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29.6.2006

Editorial

Vor mehr als 50 Jahren begann mit der Anwerbung von "Gastarbeitern" aus den Mittelmeerländern die Migrationsgeschichte der alten Bundesrepublik. 1961 wurde auch mit der Türkei ein Anwerbeabkommen geschlossen. Die Migrantinnen und Migranten brachten ihre Kultur und Religion mit. Das Zusammenleben von Christen und Muslimen gehört seither zum Alltag in Deutschland.

Und doch geht spätestens seit dem 11. September 2001 das Schlagwort vom "Clash of Civilizations" um. Unter dem Eindruck globalen islamistischen Terrors wird immer häufiger zu einem "Dialog der Kulturen" aufgerufen - als Beitrag zur inneren und äußeren Sicherheit sowie zur Integrationspolitik. Vielerorts haben sich neue Dialoginitiativen und Islamforen zusammengefunden. Worum geht es in diesem Dialog, und wer sind die Gesprächspartner? Sind Kulturen oder Religionen gemeint? Welche Bedeutung hat die Religionszugehörigkeit?

Gewaltsame Auseinandersetzungen um Karikaturen, Streit um das Tragen von Kopftüchern sowie Boykottaufrufe gegen Bücher und Filme offenbaren die neue Brisanz religiöser Grundfragen. Häufig scheinen sich hinter dem Bekenntnis zum gleichberechtigten Miteinander Motive religiöser Selbstvergewisserung zu verbergen, die eher zur kulturellen Abgrenzung denn zur gesellschaftlichen Integration beitragen. Ein erfolgreicher "Dialog der Kulturen" wäre ein Verständigungsversuch darüber, was die von Migration geprägte Zivilgesellschaft des 21. Jahrhunderts zusammenhält. Im Mittelpunkt müssten die Durchsetzung der Menschen- und Bürgerrechte einschließlich der Religionsfreiheit sowie der Vorrang der demokratischen Verfassungsordnung vor Glaubensfragen stehen.

Golz, Hans-Georg

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