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10.3.2006

Russlands neue-alte Erinnerungsorte

Mit Erinnerungsarbeit hat der öffentliche Umgang mit Geschichte in Russland nichts gemein. Es geht darum, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion angeschlagene Selbstdarstellung als Großmacht zu rekonstruieren.

Einleitung



Die Konjunktur des Begriffspaars "Geschichte und Erinnerung" in westlichen Gesellschaften geht auch an Russland nicht spurlos vorüber. Allerdings sucht man die Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit auf der Agenda der russischen Geschichtspolitik vergebens. Die moralische Dimension dessen, was in westlichen Demokratien unter "politisch-korrekt" verstanden wird, ist im öffentlichen russischen Diskurs nicht bekannt. Hier bezieht sich "politisch-korrekt" stets auf das, was dem Interesse des Staates dient.[1] Im Zentrum der staatlich gelenkten Erinnerungskultur steht allein die Suche nach einer brauchbaren oder nutzbaren Vergangenheit. Die Erfindung neuer wie die Umwidmung alter Erinnerungsorte geschieht nahezu ausschließlich im Hinblick auf die Konstruktion einer postsowjetischen Identität für die russische Nation. Inwieweit dieses Konzept über das russische Kernvolk hinweg auch die zahlreichen anderen Ethnien einbezieht, welche das Territorium der Russischen Föderation bevölkern, wird nur selten angesprochen oder von der vagen Metapher der "russischen Idee" übertüncht.






Für den Findungsprozess der postsowjetischen Identität ist bezeichnend, dass in der russischen Gesellschaft keine Schlachten um ihre historische Erinnerung geschlagen werden wie derzeit etwa in Frankreich um die Erinnerung an Kolonialismus, Sklaverei und Immigration oder in Deutschland um die Erinnerung an Flucht und Vertreibung. In Russland geht alles seinen ruhigen Gang. Gelassen werden "von oben" verordnete Entscheidungen zur öffentlichen Erinnerung zur Kenntnis genommen und ebenso gelassen bisweilen auch ignoriert. Die Kontinuität einer jahrzehntelang von Staat oder Partei vorgegebenen Geschichtspolitik wirkt noch immer nach. Die Zivilgesellschaft ist an der Konstruktion einer Erinnerungskultur und den mit ihr verbundenen Wertvorstellungen kaum beteiligt, von Ausnahmen wie der mutigen Tätigkeit der Menschenrechtsorganisation Memorial abgesehen.

Der im vergangenen Jahr dekretierte "Tag der nationalen Einheit" (Den' narodnogo edinstva), der die nicht mehr zeitgemäße Erinnerung an die Oktoberrevolution ablösen soll, ist ein schlagendes Beispiel für den politischen Gebrauch von Geschichte zu Zwecken nationaler Kohäsion. Worum ging es bei der Wahl des neuen nationalen Feiertags? Was stand auf dem Spiel?

"Tag der nationalen Einheit"



Wie man sich erinnert, hatte bereits die historische Publizistik der Perestrojka die Oktoberrevolution zum Staatsstreich herabgewürdigt. Doch der nationale Feiertag am 7.November wurde auch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Ende 1991 beibehalten. Zwar hatte Boris Jelzin 1997 die Erinnerung an die "Große Sozialistische Oktoberrevolution" zum "Tag der Eintracht und Versöhnung" umfunktioniert, doch der Durchschnittsrusse, der die so genannte "kollektive Erinnerung" verkörpert, wusste hiermit nicht viel anzufangen. Das von Jelzin für den neuen-alten Feiertag versprochene Mahnmal für die Opfer der Revolution ist bisher nicht errichtet worden. Dagegen blieb der Erinnerungsort an den einbalsamierten Führer der Revolution und Gründer des Sowjetstaates im Mausoleum auf dem Roten Platz trotz gelegentlicher Einwände von Öffentlichkeit und Kirche bis heute erhalten.

Wladimir Putin führte 2001 die alte sowjetische Nationalhymne wieder ein, die Jelzin 1990 durch eine Melodie aus Glinkas "Ein Leben für den Zaren" ersetzt hatte. Putin gab auch der Armee das rote Sowjetbanner mit dem Sowjetstern zurück, das Jelzin eingezogen hatte.[2] Schon meinten einige kritische Stimmen, das putinsche mit dem sowjetischen Russland gleichsetzen zu können. Doch jetzt fand sich nach längerem Suchen in Russlands ereignisreicher Geschichte eine Episode, wobei dem orthodoxen Christen Putin der Kirchenkalender zur Hilfe kam, die den Gedenktag an die Oktoberrevolution endgültig ablösen soll. Um die in mehr als sieben Jahrzehnten eingeübten Gewohnheiten des Volks nicht allzu sehr zu verunsichern, wurde mit Absicht ein Datum gewählt, das den "roten Tag" im Kalender nur um wenige Tage vorverlegt.

Am 4. November 2005 war das russische Volk erstmals aufgerufen, sich an ein Ereignis zu erinnern, das nach Meinung der Staatsduma am selben Tag im Jahre 1612 stattgefunden hat: Damals hatte eine von Nizhnij Nowgorod ausgehende Volkswehr unter dem Kommando des Bürgers Kozma Minin und des Fürsten Dmitrij Pozharskij den Moskauer Kreml von der polnischen Besatzung befreit. Aus der Sicht der Duma bedeutete dies das Ende der politischen "Wirren" (smuta), wie die Zeitgenossen die jahrzehntelange dynastische, soziale und nationale Krise schon damals nannten. Der erste Romanow kam auf den russischen Thron (1613) und mit ihm neue Wertvorstellungen über die russische Staatsmacht, wie Putins Hofhistoriker Andrej Sakharow in der "Literaturnaja gazeta" in Erinnerung rief.[3] Putin selbst erklärte in einer Ansprache auf dem Roten Platz in unmittelbarer Nähe des Denkmals von Minin und Pozharskij, das ihnen "das dankbare Russland" bereits 1818 aufgestellt hatte: "Der Kreml war das politische und geistige Zentrum Russlands. Die polnischen Besatzer bedrohten die Existenz des gesamten russischen Staates. Die Befreiung wurde durch den Zusammenschluss des Volkes möglich, dessenVertreter unterschiedlichen Glaubensbekenntnissen, Nationalitäten und sozialen Schichten angehörten. Das ist besonders symbolisch und wichtig für unseren Vielvölkerstaat. Solange wir eine solche Einheit im Inneren spüren, wird Russland unbesiegbar bleiben."[4]

Die Analogie zu der von Putin seit Beginn seiner Herrschaft unablässig wiederholten Forderung nach dem starken russischen Zentralstaat und dem einheitlichen Volk aller Russländer ist offensichtlich. Die neue Wertvorstellung von der "Wiedergeburt Russlands" auf der Grundlage der nationalen Einheit und der "gelenkten Demokratie" soll die "Wirren" der neunziger Jahre endgültig beenden. Dass das Datum des 4. November keineswegs historisch belegt ist und die "Wirren" des 17. Jahrhunderts auch nicht an einem einzigen Tag, ja nicht einmal im Laufe eines Jahres beigelegt waren, braucht den Politiker Putin nicht weiter zu irritieren. Schwerer wiegt allerdings, dass das russische Volk von dem neuen-alten Erinnerungsort wenig überzeugt ist. Nicht mehr als acht Prozent der Bevölkerung konnten sich laut Umfragen an das von Putin beschworene historische Datum erinnern, das sich übrigens in keinem Geschichtsbuch findet. Nicht mehr als ein Prozent der Bevölkerung nahm an den landesweit organisierten Feierlichkeiten teil.[5] Eine gewisse Nostalgie nach dem Herzstück der sowjetischen Identitäts- und Vergangenheitspolitik blieb keineswegs nur bei den Kommunisten zurück. Meinungsumfragen zufolge ist für ein Drittel der Bevölkerung der 7. November noch immer "der wichtigste Tag in der russischen Geschichte".[6] Vor allem aber ist es die Gewohnheit an zwei arbeitsfreie "Revolutionstage", die stärker ist als alle putinsche Staatsräson.

Nicht zuletzt deshalb ließ sich der Revolutionsfeiertag nicht gänzlich dem Vergessen überantworten. Er findet sich jetzt gleichberechtigt neben anderen offiziellen Gedenktagen wie dem 1. Mai, dem Tag der Frauen, dem Tag der Verteidiger der Heimat, die aus der Sowjetära übernommen wurden, und den neuen, vom postkommunistischen Russland eingeführten Gedenktagen, zu denen auch kirchliche Feiertage gehören. Zudem wird ab diesem Jahr am 20. Dezember der sowjetische "Tag der Mitarbeiter der Sicherheitsorgane" wieder begangen.

"Tag des Sieges"



Der wichtigste aus der sowjetischen Vergangenheit verbliebene Gedenktag, der auch in der postsowjetischen Erinnerungskultur den bedeutendsten Platz einnimmt, ist der "Tag des Sieges" (Den' pobedy), der 9. Mai. Er erinnert weiterhin daran, dass der Sieg über den Nationalsozialismus die Sowjetunion zur Weltmacht und den Vereinigten Staaten ebenbürtig machte, und trifft damit nach wie vor den Konsens aller Schichten der russischen Gesellschaft. Emotional und moralisch bedient die Erinnerung an den Sieg im Zweiten Weltkrieg den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit, die in die als weniger glorreich empfundene Gegenwart hineinreicht. Die staatliche Veranstaltung des Kriegsgedenkens kehrt in alter wie in neuer Stärke den unbesiegbaren russischen Staat hervor, dessen Kontinuität Putin zu konsolidieren sucht. So wie die Russische Föderation nach dem Zerfall der Sowjetunion ihr Erbe antrat, hat sie sich auch uneingeschränkt als Siegermacht an die Stelle der ehemaligen Sowjetunion gestellt.

Im Hinblick auf den Krieg als das "zentralste" Ereignis der kollektiven Erinnerung klaffen öffentliches und privates Gedächtnis noch immer nicht weit auseinander.[7] In den Familien ist das Gedenken an die Opfer des Krieges weiterhin lebendig, auch wenn die unmittelbaren Zeitzeugen immer weniger werden. Junge Paare begeben sich am Tag ihrer Eheschließung nach wie vor zum Grab des "Unbekannten Soldaten". Freiwillige Jugendgruppen suchen in den Sommerferien alte Schlachtfelder nach Überresten der Gefallenen ab, um diese endlich würdig zu bestatten. Wie zu sowjetischer Zeit instruiert der Großteil der Schulbücher ausführlich über die Schlachten im "Großen Vaterländischen Krieg", der nach sowjetischer Tradition vom deutschen Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 bis zum 9. Mai 1945 gerechnet wird (die Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai wurde nach Moskauer Uhrzeit dort erst in den frühen Morgenstunden des folgenden Tages bekannt). Unmengen an populärer Kriegsliteratur in den Buchhandlungen sowie die Repräsentation der Roten Armee in den Medien erinnern vor allem an den Sieg, weniger an die gewaltigen Verluste, und bezwecken damit, das Bild der Sowjetunion in ihrer Großmachtstellung und als Supermacht aufrechtzuerhalten.

Dass vor allem jüngere Historiker beginnen, diesen Mythos in Frage zu stellen, und Themen erörtern, die bisher tabu waren (wie die Kollaboration in der Ukraine und Weißrussland, die Deportationen nichtrussischer Volksgruppen wie der Wolgadeutschen, Krimtataren, Tschetschenen, Inguschen oder das Verhalten der Roten Armee gegenüber der deutschen Zivilbevölkerung), hat auf den öffentlichen Umgang mit diesem Teil der sowjetischen Vergangenheit bisher keinen Einfluss. Der offizielle Diskurs ist allein an der für die "Realpolitik" sinnstiftenden Darstellung Russlands als Großmacht orientiert. Deshalb hatte Putin 2001 auf einer Begegnung mit Historikern gefordert, die Verdienste des siegreichen Russland, vor allem die Rolle seiner Generäle, stärker hervorzuheben.[8]

Der Erinnerungskult an den siegreichen Krieg ist ein Beweis dafür, dass die sowjetische Vergangenheit ungeachtet der Schreckensherrschaft Stalins nicht als belastet gilt und deswegen auch nicht "bewältigt" werden muss.[9] Er ist emotional und moralisch eine Art Deckschild für den Stolz auf eine ruhmreiche Vergangenheit - das einzig Positive, was von der Sowjetunion übrig geblieben ist, wie es aus kritisch-nostalgischem Mund oft zu hören ist. Trotz der erschütternden Aufdeckung der Stalin'schen Repressionen zur Zeit der Perestroika war die Erinnerung hieran schnell verblasst. Heute ist Stalin wieder für viele Russen eine der bedeutendsten Persönlichkeiten des Landes und einer der größten Weltpolitiker. Der Autoritarismus und die Diktatur des "starken Mannes an der Spitze" werden als notwendige Mittel zur damaligen Transformation Russlands eingeschätzt. Auf eine im Januar 2005 durchgeführte Umfrage, wie die Befragten dem Vorhaben gegenüberstünden, zum 60. Jahrestag des Siegs ein Stalin-Denkmal aufzustellen, antworteten 29 Prozent "positiv", 37 Prozent "negativ" und 28 Prozent "gleichgültig".

Russisch-sowjetische Mischidentität



Nach der aufklärerischen Phase der Perestroika ist in Jelzins und Putins Russland ein Patchwork nationaler Mythenarsenale politisch funktionalisiert worden, das quer durch die russische und zu einem geringeren Anteil auch durch die sowjetische Vergangenheit geht. Isabelle de Keghel spricht zu Recht von einer "russisch-sowjetischen Mischidentität", die sich das postkommunistische Russland konstruiert.[10] Hier ist nicht der Ort, um die zahlreichen Beispiele des Umgangs mit der Vergangenheit zu nennen, die von der Erinnerung an mittelalterliche Schlachten bis zur Evozierung der positiven Seiten von Stalin und Dzerzhinskij (der Gründer der Tscheka) gehen. Erwähnt sei nur, dass zur Suche nach brauchbaren Erinnerungsorten auch die religiös konnotierte Dimension der Erinnerung gehört. So wird immer wieder die Forderung nach einem christlich-orthodoxen Begräbnis von Lenins "corpus delicti" laut. Konnte sich die Kirche hierbei bisher nicht durchsetzen, so ermöglichte sie die Beisetzung Anton Denikins auf dem Friedhof des zum Patriarchat gehörenden Donskoj-Klosters. Die Überführung der sterblichen Reste des 1947 in der amerikanischen Emigration verstorbenen Generals der Weißen Armee, der in der Sowjetunion als Verräter galt, geschah mit den Worten des Patriarchen Alexej II. als Symbol der "Vereinigung unseres Volkes, das durch die tragische Geschichte unseres Jahrhunderts geteilt wurde". Unter den Klängen der Sowjethymne, in die neue-alte russische Flagge mit dem zaristischen Emblem des zweiköpfigen Adlers gehüllt, wurde Denikins Sarg mit dem Segen der Kirche nunmehr endgültig der Heimaterde übergeben.

Nach der Auflösung der Sowjetunion ist die russisch-orthodoxe Kirche ein Hauptfaktor der nationalen und kulturellen "Identitätspolitik" geworden. Als einzige Institution, die ihre Wurzeln im vorrevolutionären Russland hat, ist sie in der "Erinnerung" vieler Russen mit der Vorstellung einer "heilen Vergangenheit" verbunden. Weihnachten und Ostern wurden wieder arbeitsfreie Feiertage. An den Festgottesdiensten, die landesweit vom staatlichen Fernsehen ausgestrahlt werden, nimmt das Staatsoberhaupt sowie die neue Nomenklatura teil. Auch andere kirchliche Feste wie Pfingsten, Mariä Himmelfahrt sowie die Gedenktage nationaler Heiliger wie Sergej von Radonezh und Serafim von Sarow werden wieder wahrgenommen und dank der Medien einem größeren Publikum bekannt gemacht.

Gewiss sieht die Verfassung (Artikel 14) die Trennung von Staat und Kirche vor, doch die historische Rolle der Orthodoxie als Staatskirche in vorrevolutionärer Zeit ist allgegenwärtig und wird besonders von kirchlichen Würdenträgern erinnert. Für manche Stimme aus dem höheren Klerus ist orthodox wieder identisch mit russisch und russisch mit orthodox, wie einst im Reiche der Zaren. Die von Jelzin wie von Putin geforderte "geistige und moralische Wiedergeburt Russlands" auf der Grundlage der Orthodoxie wird von allen politischen Lagern - Kommunisten, Nationalisten und westlichen Liberalen - geltend gemacht. Die Kirche gilt als Träger der Tradition eines starken Staates und soll das fehlende Band zwischen Staat und Gesellschaft knüpfen. Der Wiederaufbau der einst von Stalin gesprengten Moskauer Christus-Erlöser-Kirche wurde vom Patriarchen Alexis II. und Jelzin gemeinsam unternommen als "Symbol der Größe der Macht Russlands". Die orthodoxe Kirche bzw. die Orthodoxie steht auch immer dann für Russlands "Eigenständigkeit" (samobytnost'), wenn es darum geht, westliche Einflüsse als schädlich zu verwerfen und Russlands "eigene Werte" von dem "Anderen", das heißt dem Westen abzugrenzen. Nicht zuletzt war die Kirche auch für die Wahl des 4. November als "Tag der nationalen Einheit" mitverantwortlich, steht doch im Kirchenkalender schon seit dem 4. November 1649 das Datum der Befreiung Russlands von den "katholischen Polen" als Tag der wundertätigen Ikone der Kazaner Gottesmutter verzeichnet in Erinnerung an die Mannschaft aus Kazan, die für die Befreiung Moskaus ihre eigene Ikone mitgebracht hatten.[11]

Die "russische Idee"



In einer Zeit der Hochkonjunktur von Erinnerungskultur und Vergangenheitspolitik liefert Russlands Identitätssuche ein exemplarisches, wenn nicht fantastisches Anschauungsmaterial. Mit Erinnerungsarbeit im westlichen Verständnis hat der öffentliche Umgang mit Geschichte in Russland nichts gemein. Das soll er wohl auch nicht, geht es doch allein darum, die durch den Zusammenbruch der Sowjetunion angeschlagene Selbstdarstellung als Großmacht zu rekonstruieren. Für diesen Erinnerungsmythos ist jedes Bild und Abbild von Geschichte und Vergangenheit, das an Nationalgefühl, Patriotismus und imperiale Vorstellungen appelliert, von Nutzen. Für das Nationalbewusstsein, den russischen Sonderweg (samobytnost') und die Berufung des russischen Volkes wird die "russische Idee" (russkaja ideja) mobilisiert, die in Putins Worten für alle, ob Tataren, Baschkiren oder Tschetschenen gleichermaßen gilt: "Ohne Idee kann es keinen großen Staat geben."[12]

In einem gewissen Sinne ist die "russische Idee" an die Stelle der verloren gegangenen "kommunistischen Idee" getreten.[13] Mit Bitterkeit und Zynismus bedauert deshalb der angesehene russische Historiker Andrej Zorin die Abschaffung des 7. November: Damit sei die lebendige Erinnerung an ein historisches Ereignis, das "der Hauptgrund für all das Unglück, welches mein Land während der letzten hundert Jahre einschließlich der gegenwärtigen schleichenden Restauration erlitt", nur durch ein "Scheinbild" ersetzt.[14]

Die Erinnerung an den demokratischen Aufbruch der Perestroika, die vor zwanzig Jahren begann, ist wie vom Winde verweht. Als ihr geistiger Urheber, Alexander Jakowlew, im vergangenen Oktober starb, sprachen die Medien zwar von einer historischen Figur, doch von seiner Leistung für die Glasnost war keine Rede. Am Staatsbegräbnis nahm weder Putin und nicht einmal Michail Gorbatschow teil.

Angesichts einer politischen Konstellation, die bisher keine artikulierte Distanzierung von kommunistischer Herrschaftspraxis erkennen lässt und die Putin noch immer im Zusammenbruch der Sowjetunion die "größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts" sehen lässt,[15] ist die Arbeit der privaten Organisation Memorial umso beachtlicher: Ihren vom Staat unabhängigen Mitarbeitern sind zahlreiche Dokumentenbände über das System des Terrors und des GULAG, die Erfassung von Abertausenden von Opfern der Repressionen (unlängst auf CD-ROM erschienen) und die Gründung von Menschenrechtszentren zu verdanken. Es ist nur zu hoffen, dass die Existenz von Memorial nicht durch die neue Gesetzgebung über die staatliche Kontrolle von Nichtregierungsorganisationen bedroht wird. Das wäre der verhängnisvollste Einschnitt in den bedeutendsten Versuch, der bisher zur Aufarbeitung der sowjetischen Vergangenheit und damit zur Grundlage einer wahren Erinnerungskultur geleistet wurde.

Fußnoten

1.
So entschied im Februar 2006 ein russisches Gericht in einem Prozess gegen den Vorsitzenden der russisch-tschetschenischen Freundschaftsorganisation, dass seine Verwendung "tschetschenisches Volk" nicht "politisch-korrekt" sei. "Stalins Deportation der Tschetschenen 1944", befand die Richterin, "stand mit der Politik im Einklang, die zu jener Zeit im Interesse des Staates geführt wurde." Zit. von Marie Jégo, Un journaliste qui avait publié des leaders tchétchènes condamné , in: Le Monde vom 5./6.2. 2006, S. 5.
2.
Vgl. Jutta Scherrer, Zurück zu Gott und Vaterland, in: Die Zeit, Nr. 31 vom 26.7. 2001, S. 31.
3.
Andrej Nikolaevic Sakharov, Kogda ukhodit Smutnoe vremja, in: Literaturnaja gazeta, Nr. 45 - 46 vom 2.-8.11. 2005, S. 3.
4.
www.regnum.ru/news, 4.11. 2005; www.Russland. ru, 4.11. 2005.
5.
Darunter einige Tausend junge Ultranationalisten, die die Losung "Russland für die Russen" propagierten und gegen "mafiose Aserbaidschaner", "tadschikische Drogenschmuggler" und "amerikanisches Ungeziefer" protestierten.
6.
Izvestija vom 3.1. 2005.
7.
Allerdings zeigen von der Menschenrechtsorganisation Memorial mit Unterstützung der Körber-Stiftung organisierte Geschichtswettbewerbe, die Schüler ermunterten, Familienangehörige über ihre Kriegserfahrungen zu befragen, das wahre Ausmaß der Tragödie und sind somit weit von der offiziellen Verherrlichung des Krieges und dem Patriotismus entfernt. Vgl. hierzu Irina Scherbakowa (Hrsg.), Russlands Gedächtnis. Jugendliche entdecken vergessene Lebensgeschichten, Hamburg 2003.
8.
Irritiert von der Vielzahl der Lehrbücher, die der russische Markt seit dem vergangenen Jahrzehnt für den Geschichtsunterricht anbietet, plädierte Putin später auch für ein landesweit gültiges Einheitsgeschichtsbuch. Nach seinen Vorstellungen hat ein Geschichtsbuch die Gesellschaft zu konsolidieren und nicht verschiedene Meinungen zu repräsentieren. Hierzu Jutta Scherrer, Geschichte? Aber bitte nur eine!, in: Die Zeit, Nr. 19 vom 4.5. 2005, S. 46.
9.
Vgl. Andreas Langenohl, Patrioten, Verräter, genetisches Gedächtnis. Der Große Vaterländische Krieg in der politischen Deutungskultur Russlands, in: Marina Ritter/Barbara Wattendorf (Hrsg.), Sprünge, Brüche, Brücken. Debatten zur politischen Kultur in Russland aus der Perspektive der Geschichtswissenschaft, Kultursoziologie und Politikwissenschaft, Berlin 2002, S. 121. Langenohl vertritt die Ansicht, dass die Integrationskraft, die der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg in Russland zugesprochen wurde, angesichts laut gewordener dissidenter Stimmen insbesondere seit 1995 in Frage gestellt wird.
10.
Vgl. Isabelle de Keghel, Die Staatssymbolik des neuen Russland im Wandel. Vom antisowjetischen Impetus zur russländisch-sowjetischen Mischidentität, Bremen 2004.
11.
Vgl. Vladislav Nazarov, Cto budut prazdnovat' v Rossii 4 nojabrja 2005 goda?; in: Otecestvennye zapiski, (2004) 5, S. 85 - 96.
12.
Zit. nach Jakov Fruchtmann, Putins Versuch einer Rekonstruktion Russlands, in: Hans-Herrmann Höhmann (Hrsg.), Kultur als Bestimmungsfaktor, Bremen 2001, S. 120.
13.
Jutta Scherrer, Ideologie, Identität und Erinnerung. Eine neue Russische Idee für Russland?, in: Osteuropa, (2004) 8, S. 27 - 41.
14.
Andrei Zorin, A New Holiday for Old Reasons, in: Russia Profile, (2005) 1, S. 11.
15.
Poslanie Prezidenta Federal'nomu Sobraniju Rossijskoj Federacii, 25.4. 2005; www.rg.ru/2005/04/25/poslanie-text.html.

Jutta Scherrer

Zur Person

Jutta Scherrer

Dr. phil., geb. 1942; Professorin für Russische Geschichte an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) in Paris und Forscherin am Centre Marc Bloch in Berlin. EHESS, 54, boulevard Raspail, 75006 Paris/Frankreich.
E-Mail: scherrer@ehess.fr


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