik, der Mikrosystemtechnik oder der Logistik.

Parallel dazu vollzog sich ein gesellschaftlicher und mentaler Wandel. Der steigende Lebensstandard veränderte die Kultur- und Freizeitinteressen der Menschen im Ruhrgebiet. Es entstanden neue Museen, Konzerthäuser, Theater und soziokulturelle Einrichtungen - zunächst vor allem in öffentlicher bzw. zivilgesellschaftlicher, mehr und mehr auch in erwerbswirtschaftlicher Trägerschaft. Um 1980 begannen Studierende, stillgelegte Zechen- bzw. leerstehende Gewerbegebäude für Musik-, Theater- und Kleinkunstveranstaltungen zu nutzen. Heute sind die ehemals Kohle und Stahl repräsentierenden Symbole der Ruhrwirtschaft wie der "Gasometer" in Oberhausen, die "Kaue" in Gelsenkirchen oder das Weltkulturerbe "Zeche Zollverein" in Essen kulturell bzw. kulturwirtschaftlich "besetzt" und neu codiert.

In der Folge entstanden Betriebe, die Vorleistungen für Veranstaltungen erbrachten, wie etwa Vermittlungsagenturen für Künstlerinnen und Künstler, oder nachgelagerte Betriebe wie Musikverlage und Plattenfirmen. Diese wiederum ermöglichen die Ausdifferenzierung in eine Vielzahl kultureller Initiativen und Szenen. Neben den vielen Klein- und Kleinstbetrieben setzen einige Schlüsselprojekte, wie das seit 1988 aufgeführte Musical "Starlight Express" in Bochum neue, auch außerhalb des Ruhrgebiets wahrgenommene Akzente. Inzwischen ist die Vielzahl der kulturellen Angebote fester Bestandteil einer touristischen "Entdeckung" des Ruhrgebiets. Diese Prozesse im Kultursektor haben die Wirtschaft der Region verändert und auf vielfältige Weise zum regionalen Wandel beigetragen (vgl. Abbildung 2 der PDF-Version).

Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet

Seit den ersten Untersuchungen zur Kulturwirtschaft in Städten des Ruhrgebiets, zum Beispiel in Bochum,[1] weist die Branche steigende Unternehmens-, Umsatz- und Beschäftigtenzahlen auf. Im Jahre 1992 gab es in der Region 9 500 Betriebe und Selbstständige, die einen Umsatz von 6,1 Milliarden Euro erzielten.[2] Zwischen 1994 und dem Jahr 2000 sind allein in den Städten Bochum, Dortmund, Essen, Duisburg und Oberhausen rund 1 000 neue Firmen in der Kulturwirtschaft gegründet worden.[3] Sie verweisen auf die über Jahre hinweg anhaltende Dynamik der Branche.

Heute hat die Kulturwirtschaft des Ruhrgebiets für die ansässige Wirtschaft und den regionalen Arbeitsmarkt eine nicht mehr wegzudenkende Bedeutung:[4]
  • Die Kulturwirtschaft der Region ist eine relevante Größe: Mit über 10 000 Betrieben und Selbstständigen - dies entspricht 7,5 Prozent aller steuerpflichtigen Betriebe der Region - zählte 2003 jeder 13. Betrieb im Ruhrgebiet zur Kulturwirtschaft. Über die Hälfte der Betriebe und Selbstständigen sind dem Kunst-, Design- und Werbemarkt zuzurechnen (vgl. Tabelle 1 der PDF-Version).
  • Im Ruhrgebiet überwiegen die "Kreativen": Einen besonderen Schwerpunkt der Kulturwirtschaft bildet ihr "kreativer Kern". Dieser umfasst nicht nur Künstler und Musiker, sondern ebenso Designer, Architekten oder kleinere Buch-, Musik- und Zeitungsverlage. Ihnen wird heute in der Regionalentwicklung in branchenübergreifenden Wertschöpfungsnetzwerken der Branchen eine zentrale Rolle zugeschrieben. Zum "kreativen Kern" zählen in der Region 40 Prozent der Selbstständigen bzw. Betriebe, überwiegend Kleinstfirmen bzw. junge Betriebe. Sie erzielten mit 3,1 Milliarden Euro fast die Hälfte aller Umsätze der Kulturwirtschaft der Region. Obwohl sich deren Umsätze in den letzten Jahren erhöht haben, arbeiten nicht wenige unter prekären wirtschaftlichen Bedingungen (vgl. Tabellen 2 und 3 der PDF-Version).
  • Die Kulturwirtschaft ist eine relevante Säule des regionalen Arbeitsmarkts: Über 52 000 Personen sind zurzeit im Ruhrgebiet in der Kulturwirtschaft tätig, davon sind rund 42 200 sozialversicherungspflichtig beschäftigt, die anderen sind Betriebsinhaberinnen bzw. -inhaber und Selbstständige (vgl. Tabelle 4 der PDF-Version). Hinzu kommen schätzungsweise 10 000 bis 20 000 Personen, die nebenberuflich in der Kulturwirtschaft tätig sind.
  • Schwerpunkt in der Region ist der Literatur- und Buchmarkt: Mit fast der Hälfte der Umsätze und der Beschäftigungseffekte ist der Literatur-, Buch- und Pressemarkt von zentraler Bedeutung für das Ruhrgebiet. Kunst, Design und Werbung stehen mit einem Anteil von etwa 25 Prozent an zweiter Stelle (vgl. Tabelle 4 der PDF-Version).
  • Die Kulturwirtschaft ist selbst in Zeiten wirtschaftlicher Krisen relativ stabil: Zwar wurden in der Kulturwirtschaft im Jahre 2003 nur rund 6,6 Milliarden Euro an Umsätzen generiert und damit etwas weniger als 1996, aber die Umsatzrückgänge von 2,3 Prozent im Vergleich zur Gesamtwirtschaft des Ruhrgebiets (minus 9 Prozent im gleichen Zeitraum) im Jahre 1999 fielen deutlich geringer aus. Diese Entwicklung hat sich bis auf den Teilmarkt der Darstellenden Kunst und der Unterhaltungskunst auch in der Anzahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten niedergeschlagen. Die Gründe hierfür sind unter anderem technische Veränderungen in den Copyindustrien der Musik- und Filmwirtschaft, andere Vertriebs- und Vermarktungsformen (u.a. "ALDIsierung") und ein verschärfter Wettbewerb mit Anbietern aus dem europäischen Ausland (z.B. im Druckbereich).
  • Die Kulturwirtschaft der Region weist pfadbedingt eine spezifische Teilmarktstruktur und Entwicklungsdynamik auf: So erzielen Metropolregionen wie Berlin oder traditionelle, stärker bürgerlich geprägte Großstädte wie Köln oder Hamburg vor allem auf dem Kunstmarkt sowie in der Film- und Fernsehwirtschaft deutlich höhere Umsatz- und Beschäftigungseffekte als das Ruhrgebiet. Ebenso unterschiedlich ist die Entwicklungsdynamik. Berlin weist zum Beispiel im Unterschied zum Ruhrgebiet selbst für die Jahre zwischen 1998 und 2002 in fast allen Teilmärkten der Kulturwirtschaft noch Umsatz- und Beschäftigungszuwächse auf.[5]
  • Die Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet ist international strukturiert: In den letzten Jahren wurden im Ruhrgebiet zahlreiche Betriebe in der Kulturwirtschaft von Existenzgründerinnen und -gründern mit Migrationshintergrund aufgebaut. Branchenschwerpunkte sind bei Betriebsinhabern mit türkischem Migrationshintergrund - der zahlenmäßig bedeutendsten Einwanderungsgruppe im Ruhrgebiet - Fotostudios, Werbeagenturen und Übersetzungsbüros.

    Programme und Initiativen

    Die Ursachen für den in der Öffentlichkeit der Region vielfach unterschätzten Beitrag, den die Kulturwirtschaft zur Bewältigung des Strukturwandels im Ruhrgebiet in den letzten 25 Jahren geleistet hat, sind vielfältig. Die Dynamik der Branche und in der Region basiert auf allgemein veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (etwa der zunehmenden Bedeutung von Design und Werbung), der Medienentwicklung, der Vernetzung mit Unternehmen im Raum Köln, Bonn und Düsseldorf (wie in der Filmwirtschaft) sowie den sich auch im Ruhrgebiet immer stärker ausdifferenzierenden Kultur- und Freizeitinteressen (mit Folgen für die traditionelle Arbeiterkultur).

    Wesentlich dazu beigetragen haben zahlreiche Initiativen und Projekte des Wirtschaftsministeriums bzw. anderer Ministerien des Landes Nordrhein-Westfalen sowie einiger Kommunen und Einrichtungen der Region (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version). Handlungsschwerpunkte waren in den letzten 15 bis 20 Jahren und sind es bis heute:
  • die Initiierung von Schlüsselprojekten der Kulturwirtschaft: Zu dieser Kategorie der überregional ausstrahlenden Großprojekte, der so genannten "Flagships", zählt die Unterstützung bei der Ansiedlung von Musicalhäusern, die Durchführung von Kongressen und Tagungen zur Kulturwirtschaft sowie der Ausbau des Weltkulturerbes "Zeche Zollverein" zu einem Wirtschafts-, Design- und Kulturstandort. Abgesehen davon, dass durch solche Projekte eine beachtliche Zahl an Arbeitsplätzen geschaffen wird (bei einem Musical wie "Starlight Express" etwa 450[6]) und indirekt auch andere Branchen wie die Tourismuswirtschaft profitieren, zielen Schlüsselprojekte insbesondere darauf ab, regionale Entwicklungsimpulse auszulösen und die vorhandenen Akteure zu Anschlussprojekten anzuregen.
  • die Erarbeitung regionaler Entwicklungskonzepte zur Kulturwirtschaft und der Aufbau branchenübergreifender regionaler Netzwerke: Trotz der publizierten Kulturwirtschaftsberichte des Landes NRW war das Konglomerat kulturbezogener Wirtschaftsbranchen den Akteuren der Einrichtungen der Wirtschaftsförderung lange Zeit wenig bekannt. Ausgehend von intraregional unterschiedlichen Entwicklungspotenzialen wurden deshalb in drei Subregionen des Ruhrgebiets regionale Entwicklungskonzepte erarbeitet. Diese haben neben einigen konkreten Projekten der Zusammenarbeit zwischen Kultur und Kulturwirtschaft vor allem dazu beigetragen, die Akteure in Politik, Wirtschafts- und Kulturförderung sowie Stadtentwicklung hinsichtlich der Kulturwirtschaft als zukunftsrelevantes Handlungsfeld zu sensibilisieren. Wenig erschlossen ist zudem bis heute das regionale Potenzial des Städte- und Kulturtourismus. Im Rahmen eines Netzwerkmanagements gelang es unter anderem, ein Netzwerk mit Akteuren aus der Ruhrgebietskabarett- bzw. Comedy-Szene und der Tourismuswirtschaft aufzubauen, das sich auch erfolgreich auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin vorstellte.
  • die Förderung von Existenzgründungen in der Kulturwirtschaft des Ruhrgebiets: Vor dem Hintergrund des Erfolges des landesweiten Gründungswettbewerbs "StartART" wurde für Existenzgründerinnen und -gründer in Kunst und Kulturwirtschaft vor kurzem das regionale Beratungs- und Begleitangebot "RuhrstART" konzipiert. Darüber hinaus sind im Verlauf der letzten Dekade in einigen Städten des Ruhrgebiets vergleichbare lokale Qualifizierungsinitiativen gestartet worden.

    So bietet zum Beispiel das seit dem Jahre 2000 in Dortmund bestehende VHS-Creativzentrum in Kooperation mit der Wirtschaftsförderung der Stadt Qualifizierungsmodule für die Gruppe der "Kreativen", vor allem für die Künstlerinnen und Künstler aus der Musik-, Design- und Filmbranche an. Ende dieses Jahres wird in Bochum in einer ehemaligen Zechenanlage auf ca. 3 000 Quadratmetern das erste Zentrum für Existenzgründer im Ruhrgebiet eröffnet.
  • die Verbesserung der Rahmenbedingungen der Kulturwirtschaft im Kontext städtebaulicher Entwicklungsmaßnahmen: Im Rahmen der regionalen Kulturpolitik, insbesondere jedoch der Stadterneuerungspolitik des Landes NRW wurden in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche Projekte auf den Weg gebracht, die direkt oder indirekt die Rahmenbedingungen für Start-ups und andere Unternehmen der Kulturwirtschaft sowie Künstlerinnen und Künstler verbessert haben. Dabei handelt es sich zum einen um so genannte "integrierte Infrastrukturprojekte" wie die "Rohrmeisterei" in Schwerte; zum anderen um Projekte und Maßnahmen zur Aufwertung von Stadt(teil)zentren wie beispielsweise die "Kinoinitiative NRW" (in Kooperation mit der Filmstiftung NRW) oder die Förderung von "Immobilien- und Standortgemeinschaften" in kleinteiligen innerstädtischen Kultur- und Freizeitvierteln wie dem "Bermuda3eck" in Bochum.

    Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl an Programmen, die sich direkt und indirekt positiv auf die Entwicklung der Kulturwirtschaft auswirken (zum Beispiel im Rahmen der Landesinitiative Seniorenwirtschaft). Unterstützung erhielten einzelne Unternehmen der Kulturwirtschaft des Weiteren im Rahmen einer landesweiten Gründungsinitiative oder des Programms "Dienstleistungswettbewerb Ruhrgebiet".

    Vieles wäre ohne programmbezogene Hilfen und Initiativen seitens des Landes Nordrhein-Westfalen (zum Beispiel im Kontext der Internationalen Bauausstellung Emscherpark), der EU (unter anderem im Rahmen des "Ziel 2-Programms") und dem in den achtziger und neunziger Jahren erfolgten Ausbau der kommunalen kulturellen Infrastruktur im Rahmen einer neuen "nachholenden Urbanisierungsstrategie" nicht denkbar gewesen (vgl. Abbildung 3 der PDF-Version).

    Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet hat sich trotz pfadbedingter Entwicklungshemmnisse gut entwickelt. Ein Vergleich mit Liverpool (im Jahre 2008 Kulturhauptstadt Europas) bzw. Greater Manchester bei gleichzeitig besseren nationalen und regionalen Rahmenbedingungen (etwa das Beatles-Image der Stadt Liverpool) unterstreicht dies. So haben heute einige spezialisierte Unternehmen von nationaler, europa- oder weltweiter Bedeutung hier ihren Standort, und es lassen sich entwicklungsfähige Cluster erkennen. Bei einem sich fortsetzenden Wandel der Sozialstruktur (unter anderem aufgrund der in der Region ansässigen Hochschulen und der Zunahme höher qualifizierter Beschäftigter) ist davon auszugehen, dass sich die Entwicklungsbedingungen für die Kulturwirtschaft auch nachfrageseitig weiter verbessern werden.

    Kulturhauptstadt Europas 2010

    Im April dieses Jahres hat die EU der Stadt Essen - stellvertretend für das Ruhrgebiet - den begehrten Titel "Kulturhauptstadt Europas 2010" verliehen. Dieser Erfolg bietet auch eine Chance, die Kultur- bzw. Kreativwirtschaft der Region nachhaltig zu stärken. Ein Blick auf Entwicklungskonzepte und Maßnahmen in europäischen Metropolen zu Kultur und Kulturwirtschaft - zum Beispiel von London,[7] Wien[8] oder auch von Manchester[9]- zeigt, dass dies nur dann gelingt, wenn dabei auf die Entwicklung der endogenen Potenziale gesetzt wird. Bei einer Strategie imRuhrgebiet muss es daher schwerpunktmäßig darum gehen, die "Stärken des Ruhrgebiets zu stärken" und seine "Schwächen abzubauen".

    Zu den Stärken der Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet und der Region zählen insbesondere eine Vielzahl von in den letzten Jahren gegründeten, entwicklungsfähigen kreativen Unternehmen, zahlreiche zwischenzeitlich etablierte und national tätige Firmen, renommierte Ausbildungsstätten (etwa die Folkwang-Hochschule in Essen) sowie umfangreiche mietpreisgünstige Raumpotenziale.

    Was als entwicklungsfähiges Potenzial eine Stärke darstellt, ist auf der anderen Seite eine der zentralen Schwächen der Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet. So haben die zahlreichen jungen Unternehmen, die in den letzten Jahren entstanden sind, oftmals eine geringe Eigenkapitalquote. Sie weisen entwicklungsbedingt zumeist eine starke Binnenorientierung auf und sind vielfach nur begrenzt überregional wettbewerbsfähig. Hinzu kommt, dass im Unterschied zu Regionen wie Köln oder München im Ruhrgebiet bedeutsame Medienstandorte fehlen, insbesondere im TV-Bereich, was mit weitreichenden Konsequenzen für die gesamte Kulturwirtschaft der Region verbunden ist. Das Ruhrgebiet muss damit ohne einen zentralen Impulsgeber mit entsprechenden regionalen "forward- and backward linkages" auskommen. Dies ist auch ein Grund dafür, dass das Ruhrgebiet weder nach innen noch nach außen als Standort der Kulturwirtschaft bekannt ist. Beides beeinträchtigt nicht unerheblich die regionale Aktivierung von Akteuren in Politik und Verwaltung, die Erarbeitung und Umsetzung regionaler bzw. kommunaler Entwicklungsstrategien.

    Des Weiteren weist das Ruhrgebiet trotz seiner vielfältigen und touristisch bedeutsamen Angebote der Kulturwirtschaft sowie der öffentlich geförderten Kultureinrichtungen noch zu wenige "hot spots" auf, also besucherattraktive, gut erreichbare Kultur- und Freizeitviertel mit Flair und Wohlfühlcharakter für die verschiedenen, unterschiedlich kulturell interessierten Besuchergruppen.[10]

    Unter Berücksichtigung dieser Stärken bzw. Schwächen der Region empfiehlt es sich, die in den letzten zwei Dekaden relativ erfolgreiche integrierte Entwicklungsstrategie zur Stärkung der Kulturwirtschaft durch Projekte und Initiativen in den zentralen Politikfeldern Wirtschaft, Stadtentwicklung bzw. Kulturförderung fortzusetzen. Jedoch sollte dieser Ansatz einer "regionalen Innenpolitik" modifiziert und aktualisiert werden.
  • So bedarf die kommunale und regionale Wirtschaftsförderung unter anderem einer breiten Unterstützung durch Akteure von den in der Region ansässigen Unternehmen und Selbstständigen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Des Weiteren ist zu überprüfen, ob der Titel Kulturhauptstadt Europas 2010 nicht auch eine Chance bietet, das in den letzten 10 bis 15 Jahren in andere Metropolregionen abgewanderte kreative Potenzial in einzelnen Segmenten (zum Beispiel dem Design) durch attraktive Angebote ins Ruhrgebiet zurückzuholen.
  • Die Stadtentwicklung kann vor allem durch den Ausbau besucherattraktiver Kultur- und Freizeitviertel mit Flair[11] und der temporären Nutzung leerstehender Industriegebäude bzw. Infrastruktureinrichtungen durch Start-ups der Kulturwirtschaft, kulturelle Initiativen etc. einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Entwicklungsbedingungen der Branche und der Tourismuswirtschaft leisten.
  • Ein wesentliches Ziel aller Maßnahmen der Kulturförderung ist die Verbesserung der Zugangsmöglichkeiten unterschiedlicher Gruppen zu kulturellen Angeboten. Im Kontext der Vorbereitungen zum "Kulturhauptstadtjahr" 2010 sind daher Programme und Aktionen zu entwickeln, wie die im Vergleich zu anderen Regionen teilweise unterdurchschnittliche Nachfrage in manchen kulturellen Sparten der Region (etwa im Filmbereich) zugeschnitten auf unterschiedliche Altersgruppen nachhaltig positiv gestaltet werden kann.

    Eine solche regionale und kommunale "Innenpolitik" zur Entwicklung der Kulturwirtschaft ist darüber hinaus stärker als bisher durch eine aktive und multidimensionale "Außenpolitik" abzustützen. Angesichts der bestehenden Verflechtungsbeziehungen sollte dies auch im Rahmen der europäischen Metropolregion "Rhein-Ruhr" erfolgen, unter anderem durch ein Screening der Kultur- bzw. Kreativwirtschaft des Ruhrgebiets bzw. der Metropole "Rhein-Ruhr" und die internationale Präsentation dieser Ergebnisse via Internet, bei Konferenzen etc. Darüber hinaus ist bei Standort- und Imagekampagnen die regionale Performance der Branche noch deutlicher herauszustellen.

    Als sehr hilfreich hat sich bei regionalen Entwicklungsstrategien die Erarbeitung eines Masterplans erwiesen, dessen zentraler Baustein ein räumliches Leitbild ist. Ausgehend von den räumlichen Bedingungen der Region (etwa den verfügbaren Flächen- und Raumpotenzialen) empfiehlt sich daher ein Masterplan "Kultur- bzw. Kreativwirtschaft Ruhr". Dieser sollte die potenziellen räumlichen Entwicklungsschwerpunkte der Branche im Ruhrgebiet aufzeigen, zum Beispiel im Umfeld relevanter Ausbildungseinrichtungen,[12] und bis zum Jahre 2012 ein nach "Innen" und nach "Außen" angelegtes Themenmanagement beinhalten.

    Gelingt es auf diese Weise und mit weiteren Initiativen bzw. Maßnahmen, die Kultur- und Kreativwirtschaft des Ruhrgebiets in das Kulturhauptstadtprogramm 2010 der Region zu integrieren, wird dieses Jahr nicht ausschließlich in der Tourismuswirtschaft des Ruhrgebiets nachhaltige Wirkungen hinterlassen, sondern auch in der Zukunftsbranche Kultur- und Kreativwirtschaft.

    Fußnoten

    1.
    Vgl. Vera Behr/Friedrich Gnad/Klaus R. Kunzmann, Kulturwirtschaft in Bochum. Dortmunder Berichte aus dem Institut für Raumplanung, Bd. 23, Dortmund 1988.
    2.
    Vgl. Ralf Ebert/Friedrich Gnad, Deutliche Wachstumsraten in der Kulturwirtschaft im Ruhrgebiet, in: Kommunalverband Ruhrgebiet (Hrsg.), Standorte: Jahrbuch Ruhrgebiet 1997/1998, Essen 1998, S. 192.
    3.
    Vgl. Marlies Hummel, Kulturelle Gründerzentren, Königswinter 2001.
    4.
    Vgl. Ralf Ebert/Friedrich Gnad/Klaus R. Kunzmann/Uwe van Ooy, Wandel durch Kultur(wirtschaft) im Ruhrgebiet. Kultur(wirtschaft) durch Wandel: ein Beitrag zur Bewerbung "Essen für das Ruhrgebiet - Kulturhauptstadt Europas 2010", Essen 2005.
    5.
    Vgl. Senatsverwaltung für Wirtschaft, Arbeit und Frauen des Landes Berlin, 1. Kulturwirtschaftsbericht, Berlin 2005, S. 22.
    6.
    Vgl. Ministerium für Wirtschaft und Mittelstand, Technologie und Verkehr des Landes NRW, 3. Kulturwirtschaftsbericht des Landes Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 1998, S. 101.
    7.
    Vgl. Greater London Authority, London Cultural Capital. Realising the potential of a world class city, London 2004, S. 72 - 95; Noema Research, A strategy for the development of the creative industries in North London, London 2000.
    8.
    Vgl. Veronika Ratzenböck u.a., Untersuchung des ökonomischen Potenzials der "Creative industries" in Wien, Wien 2004.
    9.
    Vgl. Manchester City Council. Cultural Strategy, Manchester 2005.
    10.
    Vgl. Ralf Ebert/Uwe van Ooy. Kulturtourismus und Regionalmarketing: Ohne Regionalmarketing der Kultur kein Städtetourismus im Ruhrgebiet, in: Jörg Borghardt u.a. (Hrsg.), ReiseRäume. Touristische Entwicklung und räumliche Planung. Dortmunder Beiträge zur Raumplanung, Bd. 109, Dortmund 2002, S. 255 - 267.
    11.
    Vgl. Ralf Ebert/Jörg Siegmann, Stadtkultur durch Kultur- und Freizeitviertel: ein struktureller Ansatz zur Stärkung der Innenstädte von Mittelzentren, in: Jahrbuch Stadterneuerung 2003, Berlin 2003, S. 167 - 178.
    12.
    Vgl. Ralf Ebert, Kulturwirtschaftsregion Rhein-Ruhr-Wupper: Ein Szenario, in: Hans Koepke (Hrsg.), Gründungspotenziale von Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften: Stand und Perspektiven, Wuppertal 2004, S. 101 - 108.

    Ralf Ebert, Friedrich Gnad

    Zur Person

    Ralf Ebert

    Dipl. Ing./Stadtplaner, geb. 1953; Geschäftsführer des Planungs- und Beratungsbüros STADTart, Gutenbergstr. 34, 44139 Dortmund.
    E-Mail: Mail@stadtart.com


    Zur Person

    Friedrich Gnad

    Dr. rer. pol., geb. 1946; Planungs- und Beratungsbüro STADTart, Gutenbergstr. 34, 44139 Dortmund.
    E-Mail: mail@stadtart.com


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